Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

Ausgabe 
— 
Y 9 
Der neue Krupp⸗Prozeß. 
Schluß aus dem Morgenblatt. 3. 
dusttvranzo di gibtenamens blattgerteidigung 
eine Erklärung Dindeut s 
ab, nach der er sagte: Ich kann mich diesem Eindrugen 
WBaletn kann die dogen das kommt davon“ nicht 
auf mich beziehen. 
—— Dr. Löwenstein schließt sich dieser uant 
an. Der Oberstgaatsanwait siellt darauf fest. daß seine, Worte 
ich nicht gegen Juftizrat von Gordon, gewendet hatten, sondern 
gemünzt feien auf die Angriffe. die in einem Artikel, des 
————— nter eichnet Onio v. Gotiberg. erschienen seien 
Raem' der Voͤrsshende den prozefsualen Standpunkt über 
die Veriefung der Briefe, klargelegt hatte, wurde 
die Berlesungder Briefe 
vorgenommen. Die beiden Briefe werden verlesen und es 
Foanht sich daß Jie in der Tat nur Dinge enthalten die das 
— — V —— 8 und zu diefem Prozeß in keinem 
usammenhang stehen. 
SZeuge wa Miehzen erklärt darauf unter seinem Eide, daß 
lich sein Verkehr mit den ausländischen Herren in den lautersten 
e bewegt habe, und daß durhaus keine unlauteren 
Dinge vorgekommen feien. — der Bberstaatsanwalt bemerkt 
darauf, 3 nunmehr“ voilkommen zweifeisfrei festaestellt sei— 
daß in diesem Saale . 
niemand der Ehreeines gusländischen Offiziers 
o der einer amitlichen Stelle zu nahegetreten 
sei und ein Angriff in dieser Himsicht voilkommen unberechtigt 
war. — Der Sachverständige Maijor Freiherr v. Waltershausen 
bemerkt, die Kornwalzer enthalten Mitteilungen über artille⸗ 
finche Geraͤte, die im Intereffe der Landesverteidigung geheim 
felen. Der Firma Krupp, indessen seien sie nicht geheim 85 
wesen, weil diele Firma Lieferantin in diesen Sachen gewesen 
sei Eine umfafsende Kenntnis aller militärischer Geheimnisse 
dutch die Firma Krupp, wie von dem Zeugen angenonmen 
vorden sei sei natürlich ausgeschlossen. Die Firma, Krupp 
ehme keine Sonderstellung ein, denn alle anderen Firmen. 
die mit der Heeresverwaltung in Beziehung ständen, würden 
aleichfalls orientiert. 
Angeklagter Eccius weist darauf hin, daß der Firmea 
Krupp zwar keine Vorzugsstellung eingeräumt worden — 
daß man insofern aber von einer Sonderstellung sprechen 
könne, als die Firma Krupp die Hauptlieferantin der Heeres⸗ 
verwaltung in artilleristischen Dingen sei und für viele Gegen⸗ 
stände als Lieferantin einzig und allein in Frage komme und 
deshalb von Dingen unterrichtet sei. die andere Firmen 
erfahren. — Redtsanwalt Dr. Löwenstein bittet die Sa 
verständigen um Auskunft, ob es richtig sei, daßz unter den 
sämtlichen Nachrichten in den Kornwalzern sich einige befunden 
spoen die im Interesse der Landesverteidigung von der 
irma Krupypegeheim zu halten gewesen seien. (Der Sach 
berständige bestätigt e * 
Es wird nun in der Verlesung der Kornwalzer fortge⸗ 
fsahren und die Oeffentlichkeit gegen 10 Uhr wieder 
ausgeschlossen. J * 
Kurz vor 18 Aher eröffnete Landgerichtsdirettor Dr. 
Karsten die Verhandlung in öffentlicher Sitzung. Es werden 
noch einige belanglose Zeugen vernommen, worauf 
die Frage der Vereidigung der Zeugezn 
erörtert wird. Es find von den bisher vernommenen Zeugen 
dis sämtlichen jetzigen und früheren Angestellten der Firma 
Krupp unvereidigt vernommen worden. Der Oberstaatsanwali 
beanttagl, von der Vereidigung der Zeugen Roetger, Dräger, 
Mühlon und Marquardt Abstand' zu nehmen. Justizrat von 
HFordon widerspricht diesem Antrage. Wenn diese Herren nicht 
vereidigt würden, so bleibe dadurch der Verdacht vestehen, als 
seien in irgendeiner Weise sie an der Sache beteiligt. 
Es solgten sodann weitere Erörterungen zwischen Staa ts⸗ 
anwalt und Verteidigern. Bevor sich der — J zur Be⸗ 
chlußfalsung zurückzieht, verlangen die Zeugen Dr. Mählon 
and Röfger wiederholt und immer, erregter das Wort zu 
persönlichen Erklärungen. Der Vorsitzende lehnte 
dieses jedoch wiederholt ahb 
J 
pariser Mode. 
Eigenbericht der Lübecksschen Anzeigen.) 
Paris, 5. Nov. 
Es ist noch nicht so lange her, da war eine Mission von 
Sungtürken nach Paris gelommen, und einer von ihnen, der 
über die Art, wie sich die Parißerinnen anzogen, aufs höchste 
erstaunt war, meinte liebenswürdig zu den Reportern: „Wir 
finden die Türkei und sogar die alte Türkei hier bei Ihnen. Mit 
Entzücken ruhen unsere Augen auf den Gewändern, die unsere 
Gefäührtinnen schon seit langem adoptiert haben. Im Theater, 
auf der Straße, in den Salons, überall glauben wir ver⸗ 
führerischen Exemplaren einer emanzipierten Türkei zu begegnen. 
Fast möchte man meinen, daß sich Ihre Frauen hier die 
größte Müuhe geben, vom Kopf bis zum Fuß — und beson⸗ 
ders auf dem Kopf und an den Füßen — Türkinnen zu sein. Mit 
den von Aigretten und Perlen geschmückten Turbanen habe ich 
lie in der Grotzen Oper ein Parterre bilden sehen, das dem 
Herzen des Propheten teuer gewesen wäre! Es war eine 
Galavorstellung in Mohammeds Paradiese. Und als aͤch nach 
Schlutz der Aufführung, oben auf der großen Freitreppe stehend, 
dem Vorbeidefilteren jener wunderbaren Schönheiten beiwohnte 
und sie langfam die Marmorstufen herabsteigen sah, da be—⸗ 
merkte ich zu meinem Erstaunen, daß sie alle unten so enge 
Röcke tragen, daß sie den Frauen bei uns wie Schwestern 
gleichen. Nur einen einzigen Unterschied stellte ich sest: die 
Gewänder unserer Frauen sind um die Knöchel herum wie 
Zuavenhosen festgebunden, was den Schönen Bewegungsfreiheit 
gestattet, denn ihre Gehwerkzeuge sind frei, während die Pa— 
riserinnen die ihrigen an der Leine zu halten scheinen.“ 
Seit einiger Zeit existiert nun dieser von Jungtürken fest— 
gestellte Unterschied nicht mehr: die Pariserinnen sind „los— 
gelassen“‘. Aber deswegen geben sie das Türkische nicht auf. 
Sie jsind jetzt in Odalisken umgewandelt worden. Die Oda—⸗ 
Uskenrobe fehlt in keinem Kleiderschrank einer eleganten Frau. 
Fast ist man versucht zu glauben, daß die Herrscher, die die 
Pariser Mode schaffen, die Worte des Jungtürken gehört haben. 
Welche Ueberraschungen uns diese Autokraten wohl noch auf— 
sparen werden?! Ihre Einbildungskraft ist ebenso unergründ⸗ 
lich wie der Gehorsam ihrer Klientinnen. Die Frauen, die so 
gern unabhängig sein und ihre Rechte geltend machen wollen, 
unterwerfen sich widerspruchslos der Sklaverei der Mode. 
Mode! Mit diesem einzigen Zauberwort erhält der Schneider 
ihre Unterwerfung. Nichts können die Kundinnen seiner kapri⸗ 
ziösen Thrannei abschlagen. 
Und diese Sklaverei datiert etwa nicht erst seit gestern. 
Ein alter. italienischer Autor, Sachhetti, mokierte sich bereits 
über den ewigen Wechsel der Mode: „Sowie irgend eine neue 
Verrũdtheit auftaucht. bemächtigen sich die Frauen ihrer sofort. 
. Hat man die Damen nicht schon mit so ausdeschniftenen 
2. 23 ——— 
, V 
J 44 0 
2 
J. 
—XEX 
Abend⸗Blatt Nr. 564. 
ch tange -—erarung beschtlteg,as Ge, 
ichr ie Zeugen Rötger, Bräger, Müublon und 
guadt und von Metzen nicht zu vererdoren 
Zi sin wegen des den Gegenstand der Untersuchung bil denden 
asbeslandes der Teilnahmne und der Begünstigung 
erdächtig find. 4 
Vr Mahlon erklärt, es sei behauptet worden, er Hätte 
Brand! eine Gehaltszulage verschafft, nachdem er in Berlin 
ie Feststeljung gemacht habe, daß UÜnregelmäßigkeiten vorge⸗ 
onmen seien. Es fei dies Monate vorher geschehen. 
ne rge bnerkt. er habe, nachdem er schwezen Her—⸗ 
ens die Berliker Bertretung ühernommen habe, sich von 
Zraͤndi schriftrich geben lassen. daß keine Bestechungen vorliegen 
zrhebe aus eigener Initiative die Tätigkeit des Berliner 
zurcans eingeschränkt. Es sei vom Gerichte festgestellt worden, 
aß er keine Berichte unterschrieben habe, die militärische oder 
onstige Geheimnisse enthielten. 
Der Oberstaatsanwalt bemerkt daraufhin, es sei ihm eine 
zuschrifi zugegangen, die Beschuldigung nach einer anderen 
aihlung hin u⸗ udehnen. Er beantrage, aus diekem Grunde 
ils neuen Zeugen den Major Wangemann für 
rreitag zu laden. 
Das Gericht heschließt demgemäß.. 
Nin Ponnerstag findel beine Verhandlunzgstatt. 
Am Freitag nachmittag wird mit den Plädoyers prgonnen. 
das Arteil wird voörgussichtlich Sonnabend abend ae—⸗ 
Prochen. Schluß 524 Uhr. 
Aus den Nachbargebieten. 
Sansestãdte. 
Hamburg, 6. Nor Der Köonig der Belgier 
tattete Diensiag nachmiitag in Begleitung des Oberstallmeisters, 
taisors der Kavallerie Tonte de Jonghe d'Artoie, und des 
Figeladijutanten. Hauptmanns im Generalstab du, Roy de 
ßlicquy sowie des hiesigen königlich bhelgischen Vizekonsuls 
Zatterfeldt dem Borlesungsgebaäude einen Besuch ab, 
im unter Führung des Senators Dr. v. Melle und des 
Jorsihenden des Profefsorenrats. Prof. Dr. Franke, die Ein— 
ichtungen des Kolonialinstituts in Augenschein zu nehmen. 
sachdem der König 13 Stunde im Vorlesungsgebäude ver⸗ 
veilt hatte, ———— — er sich von Senator Tr. v. Melle 
nde den anderen Herren, wobei er in üheraus freundlichen 
Worten seine besondere Anerkennung für das im Kolonial⸗ 
nstitut Geleistete aussprach. 
Lauenburg. 
. Pötrau-Büchen, 6. Nop. Der Frauenver— 
in für Pötrau und Büchen hielt Montag seine Hauptver⸗ 
ammlung ab und beschloß, am 9. Dez. einen Unterhaltungs⸗ 
bend zu veranstalten. — Der Unterricht in den Fort— 
zildungsschulen der hiesigen Gemeinde nimmt diese Woche 
einen Anfang. Auch in Pötrau, wo bisher noch keine Fort⸗ 
ildungsschule war, ist eine solche gegründet. — Die gol⸗— 
dene Hochzeit feiern am 29. Nov. Landmann Albrecht und 
Frau in Franzhagen. 
DLütjiensee, 6. Nov. Ordensverleihung. 
Amtévorstehet Schröder ist als Auszeichnung der Kronenocden 
. Kl. verllehen worden. — Durch Kurzschlußs lam es, 
aß die Häuser unseres Ortes am zweiten Abend, nach In— 
etriebnahme der elektrischen Lichtanlage in Dunkel gehrillt 
lieben. — Verkauft wurde von der Gemeinde der Heid—⸗ 
Why 8 Mönchsteich an Kaufmann Brock. Sambuca,. für 
d. Sandesneben, 6. Nor. Der landw. Verein 
ijelt eine Verfammlung ab, in welcher Hartmann⸗-Lühed einen 
zortrag hielt über „Nere Anwendung des Stalsdüngers“. 
tedner ist selbst praktischer Landwirt gewesen, und das, was 
rein seinem Vortrage vorbrachte, ist geeignet, eine grohe 
lmwälzung auf dem Gebiete des Stalldungers hervorzurufen. 
Ueber diesen Vortrag haben wir seinerzeit schon aus ahlich 
inter .Lübecker Tagesbericht“ berichteß D R 
S LOrittauo. Nov. Beraaufi hat in wrande Pe 
meindevorsteher Harders einige Ackerparzellen an der Bille 
an Kaufniann Fölsch. — Die Strompreise für elektrische 
Energie stellen fick für die Kilowattstunde für Kraft'trom auf 
0 Pfg., für Lichtstrom auf 45 Pfg. Abnehmer mit großem 
Jahresverbrauch erhalten entsprechenden Rabatt bis zu 10 0 des 
Rechnungsbetrages. 
GFroßsiherzogtuũumer Medlenbura. 
Schwerin, 6. Nop. Elektrizitätsverforgung 
n Medlenburg. Meldungen, die hier und oort in der 
Tagesprefse auftreten, weisen darauf hin, daß über die Vräne 
er Regierung, betr. die Regelung der Elektrizitätsvecsorzung 
es Landes, vielfach unrichtige Ansichten oerbreitet sind. 
Vie die Mecklenburger Nachrichten von unterrichteter Seite er— 
ahren, hat die Großherzogliche Regierung vor getaumer Zeit 
ür den“ Westen des Großherzogtums mit den Siemens 
zleffrischen Betrieben R⸗G. zu Lübed, und für 
je östliche Hälfte des Landes mit der hadt Rostockh und der 
zächterin des Rostocker Elektrizitätswerks, der Allgemeinen 
lellriziiats Wesellschaft zu. Berlin, Verhandlungen,ange 
nüpft. die eine planmäßige“ Stromversorgung der in Betracht 
nmenden Gebieisteile zum Gegenstande haben. Das Ab⸗ 
ehen der Regierung geht dahin, bei der Erteilung der Ge— 
ehmigung fur den weiteren Ausbau der vorhandenen ezw. 
dch unerrichtenden üeberlandwerke sich einen Einflußz auf die 
ßestaliumg des Starkstromleitungsnetzes, auf die Festsetzung 
ser Elrompreise und Stromlieferungsbedingungen zu sichern 
ind für die zwischen den Ueberlandwerken und, den Städten, 
horfgemeinden uüsw. abzuschließenden Stromlieferungs⸗ oder 
domefsionsverträge allgemeine Bedingungen vporzuschreiben, die 
eeignei find, die wirtschaftlichen Interessen der Stromabnehmer 
nd“ der Gewerbeireibenden, soweit es angängig sein wird, zu 
ahren. Es liegt in der Natur der Sache und ain den Ver—⸗ 
linissen unseres Landes, daß bis zum Abschluß der Verhand— 
migen nog mancherlei Schwierigkeiten werden zu überwinden 
ne Imnmerbin darf aber nach Lage der Verhältunse er— 
zfft werden. daß im Laufe des nächsten, Jahres ein größerer 
eil des Landes wird mit Elektrizitäi versorgt werden lönnen. 
dir möchlen meinen, daß die zu treffenden kEntschliezungen, 
e fuͤr alle Kreise der Bevölkerung auf lange Sahrzehnte 
iaus von weiltragender Bedeutung fein werden, nicht ein— 
ebend und sorgfältig genug überlegt werden 
önnen vnd daß die Borteile, welche von einem er— 
prießlichen Ausgang der eingeleiteten Verhandlungen für die 
rligemeinheit erhofft werden, dürfen, höher 
rnzuüschlagen sind ais die Nachteile, die einzelnen Ge—⸗ 
neinden erwochfen können. wenn sie länger, als es ihnen er⸗ 
ünscht erscheint auf die Versorgungmit elektzischem 
Strom warten müssen. 
S Rehna, 6. Nop. Der Gesangoperein Lieder⸗ 
afel feierte am Montag abend sein Herbstvergnügen im 
Zchützenhause, bestehend aus Instrumental- und Vokaltonzert 
nit nachfolgendem Ball. Die von den Mitgliedern vorgetra⸗ 
genen Lieder fanden allseitige Anerkennung; der darauf folgende 
Ball hielt die tanzlustige Gesellschaft noch eizige Stunden in fröh⸗ 
licher Stimmung beisammen. — Goldene Hochzeit feierten 
zie Einlieger Heinrich Dettmannschen Eheleute in Buchholz so⸗ 
vie das Arbeiter Tangersche Ehepaar in Kl.Hundorf. Beiden 
Jubelpaaren ließ der Großherzog Glückwunschschreiben über—⸗ 
eichen, auch erhielten die Dettmannschen Eheleute das Bild 
des Großherzogs und die Tangerschen Eheleute ein Geld— 
zeschenk von 30 M. 
Rehna, 6. Nov. Verkauft hat Erbpächter Maaß— 
Bülow seine Erbpachthufe zu Bulow-Ausbau an einen Herrn 
rus Friesland für 65 000 M. Vor etwa 6 Jahren erwarb 
Naaß die Stelle für 42 000 M, doch ist die Stelle jetzt in 
Hchster Kultur und das Inventar von allerbester Beschaffenheit. 
—r 
iehe da! — goldene und rote Rüancen, die für heftige Leiden⸗ 
chaften und stürmische Gefühle passen würden, werden durch 
in zartes poetisches Blau ersetzt. Es dürfte also wieder etwas 
uhiger werden. Eine leichte, durch Blau ausgedrüũchte Melan— 
holie, ein Blau, in das wir alle von Kopf bis zu Fuß gehüllt 
ind, wird sich in unsere Seelen ergießen. Denn, würden wir 
ms je in Blau kleiden, wenn wir die kühnen, überschäumenden 
zdeen beibehalten hätten? Weil Blau eine sozusagen dahin⸗ 
terbende Farbe ist, weil ihr idealer, diskreter Ausdruck an 
»en ungreifbaren Aether und das klare ruhige Meer erinnert, 
zaben die Dichter sie immer ihres heimlichen, unkörperlichen 
charakters wegen geliebt. Nur für unschuldige Gewänder paßt 
s am Tage, nur für romantische, platonische Abenteuer des 
Nachts. Denn es steht sicher fest, daß, wenn sich eine Frau 
ein Kleid bestellt, sie dabei schon etwas von ihren Gedanken 
und ihrer Stimmung durch ihre Wahl verrät. Als ge⸗ 
heimnisvolle Uebereinstimmung muß es angesehen werden, dak 
die Farbe, durch die man einen kleinen Aufschluk über den 
Tharakter der Trägerin finden kann, auch meistens die ist, die 
hre Schönheit am besten zur Geltung bringt. 
Wie dem nun aber auch sei, die Französin ist nicht dazu 
angetan, sich über irgend etwas aufzuregen. Sie weiß, dahß sit 
geistreich ist und ist zufrieden. Sie weiß, daß sie die schönste 
zeimatstadt der Welt besitzt und ist entzücdt; sie weiß, daß sie 
ie Königin aller Eleganzen ist und freut sich. Die anderen 
äßt sie lächelnd machen, was sie wollen und ... macht eben⸗ 
alls, was sie will. Es steht fest, daß Paris der Mittelpunkt aller 
fleganz und die Rue de la Paix das Herz der Welt ist, nicht 
»ahr? Alle hübschen Frauen der Erde — und es gibt ihrer 
riele — und alle anderen ebenfalls würden vor Verzweiflung 
ind Schande zugrunde gehen, wenn sie nicht Toiletten tragen 
önnten, die hier im Opernviertel das Licht der Welt er— 
lidten. Darüber sind wir uns alle einig: Frankreich ist die 
dönigin der Mode. 
Hat Paris, das Zentrum aller Eleganz und Schöpfer 
iller Schönheiten, in dieser Saison nun aber eine Mode, eine 
virkliche Mode lanciert? Wir wollen mal zusammen über— 
egen. Ja, richtig, wir erblickten kleine, unzusammenhängende 
ʒtũdchen Stoff, die, wie auf dem Frühstückstisch zurückgelafsene 
zervietten zerknittert aussahen, das waren Röde! Wir er— 
lickten Säde, die oben breit und uiten eng waren und scheinbar 
kdennisraketts zu enthalten schienen, das waren Kleider! 
Wir erblickten Fenstervorhänge, die indiskret gerafft waren, 
damit die unteren Extremitäten sehen konnten, was draußen 
vor sich ging, das waren wieder Kleider! Wir sahen Lampen⸗ 
chirme fur alte Petroleum- oder Gaslampen, das waren 
züte! Und wir sehen heute schlanke Gestalten mit langen 
herrenwesten, Spazierstöcken, schmutzig⸗gelben Fellen und Harems 
chleien. hbas fsind Variserinnen! QulIu. 
Fichüs gesehen, daß einem nichts mehr zu sehen übrig blieb?! 
Ind damn schlugen sie plötzlich um und bedecten sich den Hals 
is zu den Ohren hinauf..... Die Frauen trugen Capuchons 
ind Mantel, und die Mehrzahl der jungen Männer spazieren 
nantel⸗ und hutlos einher. Jetzt brauchen die Weiber ihnen nur 
soch ißre Stiefel fortzunehmen, dann haben sie ihnen alles 
enommen.“ Sachhettis Prophezeiung ist der Verwirklichung 
ahe. Wie weit sind wir von den Schlepproben entfernt, 
ie im 15. Jahrhundert in Venedig Furore machten. Aber 
ine noch viel teuflerische Erfindung als die Schleppen war 
ie Mode der hohen Hacken, die die Venetianerinnen annahmen. 
diese Art von Stelzen, die eine Höhe von einem halben Meter 
rreichten, Anderten nicht nur beim Gehen, sondern bdonnten 
ruch sehr gefährlich werden. Ein Zeitgenosse erzählt, daß 
ie so beschuhten Frauen Riesinnen glichen, „die sich auf Skla⸗ 
innen stützen mußten, um nicht zu fallen“. Regierungsdekrete 
ützten ebensowenig wie Spöttereien, um diefe lächerliche Mode 
ebzuschaffen. Man ichafft keine Mode ab, sie muß von selber 
jehen! Glüdlicherweise pflegt ke auch meistens sehr schnell 
on selber zu gehen!! 
Ob die Frauen jemals in ihrer Kleidung wieder zur Ein—⸗ 
achheit antiker Modelle zurückkehren werden? Gibt es 
twas Kleidsameres als ein schön drapiertes Peplum oder eine 
deiche Tunika? Es gibt in Paris Schneiderinnen, die sich von 
iejen klassischen Linien inlpirieren lassen und iiilistisch sehr 
armonische Toiletten kombinieren. Mit Virtuosität, gleich grie— 
hischen Bildhauern. drapieren sie, und aus ihren künstlerischen 
zänden gehen die formwvollendetsten Modelle hervor. Ein 
ekannter Conferencier sprach hier in Paris vor kurzem von 
er Garderobe einer Aegypterin aus dem 5. Jahrhundert. Wie 
eichhaltig jene auch vertreten sein mochte, sie enthielt nur zwei 
Irten von Gewändern, die nach demselben Modell zugeschnitten 
vorden waren: die transparente Tunika und das Kleid. Die 
zunika wurde auf den Schultern geteilt und den Hals schmückten 
arbige, gestikte Einsätze. Das Kleid unterschied sich von der 
unika nur durch den Stoff. Dieser war immer ein wollenes 
zewebe in zarten oder lebhaften Farben, vom hellen Gelb bis 
um tiefsten Blau, vom blassesten Rosa bis zum lkrassesten 
vot. Allerdings tälowierten sich die schönen Aegypterinnen 
nter ihren Tuniken auf das ausgiebigste ... aber wer weiß, 
ielleicht verlangen die Pariser Schneider für eine der nächsten 
Zaisons auch von uns Tätowierungen! Ich brauche wohl nicht 
rst die Zustimmung meiner Mitschwestern abzuwarten, um 
rfiären. daß wir alle „mitmachen“. ... 
Des leidenschaftlichen Tangos wegen hat man versucht, die 
Menschheit glauben zu machen, daß wir nur noch in einem 
asenden, an Wahnsinn streifenden Sinnestaumel leben könnten. 
Im uns herum schien alles vom heißen Temperament und den 
ühnen Gesten südländischer Rassen inspiriert zu sein! Aber
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.