Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

Mexiko 26. Ott. In hier eingetroffenen Meldumgen wird 
estgestellt, daß bei den heftigen Kämpfen um Monterey das 
Zeben und Eigentum der Deutschen nicht geschädigt worden ist. 
Hermann Kuller aus Vohwinkel bei Elberfeld ist wegen an— 
jeblicher Unterstützung der Aufständischen verhaftet, jedoch auf 
ntrag des deutschen Gesandten wieder freigelassen worden. 
W. Berlin, 27. Okt. Infolge der unsicheren Lage in 
Mexiko ist der Kreuzer „Nürnberg“ am 21. d. M. von Joko⸗ 
hama nach Mazatlan in See gegangen. 
Die italienijchen Wahlen. J 
W. Rom, 27. Brt. Um. iT Uhr, vormittags lagen 329 
on insgefamt 308 Wahlergebnissen vor. Gewählt sind bes jetzt 162 
inifterielie, 13 verfaffungstreue Oppositionelle, 34 ministerielle 
ßaduale, 18 Katholiten, I Republitaner, 20 offizielle Sozia⸗ 
n nd Isreformierle Sozialisten. In b6 Wahltreisen ist 
Stichwahl nötig. 
Dschavid Bei lommt nach Berlkin 3 
M. Konftantinovel. Ott Wie an zuständiger Stelle 
verlauiet, wirde Dschavid Bei sich demnächst nach, Berlin be⸗ 
jeben vhne sich in Sofia aufzuhalten. Dschavid Bei wird sich 
emũhen. die Verhandlungen über das e Eisen⸗ 
bahnubereiniommen zu fördern und über eine Zollerhöhung von 
rozent zu einem Einvernehmen zu gelangen. 
Balkan⸗Angelegenheiten. 
N. Wien. 27. Oll. Die Sudsigwische Forrespondens meldet 
ais Cetinje: Vizeadmiral Burnen ist hier eingetroffen und vom 
Adnig mit außerordentljchen Ehrungen empfaugen worden. Der 
d unterhleit sich eine Stunde lang mit Burney. der später 
nit dem Viinisterpräsidenten und dem Minister des Aeußern 
nferierie. Burney nahm das Diner im Konak ein und reiste 
ann nach Cattaro vb 
M. Berlin. 27. Okt. Am J. Nopember, nachmittags 4 Ahr. 
wird im Vürgexsaale des Berliner Rathauses eine Kundgebung 
ugunsten des Bismarck-Nationgldenkmals, auf der 
ẽisenhöhe bei Bingen-Bingerbrück, stattfinden, wobei Geheimras 
Dr. Muthesius⸗Berlin und Professer Kreis-Düsseldorf ũber die 
ndgũltige Gestaltung des Kreis-Ledererschen Entwurfs sprechen 
werden. Wie von zuwerlässiger Quelle verlautet, wird auch der 
Reichskanzler, der Ehrenvorsitzender des Vereins für die Errich- 
ung des Bismard-Nationaldenkmals ist. der Veranstaltung hei⸗ 
vohnen, der um 3 Uhr nachmittags eine Sitzung des Vorstands- 
beirgtes in demselben Saale vorangeht. Die aus Berliner 
Kreisen sowie aus allen Gauen Deusschlands vorliegenden An— 
neldungen zu der Versammlung lassen außerordentlich zahlreichen 
Besuch erwarten. 
W. Petersburg. 27. Olt. Wegen Kohleumangels 
haben mehrere Eisenbahngesellschaften um freie Einfuhr, von 
nsgesamt 15 100 000 Pud Kohle nachgesucht. Der Verkehrs⸗ 
ninister hat ihr Ansuchen als berechtigt auerkannt. 
W. Petersburg. 27. Olt. Frithsof Nansen traf heute 
rüh mit dem sibirischen Zuge hier ein. Er wurde auf, dem 
Bahnhofe von Vertretern det Geographischen Gelell⸗ 
schaft empfangen. 
— — —— J 
W. Kaiserliche Marine. Eingetroffen sind: 
Goeben“ mit dem Chef der Mittelmeerdsvision am 25. Okt, 
n Korfu. „Viltoria Luise“ am 25. Olt. in Neapel., Möwe“ 
am 25. Okt. in Daressalam. „Zieten“ am 26. Okt, in Rotterdam, 
„Tiger“ am 25. Okt. in Schanghai, „Gneisenau“ am 27. Okt. 
n Ischifu, „Albatroß“ am 23. Okt. in Wilshelmshaven. — In 
Zee gegangen: „Albatroß“ am 20. Okt. in Cuxhaven, 
„Magdeburg“ am 25. Okt. von Danzig nach Kiel. 
* 
chwurgericht Lübeck. 
1. Tag. 
Lübeck, 27. Okt. 
Wegen Körperverletzung mit tödlichem Ausgange 
vird gegen den Arbeiter Josef Strozyk geboren 
m 30. Sez. 1880 zu Scmegel wohnhaft in Lübedck. Lußow⸗ 
traße Nr. 2, verhandelt. 
Das Gericht setzt sich wie folgt zusammen: Vorsitzender: 
Landgerichtsdirektor Dr. Meyer. Beisitzer; Landrichter Fe h⸗ 
ing und Amtsrichter Dr. Gebhard. Die Anklage vertritt 
herr Erster Staatsanwalt Dr. Benda. Die Verteidigung 
es Angeklagten führt Herr Rechtsanwalt Dr. Ihde. Protokoll- 
ührer ist Herr Landgerichtsassistent Möller. Zu Ge⸗ 
Gbworenen, werden ausgelost Maurermeister Prigge. 
Dekonomierat Kauffmann zu Eutin, Kaufmann Erasmi, 
Zdufner Gustav Muss zu, Gothendorf, Hufner Blunck zu 
Zieversdorf, Architekt Glogner. Fabrikant Schramm, 
Tchlossermeister Jenss, Oberlehrer Dr. Sander, Hufner 
u1 zu Kurau, Kaiufmann Lindenbera und Oberlehbrer 
Mahn. 
Ser Arbeiter Josef Strozyl ist angeflagt, zu Lübed 
n der Nacht vom, 10. zum 11. August 1913 3orsätzlich den 
Mechanikergehilfen Hans Groth mittels eines Messers körper⸗ 
ich mißhandest und durch diese Körperverletzung den Tod des 
Verletzten veruxsacht zu haben. (Verbrechen der Körperverletzung 
nit födlichem Ausgang nach 88 223. 2232, 226 d. Str. G.B) 
Der Angeklagte ist wegen Diebstahls einmal vorbestraft. Auf 
Befragen des Vorsitzenden gab er zunächst kurz über sein Vor⸗ 
eben Auskunft. Er hat danach eine Volksschule besucht und 
ann das Malergewerbe erlernt. Seine Frau hat er als Witwe 
geheiratet. Sie vertragen sich ganz gut, nur wenn die Stiefz 
ochter des Abends so lange ausbleibt, hat es des öfteren Streit 
jegeben. Er hat sie dann häufig gescholten und bisweilen 
eschlagen, während seine Frau das Mädchen stets verwarnt 
abe. Ueber die Tat sagte Strozyk u. a. aus; Am Sonntag, 
O. Nug. d. J. habe er bei einem henachbarten Fiee gearbeitet. 
da er dort nicht habe zu Abend essen wollen, habe jhm der 
laser zwei Flaschen Bier und für 38 Pfg. Kümmel in die 
Bohnung geschickt. die er dann ausgetrunken habe. Seine 
Ztieftochter habe bei ihrem Fortgehen gesagt, sie wolle zur 
vroßmutter, sei auch dort gewesen, aber später zumGewerkschafts- 
est in Israelsdorf gegangen. Da sie nicht nach Hause kam, 
abe er immer mehr Saͤmaps und Bier getrunken und sei 
'ald nicht mehr nüchtern gewesen. Seine Frau 3 hierauf 
ortgegangen, um die Tochter zu suchen. Am Abend sei er dann 
uf die Straße gegangen, um dort guf das Mädchen zu warten. 
krst nachts gegen 1Uhr sei es heimgekommen. Er habe des— 
Hegen mit dem Mädchen gescholten. Nunmehr sei der Mechaniker 
Hroth mit einem Mädchen die Straße entlang gekommen und 
habe ihm wegen seines Schimpfens Vorhaltungen gemacht. Auf 
Wunsch seiner Frau habe er durch den Keller ins Haus 
gjehen wollen. Mif diesem Wege sei ihm Groth mit einem in⸗ 
wischen noch hinzugekommenen jungen Menschen gefolgt. Dah 
r. (Angeklagter sich nun ein Messer aus 8* —— 
habe, könne er sich nicht mehr erinnern. Nur sopie wisse er, 
daß er quf dem Hausfiur mit den jungen Leuten wieder zu⸗ 
ammengetroffen und mit ihnen erneut in Streitigkeiten geraten 
ei. Er selbst habe eine Wunde am Oberschenkel und an der 
Bade davongetragen. Daß er den Mechaniker Groth gestochen 
—D 
zald darauf sei er verhaftet worden. Weshalb er das Messer 
aus der Küche geholt habe, wisse er sich heitte gleichfalls nicht 
nehr zu erxinnern. Er wisse nur datßßz der Erstochene ihn mehr— 
nals ins Gesicht geschlagen habe und daß er von den jungen 
Leuten beschimpft worden sei. — Das von dem Angeklagten 
jenutzte Messer liegt auf dem Gerichtstisch und wird den Gorren 
Seschworenen vorgelegt. 
Hierauf wird die 17 Jahre alte Stieftochter des An— 
eklagten vernommen. Sie erklärt, sie gehe Sonntags gern 
aus und solle dann immer abends um 10 Uhr zu Hause sein. 
Wenn sie später heimgekommen sei. was zuweilen vorgekommen 
ei, habe sie Ausschelte bekommen. Am 10. Aug. sei sie um 
J Uhr nachts nach Sguse gekommen. Ihren Stiefpater habe 
sie zunächft nicht bemerkt. Ihre Mutter, die gie auf der Straße 
getroffen habe, habe ihr gesagt, nicht ins Haus, sondern zur 
Froßmutter zu gehen, da ihr Vater sie schlagen wolle. Der 
Vater habe sie dann aber schon bemerkt gehabt und sie auf⸗ 
zefordert, ins Haus zu kommen. In diesem Augenblick der 
MNechamter Groth mit einem ihr bekannten Mädchen des Weges 
gelkommen. Groth sei zu der Bank des Vaters gegangen und 
»ann wieder zu ihr zurückgekehrt. Ihr Vater sei darauf ins 
Z0qus gegangen und Groth und ein noch hinzugekommener 
unger Mann feien ihm gefoigt, während sie mit dem Mädchen, 
as Groth begleitet habe — sei. Ihr in der 
Vohnung am Fenster, stehender Vater habe geschimpft und 
us dem Fenfter gerufen daßz er mit Bomben werfen würde. 
aß er betrunken gewesen sei habe sie nicht bemerkt. In⸗ 
wischen sei ein dritter junger Mann hinzugekommen und habe 
ich zu schimpfen angefangen. Sie habe dann egien wie 
die Haͤustur wieder geöffnet wurde und die drei Männer in 
zen Fiur gegangen seien. Bald danach habe sie vernommen. 
aß Liner T721gestochen sei und habe Groth guch liegen 
hen. Zhren Vater habe fie hierauf, in der Stube sitzen 73 
sutend und die Kleiber zerrissen. Gesagt habe er nichts 
ber später ruhig. mit dent ihm verhaftenden Schutzmann fort- 
egaͤngen. Nuf Vorhalt des Verteidigers erklärt die Zeugin, 
der zuleßt hinzugekommene junge Mann, sofort bei seinem 
zeinen —— Worte gegen bren Vater ausgestoken 
abe. 
Die Ehefrau des Angeklagten sagt aus daß die 
Tochter am, Sonntiag. dem 10. August, mit ihrer Großmutter 
abe ausgehen wollen und versprochen habe, zim 2 Ahr wieden 
zu Hause gr sein. Dda sie nicht gekommen sei, sei sie Frau 
Et.nach Reulauerhof gegangen, um zu sehen, ob ihre Tochter 
dori sei Da sie sie nicht gefunden dabe, sei ihr Mann Jehr 
naehalien gewesen. Ihr Mann habe fich dann auf die Bank 
order Tuͤr Hefetzt, während, sie sich mit ihrer jüngsten 
Dochter auf dem Hausflur versteckt habe. Sie habe dann 
ie gegen I Uhr heimkehrende Tochler gewarnt, nicht ins Saus 
gehen, da Strozyt fehr ärgerlich sei. Da sei der Mechaniker 
Froih hinzugekommen und habe zu schimpfen e 
Sie habe auch gesehen, wie Groth ihren Mann ins Gesicht ge⸗ 
hlagen. ihn, Pollak“ und mit, anderen Schimpfworten titu- 
iert habe, was sie 65 energisch verboten habe. Ihr Mann 
ei. dann auf ihren Wunsch ins, Saus gegangen und Grothz 
nd ein anderer junger Mann seien ihm gefolgt. Die alteste 
Tochter habe den draußen Stehenden noch zugerufen, sie sollten 
nur fortgehen, da ihr Vater längst oben sei. Ihr Mamn habe 
ann die Saustür wieder geöffnet und die drei jungen Leute 
eien ins Haus gegangen. Hier habe p eine große Rauferei 
mwicdelt und ihr Mann sef stark mißhandelt worden. Sie 
abe ihm beistehen wollen, sei aber den jungen Leuten gegen⸗ 
ber machtlos e,e Erst durch ihren hinzugekommenen 
zruder sei die Rauferei beendigt worden. Bei dieser müsse 
zroth die Verletzungen erhalten haben. Der eine der jungen 
eute, habe Strozyk, das Messer entrissen, während dieser in 
ie Wohnung zurückgegangen eh Erst später habe sie er⸗ 
ahren, daß der auf, der Bank sitzende — Mann gestochen 
vorden sei. Ihr Mann habe erklärt, daß er nicht gestochen 
abe, und sei wing am Tisch sitzen geblieben, bis er 
om Schutzmann verhaftet worden seĩ. 
Der Dnne F. ist am Abend des 10. Augꝛt von Neu⸗ 
auerhof des Weges gekommen und hat an der Ecke der Straßze 
ven Eroth und das Mädchen stehen sehen. Groth erzählte 
hm, daß Strozyk ihm mit dem Messer gedroht habe; Groth 
sabe dann gesagt, sie wollten einmal zusehen, wo Strozyk 
Igentlich geblieben sei. Dieser habe, am Fenster gestanden 
ind gerufen, dort unten fortzugehen, da er sonst mit Bomben 
verfen woilte. Dann sei der dritte junge Mann. Sch 
inzugekommen und habe zu Strozyk gesagt, wenn er etwas 
ↄbe solle er nur herunterkommen. Strozyk sei dann auch 
etonimen, habe die Haustür aufgerissen und mit der rechten 
ʒand nach Groth gefschlagen. Dann sei es zu einem allge⸗ 
aeinen Sandgemenge gekommen. Strozyl sei schließlich fortge— 
aufen, und erst dann habe er gesehen, daß Groth den Stich 
n der Brust gehabt habe. 
Hierauf wird die 109 Jahre alte Begleiterin des erstochenen 
ßrosh. gFrl. Schr. vernommen. In der betreffenden Racht 
atie sie in der Straße Lärm gehört, worauf sie zu Groth 
esagt habe, daß Strozyk wohl wieder mit seiner Tochter schimpfe, 
has fie aus Erfahrung wußte. Groth sei zu Strozyk gegangen 
ind habe ihin Vorhaltungen gemacht, daß er, des Nachts 
eine Familie aus dem, Hause treibe. Groth sei ein klein 
denig angetrunfen, gęwesen. Die weiteren Vorgunge habe sie 
ucht genau beobachtet, sondern nur später gesebhen. daß Groth 
rslochen worden sei. 
der Zeuge Schw. 20 Jahre alt, ist in der Nacht quch des 
Weges gelommen und dat den Lärm gehört. Er hobde Strozyk, 
er am Fenster gestanden habe, zugerufen, er soll sich ruhig 
erhaiten. Stroßyr habe zu ihm gesaot, das ginge ihn 
ar nichts an. Sie hatten ihm, darguf zugerufen, er folle 
ur herunterkommen. Strozykesei auch herausgekommen und 
rvbabe gesehen. daß Groth ihn umgefaßt gehabt habe. Er 
abe dam das Messer bemerkt und es dem Strozyk entrissen. 
aß dieser gestochen hat, hat er nicht gesehen. Strozyk d— 
rfür nüchtern gehalten; daß Groth betrunken war, habe 
⁊ auch nicht bemerkt. Strozyk ist ihm weiter nicht hekannt. 
uͤrr weiß er vom Söremsagen, daß oftmals Streit in der 
ramilie gewesen sei. 
Der Schwager des Angeklagten, N. 41 Jahre githha in 
er Racht in der oberen Wohnung des Angeklagten auf dem 
zett gelegen. Als er heruntergekommen sei, seien bereits 
e Streitigkeiten in. vollstem Gange gewesen. Er ebe darauf 
nehrfach gebeten, ihm das Messer zu geben. Erst dann sei 
hm mitgeteilt, daß Groth gestochen worden sei. Sein Schwager 
abe ganz nihig an dem Tisch gesessen. Der Zeuge glaubt, 
aß Efrozyf giemlich betrunken gewesen sei. Auf Befragen 
rtlärt er, daß Strozyk sich mit seiner Frau ganz gpꝛit ver⸗ 
ragen dabe und, daß er ihm als ein ruhiger und fried- 
ertiger ene belannt sei. 
Eine Mitbewohnerin des Hauses in der Lützowstraße hat 
n der Nacht gehört. daß jemand, gerufen habe: „Lassen Sie 
Hch meinen Mann in Ruh, er hat Ihnen doch nichts getan!“ 
such hat sie rufen gehört: Messer her!“, worauf Strozyk 
jesgt habe; „Das Viesser erhält, nur mein Schwager oder 
neine Frau“. Sireitigkeiten im Hause seien ihres Wissens 
ur wegen der Tohter vorgekommen, sonst könne sie dem An— 
geklagten nichts Schlechtes nachsagen. 
ine, andere Zeugia. 17 Jahre alt, ist mit dem Zeugen Schr. 
n der betreffenden Nacht zum Tanz gewesen. Als sie heim— 
tehrte, habe sie gehort. daß Strozyk mit seiner Tochter Streit 
abe Rath einem Wortwechsel mit ihrem Begleiter sei Strozyk 
us dem Hause gekommen und es sei zu einer Schlägeret ge⸗— 
et Die Einzelheiten des Kampfes hat sie nicht weiter 
eobachtet. 
Ein anderer Mitbewohner des Hauses sagt aus. daß Strozyk 
in ruhiger, neiter und freundlicher Mann fsei und Streitig 
eiten nur zuweilen wegen der ältesten Stieftochter vorge- 
ommen seien. 
Der Kaufmann S., bei dem der Angeklagte längere Zeit 
ils Arbeiter tätig gewesen ist, sagt aus, daß dieser sich stets 
is ein ruhiger und freundlicher Mann gezeigt habe. Er ist 
ioch dei ihm in Stellung und verrichtet seine Arbeiten zur 
rößten Zufriedenheit. 
Der vis Sachverständige verrommene Herr Dr. med. Feld- 
nann erklärt, ee habe zunächst die Leiche des verstorbenen 
ʒroth besichtigt und mehrere Wunden festgestellt. Bei der Se— 
erung der Leiche wurde festgestellt, daß der Stich durch die 
echle Lungenwand und das Herz gedrungen sei. Der Sach- 
erständige hebt hervor, dah der Stich in einer vollständig 
wagerechten Richtung erfolgte. was mit der geschilderten Situation 
ucht in Einklang zu bringen sei. Dem wird vom Vorsitzenden 
ind dem Herrn Siaatsanwalt widersprochen und diese Richtung 
es Stichs als sehr wohl möglich hingestellt. Der Verteidiger 
derr Dr, Ihde fragte den Herrn Sachverständigen, ob der Stig 
rsätzlich gefuͤhrt, vder vielleicht auf einen Unglüdsfall zuruge 
ufuhren sei VDiese Frage kann der Herr Sachverständige nicht 
eaniworten, da er beide Falle als möglich erachte, Der zweite 
zachverständige, Herr Dr. med. von Thaden nimmt an, daß der 
ingetlagte bůnd darauf, losgestochen habe. Aus der Richtung 
es Enchs konne seiner Ansicht nach nichts besonderes festgestellt 
verden. giermit ist die Zeugenvernehmung beendet. 
Herrt Staatsanwalt Dr, Benda hittet hierauf, die bisher 
nvereidigt vernommenen Zeugen Sch. und F. jetzt zu ver- 
digen während er die nachtraͤgliche Vereidiaung der mit dem 
ingeklaglen verwandten Zeugen in das Ermessen des Gerichts 
eilt. Der Verteidiger des Angeklagten, Herr Dr. Ihde, bittet,. 
e Zeugen Sch. und F. nicht zu vereidigen da zum mindesten 
in Verdacht. daß auch diese sich dieser strafbaren Handlung 
chuldig gemacht haben, bestehe.“ Die nachträgliche Vereidigung 
x mst dem Angeklagten verwandten Zeugen stelle er gleich- 
alls in das Ermessen des Gerichts. 
Das Gericht beschließt nach einer kurzen Beratung. leinen 
er in Betracht kommenden Zeugen zu vereidigen. Der Vor⸗ 
ttzende ing hierauf die Schuldfragen mit den üblichen Neben⸗ 
ragen zur Verlesung. 
Der Erste Staatsanwalt Herr Dr. Benda weilt darauf him— 
»aß unerwarteterweise durch den Gang der Verhandlung, 
———— 
derren Geschworenen in den Kreis ihrer Erwägungen ziehen 
dnnten, daß der Tod nicht durch eine beabsichtigte Körper- 
erietzung erfolgt sei, sondern daß Groth durch einen Dritten 
m das Dd hineingestoßen worden sei. In diesem Falle 
vurde der Tatbestand des 8 227 gegeben 38 nach welchem 
eder, der sich an einer Schlaͤgeret beteiligt. die den Tod eines 
Venschen zir Folge hat, mit Gefängnis hestraft wird. Er bitte 
daher, auch diesen Paragraphen in die Reihe der Schuldfragen 
mubeziehen. 
Hierauf tritt eine einstündige I—e ein. Nach Wiederauf⸗ 
nahme der Sihung verlas der Vorsitzende noch einmal die 
Schuldfragen, lautend auf vorsätzliche Körperverletzung mit töd— 
ichem . mit der Nebenfrage nach mildernden Umständen 
ind der Hilfsfrage der Beteiligung an einer Schlägerei, durch 
ie der Tod eines Menschen verursacht wurde. 
Hierauf nahm der Erste Staatsanwalt Herr Dr. Benda 
zu seiner Anklagerede das Wort und führte etwa folgendes aus: 
Es dürfte wohl niemand im Saal sein, der nicht eee 
Teilnahme mit dem Angeklagten habe. Es handle sich hier um 
einen Mörder und Totschläger, sondern um einen ruhigen und 
riedlichen Menschen, der in einer unglücklichen Nacht, durch 
zorn und Aerger gereizt, sich vergessen und einen jungen hoff⸗ 
rungsvoslen Menschen umgebracht habe. Dieses allgemeine Mit⸗ 
zefühl durfe aber abhalten,. nüchtern und ruhig zu 
rüfen, was der Angeklagte für eine gesetzlich zu bestrafende 
-chuld, auf sich aeen habe. Der Angeklagte, der ein pflicht⸗ 
reuer Vormund seiner Stieftochter gewesen sei, habe oft großzen 
lerger durch diese gehabt, Er habe doppelte Ursache gehabt, 
uf das Mähdchen aufzupassen, weil sie einen etwas leichtsinnigen 
ebenswandel gefahrt habe. Die ie Schuld an der 
at liege bei der Frau und der Tochter des Angeklagten, da 
die Frau immer die Partei der Tochter ergriffen habe, Es 
ührt niemals zu etwas Gutem, wenn die Mutter mit der 
Tochter, anstatt mit dem Vater handle. Anstatt die Partei ihres 
Nannes zu nehmen, habe sich die Mutter mit der jüngsten 
lochter versteckt um das heimkehrende Mädchen vor der Aus—⸗ 
helte und der. Schläge des Vaters zu bewahren. Der Erste 
tagatsanwalt gibt noch einmal eine ausführliche Darstellung 
es Tatbestandes. Ein uͤnglücklicher Zufall habe es gewollt, daß 
ach der Seimkehr des Mädchens eine Reihe angetrunkenen 
unger Leute die Straße entlang gekommen seien. Der junge 
Mechaniker Groth habe sich nun als Kapvalier seinet Begleiterin, 
»ie ihn auf die Vorgänge im Hause Strozyk aufmerksam ge— 
racht habe, veranlaßt gesehen. dem Strozyk, ent⸗ 
egenzutreten Diesem Unbekannten gegenüber habe sich 
Strozyk vollkommen sachgemäß, benommen, während Groth 
en Angeklagten sofort beschimpft und geschlagen habe. Auch 
ser sei Strozyk noch ruhig und vernünftig geblieben und sei 
ogar auf Bitlen seiner Frau ins HSaus hineingegangen. Ange— 
runken und erregt, in radaulustiger Stimmung wie Groth ge⸗ 
vesen sei, sei dieser dem Strozyk mit den noch hinzukommenden 
ungen Leinen gefo gi. Erste auf Aufforderung derseiben sei 
r wieder aus dem Hause herausgekommen, und in der nun 
gtstehenden Rauferei sei der Mechaniker Groth getötet worden. 
Sei nun der Angeklagte schuldig, oder sei die Situatiun so, 
aß er straflos bleiben müsse? Ein gegenwärtiger Angriff, den 
et Angeklagte abgewehrt, gehabt habe, liege nicht vor, denn 
r habe sich, während die jungen Leute auf der Straße ihn be— 
chimpften, oben in der Wohnung in pölliger Sicherheit be— 
unden. Er habe es nicht nötig, gehabt, wieder herunters 
ukommen, wenn er eben so vernünftig geblieben wäre, wie ert 
s zu Anfang der Situation gewesen sei. Der Angeklagte sei 
iber in die Küche gegangen, habe das große Messer geholt, 
ꝛie Tür geöffnei und sich in eine Prügelei mit den jungen 
deuten eingelalsen, worauf dann das Unglüdk geschehen sei. Der 
Angeklagte habe aber mit, voller Ueberlegung die au ihn 
jerichlele Aussorderung der jungen Leute angenommen. Straf— 
os würde er nun bleiben müssen, wenn, er aus Befürchtung, 
us Furcht oder Schrecken gehandelt habe. Ein solcher Tat 
estand liege hier aber absolut nicht vor, sondern es sei eine 
zandlung der Wut und des Jähzorns, der heftigen Erregung 
zewesen; er habe seinen Gegnern zeigen wollen, daß er lein 
reigling sei, er set daher schuldig und die Hauptfrage mante 
vejaht werden. Wenn aber die Geschworenen der Meinund 
eien, daß es nicht festzustellen sei, ob der Angeklagte mit Be— 
vußlsein den tödlichen Stich geführt habe, oder 2b es ein un⸗ 
lüdlicher Zufall sei durch den Groth in das Messer hinein- 
jestoßen oder gefallen sei, so müßte die gestellte Hilfsfrage be— 
aht werden. Dem straflos würde der Angeklagte, wenn er 
hne fein Verschulden in die Schlägerei hineingezogen worden 
ri. Das sei aber in diesem Fal⸗ ausgeschlossen. Es Jei dieser 
inficht nach kein Zweifel daß Strozyk den födlichen Stich ge— 
ührt habe. Er wollte seinen Angreifern einen Denkzertel 
eben, und gleick der erste gegen den seitwärts stehenden Groth 
eführte Stich sei tödlich gewesen. Mit außerordentlicher Wucht 
ei er geführt worden daß sogar eine Rippe glatt durchichnitten 
purde. Mit einer derartigen Wucht könne Groth gar nicht 
a das Messer hineingefallen sein, deshalb bittet er, die Frage 
»egen vorsatzlicher Körperverletzung mit tödlichem Erfolae zu 
eijahen. desgieichen die Frage nach mildernden Umständen, denn 
8 könnten dem Angeklagten mit gutem Gewissen zugebilligt 
verden. 
Der Verteidiger des Angeklagten, Herr Rechtsanwalt Dr. 
hde, bittet gleichfalls. fich weder von dem Mitgefühl noch von 
em Gedanken leiten zu lassen, daß er, der durch das Zusammen⸗ 
reffen unglücklicher Umstände den Tod eines jungen hoffnungs⸗ 
reu digen Menschen herbeigeführt habe, nun unbedingt eine ge⸗ 
ichtliche Strafe erhalten müsse. 
Eine unbedingte Schuld an dem Tode des jungen Groth 
habe dem Angeflagten nicht nachgewiesen werden können. Die 
ingangs der Rede des Serrn. Staaisanwalts zugunsten des 
Angeklaoten, herporgehobenen Motive erkenne ex voll und 
Janz an Auf die Borgeschichte zu dem blutigen Dramg wolle 
T.nicht noch einmal eingehen. Er glaube nicht, daß der 
MNechanker an dem betre Abend, in innerer Entrüstung, als 
Retter der gekränkten Unscheild bestrafen wollte, sondecn dieser 
ci etwas angefrunken, in radqulustiger Stimmung gewesen und 
sabe sich in ganz ungehöriger Weise in die Rauferei eingela'sen, 
der Angeklagte habe sich zuerst von den Angreifern derart 
urudgehalten. daß man es schoan als den besseren Teil der 
Tapferkeit bezeichnen müsse. Wie der Angeklagte dazu ge— 
ommen sei, das Messer zu nehmen, wisse er heute nicht mehr. 
ẽr jei in großer Aufregung gewesen, habe viel getrunken gehabt. 
Er iniffe Einfpruch dagegen erheben, daß der Herr Erste Stagts— 
mwast seinen Ausführungen einseitig die Aussagen der beiden 
helastungszeugen zugrunde lege. Jeder Zweifel in der Dar—⸗ 
egung der Tafsachen müsse dem Gesetze, nach zugunsten des 
Angetlagten ausgelegt werden. Es fei kein Zeuge vochanden. 
der befunden önne, wann und wie Groth eigentlich die tödtihe 
Verletzung erhalten habe. Die Wahrscheinsichkeit oreche dafur. 
daß der Angeklagte nicht wisse, daß er mit Absicht cinen Stich 
egen Groih geführt habe, sondern es bestehe die Möglichteit, 
daß Groth duͤrch irgend einen Zufall in das Messer Finein, 
jefallen ober geitürzt sei. Weilter wäre zu prüfen, ob vicht 
zer Angeklagte im Augenblid der Tat so betrunken oder auf⸗ 
eregt gewesen sei. daßß die freie Willensbestimmung ausge; 
hlossen gewesen sei. Der Angeklagte sei sehr wohl berechtigt 
ewefen, sich mit einer Waffe oder einem Messer zu verjehen, 
im sich event. gegen einen Angriff zu verteidigen. Auf seinem 
Frund und Boden jermer von radaulustigen Leuten angegriffen 
vorden und auf irgend eine Weise habe er lich verteidtgen 
nüfsen. wozu er nach dem Gesetz das Recht habe. 
Der Angeklagte habe sich in dem hierguf entttehenden 
zandgemenge in Rotwehr befunden, und, sich der. Angreifer 
nit dem NMesser zu erwehren versucht. Die Hilf-zfcage babe 
er Herxr Erste Staatsganwalt noch hinzugefügt, um nicht an 
inem Strobhalm die Anklage auftecht zu erhalten. Erx, ditte, 
ie Haupifrage zu verneinen, da nicht mit positiver Sichegheit 
egesteilt set ob der Angektlagte den tödlichen Stich geführt 
sat Bei Bejahung derselben bitte er aber, die Tat als in 
soiwehr geschehen anzusehen. Die Silfsfrage bitte er eben⸗ 
alls zu verneinen, da der Angeklagte ohne sein Verschulden in 
ie Schlägerei hmeingeraten sei. Er bitte um gämziiche Frei— 
prechung des Angeklagten. 
Nach der Rechtsbelehrung durch den Vorsitzenden zogen sich 
hierauf die Geschworenen in das Berafunaszimmer zurüc. 
Die Geschworenen verneinten, die Schuldfragen. worauf die 
Freispreching des Angeklagten erfolgte
	        
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