Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

liche Vortrag zur Belebung des dänischen Nationalismus bei— 
getragen hätte, diese Befürchtung halten wir für übertrieben. 
Die Entscheidung des Schleswiger Regierungspräsidenten hat 
darum, eben weil sie einer übertriebenen Besorgnis entsprang, 
den Gegnern einer deutschnationalen Abwehrpolitik wenigstens 
einen Schimmer von Berechtigung verliehen. Und selbst den 
sollte man um der Sache willen zu verhüten suchen. 
Daher kann es auch nicht wundernehmen, wenn die Presse, 
welche dem Kampf des Deutschtums in der Nordmark von jeher 
die größten Schwierigkeiten gemacht hat, im Zusammenhang 
mit dem verbotenen Vortrage eine Rede des Schleswiger Regie— 
rungspräsidenten in der abfälligsten Weise kommentiert. Bei 
einer Abschiedsfeier für den von Hadersleben scheidenden Land⸗ 
rat Drnander meinte nämlich der Regierungspräsident, Dry⸗ 
ander scheide in einer Zeit, in der die „gesamte Bevölkerunc 
der Provinz Schleswig-Holstein, soweit sie national empfinde 
nach Maßnahmen rufe, die geeignet seien, die zügellose dänische 
Agitation einzuschränken und das Deutschtum zu stützen“. Diese 
Worte und die Versicherung des Regierungspräfidenten, „es 
tönne. wenn sich die dänische Agitation nicht ändere, nicht aus⸗ 
bleiben. daß auch die notwendigen scharfen Gegenmaßregeln 
allseitig anerkannt werden“, gilt den Gegnern unserer Nord⸗ 
markenpolitik als die Ankündigung eines neuen „strammeren“ 
Kurses in Nordschleswig und wird demnach glossiert. Daß von 
dieser Seite eine Verschärsung des Kurses prophezeit wird, ist 
an und für sich noch kein Beweis dafür, daß der bisherige Kurs 
auch ein scharfer war. Und wenn sich die Kritiker die Mühe 
nähmen, die Rede des Schleswiger Regierungspräsidenten ruhig 
und unbefangen zu prüfen, so würden sie vielleicht zu einem 
anderen Urteil kommen. Wir sagen vielleicht, denn der Wahl⸗ 
spruch: Tut nichts, der Preuße wird verbrannt, ist in diesen 
Kreisen allzusehr zum Maßstab alles Urteils über die preußische 
Nationalitãtenposttik geworden, als daß ihnen noch eine ganz 
unbefangene Vrüfung dieser Politik möglich wäre. Sle find 
zu sehr darauf eingestellt, in den Preußen die Gewaltmenschen 
in den Dänen die „Unterdrückten“ zu sehen, um zu erkennen, 
wie wenig die von ihnen empfohlene Politik der Versöhnung 
bisher gefruchtet hat. Achtlos gehen sie daran vorüber 
wie die Optanten das Vertrauen gelohnt haben, das man 
ihmen durch den Vertrg vom 11. Jamtar 1907 entgegengebracht 
hat, achtlos auch an der fortgesetzten Weigerung, den dänischen 
Staatenlosen endlich Heimatsberechtigung in Dänemark zu ver 
schaffen. Wir wollen nicht der dänischen Regierung den Vor— 
wurf machen, daß auch sie in den Staatenlosen ein bequemes 
Mittel entdeckt habe, um der vreußischen Regierung Berlegen— 
heiten zu bereiten, obwohl die dänischen Staatsmänner und vor 
allem auch die dänische Regierunosprefse in der Beurteilung 
unserer Nordmarkenpolitik keineswegs immer die Neutralität be— 
obachtet haben, die man von einem „befreundeten“ Staate er⸗ 
warten darf. Aber die dänische Agitation zieht aus der 
„Rechtlosigkeit“ der Staatenlosen jedenfalls reichlich Nutzen; das 
zeigten zuletzt noch die beweglichen Klagen des dänischen Wge— 
ordneten Hanssen bei der Beratung des Reichs- und Staats-⸗ 
angehsrigkeitsgesetzes. Damals wurde vom Bundesratstisch aus 
mit Recht darauf hingewiesen, daß es Dänemark in der Hand 
habe, die manchmal recht traurige Lage dieser Staatenlofen zu 
mildern. Aber auch heute noch wird jeder Staatenlose, der 
der Ausweisung verfällt, weil er ungeachtet, daß er in Schles—⸗ 
wig nur gleichsam als Gast weilt, gegen Preußen agitiert, 
als Märtmer der preußischen Politik hingestellt, die mit dem 
einen Namen „Köller“ der Verachtung preisgegeben wird. Wir 
glauben, es wäre heute vieles besset, wenn man den Kurs 
den Oberpräsident von Köller in der Nordmark beobachtet hat 
strikte eingehalten hätte, wenn man nicht — wie in der Ost— 
mark und Elsaß Lothringen — zwischen sentimentaler Gefühls 
politik — siehe Optantenvertrag — und übertriebener Schärfe 
wie fie lsich im Fall Amundsen hexvortat. geschwankt haãtte, 
sondern ruhig und stetig einen Weg gegangen wäre, das hätte 
auch die eifrigsten Vorkämpfer des dänischen Nationalismus 
schließlich zu Führern ohne Soldaten gemacht. Denn eine 
ruhige, krafi⸗ und zielbewußte Politik hätte ihnen den Boden 
entzogen, auf dem ihre Agitation immer wieder neue Nah— 
rung findet. 
¶— 
Vom Balkan. 
Gtiechenlands Antwort. 
Die Antwortnote der griechischen Regierung auf die Note 
Jtaliens und Oesterreich-Ungarns erhebt in Er— 
viderung auf den Vorwurf, Griechenland schüchtere die Be— 
⸗ —ñ—— — * — 
Theater, Kunst und Wissenschaft. 
Lübeck, 6. Nov. 
Stadttheater. 
„Koralieukettliu“. 
Ein Drama in vier Akten von Franz Dülberg. 
Der Kritiker eines Organes der öffentlichen Meinung sieht 
sich bei Bewrechung dieses Dichterwerkes vor eine Schwierigkeit 
gestellt, der er gerne enthsoben wäre; er würde gerne nur als 
Kunstfreund an dieses Drama herantreten, denn es ist ein 
Drama und ein gutes und starkes dazu, es ist ein Dichterwerk. 
Aber er wie das Drama sind nur ein Slied in der Kette der 
Erscheinungen der uns umgebenden Wirklichkeit, iägliches Leben 
und Geselischaft genannt. die ihn zwingen, auch einiges über 
die Dinge zu sagen, die, gänzlich fern der Kunst, das Werk 
des Dichters, sein Erscheinen in der Oeffentlichkeit, seine Auf⸗ 
ührung hier begleiten. Dann erst soll von dem Dichterwerl 
ind nur von ihm die Rede sein. Das Werk ist in Preußen 
herboten worden! Warum? — Man weiß es nicht, jedenfalls 
verstehtt man es nicht, daß ein Werk, das rein und tief und von 
yoher Warte in stolzer Sprache sich mit einem der tragischsten 
Probleme aller Zeiten und auch unserer Zeit beschäftigt und auf 
eine Weise, dicht rische Weise, zu lösen sucht, verboten 
wird, weil darin die Rede ist und wie die Rede ist von Dingen, 
bon denen „beileibe nicht die Rede sein voltte“'. Man lähßt 
iber doch Werke zu, die unkünstlerisch Ind und als reine Tenden 
werke unangenehm, wie die Brieuxschen Schiffbrüchigen“. Der 
Besuch solcher Werke wird empfohlen als lehrreich und gewinn— 
bringend. Nein, man versteht es nicht! Man versteht aber 
auch ein anderes nicht. Gewiß, ein Theaterunternehmen ist nur 
halb (leider!) ein künstlerisches Unternehmen und zur anderen 
Hälfte Geschäft — aber muß man wirklich mit den Mittelchen 
der Schundliteraturerzeuger und Verbreiter operieren und laut 
— 
Preußen verboten! Verboten!“? Heißt das nicht appellieren 
an die schlechten Instinkte des Publikums, das leider so ist? 
Heißt das aber nicht auch ein echtes Dichterwerk hinabziehen 
in den Staub des Alltags, heißt das nicht die 
Ehrfurcht ertöten vor einem echten Dichterwerk? Wie 
viele sind gestern nur gekommen aus Sensations— 
lust und weil die Preise billig waren? Daß fie 
ernst wurden und in der Sensationsgier enttäuscht, daß das 
völkerung der besetzten Gebiete ein und intrigiere gegen die 
Arbeiten der internationalen Grenzkommission für Säd— 
albanien die Anklage parteiischen Vorgehens gegen sämtliche 
Mitglieder dieser Kommission und ihre Bestrebungen. Zum 
Schluß lehnt die griechische Regierung jede Verantwortung ab 
für den Fall, daß die Arbeiten der Kommission nicht bis zum 
30. Novemiber beendigt sein sollten. 
Zar Ferdinand in Wienm. 
König Ferdinand von Bulgarien ist von Schloß Ebenthal 
in strengstem Inkognito in Wien eingetroffen und bei' seinem 
Bruder, dem Prinzen Philipp von Koburg, abgestiegen. Gestern 
ibend unternahm er in Begleitung seines Adjutanten einen 
zpaziergang durch die Stadt. Heute wird der König dem 
Minister des Neußern, Grafen Berchtold, einen Besuch ab⸗ 
statten und mit ihm eine längere Besprechung haben. 
Die franzöfischetürlischen Anleiheverhandlungen aus chauvinisti⸗ 
schem Grunde gescheitert. 
Wie der Korrespondent der Preß-Zentrale aus bester 
Quelle erfährt, kam man das türkische Anleiheprojekt in 
Frankreich so gut als gescheitert betrachten. Man wird der 
Türkei nur vollkommen ungenügende Summen anbieten. Der 
Grund hierfür ist, daß in Parifer offiziellen Kreisen eine 
solche Mißstimmung über die freundliche Aufnahme der neuen 
deutschen Militärmission in Konstantinopel herrscht. 
daß man geradeheraus erklärt hat, unter solchen Umitänden 
leinerlei Interessen für die notleidenden türkischen Finanzen 
zu haben. 
Deutsches Reich. 
Besuch des Kaserpaares ian Braunschweig. Wie minmehr 
keststeht, findet am 17. Nov. bestimmt der Besuch des Kaiser— 
aares in Braunschweig statt. Es sind bereits Anordnungen 
jetroffen worden, an verschiedenen Stellen der Stadt die Aus— 
chmücuung und auch die Beleuchtungsanlagen für Illuminations— 
wede stehen zu lassen. 
Der König der Belgier in Limebiurg und Potsdam. Gestern 
norgen um 8 Uhr traf der König der Belgier mit dem 
Schnellzug von Hamburg in Lüneburg ein und wurde von dem 
ommandierenden General des 10. Armeekorps von Emmich, 
dem Kommandeur des hier garnisoni renden 2. hannoverschen 
Dragoner-Regiments Nr. 16, dessen Chef der König ist, Oberssi 
pon Bodelschwingh, sowie dem Kaiserlichen Oberstallmeister 
Oberst von Frankenberg empfangen. Nach Abschreiten der 
hierher beorderten Ehrenkompagnie des Infanterie-Regiments 
Nr. 77 aus Celle bestieg der König, der die Uniform der 
ib. Dragoner trug, ein aus Berlin nach hier gesandtes Zwei— 
jespann und fuhr nach der Kaserne des Dragoner-Regiments, 
vo er das Regiment besichtigte und im Anschluß daran die 
Parade abnahm. Der Parade folgte ein Geländeritt. Dann 
uhr der König nach der St. Johann-Kirche, die er eingehend 
zesichtigte und darauf nach dem Rathaus. Daran schloß sich 
in Frühstüd im Offizierskasino. Um 1 Uhr 10 Min. fuhr 
Iönig Albert im D-Zug nach Berlin. Der König ist nach 
nittags 6 Uhr dann zum Besuch des Kaisers und der 
Kaiserin auf Station Wildpark eingetroffen. Der Kaiser 
mpfing den König auf der Station und geleitete ihn im 
Automobil zum Neuen Palais, wo der König in den Roten 
tammern Wohnung nahm. Alshald nach der Ankunft nahmen 
der Kaiser und der König den Tee bei der Kaiferin. Am 
Abend war im Apollosaal Tafel im kleineren Kreise. Die 
daiserin saß zwischen dem König der Belgier und dem Reichs⸗ 
ranzler, gegenüber der Karser zwischen dem belgischen Gesandten 
Baron Beyens und dem Flüge'adjutanten Oberstleutnant Graf 
de Jonghe. Ferner war der belgische Militärattachs Major 
de Melotte geladen. 
Die deutsch-schwedische Vereinigimg. In der gestern zu 
Berlin stattgehabten Sitzung der deutsch-schwedischen Vereini— 
aung wurde der Vorstand aus folgenden Herren gebildet: 
Erster Vorsitzender Professor Harnad-Berlin, Generaldirektor 
der Königlichen Bibliothek, zweiter Vorsitzender Reichstags⸗ 
Wbgeordneter Bassermann-⸗Mannheim, Schatzmeister Bankier 
Robert von Mendelssohn-Berlin, Beisitzer Max M. Warburg 
Hamburg, Professor Rathgen-Hamburg, Senator Possehl 
Lübeck, Geh. Kommerzienrat Ziese-Elbing (Schichau), Major 
»on Waldheim-Göttingen, Konsul Wanner-Stüttgart, ferner 
rus Berlin: Professor Dietrich Schäfer, Bürgermeister Reicke, 
Landtagsabgeordneter Geh. Justizrat Cassel, Kommerzienral 
Steinthal, Erich Lilienthal, Leiter des Auslandssekretariats, 
als Schriftführer 
Werk mit starken Worten zum Herzen sprach und manchmal 
dröhnte wie eine mahnende Glockenstimme und tief ergriff, das 
pricht mehr für den Dichter und sein Stück, als klingende 
Worte des Lobes es vermögen. Darum soll es uns und alle 
denig kümmern, ob es „verboten“ ist, wo anders! Man 
ollte damit keine Reklame machen, es sieht so aus, als wäre 
»as Werk nicht das, was es ist, ein Kunstwerk. 
Franz Dülberg war, bis er mit seinem „Korallenkettlin“ 
'am, so gut wie unbekannt, mit seinem Werke stellt er sich, zwar 
ioch in manchem unausgeglichen, ringend mit der Form und 
dem Stoff, aber als ein echter Dichter mit in die erste Reihe. 
Wir haben nicht allzu viele wirkliche Dichter, man sollte sie 
twas mehr pflegen. Das Problem, das ihn in seinem „Ko⸗ 
rallenkettlin“ beschäftigt, ist ein Problem Aller, der ganzen 
Hesellschaft, aller, die berufen sind, dem Gemeinwesen zu dienen, 
aller, die ein warmes Herz haben für die Gesundung des 
Volkes, der Menschheit, die sich mühen und suchen, wie dieser 
ürchterliche Schandfleck der Menschheit von ihr genommen 
verden kann. Gelehrte und Männer der Praxis haben ihre 
debensarbeit daran gesetzt, um diesem „grüngiftigen alten 
zöllendrachen“, der Prostitution, den Lebensnerv abzuschneiden. 
bewih keine Frage für Kinder und Einfältige, aber eine ernste 
Frage für Frauen und Männer, die offenen Anges sind und 
reinen Herzens, die die Schönheit nicht aus der Welt bannen 
vollen und das warme Lebensblut und doch es rein halten 
wollen, edel und gesund. Und nun dieser Dichter. Als Dichter 
will er diese Sphinxfrage lösen und er löst sie — tragisch 
und schwer — im Tode. Er löst sie, wie sie in tausend Jahren 
dielleicht einmal gelöst werden wird, wenn alle Selbstsucht, 
alle Niedrigkeit, alle Gier aus dem Menschen genommen sein 
vird und er hoch sein wird und frei und groß und stolz. So 
öst er sie: ‚Auf ihrem T eiben ruht die Reinheit eures Lebens 
m Hause“, sagt Aldewyn von jenen Mädchen, und: „Ich 
denle, dies Gewerbe sollte in euren Städten geehrt sein vor 
edem anderen!“ Eine Dichterlösung, aber eine stolze und 
chöne und hohe Lösung — in tausend Jahren, denn selbsst 
»er Dichter sieht nur im Tode den Ausweg von der Schuld. 
So wächst das Drama aus derTatsächlichleit der oft phantastischen 
Feschehnisse hinaus in ein Gebiet reiner Geistigkeit. Es löst sich 
uus dem Kleinen der Streitfragen des Tages und wird zur 
angen Frage der Menschheit. „Die Krone oder der Tod!“, 
„Der Tod oder die Krone!“, ein anderes gibt es nicht. Vieles 
Arteil ime Souvenir⸗Prozetz. Gestern nachmittag kurz nach 
5. Uhr hat die Metzer Strafkammer das Urteil im Soubenit 
Prozeß gesprochen. Das freisprechende Urteil des Schöffen— 
zjerichts wurde aufgehoben und Jean der Präsident des Souve 
nir d'Alsace Lorraine zu 50 M Geldstrafe, eventuell zu zehr 
Tagen Haft sowie Tragung der Kosten des Verfahrens ver 
urteilt. Der Verein ist als politischer anzusehen. 
ort. Duͤe Einigungs aussichten zwisch n Aerzten und Kranken— 
kassen. Nach den letzten Kriegserklärungen des außerordent 
lichen deutschen Aerztetages und der vereinigten Krankenkassen 
verbände anfangs voriger Woche sind in einer Reihe größere, 
Städte sogenannte Einigungsverhandlungen in 
die Wege geleitet worden, die trotz allem gute Erfolge ver 
heihen. Aus Danzig wird uns mitgeteilt, daß über einer 
neuen Vertrag grundsätzlich Einigkeit zwischen den Parteien 
herrscht und nur das formelle Verbot des Vertragsabschlu'ses 
durch den Berliner Aerztetag die Vollbringung des Abschlusses 
in letzter Stunde untunlich erscheinen ließ. Man ist sich aber auf 
beiden Seiten bereits darüber einig, in aller Ruhe und 
Freundschaft die Stunde abzuwarten, in der die fertig vor— 
liegenden Verträge ordnungsmähßig unterschrieben werden können. 
In ganz Württemberg herrscht ein ähnlicher Zustand. Ir 
Koblenz haben letzten Sonntag die Oberbürgermeister vor 
neun norddeutschen Städten ein gemeinsames Vorgehen im 
Sinne der Herbeiführung des Friedens beschlossen. Und ir 
Köln sind neue Verhandlungen zwischen Aerzten und Kranken— 
assen durch Vermittelung des zuständigen Magistratsreferenten 
eingeleitet, die Erfolg versprechen. Nimmt man hinzu, daf 
Berlin, Hamburg und Dresden das Recht zu Sonder— 
verträgen vom Aerztetag bereits zugestanden belamen, so 
wird der Kreis beider kriegführenden Varteien schon erheblich 
eingeschränkt und es wächst wieder die Hoffnung, daß bis zum 
31. Dez. doch noch eine Einigung auf der ganzen Linie zustande 
kommt. 
Ausland. 
Desterreich Ungarn. 
Sprr Neue Krawalle im ungarischen Abgeordnetenhausfe. Am 
Schluß der gestrigen Sitzung im ungarischen Abgeordneteuhause 
ereignete sich abermals eine turbulente Szene. Der Abge— 
ordnete Huszer sprach zu einem vom Abgeordneten, Hedervary 
gestellten Intomnotibilitätsantirag gegen den Abgeordneten 
Mandy, als der Abgeordnete Euner mit großer Geschwindig 
deit ein Spiel Karten,auf den Tiso des Prat 
hidenten warf. Ein Teil der Karten flog bis zu den 
Tischen der Regierungsvertreter. Der Ministerpräfident Graf 
Tisza machte eine Handbewegung, aus der man seine große 
Erregunrg heraus fühlen konnte. Man sah das Kartenspiel auf 
dem Züsch ausgebrteitet liegen und es konnte ich niemand 
des Eindrucks erwehren, daß es sich hier um ein Spiel bu 
tiger Jronie handelt. Der gerade zur Sorache stehend— 
Antrag behandelte nämlich die Teilnahme des Rbgeordueten 
Mandy on der, Spielbankaffäre. Der Präsident erfteilte dem 
Abgeordneten Eitner einen Ordnungsruf und erklärte, daß 
er ihn wegen seines Vorgehens vor den Immunitätsausschuß 
itieren werde. Die Opposition brach in stürmische Elijenruf⸗ 
aus, die Eitter galten. Als Abgeordneter Huszer wäh— 
rend seiner Rede heftige Angriffe gegen die nationale Ar— 
beiterpartei erhob, wurde ihm vom Präsidenten das Worr 
entzo gen. In diesem Augenblick gab Graf Andrastz de 
Dopposition das Zeichen, sich aus dem Saal zu entfernen. worouf 
der Präsident Tieza die Sitzung, suspendierte. Zahlreiche Awi⸗ 
Genrufe, auf seiten der, Opposition wurden laut. Stefan 
Rakowski warf ein Gesetzbuch auf den Tisch und verließz mit 
den Werten: „Hier hat jedes Recht und jedes Gesetz seine 
Kraft verloren“ den Saal. Nach der Entfernung der Oppo— 
sition wurde die Parole gusgegeben, daß sich die Opposition 
überhquot fernzuhalten habe. — Mehrere Abgeordnete werden 
dem Immunitätsausschußz überwiesen werden. 
Amerika. 
Wahlen. Auch in den Jahren ohne Präsidenten- oder 
Repräsentantenhaus Erneuerung sind in den Bereinigten Stgaten 
mmer einige Einzelwahlen fällig: Neubesetzungen der Gou— 
verneurs⸗ und Mayors⸗Posten. quch einige Wiederbesetzungen 
von Senatorensitzen. Die Resultate, die da vom diesiährigen 
ersten Nopemberdienstag mitgefeilt werden, zeigen nun, daß die 
demokratische Hochflut der letztvergangenen drei Jahre noch nicht 
abzuebben begonnen hat. dDie keine demotkralische Mehrheit 
im Senat erfaͤhrt sogar noch eine nicht unwillkommene Ver— 
stärkung durch den Gewinn des Baltimorefchen (Marnyland) 
Mandefes. 
Das Hauptinteresse drehte sich aber um den erneuten An⸗ 
turm der Rewyorker gegen ihren Tammanhy-Ring, der denn 
uuch der Vereinigung aller ührigen Gruppen erlegen ist. An 
Haynors Stelle wird alfo wieden ein Reformfreund die Stadt- 
derwaltung der nächsten Jahre führen. Da Riederlagen von 
Tammany⸗Hall aber in, früheren Jahren schon, wiederholt vor 
Lelommen sind und, die ob ihrer Korktuption berüchtigie 
aonisation der Newyorker Stadtdemokratie in späteren 
— — — 
ist gesagt, was aus dem Wege dazu liegt, vieles, bvas an das 
Gewissen hämmert mit starken Worten, von der Faischheit und 
der Hcucheiei, von der Reinheit der Frauen manch kangendes 
Wort und von der Liebe Leben manch füßer Klang, schwer 
und sühß wie heißer Wein, der durch die Adern rinnt. Nicht 
gleichwertig ist das Werk in Geltaltung und Aufbau, wenn 
man es liest und dann sieht und hört, fühlt man das; vieles, 
vas gefagt werden mußte, wird in allzu lehrhafter Fotm und 
allzuwenig motiviert gesagt, so die Worte des Prinzen sür 
das Eheleben. die Gesellschaft und die Mädchen, die für Gold 
Ldiebe schenlken. Der dritte Alt mit seiner Wandlung, Versuchung 
einer Höhe und Tiefe wirkt auf der Bühne stärker als im 
Buche, die anderen geben, namentlich von der biegfamen stacken 
Spracke mehr, wenn man sie liest. Inhaltsangaben sind nicht 
lufgabe noch Zweck einer Besprechung. Seht, hört oder lesi 
elbst, tief werden die Stunden sein und ernst, aber auch reich 
und voll warmer Schönheit. F 
Die Wiedergabe des Werkes in unfserem Stadttheater kann 
im ganzen genommen als recht gelungen bezeichnet werden 
Zzenisch waren die drei ersten Akte ganz hervorragend gut 
reistungen, gegen die leider der vierte vollkommen abfiel, 
o daß es fast weh tut, wieviel Schönheit verloren ging. Die 
Massenszenen des Volkes störten, sie waren unnatürlich, zerrissen 
ich selbst und das große schlichte Pathos der Handelnden auf 
dem Aulane, die wenig Bewegungsfreiheit hatten. Wahrend 
die drei ersten Akte fast genau dem geistigen Bilde entlorichen, 
»as man lich von ihrer Szenerie bei der Lektüre machte, 
war die Bühne des vierten Aktes gänzlich anders, z. T. ent⸗ 
zegen den Intentionen des Dichters gestaltet. Gerade die 
Vorschrift des Dichters: „In der rechten vorderen Bühnen— 
hälfte reicht die Altane nicht bis an die Kulissen, so daß 
nan dort die auf dem Markt stehende erregte Voiksmenge, 
die bis an die Balustrade drängt und hier und da mit 
den Händen, mit Kopf und Oberkörper aAber sie 
»mporragt. hören und zum Teil fehen kann“ — scheini 
einen viel stärleren, meinetwegen effektvolleren Eindruck zn 
jewährleisten. Unter den Darstellern zeichnete sich besonders 
Anna Hueppeden als Käthchen vom Schließenberg aus. 
Sie war von rührender Kindlichkeit, von süßer Wärme, 
oon starker Größe, und fand so liebreizende Bewegungen und 
zu Herzen gehende Töne, daß man trotz einiger kleiner Miß⸗ 
griffe in der Lautstärke freudig dem warmen Beifail des 
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