Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

Tagesbericht. 
Lübeck, 15. November. 
n.st. Vereimiate Mãmergefongvereine des Nieder ach⸗ 
mchen Sängerbundes zu Lubeck. Es ist immer sehr n 
wveunn sich verschiedene, gut geschulte Chore zu e?wen 
alischer Sache zusammenschiehen, was, hier viel diter der 
l sei ie kraftvollen Kompositionen können nur 
Fall sein sollte. Die kraft ⸗ gin 
abei gewinnen und die feine Ausfeilung der kleineren 
Im ist um so verdienstlicher, je größer der Chor ist. I 
— We v 
vereine zu einem Ganzen zu, fugen und sie 
rurzer Zeit seinem Willen untertan zu 
nachen. Herr Carl Eberding löste gestern diese Aufgabe 
n außerordentlich tüchtiger Weise und — was für ihn am wün⸗ 
chenswertesten sein mochte — es gelang alles nach seinem Wollen. 
Die Chöre intonierten rein, sangen geschmadvoll und mit be— 
geisterter Hingebung. Der unsterbliche Chor aus der „Zauber⸗ 
löte“, „O Schutzgeist alles Schönen“, leitete das hübsch zu⸗ 
jammengestellte Programm ein. In reiner, erhabener Weise 
og er an unserem Ohr vorüber. Von den kleineren Liedern 
eien ganz besonders genannt: „Wie's daheim war 
»on Wodhlgemuth, „Dorfreigen“ von Marx, der 
viederholt werden mußte, „Einkehr“, nach dem Text 
»on Emanuel Geibel, „Die lustigen Musikanten“ wvon 
Riccius und das unverwüstliche alte oindahendears 
E einrichs). s letztgenannte Lied mußte dem bei— 
3 werden. Die platt⸗ 
»eutschen Lieder unserer einheimischen Komponisten bildeten einen 
punderhübschen Kontrast. Dem derb-komischen Text von Joh. 
Fehrs „Morgen is Hochtid“, in der Vertonung don Prof. K. 
häßler außerordentlich zutreffend und musikalisch dur haeführt, 
folgten die beiden stimmungsvollen Lieder von Prof. C. Stiehl: 
„Abendfreden“ und „O wullt mi ni mit hebbn?“, nach Texten 
zon Klaus Groth. Die pietätvolle Wiedergabe dieser beiden 
zerühmt gewordenen kleinen Chöre war ganz im Senne des 
Komponisten erfaßt und durchgeführt. Als Solisten waren 
insere einheimische ausgezeichnete Gesanglehrerin, die Hofopern⸗ 
ängerin Frau Mathilde Pfeiffer-Rißmann und ihr 
Fatte, unser vortrefflicher Operndirigent, Herr Kapellmeister 
Bfeiffer, gevonnen worden. Mit der „Hallenarie“ der Elisa⸗ 
beth aus der Oper „Tannhäuser“ führte die Sängerin sich 
»urch die treffliche Schulung ihrer kraftvollen, dem Witllen 
der Künstlerin stets gehorchenden Stimmittel so außerordenilich 
vorteilhaft ein, daß wir aufrichtig bedauern mußten, die Elisa—⸗ 
beth nur in einem kleinen Bruchteil der Partie hören zu können. 
Es solgten der „Erlkönig“ von Schubert in plastischer Ablönung, 
das ernlte, leidenschaftlich und tonschön gesungene „Liebestreu“ 
don Brahms und das necdische „Der Jäger“ desselben Kom— 
ponisten. Die dritte Abteilung brachte das zarte, mondlicht⸗ 
imflossene Lied von Cornelius Komm', wir wandeln zu⸗ 
ammen“ und das einfache „Veilchen“ von Mozart, dem die 
geschätzle Sängerin einen Hauch von Klastik zu 
derleihen wußte, den wir noch nie so schön gehört haben. 
den Schluß der wertvollen Gesangsvorträge bildete die reisende 
Dichtung und Komposition von R. Philipp,Herzallerliebster 
Schatz“, nach welcher sich ein solcher Beifallssturm erhob, daß 
die Künstlerin noch ein bekanntes Lied, „Vöglein, wohin so 
schnell“, das wir augenblicklich nicht rubrizieren können, zugeben⸗ 
mußte. Eine wahre Freude war es, der Begleitung Kapell⸗— 
meister Pfeiffers zu lauschen, die, bei engstem Anschmie— 
gen an die Gesangsvorträge, doch jede Piece fast zu einem Solo— 
portrag zu machen wußte. Ueberall merkt man, wie tief 
das echt musikalische Empfinden in unserem verehrten Kapell— 
neister wurzelt. Frau Pjfeiffer-Rikmann wurde durch herr⸗ 
iche Blumenspenden verdientermaken ausgezeichnet. 
V Das Leben Jefu. In der Reihe der diesjährigen Vor— 
räge der Oberschulbehörde haben gestern diejenigen des Herrn 
Ddireltors Professor Hempel über das Leben Jesu ihren An⸗ 
ang genommen Sie werden vornehmlich die Frage zu be— 
intworten suchen, ob die mannigfachen Bemuhungen, das Leben 
Jesu zu einem historischen Roman zu machen, ihre Bereh⸗ 
igung haben. In feiner gestrigen ersten Vorlesung führte Herr 
Professor Hempel aus, daß Jesus sicher einmal von seiner 
tindheit und Jugend zu seinen Jüngern gesprochen hat und 
war sicherlich in ganz gewöhnlichem Sinn, Jesus selbst aber 
zierüber, wie auch über sein ferneres Leben, seine Wirksameit 
und seine Lehre nichts Schriftliches hinterlassen und seinen 
Jüngern auch keine Anweisung gegeben hat, die Geschichte 
eines Lebens aufzuzeichnen. Die Jünger hatten hierzu auch 
iach allem, was sie erlebten mit ihrem Herrn und Meister, keine 
Helegenheit, denn ihre Gemütsstimmung ließ lie nicht zum 
Nachdenken und Aufzeichnen kommen und später als Apostel 
war nicht die tatsächliche Entwicklung Jesu, sondern seine Lehre 
Begenstand ihrer Predigten, in denen sie nur gelegentlich an 
besondere, in ihrem Gedächtnis haften gebliebene Ereignisse 
nus dem Leben ihres Herrn anknupften, wobei ihnen deren 
Wann und Wo, soweit sie sich dessen überhaupt noch sicher 
rinnerten, nebensächlich war. So erklärt es sich, daß es 
nmich in der apostolischen Zeit nicht zur Aufzeichnung einer 
debensgeschichte Jesu gekommen ist. Daß Jesu Feinde, oder 
beiden, sowert sie auf ihn aufmerksam geworden waren, zu 
einer solchen Aufzeichnung keine Veranlassung hatten, ist an 
ich, wie auch bei dem mangelnden historischen Sinn jener 
Zeit. ganz selbstverständlich. In der nachapostolischen Zeit 
es chaftigte die führenden Kreise der christlichen Gemeinden 
ediolich die dogmatische Fassung und Auslegung der Lehre 
Jesu, so daß auch die Ebangelten tein— abgeschlossene Dar⸗ 
teilung des Lebens Jesu geben. In den unteren Kreisen 
ner Gemeinden äußerte sich dagegen immer mehe der Wunsch 
iach Erzählungen von Jesu Leben, seiner Kindheit und Jugend. 
wurden Heimat, Familie und Erziehung Jesu das Spiel 
der Phantasie und schuf die mancherlei Kindheitsevangelien 
Jesu. Ihnen haben sich schliehlich auch die fuhremen Gente 
der Christenheit nicht entziehen können, obgleich sie sicherlich 
ewußt haben, daß diese Erzählungen nicht den Tatsachen ent, 
prachen. Sie aber sind es im Mittelalter gewesen, die als 
Dogmatiker und Scholastiker die Lehre Jesu verkümmerten und 
die katholische Kirche, dem Volke die Bibel und damit die 
Geschichte Jesu, wie sie die Evangelien bieten, vorenthielt, 
velche die schönsten Legenden, Poesie, Bild. und Kunstwerke 
iber Jesu haben entstehen lasfsen. Luther ist trotz seiner 
rründlichen Kenntnis der Bibel. Wahrung der Freiheit seines 
vewissens ihr gegenüber, auch in seinem'Euchen nach Wahr heit 
»ie Kritik an dem Inhalt der Bibel nicht scheute, dennoch 
nicht zur Darstellung des Lebens Jesu gekommen, weil er 
iberzeugt war, daß der, der Jesus kennen lernen will, ihn 
zus den Evangelien kennen lernen kann. Aber der Wahrheit 
uchende und bekennende Luthergeist, und die gewaltigen Fort⸗ 
chritte der Erkenntnis der Natur in weitestem Sinne, hatten 
nit Notwendigkeit zur Folge, daß die Glaubenssätze von der 
Mviration der Bucher der Bibel. das Wohnen Gottes und 
jesu mit den Seligen in einem sichtbaren Himmel, Jesu 
tiederfahrt zur Hölle und Auffahrt zum Himmel u. a. m. als 
altlos aufgegeben oder umgedacht werden mußten, und man 
un auch daran ging, das Leben Jesu auf seine Geschichtlich 
eit hin zu erforschen und den Text der Bibel kritisch zu unter 
uchen. So kam es, daß. vor etwa 100 Jahren zuerst, die 
Bahrheit suchenden Forscher ein ganz anderes Bild von dem 
teben Jesu zeichneten als die Bibel. Dieses auf Zweifel— 
ucht und Unglauben zurückzuführen, ist durchaus unberechtigt. 
And jetzt gilt es wiederum, ein neues Bild von dem Leben 
tesu zu zeichnen, das dem Geist unserer Zeit entspricht, Gott 
ind der modernen Welterkenntnis gerecht wird. Wie nach 
ieser Richtung hin die besten Kräfte der theologischen Wissen⸗ 
haft des 19. Jahrhunderts bestrebt gewesen sind, wird die 
weite Vorlesung erörtern. 
Verein für Heimatschuß. In der am Donne stag ab⸗ 
ehaltenen Jahresversammlung wurde an Stelle des satzungs⸗ 
sähig aus dem Vorstand ausscheidenden Herrn Obe:lehrers 
»r. Frank Herr Spezialarzt Dr. med. Th. Hansen zum Vor—⸗ 
tzenden gewählt; als Beisitzer trat Herr Oberlehrer Dr. 
teyer in den Vorstand ein. Ein von Herrn Redakteur Haase⸗ 
ampe eingebtachter Antrag auf Veranstaltung von Seimat⸗ 
hutz⸗ Abenden mĩt Lichtbildern, sowie der Jahresbericht wurden 
uf die nächste Verfammlung verschoben. 
Lũbed⸗Vüchener Eisenbahn. Infolge des starlen Güter⸗ 
erlehrs auf der Strecke Hamburg—Lubeckh hat dieDirektion 
er Lñoed⸗Büchener Eisenbahn-Gesellschaft den Güterverkehr 
eit kutzer Zeit auf die ganze Nacht ausgedehnt. Im Inler⸗ 
sse einer pünttl'cheren Personenbeförderung st, so bemerlen 
ie Hamburger Nachrichten, diese Neuerung zu hegrüßen. 
W. Engieisung der Maschine des Berlin — Lübecker D-Zuges 
uf dem Lehrter Bahnhof in Berlin. Amtlich. Auf dem 
tehrter Bahnhof in Berlin ist Freitag beim Zug D Ga, der 
rniltags 1 Uhr 6 Minuten von Berlin nach Lübecd—Kiel ab⸗ 
ihrt, infolge vorzeitiger Umstellung der Weichen die Maschine 
rit allen Achsen entgleist. Der Packwagen, der sich 
n der Maschine befand und ebenfalls entgleiste, ist wieder auf⸗ 
egleist. An der Aufgleisung der Maschine wird noch ge— 
rbeitet. Der Betrieb wird eingleisig aufrechterhalten. Jedoch 
rat Verspätung aller Züge ein. Auch die Vorortzüge 
rfuhren leilweise Verspätung, teils fielen sie ganz aus 
0- Diebstähle. In der Nacht zum 14. d. M. sind von 
iner an der Moislinger Allee belegenen Koppel 40 Köpfe 
3lumenkohl gestohlen worden. — In derselben Nacht sind 
ius dem Kontor des Ostseebäderdienstes mittels Einbcuchs ge⸗ 
rohlen worden: 1 blaues Jackett, 1 blaue Hose, 1 blaue Schirm⸗ 
tũtze, 20 Zigarren und ein Opernglas mit Futteral, auf welchem 
gn Messingschild mit dem Namen des Inspektors Grude 
efand. 
p Neue altnelle Bilder im Schaufenster der Lubedischen 
mnzeigen: 1. Sieg des Deutschen Brockmann im Laufen über 
00O km. — 2. Der kubanische Schachmeister Capablanca während 
ines Simultanspiels in Berlin. — 3. Zum Amtsantritt des 
euen Lord-Major von London. — 4. Zur Thronbesteigung 
önig Ludwigs III. von Bayern. — 5. Der dickste, det ardßte 
ind der kleinste Mann der Welt, die Dame mit dem Männer— 
opf. — 6. König Ludwig III. von Ranern 
leueste Nachrichten und Telegramme 
der „ A. uud —3 
Das Befnden des Großherzogs von Oldenburg. 
W. Oldenburg,. 16. Nov. Ueber das Befinden des Groß— 
erzogs geben die in Lensahn anwesenden Aerzte, Geheim— 
ut Professor von Dapper aus Kissingen, Geheimrat Dr. Neubert 
us Kiel und der Leibarzt Dr. Barnstedt aus Oldenburg fol⸗ 
endes Bulletin heraus: Die neuerdings aufgetretenen Gesichts— 
hmerzen des Großherzogs sind nach leichten chirurgischen Ein— 
riffen wieder beseitigt, das Allgemeinbefinden ist zufrieden— 
tellend. jedoch muß noch Schonung beobachtet werden, um 
iner Wiederkehr der lokalen und allgemeinen Beschwerden vor⸗ 
ubeugen 
Das preußische Eisenbahnanleihegesetz für 1914. 
Berlin, 18. Nov. Das nächstiährige preuhnche Eisenbahn⸗ 
nleihegesetz das zurzeit im Ministerium er, öõffentlichen 
rbeiten vorbereitet wird, wird gußer den ühlichen Forde- 
ungen Ausbau von Bahnen. Neudau von Sekundarbahnemn, 
derstärkung der, Betriebsmittel) zwei interessante Forderungen 
ellen. Zunächst werden weilere Mittel für die Eleftri— 
rerung der Berliner Stadtbahn gefordert werden, 
m nach Beendigung der Vorarbeiten im Raͤhmen der Vor⸗ 
age von 1913 GBau von Kraftwerken, Bestellung, elektrischer 
triebmaschinen) mit dem Umbau der Strede in den Jahren 
314 und 1915 beginnen zu können. Die zweite Forderung 
it der Bau der. größten isenna eeet der 
Velt. der Bruüͤcke von Stralsfund nach Rügen, 
iner Brücke, die doppelt so lang sein wird, wie die Strecke 
Zrandenburger Tor —Schloß in Berlin. Rach den Vorardeiten 
u urteilen, wird diese Brüdcke. die eine Eisenbahnfahrbrüge, 
ime Juhrwerksbrücke und eine Passantenbrüde aufnehmen wird 
in neues Weltwunder vwerden. 
Rekrutenveredigung in Kiel. 
W. Kiel, 15. Nov. Der Kaiser mit Gefolge ist im Sonder— 
uge um 7 Uhr 30 Min. heute morgen hier eingetroffen. Auf 
em Bahnsteig war Prinz Adalbert anwesend. Ferner hatten 
ch zur Meldung der Staatssekretär des Reichs marineamts, 
srohadmiral von Tirpitz, der Flottenchef Vizeadmiral von 
ingenohl, der Stationschef Vizeadmiral von Coerper und der 
5tadtkommandant Oberst von Wichmann eingefunden. Der 
taiser begab sich auf dem Wasserwege an Bord des Linien— 
hiffes, Kaiser“, wo er Wohnung nahm. Die im Hafen liegen⸗ 
enden Schiffe salutierten. Das Wetter ist bestãndig. 
W. Kiel, 15. Nov. Vizeadmiral von Ingenohl ist 
um Admiral und Flottenchef der Hochseeflotte 
efördert worden. Das Linienschiff „Friedrich der Groke“ 
etzte die Flagge des Flottenchefs, die von sämtlichen im Hafen 
iegenden Flaggschiffen der Hochseeflotte salutiert wurde. 
Der König von Sahhfen in Mimchen. 
München, 18. Nov. Der König von Sachsen traf gestern 
bend kurz vor sechs Uhr hier ein. 
Krankenkafsen und Aerzte in Berlin. 
W. Berlin, 15. Nov. Zum Krankenkassenstreit wird mit— 
eteilt, daß eine Vertragskommission der Aerztekammer den 
zertrag des Vereins der Berliner Kassenärzte unter der Be⸗ 
ingung genehmigt hat, daß bis zum 1. Januar 1914 bei 
er Allgemeinen Ortskrankenkasse mindestens 200 Aerzte neu 
ngestellt werden und der Verband der Berliner Krankenkassen 
ch verpflichtet, bis zum 21. Dezember 1918 im Zentralverband 
er Kassenärzte zu verbleiben. Daß die Verhandlungen mit der 
zetriebskrankenkasse der Großen Berliner Stratßenbahn zu einem 
ür die Aerzte befriedigenden Ergebnis führen werden, wird 
maenommen. 9, Ruhland, Jtalien 
rankreich, Ru „„Italien. 
W. Paris, Fr Nov. Der russische Minister ht isident, der 
h. morgen Fachmittag nach Berlin begibt, perdffentlicht im 
Natit eine Erllärung, in welcher es heißt: Am Tag? meiner 
breife ist es mir erfreulich, zu erklären, daß ich eine vollitandige 
lebereinstimmung in allen Fragen feststellte, welche die beiden 
erbundeten Nationen interessieren und daß die Beziehringen 
wischen unseren beiden Ländern niemals enger und inniger 
baren als heute. 
— Unter Hinweis auf die franzofenfeindliche 
ztimmunzg, die sich in allen Teilen der stalienishen 
ßreshe geltend macht, schreibt der Petit Parisien: Diese 
eanze Kamragne beeinflußt auch die Haltung der taliseni— 
chen Diplomatie, die anspruchsvoller, gewor—⸗ 
„enn ist und auf Rechte und Interefsen anderer nicht genug 
tücksicht nimmt. In den gegenwärtig zwischen Paris 
und Rom schwebenden Verhandlungen über die Steclung der 
n Tunis anfässigen Tripolitaner tritt diese neue Richtung so 
eutiich zutage, datz der Quai d'Orsay sich bei dem Vertreter 
taliens wiederholt darüber beklagen mußte. — Im Petit 
Zarisien heißt. es weiter, daß in den Besprechungen Frank⸗ 
eichs mit Itglien über die Stellung der Tripolitaner in Tunis 
rine Unterbrechung eingetreten ist und daß bei den Tripoliranern, 
sooar bei den, tunesischen Eingeborenen, welche eine Zeitlang 
in Tripolis lebten, in eifriger Weise dafür agitiert würd, sie 
ur Amahme der italienischen Nationalität zu hewegen. 
Das französische Weingesetz. 
Paris, 15. Nov. Der Ackeerbauminister Clementel er— 
griff im Laufe der Debatte über den Gesetzentwurf betr. die 
Lrsprungsbezeichnung das Wort und trat energisch 
ür die wichtigsten Bestimmungen des Gesetzentwurfes ein. 
kEr erklärte, daß er für sich die Vertrauensfragestellen 
müsse und nicht im Amte bleiben könne, wenn diese Be—⸗ 
timmungen abgelehnt werden. Der Mmister vertrat die Mei— 
rung, daß die Gerichtshöfe allein über die Bezeichnung der 
zerkunft zu entscheiden hätten, da weder der Minister, noch 
»as Parlament die erforderliche Zuständigkeit besäßen. Bei 
er Besprechung über die Ursprungsbezeichnung sagte Clementel, 
rrankreich wolle vor allem mit Deutschland zu einem 
5chutz, und Ursprungsbezeichnungsgesetz lkommm. 
der Minister erinnerte daran, daß ein deutsches Gericht schon 
or einigen Monaten erklärt habe mit Bezug auf australischen 
ßzurgunder, es gäbe nur französischen Burgunder, Frankreich 
nüsse jedoch zu einer gutgläubigen Verständigung gelangen, 
»amit die Produzenten ihre Rechte verteidigen könnten. 
Kiamil Pascha . 
MRom, 16. Nov. Wie der Agenzia Stefani aus 
Larnaca (Zypern) gemeldet wird, ist dort der 
frühere Großwesir Kiamil Pascha gestoxben. 
Kiamil Pascha stand im 86. Lebensjahre. Er war in 
zypern deeh und galt als einer der gebildetsten Staats⸗— 
nänner der Türkei. Er sprach fast alle europäischen Sprachen. 
diamil ist dreimal unter Adbul Hamid Großwesir gewesen, 
uerst im Jahre 1891, dann vier Jahre später und zuletzt nach 
»er jungtürkischen Revolution, vom August 1908 bis zum Fe— 
;ruar 1909. Im Oktober 1912 übernahm der 88jährige von 
euem das Großwesirat, entschlossen. allen Anfeindungen zu 
Trotz den für die Türkei nötigen Frieden mit seinem Namen 
u deden. Der ruhmlose Sturz seines Kabinetts erfolgte, wie 
rinnerlich, durch die jungtürkischen Verschwörer mit Enver Bei 
un der Spibe. Kiamil, Pascha zog sich seitdem vllig zurück 
und ist jetzt als stiller Privatmann in seiner Heimat gestorben. 
1 
PO. Genf, 15. Nov. Der Leiter des hiesigen französi— 
ichen Spionage-Bureaus, für den der in Italien ver— 
aftete Spion Menozzi gearbeitet hat, soll nach weiteren 
Feststellungen der Polizei auch in Deutschlaäand Spionagt 
zusgeübt haben. Es heißt, daß er mit einem Leutnar 
er Landwehr in Mannheim eine Zusammenkunft gehabt hat, bei 
»er ihm verschiedene Auskünfte über die deutschen Lenkluftschiffe 
erteilt worden sind. Das Kriegsministerium der Bundesregie⸗ 
ung hat eine Untersuchung darüber eröffnet, ob Mendzzi in 
dessen Auftrage tatsächlich Pläne und Photographien der Gott⸗ 
ard⸗Befestigung, der Forts an der italienischen Grenze und 
»er Batterien gm Thuner See an fremde Mächte ausgeliefert hat. 
4 
Nneberschwemmungen. 
W. Berlin, 15. Nov. Seit zwei Tagen führt die Mosel 
dochwasser; während dieser Zeit stieg sie drei Meter und über— 
lutete die Ufer. Die Schiffahrt mußte eingestellt werden. 
Gestern setzten in Südwestdeutschland, namentlich in Baden 
und im Elsaß, neuerlich Regenfälle ein. 
In den Bergen des Schwarzwaldes fällt wieder bis 1200 
MNeter herab Schnee. Die Bergbäche überfluten vielfach die 
Iferdämme, Felder und Wiesen. Die Wintersaat ist sehr ge— 
ährdet. Der Oberrhein steigt andauernd, da ihm aus dem 
lpengebiet viel Wasser zugeführt wird. 
Der Nedar ist bei Mannheim streckenweise ausgetreten und 
Werflutet das Vorland. 
Aus Freiburg wird der Vosfsischen Zeitung gemeldet, daß 
dortselbst ein Fahrdamm unter Wasser gefetzt worden ist, so daß 
die Züge nicht mehr vpassieren können. 
Ein Familiendrama. 
Dresden, 16. Nov. Eine Familientragödie hat sich gestern 
nitlag im Hause Hartmannstrahe 15 in der Vorst dt Sanbe, 
zast abgespielt. Dort erschoß der 41 Jahre alte ESchlosser 
Paul Kindermann deine beiden Kinderim Aitzrvn 
Rund 5ZJahren und dann sich selbst, als seine Frau 
u einer Vesorgung auf kurze Zeit die Wohnung derlasien valle. 
Das dreiiährige Kind war sofort tot. während das 5 Jahre 
ilte Kind noch lebend nach der Kinderheilanstalt in Dresden 
jebracht wurde. Kindermann war seit einigen Wochen arbeits- 
os. In hinterlassenen Briefen gibt er an, daß er schon seit 
Vfen den Vorsatz gefaßt habe. sich und seine Famitie zu 
õten. 
Der Bauernschred. 
Wien, 15. Noo. Wie dem Grazer Volksblatt gemeldet 
vird, hält sich ein wolfartiges Raubtier seit dem 7. Nov. 
n der Gegend der Dreiedcsalpe im Bezirk DeutscheLandsberg auf, 
vo es täglich hin⸗ und herzieht und Wege von sechs bis zehn 
ßehstunden zurücklegt. In dieser Zeit wurde in der Brentalpe 
in Reh zerrissen und bis auf kleine Teile der Läuse gefressen 
Am Nachmittag desselben Tages erlitt ein Hirsch dasselbt 
ẽchicksal. Kurz darauf wurde ein Wolf in der Brentalpe bei 
zchwanberg gesichtet und am 12. Nov. wurde frische Lofung und 
me Fährte im Revier Hartner aufgefunden. Die Fährte bei 
cchwanberg zeigt deutliche Wolfskrallen. Es kann jetzt als 
icher bezeichnet werden, daß es sich doch um einen Wolf 
zandelt, der sich augenblicklich zwischen Wolschenegg und Brent— 
alpe aufhälf 
Zufammenstoß zwischen Autoomnibus und Strasenbahn. 
0. Nizza, 15. Nop. Ein folgenschwerer Zusammenstoßß 
st gestern abend gegen 7 Uhr auf dem Wege zwischen Villa 
ranca kund, Nizza zwischen einer elektrischen Straßenbahn, die 
rus einer kleinen Lokomotive und drei Anhängewagen bestand. 
ind einem Automobil-Omnibus erfolaf. Die deiden Fahr- 
euge fuhren in der gleichen Richtung nach Villafranca und 
oaren voil besetzt. Die Mehrzahl der Passagiere wollten das 
vor Villafranca liegende qmerifanische Geichwader besichtigen. 
Auf der Höhe des Forts Rascasse versuchte der Autoomnibus 
»n der Straßenbahn vorbeizukommen. Der Weg war iedoch 
Jötzlich von einem Lastwagen gesperrt und er fuhr mit voller 
Paicht gegen die in voller Fahrt befindliche Straßenbahn. 
das Vorderteil des Omnibusses wurde völlig abgerissen, das 
zefährt selbst stürzte und fiel in den Straßengraben. Die 
Araßenbahn entgleiste und die Lokomotive und der erste Wagen 
ürzten ebenfalls um. 5s Personen wurden lebensgefährlich ver— 
etzt und 40 andere erlitten so schwere Wunden, daß sie ins 
drankenhaus gebracht werden mußten. Ein Grieche namens
	        
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