Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

Dagegen meidet ote Wiener „Zeit aus Belgravs, daß 
in dortigen politischen Kreisen sich eine starke Verstimmung 
degen den österreichischungarischen Konsul in 
Prizrenud geltend macht. Man erklärt serbischerseits, der 
sterreichischungarische Konsul in Prizrend habe die der fatho— 
ischen Konfession angehörigen Alba ner im geheimen 
mit Waffen und Munition verßehen. Weiterhin 
wird der Konsul beschuldigt, er habe die Albaner gegen 
die Serben aufgereizt und zwar im Einver⸗ 
rehmenr mit dem Prizrender italienischen Kön— 
u l. Die serbischen politischen Kreise erklären, diese Haltung 
»es Kanfuls sei um so bedauerlicher, als man sich jetzt in 
zelgrad gufrichtig bemühe, freundschaftliche Beziehungen mit 
Desterreich-Ungarn herzustellen. 
Infolge des Albanischen Aufstandes und seiner von 
den Serben begonnenen blutigen Unterdräckung, die 
tater aligemeiner Niedermetzelung der bulgarischen und albani⸗ 
chen Bevölkerung, insbesondere in dem Gebiete von Kallan⸗ 
deren, Gostiwar und Gora vor sich geht, treffen Geuppen von 
Bulgaren aus jener Gegend in Sofia ein. Die Flüchtlinge er⸗ 
ählen, daß ihre Heimat jetzt ein wüstes Trämmer- 
eld sei. 
In Belgrad sind Berichte eingelaufen, daß die bulgärt⸗ 
—EV 
serbischen Grenze von Dschuijama bis Strumitza leb⸗ 
hafte Alttionen unternehmen. Auf dieser Linie sind etwa 
3000 bulgarische Komitatschis versammelt, um die serbische 
Hrenze bei Radowischte, Istip und Kotschana anzugreifen. Dieser 
Teil der serbischen Grenze ist jedoch so stark befestigt und so 
reichlich mit Truppen besetzt, daß man keinerlei Befücchtungen 
hegt. Aus Neuserbien sind die letzten albanischen Horden ver— 
agt. Sie haben Podgradetz, Zwezda, das Goragebiet und 
Vranischte geräumt. Bei Bizzan sind 5600 Albanesen von 
den serbischen Truppen eingeschlossen. Ein Entweichen ist un⸗ 
nöglich. Bei Monastir sind 600 Albanesen gefallen, 450 
Mann wurden gefangen genommen. Sie hatten fast alle neue 
Mannlicher-Gewehre und viel fremdes Geld in der Tasche. Be— 
sonders stark waren die Verluste der Albaner im Liumagebiet, 
vo sie in das Kreuzfeuer der von zwei Seiten anrüdenden ser⸗ 
zischen Truppen nwerieten. 
Deutsches Reich. 
W. Besuch des Kaisers in Ludwigsburg. Zum hundert— 
lährigen Jubiläum des Dragonerregiments, 
Königin Olga, erstes württembergisches Nr. 25, das 
im 6. Dez. in Ludwigsburg stattfindet, hat der Kaiser als 
Chef des Regiments sein persönliches Erscheinen angemeldet. 
W. WPrinz und Pronzessiu Auguft Wilhelm von Preußen und 
Brinzessin Adelheid von Schleswig-Holstein-Glücksburg sind 
jestern nachmittag zum Besuch des Herzogs und der Herzogin 
Ernst Günther in Primkenau eingetroffen. 
V. Der Reichslanzler in Mürchen. Der Reichskanzler be— 
chtigte Montag vormittag unter Führung des Reichsrates 
IRx. Oskar von Miller den Neubau des Deutschen Museums auf 
»er Isarinsel und die wissenschaftlichen Sammlungen in dem 
Hebäude des Deutschen Museums an der Marximilianstraße. 
Im Nachmittag besuchte der Reichskanzler die Kunstausstel— 
ungen im Glaspalast, sowie die des Nationalmuseums. Früh— 
norgens war der Reichskanzler zum Denkmal des verewigten 
Lrinzregenten Luitpold gegangen. Abends gab der preußische 
Hesandte von Treutler zu Ehren des Reichskanzlers ein Essen. 
Die argebliche Grenzverletana. Die Meldung der Agene 
sßavas von der bei Briey erfolgten Grenzverletzung durch 
»nen deutschen Haupktmann und eine Maschinengewehrabtei— 
ung ist nach den beim Ministerium in Straßburg eingegan— 
genen Nachrichten vollständig unrichtig. Es handelt 
ich lediglich um eine infolge eines Irrtums erfolgte unbe— 
deutende Gren überschtestung durch eine Misitärperson. 
v. Spꝛn'den un Höhe von einer halben Million frei 
erfunden. D'ie amtl'che Straßburger Korrespondenz veröffent— 
idet folgende Erklärung: Die Freie Presse brachte in der 
Nummer 219 vom 19. Sept. 1913 die aus einem Züricher 
Sensationsblatt entnommene Nachricht, nach der ein Mit— 
zlied des kaiserlichen Hauses während seiner Studien— 
eit in Strajburg Schuldverbindlichkeiten in Höhe 
»on einer halben Million eingegangen sei und behufs 
zerbeiskaffung des Geldes zur Deckunga Nerbindung mit 
Sache vernunden hast. Aber wie macht man das nun am 
zeiren mit Heinz — meinst du, daß zunächst vielleicht einmal 
Usdus zu ihm geht?“ 
Gerda. die wieder wie teilnahmslos vor sich hin geblickt 
‚atte, sah jetzt auf: 
„Was soll Klaus da?“ 
„Nun, ich dachte nur so — daß sich doch mal eĩner von 
as milt ihm ausspricht.“ 
„Aussprechen? Wozu das? Wir wissen doch beide seit 
Atern abend, woran wir miteinander sind.“ 
„Gerda! Tu denkst doch nicht etwa — ?“ 
„Gewiß denke ich daran. Nach dem, was geschehen, gibt 
Rfür eine Frau, die sich achtet, nur diesen einen Weg.“ 
Scheiden willst du dich also lafsen?“ 
Astrid machte eine Gebärde des Erschreckens. DTann griff fie 
nach der Hand der Schwester. 
„Gerda, ich bitte dich inständigst, tu keinen übereilten 
-chritt!“ 
Aber die junge Frau machte sich frei. 
„Ich habe eine lange Nacht hinter mir, ohne eine Minute 
zchlaf. Ta hab' ich Zeit genug gehabt, alles zu überdenken. 
Ind mein Entschluß ist gefaßt — unwiderruflich: ich fahre nach 
zruse zurück, noch heute.“ 
„Um Gottes willen, Gerda! Tas wäre ja der volle, un—⸗ 
elübare Bruch zwischen dir und deinem Manne. Das darfst 
uit nicht! Höre auf mich.“ 
Doch Gerda beharrte auf ihrem Entschluß. 
„Ich fahre mit dem nächsten Zuge. Ich bin nur her⸗ 
ekommen, um dir das Geschehene mitzuteilen. Und noch eine 
zitte hab' ich an dich. Ich bin von Haus weggegangen, wie 
»u misch hier siehst. Bitte, geh' nachher — nach elf Uhr, wo 
deinz ja immer schon aus dem Haus ist — zu mir, und pack 
rir zusammen, was ich für die nächste Zeit brauche. Willst 
»u mir den Wunsch erfüllen?“ 42 
F Natürlich Gerda. Aber — ich kann's ja noch immer nicht 
assen! 
Gerda fuhr in festenr Entschluß fort: 
„Wenn ich nicht irre, geht der Zug, mit dem ihr damals 
nach Haus fuhrt, etwa um diese Zeit. Vielleicht bekomm' 
ich ihn also noch. Habt ihr nicht ein Kursbuch da?“ 
ewerbsmähigen Vermittlern gesucht habe. Diese Nacricht, 
ie auch andere Zeitungen übernommen haben, entbehrt 
eder tatlächlichen Grundlage und ist von Anfang bis zum 
ände erfunden. 
PC. Sandelsschwierigleiten in Marolsko. Aus Casa— 
lanca kommen erneute Klagen nichtfranzösischer Geschäfts- 
eute über die Schwierigkeiten, die sich dem Geschäftsbetrieb 
amentlich in dem Verkehr init den Behörden entgegenstellen. 
diese Klagen werden charabkteristischerweise nicht nur von 
eutschen, sondern auch von englischen Kaufleuten erhoben. 
Nan rühmt zwar das Bestreben des Generals Liauten, 
»em Geiste der internationalen Abmachungen in der Behand— 
ung der Fremden, namentlich der Engländer, gerecht zu 
verden. Sein guter Wille scheint aber bei der französischen 
zehörde nicht durchzudringen. Vermutlich erklärt sich aus 
ieser Erfahrung heraus zum Teil wenigstens der Wunsch des 
ßenerals einen anderen Wirkungskreis zu finden. Im Zu— 
ammenhang mit der bevorstehenden völligen Aufgabe der 
»eutschen Bankfilialen in Marokko werfen diese Klagen ein 
igentümliches Licht darauf, wie die Parität, die Frankreich im 
Narokko-Kongo-Abkommen der Behandlung der fremden 
interessen im Scherifenreiche zugesichert hat, sich in der 
zraxis gestaltet. 
DT. Neuue Kommu astenervorsheäge. Auf dem preußischen 
ztädtetag in Breslau hat sich gestern gleich das erste Referat 
nit der Ausfindigmachung und Befürwortung neuer Steuer— 
uellen für d'e Städte beschäst'gt. Vom Referenten wurden 
mpfohlen und von der Versammlung besprochen: Gemeind— 
che Kapitalrentensteiser, Berusssteuer für die sogenannten 
beralen Berufe (Aerzte, Rechtsanwälte usw.), kommunale 
lutomobilsteuer, Aushebung des Steuerprivilegs für Gesell— 
raften m. b. H., W'irtschaftsgenossenschasten, Beamten, Offi— 
ere und Geistliche und für Ausläder, sowie Erhaltung der 
zteuer nach dem geme'nen Wert und der kommuna'en Wert— 
uwachssteuer. Das ist e'ne lange Liste von Vorschlägen, und 
ie wird auch außerba'b des berusenen Kreises des preußischen 
ztädtetages noch e'n iehennd besprechen werden müssen. Offen— 
ar sollte ein Teil dieser Steuerquellen schon längst den 
Ztädten vorbehalten s in. Nur der Steuerhunger der Ein:el— 
aaten und des Resches hat das bis zetzt verhi dert. Andere 
Auellen werden recht wenig ergiebig sein, wenn sie — was 
ünschenswert wäre — nach neu e't'ichen modernen Anforde— 
ungen erbohrt werden. Einzelne, wie die Beseitigung be— 
ehender Privilegien machen Enistädigungen der betroffenen 
zehaltsbezieher erforderlich. Jedenfalls sollte das Thema 
neue Kommunalsteuera“ von jetzt ab alle kommunalpoli— 
ischen Vereine und Interessenkreise lebhast beschästigen. Vor— 
ubeugen ist auch hier leichter als nahträalich klagen. 
DT. Mer. Gerard. Der bisherige Newyorler Oberrichter, 
Nr. James Gerard, hat gestern se'n neues Amt eines 
merikanischen Botschasters in Berlin angetreten. Es ist ein 
edeutsames Zusammentreffen, daß c0o Sturden vorher gerade 
er neue amerikanische Zolltarif, dir der deutschen 
lusfuhr so erhebliche Erleichse uigen (Herabs tzung der Wert— 
jlle von durchschnittlich 40 auf 23 0 usw.) brinugt, Gesetz 
eworden war. Zu guter Letzt hat man nun auch durch e'ne Ent— 
heidung der amerikanischen Regierung, daß auch die außer— 
reußische deutsche Einfuhr nach den Verreinigten Staaten von 
er Sonderbegünstigung eines 5protentigen Abschlages, der 
rsprünglich allein den amerikanischen Schiffsfrachten zugute 
ommen sollte, nicht auszuschließen sei, die letzten Sorgen 
nserer Industrie vor Wettbewerbsbeschädigu geu gebannt. Herr 
zerard hat sogleich bei seinem Eintreffen seiner Genug— 
uung über diesen Entschluß Ausdruck verliehen: „befreie 
reihn doch von vielen vorauszusehenden Scherereien“. An 
erbleibenden Schwierigkeiten wird er keinen Mangel haben. 
deben den zahlreichen ungelösten Fragen, die sich an die bevor— 
tehende Eröffnung des Panamakanals knüpfen, ist gegen— 
pärtig die der Weltausstellung in San Franzisko 
n den Vordergrund getreten, die ja auch mit dem großen 
kreignis der Weltverkehrsgeschichte zusammenhänet. Aber wir 
lauben nicht, dah da sür Herrn Gerand noch etvas zu retten 
st. Wäre er früher herübergekommen, vielleicht. Aber die 
edeitendsten Körperschaften unserer Ind ustrie haben inzwischen 
u entschieden gegen unsere Teilnahme Stellung genommen. 
lind die allgemeine Ausstellungsmuüdigkeit kann man ihnen 
achfühlen: die Klage über allzu große Häusuig läuft nun 
chon in das vierte Jabrehet und hat noch immer zu keinenm 
„Ja, ich glaube — es in wohl drinnen bei Klaus.“ l 
„So tu mir den Gesallen und sieh gleich einmal nach.“ 
„Wenn du denn mit aller Gewalt willst —“ und Astrid ging 
ekünrmert zu ihrem Mann ins Schlafzimmer. 
Gerda trat an das Fenster und blidtte auf die Straße hinaus. 
zin trüber, grauer Wintertag. Und sie sank fröstelnd in sich 
usanmen. 
Nach ein paar Augenblicken kam Astrid wieder und nickte: 
„Ja, in etwa einer halben Stunde — neun Uhr fünfzehn. 
lber auch Klaus, er ist ja ganz niedergeschlagen, bittet dich 
erzlichst —“ 
Doch Gerda richtete sich auf aus ihrer müden Haltung. 
„So muß ich also fort zur Bahn.“ 
„Aber du kannst doch unmöglich so — du hast gewiß noch 
icht einmal Kaffee getrunken — warte wenigstens den Mittags— 
ug ab und ruh' dich erst noch ein bißchen bei uns aus.“ 
„Nein, nein — laß mich. Ich hab' doch keine Ruhe mehr 
sier. Heim will ich — zu unserem Vater. Also, leb' wohl, 
Astrid,“ sie küßte die Schwester, „und grüß' auch Klaus herzlich. 
Innigen TDank für eure Teilnahme.“ 
Gerda ging zur Tür. Astrid warf ihr rasch noch ihre 
ꝛigene Pelzstola um die Schultern. 
sFortsetzung folat.) 
Theater, Kunft und Wissenschaft. 
Claudel in Heilerau. Aus Hellerau wird uns vom 6. Olt. 
‚eschrieben: Eine solche Versammlung europäischer Berührit⸗ 
eiten hätte sich das Tanzdorf Hellerau bis heute sicherlich nicht 
räumen lassen. Die erste Aufführung des Paul Claudelschen 
Nysteriums „Verkündigung“ hatte alles nach dieser Künstier⸗ 
olonie Dresdens geführt, was in Deutschland lebhafte Anteil— 
ahme an Kunstdingen hat. Maler, Bildhauer, Schriftsteller, 
chauspieler, alle wolllen sich die Versuchsbühne der Dalcroze⸗ 
hen Bildungsanstalt ansehen und sich überzeugen lassen, ob 
nit dem „formenden Licht“ wirklich reine Bühnenwirkung sich 
rzielen lafse. Nach der Vorstellung waren die Urteile Aber die 
hellerauer Bühnenkunst zwar geteilt, aber einig war man fich 
ah in dem bisherigen franzöfischen Generalkonsul in Frankfurk 
aul Claudel ein neuer starker Bühnendichter erstanden ist. Ver⸗ 
erständigen Abkommen der Völler gesöhrt! Na., ber neue 
zerr wird seinen Mißzerfolg in dieser ersten Ausgabe zu er— 
ragen wissen. Die deutsch-amerikanischen Beziehuugen sind 
ür beide Teile so wichtig, daß wir wie sie das größte Inter— 
sse daran haben, daß Herr Gerard sich in Berlin recht wohl 
ühlen lernt. 
ausiand. 
Schweden. 
W. König Gustavs Befinden ist befriedigend; die Schmerzen 
ind geringer. Der den König behandelnde Arzt erklärte dem 
Aftonbladet, daß sich nicht das geringste Symptom gezeigt 
abe, daß der König an Krebs leide. Alle diesbezüglichen Ge— 
üchte entbehrten jeder Grundlage. 
Frankreich. 
Miäfident PRoincaréss Spanienreise. Präsident Poincarsé 
st gestern in Irun eingetroffen. Der Bürgermeister und die 
Mitglieder der Gesandtschaft, die der König als Ehrendienst ihm 
ntgegengesandt hatte, empfingen ihn. Die Truppen machten 
ie Ehrenbezetugungen. Der Bürgermeister bewillkommnete den 
zräsidenten, der erwiderte. — Vor der Abreise nach Madrid 
rhielt Poincars folgendes Telegramm des Königs: 
„Im Augenblick Ihrer Ankunft in Spanien beeile ich mich, mit 
vahrer Freude Sie herzlichst zu bewillkommnen. Ich wiedec⸗ 
role Ihnen den Ausdruck der Gefühle aufrichtiger Freundschaft 
ind lebhafter Sympathien für Frankreich, die glüdlicherweife 
as spanische Volk von ganzem Herzen teilt. Ich hege den 
ufrichtigen Wunsch, daß die Eindrücke Ihres Aufenthalts unter 
ms die vornehmsten sein mögen.“ — Poincars6 antwortete: 
Ich danke Ew. Majiestät für die liebenswürdigen Will— 
ommenswünsche. Ich habe, bereits Spanien betretend, die 
lufrichtigkeit der Gefühle des fpanischen Volkes für Frankreich 
rkennen können. Ich bin glücklich, Ihnen meinerseits alle 
VPünsche meines Landes für Ew. Maiestät und Ihre edle 
dation auszusprechen. — Präsident Poincaré besuchte Bayogne, 
»o er an einem ihm zu Ehren von der Stadt veranstalteten 
trühlstück teilsahm. Die Bürgermeister von Irun und San 
Sebastian und einige Stadtoerordnete der beiden spanischen 
Städte waren zur Begrüßung herübergekommen. 
Belaien. 
Die belgische Kammer tritt am 14. d. M. zu einer auster⸗ 
»rdentlichen Tagung zusommen, in der das klerikale Schul— 
resfetz durchberaten werden soll. Der Widerstand gegen dieses 
ßHefetz in der Bevölkerung macht sich allgemein bemerkbar. 
zZonntag haben nicht nur die flämischen Liberalen gegen das 
zesetz proteftiert, sondern auch die Stadträte, die das Unter⸗ 
ichtswesen in allen gröhßeren und mittleren Städten unter 
ich baben, erhoben in einer Zusammenkunft Einspruch gegen 
ieses Gesetz, das geeignet ist, die von den Gemeinden mit 
rroßen Opfern errichteten religionslosen Schulen zu vernichten. 
Finzelne Sozialisten drohen sogar mit Straßenkundgebungen. 
China 
FCO. Zum WPreäsidenten der Republik China ist Juan- 
chikai mit 507 von 686 Stimmen gewählt worden. Die 
Vahl hat im Gesandtschaftsviertel nicht überrascht. Man war 
‚arauf gefaßt, daß es der überlegenen Persönlichlert 
»es Präsidenten gelingen würde, seine zahlreichen Gegner 
urch sleitzige Bearbeitung hinter den Kulissen zur Verzicht- 
eistung auf aͤlle Sonderbestrebungen zu bringen und die nadcten 
sfalsachen der politischen Lage ohne Voreingenommenheit zu 
etrachten. Alle einsichtigen chinesischen Staatsleute und Po— 
itiker wissen, daß Juanschikai der einzige Mann ist, der heut⸗ 
utage an der Spitze des chinesischen Staatswesens stehen kann, 
veil er der einzige ist, dessen internationales Ansehen so groß 
st, dah er den Abbröckelungsbestrebungen der yFöderalisten 
inerseits sowie den Teilungsplänen Rußlands und Japans 
indererseits energischen Widerstand entgegenzusetzen vermag. 
dicht zum wenigsten hat die finanzielle Frage geholfen, 
zuanschikai den Weg zu ebnen. Seine Vertrauensleute haben 
»en einzelnen Deputierten klar zu machen gewußt, daß nur 
ine Regierung Juanschikais vom Auslande diejenigen Mittel 
rwarten darf, deren die chinesische Republik zu ihrer finanziellen 
Bekräftigung bedarf. — Auch in der Eingeborenenbedvölkerung 
jat die Wiederwahl Juanschikais große Freude hervorgerufen, 
za nur die kräftige Hand Juanschikais den Bürgerstand vor den 
chweren Erlchütterungen innerer Unruhen zu wahren versteht. 
— 
ündigung heitzt das Mysterium. Es ist die liebliche Bibel⸗ 
iberlieferung von der jungfräulichen Mutter Maria wieder ins 
Nenschliche übertragen. Violäne, die reine Magd, kützt iun 
einem Mitleid den Baumeister Peter von Ulm, an dem der Aus⸗ 
rtz heimlich frißt. Diese mitleidige Liebkosung heilt den 
ziechen, aber der Aussatz befällt die Jungftau. Violäne aber 
eht vor der Vermählung mit Jacobäus; sie enthüllt ihm ihr 
eiden, und er, dessen Liebe und dessen Glauben nicht an ihrer 
eelischen Reinheit festhalten kann, verstößt sie. Sie lebt nun 
cht Jahre in der Einsamkeit der Aussätzigen, bis in einer kalten 
Veihnachtsnacht ihre Schwester Mara zu ihr dommt. Die 
jat Jacobäus nach der Schwester Entschwinden geheiratet, 
„ar glücllich mit ihm, hat ihm ein Kind geboren, und dies 
tind ist nun tot. Ungestuüm bestürmt sie Violäne, die Heilige, 
as Kind zum Leben zu erwecken, und als diese in frommer 
)emut solches Heiligenwerk von sich weist, begibt sich das 
Bunder; aus Violänens jungfräulichem Leib gebiert sich das 
tind aufs neue, zu neuem Leben. Aber Mara, die Eigennützige, 
ankt der heiligen Schwester mit brennendem Neid, sie tötet 
iie Sieche, aber gerade die Tote läutert die Lebenden, an ihrer 
zahre wird jeder besser, reiner und selbstloser. Bei solch 
nnerlicher, auf den Glauben gestellter Handlung verbietet sich 
eder Ausstattungsprunk von selbst. Ob die puritanische Ein—⸗ 
achheit der dreifachen Hellerauer Mysterienbühne mit ihrer 
ransparenten Belichtung hier des Guten aber nicht zuviel tat? 
Zicherlich solange, als nicht ganz große Schauspielkünstler den 
angsam sich vollendenden Vorgängen die Farbe lebenden Blutes 
seben. Die Violäne der Eva Maartersteig war viel zu verzier— 
icht, zu schwach, um das große Lebenswunder zu tragen. Hert 
dotz vom Deutschen Theater zeigte nicht den erdenfesten Jacobsus, 
efsen Schlichtheit gerade die Unschuld Violänens nicht mehr 
u fassen weißß. Die größte Leistung war die Mara von Mary 
Dietrich, ebenfalls von der Reinhardt-Bühne, die allein in 
ill dem Licht des nie verdunkelten Hauses groß und schatf- 
imrissen als der wahrhafte Mensch stand, dessen Glückshunger 
hn wie ein Tier nicht an das Glück der andern denken läßt. 
Sie wird man wohl allein von dem Hellerauer Abend nicht 
zergehsen.
	        
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