Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

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Wochentlich 13mal ¶ Wochentags morgens und 
abends, Sonntags morgens) erscheinend. Bezugs⸗ 
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3— 
Beilagen: Vaterstädtische Blätter. — Der Familienfreund. 
Amtsblatt der freien und Hansestadt Lübect 46. Jahrgang Nachrichten sur das herzogtum Lauenburg, die 
heiblatt: Gesetz, und Verordnungsblatt Beee nene tdcen gürstentũmer Ratzeburg, Lübeck und das angren⸗ 
— —————— ,,,, ——————— —ãS ——— zende mecdlenburgische und holsteinische Gebiet. 
Druct und Verlag: Gebruder Borchers G.m. b. 5. imn Lubed. — Geschäftsstelle Adrennuus (Königstr. 46). Fernsprecher 89000 u. oool. 
Abend⸗Blatt Ur. 549. 
Au⸗ 
Mittwoch, den 29. Oktober 1913. 
Erstes Blatt. Hierzu 2. Blatt. 
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Umfang der heutigen Nummer 6 Setten. 
Nichtamtlicher Teliii. 
Der Kampf der Uerzte. 
Am 26. d. M. hat der außerordentliche deutsche Aerztetas 
einen Antrag angenommen, der es jedem einzelnen Arzt und 
seder örtlichen Aerztevertretung zur Pflicht macht, mit keiner 
Krankenkasse einen Vertrag mehr abzuschlieben und die lassen⸗ 
ürztliche Versorgung aller frühern wie auch der neu hinzu— 
kretenden Versicherten unbedingt abzulehnen. Am jsorgenden 
Tage haben darauf die Krankenkassenverbände zu diesem Be—⸗ 
cchluß der Aerzte, der als „Kriegserklärung“ bezeichnet wird, 
Stellung genommen. Die Erklärung, in der sie das tun (val. 
Nr. 548 unseres Blattes), sucht die Verantwortung an dem 
neuen und verschärften Ausbruch des Streits ediglich den 
Aerzten und ihren Organisationen zuzuschieben. Ueber das, 
was nun werden soll, spricht sich die Erklärung der Kranken— 
kassenverbände nicht aus. Es ist unter diesen Umständen einst⸗ 
weilen noch nicht abzusehen, wie die Dinge weitergehen werden. 
Vermutlich werden die Krankenkassen sich erst einmal nach 
„Streilbrechern“ umsehen, die sich leider, wenn auch nur in 
geringer Zahl, beim letzten Kampfe fanden. Jetzt liegen aber 
die Dinge anders, denn die Aerzteorganisation ist erstackt und 
der Sieg dieser Organisation ist nicht unwahrscheinlich. Von 
bedeutendem Interesse sind da die Ausführungen, die der 
Reichstagsabgeordnete Dr. med. W. Struoe⸗-Kiel 
über den Krankenkafsenkonflikt macht. Die Ausführungen sind 
noch vor den Erklärungen der beiden feindlichen Gruppen 
im B. T. und in anderen Bläüttern erschienen. Wir glauben 
tie hier wiedergeben zu müssen. Dr. med. Struve schrieb⸗ 
„Am 26. Oktober tritt in Berlin die deutsche Aerzte—⸗ 
schaft zu einem außerordentlichen Aerztetag zu— 
sammen. In der ernstesten Angelegenheit. Es gilt die wirt— 
schaftliche und damit auch die politische Unabhängigkeit des 
ganzen Aerz!lestandes. Sollen wir freie Staatsbürger bleiben, 
gestützt auf Kunst und Kenntnisse, im Dienste der sozialen Ver— 
ficherung und mit dem Rest von Privatpraxis, der uns noch 
geblieben, in ehrlichem Wettbewerb ihrem Beruf nachgehen, 
vder müssen wir es uns gefallen lassen, daß man uns zu 
Angestellten der Betriebs⸗- und Ortskrankenkassenoerbände 
macht? Daß wir uns nach Kräften wehren werden und daß 
an dieser Sammlung alle Gruppen der deutschen VNerzteschaft, 
ob sie Kassenpraxis treiben oder nicht, wie ein Mann hinter 
unseren Vorstand treten, dessen bin ich gewiß — daß aber 
nicht der Leitung der Aerzte die Schuld an dem jetziger 
* 
— 
schweren Konflikt zugeschoben werden kann, das wird die öffent⸗ 
liche Erörterung feststellen. 
Die Aerzte wollten den Frieden. Sie haben deine maß— 
losen, deine. übertriebenen Forderungen aufgestellt, es han— 
delt sich nicht um den Machtkitzel des Leipziger Verbandes usw. 
Vom Beginn der Verhandlungen bis zum letzten Telegramm 
haben die Aerzte das weiteste Entgegenkommen ge— 
eigt — füör manchen von uns ein zu weites —, und lie haben 
tets die ernste Absicht gehabt, ein friedliches Abkommen 
nit den Kassen zu erreichen. Einen Tarifvertrag über das 
zanze Reich, getätigt von Organisation zu Organisation und 
zerhindlich und verpflichtend für jeden einzelnen Vertrag— 
chluß. In Artikel 14 hatten die Aerzte vorgeschlagen: Oert⸗ 
iche Aerzteorganisationen, die diesem Vertrage nicht beitreten, 
verden im Kampfe mit Betriebskrankenkassen, die den Ver— 
rag anerkannt haben, in keiner Weise unterstützt werden. 
ẽbenso geht es den Aerzten, die sich dem Spruch des paritätischen 
Schiedsamtes (Vorsitzender der Direktor des zuständigen Oher— 
ersicherungsamtes) nicht fügen. Die Aerzte haften solidarisch 
»en Betriebskrankenkassen für jeden aus solcher Nicht 
merkennung entstehenden Schaden. Der Schiedsspruch selbst iß 
endgültig und für beide Parteien rechtsverbindlich. 
Diese Formulierungen zeigen doch deutlich, daß die Aerzte 
inen Vertrag und damit Frieden wollten. Einen Frieden 
der für beide Teile ruhige und stetige Verhältnisse geschaffen 
hätte. Aber diesen Kollektivvertrag wollen die Herren aus 
Fsen nicht, sie wollen nur eine Vertragsdiktierung 
in den einzelnen, von jeder Organisation möglichst losgelösten 
Arzt und damit die Unbedingte Herrschaft über die 
Merzte. Denn auch für uns AMAerzte gilt das volkswirkschaft⸗ 
iche Gesetz, daß Vertragsfreiheit, die mit wirtschaftlicher 
Ungleichheit der Vertragsschließenden verbunden ist, zur 
Unterdrückung der wirtschaftlich Schwächeren führt. Und das 
sind stets den großen Kassenverbänden gegenüber die einzelnen 
Aerzte und die örtlichen Aerztevereine. 
So ist der Kampf, der sich jetzt entspinnt, ein Ringen um 
einen Tarifvertrag, ein Kampf um die Koalitions— 
freiheit. Merkwürdig, unsere Gegner wissen in ihren Ver— 
händen. bei Kartellen und bei Gewerkschaften den Wert von 
Tarifverträgen wohl zu schätzen. Sie haben es längst ge— 
ernt, widerspenstige Berufsgenossen durch Konventionalstrafen 
zefügig zu machen und auf der anderen Seite in dem jett 
zjeforderten „Schutz der Arbeitswilligen“ nichts anderes als 
7 bewußten Angriff auf ihre eigenen Organisationen zu 
Abher den Aerzten gegenüber scheinen diese Wahrheiten nicht 
zu gelten, da fordern sie diesen Schutz, für die wenigen 
Kollegen, die sich außerhalb unserer Reihen setzen, da gehen 
zurzeit Sozialisten und Scharfmacher einträchtig Hand in Hand. 
Die Herren aus der schweren Industrie wollen sich nicht über—⸗ 
‚eugen lassen und wollen keine Verträge. Schon am 24. Sep— 
Aember haben sie in einem Rundschreiben allen ihren 
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Nachgeordneten bekannt gegeben, die Verhandlungen mit den 
Aerzten würden ohne Ergebnis bleiben. Und dabei war Ver— 
handlungsstag der 30. September“ 
Weiter haben sie es für sie erlaubt gehalten, während der 
Zeit, wo fsie von Organisation zu Organisation mit den Aerzten 
verhandelten, um einen Generalvertrag abzuschließen, ihren 
Kassen den dringenden Befehl zu erteilen, ö6 tliche Verträgs 
möglichst überall mit einzelnen Aerztevereinen abzuschließen. Zu 
welchem Zweck, liegt auf der flachen Hand; bis ietzt wal 
so etwas allerdings nicht üblich. 
Aber es hieße ja die sozialpolitische Einsicht unserer Gewerk⸗ 
schaftsführer zu gering einschätzen, wenn man glauben müßte, 
datz sie nicht wũßten, daß die Aerzte es verlangen können, 
bei ihnen die gleichen Grundsätze angewandt zu sehen, die alle 
fortgeschrittenen Organisationen für sich verlangen. 
Die Honorarfrage und der Streit um die „Freie 
Arztwahl“ haben den Bruch nicht herbeigeführt. Das 
wird auch von den Kassen zugegeben. Zunächst hatten die 
Aerzte gefordert: Kassenärztliche Verträge sind grundsätzlich 
aach dem System der organisierten freien Arztwahl zu schließen. 
Damit wollten sie das ppflichtgemäße Streben nach diefer besten 
Versorgung der Kassenmitglieder, soweit sie krank sind, feststellen. 
Daß sie nicht, wie die Kassenverbände ihnen vorwerfen, die 
Durchführung der freien Arztwahl erzwingen wollen, geht aus 
dem letzten Vorschlag hervor, den sie machten: Kassenärzt⸗ 
liche Verträge können nach dem System der or⸗ 
ganisierten freien Arztwahl oder nach dem 
Kassenarztsystem oder nach dem Distrikts- 
smitem abgeschlkossen werden. Ein Zugeständnis bis 
an die Grenze des Erträglichen, aber ohne Erfolg: die Herren 
von Essen wollten keinen Vertrag, sie haben jetzt die ganze Ver— 
antwortung zu tragen. Der Kampf der Aerzte ist zugleich ein 
Kampf um die Rechte der Versicherten — von denen 
st in allen Schriftstücken des Betriebskrankenkassenverbandes mit 
keinem Wort die Rede — sie streiten nicht nur um ihre Exi— 
itenz, sie haben das reine Gewissen, stets den Frieden ge— 
wollt zu haben 
Reichsverband gegen die Sozialdomokratie. 
Für den 20. und 26. Oktober hatte der ,Reichsverband 
gegen die Sozialdemokratie““ eine größzere Tagung nach 
Brieslau einberufen, die unter zahlreichem Besuch in allen 
Teilen einen deeeen Verlauf, nahm. Zunächst tagte 
der Schlesische Fandesgusschu'ß des Reichsverbandes im 
Landeshause der Provinz Schlesien unter Vorsitz des Fürsten 
pon Pleß. Den Verhandlungen wohnte Prinz Friedräch 
Wilhelm von Preußen, Landrat des Kreises Franken— 
stein, bei. der auch Gelegenheit nahm, in die Besprechung der 
Jugendpflege rednerisch einzugreifen und dadurch sein hohes 
Imteresse für die Frage zu bekunden, wie man die Jugend 
vor den Einflüssen der Sozialdemokratie bewahren könne. Den 
Geschäftsbericht erstattete Generalsekretär Daerr-Breslau. In 
den Ausschuß wurde General der Kavallerie z. D. Freiherr 
o». Rissing-Reftfau Kreis Glooous gewäblt der als Ver— 
— 
Sehnsucht, wenn sie sah, wie ihre Mitschülerinnen von Zeit zu 
Zeit Besuche von ihren Eltern oder anderen Verwandten er— 
dielten. Oder wie die eine oder andere an grozen Festen, wie 
Weihnachten oder Pfingsten, für einige Tage heim durfte ins 
Erternhaus. 
Um die kleine Mirjam kümmerte sich niemand. Und wenn 
sie, als sie heranwuchs, sich an die Schwester einmal mit der 
Frage berantraute, wer denn eigentlich ihre Eltern seien, warum 
hre Mutter sich nie blicken ließ, oder ob sie gar gestorben sei 
— — dann erhielt sie als Antwort stets stummes Kopfschütteln, 
bedauerndes Achselzucken, oder höchstens die ausweichende Aus⸗ 
kunft, ihre Mutter werde sich schon melden, sobald sie es 
für richtig halte. 
In dem Herzen des kleinen Mädchens wuchs und wuchs 
die Sehnsucht nach der Mutter, die sie nie gesehen. Sie machte 
sich ein Phantasiegebilde zurecht, in dem alles Gute und Schöne 
und Edle sich vereinigte. Das Wort „Mutter“ bildete für das 
einsame Kind den Inbegriff der Glädseligkeit. 
Da wurde eines Tages ihr Traum zur Wirklichkeit. Ihre 
Mutter erschien plötzlich. ohne vorherige Benachrichtigung, im 
Kloster und nahm die Tochter mit sich. 
Noch jetzt füllen sich Mirjams Augen mit Tränen, wenn sie 
an das starre Entsetzen denkt. das sie durchzuckte, als sie die 
Mutter zum erstenmal vor sich sah. 
Ach, wie wenig entsprach die große, starke, auffallend 
gekleidete Frau, deren dunkles Gesicht etwas Zigeunerhaftes 
hatte, deren schwarze Augen so seltsam prüfend über das 
„itternde Mädchen hinglitten, ohne irgend einen Strahl von 
srrũiterliche Empfindung — wie wenig enisprach diese fremde 
Person dem Phantasiegebiide, welches das Kind sich von der 
Mutter gemacht! 
Und doch, wie bemühte sich Mirjam, Madame Artemissa 
wie ihre Mutter zu lieben, ihr kindliche Gefühle entgegen« 
zubringen! Sie war ja der einzige Mensch, zu dem sie gehörte 
auf der weiten, weiten Welt. — — 
Stimmengewirr, heftiges Trampeln, Bravorufe von draußen 
her unterbrechen Mirjams Sinnen. Sie weiß. die Vorjstellung 
ist aus. Morgen früh schon zieht der Zirkus weiter. Nicht 
nach Paris, wie marklschreierisch auf den Plakaten vermarkt 
war. um Publifum anzulocken, sondern die Riviera entlang. 
Irrlichter des Glüucks. 
Ein Gesellschaftsroman von der Riviera. 
Von Erich Friesen. 
2. Forisetzung.) Machdruck verboten.) 
„Ich werde Ihren Rat befolgen, Mademoiselle,“ erwidert 
er freundlich „Aber — gestatten Sie mir eine Frage: 
Sind Sie völlig auf sich selbst angewiesen bei Ihren artisti— 
chen Wanderfahrten?“ 
Leichtes Rot färbt ihre Wangen. 
Einige Sekunden zögert sie, bevor sie in sichtbarer Befangen— 
jeit erwidert: 
„Ich lebe mit meiner Mutter zusammen.“ 
„Wer ist Ihre Mutter?“ 
„Jene Frau ... Madame Artemisia. ... Sie sahen sie 
oochin. .. Ich muß jetzt fort,“ unterbricht sie sich ängstlich. 
„Verzeihen Sie, daß ich Sie aushielt, Monsienr! Aber ich 
muhtzte Ihnen sagen, daß — daß — — und nicht wahr, Sie 
nehmen sich in Acht? Vor dem Slawsky, meine ich — 
Ohne seine Antwort abzuwarten, zieht sie mit einer hastigen 
Bewegung den Mantel über den Schultern zusammen und 
uscht wieder davon. 
Seinem ersten Impulse folgend, will Reginald jhr nach— 
ilen. Er kann es sich nicht verhehlen: die zarte Schönheit 
»es lieblichen Geschöpfes hat einen tiefen Eindruck auf ihn 
gemacht. 
Damn besinnt er sich. 
Was hätte es für einen Zweck, wenn er sich in die Angelegen⸗ 
xeiten dieser jungen Artistin einmischte? Sagte sie nicht selbst, 
daß sie mit ihrer Mutter zusammenlebt? 
Raschen Schrittes, die Gedanken auf einen anderen 
Gegenstand richtend, schreitet er davon, seiner Wohnung zu. 
Inzwischen ist Mirjam, unbemerkt von den übrigen Artisten, 
in einen der breiten Wagen geschlüpft, die den eimzelnen Mit— 
gliedern der Truppe als Schlaf- und Wohnräume dienen. Ihr 
derz pocht rascher als gewöhnlich. Noch niemals vorher hat 
ie das Entwürdigende ihres Daseins so tief empfunden, wie 
heute, da jener Boris Slawsky, den sie fürchtet und zugleich 
verachtet, ihrem jungfräulichen Stolz zum erstenmal zu nahe 
trat. Sie Ut zu junag noch und zu uner?ahren, um die Blide 
zu˖ deuten, die ihr schon seit einiger Zeit offen und verste 
aus diesen schwarzen Männeraugen entgegenfunkeln; sie be— 
achtete sie bisher kaum. Aber seit heute abend beschleicht sie 
twas wie Angst vor dent hünenhaften, Wonsieur Herkules“, 
dessen brutale Gewalt den Bestsien gegenüber sie stets mit geheimem 
Granen erfüllte. 
Zusammenschauernd hodt sie sich nieder in einer Ecke des 
mit nruffiger Luft erfüllten Wagens. Zum erstenmal in ihrem 
jungen Leben kommt ihr der Gedanke: 
„Was wird aus mir werden? Soll ich mein Lebtag dazu 
derdanmnt sein, als „Mademoifelle Mirjam“ in einem unter 
neordneten Manderzirkus die Rolle der „Hellseherin“ zu fpielen? 
Und wird die Mutter mich vor jenem schrecklichen Slawsky 
zeschützen?“ 
Nur selten sieht sie etwas von jener Frau, die sich ihre 
Mutter nennt. Ach, das arme junge Wesen weiß nichts von der 
nnigen Zusammengehsrigkeit, die zwischen Mutter und Kind 
estehen sokl! Nie hat sie die Segnungen heiliger Mutter— 
iebe kennen gelernt. Nur die Nächte verbringen die beiden 
niteinander in ihrem Schlafwagen; tagsüber zieht es Ma— 
dame Artemisia vor, mit den Kollegen im Zelt zu kampieren 
ind »u schwatzen und zu rauchen und zu trinken und zu würfeln 
Ein tiefer Seufzer entringt sich der Brust des Mädchens. 
Zurück fliegen ihre Gedanken zu ihrer Kinderzeit, da sie in 
Narĩieicle. im Kloster „Sacré coeur“, unter der Obhut frommer 
zchwestern ein stilles, in sich abgeschlossenes Dasein führte, 
»a sie von früh bis spät hinter ihren Büchern saß und lernte, 
ernte. . . Bis die gute Schwester Benedetta kam und sie mil 
iebenoslen Worten fortrief von ihren Studien und sie hänunter— 
jeleitete in den weiten Klostergarten mit seinen breitgeästeten 
Steineichen und hohen Pinien und schlanken Palmen, zu ihren 
Mitschülerinnen, die jubelnd umhersprangen auf dem großen 
Rasenplatz und lachten und fsangen. 
Ach, wie ein Paradies erscheint der alte, düstere Kloster— 
jarten jetzt dem einsamen Mädchen — wie ein lichtes Paradies, 
zus dem sie plötzlich, wie durch einen niederzuckenden Blitz 
aus heiterm Himmel, vertrieben wurde! 
Das war vor etwa zwei Jahren. So lange sie denken 
konnte, besand sie sich in dem Kiostter „Sacré coeur“. Keine 
andere Heimat kannte sie. Und doch beschlich sie oft etwas wie
	        
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