Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

der industrie- und gewerbefreundlichen Parteien“ verlangte, „um 
der durch den übermütigen Terrorismus der Gewerkschaften ver— 
fachten fortgefeßten Vedrohung, der unabhängigen Arbeiter 
baldigst ein Ende zu machen“ haͤt nun auch das Bundesdirel— 
rin beschäftigt. Unler den, dem Hansabund angeschlossenen 
Angestellten hatle sich in den letzten Tagen eine lebhafte Be⸗ 
egung gegen den Beschluß des Industrierates kundgegeben 
Es war daher vorauszusehen, daß man in dem Direktorium sich 
oemuhen werde den Standpuntt der Arbeitgeber und der An⸗ 
gesteiisten soweit zu nähern, daß eine gefährliche Krise im Bunde 
hermieden werde, dies scheint in der Tat auch geglückt zu sein. 
Rach dem difigiellen Bericht, der über die Verhaudlungen des 
Direktoriums ausgegeben, wurde, wurde eine Einigung er⸗ 
eittFresuch ist defe Einigung vorläufig nur eine, formale. 
Man esmigte sich über die Art und Weise, wie die schwierige 
Frage der Schutzes der Streitbrecher“ in dem Bunde be⸗ 
handelt werden sollie. Die Ichwierigsten Streitpunkte, die von 
dem Indufirierat angeregte Erweiterung der strafgesetzlichen Be⸗ 
simmungen über Bedrohung und, Nötigung und die Haftbar⸗ 
nachung der Gewerkschafien und Berufsvereine für Streikschäden 
follen in einem Ausschuß geprüft werden. Das wird von 
anchen fleptisch beranlagten Gemütern so gedeutet werden, 
als ob man den Wuünschen des Industrierates ein stilles Be— 
gräbnis bereiten wolle. Wir möchten diesen Zweifeln doch nicht 
o vohne weiteres zustimmen. Die, Frage des Arbeitswilligen- 
chußes ist derart in die Oeffentlichkeit gerückt worden, daf 
auch der Hansabund nicht an ihr vorübergehen kann. Gewif 
stellt für den Bund bei seiner Zusammensebung eine Beant— 
wortung diefet Frage eine ganz besonders schwierige Aufgabe 
ar. Aber man sos auch nicht übersehen, daß gerade im Hansa— 
oͤund, der Unternehmer, und Angestellte in sich vereint. zu einer 
Raärung dieser umstrittenen Frage sehr wertvolle Arbeit ge⸗ 
eistet werden kann. Deshalb wird man von dem Ausschuß, der 
etzt zusammentreten soll, keineswegs von vornherein nur die 
sroduttion wertloser Makulatur zu erwarten haben. 
Zabern umd Schlettstadt. Die Kölnische Zeitung schreibt aus 
Straßburg: Ein Artikel einer lothringischen Zeitung enthält die 
imbewiesene Behauptung, daß ein Hauptmann a. D. als 
früherer Regimentskamerad des Leutnants von Forstner den 
betreffenden Blättern die Unterlagen für ihre Artikel geliefert 
habe. Es sei hiermit festgestellt. um weiteren Schlukfolgerungen 
von vornherein zu begegnen, daß weder die elsaßlothringische 
Regierung etwas mit diesen Artikeln zu tun hat, noch daß eine 
feste Grundlage gegeben erscheint, eine solche Verdächtigung 
gegen einen Offizier auszusprechen, die dieser wohl nicht auf sich 
sitzen lassen dürfte — Ueber den in Schlettstadt beim rheinischen 
Jãgerbaaillon Nr. 8 vorgekommenen E'sässer-Fall, der übrig ne 
chon vor Wochen sich abgespielt hat und von der dortigen Presse 
erst jetzt in Erörterung gezogen wird, wird von bestunterrichteter 
Seite folgende, den Tatsachen entsprechende Darstellung ge— 
geben: Als ein damals neu zum Bataillon versetzter Haupt— 
mann, übrigens selbst im Elsaß geboren, einem 
Feldwebel gegenüber seine Verrunderung ausdrückte, daß ver— 
hältnismäßig viele Elsässer Oberjäger in der 
Kompagnie seien, also als reine Feststellung, ohne kritisie— 
rende oder abfällige Bemerkung, glaubte der Feldwebel aus 
der Betonung des Hauptmannes ein gewisses Miftrauen gegen— 
über den Elsässern herauslesen zu müssen. Er fühlte sich selbst 
als Elsaãsser verletzt und beschwerte sich beim Bataillonskom— 
mando über den Hauptmann. Durch eine vor dem Batai'llons— 
lkommandeur abgegebene Erklärung des Hauptmanns war das 
der Beschwerde zuzrunde liegende Misverständnis zur vollsten 
Befriedicune des Feldwebels — ein beleidigendes Worf 
war überhaupt nicht gefallen — aufgek'ärt worden, 
so daß die Militärbehörde die Angelegenheit a's längst erledigl 
betrachtete. Durch ein erispreche der Tusamm nw'rken von Zivil 
voerwastung, Presse und Militärbehörde ist schitblich jede Auf— 
reßung ferngehalten worden. 
Eine Zeutrumsfsaatssütz.. In Regensburg hat der 
Jesuitenpater Cohausz vor einigen Tagen relisiö'e 
Bropacandar: den gehalten. Nicht bloß daß sich die Behörde 
dabei pessin verhielt, der Leiter der Veranstaltun— 
gen, SRustizrat Keller, erkärte sogar nach Nr. 31 der 
Regensburger Neuesten Nachrichten: „Wir haben den Pater 
Cohausz trotz dis Reichsverbotes nach Regensburg berufen und 
nehmen die Verantwortung auf uns; mag die Reichs 
regierung tun, was sie will — wir tun, was wir 
moöollen.“ Mit Recht bemerkt dau das Regensburger Blatt. 
„Das ist offene Fronde gegen das Gesetz. Das ist unerhört. 
Mag das Jesuitengesetz gut oder schlecht sein, es ist geltendes 
Recht und dem hat sich jeder im Staat zu beugen.“ Das Regi— 
ment Hertling erntet hler, was es gesät hat. Man hat ohne 
rechten Grund seine „Loyalität“ gerühmt. mit dem es den 
Jesultenerlaß nach der Entscheidung des Bundesrates zurück⸗ 
zog. Wie die „Loyalität“ in Wahrheit außlieht, sehen wir in 
Regensburc. Die Jesuiten pfeisen auf die höchste Reichsbehörde, 
ie banerische Regierung sieht nicht hin, selbst wenn sie Volks— 
nissionen halten, und ein Zentrumsjustizrat ( höhnt laut: 
„Mag die Neichsregierung tun, wos sie will, wir tun, was 
vir mollen.“ 
un x*c —— — VRDEIEEEIIE — 
in den Schlingen jener Sirene verfängt, die sie, wie vor 
ihrer Verheiratung, auch jetzt noch so geschickt und erfolgreich 
auszuwerien versteht. Lange genug hast du deine Augen und 
Ohren der Wahrheit verschlossen, mein Herr Schwager. Du 
hast nicht sehen wollen, wie man über dich lacht; nicht hören 
wollen, wie man zuerst fuschelte und dann immer lauter und 
offener über deine Verblendung sprach. Du glaubtest einen 
Fugel geheiratet zu haben mit der Gloriole edler Jungfräulich— 
keit ums strahlende Haupt, während —“ 
Forflsetung folat.) 
Zheater, Kunst und Wissenschaft. 
DTas Thrattr, Illustrierte Halbmonatsschrift für Theater 
und Geselischaft. Verlag: Verlagsgesellschaft m. b. H. und 
R. Boll, Berlin NW. 6, Schiffbauerdamm 19. Das 5. Heft 
(November) des 5. Jahrganges ist mit einem farbigen Titel— 
bilsd von Sarah Bernhardt (die Ewig⸗Junge) geschmückt. Es 
enthält wieder eine interessante Anzahl von Illustrationen deut⸗ 
scher Bühnenkünstler, wie Selma Kurz-Halban (Hofoper Wien) 
als Manon, Rosa Bertens als Herzogin in dem Lustspiel „Die 
goldenen Palmen“ (Kammerspiele Berlind, Vittor Arnold als 
Herzog in „Die goldenen Palnien“, ein Zivilbild oon Lili Otto— 
Osmarr (Hostheater Meiningen) und Alois Pennarini, dem neuen 
Direktor des Nürnberger Stadttheaters, sowie Gertrud Schachert⸗ 
Immisch (Hoftheater Hannover), Lucille Marcel-Weingartner 
Stadttheater Hamburg) und vier Bilder von Hans Pagay 
(zu seinem 70. Geburtstag, 11. Nov. 1913,.. Auch eine An— 
zahl Bühnenaufnahmen von Bühnenbildern der neuesten Auf— 
führungen: „Justiz“, Schauspiel von John Galsworthy (Volks 
bühne Wien), Friedrich Kayßler und Lina Lossen in Eulenbergs 
Zeitwende“ (Lessingtheater Berlin), Verdis „Don Carlos“ im 
der Königlichen Oper, Berlin, ein heiteres Quartett aus der 
„Tangoprinzessin“ (Thaiiatheater Berlin), sowie Szenen ous 
dem Vollsstück, Das eiserne Kreuz“ von Arthur Dinter (Urauf⸗ 
jührung, Hoftheater Oldenburg), Szene aus „Die Puppenklinik“, 
Lustspiel von Schönthan und Presber (Lustspielhaus Berlin) 
„Die heitere Residenz‘ von Georg Engel im Deutschen Schauspiel 
Schutzgebiete. 
Anfkauf der Kotzesssonen der frauzössschen Gesel schaften in 
steukamerum durch dem Koloniassfistus. Seit Monaten schweben 
ßerhandlungen zwischen dem Reichskolonialamt und den franzö— 
ischen Konzessionsgesellschaften wegen Verkaufs ihrer Konzes— 
ionen an den Kolonialfiskus, gegen eine Entschädigung von 
degierungsland in Neukamerun zu freiem Eigentum. Die 
Berhandlungen nehmen, der Täglichen Rundschau zufolge, einen 
sünstigen Fortgang und dürften in einigen Monaten zum Abschluß 
gselangen. Die Verhandlungen werden namens der Konzessions- 
esellschaften von der Berliner Vertretung der Kompagnie 
rorestidre Sangha Oubangui geführt, die elf von den dreizehn 
estehenden Konzessionsgesellschaften vertritt. Die Konzessionen 
aufen erst in zwanzig bezw. dreißig Jahren ab. Das Kolonial⸗ 
int ist bereit, den Gesellschaften gegen einen sofortigen Verzicht 
ruf alle aus ihren Konzessionen entspringenden Rechte ein 
Lreal Regierungsland zum unbeschränkten Eigentum zu überlafsen 
fine weitere Bedingung ist die, daß dieses Areal im Falle der 
Veräußerung nur an eine deutsche Gesellschaft verkauft werden 
»arf. Das im Besitze der Konzeflsionsgesellschaften besindliche 
ßebiet in Neukamerun beträgt rund 21 Mill. Hektor. Ein 
Ziertel dieses riefigen Areals, rund 5 Mill. Hektar Regierungs— 
and, verlangen die Konzessionsgesellschaften als Entschädigung 
für den Verzicht auf ihre Konzessionsrechte. Das Kolonialam 
st natürlich bestrebt, die Ablssung der Konzesssonen unter günsti— 
zeren Bedingungen zu erreichen. Die Ablösung der Konzefsions— 
zesellschaästen wird in der ganzen Kolonie, mit Ausnahme des als 
Entschädigung gegebenen Areals, vollständige Handelsfreihei“ 
bringen und den deutschen Kaufleuten in Kamerun den bishet 
ausschrießlich von den Konzeßionsgesellschaften betriebenen Handel 
mit Gummi in die Hand geben. — Hoffentlich orientiert man 
ich an Ort und Stelle recht genau auch über den Wert der einzelnen 
Ländereien, damit nicht das den Gesellschaften zu überlassende 
Regierungsland das einzig wertvolle der Kolonie ist, und dann 
viederum wir Deutsche das Nachehen haben. 
Ausland. 
Deste rreich⸗Ungagrn. 
PC. Der Konflikt wegen der Anftellung italienischer Kom 
munoibeamter in Triest beigelegt. Bekannklich hat die Statt. 
zalterei in Triest mit dem Erlaß vom 16. Aug. d. J. den 
ortigen Magistrat unter Berufung auf Artikel 3 des Ge 
etzes über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger, der fün 
dusländer den Eintritt in öffentliche Aemter von der Er— 
verbung des österreichischen Staatsbürgerxechts abhängig macht 
rufgefordert, eine Anzahl in städtischen Diensten stehender Be 
imter zu entlafsen,. Diese Verfügung richtete sich in erster 
dinie, gegen, Angeftellte der städtischen Gasanstalt und der 
tädtischen Wasserversorgungswerke und enthielt die Bestim 
nung, daß die betreffenden Beamten nach Ablauf des Dienst 
dertrages bezw. nach Einhaltung einer gewissen Kündigungs 
rist aus dem Amte zu scheiden hätten. Auf die gegen diest 
BZerordnung von der Stadtgemeinde Trielt eingelegte Be 
chwerde hat, wie uns ein Privattelegramm aus Wien meldet, 
as Ministerium des Innern nunmehr an die Statthaltere 
die Weisung erteilt, den von dem Erlaß, berührten Gemeinde 
mitgliedern auf ihr, Verlangen die österreichischen Staats 
bürgerrechte zu verleihen. Weiter ist in der Entscheidung des 
Ministeriums des Innern angeordnet worden, daß der 
Magistrat, der Stadt Triest dafür Sorge zu tragen habe, dak 
hbei der Anstellung von Kommunalbeamten, in Zufunst Zie 
zsterreichische Staatsbürgerschaft bei den, betreffenden, Be— 
werbern, bereits vorhanden sei. — Damit, ist, diese Ange⸗ 
segenheit, die seinerzeit in der italienischen Presse genügenden 
Anilaß zur Mißstimmung und zu Klagen gegen Oesterreich 
gab, auf friedliche Weise erledigt. 
Fran kreich. 
0. Die deutsche Militarmision und Rußland. Der Tempe 
setzt seine Kampagne gegen die deutiche Militärmisfion in Kon⸗ 
tantinopel fori. Er läßt sich jetzt von seinem Petersburger 
Kortrespondenten ein Telegramm senden, wonach man in Veters 
hurger Regierungskreisen über die deutsche Militärmission auf 
—B — 
erärk dem Korrespondenten, daß nach Ansicht Rußlands ein 
zroßer Unterschied besteht zwischen der augenblidlichen Mission 
des Generals Liman von Sanders und derjenigen, die Feld 
narschail, von der Golt seinerzeit in der Türkei ausführte. Die 
rusfische Regierung ist. der festen Ueberzeugung, daß, falls Jie 
bon der deutschen Regierung gewisse Aenderungen in der 
Zusammensehung der, Wilitärmission verlangen würde, sie die 
ganze öffentliche Meinung Rußlands hinter fich habe. Dite 
uffische offentliche Meinung wünscht ebensowenig ein deutsches 
hbroleklorat über die türkischen Militärverhältnisse, wie sie seiner— 
eit einen Einzug der Bulgaren in die türkische Hauptstadi 
wünschte. 
Rußland. 
ok. Neue Vorbereitungen für den Handelsvertragaui 
deulschland. Man schreibt uns aus Vetershurg; Mit Rück⸗ 
scht auf den im Januar nachsten Jahres in Wilna stattfindenden 
Zungreß. der von der rusfischen Exportkammer zur Beratuncç 
der Hevision des Handelsvertrages mit Deutschland einberufen 
jt fanden in diesen Tagen in verschiedenen Städten im Nord 
westen Rußlands Bergfungen zwischen Vertretern der Industrie, 
dandwirtschaft und Bankwelt statt, um 3u einzelnen Fragen 
——————⏑ä0æ]00,—,————„—„—„—„——, — — —90—2— — 
haus, Berun, „Der verlorene Sohn“ von Schmidtbonn (Kammer. 
piele. Berlin), ein rührendes Familienbild von der Bühne: 
Famnie Levin in Nathansens „Hinter Mauern“ (Komödienhaus 
Zerlin) und „Schirin und Gertraude“, Scherzspiel von Ernsi 
zardt (Deutsches Schauspielhaus Hamburg). Auch der text— 
iche Inhalt ist nicht weniger interessant. Das Heft enthäli 
olgendes: „Blitz und Donner auf der Bühne“ von Friedrick 
zuth, „Der Bühnenausgang“ von Walter Turszinsky, „Eulen⸗ 
jerg“ von Erich Köhrer, „Berliner Notizbuch“, „Ein erfolg⸗ 
eiches Märchenstück“ (Dresdener Uraufführung) von Richard 
51b. „Von den Theatern Hannopers“ von Hans Schmidt-Kestner 
Hamburgisches Notizbuch“ von Jacob Bödewadt, „Umsons 
zclebt!“ Eine Geschichte aus alten Tagen von Anny v. Panhuys 
ind „Das blaue Sofa“ von Magdalene Kind. Einzelhefte kosten 
M, das Jahresabonnement 20 Mifür 24 Hefte. Ferner ist als 
zeilage die Nr. 8 der nicht wemniger interessanten Schrift Ele⸗ 
janz“ beigefügt, die sehr intereßante Bilder vom Tango-Tanz 
Zchohhündchen⸗Konkurrenz und einige Modenplaudereien usw 
nthält. Auch die Modenschau auf der Bühne ist für di 
HDamen sehr unterhaltend. Bg. 
Ur⸗ und Erstaufführnngen. Die Operette „Das Picca 
illimädel“ von Grünberg erlebte am Kleinen Theater in 
ziel ihre erfolgreiche Uraufführung. — Shaws „Pygma 
ion“ fand im Münchener Residenztheater starken Erfolg. — 
CLornelia Nürnberas Drama „Heilig ist das Leben“ hatte 
Jei seiner Uraufführung im Erfurter Stadttheater freundlichen 
crfolg. — Hans Müllers Lustspiel „Der reizende Adrian' 
vurde im Deutschen Volkstheater in Wien abgelehnt. — Ber 
»er Uraufführung am Kasseler Hoftheater fanden Ellinor 
Zrossas Schauspiel „Mutter“ und Karl Tietschs Drama 
Die große Stunde“ freundliche Aufnahme. — Die Erst⸗ 
wfführung von Dettmar Heinrich Sarnetzkis Schauspiel „Der 
ßsroberer“ im Schauspielhause in Köln fand in vortrefjflicher 
Darstellung mit Heinrich Götz in der Titelrolle des Herzogs 
Wilhelm und Melitha Leithner, früher in Lübed unter 
Direktor Piorkowskti am Stadttheater-Provisorium, als VPathilde 
ine starte beifällige Aufnahme 
rechtzeitig Stellung zu nehnen. Von besonderem Interesse ruꝛ 
die Verhandlungen, die in Minsk stattsanden. In erster Lun 
vurde zur Hebung der Getreidenusfuhr, die Einführung 
yon russischen Getreidezöllen gegen die deutsche Einfuhr dringent 
zefordert. Ebenso wurde ein Zoll auf rohe und getrochnete 
Kartoffeln zum Schutz der heimischen Produktion flir notwendig 
erklärt. Von besonderer Bedeutung waren die Erörterungen 
über die Holzausfuhx und die heimische Holzindustrie, 
deren Hebung durch einen Zollschutz für dringend notwendig 
erachtet wurde. Auch an andern Orten fpielte bei den Be— 
atungen die Holzausfuhr eine große Rolle. Man hielt es 
iberall für durchaus unzulässig, daß Deutschland rohes Holz 
aus Rußland bezieht und, es in bearbeiteter Form wieder nadh 
nußland ausführt. Diese Maßregel würde begünstigt durch 
⸗en Unterschied der russischen Eisenbahntarife für rohes und be— 
arbeitetes Holz. Eine Herabsetzung des Tarifes für Holz— 
varen würde die Ausfuhr der russischen Holzindustrie wesentlich 
ördern. In Minsk wurde auch die Aufhebung der Ausfuhr— 
orämien für Spiritus erörtert, die von seiten der in— 
dustriellen Konsumenten befürwortet wird. Die Versammlung 
lonnte aber einer Aufhebung, der Ausfuhrprämien, nicht zu— 
timmen, weil die Branntweinbrennerei dadurch in ihrer Ren— 
tabilität schwer beeinträchtigt würde. Das System der deut— 
schen Einfuhrscheine für Getreide, das man in Rußland jetzt 
mit solcher Energie bekämpft, kam in Minsk nicht zur Erörterung, 
vielleicht weil die Entrüstung darüber zur Verteidigung der 
eigenen Ausfuhrprämien für Spiritus nicht recht paßte. 
Enaland. 
Die internationgle SeesicherheitssKonferenz. Der Lord 
nayor gab am gestrigen Abend ein Bankett zu Ehren der 
in London tagenden internationalen Seesicherheits-Konferenz 
Unter den Anwesenden befanden sich der Präsident des Han— 
elsamtes Burton, Marconi und Lord Mersey. Der Prä— 
ident der Konferenz erwiderte einen Trinkspruch auf die Kon— 
ferenz. Er führte aus, alle Delegierten hätten den guten 
Willen, gezeigt, der den Wert der Arbeit verdoppele. Wenn 
ie auch nicht in allen Punkten Uebereinstimmung erzielen dürf— 
len, so würden sie doch gewiß das Werk zum, dauernden 
Wohle der Menschheit vollenden. Auch der deutsche Dele— 
gierte, Wirklicher Geheimer Rat Dr. von Körner, brachte 
einen Trinkspruch aus. 
Mexiko. 
Der Kampf um Inarez. Wie der Korrespondent der 
Preß-Zentrale auf der Pariser amerikanischen Botschaft erfährt, 
soll der Kampf zwischen den Bundestruppen und den Rebellen 
gegen die Stadt Juarez mit einem vollständigen Siege der 
Bundesteruppen geendet haben. General Villa soll schwer 
verwundet in die Hände der Bundestruppen gefallen sein. In 
den Straben von Zuarez soll gegenwärtig der Kampf zwischen 
zeiden Parteien mit unverminderter Heftigkeit fortwüten. Die 
dampflage ist für die Rebellen vollkommen aüssichtslos. — 
Ddas Woiffsche Telegraphenbureau sendet uns dagegen folgende 
darstellung der Kämpfe: Die Insurgenten biwakierten bei 
trömendem Regen, nachdem der verzweifelte Kampf acht Stunden 
zewütet; die Bundestruppen sollen zurückgeschla— 
Jen worden fein. Als die Lage ein bedenkliches Aussehen an— 
iahm, veranlaßte man alle Ausländer. Juarez zu verlassen, 
ind führte sie bis zu einer auf amerikanisches Gebiet führenden 
Brücke. Die mexikanischen Bundestruvpen haben gestern früh— 
norgens das Gefecht, augenscheinlich im Vertrauen auf ihre 
chweren Heschütze, wie der aufgen om men, um die Linien 
»er Aufständischen zu sprengen. Der gestrige Kampf wurde 
ourch eine schwere Kanonade eröffnet. 
Deutscher Reichstag. 
Sitzung vom 25. November 1913. 
ESchluß.) 
Abg. Feuerstein (Soz.) wies auf das JInteresse von zwei 
Millionen Familien, darunter 156 Millionen Arbeiter⸗ 
jamilien, an den Konsunvereinen hin. Wenn 200 900 
elbständige Gewerbetreibende und 130 000 Beamte ihnen 
angehörten, so könne man nicht behaupten, daß sie den Weiit- 
elstand schädigten; man schädige ihn vielmehr, wenn man 
»ie Konsumvereine hindere. Die Konsumbereine seien nicht 
ingenügend besteuert, das habe die „Soziale Praxis“ durch 
vegenüberstellung der Genossenschaften und der Konsum—- 
ereine in Preußen widerlegt. Speziell in Württemberg 
eien sie viel stärker besteuert als die Genossenschaften. 
Nachdem nochmals die Abgg. Sachse (Soz.) und Dr. 
kurckhardt (Wirtsch. Vgg.), sowie der Abg. Thiele (Soz.) ge⸗ 
prochen hatten, erklärte 
Abg. Peus (Soz.), der angebliche Mißbrauch des Ge⸗ 
ossenschaftswesens sei eine wirtschaftlich zweckmäßige 
Veiterentwicklnug. Es sei viel besser, wenn die Brotesser 
usammen eine Bäckerei bauten, die ihnen selber 
ehöre, als wenn ‚an die, Stelle der kleinen 
Zäcker eine großkapitalistische Brotfabrik trete. 
In Dessau erspare die genossenschaftliche Bäckerei bei einem 
Amsatz von 400 000 Mark den Brotessern jährlich 40 000 
Mark; das sei wichtiger als die Existenz von 30 bis 40 kleinen 
Gäckermeistern. Berlin habe einen genossenschaftlich orga⸗ 
nisierten Brotumsatz von 8 Millionen, es könnten aber 
o Millionen sein. Das sei volkswirtschaftlich eine gewaltige 
Frsparnis an Arbeit und Energie. Flössen denn etwa diese 
ẽrfparnisse in die sozialdemokratische Parteikasse? Es sei 
virtschaftlich und sozial kein Unglück, wenn die armseligen, 
zurch umd durch abhängigen, elenden wirtschaftlichen 
Frissenzen des kleinen selbständigen Mittelstandes, die vor 
edem Kunden eine Verbeugung machen müßten, ver⸗ 
chwänden. Gört! Görtl! rechts.) J 
„Das Haus beschloß gegen die Sozialdemokraten die 
Iberweisuüng beider Petitionen als Material. 
Die Pentionen um Erteilung dauernder Dispense von 
er Bäckereiverordnung beantragt die Kommission dem 
seichskanzler zur Erwägung zu überweisen. Die Sozial⸗ 
demokraten beantragen übergang zur Tagesordnung. —M 
Abg. Binder (Soz.) trat in längeren Ausführungen für 
iesen Antrag ein und bekämpfte jede Abschwaͤchung der 
vackereiberordnung als kulturwidrig. 
Abg. Frerker (Ztr.): Wir bekämpfen nur die rigorose 
dandhaͤbung der für Neubauten passenden Bäckereiverord⸗ 
ung auf aͤlte Bäckereien. Wenn in Schöneberg und Frie— 
cuau 270 m nchte Hoͤbe zugelasfen sind, so sollte das auch im 
ibrigen Deutschland zulaͤssig sein. Über Schmutzereien in 
ßadcreien wird viel gefabelt. Wirkliche übelstände ver⸗ 
leidigen wir selbstverständlich nicht. 
Adg. Lützel (Matli); Der ganze Streit dreht sich darum, 
ob Badereien, die der Polizeiberordnung nicht ganz. ent⸗ 
fprechen, umgebaut oder geschlofsen werden sollen. Hier ist 
die Verordnung zu hart. Darum verlangen wir. Dispense. 
enn die Polizel solche Bäckereien für gefundheitsschädlich 
ali, dann muß sie in Kellerwohnungen guch die Räume 
ur Schuhmacher und Schneider und, die. Wohnräume 
chließen. Außerdem sind die gerügten übelstände nicht blos 
uuf die Arbeitsräume zurückzuführen, sondern auch auf 
Hlister id Arbeiter. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie 
chwer es mitunter ist, bei den Arbeitern den Sinn für Rein⸗ 
ichkeit zu wecken. Wir werden für den Kommissionsbeschluß 
stimmen. (Beifall). 
Abg. Dr. Reumann⸗Hofer (Fortschr. Vpt.): Nach den 
Worten des Abg. Binder sollte man meinen, die Pe⸗ 
ionen wolsten die Bäckereiverordnung aufheben. Sie 
nden sich aber nur gegen ihre Gandhabung durch die Po⸗ 
izei, deren Verordnungen eine aͤußerordentlich große Na⸗ 
Alalaufwendung durch die Meister erfordern, sodak mauche 
irekt ruiniert werden können. 
Abg. Dr. Burckhardt (Wirtsch. Vag.): Die Regierung und 
der Reichstag haben erklärt, daß bei der Ausführung der 
haͤckereiberordnung unnötige Härten vermieden werden 
ollen.
	        
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