Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

heachtenezwert ist. Die Antwort Bindings, die uns zum Abdruck 
uur Bersügung gestellt wird, lautete: „Ich trage keine Be⸗ 
denken, mich auf Ihr Anschreiben vom 12. Nov. 1913 dahin zu 
erklären: 1. Ich halte den Ausschluß der freien Arztwahl aller⸗ 
zinas als im Widerspruch mit der Gewerbeordnung stehend. 
Daß den Aerzten auf Anerkennung der freien Arztwahl ein echtes 
suübjektives Necht zustünde, vermag ich nicht zu konstruieren. 
Aber der Anspruch hat nach meiner Ueberzeugung die denkbar 
tärkste moralische Berechtigung. Der Stand und seine Ange— 
hörigen müssen ihn erheben. 2. Des weiteren bin ich durchaus 
ür genügende Honorierung der ärztlichen Leistungen. Die 
rüheren Ansätze, soweit sie mir bekannt geworden sind, finde 
ch einfach unwürdig und auch im Interesse der Vatienten hoch 
zedauerlich. Hochachtungsvoll gez. Professor Dr. Karl Binding.“ 
— 
Ausland. 
Frankreich. —— 
Eine finanzielle Kriegserkllärung. Das Journal des 
—6bats, in losem Offiziösen-Verhältnisse zur franzöfi— 
chen Regierung stehend, erklärt Oesterreich rund heraus, daß es 
ich keine Hoffnungen machen solle, eine Anleihe in Frankreich 
interzubringen, solange es seinen Dreibundsvertrag mit 
Deutschland aufrechterhalte. Für Italien gelte das gleiche. 
Wenn eine solche Anleihe auch Verkehrszwecken bestimmt sei, so 
entlaste sie doch den eigenen österreichischen Geldmarkt für 
Kriegszwecke. Höchst plump fällt der Artikelschreiber dann 
nit der Erinnerung in die Tür, daß seinerzeit auch Rußland bei 
einer gewünschten Waffenbestellung zu einer klaren Erklärung, 
ob es Frankreichs Feind oder Freund sein wolle, gezwungen und 
auf diesem Wege der Zweibund zustande gebracht sei. Also 
nine finanzielle Kriegserklärung zu Erprefsungszwecken. 
And das in einem Atem mit den Einladungen französischer 
Blätter an den Erzherzog Franz Ferdinand, auf der Rücd— 
reise von London über Paris zu fahren! Gröber, beleidigen— 
der förmlich kann die belaunte Politik von Zuckerbrot und 
Peitsche wohl nicht betrieben werden. Im übrigen dürfte die 
Verweigerung des französischen Geldmarktes die Oesterreicher 
nicht allzu empfindlich treffen. Sie haben schon mehrere Anleihen 
m eigenen Lande begeben. Und schließlich wird der Dreis 
zund denn doch auch hoffentlich in Geldsachen nicht versagen. 
Seiläufig ist es den Franzosen auch ganz unmöglich, das fran— 
zösische Geld von den Oesterreichern so hermetisch abzusperren. 
HRie Familie Rothschild hat ihre Häuser bekanntlich in 
Baris und in Wien sowie in Frankfurt. Mag der Pariser 
chef auch eifrig den Nationalfranzosen markieren (beiläufig 
st er befanntlich strammer Monarchist!): in Geldsachen hört 
ekanntlich die Gemütlichkeit und verwandte Dinge auf! 
Rußland. 
dok. Ein übler Enpfang für den M'nssterpräsidenten. Man 
chreibt uns aus Petersburg: Die Unterredungen, die der 
Ministerpräsident Kokowtzow in Berlin mit Vertretern der Vresse 
ber die innere russische Politik geführt hat, haben in Ruß— 
and ganz außerordentlich verstimmt. Vor allem hat die 
Aeußerung über die Duma und ihre Bedeutung, die für das 
ussijsche Parlament nicht sehr schmeichelhaft war, die Parteien 
ief verletzt. Herr Kokowtzow hat infolgedessen gegenwäertig 
cine sehr böse Presse. Mit seltener Uebereinstimmung wird er 
»on den Blättern aller Parteirichtungen in schärfster Weise 
ritiziert. Einmal heihßt es, der Premierminister habe wieder 
inmal einen vollständigen Mangel an Verständnis für Ruß— 
ands Bedürfnisse offenbart, was allerdings nicht überraschen 
önne, da er belanntlich nur ein mittelmäßiger Staatsmann 
räre. Ein anderes Blatt sagt, wenn jemand noch daran ge— 
weifelt hätte, daß der Minister keine Ahnung von den Zu⸗ 
tänden und Bedürfnissen des Landes habe, dann hätte er 
ich ijetzt davon überzeugen können. Die Aeußerungen des 
Ministers über die deutsch-russischen Handelsbeziehungen be— 
undeten e'ĩne vollkommene Ahnungslosigkeit. Der Minister 
nußzte berücsichtigen, daß Deutschland als Folge des 
apanischen Krieges Rußland einen Handelsvertrag aufgezwungen 
nahe, der dessen Interessen schwer beeinträchtigt. Das Auf— 
reten des Ministers in Berlin könne gar nicht scharf genug 
erurteilt werden. Ein anderes Blatt wieder erklärt, die 
Acußerungen des Ministerpräsidenten bewiesen, daß Regierung 
ind Gesellschaft sich vollkommen fremd gegenüber ständen; man 
önne nur mit größter Sorge in die Zukunft blicken. Ein 
Blatt findet die Ausführungen des Ministers so ungeheuerlich, 
»oß es an die Richtigkeit nicht glauben will. An einem der 
zächsten Tage werden in der Duma die Aeußerungen des 
Rinisters zur Sprache gebracht werden. 
—22222⏑2⏑22f!ò!fú2à⏑⏑ —— ——— 
Wie der Frühling erscheint sie dem blasierten Weltmann 
— unberührt, frisch, bezaubernd. Gretchentypus! Sonnen⸗ 
ungfrau! Weich Aufsehen wird sie in der Gesellschaft erregen — 
umal, wenn die Perle in würdiger Fassung erscheint! Und 
ein zufriedenes Lächeln umspielt seine Lippen. 
„Nicht so traurig aussehen. Mademoß'elle!“ tröstet er, die 
vand leicht auf ihren Arm legend. „Jedes andere Mädchen 
vürde grücklich sein, mit der Perspektive eines glänzenden 
2ebens vor sich!“ 
Sie schüttelt den Kopf. 
„Ich bin nicht wie andere Mädchen, Monsieur. Aundere 
Raädchen haben Eltern, leben im Schutze ihrer Familie. Ich 
— ich bin namenlos, schutzlos, mutterseelenallein.“ 
Jeder andere würde durch die tiefe Tragil in den Worten 
»es lieblichen jungen Geschöpfes bis ins Innerste bewegt wor— 
ben sein. 
Nicht so Fürst Wladimir Orloff. Er überlegt nur, welch 
ieuer Reiz diese seltsame Vermischung von kindlicher Unschuld 
ind ernster Reife seinem Protegéöe in der Gesellschaft verleihen 
auß. 
Mit ausgesuchter Höflichkeit verabschiedet er sie für heute. 
Und erleichtert aufatmend schreitet Mirjam dem Bause zu 
— den feinen Kopf hoch, wie in stummer Abwehr, erhoben. 
10. 
Nicht nur dem Marquis Robert deEsterre ist die nervöse 
Unruhe in dem Wesen seiner Gattin aufgefallen — auch Regi— 
iald hat sie bemerkt, und er sorgt sich um seine verehrte 
Tante. 
Noch öfter als sonst fährt er von Ville-franche nach Nizza 
herüber, in dem unbestimmten Gefühl, er könne ihr vielleicht 
rgendwie nützlich sein. Sein Scharfblick hat längst vbemerkt, 
daß ein Geheimnis Irene quält, und sein logisches Denken läßt 
hn ohne Mühe erraten, daß sie dieses Geheimnis vor ihrem 
ßatten zu verbergen sucht, und dak dies die Ulrsache ihrer 
Unruhe isi. 
Auf jede nur mögliche Weise versucht er, ein kurzes Allein— 
ein mit Irene herbeizuführen, um ihr seine Dienste anzubieten. 
Doch der Marquis läßt seine Gattin kaum wenige Minuten 
ang allcin. So völlig fühlt er sein Leben mit der geliebten 
Die Wiener Allgemeine Zeitung läßt sich von besonderer 
Zeite aus Petersburg melden: Wie hier in unterrichteten 
dreisen verlautet, trägt sich der Ministerpräsident Koko wotz o w 
ernstlich mit Rüchkhtrittsgedanken. Er soll Präsident des 
steichsrats werden. Zu dem Entschluß Kokowtzows haben Diffe— 
enzen zwischen dem Ministerpräsidenten einerseits und dem 
driegasminister und dem Minister des Innern andererseits bei— 
jetregen. Die Entscheidung über das Verbleiben des russischen 
Ministerpräsidenten wird bei dessen Audienz beim Zaren in 
Livadia fallen. — Eine Bestätigung der Meldung ist nicht 
u erlangen. 
Die Pest hat im Ural- und Dongebiet eine ge— 
ährliche Ausdehnung angenommen. Unter den in 
xẽrdhütten lebenden Kirgisen sind zahlreiche Erkrankungen zu 
erzeichnen und die Seuche wird immer weiter von Ort zu 
Itt verschleppt, da es unmöglich ist, die noch unaufgeklärten 
zauern zu isolieren. So wurde im Dongebiet das gesamte 
lerztepersonal des Semstwo-Hospitals angesteckt. Ein Feldscher, 
»er beim Leichenschmaus bei einem Bauern, dessen Frau an 
er Seuche gestorben war, infiziert wurde, hatte die gefähr— 
iche Krankheit in das Hospital geschleppt. An allen Bahn— 
ationen wurden Maueranschläge angebracht, wonach alle Flücht— 
inge aus dem Dongebiet aufgefordert werden, sich der Pest— 
suarantäne zu unterziehen. Alle, die diese Aufforderung um— 
ehen, können eventuell mit dem Tode bestraft werden. 
Türkei. 
DT. Die Machtbefugnisse Generals von Sanders. Der Ver⸗ 
reter der Kölnischen Zeitung in Konstantinopel meldet seinem 
zlatte interessante Einzelheiten über die künftige Tätigkeit des 
seuen Militärreformers Liman v. Sanders. v. Sanders wird 
ader türkischen Armee den Rang eines Generalleutnants erster 
lasse erhalten. Er wird das Kommando über das 1. Armee—⸗ 
orps in Konstantinopel führen mit den vollen unbeschränkten 
sNachtbefugnissen eines Korpskommandeurs. Der Chef der Mili— 
irrommission wird auch die oberste Aufsicht über das gesamte 
silitärbildungswesen übertragen erhalten. Er wird desgleichen 
Nitglied des neu zu schaffenden obersten Kriegsrats im Kriegs— 
inisterium. Obetst v. Sanders ist ausschließlich dem Kriegs— 
inister gegenüber perantwortlich; auch ist ihm die Auswahl 
er Offiziere für seine reformatorischen Arbeiten völlig frei— 
estellt worden, so daß also die neue Militärmission vollkommen 
nabhängig sein wird. Sie wird jeden politischen Anstrichs 
ntbehren. Man hofft, daß die ganzen Reformen innerhalb eines 
jahres durchgeführt sein werden. 
PO. Rußlands Beunruhigung über die deutsche Militär⸗ 
nifsien. Nach einer Depesche des Konstantinopeler Korrespon— 
»enten des Temps will man in türkischen politischen Kreisen er— 
ahren haben, daß der russische Ministerpräsident Kokowtzow 
dährend seines Aufenthaltes in Berlin bei den deutschen Be— 
jörden, ja sogar beim Kaiser, gegen die Kommandogewalt pro— 
estiert habe, die man dem Chef der deutschen Militärmission 
n Konstantinopel einzuräumen beabsichtigt. Die türkischen Zei— 
ungen scheinen sehr erregt zu sein über die Unruhe, die die 
seue Berufung der deutschen Militärmission nach Konstan— 
inopel in Petersburg hervorruft. Weiterhin erklärt der Kor— 
efpondent, daß eine Folge dieser russischen Proteste die Ver— 
egung des Sitzes der deutschen Militärmission von Kon— 
antinopel nach Erzerum sein wird, daß aber noch andere 
Naßregeln zu erwarten seien. 
PO. Unnachgiebige Haltung in der Infelfrage. In Kon— 
tantinopeler maßgebenden Kreisen sieht man zwar der Lösung 
er Inselfrage jetzt mit etwas gröheren Hoffnungen entgegen, 
ils noch vor einigen Monaten, aber man ist nicht gewillt, fich der 
kntscheidung der Mächte zu unterwerfen, falls sie nicht den 
Interessen der Türkei Rechnung trägt. Der Besitz der Inseln 
vird für die Verteidigung der Dardanellen fowohl wie für 
die des kleinasiatischen Reiches für so unumgänglich notwendig 
rachtet, daß die Türkei auf ihre Wiedererlangung selbst auf 
die Gefahr eines erneuten Konfliktes mit Griechenland hin 
einesfalls zu verzichten in der Lage ist. 
1aarien 
Der wankende Thron König Ferdinands. Eine Dynastie 
st nur dann ihres Bestandes sicher, wenn sie fest im Vertrauen 
es Volkes wurzelt. Je jünger die Geschichte eines Volkes ist, 
esto schwerer läßt sich dieses Vertrauen durch ein Herrscher— 
zaus erwerben. Ohne große Wagnisse, ohne gelegentliches 
a banque-Spielen läht es sich dann selten gewinnen. Jugend— 
iche Bölker haben ein unbedingtes Zutrauen zu ihrer eigenen 
kraft. Erst starke Enttäuschungen bringen ihnen in der Regel 
bas rechte Augenmaß für ihre Fähigkeiten. Leicht sind sie 
Alio für gewagte Unternehmungen ihrer Herrscher gewonnen, 
—— —— — EXRXRXRXVXDDD — 
Frau verbunden, daß ihm jede Minute, die er fern von ihr 
derbringt, als verloren erscheint. 
sortsetzung folat.) 
Theater. Kunst und Missenschaft. 
Lübeck 25. November. 
Stadttheater. 
„Lohrugrin“. 
Gastspiel des Kammerfängers Heinrich Hensel vom— 
Hamburger Stadttheater. 
Das oft mißbrauchte Wort von dem „fgottbegnadeten 
Sänger“ — am Montag ward es allen Hörern zum Erlebnis. 
Ind nicht genug damit: Ihm gesellte sich der „gottbe- 
znadete Held“. Und so trat denn eine Abgeklärtheit und 
kinheitlichkeit in die Erscheinung, wie wir sie in dieser Form 
och nicht gehört haben. Wir sind gewohnt, den „Lohengrin“ 
ntweder als Held — lediglich im dramatisch-krastvollen Sinne 
- oder als überweiche Idealgestalt zu sehen und zu hören. 
dammersänger Hensel ist sich von Anfang an seiner 
sehren Aufsgabe bewußt: „Im Kampf für eine Maid zu stehn, 
er schwere Klage angetan“ und führt diese bis zum Schluß 
nit tiefem, heiligem Ernst durch. Nur die Liebe der Elsa läßt 
hn das Opfer entgelten, den Gral verlassen zu haben. Mit der 
lebertretung des Gebotes an Elsa wird in Hensels Lohengrin 
ogleich wieder die Sehnsucht nach dem Gral lebendig, die in 
er wundervollen, visionär wiedergegebenen Gralserzählung ihren 
Fipfelpunkt findet. Uebereinstimmend hiermit gab sich auch der 
zicht weichlich und rührsanm, sondern von heiligem Ernst durch— 
lühte „Abschied an Elsa“. Der Glanz der Stimme — es sei 
rur an die Stelle im 2. Akt „Höchstes Vertrauen“ erinnert — 
erbindet sich mit großartiger Schnlung des Organs, dem ein 
rachtvoller Ausgleich der Register zu Gebote steht. Dazu kommt 
er beneidenswert helle Timbre der Stimme, den wir jetzt so 
elten bei einem Tenor hören. Mit einem Worte, es war eine 
Meisterleistung, die allen, die sie hörten, unvergessen 
leiben wird. Möchte der gefeierte Sänger, den man auch 
zier am Schlusse immer und immer wieder hervorrief, bald zu. 
uns zurücklehren! M. Stiehl. 
aber wenn sie fehlschlagen, wirb es imer schwer sein sie x 
aüberzeugen, daß äußere Umstännde und nicht die Fehler Der 
Führung die Schuld an dem Unglück tragen. Der Thron Könit 
Ferdinands soll seit dem Ende des zweiten Ballankrieges wanken 
Seine nächste Umgebung sucht es zu bestreiten, abe— die lang 
Abwesenheit des Königs von seinem Lande kann kaum mehn 
inders gedeutet werden. Es hieß eine Zeitlang, er leide 
mehr als je an gichtischen Schmerzen und suche im Auslande 
vavon frei zu werden. Seit einiger Zeit versichern aber Per⸗ 
sonen, die in dier Lage sind, es genau zu wissen, daß er sich 
zegenwärtig wohl befinde und sehr frisch aussehe. Da kann 
nan nicht einsehen, daß er sich ohne triftige Gründe zu 
einer Zeit im Auslande aufhält, wo in Bulgarien allgemeint 
politische Wahlen die Volksleidenschaften aufs tiefste auf— 
wühlen, weil es von ihnen abhängt, ob künftig eine russen— 
der eine österreicherfreundliche Partei die Lage beherrschen 
wird. Die russenfreundliche Partei hat bei den Landgemeinde. 
vahlen einen erstaunlichen Erfolg errungen und will nach dieser 
Wendung auch die Mehrheit in der Sobranje an sich reißen. 
Sicher ist, daß fie über eine starke Minderheit verfügen wird, 
ꝛine Minderheit, hinter der die russische Diplomatie mit ihren 
cũcksichtslosen Methoden steht, um alles daran zu setzen, den 
am Petersburger Hofe gehaßten Koburger zu beseitigen. An 
und für sich ist diese russenfreundliche Strömung in Bulgarien 
schwer zu verstehen. Wenn es eine fremde Macht ist, die für 
das Unglück Bulgariens mitverantwortlich gemacht werden 
könnte, so ist es Rußland. Rußland war es, das dem sieg— 
reichen bulgarischen Heere im ersten Balkankriege verbot, über 
die Tschataldschalinie hinaus nach Konstantinopel vorzudringen, 
ind im Vertrauen auf Zusicherungen, die Danew in Petersburg 
rhalten haben wollte, Zusicherungen, nah denen es die rusische 
Diplomatie nie zulassen würde, daß Rumänien über die ihm 
jemachten bulgarischen Zugeständnisse hingus seine Forderungen 
nit den Waffen geltend mache, trieb die bulgarische Regierung in 
»en zweiten Krieg hinein, ohne sich mit Rumänien zu ver— 
tändigen. Rußland ließ Bulgarien im Stich, und es versagte 
öllig bei den Bukarester Friedensverhandlungen in seinen matt— 
erzigen Bemühungen, die schlimmsten Demütigungen von 
Bulgarien abzuwenden. Dagegen hat sich gerade Oesterreich— 
Ingarn mit aufrichtigem Interesse der bulgarischen Sache an— 
zjenommen. Und doch hat man im bulgarischen Volke heute 
ßafür kein Verständnis. Solche Völker handeln nach In— 
tinkten, nicht nach vernünftigen Erwägungen. Dem früheren 
Ministerpräsidenten Danew, diesem leidenschaftlichen Anhänger 
ves Vanslawismus, dem König Ferdinand allzu sehr vertraute 
und ohne dessen Fehler der zweite Balkankrieg vielleicht ver— 
nieden worden wäre, er findet im bulgarischen Volke an— 
cheinend Verzeihung; er tritt jetzt, wenn auch vorsichtig, wieder 
n die Oeffentlichkeit, und es sieht ganz so aus, als trüge 
hn die Volksstimmung wieder in die Höhe, als solle der 
König auch Danews Fehler ganz ausbaden. 
Marokko. 
PC. Drohender Aufftand im Rifgebiet. Die letzten Nach— 
ichten aus Marokko lauten wieder bedeutend ungünstiger. Eine 
zanze Anzahl von Araberstämmen haben sich gesammelt, um 
jegen Arzila zu marschieren. Die Araber sollen mit Mauser⸗ 
jewehren vorzüglich bewaffnet sein. Außerdem werden seit 
inigen Tagen wieder verdächtige Höhenfeuer wahrgenommen, 
die auf geheime Abmachungen zwischen den einzelnen Stammen 
chließen lassen. Der Rebellenführer Ben Hassan steht mii 
iner großen Schar seiner Anhänger in der Nähe der swanischen 
Sztellungen und man erwartet, daß in den nächsten Tagen ein 
Angriff der Marokkaner erfolgen wird. Diese bedrohlichen 
Anzeichen von neuen Unruhen im Rifgebiet sind auf die spanische 
Regierung nicht ohne Eindruch geblieben. Wie von unter— 
richteter Seite erklärt wird, beabsichtigt die Regierung schon 
in den nächsten Tagen neue Truppenverstärkungen nach Marokko 
abgehen zu lassen 
* 
Tagesbericht. 
Lübeck, 25. November. 
Versammlungen der Bürgerschaft finden am Freitas 
zieser Woche und Montag nächster Woche statt. Die Sitzung 
im Freitaag muß wegen der zweiten Lesungen des Antrages 
Dr. Wittern zur Theatervorlage und des Antrages Stelling 
ind Genossen, betr. die Einführung einer Arbeitslosenversiche— 
ung, stattfinden, da ja die Bürgerschaft in ihrer bisherigen 
zusammensetzung nur noch diese Woche zusammenbleibt. Die 
Sitzung am Montag ist eine verfassungsmäßige; ihre Tages— 
ordnung ist noch nicht bekannt. 
RXK. „Die Kunst des Rema s'auce-Zeitalt rs in Deutchland 
In seinem gestrigen Vortrage ging Museumsdirektor Dr. 
Schaefer zunächst auf die sogen. Dürerschulen ein, um sodann einen 
fFinblick in das Schaffen des dritten großen deutichen Meisters 
dukas Cranach zu geben. Der Abstand zwischen Dürer und 
einen Schülern ist, wie sich das ja häufig in der Kunstaeschichte 
eigt, ein recht großer. Die überranende Bedeutung Düers als 
Mensch und Maler ließ eine richtige Dürerbewegung erstehen, 
ine große Zahl von Schülern, unruhige Schwarmgeister, lernte 
zei ihm und verbreiterte das Errungene seiner Kunst, ohne es 
och zu vertiefen. Seine Wirkung auf die Malkunst des sich 
efreienden Mittelalters ging nicht zu'setzt von seinen Schriften 
us, namentlich sein Hauptwerk , Von men'chlicher Provportion“ 
pirkte epochemachend, insofern, als er der im Mittela'ter ver⸗ 
achlässigten äußeren Er'scheinung mit Nackdruck zur Beachtung und 
zestaltung verhalf. Namen wie Hans Schäufelein aus Nörd⸗ 
nngen, der Buchillustrator, und Hans Baldung Grün aus 
-ztraßburg, der Aesthet, kennzeichnen in sich die Zweige des 
roßen DTürerbaumes. Malerische Effekte, die aufkeimende noch 
echt schüchterne, ja verlegene Freude an der Nadtheit des 
dörpers, Beleuchtungsstudien prägen den Werken ihren Stempel 
uf. Die beiden Beham tragen die Holzschnittkunst in die Weite, 
estalten sie mit allerlei Zierat aus. Hans von Kulmbach, 
Natthias Grünewald wirker bis Thüringen hinauf, 
ber erst aus dem nördlichen Deutschland, aus 
bittenbera. entsteht der dritte in der Reihe der 
eutschen Meister, Lukas Cranach, gemeinhin der ältere 
sencennt. Ein zu umiversaler, zersplitterter Geschmadlsmensch, 
im wie bei Dürer und auch noch Holbein in der großen 
donzentration auf die Kunst in ihr sein Alles geben zu können. 
Immerhin ist er einer der Phantasiereichsten und Eigenartigsten, 
essen Werke ein Streben nach Anmut und Leichtigkeit des 
hortrages nicht verkennen lassen. Seine freie und gewandte Art 
vandelt sich späterhin, da er als Avotheker und Bürgermeister 
ätig ist, in eine gewisse Maniriertheit und handwerksmäßige 
Mmache, die er der großen Reihe seiner Schüler, unter ihnen 
ein zweiter Sohn Lukas, genannt der Jüngere, überlieferte. 
kranachs Wirkungen gehen bis nach Lübech, wo verschiedene 
einer oft kapriziösen Ideen in gewissen Wandlungen wieder⸗ 
Afinden sind. Von ihm ab biegt die Malerei in ein breites⸗
	        
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