Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

Vα 
Ausqabe 4. 
— ä ⸗ —— 
Die Lebegräsin vor Gericht. 
IV. 
DT. Berlin, 22. 57 
äfi i Treuberg 
In dem Prozeß gegen die Gräfin Fischler von Tre⸗ 
—* gestern abgebrochene Jaß Kirchhoff Iö 
andelt. Die Angeklagte wird eschuldigt. bezüglich des Kir 
ff ines noch sehr jungen Mannes, sich des Weed 
e Erhressung schuidig, gemacht, zu haben. Die Ange ate 
ditreitet dase guͤchhboff bekundet als Zeuge, er habe die p 
Fklagte im Café Excelsior durch Frau Just kennen geirgt 
e hanle zur Angetlagten keine intimen Beziehungen, er ha 
sh bet ut he eduzl. Die Angeklagte habe, hm das Du 
ngebosen. Er hade zur damaligen Zeit ein Vermögen von 
300 dooe Ve gehabl und einen Anteil an einem Steinbruch. Er 
habe 1000 Mimonatlich zu verzehren gehabt, sei aber nicht 
ang damit ausgetommen. Sbwohl der Zeuge biervon der 
Angeklagten nichts gesagt habe, sei diese eines Tages in seine 
Wohnung gekommen und habe ihm gewissermaßen ein Dar⸗ 
ehen aufgedrängte Sie habe gesagt, sie käme auf Ver— 
niafsung der Frau Just. Er habe schließlich das Darlehen 
genommen. Die Angeklagte nahm mehrere Tausendmark⸗ 
scheine heraus und fragte den Zeugen: „Wieviel willst du 
haben?“ Er habe fich kausend Mark geben lassen und mußte 
bafür zwei, Wechsel über, je 680., M, auf, zwei Monate unter⸗ 
chreiben. Er halte damals von Wechselsachen gar keine Ahnung 
Frau Just habe dafür noch 100 MProviflion gefordert und er 
jalten. Die Angeklagte habe ihm damals erzählt, sie müßte 
iach Monte Carlo fahren, da ihre Tochter eine häßliche Ge— 
schichte mit einem Pudel habe und diese außerdem einen Hut 
zekauft habe, den sie noch nicht bezahlt hat, weshalb sie he⸗ 
srchtet, verhaftet zu werden,. Die Angeklagte bezeichnet dies 
ais umvahr. Sie habe gefagt, sie müsse fort, weil Oberlt. R. 
uch fort wollte. Der Zeuge bekundet weiter, später habe er 
Zurch Vermittelung der Gräfin Treuberg 4000 M, von einem 
Kaufmann Meyer erhalten und dafür einen Wechsel über 
3000 Mauf, zwei Monate, gegeben. Die Angeklagte erhiel 
dafür 100 MePropision. Diefe Wechselschiebereien haben sich 
ins unendliche gesteigert. Meyer habe ihm noch vielfach gegen 
angeheuerliche Zinsen Darlehen gegeben. Außerdem, habe er 
auf Veranlassung der Angeklagten einem gewissen Vogge in 
Straßburg Wechsel gegeben, von diesem aber niemals einen 
Fegenwert erhalten. Dem Meyer habe der Zeugçge für 11000 
Mark ije zwei Wechsel über 78500 Miakzeptiert. Auf, Befragen 
des Verteidigers Rechtsanwalt Dr. Julius Meyer]J bemerkt 
der Zeuge, er habe allerdings die Wechsel noch nicht sämtlich 
»ezahlt. Er werde sie aber noch bezahlen müssen, sobald er 
seine Erbschaft antrete. Der Zeuge bekundet weiter, die An—⸗ 
geklagte habe ihn gedrängt, sich ein Automobil zu kaufen 
und mehrere andere Geschäfte zu machen. Er habe dies aber 
abgelehnt. Darauf drohte ihm die Angeklagte, ihn bei allen 
Auskunfteien als zahlungsunfähigen Menschen zu bezeichnen 
und ihn wegen Verfehlung gegenn8 175 des StreeG.«B. an⸗ 
zuzeigen. Die Angeklagte habe ihn auch schließlich angezeigt. 
Der Zeuge, habe. um allen Unannehmlichkeiten aus dem Wege 
zu gehen, schließlich ein Automobil, obwohl er keinen Bedar! 
dafuür hatte. für 8000 Mugekauft und 2000 Mibar angezahlt 
Nach zwei Monaten habe er das Automobil zurxückgegeben;: die 
2000 Meien verloren gegangen. Für das Zustandekommen 
dieses Geschäftes perlangte die Angeklagte von ihm eine Pro⸗ 
difion von 800 M. er habe ihr aber nur 300 Mugegeben. 
Der Zeuge bemexkt auf Befragen des Vorsitzenden, daß er 
sich nsemals im Sinne des 8 173 vergangen habe, er habe 
aber trotzdem dem Drängen der Angeklagten nachgegeben, da 
hm eine Anzeige naturgemäß sehr unangenehm gewesen wäre 
und er auch befürchtet habe, die Angeklagte werde, wie sie 
ich äußerte. durch anonyme Briefe die Sache seiner Mutter 
mitteilen. Auf Befragen des Stagtsanwalts bemerkt der Zeuge 
veiter, er habe jetzt fein ganzes Vermögen verloren. Er habe 
allerdings eine Erbschaft in Aussicht. augenblicksich besitze er 
edoch nichts. Dagegen habe er 50—60000 Mi Svulden. 
38 900 Me habe er bestimmt durch die Schuld der Angeklagten 
Zerloren, die ihn zu allen, möglichen Wechsel- und anderen 
ßeschäften verleitet habe. Die Angeklagte bestreitet dies. 
Es gelangt der Fall Alten zur Verhandlung, Freiherr 
Hennig von Alten war Reserveoffizier und Regierungsrefe— 
— 
mehrfacher Millionär sein. Der Sohn haät sehr große 
Schulden, gemacht schon als Student und Gerichtsreferendar. Er 
ist einmal mit einer Million und ein zweitesmal mit 34 000 M 
arrangiert worden. Er ist dann durch einen Zufall mit der 
Angeklagten bekannt geworden. Sierbei geriet er wieder in 
eldperlegenheit. Die Angeklagte, hatte ihn zu den Geld— 
derleihern Pariser, und Comarus in Berlin geführt. Diese 
hahen ihm etwa 75 000 Mugegen Wucherzinsen geliehen, so 
daß der Konkursverwalter, Rechtsanwalt Dr. Hagenau in 
Hannover, nur 32 000 Maanerkannte. Die Geldverleiher haben 
iber. wie Rechtsanwalt Bahn nachwies, bisher keine Valuta 
»rhalten, da sich der Regierungsreferendar Freiherr v. Alten 
xschossen habe. Der Selbstmord soll geschehen sein, weil der 
Bater seinem Sohne jede Unterstützung versagt hahe. Die An—⸗ 
reklaate wmird nun der Röeihilfo des Muchers heschuldiat de 
die Quellen der Mode von heute. 
Von Margarete von Suttner. 
nge. Gs ist eine Tatsache, daß viele unserer modernen Kleidungs⸗ 
dücke, besonders der Kleiderrock, unter orientalischem Einfluß stehen, 
zine Tatsache, die aber nicht ausschließt, daß die Mode von heute 
auch bei gnderen Nationaltrachten und Stisen Anleihen gemacht hat. 
Wir brauchen das nicht weiter zu bedauern, denn darduch entsteht 
ein sehr Juntes, lustiges Modebild, und bunt, lustig zu sein, ist so⸗ 
zusagen eine Art heiliger Pflicht der Mode. Eine Mode, die dieser 
Anforderung nicht gerecht zu werden versteht, ist langweilig und öde 
— und daher eine verfehlte Mode. 
Die Tatsache, daß die Mode in aller Herren Länder Anleihen 
macht, ist nur von einem Gesichtspunkte aus zu beklagen — sehr zu 
beklagen! — nämlich insofern, als dieses „Anleihen-System“ die Mode 
n so hohem Grade kompliziert, daß die Allgemeinheit schon heute 
auf dem Punkte angelangt ist, den ich seit langem in Aussicht stellte: 
„Die Mode“, das was wir „Fachleute“ im strengen Sinne des 
Wortes darunter verstehen, ist nur noch einem verhältnismäßig 
kleinen Kreise von Frauen zugänglich, für die Allgemeinheit wird auf 
der Vasis dieser „Grundmaterie“ ein ähnliches Fabrilat zusammen⸗ 
zgestellt, an dem die allzu stark schillernden, prächtigen Eigenschaften 
des ursprüngtichen Vorwurfs gedämpft, an dem die kühnen, barocken 
Schnörkel gemäßigt, die allzu platten Flächen überbrückt, die weit 
klaffenden Schlitze zugenäht und die sehr freimütigen Dekolletés 
züchtig zugedeckt werden. 
Ich sagte, namentlich am Kleiderrock mache sich der orientalische 
kinfluß bemerkbar, und möchte hinzufügen, daß diese heute in mehr 
»der minder gemäßigter Weise ganz allgemein anerkannte Mode 
weifellos auf den Pariser Schneiderkünstler Poiret zurückzuführen 
st. Er war der erste, der diese „modes persanes“ herauszubringen 
vagte, — um darob nicht wenig verlacht zu werden! Er war der 
erste, der seinen die Toiletten vorführenden Mamnequins bunte 
zeidentücher nach Art des Turbaus inn den Kopf wand, der erste, 
* I 4 —38 9 —3839 * 38 
Montaag, den 24. November 19135. 
Apend-⸗Blatt Nr. 595. 
i isi ür die Vermittelung erhalten habe. 
A 3— ehna iede Dr. Sagenau bemerkt. 
‚orläufig sei allerdings eine Valuta diht gezahll, da aber 
If den“ Erfchossenen eine große Erbschaft fallen werde, o 
ei die Valuig nicht verloren. —, Da ein, Beisitzer verhindert 
st. heuts nachmitlag an der Sitzung keilzunehmen, wird die 
herhandiung aut Montas vormitias eerua:. — ⸗ 
Aus den Nachbargebieten. 
Hansestadte. 
Hamburg, 24. Now. Abteikung HSamburgs —X 
deutschen Kolonialgefellschaft. Bärgermeister 
DSwald, erster Vorsitzender der Abteilung, hat sich wegen vor⸗ 
jerückten Alters veranlaßt gesehen, von feinem Amte zurüczu⸗ 
reten. Der Vorstand hat hierauf Bürgermeister O'Swald in 
Anerkennung der hohen Verdienste um die Abteilung Hamburg 
um Ehrenvorsitzen den erwählt. Zum Nachsolger im 
Amte des ersten Vorsitzenden ist Senator Strandes erwählt 
borden. Zweiter Vorsitzender bleibt Dr. Friederichfhen. 
Todesfall. Gräfin Adeline Schimmelmann, die sich 
jamentlich als Förderin der Seemannsmission große Verdienste 
rworben hat, ist nach längerer Krankheit im Stift Zoar ge⸗ 
torben. Die Enkschlafene war bis zum Jahre 1890 Hofdame 
»er Kaiserin Augusta. Im Jahre 1886 begründete sie das 
Fischerheim auf Rügen und 18096 die „Gräfin Adeline Schimmel— 
vrann Internationale Missson G. m. b. H.“ in Berlin. Auch 
chriftstellerisßsch hat sie für die Bestrebungen der Seemanns⸗ 
mission überaus rege gewirkt. 
Schleswig⸗Solfteint. 
Neustadt, 24. Nop. Zum Hauptypastor hierselbst 
rnannt wurde von dem Kgl. Konsistorium in Kiel Pastor Wilh. 
depthien in St. Georgsberg bei Ratzeburg. Er wird am 80. Nov. 
n sein neues Amt eingeführt. 
Lauenbura. 
Sandesneben, 24. Nop. Wegen geringen 
Bbersonenverkehrs soll der Autobus nach Mölln, e'nem 
herücht zufolge, am 1. Dez. seine Fahrten ein'tellen. 
A Groß-⸗Boden, 24. Novy. Gedenkfeier. Am 
Dez. 1813 fand hier ein heftiges Gefecht zwischen dänischen 
cruppen und dem Dörenbergschen Korps statt, wobei auf 
zeiden Seiten eine größere Anzahl von Gefallenen zu ver⸗ 
eichnen war. Ein höherer Offiier, der hier verwundet wurde, 
tarb in Sandesneben und wurde auf dem dortigen Kirchhof 
eerdigt. Die Heldengräber zu Boden sind bercits vor Jahr⸗ 
ehnten dem Erdboden gleich gemacht und auch das Grab des 
zelden in Sandesneben ist nicht mehr zu bestimmen. Jetzt gedenkt 
er Kriegerverein zu Siebenbäͤumen auch diesen Tapferen einen 
zedenkstein an dem 100jährigen Gedenktage zu setzen. Die 
xeier soll durch Fackelzug, Ansprache und. Ball verberrlicht 
verden. 
Sandesneben, 24. Nop. Die Autolinien 
rach Mölln und Lübecd, die zuerst mit Freuden begrüßt 
vurden, beginnen allmählich ihre Schattenseiten zu ꝛeigen. Der 
lufenthalt im Omnibus läßt sich wohl auf kürzeren Entfer— 
unugen ertragen; auf weiteren Fahrten kagen schwächl'che Fabr— 
äste und namentlich Kinder über Kopfschmerzen, denen Er— 
rechen folgt, das dusch Einatmen der Verbremungsgase des 
draftwagens verursacht wurde. Die Chausseen des Kredses, die 
egelmähig von den Automobilen benutzt werden, leiden durch 
en großen Druck viel Schaden. An vielen Ste'len sind sie 
arum schon jetzt in hohem Grade schadhaft. Durch die Ort⸗ 
chaften fahren die Kraftwagen in schnellem Tempo, so daß 
bassanten häufig bei dem jetzigen Schmutzwetter mit Dred 
iberschüttet werden, ehe sie sich in Sicherheit bringen konnten. 
Luch die Häuser, Fenster und Staketts an der Straße werden 
Tag für Tag mit Schmutz bedect. 
Großherzogatsimer Mecllenburg. 
Schwerin, 24. Nopo. Der Brandstifter, der am 
Däittwoch die 450 Fuder Hafer bergende Gutsscheune in Bick⸗ 
zxusen vortfätzlich in Brand gesteckt hat, wurde mit Hilfe eines 
„iesigen Polizeihundes in einem obdachlosen Arbeiter ermittelt, 
»en der Gutspächter tags zuvor vom Hofe gewiesen hatte. 
Sternberg, 24. Nop. Landtag. In der Sitzung am 
Zonnabend wurden zunächst die Kommittenwahlen vorgenom⸗ 
men. Ein Stkmeriner Noskrint bat die Mhänderung der Verord— 
— — 
nung betreffend den Unterricht in den ritter⸗ und landschaftlichen 
Landschulen zum Gegenstande. Zwei Strelitzer Vorlagen, die 
ofort angenommen wurden, fordern für den Unterstützungs- 
derein der Witwen und Waisen von Lehrern jährlich je 1000 M 
und sür die Freiluftbehandlung von Lungenkranken iährlich 
3500 M. 
Wismar, 24. Nov. Zum Besten des Säuglings- 
Zeims in Petersdorf fand Freitag ein Wohltätigkeitssest im 
chũkenbause statt. xu daw un die Rrofezhor wain »rsschienen war. 
Luntes Auerlei. 
AB. Der Scheinwerfer — im Schuh. Die Industrie erfindet 
zu ihrer Hilfe oft seltsame Werkzeuge; das Neueste auf dem Gebiet 
ʒer Schuhfabrikation ist ein Scheinwerfer. Ein Prozeß, der weger 
ines aus der Sohle eines Schuhes vorstehenden Nagels gegen einen 
merikanischen Schuhfabrikanten angestrengt worden war, hat den 
Anlaß zu dieser Erfindung gegeben, bei deren Anwendung jeder im 
Innern eines Schuhes vorstehende Nagel entdeckt werden soll. Diese 
fkrfindung wird jetzt in Amerika unter dem Namen „Thompson 
Zearchlight Tack Detector“ auf den Markt gebracht. Ein Arbeiter oder 
ine Arbeiterin soll damit an einem Tage 1500 bis 1800 Paar Schuhe 
nit solcher Sicherheit prüfen können, daß nicht ein einziger Schuh 
nit einem durch die Brandsohle vorstehenden „Tack“ aus der Fabrik 
hinausgeht. Dieser „Scheinwerfer“ zum Entdecken von „Tacks“ ist, 
wie wir dem „Schuhmarkt“ entnehmen, ein kleiner, billiger Apparat, 
zei dem Lampen von 6 Volt oder 8 Kerzen verwandt werden können. 
der Apparat kommt gebrauchsfertig an und braucht nur mit der 
lektrischen Leitung an der Wand oder an einem Ständer auf dem 
rTische verbunden zu werden. Wenn die kleine, aber kräftige elektrische 
zampe in den Schuh geschoben wird, so erleuchtet sie das Innere 
vollkommen, und der vor der Lampe befindliche Spiegel reflektiert 
die Spitze umd die sonst nicht sofort sichtbaren Teile, sodaß keine 
Tacks“ oder sonstige Mängel unbemerkt durchgehen. 
m. Von den Glogden. Die Verbreitung der Glocken in Deutsch⸗ 
land beginnt im 9. Jahrhundert. Es gab damals geschmiedete und 
ruch schon gegossene Glocken. Bekannt ist, das der Volksmund der 
Sprache der Glocken allerhand Worte unterlegte. Am Rhein geht 
um Beispiel der Witz um, daß in den guten Weingegenden die 
Blocken läuten: bonum vinum, während in den Strichen, wo Apfel⸗ 
vein herhalten muß, die Glocken nur bimmeln: Aeppel Klaeppel. 
zIn der „Alten und Neuen Welt“ plaudert Gottfried Keßler über die 
Blockensprache. Der großen Glodke zu Frick im Aargau unterleg 
nan die Worte: „Susanne, Susanne, Alle Wetter dur anne!“ Inter⸗ 
ssante Glockeninschriften sind zum Beispiel die der großen Glocke 
zu Erfurt: „Ich heiße Susanne und treibe die Teufel von danne“, 
ruf einer Stuttgarter Glocke steht: „Osanna heiß ich, der böse Jeind 
lieht mich“. Bemerkenswert ist der Streit der Orte um eine gute 
Blocke. In Staufberg im Aarau hing, wie die Sage erzählt, eine 
chön tönende Glocke, die den Zürichern gefiel; als die Staufener aben 
sie gegen vieles Geld nicht hergaben, sandten die Züricher ihnen 
einen Seidenfaden, den sie um die Glocke binden sollten, damit sie 
noch besser klinge, davon bekam die Glocke einen Riß. Die Keitumer 
zanden dem Klöppel ihrer Glocke ein Roßhaar um, damit sie zer⸗ 
prungen töne und die Leute von Hoya sie ihnen nicht stehlen. 
C. K. Englische Posiftatistit. Aus London wird berichtet: Der 
oeben erschienene amtliche Bericht des britischen Generalpostmeisters 
jewährt einen fesselnden Einblick in die gewaliige Arbeitssumme, die 
ie Post in England zu bewältigen hat und zeigt gegenüber dem 
Lorjahr eine bemerkenswerte Zunahme der Inanspruchnahme der 
Post. Es wurden 3298 Millionen Briefsendungen befördert, was 
zegenüber dem Vorjahre eine Zunahme von 314 96 bedeutet. Die 
Drucksachen und Muster ohne Wert stiegen um 1,296 auf 1079 
Millionen Sendungen, die Pakete um 3,.996 auf 130 Millionen 
Sendungen und die Zeitungsbeförderung um 1,8 96 auf 202 Millionen 
Ablieferungen. Den stürksten Zuwachs weisen die drahtlosen Tele— 
zramme auf, die um 159 zunahmen und die ansehnliche Zahl von 
51 105 Funkspruchsendungen erreichten. Bei den Postsparkassen wurden 
m Laufe des vergangenen Jahres über 1020 Millionen Marl Spar⸗ 
gelder eingezahlt. Interessant ist die Feststellung, daß die Postlarte 
hre Popularität beim Publikum einzubüßen beginnt, die Zahl der 
»erlangten Postkarten ist zurückgegangen, statt ihrer 
zedient sich die Offentlichkeit in immer stärkerem Maße des Fern⸗ 
prechers. Noch eine Kuriosität: im vergangenen Jahre wurden nicht 
veniger als 408000 Sendungen ohne, Adresse auf— 
gegeben und konnten daher auch nicht befördert werden 
der Toiletten aus glatten, geschmeidigen Seidenstoffen anfertigte, in 
Farben, wie sie bislang znicht zu Kleiderstoffen verwendet worden 
varen. Das krasseste Beispiel aber ist wohl folgendes: Heute vor 
wei Jahren zeigte Poiret uns ein Kleid, über das ein halblanges 
döchkchen überfiel, dessen unterer Rand durch einen Reifen ausein— 
mdergehalten wurde. Man war damals entsetzt über die Zumutung, 
iesen „Lampenschirmüberwurf“ tragen zu sollen, ihn, der heute in 
eicht gemäßigter Gestalt „die große Mode“ bedeutet, eine 
Rode, die sich indessen schwerlich allgemein durchsetzen wird. 
Eine durchaus orientalische Liniengebung haben jene Röcke, die, 
uus weichen Stoffen gebildet, beim Gehen um die Knie „plodern“ 
md unten einen auf ein Minimum beschränkten Umfang aufweisen, 
ei es dadurch, daß die Stoffbahnen sich vorn kreuzen und nach oben 
ezogen werden, sei es, daß der Rock in zerlegtem Zustande oben 
edeutend enger ist als unten, also naturgemäß die Linie einer 
beiten „Pluderhose“ bildet, um so mehr, als er unten einen Schlitz 
at, haben muß, denn das Gehen würde sonst zur Unmöglichkeit; 
nan hat sich also mit dem Anblick abzufinden, daß das Bein bis 
ur halben Wadse sichtbar wird. 
An das Kostüm der Orientalin erinnert uns auch die langen, 
Aeich Flügeln überhängenden Armelteile aus stark durchsichtigen 
Stoffen, die in zahllosen Abarten der Form — bald kurz, bald fast 
»en Boden berührend — an vielen Abendkleidern zu finden sind, 
nanchmal in derselben Farbe wie das Kleid, manchmal aber auch 
on ihr abstechend. 
An die Tracht der Orientalin gemahnt endlich eine große Anzahl 
der zum Teil sehr kostbaren Phantasie-Kopfputze mit den kerzen⸗ 
jerade oberhalb der Stirn emporragende Reiherstutzen, die auf⸗ 
wachsen aus antik eingefärbten Metallborten, die an unseren Füßen 
befindlichen Seiden⸗ Samt⸗ und Goldbrokatschuhen jeglicher Farbe, 
ie goldenen Fransen und Quasten, welche die Tunilas besäumen, 
mnd die langen Perlenschnüre, die über Hals und Arme herabhängen. 
Aus den letzten französischen Jahrhunderten haben wir die 
anierartigen Roc⸗Arrangements entlehnt, die groß⸗brochierten Stoife, 
die zahllosen Meter handgenähter Miniatur- oder Riesenblumen, die 
yvuftige Mädchenkleider und gewagte Frauen-Corsagen dekorieren, die 
modern⸗alten“ Miniaturfächer, ja, man versucht sogar — und einige 
xzentrische Damen haben diese Mode tatsächlich angenommen — 
dem gepuderten Haar zu neuen Ehren zu verhelfen. 
Wir haben aus der Empirezeit den im erhöhten Taillenschluß 
iegenden Würtel herübergeholt und den aus diesem Gürtel bervor⸗ 
qzuellenden, leicht eingekräuselten Rock, wie er von jungen Mädchen, 
nur durch einen einfachen Tunikaüberwurf bereichert, noch immer 
iel getragen wird. Wir haben in diesem Jahre für 
usgeschnittene Taillen das kleine Puffürmelchen des 
smpireleibchens angenommen — allerdings aus so durch⸗ 
ichtigem Stoff, daß man es kaum sieht. Wir tragen die Boas, 
—„chärpen und die riesigen Muffs, wie sie zu jener Zeit Mode waren. 
Vir „inspirieren“ uns an gewissen Hutformen des zweiten Kaiser⸗ 
eiches, und wir haben uns selbst von den vor zwanzig Jahren are 
verspotteten Biedermeiergewändern einiges ausgeborgt: bunt geblumte 
naive Bänder und Schärpen, kindliche Blumenzierrate, Fichüs und 
indere Kleinigkeiten mehr. 
Und wer müßte nicht an den Schmud eines Aschanti denlen, 
venn er die farbigen, lustigen Glasperlketten sieht, die, auf bunte 
Seidenschnüre aufgezogen, von Quästchen und Knötchen unterbrochen, 
baris als größte Sommerneuheit herausbrachte? Wer nicht an den 
dendenschurz der Eingeborenen Afrikas, wenn er gewisse Schärpen⸗ 
ebilde betrachtet, welche die modischen Toiletten ausstatten? Andere 
fkrinnerung löst ein Kopfputz aus, den ich kürzlich an einer weld⸗ 
ekannten, eleganten Schönheit sah: hohe, schwarze Stangenreihen 
mgaben, auf einent Straßenbandeau aufsißend, wie ein mächtiger 
deiligenschein von einem Ohr bis zum andern laufend, den Kopf. 
Jeder weiß, wo er diese in die Luft stehenden Federn schon erblickte: 
ils Kind, in den Bilderbuchern, die uns von den Taten tapferer 
indianerhäuptlinge berichteten....
	        
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