Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

1 Uhr das Serzogtum Braunschweig verlaßen 
und zum dauernden Aufenthalt nach Wilinread 
äbersiedeln. — Difficile est satiram non jcribere! Man 
scheint sehr genau über die noch ausstehenden Beschlüsse des 
Bundesrats orientiert zu sein. 
Die bayerische Königsfrage. 
Munchen. 25. Okt. Die bayerifche Regierung wird nach 
vertraulicher Verständigung mit den Mitgliedern des am Mon⸗ 
tag zur Erledigung geschäftlicher Formalitäten zusammentceten⸗ 
den Reichsrats ihren Gesetzentwurf zur Aufhebung der Regent⸗ 
schaft sofort dem Staatsrat unterbreiten und die von ihm dann 
gutgeheißene Vorlage so schnell als möglich im Landtag ein— 
hringen, wo sie beschleunigt beraten werden soll. Im Plenum 
der Abgeordnetenkammer wie in der Reichsratkammer wird die 
Verfafsungsänderung mit der Erhöhung der Zivilliste voraus⸗ 
ächtlich nach kurzen Erklärungen angenommen werden. 
Entlassungen in ciner Seeschiffswerft. 
W. Bremen, 25. Okt. Auf der Werft von Joh. C. Tecklen⸗ 
horg A.⸗G. in Geestemünde haben, wie die Weser⸗Zeitung be—⸗ 
richtet, vor einigen Tagen die Nieter und Bohrer der We—rfi, 
im ganzen 250 Mann unter Kontraktbruch, die Arbeit nieder⸗ 
gelegt. Da sich die Werft infolgedessen nicht mehr in der Lage 
fieht, ohne diese Arbeiter ihren Betrieb noch weiter aufrecht 
zu erhalten, muß eine Einschränkung des Betriebes erfolgen. 
Infolgedessen erhalten heute, Sonnabend, abend nach vorauf⸗ 
gegangener Kündigung etwa 500 Arbeiter ihre Entlafsung. 
Die weiteren Maßnahmen, die für den Fall eines Verhacrens 
der Nieter im Ausstande zu treffen sein werden, beschäftigen 
e den Arbeitgeberverband der Gruppe Deutscher Seeschiffs⸗ 
werften 
Siapellauf des kleinen Kretzers Graudenz“. 
W. Kiel,. 25. Okt. Auf der festlich geschmückten kaiserlichen 
Werft erfolgte heute mittag in Gegenwart von Vertretern der 
staatlichen und städtischen Behörden, der dienstfreien Offiziere 
der Garnison und der Flotte sowie zahlreicher geladener Damen 
und Herren der Stapellauf des kleinen Kreuzers „Ersatz Prin⸗ 
zeß Wilhelm“. Die Ehrenwache und die Musik wurden von 
dem 1. Seebataillon gestellt. Kurz vor 12 Uhr erschien Ober⸗ 
bürgermeister Kühnert-Graudenz an der Spitze einer Deputation 
dieser Stadt an der Liegestelle der Werft, der von dem Ober⸗ 
werftdirektor Konteradmiral Henkel als Vertreter des Staats- 
sekretärs des Reichsmarineamtes empfangen wurde. Nach dem 
Abschreiten der Ehrenwache begaben sich der Oberbürgermeister 
und der Oberwerftdirektor auf die Taufkanzel, wo der Ober—⸗ 
bürgermeister die Taufrede hielt. Während des Hochs auf den 
Kauer präsentierte die Ehrenwache und die Musik spielte die 
Nationalhymne. Hierauf gab der Oberwerftdirektor den Befehl 
zum Ablauf des Schiffes, der sich unter den Hurrarufen der 
Versammelten schnell und sicher vollzog. 
Ein Fehibetrag im franzöfischen Budget. 
W. BRaris, 25. Okt. Nach einer offiziellen Meldung legte 
der Finanzminister Dumont gestern im Ministerrat dar, daß 
der Fehlbetrag im Budget des kommenden Jahres sich auf 
250 Millionen Francs beziffern lasse. Zur Deckung soll eine 
Reihe neuer Steuern eingeführt werden, unter anderem soll 
die gegenwärtig beim Senat schwebende Einkommensteuer ein 
Mehretträgnis von hundert Millionen liefern. Weiter sollen 
hundert Millionen aus der geplanten Kapitalsteuer und hundert 
Mitlionen aus der Steuer auf ausländiiche Wertpapiere erzielt 
moerden. 
Ronyalistische Fortschritte in Vortugal. 
PO. Sondon,. 25. Okt. Neue Unruhen sind in Vortugal 
nach einem Telegramm der Times aus Badaioz ausgebrochen. 
Ein Trupp Noyausten griff ein Truppentransportschiff an. Es 
kam zu einem heftigen Kampfe, dessen Ausgang noch nicht 
bekannt ist. Auch in Lissabon kam es zu heftigen Zusammen— 
stößen zwischen den Regierungstruppen und den Repolutinnären. 
Auf beiden Seiten gab es zahlreiche Tote und Verwundete, doch 
scheint es. als ob die Revolutionäre Sieger geblieben sind. 
Ein Depot mit Kriegsmaterial wurde von ihnen erobert, ohne 
daß sie Widerstand fanden. An anderen Orten des Landes ist 
es ebemalls zu erbitterten Kämpfen gekommen. Die aus dem 
Auslande eintreffende Post wird überall mit 24 Stunden Ver⸗ 
spätung bestellt, da jeder einzelne Brief von der Zensur unterjucht 
vird. An verschiedenen einsam gelegenen Stationen an der Nord⸗ 
zrenze Portugals sollen sich große Vanden Royalisten verborgen 
alten. die auf das Zeichen zum Vormarsch marten. 
Frankreich und das englisch-deutsche Ablommen über Afrilka. 
PC. Varis. 25. Olt. Die Gerüchte über eine englisch— 
deutsche Verständigung in bezug auf die Regelung der beider— 
seitigen Interessensphören in Afrika geben der Pariser Presse 
Anlaß zu lebhaften Kommentaren. Das Echo de VParis nimmt 
heute Bezug auf einen im Berliner Tageblatt erschienenen 
Artikel üher eine etwaige Aufteilung des vortugiesischen Kolo⸗ 
nialbefitzes und bemerkt dazu: Deutschland beeilt sich, die Ab 
treiung Sanlibars durch England zu dementieren, aus Furcht 
Portugal könnte verstimmt werden. Warum? Weil Deutjch— 
land weder die Warfischbai noch Sansibar will, sondern An— 
gola. Eine Seite der Frage wird vorläufig noch im Dunteln 
gelassen, nämlich Kieinasien.· Meinn England Deutschland 
braucht, um bis nach Koweit am Persischen Golf zu gelangen, so 
ist es möglich, daß Angola der Kaufpreis dafür ist. Man hält 
es jedoch für besser, vorerst nichts darüber zu sagen, da dies 
in Portuga! Mißstimmung erregen könnte. Weiter erklärt das 
Blatt, daß nach seinen Informationen Deutschland und England 
alles tun müsse, den Teilungsvertrag über die portugilischen 
Kolonien mit einigen Aenderungen in Kraft treten zu lassen. 
Es handelt sich nicht mehr darum, Vortugal die Kolynien ab⸗ 
zulausen, man will nur aus den portugiesischen Kolonien wirt⸗ 
schaftlichen Nutzen ziehen. Frankreich kann schließlich zu einer 
deutschrenglischen Entente nur beglückwünschen, allerdings nur 
unter gewissen Umständen, (19) da auch wir an dieser Frage 
—EV 
reich hier verschiedene Vorteile sichern. Deutschland gegenübet 
ist unbedinat die Politik angebracht: „Ich gebe, wenn du gibst.“ 
Roolevelt für die Monroe⸗Do ktrin. 
W. Rio de Janeiro 25. Okt. Im Laufe eines Vortrages 
betonte Theodor Roofsevelt lebhaft, wie groß das Interesie 
der Völker Ameritas wäre, fsich an die Monroe-Dokkrin anzu— 
Achließen, welche für den ganzen Kontinent Gültigkeit haben und 
als gültig für alle Nationen in Amerika betrachtet werden mußte, 
da deren Verhältnifse genügend gefestigt und zeordaet wären, 
um keinen Aniaß zu einem Angriff auf die neue Welt zu 
geben, und sie stark genug wären, um einen Angr'ff zurück 
zuweisen. Der Vortragende befürwortete die weitere Ent— 
widsung der Veziehungen unter den amerilanischen Nationen. 
W. Newnork, 25. Okt. Das Reutersche Bureau meldet 
aus Vera Cruz: Die merikanische Polizei verhaf— 
tete, ehe der amerikanische Dampfer „Morro Castle“ in See 
ging, vier Mitgalieder des Bundesparlaments, 
Ddatukler den Kongreßabgeordneten Vidra. die lich auf dem 
Ddampfer für Havanng eingeschifft hatten. Die Behörden, welche 
uvor die Abfahrt des Dampfers verhinderten, ordneten auf 
Protest des amerikanischen Konsuls an, daß das Schiff sormell 
für Havanna—Newyork deklariert werde. An Bord besand 
sich auch die Gattin des amerikanischen Sondergesandten Lind. 
Es wird erklärt, die Behörden hielten den Dampfer anfänglich 
aur zurück, um die Verhaftungen vorzunehmen. Pidra legte 
Heim amerikanischen Konsul Beschwerde gegen den Kapitän des 
Dampfers ein, weil er der Polizei erlaubte, die Abgeordneten 
ohne gültigen Haftbefehl festzunehmen. 
1 
¶ 
W. Berlin, 25. Okt. In der heutigen Schlußfitzung der 
mnternationalen TuberkuloseKonferenz sind u. a. folgende korre⸗ 
pondierende Miglieder der Internationalen Vereinigung gegen 
Tuberkulose ernannt worden: Physikus Dr. Sieveling, Oberarzt 
Dr. Much, Dr. Pau! Wichmann-Hamburg, Chefarzt Dr. Ritter, 
Fdmundsthal-Siemerswalde, Prof. Dr. Deycke⸗Labechk, Dr. 
Zäberlin⸗-Wyyk auf Föhr, Regierungsrat Hansen und Med'einal⸗ 
rat Dr. Bockendahl-Kieln. 
W. Johannisthal, 25. Okt. Der franzöfische Flieger 
Pegoud führte heute nachmittag unter Teilnahme eines tau⸗ 
endköpfigen Vublikums auf dem hiesigen Flugplatz seine auf⸗ 
sehenerregenden Flüge aus. Er startete das erste 
Mal um 3 Uhr 30 Min. das zweitemal kurz vor 4 Uhr 30Min. 
Jeder Flug dauerte 20 Minuten. Bei den Flügen flog er eine 
janze Strecke auf dem Rücken mit dem Kopf nach unten. Er 
überschlug sich mehrere Male und schloß seine Flüge mit mehreren 
ehr waghalsigen Kurvenflügen. Vom Publikum wurde der 
Flieger, der sodann an der Barriere entlang fuhr, sehn 
enthusiastisch begrüßt. 
W. Johamis hal. 25. Okt. Heute nachmittag um 4 Uhr 41 
Minuten landete der aus Brüssel kommende belgische Flieger 
Lanfer mit seinem Duperdussin-Eindecker. 
Pofen, 25. Okt. Der Deutsche Grünke verkaufte das 720 
Morgen große Gut Wunschheim-Netzwalde an den Polen Nowidi 
ür 350 000 M. Nach zweijährigem Besitz verdiente Grünke 
100 000 Mark. 
W. Kochem,. 25. Okt. Bei einem Streit zwischen jungen 
deuten auf einer Tanzmusik in Kaisersesch wurden vier an 
dem Streit beteiligte Perfonen erstochen, ein 
fünfter lebensgesährlich verletzt. Fünf Täter lind vergatlet 
werden, darunter ein Vater mit drei Söhnen. 
W. Innsbtuck, 258. Okt. Heute nacht brannute das 
Frand-⸗Hotetn sam Achenfee vollständig nieder. Das 
Inventar ist verbrannt. Der Schaden betrsot etwa eine harbe 
Million Kronen. 
W. Wien 28. Okt. Die katholisch-deutsche Studenten'chaft 
veranstaltete anlaäͤhlich der Leipziger Feier vor dem Schwarzen⸗ 
hergdenkmal und dem Radetzkydenkmal patriotische Kundgebun⸗ 
gen, an denen Vertreter der reichsdeutschen Studentenverbin⸗ 
dungen teilnahmen. Ferner waren Vertreter des Kriegsmeniste⸗ 
riums zugegen. Patriotische Ansprachen wurden gehalten und 
Kränze niedergeleat. deren Inschriften die Kämpfer von 813 
feiern. 
W. RParis, 25. Oklt. Große Aufregung herrschte gestern 
vie aus Lille gemeldet wird, unter der dortigen Bevölkerung. 
kinige Passanten hatten in dem über der Stadt lagernden dichten 
Nebel in geringer Höhe merkwürdige Lichtreflexe bemeckt und 
mit Windeseile verbreitete fich in der Stadt das Gerücht, dar 
ein Zeppelinluftjchiff Lille langsam überfliegz. In 
Alen Strahen und besonders auf dem Hauptplatz der Stad! 
yatten sich in kurzer Zeit große Menschenmassen angesammeit 
die dem merliwürdigen Lichterspiel in der Luft mit größter 
Zpannung folgten und die abenteuerlichsten Vermutungen lau 
verden ließen. Die Polizei hatte Muhe und Not, die Ordnaung 
rufrecht zu erhaiten. Nur schwer gelang es, die aufgeregken 
Menschenmassen davon zu überzeugen, daß die Lichtreflete pon 
den Scheinwerfern auf dem Turm der Neuen Börse in Lirle 
herrührten. mit denen bei dem Nebelwetter Verluche angedtellt 
wurden. 
PC. Paris, 25. Okt. In Auboue wurde der Deutsche 
Emil Steinmetz wegen einer schweren Bluttat ver— 
haftet. Steinmetz war mit einem Italiener namens Obert. 
in Streit geraten, wobet er von dem Italiener tätlich angegrijffen 
purde. In der Notwehr zog der Deutsche sein Messer und ver⸗ 
etzte dem Italiener einen Stich in die Brust. Oberti mußte 
chwer verietzt ins Hospital geschafft werden. 
PC. Bordeaux, 25. Okt. Eine Typhusepidem ie wũtet 
seik einiger Zeit unter der Garnison Mont au Ban. Bereits 39 
Soldaten sind der Krankheit zum Opfer gefallen und weitere 
80 liegen krank im Hospital. Gestern waren wiederum azwei 
neue Todesfälle zu verzeichnen. 
W. Kaiserliche Marine. Eingetroffen: „Möwe“ am 
24. Oklober in Bagamoyo. 
— — —— ——— — — — — — — 
Der neue Krupp⸗Prozeß. 
Dritter Tag.) 
Berlin, 25. Oktober. 
In der heutigen Sitzung wird zunächst Polizeirat Koch 
vernommen, der den Angeklagten Brandt beobachten und ver— 
haften ließ. Der Zeuge ertlärt: Ich nahm eine Durchsuchung 
des Berliner Kruppschen Bureaus vor, befchlagnahmte die Korn— 
walzer und fand mehrere Zettel niit Notizen, wie sie zu Korn 
vwalzern zusantmengestellt wurden, und die vom Feuerwerkern 
Schmidt herstanmmten. Ich vernahm zunächst Dr. Dräger, sodann 
Vrandt im Polizeirrästdium. Ich habe ihm gezeigt. daß ich 
aber die Personen unterrichtet sei. mit denen man ihn gesehen 
habe. Dabei konnte ich natörlich nicht feitstellen, welche Personen 
hm zurzeit Nachrichten gegeben hätten. Er nannte mir den 
Zeugfeldwebel Schmidt, den ich bis dahin noch nicht kannte. Ich 
zatte den Eindruck, daß seine Angaben ein volles Gestän d— 
ais bedeuteten. Er gab jedoch lediglich zu, mit Kameraden 
usammengekommen zu fsein und sie freigehalten zu haben, wofin 
ie ihm Nachrichten gegeben hätten. Brandt nannte bei seinen 
Vernehnrung von den Militärpersonen aufzer Pfeiffer und Schmid 
die Namen Dröse und Linke. Von Pfeiffer wollte er nur münd⸗ 
ich unterrichtet worden sein. Brandt hat weiter erklärt, Kruvr 
zegenüber kenne man kein Geheinmis, er Isnne sich gar nicht 
chuldig gemacht haben. Er gab zit, die Funktionszulage teil⸗ 
veise für sich verwandt zu haben. Auf eine Anfrage des 
Berteidigers Dr. Löwenstein erklärt der Zeuge, er habe Brandi 
ine Definition des Begriffs Bestechung nicht gegeben, ihm auch 
richt den Wortlaut des Paragraphen vorgelesen. Es wird dann 
us Protokoll der polizeilichen Vernehmung ver— 
esen. Darauf wird die Verlesung des Protokolls abgebrochen 
uind der Untersuchungsrichter Landrichter Metzner 
»ernommen. der den Haftbefehl erlassen und die Durchsuchung 
der Wohnung Brandts in Rahnsdorf und des Bureaus in Berlin 
in der Voßstraße geleitet hatte. Der Zeuge hatte von vornhereir 
den Eindruck, daß Brandt die Absicht hatte, die reine Wahr⸗ 
heit zu sagen. Es seien auch in seinen Aussagen in der jetzigen 
Vernehmung erhebliche Widersprüche nicht vorgelkommen. Vann 
folet die Vernehmung der vom Kriegsgericht angeklagt ge— 
wesenen Militärbeamten, und zwar wird zuerst in die 
Vernehmung des früheren Zeugfeldwebels und jetzigen Zeug— 
ieutnants Tilian eingetreten. Der Zeuge erklärte, da er der 
Ansicht gewesen sei, daß es sich bei Brandt um einen Vertreter 
von Krupp handelte, habe er ihm Angaben über freie Verdin 
gungen gemacht. Auch habe er ihm die Konkurrenzpreise mit 
geteilt, da es fsich ja um einen Vertreter von Krupp handelte 
Er hätte das auch getan, wenn er keine Darlehen von Brandi 
erhalten hätte. Er habe; deswegen weniger die Ueberzeugung 
gehabt, etwas Unrechtes zu tun, weil tatsächlich seine Mit 
teilungen keine Erhöhung, sondern eine Herab— 
sezung der Preise zur Folgehatten. Er sei auch der 
Meinung gewesen. daß andere Firmen ebenfalls Nachrichten 
dieser Art erhielten. Darauf wird der frühere Zeugfeld- 
webel und jetzige Zeugleutnant Schleuder. der Nachfolger 
Tilians in der Feldzeugmeisterei, vernommen. Er erklärte, er 
sei durch Vermittelung Tilians mit Brandt bekannt geworder 
aund ebenfalls auf den Wunsch Brandts gleich geneigt gewesen 
diesem Nachrichten zu geben. Auch er habe keine Bedenken ge 
habt, da Brandt bei Krupp beschäftigt gewesen sei. Zeuge gibt 
zu, daß er von Brandt ab und zu kleine Geldgeschenke erhalten 
habe. Er sei sich der Bestechung durchaus nicht bewußt gewesen 
Um 123 Uhr trat sodann eine Mittagpause ein. 
Nach Wiederaufnahme der Sitzung um 1 Uhr 15 Min. wird 
—V 
der Brandt auf einem kameradschaftlichen Abend kennen gelerni 
haben will. Er habe Brandt auf seine Bitten ebenfalls Material 
zegeben, da Brandt ihm erklärt habe, der Berliner Vertreter von 
Krupp sei zu bequem. Er sei sich nicht bewußt gewesen, daß 
er etwas Unrechtes tue, da er der Ansicht gewesen sei, daß auch 
indere Firmen die Preise bekommen hätten, was er aus den 
Preisfeststellungen bei späteren Verdingungen, die wesentlich tiefer 
gewesen seien, zu ersehen glaubte. Auf die Frage des Ober— 
taatsanwaltes, ob Grund zu der Annahme vorhanden sei, daß 
indere Firmen gleichfalls Hintertreppen benutzten, kann der Zeuge 
keine Antwort geben. Auch Direktor Eccius stellt in Abrede 
eine derartige Aussage gemacht zu haben. Der Zeuge Hins 
agt weiter aus, daß es sich bei ihm nur lediglich um kom— 
nerzielle Sachen, bei Preisen nie aber um Konstruktionsfragen 
zehandelt habe. Darauf wird der Feuerwerker Schmidt 
der Nachfolger von Hinst, vernommen, der gleichfalls Brand: 
seinem Wunsche gemäß orientiert hat in dem Bewußtsein, daß 
er das, was seine Vorgänger getan haben, ebenfalls tun könne 
An einem Abend habe er Brandt gebeten, für den Fall, daß 
er von Essen aus um Auskunft über ihn aufgefordert werde, 
günslig zu b erichten, da er die Absicht habe, aus dem Militärdienst 
auszuscheiden und sich bereits bei Krupp um eine Anstellung be— 
wmorhen hobhbe Schluk des Bloftes.) 
Bunte Chronik. 
In Todesangst. Ein Eisenbahnunfall, dem Jur durdh 
einen glucklichen Zufaill Menschenleben nicht zum Opfer ge— 
fallen sind. hat sich in, Brefeuil in, der „Nähe Lon 
Clermont ereignet. Ins voller Fahrt riß die Kuppelung zwischen 
dem Gepäd⸗ und Perfonenwagen eines gemischten Zuges und 
die Lokomotive und fünf Güterwagen stüczten mit lautem 
Krachen die Böschung hinunter. Unter den Fahrgöästen brach 
eine Panit aus. Glücklicherweise waren die Versonenwager 
nicht in den Absturz verwichelt worden, so daß nur einig⸗ 
Personen bei dem plötzlichen Ruc leicht verletzt wurden. 
Eine belgische Gewertschaft der Aexzte. Einé 
Hewerkschaft der Aerzte ist in Brüssel eehaoet worden. 
Der Verband beabsichtigt, die Aerzte wor der Ausbeutung 
durch die Versicherungsgesellschaften zu schützen. Die neut 
Gewerkschaft will politisch neutral sein. 
Matrosenstreik in Venedig. Die Angestellten der 
Dampsfschiffahrtsgesellschaflen in Venedig sind in den Aus—⸗ 
stand getreten. Donnerstag konnte nicht ein Paketdampfe— 
den Hafen aus Mangel an Personal verlassen. 
Die flüchtige Stunde in, der Zeiten Lauf 
Bei einem Festessen, das in der Pariser Sternwarte zu Ehren 
der quswärligen Abgesandten der internationalen Zeitkonferenz 
stattfand, hielt der Minister der öffentlichen Arbeiten eine 
Rede, in, der er sagte: Die „flüchtige Stunde“ wird nunmehr 
von Paris festgeseßt. Wenn die jzehnte Stunde auf dem 
Enffelturm schlägt, werden es Iep —* Herzschen Wellen ver⸗ 
künden und die Eene Erde wird dann wissen, daß die Sonne 
am Himmel der Isle de France bereits hochsteht. Wenn um 
Mitternacht zwölf Glockenschläge ertönen, werden Sie an das 
zlanzvuosse, machtvolle Paris denken. das zu leben beginnt, 
vãhrend sich das Paris der Wissenschaft und Arbeit zur Ruhe 
hegibt. Zweimal täglich wird der deutsche funkentelegraphische 
Posten von Norddeich mit Paris Signale austguschen. Am 
Schluß seiner Rede erklärte der Minister, daß Frankreich au 
die ihm anvertraute Aufgabe stolz sei, und daß er diese— 
—Asnx3 der Staaten begrüße, das ein erfrenliche 
Iraeichen für die Zukunft sei. 
Zu der Lustbarkeitssteuer in Berlin, die, wie wir berich— 
eten, die Auflösung des Zirkus Busch zur Folge haben wird, 
chreibt die Tägl. Rundsch.: Die böse Lustbarkeitssteuer wird 
»on Unternehmern der verschiedensten Veranstaltungen fort— 
gesetzt bekämpft. Verschiedene haben schon erklärt, sie seien nicht 
mstande, die neuen Lasten zu tragen. Zirkus B'isch will be— 
anntlich seine Pforten schließen. Von der Geschäftsführung 
ieses Unternehmens erhalten wir dazu die Mitteilung, daß 
ach den Einnahmen des Voriahres in dieser Spielzeit an Lust 
zarteitssteuer der Betrag von 160000 bis 170 9000 Martk zu 
ahlen sein werde. An den Sonntagen seien bereits mehrere 
Male 1500 Mark für den einen Tag bezahlt worden. Direktor 
Zusch will sich jedenfalls von den Geschäften ganz zurückiehen. 
ẽs bleibt nun abzuwarten, ob ein anderer es wagt, die erwähnten 
dasten zu übernehmen. Sollten wirklich Busch und andere große 
AInternehmungen wegen der Lustbarkeitssteuer ihren Betrieb 
einstellen, so mühte doch eine Aenderung der Steuern ernstlich 
rwogen werden. Denn zu dieser, die ohnehin schon eine Ab⸗ 
wanderung der teueren auf billige Plätze bewirkt, lommt auch 
noch der allgemeine wirtschaftliche Drud. 
m. Komische Adtessen. Noch heute kann man auf Briefen 
manche niedliche Ausschrift finden. Geradezu verblüffend noiv 
tind einige Adressen, die aus den Archiven der Postoecwaltung 
n der Mitte des vorigen Jahrhunderts stammen und von 
»enen wir hier einige wiedergeben wollen. So lautet eige: 
„VWtit Hochachtung an den Herxrn Großknecht Y. bier,? Oder 
eine andere: „An den Drescher in J. hinter P., der drei Kinder 
hat, wovon zwei Söhne, Zwillinge sind, der sine dabon ein 
Schneider ist.“ Der findige Briefträger mag deim Lesen dieser 
Aufschrift Schweißtropfen vergossen haben. Ein postlageradec 
Brief trägt die lompromittierende Adresse: „An den, Voit⸗ 
Urrestant F. A. zu Helmstedt. Durch Güte abzugeben“, ein 
uderer: FAn den Reizenden, Fertinaut B., postlagecnd in 
Sostau. Bihde den Herrn Post Sekretär diein Bruef auf die 
Bost zu behalten bis Besagter Reizender, kommt und ihn ab— 
holen duht.“ Die Briefträger mußten schon damals Briese, 
die den Adreslafen nicht erreichen, mit einem Postvermert per— 
ehen zurüdgehen lassen. Auch diese Anmerkungen lind z3um 
Teil sehr spahig. So tam ein Brief an den Absender zurug 
nit der sinnvollen Bemerkung: „Mit Hilfe der Palizei üt 
Adrefsat in Mersehurg unbekannt.“ Ein anderer erhielt von 
der Hand des Briesträgers den Zusatz: Adressat iit tot und ver⸗ 
weigert die Annahme“
	        
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