Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

der Diskussion, der auch der Ehrenvorsitzende des 
Dee Zentralkomitees, der Hersog von Ratibor, bei⸗ 
vohnte, schilderte zunächst Dr. Rofen EStocholm) die eina⸗ 
een Verbaltnisfe in Shhweden. F,Stofestor Kaauge 
Bonnd betonte, daß die Tuberkulosebelampfuna wohl in erster 
Anie eine Geldfrage, daneben aber auch eine Frage der 
Nufträrung sei. Viel mehr als bisher musse auf dem Gebiete 
n e ae as hng ene, geschehen. In Bonn werde Man 
it Hufe der Bauberufsgenossenschaften Hauser an der Peripherie 
r Eladt errichten, die Isolierrãaume für Tuberkulose enthalten 
enm. Geheimrat Putter von der Berliner Charitͤ: Ich 
An vder Ueberzeugung, daß man gut tut, den Betrieb der Jür— 
estellen nicht bureaukratisch zu gestalten. Durch ein Bureau 
riit eine Verlangsamung ein und die einzelnen Fälle werden 
Nummer. Eehr richtig!) Am besten ist es, die einze lnen 
alle burch die Fursorgeschwester bearbeiten zu lassen, die dann 
die Entscheidung des Vorfitzenden einholt. Ich habe die größte 
Fursorgestelle des Reiches seit zehn Jahren in dieser Weise geleitet. 
d* daß fie trotz mancher Versuche, sie hintanzusetzen, in Blüute 
seht. Wie in anderen Städten, hat sich auch in Berlin eine 
Rombination der Tuberkulosebekämpfung und der Allohosbe⸗ 
ãmpfuna als wünschenswert erwiesen. — Dr. Beder ¶ har⸗ 
ottenbura): Die privaten Fürsorgestellen haben zwei Nachteile: 
finmmal leiden sie an Mangel von Geldmitteln. Der Bremer 
Berein sagt in seinem Jahresbericht ausdrücklich, es sei ausge⸗ 
chlossen, daß ein privater Verein die nötigen Mittel aufbringe. 
Das beweist auch der Jahresbericht von Hamburg. Zweitens 
ehlt den privaten Stellen die eigene Initiative. — Dr. Stein⸗ 
berg (Breslau): Die privaten Fürsorgestellen können 
genau dasselbe leisten, wie die städtischen, wenn man es richtig 
rnfängt. (Sehr richtiag!') Die Tremmung der Aemter des Leiters 
ind des Arztes kann ich nicht befürworten. Wenn man das 
Zzauptgewicht darauf legt, daß die Untersuchung exakt vorge— 
ommen wird, so erzieht man gute Lungendiagnostiker, aber 
eine guten Fürsorgeleiter. — Oberstabsarzt Dr. Stürz —X 
Arzt und Verwaltung müssen Hand in Hand arbeiten. Uner— 
pünscht wãre es, dem Arzte den ganzen Verwaltungswust auf⸗- 
Ailaden. Eine ausgedehnte Bemutzung sollte der Röntgenapparat 
rfahren. — Vorsitzender der Ortskrankenkasse Leipzig Hol- 
änder: Für die Bekämpfung der Tuberkulose als Vollks— 
wrankheit müssen mehr als bisher öffentliche Mittel in Anspruch 
senommen werden. — Der Vorsitzende konstatiert als Ergebnis 
der Aussprache, daß es ein Schema fär die Ers 
ichtung von Fürsorgestellen nicht gibt. — Sierauf 
ielt Oberregierungsrat Dr. Oertel (Chemnitz) noch einen 
Vortrag über die Aufgaben der Fürsorgeschwestern in den Für— 
orgestellen für Lungenkranke. — Der Vorsitzende schloß sodann 
vie Tagung mit Dankesworten an die Teilnehmer. — Morgen 
rüh beginnen die Beratungen der XI. Internationalen Tu— 
erkulose⸗Konferenz. 
Tagesbericht. 
Lübeck, 23. Oktober. 
*Zu den bevorstehenden Bürgerschaftswahlen. Das hiesige 
sozialdemokratische Organ glaubt unsere rein sachlichen allge— 
meinen Bemerkungen zu den Bürgerschaftswahlvorbereitungen 
alossieren zu müssen und nimmt dabei insbesondere Anstokß 
an dem Satz, daß es sehr wohl denkbar sei, „falls sich in der 
weiten Wählerklasse ein geeigneter Mann finde, dieser von 
der ersten Wählerklasse gewählt werde“, es schließt daran die 
Frage, warum das wohl bisher nicht einmal geschehen. Dieser 
Frage sei die Gegenfrage entgegengestellt: Warum hat es 
die Sozialdemokratie denn bisher unterlassen, für die Man— 
date der zweiten Klasse auch Wähler dieser Klasse zu wählen, 
denn wenn wir recht unterrichtet sind, gehören alle von der 
weiten Wählerklafse gewählten Sozialdemokraten der ersten 
Wählerklasse an. Wir sollten denken, daß es der Sozialdemo— 
fratie doch möglich sein müßte, auch aus den Wählern der 
weiten Klafse geeignete Vertreter für die Bürgerschaft zu 
nominieren, so lange sie das nicht tut, sollte sie lich nicht 
lber andere aufregen. — Wir werden weiter von demselben 
Blatte als „Organ des Wahlvereins von 1911 ausgesprochen;: 
es ist belannt genug, daß kein Wahlverein für die Bürgerlchaft 
ein „Organ“ als solches besitzt, und was uns speziell angeht, 
o haben wir stets über alle öffentlichen Beschlüsse in 
Sachen der Bürgerschaftswahl objektiv berichtet. Besondere 
Stellungnahmen gründeten sich auf eigenen Anschauungen 
und nicht auf denen eines einzelnen Wahlvereins. 
8. Ueber die Schäden im Schauspielerinnenberufe und 
as Reichs theatergesetz hielt am gestrigen Abend Frau Helene 
Riechers, Berlin, im großen Saale der Gemeinnützigen 
Tätigkeit einen hochinteressanten Vorträg. Die Rednerin er— 
äuterte an der Hand zahlreicher überzeugender Beispiele die 
Arzeit noch bestehende Notlage des Schauspielerstandes und 
trat mit lebhaftem Interesse und in temperamentvoller Form 
mür eine Hebung der Notlage dieses für unser Kulturleben so 
wichtigen Standes ein. Besonders interessierten die Ausfüh— 
rungen der Rednerin über den Entwurf zu einem Reichstheater— 
gesetz, der voraussichtlich noch in dieser Session dem Reichstage 
zugehen wird. Im besonderen äußerte sich die Rednerin zu der 
dielbesprochenen Kostümfrage, die bekanntlich bisher vielfach 
zahin gehandhabt wird, daß weibliche Mitglieder sich im 
Segensatz zu den männlichen Mitgliedern alles auf eigene Kosten 
anzuschaffen verpflichtet sind. In dieser Beziehung sieht der 
Vorschlag der Kommission der Bühnengenossenschaft, welcher 
Frau Riechers angehört, eine Abänderung des in dem Entwurf 
enthaltenen 8 13 vor, in welchem bestimmt ist, daß der Bühnen⸗ 
unternehmer dem Mitglied die zur Aufführung eines Buhnen- 
werkes erforderlichen Kleidungsstucke zu liefern habe, mit Aus⸗ 
iahme solcher, die ohne erhebliche Aenderung außerhalb der 
Bühne getragen werden können, während die Kommission 
vünscht, daß die Direktion den Mitgliedern sämtliche Kostũme 
iefert. Man wird die Kritik, die die Vortragende an der 
etzigen Fassung des 8 13 des Entwurfs übte, als berechtigt 
merkennen müssen, denn die äußerst dehnbare Fassung der Be— 
timmung dürfte zweifellos von vornherein eine Unklarheit 
ind damit den Stoff zu Konflikten in die so wichtige Frage 
ragen. Ferner äußerte sich die Rednerin speziell über die den 
Anternehmer zur Kündigung des Schauspielers berechtigenden 
wichtigen Grunde, wobei sie die Forderung aufstellte, daß 
mntgegen der jetzigen Fassung des 8 20,5 die Verhinderung 
ʒurch uneheliche Schwangerschaft der Verhinderung durch eheliche 
Schwangerschaft klar gestellt werden solle. Außer diesen Be— 
rachtungen juristischer Natur äußerte sich die Rednerin auch 
ioch in interessanter Weise über gesellschaftliche Fragen des 
Schauspielerstandes, indem sie den Wunsch aussprach, daß 
)ie Bürgerkreise im höheren Maße wie bisher, dem Schau— 
pieler entgegenkommen möchten. An den Vortrag, namentlich 
dem letzterwähnten Punkt knüpfte sich noch eine kurze Diskussion, 
ach welcher die Zuhörer mit dem Eindrucdk, interessante Einblicke 
a die Standesfragen der Schauspielerschast gewonnen zu haben, 
ind mit dem Gefühl, daß hier Besserungen sozialer, wie 
ultureller Art dringend am Platze sind, die gut besuchte Ver- 
ammlung verließen. 
S Meisterpruüfnung. Die Buchdrucker P. O. Ziegenhohn, 
5. F. W. Fröhning und K. F. J. Sahlmann haben am 
1. Okt. vor der hiesigen Meisterprüfungskommission für das 
zandwerl der Buchdrucker die Meisterprüfung bestan den. 
Tango als Gefellschaftstanz. Die Genossenschaft Deut⸗ 
her Tanziehrer hat auf ihrer letzten Hauptversammlung be—⸗ 
LDlossen, für den Tango eine einheitliche, dem Salon ent— 
prechende Form einzuführen. Zu diesem Zweck hat der Vor⸗ 
itzende dieser größten Tanzlehrer-Vereinigung, Ballettmeister 
tnoll. unter dem Titel „Principefsa-Tango“ die Figuren 
nd Schritte zu der Musik von Heinz Lewin festgelegt und im 
zerlage Eduard Bloch erscheinen lassen. Die Mitglieder der 
Zenosserlchaft werden also den Tango einheitlich und nur auf diese 
Weise dem Publikum lehren. 
Bevölkerungsbewegung im lübecksschen Staate während 
es Monats September 1913. Die Zahl der Eheschließungen 
»etrug 51 (18912: 66), die der Lebendgeburten 228 (225) und 
ie der Sterbefälle 113 (143). Der Geburtenüberschuß be— 
ief sich demnach auf 118 (82). Uneheliche Geburten kamen 
9 (32) mal vor. Totgeburten wurden 4 6) mal registriert. 
*Pfadfinderkorps und Pfadfinderverein Lübech. Die deut⸗ 
he Pfadfinderbewegung hat bekanntlich auch hier in Lübeck zur 
zildung eines Pfadfinderkorps geführt, dem gegenwärtig bereits 
her 80 junge Kameraden aus allen Ständen unserer Einwohner— 
haft angehören. Um die höchst beachtenswerten Bestrebungen 
ts deutschen Pfadfinderbundes wirksam zu unterstützen, hat sich 
er der Lübecker Pfadfinderverein gebildet, der nunmehr, 
achdem die Vorbereitungen für eine feste Organisation einge— 
itet sind, in die breitere Oeffentlichkeit treten wird. Ueber die 
RFfadfinderei bestehen leider in weitesten Kreisen ganz irrige An— 
hauungen. So wird namentlich behauptet, daß der Pfadfinder⸗ 
und nichts weiter sei als eine Soldatenspielerei, und es wird 
zeiter gerügt, daß „die Pfadfinder bereits Waffen tragen“. 
zolche Aeußerungen sind durchaus unzutreffend. Der deut— 
he Pfadfinder trägt überhaupt keine Waffen, und von einer 
Soldatenspielerei“ kann bei dem Pfadfinderbund in keiner Weise 
ie Rede sein. Nur diejenigen militärischen Formen sollen geübt 
»erden, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung notwendig sind. 
llles andere, insbesondere Waffentragen, wird seitens der Pfade 
inderbewegung verworfen und ist strengstens untersagt. Die deut⸗ 
he Pfadfinderbewegung will auf vaterländischer Grundlage und 
nter dem Sinnspruch „Allzeit bereit“ die deutsche Jugend aller 
treise zu wahrhaften Männern erziehen und sie anleiten, die 
echten Lebenswege zu suchen und zu finden. Dies soll erreicht 
verden durch Beispiel und Belehrung, durch Spielen und Ueben 
n Feld und Wald, durch Wandern, Turnen und Sport. Der 
Pfadfinder soll seine deutsche Heimat voll starker Liebe umfassen. 
ẽr soll lernen, sich in jeder Lage zurecht zu finden, soll selbständig 
ind entlchlußfähig werden und dereinst als zuverläfssiger, auf⸗ 
echter Mann ins Leben treten. Er soll schlicht und einfach leben. 
ntnervende Vergnügungen meiden, Leib und Seele rein halten, 
kohol und Nikotin möglichst vermeiden. — Diese Bestrebungen 
Eten im Interefse einer gesunden, kernhaften deutschen Jugend 
itens aller vaterländisch gesinnten Männer und Frauen kräftig 
aterstützt werden, und zwar zunächst dadurch, daß die Eltern 
on Jungens über 10 Jahren diese dem hiesigen Korps bei— 
reten lassen und ferner durch den eignen Beitritt als Mitglieder 
im hiesigen Pfadfinderverein. Der Vorstand des letzteren setzt 
ch aus folgenden Herren zusammen: Vorsitzender: Exz. Ge— 
eralleutnant z. D. Freiherr von Ompteda, Israelsdorf, 
chriftführer: Zeitungsverleger und Oberleutnant d. L. a. D. 
Baelde, Schatzmeister: Architekt Stoermer, Beisitzer: Ober— 
utnant a. D. von Ludowig, Navigationslehrer Bolle und In⸗ 
enieur Wichers. Alle diese Herren nehmen Beitrittserklärungen 
um Lübecker Pfadfinderverein jederzeit gern entgegen. Der 
Nindestiahresbeitraa beträgt I M. — Anmeldungen zum Pfade 
inderkorps wollen an dessen Hauptfeldmeister Herrn Leutnant 
zurhorst. Wittelsbacherstraße Nr. 12, gerichtet werden. 
7o- Ein diebischer Schlosser. Ermittelt und festgenommen 
ourde ein Schlosser aus Wahlow, der bei der NReuanlage einer 
Zampfheizung in einer hiesigen Fabrik beschäftigt war und 
iese Gelegenheit benutzte, zur Dampfheizung gehörige Messing- 
Wege stehlen, die er bei einem hiefigen Produktenhündler per- 
0 Fahrraddiebstahl. Am 22. d. M. gegen 184 Uhr 
achmittags, wurde vor dem Sauptpostgebäude am Marki 
in Fahrrad. Marle„Panzer“, mit schwarzem Gestell und 
bensolchen Felgen, Freilauf,. Rücktrittbremse, nach oben ge— 
ogener Lentstange und der vom Polizeiamt gelieferlen Er— 
ennungsnummer 1623 gestohlen. Das Fahrrad ist salt neu. 
Vethaftung eines Diebes. Ermittelt und festgenommen 
vurde ein Arbeiter aus Gorzyn, der einem in Mustin bei Ratze- 
urg wohnhaften Hufner am 9. Sept. 700 Migestohlen hat. 
Das ganze Geld will der Täter in Hamburg verjubelt haben. 
-0- Diebstahl. Abhandengekommen und vermutlich gestohlen 
st seit dem 18. d. M. auf de i i ing, 
e d de de Woe f der Wallhalbinfel ein Persenning, 
Neueste Nachrichten und Telegramme 
der ul· A. und ua Z.t 
Des Kaisers Reise nach Oesterreich. 
W. Wien, 23. Okt. Mehrere Blätter besprechen den Be⸗ 
uch Kaiser Wilhelms in Konopischt und Schön⸗ 
runn. Die Neue Freie Presse schreibt: Der Besuch ist mehr 
ls ein Freundschafts- und Jagdbesuch, er gibt vor allem auch 
ach außen hin den Beweis, daß die Vorgänge in der Welt. 
olitik das herzliche Verhältnis zwischen den Söfen und den 
zölkern nicht getrübt haben, sondern, wenn möglich, noch 
miger gestalteten. Daß die Gefahren für' den euro päischen 
jrieden vorübergegangen find, ohne zu den schwersten Er⸗ 
hütterungen zu führen, verdankt die Welt in erster Linie 
er Festigkeit des Dreibundes. Oesterreich⸗Ungarn mit seinen 
edeutenden Interessen auf dem Balkan konnte, gestützt auf 
as Bündris mit Deutschland und Italien, diese Interessen 
nergisch vertreten, ohne daß dadurch die Katastrophe eines 
Veltkrieges entstand. Der deutsche Reichskanzler betonte wieder⸗ 
jolt nachdrücklich die Bundestreue Deutschlands. — Die Rerichs⸗ 
ost schreibt: Der Besuch, zu dem jetzt Kaiser Wilhelm als Jagd⸗ 
alst des Erzherzog⸗Thronfolgers in Konopischt erscheint, er⸗ 
euert nicht nur die herzlichen persönlichen Beziehungen, die 
eit vielen Jahren zwischen dem erlauchten Hohenzoslern und 
em Habsburger Thronerben bestehen; er ist ohne Zweifel auch 
estimmt, einer aufrichtig freundschaftlichen, politischen Aus 
prache zu dienen. In diesen Krisen, die ganz Europa durch⸗ 
ucken, hat der Dreibund nicht nur durchgehalten, sondern 
t. wie ein Brüdenpfeiler im Wasser, nur noch fester gewor den. 
die Reichspost schließt: „Was in Böhmen zwischen Kanser Wil⸗ 
elm und Erzherzog Franz Ferdinand aufs neue besiegelt wird. 
vird bei der folgenden Reise des Kaiters nach Wien festli 
om Volle mitgeleient. das Gelobnis, das slärker ist als pert 
amente Verträge, weil es aus herzlichem, gegenseitigem. rüch 
zaltlosem Verstehen Lammt.“ — Das Deutsche Volksblatt mißt 
zer Zusammenkunft in Konopischt einen eminent politischen Cha- 
akter bei. Es schließt seine Ausführungen wie folgt: „So 
ange die Mächte des Dreibundes in demselben die sicherste 
dewähr ihrer Interessen und ihrer Machtstellung erblicken, kann 
hre Verständigung Aber schwebende Fragen in der europäischen 
Politit keine Schwierigkeiten machen.“ 
Zum Monatchistenputsch in Lissabon. 
W. Madrid, 23. Okt. Blättermeldungen aus Badaioz 
zeben Einzelheiten über die Vorkommnisse in Lissabon 
im letzten Montag. Die ganze Nacht über durchstreiften 
gatrouillen die Straßen, wobei zahlreiche bewaffnete Gruppen 
erstreut oder verhaftet wurden, die beabsichtigten, die Polizei— 
osten aufzuheben und Gefangene aus der Haft zu befreien. 
Nehrere Personen sind verwundet worden. Zahlreiche Auf⸗ 
tändische verkleideten sich als Polizeibeamte. Der größte Teil— 
der Festgenommenen wurde durch eine Abteilung von 200 
Matrosen verhaftet, die nachts mit Maschinengewehren aus dem 
Arsenal ausrückten. Die Ministerien und die Gesandischaften 
ꝛerden streng bewacht. Alle monarchistischen Zeitungen sind 
interdrückt. Wie verfichert wird, war die Regierung erst 
Uhr früh wieder Herr der Lage. Die Verhafteten erklären, 
ie hätten beabsichtigt, eine wahre Republik einzuführen. 
WMW. eissabon, 23. Okt. Im Laufe der Untersuchungen 
ind in Oporto und in Aneiro wichtige Dokumente gefunden 
vorden, die alle Einzelheiten über die Verschwörung enthalten, 
isbesondere auch die Namen der beteiligten Offiziere und 
oen Versammlungsort an der Grenze. 
W. Salamanca, 23. Okt. In Moinhos bei Lissabon machte 
iich ein Individuum mit Sprengstoffen zu schaffen, wobei eine 
Bombe explodierte und den Betreffenden schwer verletzte; er 
wurde festgenommen. 
* 
Saarlouis, 23. Okt. Die „Spionageaffäre“ in 
Zaarlouis hat eine harmlose Aufklärung gefunden. Dort waren 
zestern, wie berichtet. drei Herren und eine Dame unter 
zpionageverdacht verhaftet worden. Unter den Festgenomme— 
jen befand sich der Hotelbesitzer Hofmann aus Frankfurt a. M. 
die Verhafteten sind gestern bereits wieder freigelassen worden, 
;a sich der Verdacht als vollkommen unzutreffend erwiesen 
zat. Der Hotelier Hofmann hatte den Posten vor dem Be— 
irkskommando Saarlouis lediglich nach dem Weg zum Hotel 
zefragt. Dadurch entstand das Gerücht, daß er versucht habe, 
vem Posten militärische Geheimnisse zu entlocken. 
Grisolles, 23. Okt. Der Zustand des Militärattachés 
o. Winterfeldt hat sich gebessert. Gestern stellte das Aerzte— 
konsiltium fest, daß die neue Operation erfolgreich verlaufen ist. 
Oberstleutnant v. Winterfeldt empfing gestern den Senator De— 
selves und Vertreter der französischen Zivil-und Militärbehörden. 
* 
Luftfahrt. 
W. Berlin, 23. Okt. Ingenieur Schlegel hat 
zestern auf einer Gothataube mit einem Passagier 1470 km 
durchflogen. Bei der Landung hinter Labiau im Nebel und 
in der Dunkelheit setzte er zu hart auf und erlitt einen 
Bruch des Nasenbeins; die Maschine ist schwer beschädigt 
vorden. 
die Rettungsmannschaft in der Aniversalgrube durch giftige 
Gase gefährdet. 
London, 23. Okt. Während der Rettungsarbeiten in der 
Iniversalgrube bei Cardiff drang gestern eine Abteilung von 
O Mann bis an die Stelle vor, wo der größte Teil der ver- 
nglücten Bergleute liegt. Diesen ersten Bergungsmannschaften 
»lgten Arbeiterabteilungen, die Barrieren errichteten, um der 
rischen Luft den Ausweg in die Nebengänge abzuschneiden. 
xin Kanarienvogel diente als Wetteranzeiger. Er gab jedoch 
icht das geringste Warnungssignal, und als die Retter nach 
leberwindund großer Schwierigkeiten den Unglücksstollen er— 
eichten, fanden sie die Vermutung bestätigt, daß keiner der 
Zerunglückten mehr am Leben sei. Giftige Grubengase hatten 
nzwischen ihre Wirkuna ausgeübt. Ein Teil der Bergungs-— 
aannschaften begann, sich unter einem unwiderstehlichen Mü— 
igkeitsgefühl niederzulegen; andere tanzten lustig umher, und 
iner machte sogar den Vorschlag, ein Wettrennen zu veran- 
talten, was aber unterlassen wurde. Die nachfolgende Arbeiter— 
ibteilung· hatte das Vorhandensein der giftigen Gase gespürt' 
ind sandte hintereinander drei Boten aus, die nicht mehr 
urückkehrten. Sofort wurden die notwendigen Rettungsvor— 
richtungen herbeigeschafft und die verunglücten Bergungs— 
nannschaften konnten noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht 
werden. 
Monsterprozeß gegen einen russischen Bahndireltor. 
Vetersburg 23. Okt. Anfang Dezember wird in Wilna 
ein Muensterprozeß beginnen, der für die russischen Zustände 
hezeichnend ist. Der frühere Direktor der Libau— Romnyer 
Bahn, Ingenieur Exzellenz Wleskow, ist wegen achtzig grober 
Dienstvergehen angeklagt. Die Unterfuchung hat zehn Jabre 
jedauert. Das Material umfaßt sechzehn Bände, die Anklage— 
chrift siebzig Druckseiten. Es sind 83 Zeugen und sechs 
kxperten geladen. Wleskow befindet fich gegen eine Kaution 
don 100 000 Rubel auf freiem Fuß, obgleich es sich bei den 
ihm zur Last gelegten Verbrechen um Beträge von über zehn 
Millionen Rubel handelt. 
200 Bergleute durch eine Explosion verschüttet. 
W. Dawson (Neumexilo). 23. Okt In der Hirjschschlucht- 
Kohlengrube sind zweihundert Bergleute durch 
eine Explosionverschüttet worden. Näheres fehlt noch. 
4 
W. Verlin, 23. Oktkt. Das Massengrab der Opfer 
»es „L 20 auf dem Garnisonfriedhof in der Hasenheide 
ildete gestern vom frühen Morgen bis in die Abendstunden 
inein das Ziel ungezählter Personen. Keine laute Neugier 
nachte sich breit, still und in sich gekehrt ging alt und iung 
in dem Hügel mit den kostbarsten und einfachsten Kranz⸗ 
venden vorbei. 
W. Berlin, 23. Okt. Bei 385 Ladenschlächtern und bei 
asgesamt 70 Markthallenständen wird heute mit dem Ver— 
auf russischen Fleisches wieder begonnen werden. 
W. Kaiserslautern, 23. Okt. In der letzten Macht er— 
ignete sig aus unbekannter Ursache am Eingang des Ortes 
rankenstein ein schweres Automohbilunglück. Re— 
rierungsrat Feiertas und Gymnasiallehrer Seuffert aus Kaisers- 
autern sind tot, Bauamtmann Schmidt ist schwer verletzt 
ind der Lenker und Besitzer des Automobils, Dr. Stein— 
danserslautern, unverletzt. 
W. Paris, 23. Okt. Im Arsenal von Toulon platzte 
eiin Petroleumreservoir, als man dessen Wider— 
tandsfähigkeit durch Einpumpen von Drucdluft prüfen wollte. 
zwei Arbeiter wurden durch Metallsplitter am Kopfe ge— 
goffen und lebensgefährlich verletzt.
	        
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