Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

* — 
— 
qusgabe 
38⸗ 
2* 
an j90 
Vor der Völkerschlacht. 
Die Hauptarmee der Verbündeten war im Gegensatz zur 
Schlesischen und Nordarmee seit dem zweiten Gefecht bei 
Kulm nahezu völlig untätig geblieben. Am 27. Sept. endlich 
wurde der schon lang geplante Abmarsch auf Leipzig ange⸗ 
treten. So waren jetzt zwei grobe feindliche Heeresmassen von 
zwei Seiten her im Vordringen begriffen, in der Absicht ihre 
Streitkräfte zu vereinigen und dann die stark geschwächte Armee 
des Franzosenkaisers mit überlegener Kraft zu schlagen. Wollte 
Napoleon diesen Plan vereiteln, so mußte er eine der beiden 
Armeen niederringen, bevor sie sich mit der anderen vereinigen 
konnte. Es war selbstverständlich, daß er sich zuerst gegen die 
Schlesische und Nordarmee wandte, die nur mehr drei Märsche 
don Leipzig entfernt waren, während die Hauptarmee noch 
lef im Erzgebirge stedte. In der Morgenfrühe des 7. Okt. 
brach er selbst mit 180 000 Mann über Meißen nach Duben 
auf, wo nach einer Meldung Neys Blücher und Bernadotte 
Stellung genommen hatten. Später verlautete sogar, dak 
nur Blücher bei Düben, der schwedische Kronprinz aber bei 
Dessau stehe. Um so sicherer schien Napoleon der Sieg. Am 
)J. ließ er seine Truppen in Düben einrücken — um furchtbar 
enttäuscht zu werden: vom Feind war außer wenigen Russen 
nichts mehr zu sehen. Auf die Kunde von dem Anmarsch des 
Franzosenkaisers war Blücher rechtzeitig abgezogen, überschritt 
am 11. Okt. abends bei Halle die Saale und bat den Zaren 
Alexander, nachdem die Verbindung mit der Hauptarmee woll 
gesichert sei, um weitere Befehle. Bernadottes Armee stand 
um diese Zeit bei Alsleben. 
Merkwürdigerweise konnte Napoleon von diesen Bewe— 
gungen seiner Gegner keine klare Meldung erhalten. Seine 
Ungeduld wuchs von Stunde zu Stunde. Schon war er geneigt. 
seine Armee wieder zurückzuziehen, da kam die Nachricht von 
dem energischen Anmarsch der verbündeten Hauptarmee auf 
Leipzig. Sofort erhielten sämtliche Korps Befehl sich dorthin 
zusammenzuziehen. Die gewaltige Erschöpfung der Truppen und 
der schlimme Zustand der Straßen verhinderten das gewünschte 
rasche Vorwärtskommen; erst am Abend des 15. trafen sie am 
Ziele ein. Am gleichen Tage begann Blücher entsprechend 
ziner Weisung des Hauptquartiers den Vormarsch gegen Leip 
zig. Der ängstliche Bernadotte aber ließ sich durch ein falsches 
Gerücht über“ das Erscheinen starker frau ölischer Abteilungen 
zum Halten bei Wettin perleiten und kounte, so bei den ent— 
cheidenden Taten der naͤchsten Tage nicht mitwirken. 
Am 12. Okt. traf im Hauptquartier in Altenburg die 
Botschaft ein, daß Bayern mit einer Streitmacht von 50000 
Mann sich den Verbündeten angeschlossen habe, daß auch die 
Schlesische und Nordarmee sich in nächster Nähe befänden. 
Und doch bedurfte es der ganzen Ueberredungsgabe des rus— 
sischen Generalstabschefs Toll, um die österreichischen Führer, 
voran den vorsichtigen Schwarzenberg, zu einem machtvollen 
Vorgehen auf Leipzig zu bewegen. Am 13. Okt. erhielt 
dann Wittgenstein Befehl, die Stellung des Gegners durch einen 
Vorstoß zu erkunden Das führte tags darauf zu dem 
Pariser Mode. 
Eigenbericht der Lübeciischen Anzeigen.) 
Paris, 10. Okt. 
Alle Jahre warten wir um diese Zeit herum mit großer 
Ungeduld auf die neuen Modelle. Als man uns s. Zt. mit 
dem Hosenrock beglückte, trugen wir unser Geschick mit der uns 
eigenen Fassung, warum sollten wir diesmal den kom— 
menden Paniers nicht mit derselben Ruhe unter die Reifen 
ichauen? Denn sie kommen, ja, in Lampenschirmform sind sie 
sogar schon da! Und was das Beste ist, sie sind graziös und 
vassen sich dem Fourreaurock an. Es ist eben ein Panier, 
„arpt nouveau“. Dank der Feinheit und Weichheit der Gewebe 
verbreitern die Falten und das Gekräusel um die Tailleurs 
herum keineswegs die Hüften, und dort, wo der reifenartige 
Lampenschirm anfängt, vermischt er sich sofort mit den von 
unten ihm liebenswürdig entgegenstrebenden Drapierungen. 
Die großen Pariser Schneider führen die Moden heutzutage 
von der Bühne herab ein und durch die Bühne finden sie auch 
ehre Verbreitung. Sie legen Geist und Poesie in unsere Kleider 
und Mäntel, sie machen aus der Schneiderei mehr als eine 
Kunst, sie treiben Psychologie mit ihr, seitdem auf der Bühne 
die Kleidung mit dem Seelenzustande der Künstlerinnen, die 
das Stüd darstellen, in Einklang stehen. So und nicht anders 
mühte jede Frau die Mode verstehen, sie zu der ihrigen 
machen und ihr ganz besondere, persönliche Reize entlocken. 
Es gibt nichts Moderneres als das Alte: die Reaktion 
ist der Fortschritt. Die Reminiszenzen der Mode sind di⸗ Er⸗ 
oberungen der Kokbetterie. 
af Man pinden de Aene der Paniers in den „Vertuga— 
dins“ und den „Trousses“. die unter Franz I., Heinrich II. 
und Heinrich 1II. dazu bestimmt dee i eianihi 
dicken, um die Feinheit der Taille zu größerer Wirkung zu 
bringen. Die falschen Hüften findet man auch noch unter 
Karl X., die Krinoline im zweiten Kaiserreich. Aber die 
Gloden⸗, Kuppel⸗ und Dompaniers erreichten die Hzhe ihres 
Ruhmes im, 18. Jahrhundert. 
Unter Ludwig XIII. wurde der Vertugadin ganz flach, 
und die Falten der Robe fielen platt herab Jum ersten Mae 
eit Jahrhunderten zeigte sich die Büste wieder frei bhne ben 
Kleide eingeengt und verunstaltet zu werden. Madame de 
Montespan, die ihre Taille — und mit Grundt u ve 
bergen wünschte, brachte die Paniers wieder in die Mode 
Diese Paniers setzten sich aus Roh und Fischbeinstreifen 
usammen, die von oben bis unten mit Bändern gehalten 
wurden. Später geschah dieses Festhalten durch Leinwand und 
tarken Taft, wodurch eine Art von Krinolinen-Unterrock ge⸗ 
ichaffen wurde. Man truqg fast gar keine Unterröcke und 
d — 
— 3 S —248 ẽ —— — 
—— 4 — S 8 * 
9 44 66 ——— 
—* —— — —3—538 1F383838— 
—BEOR.B 3 ———— 
* 
9 5 
41 
—52 
2 
Montag, den 13. Oktober 1913. 
Abend⸗Blatt Nr. 519. 
— — 
in gewissenVerträgen, wie Mietsverträgen und Dienstverträgen 
die Befiimmung qufgenommen werde! Etwaige daraus sich 
ergebende Stireitigkeiten sind. wenn nicht endgültig. so doch 
ie dor vdie Rechtsauskunft⸗ oder Rechtsschutzstelle zu 
ringen.“ 
Se Kucducd (Dortmun d) sprach ühber „Mietrecht 
unde Gefenderecqhin, Beide weisen große Mtiißstände auf, 
desonders das Mietrecht. Das Buͤrgeruche Gesetzbuch über⸗ 
laͤßn du viel. der freien Vereinbarung und bringt zu wenig 
foAllules Recht. Bei der freien Vereinbarung muß aber der 
e seis bervorteilt. werden, da er gegenuber dem Grund⸗ 
sitder der sawachere, Teil ist. Schon die Bestimmung über 
die Raumungstlage ist in den meisten Mietverträgen viel 
rigoroser als im Bürgerlichen Gesehouch und hat viel böses 
sut gemacht. — Bei dem Gesinderecht wäre wünschenswert, 
Feeine Vorschrift geschaffen würde, wonach schriftliche Ver⸗ 
ae abageschlossen werden müssen. Er braucht nur kurz zu 
eine geeeühten in ihm beide Parteien auf ihre. Rechte 
ind Pfüchten hingewiesen werden. Auch die Streitigkeiten 
us dein Hliet⸗ und Gesinderecht würden gm besten vor dem 
Wiet eriht der Auskunftstelsen verhandelt werden. — Dr. 
Fiauß Gerfin) hält 8für wefentlich, daß eine eichs 
desetzůcze Regelung. des Schiedsverfahrens vor den Rechts⸗ 
auskunftstellen erfolgt, aber es ist dringend wünschenswert, 
bdaß man den Bedürfnissen der einzelnen Gemeinden Rechnung 
rägt. Es wäre wohl nwötig, daß der Verband zu dieser Frage 
Aellung nimmt. — Frl. Dr. S.hulz (Frankfurt g, My: 
zs erscheint mir nicht wuünschens wert. das Miet-⸗ und Gesinde— 
cecht gerade, dem Schiedsgericht der Rechtsauskunftst ellen zu 
üͤberweisen, besonders nicht das Gesinderecht. Da ist leider 
n sovieien Fällen die Polizei die erste und letzte Instanz. 
Und welchen Wert unsere Abgeordneten im Abgeordnetenhaus 
duf das Gesinderecht legen, ist daraus . ersehen, daß über 
den Antrage unseres Franksurter Abgeor neten über das Ge— 
inderecht enfach zur Tagesordnung übergegangen wurde. 
Der Auntrag der Redtsschutzstelle für Frauen wurde sodann 
dem Vorfland zur Berüdsichtiaung überwiesen 
hitzigen Reitergefecht von Lieb ertwolkwis, das den ut 
cheidumgskampf von Leipzig einleitete und den Franzosen, ig 
oͤnders ihrer Kavallerie, gewaltige Verluste brachte. Für ie 
aee idelen ergab sch der Schlub, daß Napoleon um Leipzis 
tandhalten wolle, und daraus die Notwendigkeit, ihn sobald 
AUs möglich anzugreifen. Sofort wurde in einem Kriegsrat 
zeschlossen, am 16. Okt. die Entscheidungsschlacht zu liefern; 
neinem gleichzeitigen Angriff von Süden und Westen her 
sollte gegen Leipzig vorgegangen werden. 
Napoleons Lage war übrigens gar nicht so schlimm. Die 
Stadt selbst mit den Ueberresten der alten Befestigungen 
und den mauerumsäumten Vorstädten war zur Verteidigung 
wohl geeignet; und das mit zahlreichen Hindernissen ausge⸗ 
tattete Vorgelände mußte ein Vordringen äußerst schwierig 
gestalten. Trotz einer gegentelligen Meldung war der Franzosen 
iaiser fest überzeugt, daß Blücher nicht von Norden her allein 
angreifen, sondern sich mit der Hauptarmee vereinigen werde. 
Demgemék galt seine Nettttatn einzio und allein dieser. 
2 2 — 2 
Ddie gewme?von tzige Rechtsauskunst. 
8H. Nürnberg, 1. Okt. 
In den fortgesetzten Beratungen der 4. Hauptversammlung 
des Verbandes der deutschhen gemeinnuͤßigen und unparteiischen 
Lechtsquskunftstellen referierte Dr. Heinz Marer G amburg) 
iber das Thema: Die Bedeutung, de,t gemein, 
ühigen KRehtsauskunftfüer den Rechtsfrieden“ 
die eminente Bedeutung, der gemeinnützigen Rechtsauskunst sür 
je Pflege des Rechtsfriedens erblickt et darin, daß sie in 
iner Unabhänigigkeit, sowohl von der offiziellen Justiz wie 
uch von parteiischen Bindungen des Volkslebens, dem Be— 
ürfnis einer volkstümlichen Rechtsfriedenspflege tief entsprechen. 
zn der rechtzeitigen Entwaffnung offensichtlich unbilliger und 
russichtsloser Ansprüche liegt ihr wichtigstes, friedenstärkendes 
hinttel. Tie schlihtende Tatigkeit kommt erst in zweiter Linie, 
e richtende erst in letzter Linie. Die Entwidlungsmöglich- 
eiten vorbeugender Rechtsberatung hängen davon ab, daß 
die gemeinnüßige Rechtsauskunft ein volksanwaltliches In— 
titut bleibht; ihre Einordnung in die Justiz ist daher abe 
ehnen. Die gemeinnützige Rechtsauskunft leistet eine be— 
eutende Kraft am Wiederaufbau volkstümlicher Schlichtungs 
inrichtungen, Diese Aufgabe kann sie nur erfüllen, wenn 
ije ihren jeßigen Standpuntt gaußerhalb der Spannung zwischen 
Justiz und Volk bewahrt. (Lebhafter Beifall.) 
Der Korreferent, Gewerberichter Dr. Lieb (München) 
legte, ausgehend von der Prozeßsucht — die Zahl der Pro— 
zesse bewegt sich in einer sehr bedenklich aufsteigenden Kuve — 
und von der Prozeßnot unserer Zeit — die 3. P. O. ist nicht 
mnehr zeitgemäß und namentlich für den Bagatellprozeß durch 
us unzureicheid — die Wichtigkeit der Prozeßprophylaxe dar. 
ie Rechtsauskunftstellen sind besonders zu einer, solchen be— 
ufen; ihr einfaches. kostenloses und von jedem formalistischen 
zeiwerk freies Verfahren, ihre neutrale Stellung über den 
garteien, das Vertrauen, das ihnen zumeist von allen Kreisen 
er Bevölkerung entgegengebracht wird. begünstigen ihrte Ver— 
nittlungstätigkeit in hohem, Maße. Schon, jetzt werden von 
„en, Rechtsauslunftstellen vermeidbare Prozesse in großer Zahl 
gerhindert. Die Bestellung der, Leiter von Rechtsauskunft 
tellen zu Schiedsmännern, wie sie in Baden bereiis seit 19080 
erfolgi. weist den Weg, die Zahl der Bagatellprozesse herab⸗ 
umindern und den Rechtsfrieden wirksam zu fördern. Anzu— 
treben ist eine reichsrechtliche Regelung des Schiedsmann— 
instituts mit obligatorischem Sühneversuch für Prozesse his zur 
Wertgrenze hbis zu 100 Muvor Ansirengung der Klage. Bringt 
nman diese Neuregelung der Schiedsmanninstitute in Aeganischen 
Zusammenhang mit der gemeinnützigen, Rechtsauslunft, so ver— 
heißt dies für die Pflege des Rechtsfriedens den hesten Er— 
iolg. Geifall.) —J 
Zu diesem Thema lag folgender Antrag des Rechtsschutz- 
erbandes für Frauen vorz .Der Verband der, deutschen 
gemeinnützigen und unparteiischen Rechtsauskunftstellen wolle 
mit dem RPechtsschußverband für Frauen dahin arbeiten. da 
aus den Nachbargebeten. 
Hansestãdte. 
W. Hamburg, 13. Okt. Fürst und Fürstin von 
Bülow sind Sonnabend abend über Lübeck zu längerem 
Aufenthalt im Hotel Atlantic eingetroffen. 
Großtherzogtümer Mecklenbzrg. 
Rostock, 13. Okt. Zur Verfassungsfrage. Wie 
der Rostocker Anzeiger aus dem Lager der Verfassungsfreunde 
erfährt, sind an die Ständemitglieder vor einigen Tagen 
allerhöchste Restripte der Landeshercen von Moedlenburg⸗Schwe⸗ 
rin und ⸗»Strelik hinausgegehen worden 
— — — 
Slug der „Hausa“ nad Bremen. W. Sye, 12. Okt. Din 
Sansa“ kam, von Hamburg kommend, mit 11 Paslagieren um 
1,30 Uhr hier in Sicht und landete um 1,45. Uhr alatt. Nachkh 
erfolgtem Passagierwechsel stieg das Luftschiff wieder auf und 
vollführte mehrere Schleifenfahrten über dem Ort. Um 3,30 
Uhr erfolgte die Weiterfahrt nach Bremen. 
Bremen, 12. Okt. Das Luftschiff „Hansa“, von Syke 
kommend, überflog um 3 Uhr die Stadt und trat nach einigen 
Schleifenfahrten um 3,10 Uhr die Rücfahrt nach Hamburg an. 
»W. Hamburg, 12. Okt. Um 5 Uhr erschien das Luft- 
schiff wieder über Hamburg und flog rasch nach Fuhlsbüttel, wo 
bpald darauf gdlatt gelandet wurde— 
wenn, dann waren sie so kurz, daß die Paniers es leicht 
hatten und den Schönen manchen unangenehmen Sireich 
pielten. Nur mit Schaudern kann man heute an ihren Um— 
fang denken, der bis zu 3m 60 em betrug! 
Die Paniers waren lange Zeit hindurch das Vorrecht des 
Adels und der reichen Bürgerinnen. Dadurch, daß sich ein 
jewisses Fräulein Margot d'Amboise in Patis eiricht te und 
Mittel und Wege fand, die kostbare Art, s.ien Umfang zu 
rweitern, auf sehr billige Weise herzustellen, gingen die 
Paniers in die Allgemeinheit über. Jede Heringsverkäuferin 
oder Wäjscherin würde sich entehrt gefühlt haben, hälte sie 
nicht Sonntags und Feiertags ihren Panier übergewocfen. 
Die Chronik berichtet uns, daß Madame de Lostanges, die 
789 am Versailler Hofe vrorgestellt wurde, noch 102 Pfund für 
eine weite, bei der Hoflieferantin Mademoiselle Molle bestellte 
Tournüre bezahlt kabe. Aber sie berichtet uns auch noch ganz 
indere Dinge, die galante oder verleumderische Chronik. Sie 
rzihlt uns, daß ein junger, mit einer eiligen Botschaft be— 
auftragter Offizier die Straße, durch die er gehen mußte, von 
wei eleganten, in Paniers nebeneinander herschreitenden Tamen 
der ganzen Breite nach versperrt fand. Ta er sie als ga— 
anter Kavalier in ihrem Gespräch nicht stören wollte, setzte er 
uinter dem Beifallsgeklatsche der Menge mit einem gewaltigen 
-zprunge über die beiden Paniers hinweg! 
Und man — das heißt immer die böse Chronik — erzählt 
noch weiter, dab sich die Herzogin du Maine bei einem Hof—⸗ 
all in so übertrieben weiten Paniers zeigte, daß die Königin 
Hiarie Leczinska, neben der sie, ihrem Range entsprechend, saß, 
»or Hitze in Ohnmacht fiel. Aus jener Zeit stammen auch die 
veiten, breiten Fauteuils, die ein reiches Entfalten der Kleider— 
toffe gestatteten. 
Inr folgenden Jahrhundert, dem Jahrhundert der Krino—⸗ 
sine, stimmte das englische Parlament für die Erweiterung der 
Korridore und Palasttüren von Saint James, damit die Hof— 
damen hindurchgehen konnten! 
Es gibt eben Epochen, wo die Mode ganz „aufs Weite“ 
gestirmt ist, und andere, wo die „Enge“ herrscht, die die 
Zartheit und Schönheit der Linie begünstiat wie zur Zeit der 
derführerischen Merveilleusen. 
Die „Raketen-Dame“ ist eine fseltene Blume unseter heutigen 
Sitte. Aber eine Frage muß man sich doch immer wieder 
ind wieder stellen: wieso bleibt die wirklich elegante Frau 
mmer elegant und hübsch, ganz gleich, ob sie nach der Breite 
oder Höhe hin, eng oder drapiert, lang oder kurz angezogen 
ist?. . . Es ist dies unser Geheimnis! 
Was für wunderbare Dinge bieten sich unseren Augen aber 
auch, wenn wir die Salons der großen Schneider und Mo— 
diitinnen durchschreiten. Es scheint wirklich. As die Frau 
— — WWe—rïoee ———————α— 
jetzt, zu Beginn einer neuen Saison, einzig und allein ihrer 
Schonheit und ihrer Toilette lebe. Kaum, daß sie aus dem 
Familienschloß oder der Villa, wo sie ihre Ferien verbrachte, 
zurückgekehrt ist, denkt sie auch schon an ihre Garderobe 
oder denkt vielmehr nur an sie! 
Dre: Wochen braucht sie mindestens dazu, um sich für die 
Hüte, Kleider und Pelze zu entscheiden, die ihrer Jugend 
n der kalten Jahreszeit zunr Rahmen dienen werden. Bringt 
br denn nicht jede neue Saison Fübsche Ueberraschungen. und 
veiß sie nicht, daß gefchickte und ergebene Künstler für sie 
arbeiten? In diesem Winter wird sie die zxFreude 
kennen lernen, ihre fröstelnden, zarten Schultern in neue Pelze 
inbüllen zu können. Ein „Meister“ lanciert den japanischen 
Marder, einen natürlichen Pelz, der aus dem Orient zu uns 
kommt und all den verwirrenden und geheimnisvollen Reiz 
jener fernen Länder mit sich bringt. Dieser Marder scheint 
o von Sonne durchtränkt zu sein, da man ihm schnell einen 
chmüchenden Beinamen gab, der sein blondes, luxuriöses Aus⸗ 
ehen auf den ersten Blick kennzeichnet: man nennt ibn den Gold⸗ 
marder. Und dieser goldige Pelz wird fast alle unfere Mäntel 
bestrahlen. Wir werden ihn als Boas, Stolen und Echarpes 
tragen und die größte Neuheit wird eine Mischung mit Maul- 
wurf sein. den eine kofette Phantasie diesmal ..grün ge⸗ 
iärbt hat! L 
Ob wir auch die Schleppen an unseren Roben wiedersehen 
werden. die wollüstigen, zauberischen, verführerischen Schleppen, 
die beim Schleifen über die dicken, weichen Teppiche Scharm 
um sich herum verbreiten ... oder ob 'wir fortfahren. unsere 
unteren Gliedmaben zu zeigen? Man spricht davon, beide 
Moden miteinander zu verschmelzen: den sehr hoch geteilten 
Rod und die sehr lange Schleppe. Und dieser geteilte Rod, 
für den die Pariser Schneider eine besondere Vorliebe zu haben 
cheinen, zeigt sich auch bei den Tailleurs. Es ist das wenig 
zübsch. Denn wenn Eigenart erlaubt und — für den Abend! — 
ogar empfehlenswert ist, deucht es einer vernünftigen Frau doch 
nicht anständig, sich wie zu einer Maskerade herzurichten, um 
in den Autobus zu steigen. Und wie wenig Frauen gewinnen 
durch diese Maskerade! Man will gar nicht mehr das „sehen“, 
vas man alle Augenblicke am hellen Tage durch Spalten und 
Falten hindurch schon zur Genüge „halb sieht“. 
Bis jetzt kann sich der Herbst noch gar nicht entschliehen, zu 
kommen, weil er sich scheinbar selber vor seinen melancholischen, 
lurzen Tagen fürchtet, aber er wie wir bliden doch schon recht 
ingslich durch die etwas neblige Atmosphäre auf die in der 
Luft herumwirbelnden rostfarbenen Blätter, die, wie Kinder 
vor dem Schlafengehen. sich noch einmal — das letzte! — 
gehõörig austoben! Lulu.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.