Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

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Beilagen: Vaterstädtische Blätter. — Der Familienfreund. 
Amtsblatt der freien und Hansestadt Lübed 163. Jahrgang Nachrichten für das herzogtum Tauenburg, die 
Veiblatt: Gesetz⸗ und Verordnungsblatt 8 e nelhe der Jargãnge der en Fürstentümer Ratzeburg, Lübed und das angren⸗ 
—D — ———— zende mecklenburgische und holsteinische Gebiet. 
Drucdd und Verlag: Gebrüder Borchers G. m. b. H. im Lübed. — Geschäftsstelle Abenn u Gönigstr. 46). Fernspre cher 9000 u. 9001. 
Au⸗ 
Mittwoch, den 5. November 1913. 
aAbend⸗Blatt Nr. 562. 
3 
Erstes Blatt. hierzu 2. Blatt. 
—AAP———————— ————-——çLstçz-.— 
AUnmfang der heutigen Nummer 6 Seiten. 
Nichtamtlicher Ceil. 
* 
Kerzte und Krankenkassen. 
Her zwischen Aerzten und Krankenkafsen ausgebrochene Streit 
veschäftigt nach wie vor die öffentliche Meinung. Wir brachten 
am Sonnabend die Nachricht, daß die Krankenkassen geneigt 
vären, auf der Grundlage der in Berlin zwischen der Aerzte— 
organisation und den Krankenkafsen getroffenen Vereinbarungen 
Verträge mit den Aerzten zu schließen, erfahren aber nun, 
daß die Berliner Vereinbarungen für die Aerzte des Reiches 
anannehmbar sind und daß der Merztetag nur mit Rückficht 
wauf die überaus traurigen kasienärztlichen Verhälinisse Ber⸗ 
lins im voraus den dortigen Kollegen Generalpardon erteilt 
hat und bewußt dieser Ausnahme zugestimmt hat. Auch 
die Berliner Aerzte stehen auf dem Boden der Anschauungen der 
geschlofssenen deutschen Aerzteschaft und haben dieser ihre Sym— 
pathien ausgesprochen, dankbar dafür, daß man ihnen nicht 
rurief: „Laß' sie betteln geh'n, wenn fie hungrig sind!“ Da 
wird es für unsere Leser von Interesse sein, rückwärts blickend 
noch einmal die Sachlage zu überschauen. 
Schon einmal, vor Jahren, ist es zu einem beftigen 
Kampfe zwischen den Krankenkassen und den Aerzten gekommen. 
Es ist kein erfreuliches Schauspiel gewesen, und auch jetzt kann 
man nur mit geringem Vergnügen der Erneuerung deeses 
Kampfes folgen, in den, wie einst, die Merzte erst eingetreden 
find, nachdem jeder Versfuch einer Verständigung mißglückt 
war. Wo der letzte Grund liegt? In den Krankenkassen spielt 
die organisierte Arbeiterschaft die Rolle des Arbeitgebers, seitdem 
es ihr gelungen ist, die Herrschaft zu erringen; sie fühlt sich als 
Herrin der Aerzte, sie hat zugleich das Bedürfnis, sie in das Pro— 
etariat herabzuziehen, und wenn die Aerzte sich arganifieren 
und gegen ihre Tyrannen mit den gleichen Waffen zu fechten 
uchen, mit denen sie sonst so wirksam kämpfen, dann erhebt sich 
ein gewaltiger Lärm, und die Arbeit mit den „Streikbrechern“, 
»ie nun wohl bald einsetzen wird, verliert ihr Odium. So war 
schon vor bald zehn Jahren, als man durch Drohungen und 
Versprechungen Aerzte herbeizulocken suchte, die gegen das 
Interesse ihrer Berufsgenossen ĩich als „Arbeitswillige“ präsen⸗ 
tierten. Damals hat ein demokratischer Abgeordneter im 
Reichstage festgestellt, daß ein Kassenvorstand den Ausruf tat: 
„Die Aerzte müssen unter der Kmute der Arbeiter stehen!“ Da— 
mals wurde auch festgestellt, daß vielfach die Aerzte für die Kon⸗ 
fultation nur 6—10, für den Befuch nur 20 Pfennige erhalten. 
Wie hat man gelärnret, als die Aerzte verlangten, daß die 
veiderseitigen Leistungen von Kommiffionen vereinbart werden 
mühßten, die zu gleichen Teilen aus Delegierten der Kassen und 
der Aerzte bestehen; Als sie weiter den Munsch aussprachen 
daß die staatliche Taxe in Preußen und Sachsen, eine Mark 
für Besuch und Konsultation, als Grundlage gewählt werden 
möge! Als sie schließlich den Anspruch erhoben, daß Personen 
mit einem Einkommen über 2000 Muhöhere Beträge zahlten! 
Fast zehn Jahre sind seitdem vergangen, die Verhält— 
aisse haben sich zwar etwas gebessert, die Gegensätze aber 
ind nicht verschwunden, und abermals tobt der Kampf. Nur 
haben inzwischen die Aerzte sich eine starke Organisation ge— 
ichaffen, sie sind widerstandsfähiger geworden, sie können mit 
der gesicherten Hoffnung auf den Sieg den Kampf aufnehmen 
Ind sicherl'ch werden die Sympa hien der Oeffentlichkeit vor 
viegend Auf ihrer Seite stehen. Denn sie haben, so lange es 
inging, sich nachgiebig gezeigt, sie haben in Sachen der Wah 
»es Aerztesyssems zugestanden, daß Kassenverträge nach dem 
System der organisierten freien Arztwahl oder nach dem Kassen— 
arztsystem oder auch nach dem Distriktsaztsyslem abgeschlossen 
verden können, sie haben auch in der Frage des Honorars nicht 
illgemein die Bezahlung der einzelnen Leistungen, sondern nur 
ie Möglichkeit verlangt, dieses System beizubehalten. Sie 
aben den Kassen Kontrollinstanzen sür die gesamte Tätigkeit 
»er Aerzte angeboten, so dak diese einzelnen Aerzten gegenüber 
»as Honorar kürzen können, und sie haben für dien Fall von 
zrtlichen Differenzen ein Schiedsamt vorgeschlagen, an dessen 
Spitze der Direktor des zuständigen Oberversicherungsamtes 
»der der Landgerichtspräsident zu stellen sei. Trotzdem ist nun 
»er Kampf ausgebrochen, und jeder Kampf schlägt Wunden. 
vewiß haben ihn die Aerzte nicht leichtfertig aufgenommen, sich 
ur mit schwerem Herzen zu einem Vorgehen entschlossen, das 
nnso schroffem Widerspruch zu dem menschenfreundlichen 
Lharakter ihres Berufes zu stehen scheint. In ihrem Aufruf 
in die Oersfentlichkeit gaben si: als Gründe die Ablebnung 
hrer Forderungen an, daß auch die ärztrichen Organisationen 
»ei Verhandlungen und bei dem Abschluß von Verträgen mit 
virken sollen, sie betonten aber auch zugleich, dah die Ab 
ehnung ihres Wunsches, die Honorare den jetzigen Verhält— 
rissen entsprechend zu bemessen, an ihrem Entschluß mitgewirkl 
»abe. Kann man es ihnen verargen, wenn sie von einem 
Herrenstandpunkt“ der Kassen sprechen? Wenn sie abermals 
cklären, daß hier nur der Wunsch bestimmend sei, sich die 
lerzte untertänig zu machen? Ist es ein Wunder, wenn sie 
aute Anklage gegen „den Starrsinn und den Hochmut der 
rührer in; Kran kenkassenwesen“ erheben, an dem ihre ehrlichen 
zemühungen gescheitert und ihre besten Absichten zerschellt 
eien? Sie selbst lehnen es für die Zukunft ab und erklären 
s für die heilige Pflicht jedes einzelnen Arztes und jeder 
Irganisation, fortan mit keiner Krankenkasse einen Vertrag 
ibzuschließen und die kassenärztliche Versorgung aller Ver— 
icherten unbedingt zu versagen. 
Selbstverständlich foll jedoch der Kranke auch während 
ieses Kamrfes nicht im Elend verkommen, das furchtbare 
Rdium dem Aerztestande nicht aufgewälzt werden, daß das 
ziechbett ohne Aufsicht, der Kranke ohne Hilfe bleibt. Nur 
ie Kasienverwaltung soll ausgeschaltet werden. die Kasien 
ul 
selbst sollen das Recht erhalten, den Versicherten an Stelle 
der freien örztlichen Behandlung eine bare Entfschädigung zu 
gewähren. An dieser Methode, so erklären die Aeczte, wird 
nan festhalten, bis die Verhältnisse selbst im kleinsten Orte 
ind im entlegensten Winkel geordnet find. Nur vier Delegierte 
jaben gegen diesen Antrag gestimmt, sie haben nur 164 
Stimmen vertreten, während 21207 Stimmen ihre Zu—⸗ 
timmung gaben. Das gibt zu denken, das sollte auch den 
zohen Herren von der Kassenverwaltung den Beweis liefern, 
daß der Kampf nicht leicht werden dürfte und daßß der Sies 
trotz aller wmirtschaftlichen Ueberlegenheit noch keineswegs ge— 
sichert ist. Handelt es sich doch für die Aerzte, wie einer 
hrer Redner treffend bemerkte, um den letzten und einzigen 
Augenblick, in dem überhaupt noch der Verfall des ärztlichen 
Standes aufgehalten werden kann. Es wird ihnen ein Trost 
ind eine Ermutigung fein, daß auch die medizinischen Fakul⸗ 
äten fich auf ihre Seite stellen und daß mit ihnen zuglcich 
janze Länder und Provinzen in den Kampf eintreten. So 
Schlefien, so Bayern und die Pfalz. Und auch dort, wo die 
Aerzte, wie in Württemberg, nicht in den Kri eintreten, 
veil hier die Forderungen durch das Eingreifen der Regierung 
vereits erfüllt sind, stellt man doch den Kollegen im Reiche 
jede Sympathie und jede Hilfe zur Verfügung. 
Werden sich, wie vor zehn Jahren, „Streikbrecher“ finden, 
an Zahl genügend, um ihren Kollegen den Sieg zu rauben? 
Es gibt ja Elend und Dürftigkeit genug unter den Aerzten, 
um vielleicht manchen von ihnen zu so jämmerlichem Handeln 
zu treiben. Hat es sich doch in dem Prozeß gegen den Kur—⸗ 
»fuscher Nardenkötter erwiesen, daß sich zu dem Möosten eines 
nedizinischen Handlongers, der seinen Unfug zu »cen hatte, 
ilso zu einer Stellung, die man kaum mit Ehren annehmen 
zurfte. zahllose Bewerber drängten. Auch vor zehn Sahren 
'and die eine oder andere Kasse ein halbes oder ein ganzes 
Dutzend Arbeitswilliger. Nur daß ihre Leistungen alsbald zu 
sauten Klagen führten, weil naturgemäß gerade diese NMerzte, 
die aus der bitteren Not eine Untugend machten, sich zum 
Arbeitsplatz drängten. Sonderbar aber, daß gerade die Herren, 
die doch sonst nicht Worte genug der Entrüstung über „das 
viderliche Streilbrechergewerbe“, über die Arbeitswilligen sinden, 
oie „dem Proletariat in den Rücken fallen“, setzt sich am 
lautesten rühmen, daß sie eine große Zahl von „Streikbrechern“ 
ur Verfügung hätten, und sonderbar weiter, daß sie nach dem 
Staat als Schutzmonn schreien! Sonderbar endlich, daß sie 
o gar kein Verständnis dafür besitzen, daß die ungeheuren 
Dpfer, die vom Beginn des nächsten Jahres an hbie neue 
Trankenverficherung mit ihrer gewaltigen Vermehrung der Ver— 
icherten den Aerzten auferlegt, in irgendeiner Weise aus— 
zeglichen werden müssen! Und am allersonderbarsten. daß 
Herr Fräßdorf in Breslau erflären konnte: .Dem Organi— 
sationszwang können wir uns nicht unterwerfen!“ Sonit Ungt 
ꝛs doch wohl anders aus den Reihen seiner Partei. Man 
schwärmt eben sür die Freiheit, aber nur dann, wenn die rinem 
ielbst Nergnügen mach“ 
Irrlichter des Glücks. 
Ein Gesellschaftsroman von der Riviera. 
Von Erich Friesen. 
(8. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten) 
Gleichmütig ergreift Irene den Brief und wirft einen 
klũchtigen Blick auf die Adresse. 
Reginald bemerkt, wie die Farbe aus ihren Wangen 
ichwindet und wie die schlanke Hand, die den Brief haftig 
beiseite schiebt, zittert. Zartiühlend erhebt er sich und tritt 
hinaus auf die Terrasse, um seiner Tante Zeit zu lassen, ihr⸗ 
ersichtliche Erregung zu bekämpfen. 
Als Irene sich allein und unbeobachtet fieht, öffnet sie 
rasch den Brief Er enthält nur wenige, mit Rleistift gekrikelte 
Waorte: 
„Bin soeben hier eingetroffen. Muß Dich heute noch 
sprechen. Ich habe in Monte Carlo 10000 Frs. verspielt, 
die nicht mir gehörten. und die ich morgen zurückzuzahlen 
habe. Wenn Du nicht willst, daß die Sache in die Oeffent⸗ 
lichleit und damit auch zu Ohren Deines Mannes kommt, 
so mußt Du die Sumnre, die immerhin eine Bagatelle ist, 
blechen. Ich erwarte Dich noch heute abend im Hotel de 
l'Europe. Bring das Geld gleich mit! Lolo Alsen.“ 
Einige Sekunden verharrt Irene regungslos. Wie ein Blitz 
suuckt die Erkemtnis in ihr auf, daß mit diesem Brief das 
Unheil Einzug hielt in ihr Haus. Sie glaubte vie Mutter weit 
weg — in Rumänien oder Rußland oder noch weiter. Und 
Aötzlich taucht sie wieder auf! Und das erste, was die 
Tochter on ihr hört, ist die Nachticht, daß sie ihre unglück⸗ 
selige Leidenschaft. das Spiel, nicht aufgegeben. Ja, daß 
ie noch tiefer in ihre Netke veritrickt zu sein scheint, als je 
uvor. 
In letzter Zeit war Irene ruhiger geworden. Der wär⸗ 
mende Sonnenschein der Liebe ihres Gatten hatte die dunklen 
Zchatten, die ihre Jugend umdüsterten, verbannt. 
Nun plötzlich sieht fie, wie an denm Haren Himmel ihres 
ßlücs sich aufs neue schwarze Gewitterwolfen ballen. 
Wird ein Blitzstrahl herniederzüngeln und ihre muhsam 
rkämpfte Ruhe, ihr Glüdt, ihren Seelenfrieden mit einem 
Schlage wieder vernichten);— 
Inzwischen ziehen die blau angestrichenen Wagen, die den 
‚weltberühmten Zirkus Malatesta“ mit allem was drum und 
dran hängt, in ihrem dumpfen Innern bergen. langsam von 
Ville-franche gen Nizza. 
Nur noch ein Haufen Lumpen und Lappen und eine Menge 
cchmutz und allerhand wurmstichige Bretter und Latten und 
deinwandfetzen legen Zeugnis ab von dem Ort, da gestern „Ma—⸗ 
dame Blanche“ ihre halsbrecherischen Reiterkunststückchen vor— 
eführt, „Madame Artemisia“ und „Mademoifelle Mirjam“ die 
zuschauer als Hellseherinnen in Erstaunen versetzt und „Mon— 
ieur Herlkules“ mit seinen wilden Bestien den Leuten ein Gruseln 
iber den Rüden gejagt hatten. 
Niemand von den biederen Landbewohnern ahnt, daß in 
inem der Wagen eine Schwerkranke liegt: Madame Artemisia, 
»ie in der Nacht von Monsieur Herkules in bewußtlosem Zu— 
tand nach dent Zeltlager gebracht wurde und die seit dem 
ie Augen noch nicht wieder aufgeschlagen hat. 
Neben der Pritsche, auf die man die schwerkranke Frau 
jebettet, hokt Mirjanr mit gefalteten Händen, angstvoll nach 
ninem leisen Zeichen der Besserung in dem aufgeschwemnten 
ahlen Gesicht der Kranken spähend. 
Jetzt, da helles Tageslicht die großgeschnittenen Zũge 
escheint und nicht das mystische Dammerdunkel, das Madame 
Irtemisias Produktionen in der Arena stets begleitet — jetzt 
ieht die Frau mit ihren wirren Haarsträhnen und den vielen 
kunzeln um die eingefallenen Augenlider auffallend alt und 
erkommen aus. 
Und doch ruhen Mirjams Blicke voll Sorge auf ihr. Sie 
st ja das einzige Wesen, zu dem sie gehört, wenn auch 
tiemals zwischen ihnen irgend welche Innigkeit bestand. Wenn 
ie stürbe! Wenn sie Miriam allein auf der Welt zurückließe 
— mutterseelenallein! ... Was würde aus ihr werden? Der 
direltor würde sie fortschicen! Was sollte er mit ihr an— 
angen, die nur als Schatten Madame Artemisias figurierte? 
Ind wohin sollte sie dann gehen? Sie kennt ja niemanden 
wmuf der weiten, weiten Welt — außer den quten Schwestern 
des Klosters „Sacré coerr“ 
Niemanden? 
Doch — woch einen kennt fie! Den vornehm gekleideten 
iungen Mam. der fich ihrer geitern abend so ritterlich an— 
nahmt. Aber sie weiß ja nicht einmal seinen Namen; weiß nicht, 
ob er in der Gegend hier wohnt oder sich nur vorübergehend 
in Ville-franche aufhielt. Weiß absolut nichts von ihm! 
Sicherlich hat er auch schon das kleine Mädchen ganz ver— 
gessen. das hier am Krankenlager der Mutter sitzt und an ihn 
denkt und sich die Augen ausweint. weil sie sich so einsam 
fühlt auf der weiten Welt. So einsam! 
Sd überflüsfia! So — unglücklich! 
4. 
Die Familie d'Esterre gehört zum alten, erbeingesessenen 
Adel Nizzas. Schon feit Jahrhunderten führt der älteste 
Sohn stets den Titel „Marquis“, während die andern sich mit 
dem einfachen „Monsieur d'Esterre“ begnügen müfsen. 
Was Wunder, daß Adeline d'Eiterre empört war, als der 
Marowis Robert, der ältere Bruder ihres verstorbenen Gatten, 
nachdem er als Junggeselle die Fünfzig bereits längst über— 
chritten, eines Tages von einer Reife zurückehrte und eine 
unge Gattin mitbrachte, die er sich in London hafte an— 
rauen lassen. War doch durch diesen „unverantwortlich un— 
überlegten Schritt“ ihr einziger Sohn Reginald um den schon 
o ziemlich sicheren Titel „Marquis“‘ gekommen. nebst allen 
Revenuen und Vorteilen, die damit verbunden sind. 
Reainald selbst hatte sich wenig um diese goldene Aus⸗ 
icht“ gekümmert. Die Zinsen des Vermögens seiner Mutter 
reichten us. um sie beide anständig, ja elegant leben zu 
assen: zudem fühlt er sich wohl in seinem selbstgewählten 
Beruf als Leiter einer für die vornehme Gesellschaft Nizzas er— 
cheinenden Wochenschrift Le monde é„légant“, die zwar nicht 
diel einbringt. aber ihm ein gewisses Relief verleiht. Auch 
begegnet man dem frischen, fröhlichen jungen Mann überall 
rit herzlicher Sumpathie; die Türen aller, auch der vor— 
iehmsten Häuser stehen ihm offen. Warum soll er angesichts 
olcher Glücksumstände dem entschwundenen Titel Marquis“ 
nachtrauern? Zumal er dadurch eine solch hertliche Tante, 
wie es die Marquise Irene ist, gewonnen hat? 
Der Marquis Robert, der wohl weiß, daß er durch seine 
päte Heirat dem Neffen ein gut Stück glänzender Zukunft ver- 
eitelt, fsucht durch Fverdoppelte verwandischastliche Zuneigung 
ihm sowie seiner Mutter den bittern Kelch nach Möglichkeit 
zu versühen.
	        
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