Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

wesend — noch lange beijammen und sorechen viel von der 
Bahn und der Zukunft des Landes. Alle sind davon über— 
zeugt, dak das alte Kulturland Kleinasien nach einer Verfalls⸗ 
periode von Hunderten von Dahren sich wieder in altem 
Glanze erheben müsfe, dah es durch die Bahn, die — wie 
sie sagen — immer mehr zum Rückgrat des Landes wird 
dahin gelange. Nicht natürlich durch den blohen Schienen⸗ 
strang, sondern durch die vielen Arbeiten und Leistungen, die 
Antreunbar mit der Bahn verbunden sind. Und alle forschten 
mich aus. der ich vor wenigen Wochen in Konstantinopel und 
vor wenigen Monaten in Teutschland gewesen war, ob denn 
nun die deutsche Politik auch wirklich ihren Weg, sich in Klein⸗ 
afien eine Interessensphäre zu verschaffen, mit Nachdruck ver⸗ 
folge. Alle — auch der Schweizer — warteten beinahe ängit⸗ 
iich auf die Antwort und waren erleichtert, als ich ihnen 
sagen konnte, die deutsche Regierung wie das deutsche Volk be⸗ 
kämen immer mehr Einsicht, was Kleinalien für uns bedeutet 
Tie Deutschen dort an der Bahn betrachten sich als Vorposten 
deutschen Einflusses und haben nur die eine Furcht, vom Reich 
im entscheidenden Augenblick im Stich gelassen zu werden. 
Ihr Gedankengang läuft in folgender Bahn: Wer hat sich 
in den Hunderten von Jahren seit der Türkenherrschaft um 
das Imiere Anatoliens gekümmert? Die Türken natürlich 
nicht, aber auch keine einzige europäische Macht. Frankreich 
jat an der Westküste Kapital ausgeschüttet, oder eigentlich nur 
in Smyrna und Umgegend, und Rußland hat ein wenig fur die 
Istliche Echwarzmeerküste getan, namentlich für Samsun und 
Trapezunt, England, das sonst doch überall in der Well 
auftritt, gart nichts. Erst“ mit dem Vorgehen Deutschlands 
ist das Land aus seinem Schlaf aufgeweckt worden, ein Schlaf 
der so tief war, dal indessen aus einem blühenden Kultur— 
land eine halbe Wüste geworden ist. Nur Mesopotamier 
bietet ein ähnliches Beispiel des Verfalls in der Geschichte. Aben 
die große Zeit Mesopotamiens liegt schliehlich sehr weit zurück 
während Kleinasien noch zur Zeit der Kreuzzüge ein gesegnete⸗s 
Land war. Und dann ist Kleinasien doch vor den Toren Euro— 
pas gelagert, während Mesopotamien gleichsam in einem 
Winkel verslect ist. Kleinasien war im Altertum und im 
frühen Mittelalter in allen seinen Teilen gut bekannt, heute 
aber — man möchte es nicht glauben, aber es ist Tatsache — 
gehört es auch rein geographisch zu den unbekanntesten Läm— 
dern der Erbe. Ganz in der Nähe von Konstantinopel, bei 
Brussa, gibt es Strecken, die geographisch noch völlig uner- 
forscht find. Tie Salzsteppe, die das ganze Zentrum des Lan 
des einnimmt, hat eine Menge Flüsse, deren Lauf noch nie 
mals festgelegt worden ist. Ueberschreitet man eine Berg— 
rette jenseits der Eisenbahnen oder Hcuptstraben, so ist man 
weiter von den Weltereignissen entfernt als auf einer ESüdsee⸗ 
insel. Deutschland, das Anatolien wieder an den großen Welt⸗ 
verkehr anschlietßt, das das Land wieder reich und fruchtbar zu 
machen sucht durch sein Kapital und die Arbeit seiner Menschen, 
darf in diesem Lande nicht mehr ins Hintertreffen geraten. 
muß seinen Platz behaupten gegen jeden, der es sltören will. 
So denken alle Deutschen Kleinasiens, vom ersten bis zum 
lehßten. Und diese Slimmung muß auch in Deutschland herrschend 
nerden. Erst wenn unser gesamtes Volk in diesem Punkte einig 
ist, wird unsere Regierung die innere Festigkeit gewinnen, un⸗ 
zerechtigte Ansprüche Tritter abzuwehren. 
An diesem Abend jn Belemedik wurden unsere Herzen 
varm, als wir uns Deutschlands Zulkunft in Kleinasien über— 
dachten. An diesem Abend aber spannte sich auch unser aller 
Wille, als wir uns der vielen Hindernisse erinnerten, die uns 
Deutschen noch erwachsen können. Wir denken ja nicht daran, 
den Türken Kleinasien wegzunehmen, noch weniger aber können 
wir dulden, daß eine andere Macht in dem Lande sich ein— 
nistet, das wir als unsere Interessensphäre betrachten müssen. 
Als wir uns an diesem Abend trennten, um unsere Schlaf—⸗ 
tammern aufzusuchen, stand der Mond groß und voll über 
dem Eingang zur Schlucht des IAchakiflusses. Dort hinein 
vollte ich am nächsten Morgen. — schon bei Sonnenaufgang. 
Deshalb schnell in die Kammer. um wenigstens ein paar 
Stunden Schlaf zu haben. In der Kammer verübten Mos⸗ 
kitͤs ihr häßliches Gesumme. Wo stehendes Woasser oder Sumpf 
ist — und das gibt es in der Nähe von Belemedik —. da 
sind hier die Stechmücken, und zwar bis in die höchsten Hõhen 
hinauf. Die kleine europäische Kolonie in Belemedik ist denn 
auch sehr vom Fieber heimgesucht. Es wird die nächste Auf⸗ 
gabe deutscher Arbeit sein, die malariaverseuchten Gegenden 
Kreinasiens zu sanieren. So lange das Fieber so wũũ tet 
wie heute, ist an eine Kolonisationsarbeit großen Umfanges 
nicht zu denken. Die türkische Regierung hat in der Sanierungs⸗ 
rage völlig versaat Deutschland, das gerade auf dem Go— 
5 .. — 
Ofstzierstöchter. 
Roman von BauwGrabein. 
(56. Fortsetzung.) MNachdruck verboten.) 
Heinz Kesßler trat ans Fenlter. Er schob den Vorhans 
beiseite und dffnete einen Flügel. Ein warmer Sonnentag 
Fast schon Frühlingsluft. Und tief atmete er den wũrzig⸗ 
frischen Hauch ein. Tas schlug von Halensee herüber, Wald⸗ 
kuft! Und er sah plötzlich die grünen Havelberge vor fich, 
den Sonnenglanz auf dem dunkelblauen Wasserspiegel. 
Mit einer lebhaflen Bewegung drebte er üch da um, ins 
Zimmer hinein, wo Gerda auf der Chaiselongue ruhte. Wie 
so oft jetzt. Sie fühlte sich immer so matt. Ihre ganze frũhere 
Frische war dahin. 
Wie wärs. Gerda, wenn wir einmal wieder hinausführen 
ins Freie? Wir sind eigentlich schon eine ganze Ewigkeit 
nicht mehr draußen gewesen.“ 
Die junge Frau schüttelte mude den Kopf. 
Fahr' du, Seinz, aber lah mich hier. Mir ist am 
wohrsten, wenn ich hier still liegen kann.“ 
Seine eben noch belebte Miene zeigte starke Enttäuschung. 
Langsam schlotz er wieder das Fenster. Tabei sagte er: 
Dann bist du gewiß auch für heute abend nicht aufge⸗ 
legt. Wir hatten uns das mal ganz nett gedacht, Frerichs 
und Hüttmanns“ — es waren alte Bekannte von ihm —, „mit 
unseren Frauen zusammen im Kaiserhof zur Nacht zu essen und 
nachber noch ein biüchen ins Kabarett zu gehen.“ 
„Nein, Heinz — sei mir nicht böfse, aber ich bin wirklich 
nicht imstande. Denk' an neulich — ich verderbe euch · allen 
bloh das Vergnügen.“ 
Er erwiderte nichts. Aber in seinem Geficht war genug 
zu lesen. Und sie konnte es ihm nicht verdenken. Fuhlte sie 
bdoch nur zu gut, wie ihm das fehlte. Er brauchte nun einmal 
solche Anregungen. Sie würde ihm zu Gefallen ja auch mit 
gegongen sein, aber fie konnte wirklich nicht. Sie kampfte 
it ler Kraft an gegen dieses Versagen ihrer Nerven, aber 
vergeblich. Tie körperliche Schlaffheit machte alle ihre Enetgie 
zuschanden. Aber fie wollte nicht, daß er so darunter litt 
und darum bat sie jetzt: 
SGeinz fkomm eimnal her. bifte“ 
iet der Hygiene so bedeutende Kräfte besizt, wurd sein 
üchtigsien Männer hierher schillen müssen. Der Erfolg wird 
ich einstellen. Man denke, was Koch aus der durch ihre 
Malaria verrufenen Insel Brioni an der istrischen Küste ge— 
macht hat, — einen Ort, so gesund, daß ein Luxusbad daraus 
zeworden ist. Die kleine Insel war für Koch das Probestück. 
Schon vor Sonnenaufgang klopft es an meine Tür. In 
urzer Zeit bin ich fertig und sehe schon einen Wagen für 
nich bereit stehen und einen zweiten für mein Gepäck. Die 
zstlichen Bergspitzen schwimmen in Gold, und nun fällt auch 
der mächtige glühende Schein in unser Tal. Aber nur wenige 
Minuten sehe ich den weitgebreiteten Glanz, denn schon iss 
nein Wagen in der engen Schlucht und über mir schlagen 
vie Felswände zusammen. 
Unten braust der Achakid, tief unter meinem Weg. Und 
soch, ganz hoch sehe ich ein schmales Stück Himmel, ein 
euchtendes Blau, das milde in diese urweltliche Wildnis hinein⸗ 
chaut. Ungeheuerlich ist alles, zu Dimensionen wächst es sich 
mus, die ich niemals erlebt habe. Ich habe viele Gebirgs— 
chluchten gesehen, in den Alpen und in den Apenninen, in 
storwegen und in den Pyrenäen, aber niemals sah ich etwas 
o Grausiges und Erhabenes zugleich. Jeder Fels wird zum 
yklopischen Gebilde, jeder Abhang zu einem Riesensturz für 
Figanten. Hundertmal scheint die Schlucht völlig geschlossen, 
ind dann findet die Straße doch wieder einen Ausweg. In 
den Lüften Adler und Geier, sonst kein lebendes Wesen 
tingsuim. Kein Laut, außer dem Tosen des Flusses in uner⸗ 
neßlicher Tiefe. Bald stehen die Felsen ganz nact, bald 
vieder drängt Urwald sich vor in die r Und so 
zeht es Stunden, und man glaubt, die Gewalt dieser kolossalen 
Zemente, diese riesenhafte Enge nicht mehr ertragen zu können. 
Utie Gewalt des Himmels und der Erden scheint in diesen 
Felsenkäfig eingefangen zu sein. Man stöhnt, ringt nach 
Alem in seinem kleinen Menschentum. 
Da hält der Wagen, und ich sehe ein tüchtiges Pferd 
zereit stehen, daneben ein Maultier. Der Weg ist zu Ende, 
ie Schlucht ist zu Ende, ein Tal öffnet sich wieder. Ich aber 
verde jetzt höher hinauf in die Berge reiten — nach Kuschluar, 
vo eine einsame Ingenieurstation sich befindet. Das Maul⸗ 
ier dient für mein Gepäck. 
Und ich lasse die Schlucht hinter mir, lasse unter mir 
iese Wildnis voller Bedrückung, voller Erhebung. Es gibt 
Träume, in denen man zwischen den Sternen herumirrt, in 
veiter Luft, aber von Feuerregen übergossen. Man steigt und 
ällt doch wieder, fühlt sich selig erhoben. doch im nächsten 
Augenblick unaufhaltsam stürzend. Ein solcher Traum scheint 
nir jetzt die Schlucht, die ich eben durchmessen habe, indes 
mein Pferd steil in die Höhe klettert. Um mich her ist nun 
lauter Vläue. Bald steht die Sonne im Mittag, dann bin 
ich wohl oben auf Kuschluar und schaue frei über Berge, 
Fels und Wald. Das Maultier ist zurückgeblieben; mag es 
später kommen! Ich treibe meinen Gaul. und es ist mir, 
als stiege ich in den Himmel. 
Deutsches Reich. 
Die Reichztagsersatzwahl in Samburg. Heute oll Ham⸗ 
hurg J einen Nachfolger für Bebel in den deutschen Reichsiag 
wählen. Wie die Parteiverhältnisse in Hamburg-Ost liegen, 
wird, mit, Bestimmtheit der sozialdemokratische Kandidgt Stolten. 
der langjährige Hamburger erste Führer, im ersten Wahlgauge 
iegen. Bebel, der von 18883 ab stets in diesem Wuahllreis 
ie Mehrheit hatte, bekam 1912 noch 206383 Stimmen, die 
ortschrittspartei erztelte 6331, die Nationalliberalen, 2929, 
Is Jentrum 274 und die Antisemiten 106 Stimmen. Slolten 
m vder den Samhburger Genossen schon immer gn Aglehen und 
influß gleich hinter Bebel. Nur körperliche Hinfälligkeit hat 
yn eine Zeitlang in der Annahme der Kandidatur schranken 
afsen. Dann aber hat, man ihn „gepreßt“. Sein ernst 
aflefter Gegentandidat ist der angesehene Führer des Ham— 
urger Linfsberalismus, Rechtsanwalt Dr. Veterfen, in den 
neht rechlsstehenden Kreisen der Samdurger Bürgerschaft, der 
ebenso wie Stolten als Fraktionsführer angehört, auch „der 
rote Pelersen“ genannt. Er steht politisch und persönlich dem 
Abgeordneten Naumann sehr nahe, der ihn auch rednerisch 
im Wahlkampf, unterstützt hat. Die Nationalliberalen haben 
rach einigem Zögern den Pastor, Rohde als Kandidaten gufge 
telit, die neugegründete Vartei der Rechtsstehenden Amts⸗ 
richter Koch. Die Zersplitterung der buͤrgerlichen Parteien 
st in diefem Falle ebensowenig wie kürzlich in Dresden ein 
Lehler, weil sie noch die beste Gewähr dafür bietet, daß mög— 
ichft vief bürgerliche Wähler von der Agitation berühtt und 
n die Urne gebracht werden. Am Endergebnis wird das freilich 
um eimas ündem. wenn auch die Wahlerzahl in den letzten 
Jahren infolge der Kityentwicklung von Hambura⸗Ost um 
000 zurüũckgegangen 1. 
Zur Frage der Konzessionmerung der Buchmacher. Zur 
bheoblicttigfen Konessinnieruma der Ruchmacher erfährt die 
Er kam, aber langsam nur, immer noch Schatten auf der 
Stirn. Sie nahm seine Hand, als er nun bei ihr stand. 
„Geh doch, jetzt und auch heute abend. Ich bitte dich 
ernstlich darum. Es bedrückt mich wie eine Schuld, daß ich 
—V eine 
Lait anhäãnge.“ 
Er machte eine halbe Bewegung. 
„Ja, ja — es ist so, Heinz. Ich weiß es wohl. Und 
varum lu mir den Gefallen, geh du wenigstens aus dem Haus 
Ich verdenke es dir ganz gewiß nicht.“ 
Ihr Zureden klärte seine Miene wieder auf. Er setzte —X 
zu ihr auf das Lager. 
„Wie gaut du bist!“ 
Und er strich jhr über die Wangen. Rückte ihr auch däe 
Kifsen zurecht, dah sie bequemer lag. 
Sie dankte ihm mit einem Lächeln. Aber in dielen 
ctällen Lächeln lag all das Weh, das nie mehr stumm wurd« 
in ihr. Und sie empfand auch die Tragik dieses Augenblcks 
DTa mühte er sich, zart und gut zu ihr uu sein; aber es 
var eben ein Mühen. Er fuhlte wohl, genau so wie sie 
selber, sie konnten einander nichts mehr vortäuschen, mit noch 
so viel bester Absicht — was da einmal aerstört war. es 
gzing nicht mehr zu heilen. 
„Was das nur sein mag, mit dir!“ Heinz sagte es nun. 
Aber mehr, um nur etwas zu sprechen. „Ich werde einmad 
zum Dobtor schicken.“ 
„Nein, keinen Arzt!“ bat sie. Wohl hatte sie selber 
schon manchmal gedacht, es waren da so allerlei Symptome — 
aͤber sie mochte nicht darüber reden. Und so fügte sie denn 
zu seiner Beruhigung hinzu: „Es wird schon von selber 
dieder werden. Lain es mur erst wieder Frühling. Sommen 
sein. Im Winter hab' ich manchmal, auch früher schon, solch⸗ 
Anwandlungen gehabt. Mir fehlt eben die Sonne.“ 
—,o D 
DZa, das mag vielleicht sein. Wir hatten ja aud 
inen geradezu abscheulichen Winter. Immer grau und trube.“ 
Gerda lächelte wieder ihr stilles Lächeln und nickte leise 
Und nun drückte fie seine Hand. 
„Alf) mitz du den ersten schönen Tag aus, Heind. Fahr 
in den Grunewald, rasch, eh die Some weggebtt“ 
Frankfurter Zeitung aus Berlin, daß das Reichsschatzamt an 
einem Vorschlage der Konzession der Buchmacher festhalte und 
zofft, in diesem Winter an den Reichstag mit einem entsprechen 
den Entwurf heranzutreten. Von einer Bestrafung der gewerbs 
nähigen Verbreitung französischer Rennresultate verspricht mar 
ich nichts. Eine Bestrafung der Wetter soll nach der geplanter 
Vorlage dann eintreten, wenn sie bei anderen als den konzeẽ 
sionierten Buchmachern Wetten eingehen. Die Herabsetzung der 
Totalisatorsteuer soll abhängig gemacht werden von der Buch 
machersteuer. 
Die braunschweigische Thronfrage. Der vom preußischen 
Staatsministerium beschlossene Antrag an den Bundesrat über 
die braunschweigische Thronfrage besagt, kurz zusammengefaßkt, 
folgendes: Nachdem Prinz Ernst August sowohl durch seinen 
Fahneneid als auch in seinem Schreiben an den Reichskanzler 
Farantien dafür geboten hat, daß er die vermeintlichen Rechte 
eines Vaters, des Herzogs von Cumberland auf Hannover zu 
teiner Zeit geltend machen werde, hält die preußische Regierung 
n Uebereinstimmung mit der braunschweigischen Landesregie 
rung eine über diese Kundgebung hinausgehende ausdrückliche 
Verzichtleistung des Prinzen auf Hannover nicht für geboten 
Statt ihrer hat der Prinz am Tage seiner Thronbesteigung in 
einer feierlichen Erklärung die Reichsverfafsung anzuerkennen, 
die in Artikel 6 die Zugehörigkeit Hannovers zu Preußen 
uusdrücklich festsetzt. Dieser Erklärung des zukünftigen Her— 
ogs hat eine Aufstellung der nach braunschweigischem Recht 
erforderlichen Reversalien (Verpflichtung auf die Verfassung und 
zie Gesetze des Landes) durch ihn vorauszugehen. Der 
»reußische Antrag wird voraussichtlich dem Justizausschuß über— 
piesen werden, bevor der Bundesrat dazu Stellung nimmt 
Vorher dürfte auch der Wortlaut des Antrages nicht veröffent 
licht werden. 
Der Deunsche Protestantentag wurde ern geschloisen. 
In der Sitzung sprach Pfarrer Lizentiat Radecde aus Köln 
Ueber Rom oder Wittenberg? Wer hat die Zukunft in 
deutschlandee Im Anschluß an den Vortrag wurde folgende 
Kesolution angenommen: „Angesichts der Größe der römi— 
schen Gefahr für äußere und innere Entwicklung Deutschlands 
md überzeugt von der Notwendigkeit eines starken und freien 
Protestantismus für, die Zukunft unseres Vaterlandes ver— 
ärteilsen wir, aufs schärfste die Katholisierungstendenzen in 
der evangelischen Kirche und warnen vor allen politischen 
Vündnifsen mit dem Ultramontanismus wegen der daraus 
inserer deutschen Kultur immer wieder drohenden Folgen, und 
DHredern alle liberalen Männer und Frauen in der deutjsch 
vdangelischen Landeskirche zur tatkräftigen Mitarbeit an der 
Verwirklichung eines romfreien Wittenbergs auf.“ 3In der 
Dis ussion bejeichnete es Vastor Auer-Charlottenburg als Not 
vendigkeit. konfessionelle Schulen zu exrichten. Bei inter— 
pnfessionellen Schulen bezahle gewöhnlich der Protestantisinu— 
die Kosten und die Katholiken hätten den Vorteil. Gra 
doinsbroich befürwortete eine Resolution, in der zum politischen 
ind wissenschaft ichen Kampfe gegen Rom und das Zentrum 
iufgefordert wird, Pfarrer König aus Bremen wandte fidh 
mit Entschiedenheit gegen den Vorschlag, konfessionelle Schulen 
zu errichten. Es sei notwendig, die Kinder in die gleichen 
Schulen zu schiden, sonst werde der religiöse Kampf niemal⸗ 
rufhören. Nachdem von mehreren Seiten die Resolution Hoins 
roich bekämpft worden war, wurde diese mit großer Mehr 
Jeit abgelehnt, die Resolution des Referenten indes einstimmig 
eeree — Darauf wurde der Nrotestantentag ge— 
chlossen. 
Denuisc̃⸗Rugische Gefellschhaft. Die Gründung der Deutsch 
Russuschen Gesellschafi wurde gestern abend von einem Kreihe 
angesehener Verfönlichkeiten in Berlin beschlossen. Ueder 200 
ßersonen der Gelehrtenwelt, der Industrie und., des Handels 
daren dem Rufe eine deutsche Gesellschaft zum Studium Rußtz 
ands zu gruünden, gefolgt. Geheimrat Vrof. Dr. Sering von 
der Berliner Universität leitete die Verhandlungen. Die Ge 
ellschaft bezweckt die Veröffenflichung von wissenschaftlichen Ar⸗ 
ieien. Berbreisung der wissenschafflichen Literatur und vor 
ilem wifsenschaftische Studienreisen nach Rußland; sie al 
ein Forschungsinstitut für Rußland, und russische Verhätnist 
ein. Inebesondere wurde der wissenschaftliche Charakter de 
Fefellschaft beiont. Es wurde mitgeteilt, daß der Samburgiich 
Senat in seinen Plänen für die neue Unipersität hereits ein 
profefsur für die Geschichte und die Kultur Rußlands mi 
inem besonderen wissenschaftlichen Seminar vorgesehen habe. 
die Geschaflastelle befindet sich vorläufig bei Prof. Vr. Hoetzich 
Berlin W., Benderstraße 18 
Aus den Schutzgebieten. 
Ein Erholungsheim für Kolonialoffiziere. Der Dresdues 
Rentner Anton Sachon dermachte aus Anlaß des 28iährigen 
Regierungs ubiläums des Kaisers dem Reichskoloniglamt testa— 
enta risch cin am Oybin gelegenes Grundstük mit der Be 
timmung. daß darauf, ein Erholungsheim für die Offiziere 
der Kolonialtruppen oder für, Personen, die sich in hervor— 
ragender Weise um die deutsche Kolonien verdient gemacht 
aben, exrichtet werden foll. Zur Unterhaltung der Gebeude 
genãgende Batmittel zur Berfügung gestellf worden. Das 
bi⸗ Sitiffuna mit Danf ongenommen. 
Da zog er die Uhr. 
„Allerdings, es lohnt sich noch — auch zu Pferd. Wo 
du doch nicht mit willst. Wenn ich mir den Gaul gleich 
bestelle — also, ich soll wirklich?“ 
„Ja, wirklich! Telephonier' nur sofort den Tattersall an.“ 
Gut, so reit' ich aus!“ 
Er kubte ihr dankbar die Hand und ging davon mit nus 
wieder belebter Haltung. 
Gerda blickte ihm nach. 
Reiten — wie gern hatte sie das früher auch getan! 
Nun war ihr selbst das gleichgültia geworden. Gab es 
überhaupt noch etwas, das ihr Freude machte? 
— 
ꝛk 
„Da, Klaus, kommt da nicht Kyllburg?“ 
Und Astrid machte ihren Mann auf einen Offizier aufmerb 
sam, der in den Nebensaal eingetreten war. Sie befanden 
sich in der Traube“, wo hie heute einmal nach allerlei 
Besorgungen in der Stadt ihr Mittaasmahl einnahmen. 
Klaus Petersen blidte hinüber. 
z Ja, du scheinst recht zu haben.“ 
„So hol' ihn doch her! Do können wir ihn ja galeis 
mal fragen.“ 
Ihr Gatte ging und kam in der Tat mit Kyllburg wieder 
Aber es war etwas Befangenes in seinem Welen und er 
sagte bereits bei der Begrüßung: 
„Sie müssen mich aber gleich wieder entschuldigen, meine 
mãdige Frau. Ich sagte es eben schon Ihrem Herrn Hemahl 
sch wollte mich eigentlich nur nach einem Bekannten umsehen. 
nit dem ich hier sonst pi essen pflege. Aber heut' muß 
ich gleich wieder fort.“ 
Na, einen Moment werden Sie doch wenigslens für uns 
haben. nachdem Sie schon neulich so ausgerissen sind. Warter 
Sie nur!“ 
Und Mtrid drohte ihm schetzend. 
Kyllburg lächelte etwas gezwungen. 
Ja, ich bedarf freilich Ihrer Nachsicht, meine gnädige Frau 
Doch ich hoffe auf einen Generalpardon.“ 
Klaus Petersen hatte dem Gasrt inzwischen ein Glas Wein 
eingeschenkt und trank ihm nun zu. Auch Astrid nippte an ihrem 
Römer. dann aber mandte sie fich wieder an Knliburo
	        
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