Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

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J. 
Ausgabe 4. 
Salon Nöhring. 
Wenn eine Kunstausstellung Bilder von Max Lieber⸗ 
nann bringt, dann lohnen diese Kunstwerke allein schon den 
Weg in die Ausstellung. Liebermann schlägt noch immer die 
Neueren, die neben ihm auftreten, denn was diese allenfalls 
in Jugendfrische besitzen, das fehlt ihm noch nicht, dazi aber 
hesitzt er ein abgeklärtes Können und eine ungemein vornehme 
Naturanschauung. Man broucht heutzutage niemandem mehr 
useinanderzusehen, wer Max Liebermann ist und was er für 
die deutsche Kunst der Gegenwart bedeutet, dah er aber auch in 
den kleinsten Bildern etwas Vollwertiges zu geben weiß. be⸗ 
weisen die beiden Gemälde von ihm, die jetzt neben einer Anzahl 
don Werken anderer Mitglieder der Berliner Sezession im Kunfst⸗ 
alon Nöhring zu sehen sind. Es ist bekannt, von welchem aus— 
chlaggebenden Einfluß auf keine ganze künstlerische Entwicklung 
ein Besuch in Holland war, deshalb sind die beiden genannten, 
Bilder, die uns in holländische Törfer führen, auch besonders 
nteresiant und zeigen die Art des Künstlers vielleicht charalte⸗ 
istischer, als manches andere Werk seiner Hand. Die beiden 
Bilder wirken wie Edelsteine in der ganzen Ausstellung und es 
zarf als ein hohes Lob gelten, wenn man von Ulrich Hübner 
agen kann, daß er Liebermann sehr nahe kommt. Von ihm 
ind drei Gemälde ausgestellt, von denen dosjenige, das ein Motiv 
rus Lübecdk festhält, als das feinste gelten kann. In seiner Be— 
obachtung des blitzenden Sonnenlichts ist auch die „Rostocker 
Reiferbahn“ ein bemerkenswert glüdliches Momentbild, während 
die „Hafenszene“ deshalb weniger wirkt, weil man gerade von 
Ulrich Hübner ganz hervorragende Hafenbilder kennt, die ihn 
in die erste Reihe der Marinemaler unserer Zeit stellen, Bilder 
mit denen das jetzt ausgestellte nicht gleichen Schritt hält. 
Seinen wohlverdienten Ruf rechtfertigt auch Konrad von 
Kardorff mit seinem „Blick auf die Bildergalerie in Sans⸗ 
souci“ und seinem , Landwehrkanal“. Sein Stilleben ist eine 
gute Leistung, es bietet aber nicht mehr, als man von einem 
üchtigen Künstler von der Richtung Kardorffs erwarten darf,. 
es überrascht nicht, und gerade das möchte man wünschen, wenn 
unter einem: Stilleben der Name Kardorff zu lesen ist. 
Daun Leistikow einer der bedeutendsten Berliner Land— 
schafter war, weiß jedermann, man wundert sich daher nicht. 
dak er auch ebenso gute Gebirgslandschaften malen kdonnte, wie 
nancher andere, aber man wehrt sich doch ein wenig, die jetzt 
jier ausgestellten Bilder für vollgültige Leistilows zu nehmen, 
denn das, was diesem Meister sein Gepräge verlieh, und was 
hn aus der Menge heraushob, vermißt man hier trotz aller 
Vorzüge, die die Bilder im übrigen aufweisen. Ta kommt 
»ie Handschrift Lovis Corinths in seinem „Mohren— 
ürsten“ viel sicherer zurr Geltung. da ist alles mit energischem 
Pinsel hingeschrieben, saftig in der Farbe und kraftstrotzend, wie 
nan es von ihm gewohnt ist, und auch der „Bussard“ ist so 
risch und derb gemalt, wie man es von Corinth immer erwartet. 
Auf Wegen, wie sie Nolde mit einigen Vertretern der 
aAleichen Farbenanschauung wandelt, begegnet uns Waldemar 
Rösler, aber wir haben von ihm schon Besseres gesehen, 
— und daß er immer die gleiche Palette hat und mit den 
nieichen Mitteln die verschiedensten Stimmungen herausbringen 
vill, wird doch als ein Mangel empfunden, der den Beschauer 
chließlich verhindert, sih in das hineinzusehen, was der 
Maler eigentlich ausdrücken will. Weniger absichtlich und als 
zeichner weniger geschult, mutet Rudolf Großmann an. Er 
jat ein feines Farbengefühl, eine gewisse Naivetät, und geht 
nit Grazie über das hinweg. was ihm versagt ist. Aber er 
errät ein ausgesprochenes Talent und man kommt ihm mit 
nitschaffender Phantasie nicht ungern entgegen. Ein solches 
Entgegenkommen ist auch das wichtigste Erfordernis, wenn 
nan die Bilder von Walter Bondy und Leo Klein ge— 
tießen will. Die Blumenstücke von Robert Breyer und 
ßeorge Mosson, bieten jedoch nichts, was nicht von anderen 
benso und in seiner Art viel besser zur Erscheinung gebracht 
vorden wäre. 
Aus der Welt der Frau.1 
Getreue Dienstboten. 
Es qab einmal eine Zeit. so erzählt melancholisch ein Mit— 
arbeiter des Secolo XIX., da alle Dienstboten oder doch die 
neisten von ihnen im Durchschnitt fleihig, ehrlich und anhänglich 
varen. Tamals empfand die Magd den Gedanken, irgendeinen 
vegenstand aus dem Besitze ihrer Herrschaft sich anzueignen, wie 
ine Schmach und einen Widersinn, die Dienstboten identifizierten 
sch in ihren Gefühlen mit ihrer Herrschaft, fühlten sich zur 
Familie gehörig und schreckten in Augenblicken der Gefahr 
ogar nicht davor zurück, diefe Treue durch schwere persönliche 
Ipfer, ja durch den Tod au besiegeln. In der Schredenszeit 
»er französischen Revolution. in dieser Blütezeit rachgieriger 
Denunziationen, waren die Angebereien von Dienstboten eine 
Zeltenheit; und doch wäre es allen rachsüchtigen Gemütern 
ein leichtes gewesen, ihre Herrschaften ins Unglüc zu stürzen. 
Mancher Dienstbote stieg damals als Opfer seiner Irdue aufs 
Schafott, und in den Jahren 1793 und 1794 allein wurden 
nicht weniger als 8000 Tienstmädchen und Diener quillotiniert, 
weil sie „bei Aristokraten gedient“ hatten. Auch fruüher schon 
var opferbereite Anhänglichkeirt nichts Ungewöhnliches; als Choi⸗ 
eul in Ungnade fiel und seinen Haushofmeister Lesueur ent— 
'assen mußte, antwortete Lesueur nur schlicht: „Herr Herzog, 
gewin werden Sie auch künftig noch einen Küchenjungen brauchen: 
geben Sie mir dabei den Vorzug.“ Und ein anderer Diener bot 
der Herzogin seine gefsamten Ersparnisse: „Ich habe sie in, 
30jährigem Täenste bei Ihnen zusammengespart, nehmen Sie das 
ßeld: es gehört Ihnen.“ Gewihn gab es auch dantals Aus⸗ 
iahmen. aber fie bestätigen mir die Regel und lassen einen 
rotzdem melancholisch seufzen: „Ach jia. die schönen alten 
Zeiten!“.. KXC. 
* zye 
ine neue Kunft? Die „Vucqil der Farben“. 
Man hat schon öfter von Verwandischaft und Beruhrungs- 
Amtten zwischen Licht und Klang gesprochen. Wie der Londoner 
J. V.Mitarbeiter des Täol. Korresp. mitteilt, ist der Lehrer 
ver Schönen Künste am, Queens College“ in Kondon. Professor 
B* — B— X VA 4* 
Mittwoch, den 15. Oktober 1913. 
Abend⸗Blatt Ur. 523. 
Mit dreißig Gemälden führt sich der Munchener Fritz 
Scherer bei uns ein. Sein Stil ist nicht großzügig ge— 
mug, um für das Fehlen jeder Intimität zu entschädigen, die 
zarbe nicht fein genug, um den oft rüchsichtslosen Vortrag 
jenießbar zu machen. Aber vielleicht findet er noch die 
zichtung, die ihn an ein Ziel führt, denn er will etwas 
ind hat gute Anlagen für das Dekorative. Kann man sich 
rit seinen Werken noch nicht befreunden, so geht es mit 
en dreizehn Bildern von M. Moritz-Lübben nicht mehr. 
as ist Malerei von vorgestern, stellenweise freundlich und 
erkäuflich, aber mit eigentlicher Kunst hat das nichts zu 
un, was die Malerin zu bieten in der Lage ist. 
Doppelt leidet sie unter der Nachbarschaft, in die sie der 
zufall diesmal geführt hat. Aber es ist sehr gut. daß ihre 
zilder da sind, denn es werden doch manche, die sich sonst 
egen alles Neue ablehnend verhalten, erlemen, um wie 
gel höherstehend die künstlerische Inspiration ist und um wie 
ieles besser die Mittel sind, mit denen viele der verlästerten 
eutigen Künstler ihre Wirkung erstreben, als jene gedankenarme 
ind tantenhafte Malerei, die sich lange genug breit machte 
ind jetzt hoffentlich glücllich überwunden ist. Wem solche 
Tunst jedoch noch immer gefällt, der verdient nichts Besseres. 
— 
in Abständen auf der Landitraße. Ferner wurde festgestellt, datz 
die Täter ein Fenster anbohrten und so in das Innere des Hauses 
Jelangten. An demselben Abend sind auf der Landstraße in der 
dähe von Süderstapel auch der Landmann Peter Otzen aus 
Zeeth und der Gastwirt Reimers aus Koldenbüttel von Wege— 
agerern angefallen und bedroht worden. Dem Landmann Otzen 
abmen sie die Uhr und 40 Miin Gold. Vermutlich sind dies 
die Täter. 
Lauenburna. 
Schwarzenbek, 15. Okt. Ein gröhheres Feuer ent· 
and in der Nacht zum Sonntag im Wirtschaftsgebäude des 
zufners J. Steffen in Große Pampau. Tas Gebäude X 
zhlig eingeäschert. Tie Bewohner konnten mir das nackte Leben 
etten. Tas Mobiliar sowie das Inventar und alle Erntevor— 
ate wurden ein Raub der Flammen. Die im angebauten Vieh— 
tall stehenden Kühe konnten mit knapper Not gerettet werden, da⸗ 
zegen verbrannten vier Arbeitspferde. 
S Natzeburg, 15. Okt. Lehrermangel. Der 
dehrer Krüger ist piötzlich nach Wokuhl berufen. Sein Nach⸗ 
olger ist Hilfslehrer Brugmann, Carlow. Auch diese Stelle 
vird wegen Lehrermangel während des kommenden Winters 
icht wieder besetzt werden. Die 3 Klassen müssen oon der 
orhandenen beiden Lehrkräften verwaltet werden. — Selost⸗ 
nord. Der Lehrer und Küster a. D. Kammerhoff, der an 
er hiesigen St. Petrikirche lange das Amt eines Küsters ven⸗ 
valtet bat, machte Duͤenzag inent „Lben durch Erschießen 
in Ende. Was den alten über 80jährigen Mann zu einer 
olchen Tat getrieben hat, ist völlig unverständlich, da er Nab 
ungssorgen nicht kannte, sondern außer seiner hohen Pension 
in großes Vermögen besaß, dessen Zinsen er bei seiner spar— 
amen Lebensweise lange nicht verbrauchen konnte. Seine Ven— 
ionswirtin fand den entseelten Körper Dienstag mitteg ?o 
m Bett in sitzender Stellung. K. hatte sich mit einem Nevoloer 
n den Mund geschossen und war der Tod wohl aleich ein— 
getreten. 
2Mölln, 15. Okt. Stadtkollegien. Nach de⸗ 
xrinsührung des neuerwählten Stadtverordneten Groth wurde 
— De Erwaotterung des Rohrnetzes 
es Wasserwerkes und für die Bahnunterführung und Ableitune 
der Abwässer in den See des Kanalisationswerkes den 
Mmannesmannwerken zu übertragen. — Auf Antrag des Rektors 
der Mittelschule wurde den Lehrern für jede Vertretungsstunde 
2 Mebewilligt. — Die Bezirkshebamme Siemers wurde gqui 
hren Antrag zum 1. April 1914 aus ihrem Dienst entlassen 
und derselben eine Pension von 180 Miäzugebilligt. — De— 
beiden militärischen Vereinen. welche gemeinsam am 18. d. M 
eine Gedenkfeier an den Tag der Völkerschlacht bei Leipzig be 
gehen wollen, wurde eine Beihilfe von 300 Mägewährt. 
Großherzoatũmer Mecklenbura. 
88 Grevesmühlen, 14. Ott. Der Bezirkstas 
ves Verbandes mittlerer Reichs-Post⸗- und 
delegraphenbeamten, der hier am Sonntag eim Deut— 
chen Hause stattfand, war von etwa 60 Mitgliedern aus dem 
anzen Lande besucht, auch Lübecker Gäste waren anweseird. 
sach einem Spaziergang nach dem Hamberger Berg und einem 
— DD 
ungen, die vom Vorsitzenden des Bezirksvereins, Oberkele— 
raphensekretär Giese, Schwerin, geleitet wurden. Oberpost 
sistent Grewe, Rostock erstattete Bericht über den Verbeandstart 
nb Berlin. Der Verband zählt über 40 000 Mitgslieder (aud 
er Bezirk hat an Mitgliedern zugenommen) und hat größere 
ßeldmittel zur Belkämpfung von Tuberkulose und Nervenkranuf⸗ 
Jeiten bereitgestellt. Aus dem durch die sogenannte Neuiahrs- 
iblösung gebilderen Fonds werden bedürftige Witwen unter— 
tützt. Auch der Reichstagsabgeordnete des 1. meckl. Wohl zreifes. 
Seminaroberlehrer Sipkovpich hielt eine längere Amprache. 
Aus den Nachbargebieten. 
Hansestädte. 
Hamburg, 15. Okt. Die Feier des 18. Oktober 
un Hamburg. Der Senat hat angeordnet, dan aus Anlaß 
er Jahrhundertfeier am Sonntag. 19. Okt., die Hauptgottes— 
ienste in allen Kirchen des Staatsgebiets zu Festgottesdiensten 
usgestaltet werden. In den Predigten soll der Völkerschlacht 
ei Leipzig und ihrer Bedeutung für das deutsche Volk mit 
Dank und Fürbitte gedacht werden. 
Bremen, 15. Olt. Durch ei nen Sturz aus dem 
Fenster fand der 1252. Jahre alte Sohn eines Anwohners 
jer Nordstrabe seinen Tod. Die Mutter hatte den Kleinen mit 
iner ein Jahr älteren Schwester an den Küchentisch gefetzt. Um 
Feuerung einzukaufen, begab sie sich in ein Gemüsegeschäft. Wäh— 
rend sie noch im Laden stand, wurde fie ron einer Mitbewoh— 
rerin darauf aufmerksam gemacht, dan der Kleine soeben aus 
zem Küchenfenster in den Hof gefallen sei. Es ist anzunehmen, 
al die ältere Schwester, die noch auf einem Stuhl stehend 
etroffen wurde, den Riegel des Fensters hochachoben und das 
Fenster geöffnet hat. 
Schleswig⸗Hosstein. — 
Gelting, 15. Ott. Eine kaum glaubliche Be— 
ebenheit, die aber verbürgt ist, lasfen sich die Flens— 
uͤrger Nachrichten von hier berichten: Eine Frau hatte schwarze 
ohannisbeeren auf Branntwein gesetzt und, nachdem dieser ab⸗ 
ezogen war, die Beeren auf den Tüngerhaufen geworfen. Bald 
iachen sich die Gänse darüber her, und wie die Frau die Tiere 
ucht. liegen sie alle mansetot da. Groß war der Schrecken — 
nan kiell sie dfür roraiftet. Toch fhade wegen der schönen 
rfedern, deshalb mußte das Mädchen sie rupfen. Dann 
zurden die Gänse, weil nicht genießbbar, auf den Kehrichthaufen 
ebracht. Amn anderen Morgen beim Erwachen hört die Frau 
iftiges Geschnatter unter dem Fenster. Sie traut ihren Augen 
icht. denn alle sechs Gänse laufen splitternackt lustig auf dem 
tasen. 
Friedrichstadt, 15. Okt. Zu dem Raubmord an 
em Landmann Hans Wehden werden noch solgende Einzel— 
eiten belannt: Die Sektion der Leiche durch den Kreisarzt 
ind einen anderen Arzt hat zwei Wunden ergeben, woran der 
rmordete verschieden ist. Tas hies. Gericht hat eine Bekannt— 
rzachung erlassen, in der die Anfrage enthalten ist, wer in hie'. 
zegend eine Mehrtadepistole kleinen Kalibers, die Stahlmantel— 
schosse führt, besitzt. Man glaubt die Täter am Morgen der 
at zwischen Seeth und Norderstavel. und zwar in der Nälshe 
on Seklink und Krelau, gesehen zu haben. Anscheinend it aber 
uch noch eine dritc —74 282—y. Die Jäter gingen 
Kimington, nun noch einen Schritt weitergegangen; er will die 
‚„Musik der Farben“ erfunden haben, soll heipen, die Möglich— 
eit, mittels verschieden gefärbten Lichtes Sinfonien und Sonaten 
u komponieren. Er hat zu diesem Zweck auch ein besonderes 
sarmonium, wenn man es so nennen darf, erfunden; dieses 
zerbeninstrument ist ein groher Schrank. der eine große Anzahl 
on hlleinen Türen aufweist; hinter jeder Türe ist eine andersge— 
Ibte Lichtquelle geschlosen. Vor den Schrank setzt sich nun der 
Spieler“; eine Tastatur dient ihm dazu, die verschiedenen Türen 
ch öffnen und die Lichtquellen in Tätigkeit treten zu lassen; den 
schranktüren gegenüber auf der anderen Wand des Zimmers oder 
zaales befindet sich ein weiber Schirm, ähnlich der Leinwand 
n den Kinotheatern; auf diese weiße Fläche, die vor Beginn 
es Konzertes — „Farbenkonzertes“ natürlich! —, verdunkelt ist. 
»erden von dem Spieler, je nach Anschlag der verschiedenen 
lasten die einzelnen Farben geworfen;: diese Farbensinfonien 
»Alen im Beschauer ähnliche Gefühlswirkungen herrorrufen, wie 
ie Klänge eines Orchesters. Es ist jedenfalls das erstemal, 
aĩn im Ernste der Versuch gemacht wird, in der Kunst die 
jarben an sich in körperloser Form zu verwenden. Professor 
stimington selbst soll bereits einige sehr achtbare Farbensonaten 
ind -Sinfonien komponiert haben. Man darf auf die Weiterent— 
vicklunag dieser neuen Kunst gespannt sein. tk. 
Von alten und neuen venezianischen Svitzen. 
Venedig, die Geburtsstadt der Spitze, hat den Ruhm, 
esonders schöne Muster dieser leichten Gewebe hervorzubringen, 
en sie nach dem Niedergang der Republik verloren hatte, 
ch in neuester Zeit wieder erobert, und im alten Glanze steht 
ie venezianische Spitze heute wieder in der Reihe der jüngeren 
zckwestern von Brüssel. Valenciennes usw. Wie gerade 
zenedig dazu kam, zuerst diese spinnenzarten Gebilde hervorzu— 
aubern, darüber macht sS. Perl-Mora in einem Aufsatz der 
Dame“ interessante Mitteilungen. Vorher gab es solche 
zewebe nur in der Natur, und die meerbefahrenden, welt— 
robernden Venezianer waren es, die in weiter Ferne die Vor⸗ 
ilder für diese feine Handarbeit der Menschen auffanden. Sie 
itdeckten ienen Baum, den man seitdem als „Spitzenrinde⸗ 
— ——— 
Daphne“ bezeichnet hat und der in seiner feinen inneren 
Kinde eine verschlungene, vielgliedrige Zeichnung aufweist, die 
den menschlichen Geist zur Nachahmung verlockte. Aus dieser 
ßZaumrinde wurden Kragen ausgeschnitten, die vornehme Herren 
um Schmuck anlegten, und nach der feinädrigen Zeichnung des 
otanischen Vorbildes wurden dann prunkvolle Spitzenkanten 
tusgenäht. Aber auch noch andere Anregungen für die Spitzen— 
unst brachten die Venezianer von ihren Entdeckungsreisen mit 
eim; die vielgestaltigen Krustazeen, die das Meer bevöllerten, 
iie wunderlichen Formen von Seesternen und Seepflanzen 
egten ihre Phantasie an, und so findet man in den Dessins der 
chten alten Venezianer-Spitzen die Aehnlichkeit mit verschie— 
denen, dem Meer entstammenden Naturformen leicht heraus. 
zunächst ward die neue Kunst mit Nadel und Faden von Nonnen 
nd Patriziertöchtern zu Ehren Gottes geübt; bald aber 
elangte das Klöppelpolster zur Herrschaft, und an die Stelle 
er Kloster- und Hausindustrie trat ein mächtiger Handelszweig, 
ür den die Frauen aus dem Volke arbeiteten. Diese Spitzen⸗ 
ndustrie, die den Ruhm Venedigs bis ins 18. Jahrhundert 
berall hintrug, ist dann aus dem Todesschlaf, in den sie zu 
ende des 18. Jahrhunderts verfallen war. von der Königin 
Nargherita wiedererwedt worden. Unter dem Protektorat der 
derrscherin erstanden Klöppelschulen in Burano, wo sich damals 
iur noch einige uralte Mütterchen der einst so blühenden 
S„pißenkunst erinnerten und sie der Jugend wieder lehren 
onnten. Heute zählt man bereits wieder 10000 Spitzen⸗ 
löpplerinnen und Spitzennäherinnen auf jenen Inseln, die 
instmals der Hauptsitz der Spitzenindustrie gewesen, in Bu—⸗ 
ano, Palestrina, Torcello u. a. Mit Einsatz eines großen 
tapitals und mit Hilfe einer umsichtig durchgeführten Organisa— 
ion blühte der alte Handelszweig wieder auf und gewährte 
eichen Lohn, obgleich oder vielleicht gerade weil Maschinen bei 
»er Anfertigung der Spitzen nicht verwendet wurden. Die 
S„pitzenin dustrie in und um Venedig produziert gegenwärtig 
ziel mehr Spitzen, als in der höchsten Blütezeit der Ver— 
4zangenheit; ja der Handel geht ins Riesenhafte, und in ihren 
ühnsten Träumen hätten die alten Venezianer es nicht für 
nöglich gehalten, solche Unmassen von Spitzen zu erzeugen und, 
pas noch mehr ist, sie spielend abzuseken. X. C.
	        
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