Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

durchgeführt wurde, ist auf dem Grundsatz aufgebaut, daß 
die Stadt Gent denjenigen Arbeitern, welche einer Gewerk— 
chaft mit- Arbeitslosenunterstützung angehören, einen 31 
chuß zu der von der Gewerkschaft empfangenen Arbeits— 
'osenunterstützung zahlt. Für die nichtorganisierten Arbeiter 
st ein kommunaler Sparfonds gegründet worden und den 
Teilnehmern an diesem Sparfonds wird der gleiche Zu— 
schuß gezahlt, der dem den unterstützten Gewerkschaftlern 
zezahlten entspricht. Das Genter System resp. der Genter Ar⸗ 
heitslojen⸗Fonds erstreckt sich zurzeit auf 45 Vereinigungen, die 
irka 20 000 Mitglieder haben. Die Stadt Gent gibt regelmäßig 
inen Zuschuß von 30 000 FIrs. für die gewöhnlichen Ausgaben 
und behält 5000 Frs. süur eine Reservelafse zurück, die in Zeiten 
wirtschaftlicher Krisen verwendet werden sollen. Bei Gelegenheit 
der letzten internationalen Konserenz zur Belämpfung der Arbeits⸗ 
osigkeit. die im September dieses Jahres in Gent stattfand, 
wurde Darauf hingewiesen, daß die Genter Eimrichtung dazu 
beigetragen habe, die Gruppe der Almosenempfänger zu ver⸗ 
ingern. Das mag im gewissen Sinne richtig sein, es bleibt 
jedoch zu bedenlsen. daß das System der Armenunterstützung 
in Belgien und speziell in der Stadt Gent lange nicht in 
dem Umfange existiert, wie in den deutschen Städten, vor 
Mem bleibt jedoch zu bedenken. daß in Belgien eine Arbeiter- 
ersicherung, wie wir fie in Deutschland haben, nicht existiert, 
venigstens soweit der Kreis der Versicherten und die Höhe der 
deistungen in Betracht kommt. 
¶Schluß folgt.) 
⁊ 
Deutschland und die Antwort Griechenlands. 
Die Kolhmsche Zeitung meldet offiziös aus Berlin: Die Ant⸗ 
vort Griechenlands auf die Vorllellungen Oesterreich Ungarns 
und Jialiens wegen der Räurmung Südalbaniens ist von der grie— 
hischen Regierung auch nach Berlin mitgeteilt worden. Einen be—⸗ 
friedigenden Eindruck komte die griechische Antwort hier ebenso⸗ 
wenig hervorrufen wie in Wien und Rom. Man hält indes 
an der Annahme fest, daß bei weiterer Verhandkung der Sache 
Griechenland die Umfstnde n'cht verkennen wird, die dafür 
prechen, daß es in der füdalbanischen Grenzfrage vor einem 
Lebensinteresse der Dreibundmächte Halt macht. Ein besserer 
Rat lamm Athen auch nicht von Deutschland gegeben werden, 
desfen freundschaftliche Haltung für Griechenland außer Zweifel 
zestellt ist. 
Ddie Audienzen Körnig Ferdinands von Bulgarien mit Kaiser 
Franz Josef und dem Grafen Berchtold. 
Kaiser Franz Josef hat gestern zachmittag auf Schloß Schön— 
zrunn den König Ferdinand von Bulgarien in Privataudienz, 
»ie sich über mehrere Stunden hinzog, empfangen. Selbst— 
erständlich bewahrt man über den Charakter dieser Audienz 
trengstes Stillschweigen und man ist lediglich auf Vermutungen 
über den Inhalt der Unterredungen beschränkt. Wie in d'plo⸗ 
natischen Kreisen verlautet, hat König Ferdinand dem Kaiser 
iber die Lage in Bulgarien und speziell gauch über die Stellung 
einer Person ausführlich Bericht erstattet und vom Kaiser Rat— 
chläge in dieser Beziehung erbeten. Ueber die Konferenz des 
Königs Ferdinand mit dem Grafen Berchtold, die über eine 
Stunde dauerte, verlautet in eingeweihten Kreisen. daß sie 
ür die zukünftige Gestaltung der politischen Verhältnisse auf 
dem Ballan von allergrößter Bedeutung sei. Es wurde der 
jesamte Kompler der Dallanfragen erörtert. wobei König Fer— 
»inand vom Grafen Berchtosd eine wohlwollende Haltung der 
sterreichischen Monarchie gegenüber der bulgarischen Politäk 
erlangte. Die Ergebnisse dieser Konferenz werden selbstver⸗ 
tändlich erst in der nahen Zukunft erkennbar sein. 
Dae ariedch tierische Spauntg. 
Das Mißtrauen gegen Griechenland ist wesentlich verstärkt 
rorden infolge der Athener Mesdung, daß die Hauptmassen 
er griechischen Truppen megen der Fruhjahrs-Manöver bei Ka— 
walla im mobilen Zustande bleihen. Auf türkischer Seite wird 
»ei Smyrna das 4. Armeekorps zusammengezogen und kriegs⸗ 
bereit ausgerũstet. Täglich gehen von Haidar Pascha und Pan— 
derma Züge dorthin mit Kriegsmaterial und sreigewordenen 
Lruppen aus Thrazien. Der Oberbefehl der Brigade ist Pertew 
Pascha, einem der besten Schüler von der Goltz', anvertraut wor⸗ 
»en. Auf beiden Seiten der Dardanellen bleibt gleichfalls eine 
insehnliche Truppenmacht gelagert. 
α— 
Madame Lolo sieht, daß sie zu weit gegangen. Auch regt 
ich in diesem Moment etwas ron mütterlichem Empfinden, 
as noch nicht ganz in ihr erstorben ist. 
„Komm!“ lenkt sie ein, indem sie einen leichten Ton 
inschlägt. „Was vorbei ist, ist rorbei! Glücdlich ist, wer 
eergißt — was nicht melßr zu ändern ist —“ trällert sie die be— 
fannte Melodie aus der „Fledermaus“. „Ich hätte die Ver—⸗ 
zangenheit auch nicht erwähnt, wenn du mich nicht durch 
eine neuerliche alberne Gewissenhaftigkeit deinem Mann gegen⸗ 
iber gereizt hätteit.“ 
(Fortsekbung folat. 
Theater, Kunft und Wißenschaft. 
—— 3 
Berliner Theater. 
Manschreibt uns aus Berlin: „Die Kronen— 
raut“, ein Märchenspiel in sechs Bildern von August Strind- 
berg, fand bei der deutschen Uraufführung im Theater an 
der Königgrätzer Straße eine warme und achtungsvolle 
Aufnahme. Ein reiner, starker Erfolg war es nicht, mehr ein 
dauserfolg; aber die Bühne ist zu rühmen, daß sie sich an 
»ieses schwere Stück machte und es in der Uebersetzung von Emil 
ckchering mit Musik von August Enna darbot. Der Auf—- 
wand für die Inszenierung war groß. Die eigens nach Ent⸗ 
würfen von Swvend Gade hergestellten Dekorationen bedeuteten 
einen neuen Versuch der Stilisserung. Aber sie waren nur ein 
Versuch zum monumentalen Stil und blieben, sagen wir, im Glas⸗ 
jensterstil stecen. Immerhin kam damit Märchen- und Üiythen⸗ 
timmung auf die Bühne. Aehnlich war Regie und Darstellung 
nicht ganz geklärt und schwankten zwischen Märchenspiel und 
il fresco. Schließlich liegt das freilich an Strindberg selber. 
„Die Kronenbraut“, eines der Werke aus seiner reichsten 
Schaffensperiode, erzählt die alte Fabel von der Schuld des 
Weibes, das in freier Liebe ein Kind empfängt und, um 
die Krone der Unschuld zu tragen, es umbringt. Das Zwie— 
pältige an der Dichtung ist, daß Strindberg diese Fabel ihrer 
tragischen Realistik entkleidet und zum Mythos, zum Märchen 
gemacht hat, wodurch sie einerseits in Marionettenperspektive 
gerüdt wird. Andererseits wieder sprengt der monumentale 
Heist Strindbergs diese Form, die nach Verkürzung und Ver—⸗ 
rleinerung streben mühte, und malt monumentale Fresken. 
Dazu ist auch Landschaft und Voll der Dichtung vorzüglich ge— 
chaffen. Der Mythos spielt in der großzügigen Landschaft 
Ein Balkanblock gegen Rußland? 
Die Nowoje Wremhba erklärt, aus guter Quelle erfahren 
u haben. daß Oesterreich-Ungarn augenblicklich die letzten 
Unstrengungen macht, um einen Ballanblock zusammenzubringen, 
ver Rumänien, Bulgarien, die Türkei und Albanien unter der 
Führung Oesterreichs umfassen soll. 
Die Börsenzeitung veröffentlichte vor einiger Zeit ein ähn— 
iches Telegramm ihres Korrespondenten in Sofia, wonach Oester⸗ 
eich diskrete Verhandlungen mit mehreren Ballkanstaaten ange⸗ 
nũpft habe, mit dem Zweck, ein Bündnis gegen Serbien und 
kRufzland zustande zu bringen. 
Deutsches Reich. 
Die Thronbesteigung König Ludwigas DTI. In der 
zestrigen Abendfitzung der Kammer der Abgeordneten 
jaben die Fraktionsführer, und zwar Lerno namens des Zen—⸗ 
rums, Dr. Cafselmann namens der Liberalen, Beckh namens 
»er Konservativen und Lutz namens des Bauernbundes Er— 
lärungen dahin ab, daß nach den dem Landtage vorgelegten 
rei ärztlichen Gutachten und den Mitteilungen der beiden 
eferenten Casselmann und Giehrl über ihren Besuch beim Köniq 
IAtto sich ergebe, daß die Krankheit des Königs un— 
jeil bar sei und daß sie daher dem Antrage der Staais- 
egierung zuflimmen, der Landtag wolle anerkennen, daß am 
J. November die verfassungsmäßigen Voraussetzungen für die 
zeendigung der Regentschaft bestanden haben. Abg. Segitz 
rklärt namens der Sozialisten, daß seine Partei an der Ab⸗ 
timmung über diesen Antrag nicht teilnehmen würde, da sie 
ie Altion als verfassungswidrig ansähe, weil der Landtag 
or eine voliendete Tatsache gestellt worden wäre. Nachdem 
Ninisterpräsident Frhr. v. Hertling kurz und energisch den Be— 
auptungen des Abg. Segitz widersprochen hatte, wurde der 
latrag der Staatsregierung mit großer Meyhr— 
eit angenommen. Präsident v. Orterer tente darauf 
ut, daß die Eidesleistung des Königs am Sonnabend 
ormittag um 10 Uhr im Thronsaale der Residenz stattfinden 
erde. Die Mitglieder der Kammer seien vom Ministerium 
es Innern dazu eingeladen worden. — König 2udwig 
on Bayern richtete an den Papst eine Depesche, in der er 
hm unter dem Ausdruck seiner kindlichen Ergedenheit mit— 
eilt, daß er den Königstitel angenommen hat. Der Papst 
bermittelte dem König seine innigen Glück- und Segenswünsche. 
Der König der Belgier in Potsdam. Der König der 
zelgier besuchte mii dem Kaiser die Potsdamer Garnisonkirche 
nit der Gruft Friedrichs des Großen, ebenso die Friederis⸗ 
irche mit den Mausoleum des Kaisers und der Kaiserin Fried— 
ich und die historischen Räume Friedrichs des Großen im Neuen 
zalais. Nachmittags besuchte der König die in Potsdam 
vohnhastlen Fürftlichkeiten und empfing später im Neuen Palais 
eren Gegenbesuche. Der Kaiser hat den König zam Gene— 
al der Zavallerie ernannt. Abends war bei dem 
daiserpaar Tafel in der Jaspisgalerie des Neuen Palais. Hier⸗ 
»ei saß die Kaiserin zwischen dem König der Belgier und dem 
zrinzen Eitel Friedrich. Der Kaiser saß gegenüber zwischen 
em Gesandten Baron Beyens und dem Reichskanzler. Nach 
em Cercle verabschiedete sich der König von der Kaiserin und 
dem Kaiser und fuhr nach Berlin. 
Hanusatagung. In dieser Woche findet die Tagung des 
dansabundes in Berlin statt, in der üblichen Form zunächst 
nit Ausschußsizungen, dann mit gröheren Versammlungen und 
dundgebungen nach außen hin. Der Hansabund besteht jetzt 
napp 43 Jahre. Wer sich die stürmischen Erörterungen ver—⸗ 
zegenwärtigt, die seine Gründung und seine ersten Schritte 
n die Oeffentlichkeit begleiteten, der wird die Ruhe, mit der 
etzt unsere Politiker der Hansawoche entgegensehen, einiger⸗ 
naßen befremdend finden. Die Gegner des Bundes werden 
lickt müde, den Sansabund als ein gänzlich verfehltes und 
iemlich bedeutungsloses Experiment hinzustellen und seine Be⸗ 
atungen nur geringer Beachtung für wert zu halten. Sie 
un das mit einer gewissen Berechtigung, weil in der Tat 
ie politischen Hoffnungen, die gewisse sehr optimistische Gemüter 
ruf den Hansabund setzten, nicht in Erfüllung gingen. Aber 
zarum ist es doch nicht am Platze, den Bund als ein ver— 
ehltes Unternehmen abzutun. Er hat doch nach niancherlei 
Irrungen und Uebertreibungen die Richtung eingeschlagen, die 
iner aus so verschiedenartigen Interessengruppen zusammen— 
zesetzten Organisation gleichsam vorgeschrieben ist. Zuerst die 
Vegensãtze unter diesen Grunpen nach Möglichkeit auszuschalten 
Dalarna in Schweden, wo zwei alte starre Geschlechter, in 
e drei Generationen gezeigt, in alter Feindschaft leben. Alt— 
zeidnische Züge der Leute, Naturwesen, Wassermann und Hexe. 
und dazu die Berg- und Seelandschaft, geben einen Ueber— 
eichtum poetischen Stoffes, Mats und Kersti, die Kinder diefer 
Heschlechter, finden fich auf den Bergen in Liebe; Kersti bringt 
n Heimichkeit ein Kind zur Welt und erstickt es, um Mats Braut 
u werden, als die Geschlechter sich versöhnt haben. Ihre 
bat kehrt ihr Glück in Leid, und sie muß jenen grohen Lei— 
ensweg des Weibes durchmachen, den Fausts Gretchen und 
uindere Vorgängerinnen gegangen sind. Die Konsequenz ist 
zier so stark, daß die Grenzen des möglichen Menschenleids 
ast überschritten werden. Immer aber spielt versöhnende 
Närchenstimmung erleichternd hinein. Kersti stirbt, vom Tod 
egnadigt, im Gefängnis, und über ihrer Leiche schließen die 
ramilien Frieden. Irene Trisch, die sonst so sichere Darstellerin, 
at sich, wie man leider feststellen muß, in der Auffassung 
er Rolle völlig vergriffen und gab eine Sentimentale und eine 
ur Sentimentale. Trotzdem schien sie zu gefallen. Die übrigen 
darsteller blieben in einer für die Dichtung richtigeren erhabe⸗ 
eren Form. Wenn man Roberts stilisierte Regiekunst kennt, 
arf man die tüchtige und zielbewußte, aber doch nicht meister⸗ 
iche Regie Nudolf Bernauers nicht vollendet nennen. Die Musit 
Lugust Ennas versuchte, dem lyrisch-musikalischen Charakter dieser 
Richtung gerecht zu werden. Sie ist geschickt gemacht und zu 
iesem Zwede ganz geeignet, entbehrt aber tieferer Anlage. Am 
ichluß konnten der Komponist, Direktor Rudolf Bernauer sowie 
rene Triesch mit den Darstellern vielsachen Hervorrufen Folge 
isten. — Das Königliche Opernhaus brachte am Mitt— 
voch Boieldieus komische Oper „Der Satansweg“ (Les 
oitures renversées) übersetzt, neubearbeitet und inßzeniert von 
)bertegisseur Dröscher, als Nodität. Um die vortreffliche Auf— 
rhrung. von Richard Strauß geleitet, machten sich insbesondere 
ie Damen Andreieda Stilondz, Alfermann, Scheele-Müsller und 
ie Herren Hoffimann und Sommer verdient. Die Aufführung 
»urde von dem ausverkauften Hause mit lebhaftem und herz⸗ 
ichem Beifall aufgenommen; sie bildet in ihrer feinsinnigen 
lIusarbeitung eine wertvolle Bereicherung unseres nicht eben 
eichen Schatzes an komischen Opern. Es folgte neu e'nstudiert 
as Tanzbild „Slawische Brautwerbung“ von Gräb, 
Musik von Hertel, das ebenfalls starken Beifall des Hauses 
rntete. 
ehe man eine einheitliche Front gegen die Gegner bildet. Dal 
dieser Ausgleich ungemein schwierig ist, das darf man nie ver 
zessen. Und daher wird immerhin die Tätigkeit des Hansa 
hundes auf diesem Gebiete nicht gering einzuschätzen sein. Es 
tedt viel Einzelarbeit zur Entwirrung städtischer Interessen— 
lonflikte in dem Tageswerk des Bundes. Noch fehlen hie— 
war große handagreifliche Erfolge, aber daß das Zusammen 
virken der städtischen Erwerbskreise schon seine Früchte ge 
tragen hat, das beweist unserer Meinung nach ganz entschieder 
zie Regelung, welche die Deckungsvorlage im Reichstage fand 
Wenn man bedenkt, daß der Hansabund ganz unmittelbat 
deranlaßt wurde durch die Finanzreform des Jahres 1909 mil 
hrer einseitigen Belastung gewisser Besitzkategorien, so liegt 
n der Einführung einer allgemeinen Besitzsteuer doch ohn 
Zweifel eine Anerkennung des Bundes. Und sind auch Wehr 
teuer und Vermögenszuwachssteuer gerade keine Ideale steuer 
icher Gerechtigkeit, so wäre es doch ohne den leidenschaftlicher 
Widerspruch, den die „Besitzsteuern“ von 1909 im Bürgertum 
erfuhren, sicherlich noch schlimmer geworden. Diesen Wider— 
pruch aber organisiert und in eine einheitliche Willenskund⸗ 
gebung geleitet zu haben, ist ein Verdienst des Hansabundes, 
das ihm nicht verkleinert werden soll. Dieser Erfolg wird 
auch wieder, wie wir erwarten, zurückwirken auf die innere 
Struktur des Bundes und zu deren Kräftigung beitragen. 
Fleischnot und Preisbildung. Der Ausschuß, der nieder— 
zesetzt war, um über die Fleischpreise Erhebungen zu pflegen, 
zat vor kurzem seine Tätigkeit beendet. Ueber das Ergebnis 
»er Beratungen kann folgendes mitgeteilt werden: Es hat 
ich herausgestellt, daß die Vorwürfe, mit denen die einzelnen 
in der Bildung der Fleischpreise beteiligten Parteien sich zu 
iberhäufen pflegten, unbegründet find. Wenigstens in der 
zauptsache hat der Handel sich überzeugt, daß es nicht an— 
eht. die Landwirtschaft für die hohen Fleischpreise verant⸗ 
vortlich zu machen, umgekehrt hat sich die Landwirtschaft 
berzeugt, daß nicht der Handel die Höhe dieser Preise ver⸗ 
chuldet. Weiter hat sich ergeben, daß auch die Stadtver— 
paltungen die hohen Fleischpreise nicht verursachen. Die Par— 
eien sind auf Grund dieser Erkenntnis einander nähergetreten 
ind verschiedene Vorurteile, die man gegeneinander hegte, 
ind beseitigt worden. Das ist das Ergebnis der Beratungen. 
ks ist zu ermarzen. daß nunmehr Landwirtschaft und Handel 
ich zusammenfinden und gemeinschaftlich die Fleischversorgung 
bernehmen werden. Daraus werden Verbesserungen des bis— 
erigen Zustandes erhofft. — Das klingt wenig zuversichtlich, 
ind nachdem die zwei streitenden Parteien sich in dieser Weife 
egenseitig von aller Schuld freigesprochen haben, wird der 
itte Beteiligte — der Käufer und Verzehrer — einsehen, daf 
es ihm bei diesem Streite nicht beschieden ist, sich zu freuen 
Potsdamer Aerzte und Krankenlassenkouflikt. Der Ge— 
schãftsausschuß des Schutzverbandes, der Nerzte im Bezirk Pots 
am veröffentlicht eine Erklärung, die weitere Kreise interessieren 
dürfte; es heißt dort: Was seit langem in AMerztekreisen 
bermutet werden mußte, ist zur Gewißheit geworden. Nach 
dem Grundsatz: „Wer nicht pariert, fliegt!“ haben 
Ortskrankenkassen unserer Gegend ihre Arztstellen 
ausgeschrieben, da die jetzigen Kassenärzte ihte minden 
wertigen Vertragsbedingungen nicht annehmen konnten. Unsere 
Bestrebungen, die kassenärztliche Tätigkeit zu heben und den 
Mitgliedern der Krankenkassen eine möglichst sorgfältige Be— 
handlung zu sichern, sind damit an der Hartnäckigkeit der 
Kassenvorstaͤnde gescheitert. Es wird unter der sozialen Gesetz— 
zebung im Deutschen Reich allmählich Sitte, Aerzten, die es 
wagen, vum ihre Freiheit und ihr Recht zu kämpfen, die nach 
der gesetzlichen Taxe angemessenen Hondrate vorzuenthalten, sie 
brotlos zu machen, und moralischminderwertige 
ARerzte mit der Tätigkeit in den, staatlichen Krankenkassen 
u beauftragen. Wie bekannt ist, Fien auch in den allge— 
neinen Ortfskrankenkassen unseres ezirks die organisierte 
Arbeiterschaft heute die Rolle des Arbeitgebers und betrachtet 
die Kassenargztfrage, lediglich als Machtfrage, Wie 
wenig der immer vorgeschützte Kostenpunkt wirklich mitspricht, 
beweisen die angebotenen Gehälter von, 8000 Wi die eine wel 
größere Belastung der Kassen mit sich bringen müssen, als 
die Forderungen der alteingesessenen Aerzte betragen. Durch 
ine derartig unwürdige Behandlung muß die 
Schaffensfreudigkeit der Aerzte leiden, und das Vublikum 
träat den Schaden. 
Boadische Präsidentennöte. Am 12. November soll die 
»adische Erste Kammer gewählt werden, damit Ende dieses 
Monats noch der neue badische Landtag zusammentreten kann. 
Uber schon jetzt beginnen die beteiligten Parteien eifrig das 
oadische Präsidentenproblem zu erörtern. Es st in der Tal 
recht schwierig, genau so schwierig, wie es im benachbarten 
Wurttemberg und jim deutschen Reichstag war und leilweise 
noch ist. Bekanntlich liegen die Machtverhältnisse in der 
badischen Zweiten Kammer so, daß der Großblock 1ommell 37 
der Rechtsblod 35 Mitglieder zählt und ein Nationallibergler 
rei zwischen beiden schwebt. Tritt er bei der Prätidenten⸗ 
vahl nach rechts. w steht immer noch nicht das Werhältnis 
uuf 37: 36, sondern außer den 36 Abgeordneten drer Rechteny 
änd, noch 3 Witglieder der nationalliberalen Fraktion lediglich, 
nfolge der Wackertgktik gewählt und ausgesprochene Gegner 
einer Großblodvolitik. Ihr Verhalten beͤ der Vräsidenten- 
vahl ist noch nicht abzusehen. Werden sie nur, bei gewössen 
achlichen oder auch bei diesen äußerlichen Entscheidusngen ihren 
iationalliberalen, Fraktionsverband, verlassen? Sedaönfalls 
ilden sie das Zünglein an der Wage schon bei der ersten 
debensäußerung der badischen? Kammer, eben bei der Prä— 
identenwahl. Sie sind aber auch auf die Dauer sur das 
ünstige Präsidium von ausschlaggebender Bedeutung. de nach— 
em sie bei einem wichtigen Geschäftsordnungsstreit mit oder 
jegen das Präsidium stimmen, können sie dieses halten oder 
ürzen. Daraus geht nmun zweifellos hervor, daß es für Jeine 
dartei eine reine, ungemischte Freude sein wird, im badichen 
— vertreten zu sein. Die stärkste Packet, das 
zentrum, erklärt schen, in führenden Zentrumsblättern, den 
ersten Präsidenten für sich beanspruchen zu wollen. Die Na— 
tionalliberalen würden dann, ihrer Zahl entsprechend. den 
ersten Vizepräsidenten und die drittstärkste Vartei, die So— 
zialdemokraten, den zweiten Vizepräsidenten zu stellen haben. 
Aber das Zentrum erklärt fernerhin sehr bestimmt, feinen 
SgRaldemokraten im Präsidium dulden zu wollen, der nicht 
restles sämtliche „höfischen Verpflichtungen“ zu erfüllen sich 
»erpflichtet. Ot das die Kolb und Franck selbst, wemn sie 
erfönlich, möchten. zugestehen dürfen? Vermutlich nicht! Taun 
aber steht die Lösung, der badischen Präsidentenkrise vor gehau 
denselben Schwierigkeiten wie seinerzeit die Lösung im Reichs— 
tage. Boffentlich bedarf sie aber nicht so häufig wiederholter 
Kraftproben und schwieriger Kompromikverhandlungen wie 
diese. 
Ausland. 
Schweden. 
ccterfaͤhrenve rbindung zwischen Schweden und Tentidjt 
end. Napdem die Direktion der schwedischen Stantsoghnen 
»ei, der Regierung um Bewilligung einer Güserdampf⸗ 
ähre und eines neuen Dampffährenlagerz in 
Trelleborzg nachgesucht hat, wurde in, der Stgotoecod⸗ 
etennenjammlung in Malmö der Antrag eingebracht, daß die 
Nöglichkeit, den Endyunkt der Güterfährenderbindung wischen 
5chweden und Deutschland nach Malms zu segen, einer Pesl— 
ung unterzogen werden möchte. Der Antrag, der non dem 
Rorsitzenden, dem zweiten Vorsitzenden sowie den Nertretern 
ber verschiedenen Pacteien unterzeichnet ist. regt an, die Stud!« 
erorducfennersammlung solle die bereits bestehende Enenbahn⸗ 
sommission beauftragen, die Frage einer soschen Damoffähren—
	        
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