Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

in Veracruz acht amerikanische Familien angekommen. Sie be— 
richten, daß ein allgemeiner Auszug der Ausländer begonnen 
habe. 
Washington, 19. Nov. Infolge der Niederlage der mexika— 
nischen Bundestruppen bei Viktoria und der Einnahme der 
Stadt durch die Insurgenten wartet jetzt der deutsche 
Kreuzer „Bremen“ in Tampico, im nächsten Hafen, u m 
deutsche Flüchtlinge an Bord zu nehmen. Der 
deutsche Kreuzer „Nürnberg“ ist nach San Blas entsandt 
vorden, um dort Deutsche aufzunehmen, die aus 
Tepic geflohen sind, ehe die Stadt von den Insur⸗ 
genten eingenommen wurde. 
London, 19. Nov. Wie das Reuterbureau amtlich erfährt, 
vurden zwei englische Kreuzer nach den mexrikanischen 
Gewässern entsandt, um im Notfalle englische Untertanen zu 
chützen. 
— * be 
Deutsches Reich. 
Vom Kaiserhause. Die Kaiserin traf Mittwoch fruh 
Uhr 32 Min,, von Kassel kommend, auf Station Wildpark 
in und verweilte auf dem Bahnsteig, bis 7 Uhr 42 Min. der 
Zonderzug mit dem Kaiser aus Kiel eintraf. Nach herz⸗ 
licher Begrühßung verweilten die Majestäten längere Zeit im 
Fürstensalon der Station. Sie begaben sich gegen 8 Uhr im 
Automobil nach dem Neuen, Palais. — Das von einem 
ächsischen Blatte verbreitete Gerücht von einer angeblich bevor⸗ 
tehenden Scheidung der Ehe des Prinzen Eitel Fried— 
rich von VPreußen wird von zuständiger Seite als völlig 
rus der Luft gegriffen aufs entschiedenste dementiert. 
Oberst von Reutter bleibt im Dienst! Wie wir von 
unterrichteter Seite hören, ist die Behauptung, daß der Kom— 
nandeur des 99. Infanterieregiments, Oberst von Reutter, 
vegen der Vorkommnisse in Zabern verabschiedet werden soll, 
anzutreffend. Es ist gar nicht davon die Rede, daß Oberst 
don Reutter den französischen Elementen im Elsaß „geopfert“ 
vorden ist. Es liegt nach wie vor im militärischen Kabinett 
lein Abschiedsgesuch vor, und es wird auch keines erwartet. 
Man teilt an dieser Stelle auch nicht die vielfach geäußerte 
Ansicht, daß sich der Oberst in dieser Angelegenheit „schlapp 
jezeigt habe. Uebrigens hat Oberst von Reutter, nachdem sein 
Irlaub beendet ist, bereits seinen Dienst wieder übernommen. 
Das Interview Kokowtzows. Der Berlin durchreisende 
russisghe Staatsmamn hat sich, wie telegraphisch schon kurz 
perichtet. von einem deutschen Berichterstatter befragen lassen. 
Wenn dieser den Gesamtinhalt des Gespräches wiedergegeben 
jat. wundert man sich über dessen Einseitigkeit. Es hieß 
och, dak Kokowtzows Berliner Besuch wesentlich auch einer Aus— 
prache über die armenische Frage gelte; aber davon 
rfahren wir nichts, und ebensowenig über Ostasien, des'en 
insicherer Zustand die Aufmerksamkeit der Russen doch in so 
hem Grade in Anspruch nimmt. Abanien und das öster— 
eichisch-russische Verhältnis sind die Hauptgegenstände 
»er Besprechung gewesen, von denen der Oeffentlichkeit Mit— 
eilung geschieht. Ohne Widersprüche geht es dabei nicht ab. 
finmal werden die Londoner Beschlüsse. also auch die albanische 
Frenzfestfetzung, für durchaus irrevisibel erklärt, und dann 
bieder von einem am 17,. November eingelaufenen Ver— 
nittelungsvorschlage erzählt, der eine „Brücke“ zwischen den 
useinandergehenden Wünschen zu schlagen geeignet scheine. 
DBesterreich aber sowie Italien werden für ihr serbisches 
Itimatum mit verhältnismähiger Schärfe getadelt. Die 
Solidarttät der Großmächte wird als die einzig 
gegebene Grundlage für friedliche Erledigungen von Streit— 
sfragen bezeichnet und behauntet, Oesterreich-Italien hätte diese 
ichere Grundlage ohne Not verlassen. Daß anderen Leuten 
eine solche Gewähr nicht vorzuliegen scheint, so lange noch 
iach neuen „Brücken“ ausgeschaut wird, als ob die vor— 
jandenen Strombauten doch nicht das letzte Wort dargestellt 
zätten. darüber sollte der Herr Minister sich weniger ver— 
pundern. Tatsächlich scheint er, sowie auch das ganze Drei— 
verbands-Milien, in dem er sich vor seiner Reise nach Berlin 
hewegt hat, den Oesterreichern allerdings sehr stark verdacht 
zu haben, daß sie sich bei der abermaligen serbischen Grenz⸗ 
zerletzung ihren Rechtsschutz selbst besorgten. Denn wenn er 
etent, daß vor seiner Abreise aus Rußland, also vor sechs 
Wochen, die österreichisch-russischen Beziehungen besonders zu— 
riedenstellend gewesen seien, so soll der Hörer den Schlußsatz 
vohl selber bilden, daß sie seitdem wieder schlechter geworden 
ind. Nun, wir wollen hoffen, daß er hier in Berlin bald 
jber die völlige Aussichtslosigkeit aller Versuche aufgeklärt 
vird, Stimmung gegen unsere altbewährten Bundesgenossen 
u mochen. Geschäftig genug sind die Russen ja in daat 
Ein pathetischer Seufzer entringt sich Madame Lolos tirsch⸗1 
roten Lippen, während sie sich rasch abwendet, um ihre 
ichtliche Unruhe zu verbergen. 
— „Natürlich — wenn du es wünschest. Aber ich warne dich 
iochmals: überlaß die Sache auch fernerhin mir! Es ist zu 
»einem Besten.“ 
(WFortseßung folat.) 
Theater, Kunst und Wissenschaft. 
Lübeck 20. Nov. 
Stadttheater. 
„Der Biberpelz“. 
Eine Diebskomödie von Gerhart Hauptmann. 
Gerhart Hauptmann, der Realist, der minutiöse Werklich— 
eitszeichner, wie er in den „Webern“, in „Rosa Bernd“ und an⸗ 
eren seiner früheren Werke in die Erscheinung tritt, erfreut 
ich heute nicht mehr einer solchen Zustimmung zu seinen künst⸗— 
erischen Abfichten, als wenn er, hinausgreifend über die reine 
Wirklichkeit, Menschheitsprobleme erfaßt oder traumtrunkene 
Schönheit in ergreifender Sptache zur Gestaltung bringt. Auch 
eine Wirklichkeitsstizze „Der Biberpelz“, dessen naturalistischem 
dintergrunde durch groteske Uebertreibungen humorhafte Schlag⸗ 
lichter aufgesetzt sind, die die bitterboöse Satire in befreiendes 
Lachen wandeln, ist nicht mehr der Wirkung sicher, wie früher. 
kine dramatische Steigerung, eine Konfliktssormung und-Lösung 
sfindet in ihr nicht statt, es ist eine dramatisierte Novelle, eine 
Sktizze, fein gezeichnet in der ihm eigenen scharfen Beobachtungs- 
zabe und plastischer Gestaltungskraft, die den Personen viel⸗ 
zestaltiges Leben gibt, sie als wahr und blutwarm empfnden 
läht, ohne daß doch ihr Handeln tieferes Interesse auszulösen 
dermag. In diesen fein flizzierten Einzeltypen liegen für den 
Schauspieler prächtige und dankbare Aufgaben, in der Kunst 
u charakterisieren, Aufgaben, denen sich am Dienstag abend die 
Künstler unseres Stadttheaters mit wechfelndem Glücke unter⸗ 
ogen. Die geschlossenste Leistung war wohl Julius Wolff, der 
Atliche, verschlagene, ein wenig seige „Mann seiner Frau“, den 
Georg Brunow in meisterhafter Durcharbeitung und köst⸗ 
licher Naturalistik gestaltete; er war schlechterdings unübertreff- 
ich in der Abwägung der kleinsten Züge und Eigenheiten; eine 
dandbewegung, eine Kopfwendung, und es tauchte die ganze 
nichtung. In dieses Kapitel gehört auch wohl Kokowtzows 
arter Wink, die deutsche Presse möge sich künftig ihre In— 
ormationen über russische Verhältnisse aus amtlicher russi— 
cher Quelle besorgen, und der besondere Hinweis der neu— 
egründeten „Deutsch-Russischen Gesellschaft zum Studium 
dußlands“ auf diese Studienmethode. Für die deutsche 
Peffentlichkett mag diese Bemerkung an Stelle der von 
dokowtzow gewünschten Wirkung die umgekehrte haben: sie zu 
erdoppelter Vorsicht gegen die künftigen Veröffentlichungen 
ieser Gesellschaft aufzufordern. 
Zündstoff im Reichsstag. Aus parlamentarischen Kreifen 
bird uns geschrieben: Dem bevorstehenden Wiederzufammentritt 
es Reichstages sieht man ziemlich allgemein mit mähßigem 
interesse entgegen, weil anscheinend keine aufregenden Debatten 
u erwarten sind. Aber der Schein täuscht auch hier. Liegen 
ruch noch keine heißumstrittenen neuen Gesetzentwürfe außer dem 
Zonntagsruhegesetz vor, so fehlt es doch keineswegs an partei⸗ 
olitischem Zündstoff für die nächste Zeit. Mlein schon die drei 
ingekündigten sozialdemokratischen Interpellationen über reichs— 
esetzliche Arbeitslosenversicherung, Ausschließung des Abgeord 
leten Liebknecht aus der Rüstungskommission und die Wacdes— 
lffäre in Zabern werden zu hitzigen Parteigefechten führen, 
a die auch die Regierung hineingezogen wird. Außerdem 
ommen sehr bald die Entscheidungen über die Ungültigkeits— 
rklärungen der Wahlen von Haupt (Soz.), Kölsch (Natlib.) und 
duckhoff (Zentr.). Schließlich werden auch bei der Etatsberatung 
der in einem besonderen Antrage die neuerlichen Bestrebungen 
uf Einführung eines wirksameren Arbeitswilligenschutzes recht 
emperamentvoll zum Austrag gelangen. Es ist also schon für 
ie nächsten Wochen mit lebhaften Auseinandersetzungen im Reichs 
arlament zu rechnen, die das augenblicklich etwas schläfrige 
interesse för innere Politik shnell auffrischen dürften. 
Der Erfurter Refervisten-Prozeß. Zum Revisionsverfahren 
jegen die fünf Erfurter Reservisten steht Termin zur Revisions— 
nerhandlung im Reichsmilitärgericht am 25. November an. 
DT. Weitere Ausgestaltung der „Telegraphen⸗Union“. 
berlin, 20. Nov. Die neuerdings unter der Firma „Tele⸗ 
zraphen-Union“ geschlossene Interessengemeinschaft der 
sier Depeschenbureaus: Louis Hirschs Telegraphisches Bureau, 
zerold Depeschen-Bureau G. m. b. H., Preß⸗-Zentrale G. m. 
d. H. und Deutscher Telegraph G. m. b. H., hat eine weitere 
Ausgestaltung dadurch erfahren, daß nunmehr auch das 
merikanische Depeschenbureau Richard Schen—⸗ 
el, Sitz in Berlin und Newyork, diesem Konzern beigetreten 
st. — Da wir von den vorstehenden Depeschenbureaus mit 
Meldungen versehen werden, sind wir in der Lage, unseren 
Lesern ein reichhaltiges und vielseitiges Nachrichtenmaterial aus 
aller Welt zu bieten. 
v 
Ausland. 
Desterreich⸗ Ungarn. 
Eme Thronrede Kasser Franz Josefs. Gestern miitag fand 
nder Wiener Hofburg der feierliche Empfang der Delega— 
ionen statt. Auf die Huldigungsansprachen der Präsidenten 
er beiden Delegationen erwiderte der Kaiser mit folgender 
hronrede: Ich nehme die Versicherung treuer Ergebenheit, 
elche Sie soeben an mich gerichtet haben, m't warmem Dank 
ind aufrichliger Genugtuung entgegen. Die kriegerischen Ver— 
zickelungen am Balkan, deren Ausbruch Ihre Aufmerksamkeit 
nläklich der letzten Delsegatlonsscssion beschäftigte, haben mif 
zeendigung des zweiten Balkankrieges ihren Abschlukß ge— 
inden. Im Verlaufe der Krise war das Bestreben meiner 
legierung darauf gerichtet, die politischen und ötonomischen 
interessen der Monarchie vor Schädigung zu bewahren und 
uf das tunlichste auf eine Konsolidierung der Lage im nahen 
Isten hinzuarbeiten. Angesichts der großen Bedeutung, welche 
as Adriatische Meer als einziges Ausfallstor unseres mari⸗ 
imen Handels für die Monarchie besitzt, hat meine Regierung 
hr besonderes Augenmerk auf die Lösung der a'banischen Frage 
erichtet. Im vollen Eirvernemen mit der verbündeten ita ie— 
ischen Regierung haben wir die Gründung eines urabhängigen 
„ürstentums Albanien auf der Londoner Botschafterkonferenz 
a Anregung gebracht und hierbei die Zustimmung und Unter— 
ützung der Mächte sür unsere Bestrebungen gewinnen kömnen. 
Insere Bestrebungen zu allen Mächten sind anhaltend freund— 
haftliche. In ernster Zeit erwies sich das Bündnis, welckes 
ins zum Heile unserer Völker seit Jahrzehnten mit dem 
Ddeutschen Reiche und mit Italien verbindet, wieder als fester 
zort des europäischen Friedens. Der mich sehr 
rfreuende jüngste Besuch des Deutischen Ka'sers in Wien bietet 
neuerlich ein Zeugnis für den »w'ischen uns und dem Deufschon 
Psyche dieses Wesens aus der Versenkung auf.d Fast zu gleicher 
Ssöhe erhob sich die Charakterisserungsgabe Minna von 
Seemens als Waschfrau Wolff. Es war schade, daß sie 
‚euweilen den Dialekt vergaß und dann und wann in ein allzu 
eines Hochdeutsch fiel. Ihr Spiel war glänzend. In der Er— 
assung ihrer Rollen am nächsten standen ihnen der zwerchfell— 
rschütternde Georg Hilbert als ewig betrunkener Amts⸗ 
riener Mitteldorf, dessen stummes Spiel ron köstlichem Humor 
urchtränkt war, und Anna HSueppeden als verdorbene 
zöhre Adelheid, die mit drastischer Unbekümmertheit e'nen ganz 
amosen Typ schuf. Recht unausgeglichen wirkte Edgar Pauly 
s Amtsvorsteher Wehrhahn, der sich häufig im Tone und in 
ꝛer Gebärde vergriff. Gänzlich unzulänglich war Carl Lerch 
lIs Dr. Fleischer, der für die Rolle anscheinend wenig Lust 
atte und das allzu deutlich zeigte. Ich empfehle dringend die 
ektüre des sehr guten Buches von Julius Bab „Nebenrollen“! 
die übrigen Mitwirkenden erledigten sich ihrer Aufgabe recht 
ungemäß, so daß ein gutes Zusammenspiel zustande kam, für 
vas das wenig zahlreiche Publikum, wie auch sür die Einzel— 
eistungen. lebhafte Anerkennung fand. Dr. K. 
Philharmonischer Chor des Vereins der 
Musikfreunde. 
„Judas Malkllabäus“, 
biblisches Oratorium von Georg Friedr. Händel. 
Das gewaltigste Oratorium Händels, „Judas Makka— 
äus“, ist mit seiner lebensprühenden Musik tief ins Volk ge— 
rungen und hat fich bis auf den heutigen Tag in seltener 
rrische erhalten. Das Textbuch sowohl wie das Programm 
»er gestrigen Aufführung waren von einer so klaren Ueber⸗ 
icht und gaben ein so getreues Bild von der jeweiligen 
Zituation des bedrohten jũüdischen Volkes, daß wir uns dies— 
ezügliche Erörterungen ersparen können. Herr Wilh. Furt⸗ 
pängler hatte fich des Werkes (das hier 1878 zum letzten 
Nale gehört wurde) mit seltener Energie angenommen und 
rachte besonders den großen Oratoriumstil eindrudsvoll und 
berzeugend zur Geltung. Die Tempi waren breit erfaßt und 
amen durch straffen, prägnanten Rhythmus zu großzügigster 
Virkung. Der ganze Apparat von Chor und Orchester wurde 
on Herrn Furtwängler fest und licher durch alle Fährnisse 
Reiche bestehenden engeren Freundschaftsbund. Das 
ordentliche halbjährige Budget meiner Kriegsverwaltung be⸗ 
wegt sich in normalem Rahmen. Durch die erhöhte Kriegs— 
oereitschaft des letzten Winters sind erhebliche Aus!agen ver⸗ 
ursacht worden. Dieselben werden Ihnen als Mehrforderungen 
unterbreitet werden. Ich empfehle deren Berüdsichtigung Ihrer 
bewährten patriotischen Opferwilligkeit. In treuesler Pflicht⸗ 
erfüllung hat meine bewaffnete Macht die als Folge der 
ernsten Ereignisse am Balkan an sie gestellte mühedolle Auf⸗ 
gabe unter schwierigen Verhältnissen zu meiner vollsten Zu— 
friedenheit durchgeführt. Gestützt auf die erprobte Schlag⸗ 
fertigkeit des Heeres, der Kriegsmarine und der beiden Land⸗ 
vehren war es meiner Regierung möglich, den von ihr er 
trebten Zielen mit friedlichen Mitteln Geliung zu verschaffen. 
Trotz der kriegerischen Vorgänge in den Nachbarstaaten erfuhr 
ie kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung Bosniens und 
der Herzegowina keine Störung. Die Annahme des Eisen- 
bahnbaugesetzes im bosnisch⸗herzegowinischen Landtage, welches 
die den beiden Ländern aus politischen und wirtschaftlichen 
Sründen dringend notwendigen Verkehrsverbindungen zu 
zringen berufen ist, bildet den Beweis des reifen Verständnisses 
»ieser Volksvertretung für die groken Interessen der Monar⸗ 
hie! Indem ich auf Ihre Einsicht und Ihren patriotischen 
Lifer rechne, welchen Sie der Erfüllung Ihrer Aufgabe zuwenden 
werden. heike ich Sie herzlich willkommen. 
— ut he 
zsterreichischan Wirtshaftsperbandes. In den Räumen des 
Industrie⸗Hauses zu Wien fand Dienstag abend die Generalven 
ammlung des Bundes der österreichischhen Industriellen stalt an 
er auch der Vizepräsident des deutschen Reichstages, Geheimrat 
x. Paasche, teilnahm. der einen Vortrag über „Desterreich 
Ingarns wirtschaftliche Beziehungen zu Deutschland“ hielt. Der 
Zräsident des Industriellen-Bundes, Velter, begrüßte die er— 
chienenen Vertreter, der Regierung sowie die Delegierten des 
Bundes der, Industrieilen in Berlin und des VBundee 
mngarischen Fabrikindustriellen. Er, gab fortlaufend einen Uebert 
Nick über die Entwidlung und die Aussicht ver industriellen 
Konjunktur und kennzeichnete die Stellungnahme der Industrié 
u den gegenwärtig wichtigsten wirtschaftspolitischen Frägen. 
ßesondere Sensation erregle ein Passus in der Rede, in dem 
hräsident Vetter eine Kritik unserer duswärtigen Politit übte, 
bräsident Vetter erklärte, es sei nicht zu leugnen, daß durch 
ine nicht sehr glücklich vom Auswärlkigen Amt inspirierte Preß—⸗ 
dampagne die Kriegsfurcht und Besorgnisse, daß Oesterreich— 
Ingarn guch in die Baltanwirren hincingezogen würde, noch 
veiter gesteigert würden und daß manche Epifode in der Preß⸗ 
dampagne — zum Beispiel die Affäre Prochasska — schlich!ich 
en Glauben nicht von der Hand weisen hieß, daß die Kriegs⸗ 
esorgnisse künstlich gesteigert, werden und dah die insoige der 
driegsfurcht ausgebrochen Wirtschaftsdepression entschieden ver— 
härft wurde. Auch könne man jetzt amn Ende der ganzen 
iplomatischen Aktionen der lehlen Monate als Ergebnis bn- 
gtieren daß man nicht neue Freunde gewonnen, wohl aber 
lte Freunde perloren oder zum mindesten in alten freund— 
haftlichen Beziehungen eine Trübung erfahren habe, was für 
die. Industrie eine wenig erfreuliche Tatsache fei. Diese 
infachen Konstatierungen — so führte der Redner aus “ 
enũgen und bedürfen nicht erst einer weileren Untersuchung. 
)b Tasjenige, was man in der österreichischen poutit durd 
ie diplomatischen Aktionen der setzten Zeit etreicht hat, näm⸗ 
ich die Gründung Albamens, wirllich jenen Milliardenaufwand 
gert sei. welcher direkt und indirekt von der ösierreichischen 
VBolkswirtschaft hierfür ausgegeben worden ist, muß die Zu⸗ 
unft Lebhren.“ — Sierauf besprach der Redner die wirtschaft— 
ichen Verhältnisse und begrüßte zum Schlüß in warmen Worten 
den Vizepräsidenten des deutschen Reichsstages, Geheimrat Dr. 
Zaasche, der sodann das Wort ergriff. Geheimrat Dr. Paasche 
zing bei seinen Ausführungen über die deutsch⸗sterreichischen 
Wirtschaftsbeziehungen davon aus daß die feil Zahren in 
eiden Kaiserreichen zutgge getretenen Vestrebungen einen 
ngeren Zusammenschluß der beiden, politisch, einander nahe 
ehenden Nachbarreiche auf wirtschaftlichem Gebiete in neuester 
zeit eine besondere Bedeutung ersangt haben, nachdeni die jetzt 
Nüdlich hinter uns liegenden politischen Verwidluungen guf dem 
Balkan wohl allseitig die Ueberzeugung geftaäͤrft haben. daß 
)esterreich Ungarn und Deufschland im Verbande nit Itglien 
ie icherste Gewähr für die Erhaltung des Weltfriedens bilden. 
Ddie drohende Gefahr eines Weltkrieges. der unsägliches Elend 
ber die europäischen Großmächte gebrächt hältie, ist in erfier 
Linie abgewendet worden durch das treue Zusammenhalten der 
verbaͤndeten Nationen. Trot mancher Berstimmungen, in den 
inzelnen Phasen der politischen Entwicklung, die auf, beiden 
Zeiten unleugbar vorhanden war, hat sich doch der Gedanke 
mmer mehr verstärkt, daß nur durch den Fortbestand des 
Zreibundes, und speziell der deutscheösterreichisch-⸗ungarischen 
Freundschaft die Neugestaltung der politischen Verhältnisse auf 
em Balkan zum, Segen für das mitteleurbpänfche Wirishafi 
eben weiter gebildet werden kann Poltische Freundsaan 
ann aber guf die Dauer nicht Bestand haben ohne gleichs 
eitige wirtschaftliche Verständigunge Redner sprach zum Sluß 
die Hoffrrung aus, daß es in baldiger Zukunft möglich sein 
verde, zu emer zollpolitischen Sonderstellung der beiden ver— 
ündeten Reiche zir kommen. Den Schluß seiner Ausfuührungen 
irdete die Propaganda für die Bildung eines gleichartigen 
isferreiichischoadeutschen Wiicheftenorhandes 
geleitet. Ein kleines Versehen des Soprans am Schluß wurde 
erfreulicherweise gleich wieder eingerenkt. Die glückliche Ein— 
führung des Domknabenchors in den Chor „Seht, er kommt 
nit Preis gekrönt!“, in gesteigerter Kraft von den „Jung⸗ 
frauen“ und dem vollen Chor aufgenommen, brachte einen 
Siegesjubel hervor, den man fast mit den Augen verfolgen 
konnte. Die ungemein klare Form, die seltene Kraft und Frische, 
besonders dieses Händelschen Werkes, lassen das Gefühl der 
kinförmigkeit des Textes gar nicht aufkommen. Wundervoll 
zreit und gemäßigt sind die Trauerchöre behandelt, wie beispiels— 
veise der Tod des Matthias. Die energisch erfaßte Ouvertüre 
eitet gleich in diesen herrlichen Chor hinüber. 
Um der äußerst gelungenen Aufführung die Krone auf— 
ufetzen, waren vorzügliche Solisten gewonnen worden. Die 
zekannte Konzertsängerin Eva Leßmann hatte den Sopran— 
art übernommen. Die ausnehmend schön geschulte Stimme 
am besonders vorteilhaft in der zarten Arie: „Dann tönt der 
Laut' und Harfe Klang“ und in den Duetten mit der Alt— 
timme zur Geltung. Der zweite Teil der Arie erinnert lebhaft 
in die Sopran-Arie im „Messias“: „Ich weiß daß mein Er⸗ 
öser lebt.“ Wir möchten Frl. Leßmann einmal als feinsinnige 
Liedersängerin hören; — für den großen Oratoriumstil fehlt 
s etwas an pastosem Ton. Die Altistin Frau Maria Seret⸗ 
»an Eyken verfügt wohl über ihn, doch war der Ton 
in wenig kehlig und die Intonation nicht immer ganz 
rein. Die energischen Soli des „Boten“ lagen der Sängerin 
im besten, weniger gut erklang das weiche Gebet für die Ein— 
veihung des neuen Altars. In Herrn Hermann Gürtler, 
Wien, dem Vertreter des Judas Makkabäus, hörten wir einen 
enkenden, mit machtvoller Stimme begabten Tenor, der die 
raftstrotzende Partie höchst romantisch wiederzugeben wußte. 
fin feiner Zug des Sängers war es, nach der freudestrahlend 
gesungenen Arie: „Wed auf die Kraft, mein Arm zur Schlacht“, 
bor dem darauf folgenden Chor, ein kurzes Schlußrezitativ zu 
zringen, ein Charakteristiklum Händels, das Chrysander hier 
sehlen läßzt. Sehr stimmungsvoll wurde von Herrn Gürtler 
das wundervolle Rezitativ: „So sprach mein Vater“ gesungen, 
oie auch eine besondere Befähigung für Koloratur dem Sänger 
rachzurühmen ist. In den Krafftstellen dürfte die Stimme 
reilich etwas gemäkigt werden, da sonst leicht ein etwas
	        
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