Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

bon ũberzeugt, daß die Pforte in den nächtten Tagen ven 
Krieg an Griechenland erklären wird. Die mazedonische Be—⸗ 
zölkerung an der — asiatischen Küste befindet sich in großer 
Panik und befördert bereits ihre Habseligkeiten ins Innere, 
da man an einen Angriff der griechischen Flotte glaubt, die 
die Küste bombardieren könnte. 
Griech ifch⸗ tůt kischer Zusammenstoß. 
PC. Saloniki, 14. Okt. Zwischen griechischen und küurkischen 
Truppen kam es bei TZantin zu einem blutigen Zusammenstoß. 
Die griechischen Truppen drängten die türkischen Abteilungen 
urück und besessten Koiunköj. 
Deutsches Reih. 
Der Kaiser in Trier. Der Kaiser machte gestern noch einen 
kurzen Besuch im Offizierskasino des 7. Inf.Regts. 
Rir. 88, das sich im alten Kurfürstlichen Palais befindet. Der 
Kaiser bewunderte dort die grofße Prachttreppe. die vielen 
iten Gemälde und die Studkdecken. Unter allgemeinem Jubel 
erschien der Kaiser nach dem Frühstück auf dem Balkon des 
Regierungsgebäudes. Er ging dann zu Fuh nach dem Diom 
und besichtigte diesen unter der Führung des Bischofs Korum. 
Der Kaiser sprach seine volle Anerkennung über die großzügige 
Instandsetzung des ehrwürdigen Gebäudes aus. Vom Dom 
betrat der Kaiser in Begleitung des Bischofs den Kreuzgang 
und von dort die mit ihm zusammenhängende Liebfrauen 
rirche, in der der Stadtdechant Pfarrer Schmitz die Führung 
übernahm. Dieses älteste gotische Bauwerk auf deutschem Bo⸗ 
den, von einzigartiger Schönheit, wurde von dem Kaiser eben- 
alls eingehend besichtigt. Schlieblich fuhr der Kaiser im 
Automobil nach dem Amphitheater. Hier vollführten 
Gymnasiasten und Jugendvereine Freiübungen. Für den Kaisfer 
var an Stelle der alten Kaiserloge eine Tribüune errichtet wor⸗ 
den. Gegen 4 Uhr verlien der Kaiser das Amphitheater und 
uhr nochmals durch die Stadt, wiederum allenthalben bejubelt. 
Unterwegs stieg der Kaiser nochmals beim Regierungspräfidium 
ib und nahm den Tee bei der Gattin des Präsidenten, Frau 
Dr. Baltz. Er sprach lich wiederholt überaus befriedigt über 
seinen Aufenthalt in Trier aus. Tie Fahrt ging zuletzt an den 
ieuen Kasernengebäuden vorüber nach Lieser, wo der Kaiser im 
Schlek des Landwirtschaftsministers p. Schorlemer-Lieser 
Wohnung nahm. Heute vormittag 9 Uhr 15 Min. fuhr der 
aiser nach Taun und Gerolstein. 
Schaffahrtsabgaben und Sandelsverträge. Der Verband 
ächsischer Industrieller nimmt zu dem Bestreben der Reichs⸗ 
egierung, auf dem Umwege über die neuen Handelsverträge die 
Schiffahrtsabgaben auf der Elbe einzuführen, Stellung. 
Er weist in seinem amtlichen Organ darauf hin, wenn Oester⸗ 
reich seinen Widerstand gegen Schiffahrtsabgaben auf der Elbe 
rufgebe, so werde ihm Deutschland zollpolitische Zugeständnisse 
yon weitestgehender Bedeutung auch für unsere Industrie machen 
nüssen. Die Imdustrie könne mit einer allgemeinen Erhöhung 
»er österreichischen Industriezölle rechnen. Was das gerade 
ür Sachsen bedeute, liege auf der Hand. Eine abermalige 
krhöhung der österreichischen Industriezölle würde eine weitere 
bwanderung deutscher Industrie zur Folge haben. 
Dentscher Protestantentag. Das 580,ährige Bestehen der 
»eutschen Protestantenvereine und zugleich der heute in Berlin 
tattfindende Deutsche Protestantentag wurden gestern abend mit 
einem Festgottesdienst in der am Gendarmenmarkt belegenen 
Neuen Kirche in Berlin eingeleitet. Nach einem Chor- und Ge⸗ 
neindegesang hielt Pfarrer Dr. Kirmß die Festpredigt. Es 
olgte die Festrede des Hauptpastors Dr. Stage (Hamburag). 
Der Redner warfj einen geschichtlichen Rüdblick auf das 50jäh— 
ige Bestehen des deutschen Protestantenvereins und betrachtete 
s als eine dringende Notwendigkeit, an Stelle der in Verfall 
zegriffenen Pastorenkirche eine Volkskirche zu errichten. 
Den Bemühungen des deutschen Protestantenvereins sei die 
Schaffung einer Kirchenverfassung zu danken, wonach die kirch— 
ichen Angelegenbeiten von den Gemeinden verwaltet werden. 
Der deutsche Protestantenverein habe noch immer große Kämpfe 
u bestehen. Er habe sich aber trotz aller Anfeindung zu be— 
Jaupten gewußt. Er werde den Kampf für religiöse Duldung 
ortsezen und nach wie vor bemüht sein, Glauben und Wissen⸗ 
chaft zu vereinen. Die Feier schloß mit Gebet und Segen. 
Die Wahl des Prässdiums im sächsischen Landtage. Die 
Mitglieder der konservativen Fraktion der sächsischen Zweiten 
¶ ⏑ 
„Filiale?“ lachte Astrid. „Fentrale wollen Sie sagen. 
Denn der Schwerpunkt unserer Vetriebsamkeit liegt hier! In 
Ellerstedt, da bin ich nur noch, um mich auszuschlafen — 
neue Kräfte zu sammeln für Berlin. Ach, mein göttliches, 
liebes Berlin! Was nicht bloß alles hier wieder neu ent⸗ 
tanden ist in den paar Monaten. wo man nicht hier war. Ein 
leuer Eispalast, ein Luxusbad, eine Riesenkonzerthalle, wo 
echs verschiedene Orchester auf einmal spielen — und gar nicht 
erst zu reden von all den neuen Kabaretts und Bummellokalen. 
Wie man nur da überall durchkommen soll? Ach, es ist zu 
vundervoll! — Aber nun kommen Sie.“ Sie nahm ihm den 
Zelm ab, den er noch immer hielt, und wies um sich. Sehen 
ZSie hier — unser Wohnzimmer! Alles einfach, aber mollig, 
riicht? Namentlich unsere Klubsessel. Da rältelt sich's wunder⸗ 
voll drinnen. Wenn Sie sehr nett fsind, dürfen Sie nachher 
auch mal drin sitzen. Und hier ist das Eßgimmer.“ 
(Fortsetzung folof. 
Theater, Kunft und Wissenschaft. 
Lübeck 15. Okt. 
Stadttheater. 
„Der Wildschütz“. 
Oper von Albert Lortzing. 
Dem kritischen Opernbesucher. der, wenigstens hier, gewohnt 
ist, die liebenswürdigste und beste aller Lortzingschen Opern 
m ihren Schwierigkeiten weit unterschätzt und in bezug auf 
Proben nicht der Beachtung gewürdigt zu sehen, die ihr 
zgebührt. wurde eine recht angenehme Ueberraschung zuteil. 
Das bezieht sich besonders auf den verknöcherten deh⸗- und 
wehmütigen Schulmeister Baculus Carl Schusters, der in 
cht künstlerischer Weise die reizende Figur nicht überzeichnete, 
'ondern lediglich mit den von Lortzing gegebenen Farben malte. 
Es war ein wahres Vergnügen, dem begabten, fein empfinden⸗ 
xen Künstler zuzusehen, der in Maske und Mimik ganz unauf- 
dringlich und dadurch um so eindrucksvoller wirkte. Stimm⸗ 
ich war es nicht besonders mit dem Künstler bestellt; das 
Irgan klang rauh und hart, vielleicht war eine Indisposition 
Schuld daran. Die zweite Ueberraschung brachte die Gräfin 
Hertrud Meißners, die durchaus richtig erfaßt und 
vornehm gehalten war. Auch hier ward nirgends übertrieben, 
ondern die vorgeschriebene Ueberspanntheit war von gutem 
timmlichen Vermögen getragen. Die beiden liebenswürdigen 
ebemãhner Graf v. Eberbach Hans Siegle) und Baron 
ztändekammer hielten in Dresden eine Sitzung ab und faßten 
instimmig einen Beschluß hinsichtlich der Besetzung des Direk⸗ 
oriums in der Zweiten Kammer, sindem sie ihre Bereitwillig 
eit erklären, bei der Bildung des Direktoriums dahin mitzu— 
virken, daß unter allen Umständen die Wahleines Sozial— 
emokraten in das Direktorium ausgeschlossen sein 
nuß. Unter dieser Voraussetzung wollen die Konservativen für 
»ie kommende Tagung auf den Posten des ersten Prähfias 
enten verzichten, beanspruchen aber für sich den Posten 
zes ersten Vizepräsidenten und eines amtierenden 
Schriftführers.“ 
⸗ 
Ausland. 
Vesterreich⸗ Ungarn. — 
Die Seeresperstärkung. Einer amtlichen, Mitteilung zufolge 
ourde die Erhöhung des Rekrutenkontingents auf 
1300 Mann festgestellt. Davon entfallen auf das Landheer 
6 000, auf die Kriegsmarine 1500, auf die oIsterreichische 
andwehr 7800 und auf die ungarische Landwehr 6000 Mann. 
iese Erbohungen sind, wie es in der Mitteilung heißt, be— 
ingt durch die dringend notwendige Erhöhung der Friedens— 
räsenzstärle Ker in Den Grenzbereichen dislozier— 
en Infanteriekompagnien, deren gegenwärtige 
Ztärke vollkommen unzureichend ist, wie die Ereignisse der 
aͤngsten Zeit bewiesen haben. Die gusnahmsweise erfolgte Ein— 
erufung in den letzten Monaten hat sich für den Staat so⸗ 
»ohl in wrirtschaftlicher als auch in finanzieller Beziehung 
rüchend erwiesen. Sie soll daher in Zukunft womöglich ver— 
niedem werden. Ein weiteres Rekrutenerfordernis ist bedingt 
urch die Sanierung der Stände der übrigen Waffengattungen 
ud durch die Vermehrung der Feldartillexie, die heute 
ereits eine Lebensbedingung für, die Armee ist. Denn das 
)eutsche Reich verfügt uüber, 70 bis 80, Frankreich über 72 
ind Rußland über 64 Geschütze für die Infanterie-Division, 
Die Entwidelung der Wehrkraft in den Nachbarstaaten hat 
geahnte Fortschritte gemacht, während in der eigenen Armee 
elbst nach Turchführung der, Maßnahmen zu ihrem Ausbau 
rst jene Friedensstände erreicht sein werden, die in den aus⸗ 
pärtigen Staaten inzwischen schon eine neuerliche Erhöhung 
rfahren haben. In Berücksichtigung der finanziellen Lei— 
rungsfähigkeit mühte die Durchführung des neuen Programms 
uf mehrere Jahre verteilt werden. Die Erhöhung des Kon⸗ 
ingents ist mit, einer jährlichen Steigerung für einen Zeit⸗ 
aum von drei bis fünf Jahren in Aussicht genommen. Die 
Nilitärverwaltung ging hierbei bis an die äußerste Grenze 
»esjenigen, was bei den gegenwärtigen außenpolitischen Ver— 
jältnissen im Interesse der Sicherheit der Monarchie noch 
erantwortet werden konnte. 
Zu großen Krawallen ist es in Wien gestern abend gan⸗ 
äßlich der Stichwahlen im zweiten Bezirk gekommen. Der 
dandidat der sozialdemokratischen Partei, Eldersch, oar gegen 
en christlich soziglen Kandidaten Dr. Mataig aufgestellt. Der 
ristlich⸗soziale Bewerber wurde mit einer Maiorität von 500 
timmen gewählt. Nach Verkündung des Wahlresultats dam es 
itens der sozialistischen Arbeiterschaft zu tumultarischen Szenen. 
zor dem Zirfus-Busch-Gebäude hatte sich eine Menschenmenge 
ugesammelt, die wohl 152520000 Köpfe stark war. Auf An—⸗ 
iiflen einiger soziardemokratischer Führer wurde beschlossen. 
inen großen Demonstrationszug durch die Leopoldsstadt, den 
Zezirk, in dem die Wahl stattgefunden hatte, zu veranstalten. 
Ils sich der Zug eben in Bewegung setzen wollte, kam aus einem 
dokal ein Mann heraus, der von den Führern der Menge als 
gristlich-sozialer Agitator erkannt wurde. Es wurde sogleich die 
Bersolgung des Agitators vorgenommen. Der Mann versuchte, 
uf einem vorüberjahrenden Strazenbahnwagen zu entkommen. 
Die Menge ließ den Wagen anhaslten und demolierte ihn voll— 
tändig. Die Trümmer des der Volfswut zum Opfer gesallenen 
Bagens lagen weit zerstreut auf den, Straßen. Inzwifschen 
dar Polizel alarmiert worden. Berittene Schutzmannschaft 
siing zur Attacke über., Die Demonstranten, die Zzuerst nach 
llen Seiten auseinanderstoben, sammelten sich aber bald wieder. 
?s lam zu wiederholten, Malen zu Zusammenstößzen zwischen 
der Schußmannschaft und den Demonstranten. Eine große 
RNeihe von, Verhaftungen wurde vorgenommen. Froß ist die 
Zahl der Verwundeten. — Erst gegen 9 Uhr abends trat wieder 
kuhe ein. Das Rathaus sowie die Redaktionen der christ lich 
ozialen Bläfter werden von starken Polizeipatrouillen bewacht. 
Wieder eine politische Skandalaffäre in Ungarn. Eine große 
rolitische Skandalaffäre beschäftigt gegenwärtig das öffentriche 
eben Budapests. Die Allgemeine Verkehrs-Aktien-Grfell— 
chafi fordert von der Regierung 122 Millionen Kronen nebst 
zewaltigen Spesen. Die Bank zahlte dem früheren Ministec⸗ 
zräsidenten Lukacs den obigen Betrag für Wahlzwede unter 
der Bedingung der Erteilung einer Konzession für die Syielbank 
nuf der Margareleninsel in Budapest. Lukacs genehmigte die 
Statuten, er, verzögerte jedoch die Herausgabe mit Rüchicht auf 
die Lufacs-Desy-Affäre. Auch versicherte er der Bank, die 
Tonzefsion werde auch durch ieden eventuellen Kabinettsnach- 
olger respeltiert werden. Als Graf Tisza Kabinettschef wurde. 
rklärte, der Stgatssekretär Jeszenszky. die neue Regierung 
halte die Abmachung von Lukacs für sich bindend. Trotzdem 
ↄ0 Graf Tisza die Konzession zurud, da er erfuhr, daß die 
pposition über die Machingtionen Kenntnis habe. Er offe— 
rierte der Nerlebrsbant die Rückgabe der 112 Millionen. Die 
— — —WB äääääüäü—— — —————— 
Kronthal (Willy Kollwitz) waren recht hübsch angelegt. 
zerr Siegle, ein hübscher lyrischer, gut geschulter Bariton, 
heint auch darstellerische Anlagen zu besitzen, die allerdings 
och sehr der weiteren Ausbildung bedürfen. Die 
Polongise“ im dritten Akt, auch stimmlich nicht 
anz korrekt, muß weit eleganter gesungen werden 
Billye Kollwitßz, sehr gut disponiert. fehlte nicht 
er leichte melancholische Zug, der dem „Stallmeister“ eigen 
ein muß. Diese Partie liegt so recht im stimmlichen Gebiet 
es Sängers. Auch Marie Lambach GBaronin Freimann) 
attäuschte uns angenehm; natürlich immer nur, indem wir den 
Nahßstab für eine Llnfängerin anlegen. Bei ihr hatte die 
degie sich einer groken Mühewaltung unterzogen, die auf 
ruchtbaren Boden gefallen war. Die Stimme, die besonders 
och der Ausbildung in der Mittellage bedarf, hat eine helle, 
ympathische Höhe aufzuweisen; das Spiel war recht munter, 
och traten die „Dame“ und das Versteckenspiel in dieser 
hweren Partie nicht genug hervor. Auch Frl. Lore Botz 
ind sich ganz annehmbar mit ihrer Nanette ab. Ein aller—⸗ 
ebstes jugendfrisches, heiteres und wieder liebenswürdig schmol⸗ 
mdes Gretchen verkörperte Valeska Martini, die auch 
m Aeußberen und stimmlich viel Liebreiz entwickelte. Herrn 
7dgar Paulpy sei lobend nachgesagt, daß er den Vankra—⸗ 
us rucht übertrieb, sondern ihn in steifleinenen vöfischen 
zrenzen hielt. Die Chöre beteiligten sich in lebhafter, musika⸗ 
ssch sicherer Weise. Wenn auch nur wenig Proben gewesen sein 
iögen, was man an manhherlei Kleinigkeiten bemerkte, so 
ielt der Dirigent, Herr Dr. Hartzem, das Ganze doch 
nit sicherer Hand zusammen und wuhte hübsche musikalische 
zffekte zu erzielen. Das reizende Schlußquartett „Unschuldig 
ind wir alle“ muß aber noch viel zarter und nedischer zur 
lusführung gelangen. Herrn Oberregisseur Beyers kundige 
zand bewährte sich in ehr geschmadvoller Inszenierung und 
zerbreitung lustigen Lebens auf der Buühne. Hoffentlich tragen 
„iese Ausführungen zu recht vielen Wiederholungen dieser 
eizenden Doer beil— M. Stiehl. 
v0. Saint⸗Saens bher feinen Berliner Aufenthalt. Der 
zariser Temos veröffentlicht jeßzt ein Interview jeines Ber—⸗ 
ner Korrespondenten mit, dem französischen Komponisten Samt- 
asns. Saint⸗Sgens äußerte sich über die Haltung des Ber⸗ 
ner Publikums sowohl als auch über die Zerprteserde Auf⸗ 
ihrung, der Oper Samson und Dalila“, in der Kal. Orer. 
Proben der Komponist beiwohnte, in überaus lobender 
eise. 
Bank fordert jedoch auch Ersatz für Unkosten an Bauten und 
Erdarbeiten auf der Margareteninsel. Die Oppositioasoresse 
rützt diesen Standal energisch gegen die Regierungspactei aus, 
der die Existenzberechtigung auf solcher Basis abgesprochen, wird. 
Staatssekretär Jeszenszky muß bereits sein Amt verlassen. 
Rußland. 
DOK. Die Sachiengãnger. Man schreibt uns aus Petersburg: 
Nach Mitreilungen von unterrichteter Seite veabsichtigt die 
ussische Regierung, mit der deutschen Reichsregierung über die 
dage der rufssischen Sachsengänger in Unterhandlungen zu treten. 
Aus den verschiedenen Pressemeldungen ist nicht zu eriehen, 
velche Beschwerden auf, russischer Seite in bezug auf die Ver—⸗ 
vendung der Arbeiter in Deutschland eigentlich hestehen. Die 
ationalistische Presse spricht bereits von der Absicht einer 
ßrenzsperre, um die deutsche Landwirtschaft zu ruinieren. Man 
ibersieht dabei jedoch, daß die russischen Arbeiter vetanntlich 
eicht zuliebe der deutschen Landwirtschaft üher die Grenze 
ehen. sondern um den Erwerb zu suchen, den lie inder 
eimat nicht, finden. Im übrigen gibt es auch außer Ruß- 
ind noch andere Länder im Osten, die als Arbeiterdepots für 
pie deutsche Landwirtschaft in Fräge kommen. Da erst ‚irz⸗ 
lich die Regierung eine Erleichterung in den Paßförmlichkeiten 
für die Sachsengänger eingeführt hat, läßt sich nicht annehmen, 
dahß die in Aussicht genommenen Verhandlungen durch irgend— 
velche Beschwerden peranlaßt sind. 
China 
.„OL. Chinas Verteidigungsstellung in der Mandschurei. Die 
dorrespondenz des fernen Ostens veröffentlicht Beschlüsse des 
hinefischen Oberbefehlshabers der Mandschurei, die er in Ge— 
geinfchaft mit den Divisionskommandeuren in einem in 
Mugden abgehaltenen Kriegsrat aufgestellt hat, um die Ver— 
eidigung der, Mandschurei sicherzustellen. Die Anotdnungen 
echnen mit Gegnern von 4 Fronten her, die Japaner auf 
er Südfront, Korea auf der Ostfront, die Russen von Rorden 
ind die Mongoolen im Westen. Die tüchtigsten Divisions- 
ommandeure haben den Oberbefehl über die 4 Fronten ühece— 
wommen, General Wang gegen die Japaner, General Ma 
segen Korea, Generau Du gegen die Russen und General 
fong gegen die Mongoten. In der Mitte des Verteidigungs— 
ierecks ühernimmt, Generai Tschang den Ohberbefehl. Das 
zauptquartier des Oberbefehlshabers ist nach Mugden verugt. 
ach Berichten von, dort sollen 5 Dipisionen, zu ie 10000 
Hann unter dem Kommando des Oberbefehlshabers ver— 
imigt werden. Die Berteidigungsmahnghmen zum Schuatze 
er Monaolei haben die Zustimmung der Regierung in Peking 
r** * 
CTagesbericht. 
Lübeck, 15. Oktober. 
Die Gestaltung des Holstentorplatzes. 
Zum Wettbewerb um das Kaiser⸗-Wilhelm-Vollshaus. 
Lübeck 14. Ott. 
Dae am 8. Oktober getroffene Entscheidung des Preisge— 
ichts im Wettbewerb um das Kaiser⸗Wilhelm-Volkshaus, be— 
onders die Richtlinien für die Gestaltung des Platzes und die 
inige Tage vorher der Oeffentlichkeit bekannt gewordenen Pläne 
es Bauamtes stehen sich in mancher Beziehung so schroff 
egenüber, daf sich wohl ein näheres Eingehen auf die Ab— 
ichten der genannten Körperschaften lohnt. Zu ihnen fomm⸗ 
noch das Projekt des Preisträgers, Reg.“Rat Blunck. 
Folgen wir also dem Lauf der bedeutendsten Verkehrs— 
infallstraße unserer alten Hansestadt, der am Lindenplatz seinen 
nfang nimmt, so plant Blunck hier gleich am Beginn der 
JZuppenbrücke eine kräftiage Betonung des Einfalltores durch 
wei niedrige Bauten, die zu jeder Seite der Strahe in Ver⸗ 
indung mit den zum Stadtgraben hinunterführenden Treppen 
lehen sollen. Er beabfichtigt mit diesen Torbauten zu gleicher 
zeit den etwas verschwommenen Eindruck der Puppenbrücke zu 
räftigen, ohne aber Iu bedenken, dan der ganze Blid auf den 
ztadtaraben. die Wallanlagen und die geplanten Neubauten 
ruf dem Gelände des alten Babnhofes bedeutend gehindert, 
venn nicht ganz zerrissen würde. Dem geschilderten Eindruck 
»er Brücke könnte durch eine mehr Richtung betonende Aufstel⸗ 
ung der Puppen und Vasen abgeholfen werden in Anlehnung 
in die monumentalen Sphinxalleen der altägyptischen Temwel. 
durch Baumreihen fortgesetzt, führte der Weg dann zu dem 
kinfallster, das Mühlenpfordt in seinem Projelkt plant, vorbei 
im einem zur Linken herrlich am Stadtgraben gelegenen Hotel⸗ 
au. Er legt seinem Verwaltungsgebäude, das den alten 
zabnhofsbau umschließend verwertet. Arkaden vor, die zu⸗ 
leich praktisch als Unterstand bei Regenwetter und als Warte⸗ 
zatz für die Strahenbahn dienen. Ihnen entsprechend liegt 
Jegenüber eine kleine Polizeiwache, in gleicher Weise von 
chützenden Gewölbereihen umgeben. So vermitteln diese kleinen 
Bauten auch den Uebergang zu dem aus vpraktischen Gründen 
hochragenden Verwaltungsgebäude wie auch zu dem dreigeschossi⸗ 
gen Saalbau des Bluncksschen Entwurfes mit dem mächtigen 
Kupferdach. 
DTer Weg führt nun auf den eigentlichen Platz. Blund 
rlãutert trefflich wie die Hauptachse in Richtung der Ver— 
kehrsstraße liegt und liegen bleiben muß. Aus diesem Grunde 
ieht er von einem symmetrisch gebauten Volkshaus ab. das 
mit dem ihm mitten vorgelagerten Kaiserdenkmal und dem auch 
ymmetrisch angelegten Flügelbau des Verwaltungsgebäudes nur 
zine zweite Hauptachse schaffen würde. ein Fehler, der vor 
ilen Vingen die Behrensschen Entwürfe scheitern läht und den 
ruch das Mühlenpfordtsche Projekt zeigt. Blunck vermeidet 
diese zmeite Hauptachse und begleitet gewissermaßen mit seinem 
Vollshause die Strahe. Dadurch gelangt er zu einem außer⸗ 
)dentiich günstigen Denkmalsplatz, dessen richtige Lage auch 
das Preisgericht voll und ganz würdigt. Selbst wenn Behrens 
das Voskshaus an sich als Denkmal betrachtet, darf er es doch 
ticht, wie in seinen Entwürfen, als das den ganzen Platz 
heherrschende Gebãude hinstellen, sondern die Bauten haben sich 
der Raumwirkung des Platzes unterzuordnen. ebenso wie das 
Kaiserdenkmal sich architektonisch dem Volkshause unterzuordnen 
at. Wenn aber ein Bau seit Jahrhunderten als glänzendes 
Baudenkmal vergangener Zeit steht, wie das Holstentor, so 
st diesem natürlich der Vorrang zu geben. Tor und Platz sind 
eichwertige Elemente. die bei der Raumgestaltung die erste 
Stelle einnehmen. 
Das Holstentor selbst hat im Laufe der letzten Jahrzehnte 
einen eigentlichen Zwed ganz dem wachsenden Verkehr opfern 
nühssen. Der von der Stadt kommende Verkehrsstrom teilte 
ich bis vor wenigen Jahren hinter dem Tor und floß teils 
um alten Bahnhof, teils zur Puppenbrücke. Durch die Ver—⸗ 
egung des Bahnhofes ist der eine Arm des Verkehrsstromes 
„Allkommen versiegt. man besann sich also wieder auf den 
zweck des Tores, versuchte den alten Zustand wieder herzu— 
lellen, wie Mühlenpfordt zeigt, dadurch, daß man die Nord 
eite des Platzes durch niedrige, bis an das Tor geführte 
zZauten schloß. Wird nach dem Vorschlag des Preisgerichts 
ann das Holstentor abgetragen und auf dem heutigen 
Straßenniveau wieder aufgebaut, so ist sein Inneres in Ver⸗ 
indung mit dem nördlichen Gebäudezug nutzbar zu machen. 
Mit anderen Worten: Dem toten Denkmal vergangener Zeit, 
an sich ein Verkehrshindernis, dessen Beseitigung Pietät und 
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