Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

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Ausgebe AM. 
Luftfahrt. 
Die Berliner Serbsi⸗Flugwoche. Eine vorzügliche Witie— 
rung begünstigte wie an den vorangegangenen Tagen Freitag 
die Wettflüge auf dem Flugplatze Johannisthal. Befonders um 
den Dauerpreis lkamen sehr viele Bewerber heraus und 
machten Flüge von längerer Dauer als an den vorangegangenen 
Tagen. Insgesamt starteten darum 18 Flieger, von denen 
Kanitz Union⸗Pfeil-Doppeldecder) und Reiterer Etrich⸗Taube) 
mit je 92 Min. die längsten Flugzeiten aufzuweisen hatten. 
Nach ihnen folgten Fiedler (Luftfa hrzeug⸗ Taube) 84 Min., 
Schulz Etrich⸗ Taube) 83 Min., Kammerer (Wright⸗Doppeld.! 
55 Min. Wrobel (Wright⸗Doppeldecler) 581 Min. Schwandk, 
E Sloeffler, Stiploschek, Krieger, Thelen, Janisch, Röver, Kieß⸗ 
ling, Sablatnig, Böhm, Kohnert und Grunert erzielten geringere 
Zeilen. Bei den HSöhenflügen vollbrachte Fiedler mit 
3900 m die beste Leistung, während Reiterer sich auf 2100 m 
schraubte. Außer den Dauer⸗ und Höhenflügen fand ein Vor— 
aberennen statt, an dem V. Stoeffler (Aviatik⸗Doppeld.), 
Wrobel, Thelen, Krieger und Gruner auf Harlan⸗Eindecker teil⸗ 
nahmen. Von ihnen hatte V. Stoeffler mit 360 kg Belostung 
unß 3 Min. 36 Selk. Vorgabe das beste SHandikap. Sieger 
blieb V. Sipeffler mit 12 Min. 12 Sek. vor Thelen mit 18: 12, 
Krieger 14: 50 und Grunder 16: 22. Die Versuche um den 
ürzesten Anlauf mit kriegsmäßiger Belastung ersorderten 
33 Etarts, doch gelang es nur Thelen mit 70,84 m die vorge⸗ 
schriebene Mindestleistung von 100 m zu unterbieten. Alle 
übrigen Anlaufsversuche wurden nicht gewertet. 
Vermischies. 
C.K. Ein weiblicher Organist. Aus Elberfeld wird 
uns geschrieben: Einen weiblichen Organisten belitzt die Eyna⸗ 
gogengemeinde in Elberfeld, und zwar handelt es sich dabei 
um eine erst 19jährige junge Tame, Erna Zivi, die Tochter 
des dortigen Oberkantors. Als vor etwa 11/. Jahren der bis⸗ 
herige Organist starb, üAbernahm Fräulein Zivi, die eine Schülerin 
des weiteren Kreisen bekannten Elberfelder Stadthallen⸗Organisten 
Flodenhaus ist, zunächst probeweise das Amt. Die talentierte 
Künstlerin verwaltete es dermaßen zur Zufriedenheit, daß ihr 
die Organistenstelle definitiv übertragen worden ist. 
C.K. Ein Traum vom Golfstrom. „Das Klimo, die Wärme und 
das Licht der Welt kontrollieren“, das will ein amerikanischer Inge⸗ 
nieur Caroll L. Riker, der in einem vor kurzem erschienenen Werk 
ein Projekt auseinandersetzt, den Golfstrom durch einen Meerdamm 
von 500 km Länge und 300 Fuß Höhe abzulenken. Der große warme, 
nördlich fließende Golfstrom würde nach seiner Meinung die ganze 
Nordpolarsphäre erwärmen und das Eis zum Schmelzen bringen 
können, wenn er nicht in seiner Wirkung geschädigt und vernichtet 
vürde durch die eiskalten südlich fließenden Labrador⸗Strömungen. 
Die Grand Banks an der Südostküste von Neufundland haben viele 
sKilometer an der Küste entlang nur eine Wassertiefe von wenigen 
hundert Fuß. UÜber dieses Plateau des Meeresgrundes fließt der 
lalte Labrador⸗Strom von Norden und begegnet hier dem Golfstrom, 
den er zerteilt. Der Ingenieur⸗-Traum des Autors, der nach dem 
Urteil Sachverständiger durchaus nicht außerhalb des Bereiches der 
Möglichkeit liegen soll, besteht nun darin, daß eine Mole vom Süd⸗ 
ostpunkt von Neufundland aus in der Richtung nach Osten gegen 
300 kmetief im Wasser gebaut und etwa 300 Fuß hoch geführt wird. 
Dieser Damm würde den warmen Golfstrom in das Tiefwasser des 
Meeres ablenken, während die kalte Labrador-⸗Strömung ebenfalls 
on dem Damm abgelenkt und unter dem Golfstrom durchgeleitet 
würde. Die eisige Wirkung der kalten Gewässer würde damit für 
immer in den Tiefen des Ozeans verloren gehen. Die warmen 
Wasser des Golfstromes aber würden sich ungehindert ausbreiten 
können und sogar den Eisanhäufuugen am Pol selbst gefährlich 
werden. Riker ist der Ansicht, daß schon ein Damm von 45 km 
Länge das Klima an der Küste von Neufundland bis Kap Hatteras 
mildern und die Härte der strengen Winter aufheben würde. Die 
Erbauung einer solchen Mole, mag sie nun 45 oder 300 km lang 
jein, wird jedem als ein erstaunliches Unternehmen erscheinen; wie 
der Vater des Gedankens aber eingehend auseinanderzusetzen ver⸗ 
ucht, ist es eine verhältnismäßig leichte Sache, die innerhalb 
von 8 Jahren bequem durchgeführt werden könnte. Die Kosten wären 
IAlerbdings nicht gerina; sie bhetragen nach seiner ungefähren Schäuum- 
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Berliner Brief. 
Eigenbericht der Lũbeckischen Anzeigen.) 
dt. Berlin, 3. Okt. 
Die Berkliner Ziehleute. 
Die Lastträger, die Männer mit dem Stiernaden, den 
Atlas⸗ Schultern und den steinernen Muskeln, sind überall in der 
Welt ein merkwürdiges Völkchen. Sie haben im stillen Alltag 
etwas von der Gutmütigkeit der plumpen Riesen, aber wehe, 
wenn sie sich im Augenblich da man ihrer am meisten bedarf, 
ihrer Stärke und damit ihrer Macht bewußt werden! Schon die 
Märchen aus Tausend und einer Nacht weifen dieser Gilde, die 
meist in Stumpfheit hinbriutet, oft aber in gar gefährliche 
Unruhe versetzt wird, eine ungewöhnlich wichtige Rolle zu. 
Von ihren Leiden und Freuden, von ihren bunten Schidsaien 
isj fast in jedem zweiten der vielen Abenteuer die Rede. So 
ist es im Orient bis in unsere Tage geblieben. Unter Abduk 
Hamid hatten die leicht erregbaren Lastträger Konstantinopels 
und der türkischen Hafenstädte geradezueine privilegierte 
mit eiferner Manneszucht durchgeführte Bomylott erst dem ösier⸗ 
Machtstellung, und man weiß. wie empfinduüch det don ihnen 
reichischen, dann dem ferbischen und bulgarischen Handel wurde. 
Und man erinnert sich, wie ganz London mit der Aushungerung 
bedroht war, als die Transporiarbeiter sich weigerten, die un⸗ 
geheuren Mengen von Nahrungsmitteln aus den Schiffen zu 
löschen. die in unübersehbarer Reihe die Themse dedten. 
Aber wir brauchen so weit nicht zu gehen. Weram J. Ok⸗ 
tober die erlesenen Freuden eines Wohnungsumzuges in Berlin 
bis zur Neige auskosten donnte, wird sich überzeugt haben, daß 
auch die Berliner Lastträger, die berühmten „Ziehleute“, ihren 
Kollegen draußen in der Welt an Urwüchsigkeit und herrischer 
Eigenart nichts nachgeben. Wenn sie umn7 Uhr früh bestellt 
ind, dann kann man mit Sicherheit darauf rechnen, daß vor 
O Uhr keiner von ihnen zu erblicken sein wird. Aber von 
dem Augenblich an, wo sie den furmhohen Wagen mit einem 
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Morgen⸗Blatt KNr. 504. 
donntag, den 5. Oktober 19153. 
i90 Millionen Dollar. Im Falle dieses Projekt aber als überhaupt 
mmöglich erscheinen sollte — und Riker, der bereits bei einem Ver⸗ 
ach, den amerikanischen Kongreß dafür zu interessieren, gescheitert 
z, seßzt seine ganze Hoffnung auf das Eintreten König Georgs für 
eine Pläne — dann hat der Ingenieur noch einen „leineren Plan“ 
n Petto, dessen Kosten sich nur auf 40 Millionen Dollar belaufen 
md bei dem die Ablenkung der Strömungen durch Drahtseile und 
dabel erfolgen soll. Das Buch wird von versie chdenen amerikanischen 
‚achzeitschriften eingehend besprochen; der Plan wird als interessant 
rörtert, aber an eine Verwirklichung galaubt niemand 
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weiten Reiche amtlichen Schreibwerks, hat, nachdem der frische Hauch 
einer neuen Zeit die verstaubten Räume unserer Behörden gründlich 
elüftet hat, ein stilles Altershausen gefunden, wo es am wenigsteu 
zu erwarten war: bei den deutschen Musensöhnen. Oder ist das etwa 
die Ausdrucksweise unserer Zeit, die Sprache des Lebens, wenn 
insere Studenten „nach Schema F“ ihre Anzeigen in folgendem Stil 
ibfassen: Unterfertigte.. .. erfüllt die traurige Pflicht, ihre A. H. 
A. H. usw. von dem am ... erfolgten Ableben ihres ... geziemend 
in Kenntnis zu setzen? Laden sonst noch Menschen von Fleisch und 
Blut mit dieser steifleinenen unlebendigen Jormel zu einem Feste 
ein: Unterfertigte ... gibt sich die Ehre, ihre ... nebst ... zu dem 
am ... stattfindenden Stiftungsfeste geziemend einzuladen? Ja, da 
ind wir Wilden — ich wollte sagen: wir Philister — doch bessere 
Menschen: wir schreiben, wie wir reden, d. h. wie Gebildete in ge⸗ 
hobener Sprache reden, und wir kümmern uns in unseren aene 
nicht um das, was in verflossener Zeit üblich gewesen sein mag? 
um das „ewig Gestrige“. 
C.K. Ein Milchrekord. Aus Neuyork wird berichtet: Die ame⸗ 
ikanischen Viehzüchter können sich nun rühmen, einen neuen Welt⸗ 
ekord aufgestellt zu haben. Einer Jersey-Kuh, die den schönen Namen 
xminents Biß führt, verdankt die Nation diesen Triumph. Eminents 
giß, die in Michigan in der Grafschaft Houghton auf der Roy Croß 
jarm sorgsam gehegt und gepflegt wird, hat unter der ständigen. 
Werwachung der landwirtschaftlichen Hochschule von Michigan im 
daufe eines Jahres nicht weniger als 8508 Kilo Milch geliefert, die 
nsgesamt 513 kg Butter ergaben. Der bisherige Weltrekord war 
benfalls von einer Jersey-Kuh aufgestellt worden, von Jacoba Irene 
Aie ihrem glücklichen Besitzer in einem Jahre 7827 Kilo Milch lieferté 
A. B. Der preußische Handelsminister für die Hotel⸗Akademie. 
der preußische Handelsminister hat an den Regierungspräsidenten in 
düsseldorf einen Erlaß gerichtet, worin er sich, dem „Hotel“ zufolge, 
ir die Begründung der von dem Internationalen Hotelbesitzerverein 
rojektierten Hotellehranstalt ausspricht. In dem Erlaß heißt es: 
Ich bin grundsätzlich bereit, zur Unterhaltung des von der Stadtm 
üsseldorf geplanten „Internationalen Instituts für das Hotelbildungs⸗ 
vesen“ unter Anerkennung der Bedeutung der An⸗ 
alt für das wichtige Hotelgewerbe die Bewilligung 
ines jährlichen Staatszuschusses in Aussicht zu nehmen. Eine ziffern⸗ 
iäßige Festsetzung kann jedoch erst nach Vorlage eines Haushaltungs⸗ 
lanes erfolgen. Gegen den nur in den Grundzügen mitgeteilten 
ꝛehrplan ist nichts zu erinnern.“ Für die Hotelakademie hat, wie 
ekannt, die Stadt Düsseldorf ein Lehrgebäude in der Achenbach⸗ 
raße zur Verfügung gestellt. Die Eröffnung der Lehranstalt erfolgt 
m Herbste nächsten Jahres. Für würdige Interessenten aus Ange⸗ 
telltenkreisen sind bereits von verschiedenen Seiten Stipendien be—⸗ 
willigt worden. 
CK. Rosevelts verlorenes Amulett. Am Mittwoch besuchte 
Koosevelt im Gefängnis seinen ehemaligen Diener Parler, der an⸗ 
‚eklagt ist, für gegen 40 000 MA. Juwelen und Kostbarkeiten aus dem 
tooseveltschen Hause in Sagamore Hill gestohlen zu haben. UÜber 
14 Stunden lang saß Roosevelt bei dem ungetreuen Diener in der 
zelle und suchte ihm mit Aufwand seiner ganzen Beredsamkeit dazu 
u bringen, zu verraten, wo das kleine Amulett, das Roosevelt an 
er Uhr trug, und der Stammbaum der Familie hingekommen seien. 
»enn diese beiden Gegenstäude, vor allem das Amulett, will Roose⸗ 
elt unter allen Umständen wieder haben; und bisher waren alle 
nachforschungen fruchtlos. Allein fruchtlos blieb auch sein Besuch in 
er Zelle, nichts war aus dem Diener herauszubringen, er behauptete, 
ich nicht mehr zu erinnern. Und so wird Roosevelt schweren Herzeni 
oein Ammslett verloren geben müssen. 
C. K. Detlev von Zilieneron und sein Sergeant. Die Nachricht von 
em Tobe des Lebensretters Detlev von Liliencrons, seines alten 
dampfgenossen und Freundes A. Nimphius, ruft die Verwundung 
»es Dichters in der Schlacht bei Skalitz und die Umstände seiner 
stettung, bei der sein Sergeant die Hauptrolle spielte, wieder in die 
zrinnerung zurück. In seiner soeben erschienenen grundlegenden 
ziographie Liliencrons berichtet Heinrich Spiero nach den Aufzeich⸗ 
ungen des großen Lyrikers von seiner „Feuertaufe“, die er im 
driege von 1866 erhielt. Bei der Eroberung eines Hügels, als er 
uf der eben erreichten Spitze einen österreichischen Jägeroffizier zur 
zrgebung aufforderte, wurde Liliencron, damals Sekondeleutnant im 
7. westfälischen Füsilier⸗Regiment, durch einen Revolverschuß aus 
ächster Nähe verwundet. Sein Sergeant A. Nimphius durchbohrte 
m nächsten Augenblicke den Offizier mit dem aufgepflanzten Seiten⸗ 
ewehr und trug den anscheinend Schwerverletzten aus der Schlacht⸗ 
mie in Sicherheit. Liliencron hat ihm diesen Dienst, der ihm das 
ꝛeben rettete, bis an sein Ende nicht vergessen und stets in treuer 
Freundschaft zu seinem Sergeanten gestanden. „Die Wunde“, erzählt 
r selbst, „war nicht gefährlich. Die Kugel, die mich in den Unterleib 
in der linken Hüfte traf, wurde durch mein Säbelkoppel, durch das 
ie ging, stark abgeschwächt. Trotzdem fiel ich in eine lange Ohnmmiacht. 
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etragen worden war. Ich schwamm in Blut. Nur noch mein zer⸗ 
issenes Hemd und das linke aufgetrennte Hosenbein waren meine 
inzige Bekleidung. Alles andere war verschwunden. Wahrscheinlich 
jatte man mich für tot gehalten. In den Räumen des kleinen Ge— 
äudes sah es entsetzlich aus. Wir, die Verwundeten und Sterbenden, 
agen buchstäblich wie die „Heringe“ gepfercht. Arzte und Lazareth— 
ehilfen „wateten“ müde bis zur äußersten Erschöpfung unter uns 
mher. Nachdem ich „ein Pflaster“ in der Eile (wahrscheinlich um 
nndlich das Blut zu stillen) erhalten hatte, fühlte mich ich wieder wohl, 
bgleich ich zuerst nicht gehen konnte.“ Liliencron erwähnt bescheiden, 
icht, daß er sich zunächst nicht festhalten ließ, sondern mit der Kugel im 
zeibe noch weiter kämpfen wollte, bis ihn eine tiefe Ohnmacht befiel. 
zeine Ungeduld und seine Sehnsucht nach weiterem Fechten waren 
groß, daß er am späten Abend „einfach „auskniff“, und zwar in 
öchst seltsamer Bekleidung: er trug die Feldmütze eines gefallenen 
züsiliers und dazu seidene Damenballschuhe, die er in dem Häuschen 
esunden hatte. „Mit dieser Kopfbedeckung und mit diesen Schußen 
abe ich bis nach Königgrätz, allerdings zu Pferde, in den beiden 
ächsten Gefechten bei Schweinschädel und Gradlitz als Kompagnie— 
ührer aushalten müssen. Von meiner Kompagnie, die ich von nun 
n als ganz junger Sekondeleutnant während des aktiven Feldzuges 
ührte, wurde ich mit vielem Hoch und Hurra empfangen und von 
jieinen Soldaten wie die alten merowingischen Könige in die Höhe 
ehoben. Bald nach Königgrätz fing meine Wunde an, sehr schmerz⸗ 
aft zu werden. Ich zeigte sie endlich unserem Oberstabsarzt. Der 
chlug die Hände überm Kopfe zusammen: „Menschenkind, um Gottes 
dillen, man hat Ihnen ja ein Pechypflaster aufgeklebt (eine spanische 
yliege) in der Eile!“ Das Pflaster wurde schleumigst entfernt. Ich 
vurde regelrecht verbunden und bin ruhig an der Spitze meiner 
dompagnie weitergeritten in Feindesland hinein.“ Nach dem Kriege 
rhielt dann Liliencron die für einen Sekondeleutnant hohe Aus— 
eichnung des Roten Adlerordens vierter Klasse mit Schwertern; sein 
debensretter Nimphius bekom das Militärebrenzeichen erster Klasse 
Briefkasten der Redaktion. 
Fragaus in Eutin. Die Eintalerstücle galten bis zur 
30. Sept. 1907 als gesetzliches Zahlungsmittel. Das 397 
Dreimarlstück gelangle am 20. Sept. 1908 zur Ausgabe. 
E. W. im Stadtteil Schlutup. Ein Zeichen des zunehmenden 
Wohlstandes der Bevölkerung Deutschlands erblidt man in 
»em raschen Wachstum der Sparkassenguthaben, die 1911 
18 Milliarden (mehr als doppelt so viel wie 1900) gestiegen 
ind. 1871 betrugen die Sparkasseneinlagen erst Milliurde 
MNark. Heute hat jeder Deutsche, im Durchschnitt gerechnet, 
über 800 Muauf der Syparkaßsse liegen 
Studenten als Bureaukraten. Der sonst nur für das Neueste 
vom Neuen begeisterten Jugend, dem frischen Draufgängertum der 
tudentischen Brausejahre macht R. Palleske in der „Zeitschrift des 
Ulgemeinen Deutschen Sprachvereins“ in launiger Weise Vorwürfe 
iber einen Zopf, der manchen schon befremdet haben mag, dem er 
zu Gesichte kam. Er meint, die Abfassung der Anzeigen, die frohe 
und ernste Ereignisse im Studentenleben mitteilen. Er schreibt u. a.: 
Der heilige Buraukratius, einst der allmächtige Gebieter in dem 
Hetöse verlassen haben, wie das achäische Heer das trojanische 
Pferd, sind fie die eigentlichen Gebieter, vor deren tnrannischen 
PVillen kein anderer besteht. Die erste Arbeit, die sie beginnen, 
st ein sehr ausgiebiges Frühstück, und wehe der Hausfrau, 
ie dazu nicht einen Berg von Eßwaren und lange Batterien von 
Bierflaschen heranschafft. Das Zimmer verfinstert sich, in dem 
ich die Möbelzyklopen zu diesem gigantischen Frühgelage nie— 
ergelassen haben. Wer sie dabei störte, den würde ihr Blick 
hon an die Wand drücken. Erst wenn sie sich schwer und 
rit gewaltigen Kiefern noch kauend von dem ertrotzten Mahl 
rheben, beginnt das Werk. Und da bekommt man allerdings 
‚ewaltigen Respekt vor diesen ebenso wuchtigen wie geschickten 
zäusten, die die monströsesten Möbelstücke im Nu in ein Netz 
on Seilen verstricken und mit einer zauberischen Schnelligkeit 
vegheben. Natürlich schlagen sie auch manches kostbare Gut 
a die Krümpe, und wenn sie es tun, dann tun sie es gründlich. 
im allgemeinen aber muß man anerkennen, daß diese Leute, 
ie in der Großstadt Gelegenheit haben, die seltensten Spezialfälle 
on Uehersiedelungen mitzumachen, die heute eine Siblioihek, 
norgen die Schätze einet Kunsthandeung und übermorgen vielleicht 
as Laboratorium eines Gelehrten von einem Ort zum andern 
erfrachten, ihr schweres Handwerk gründlich gelernt haben. 
*ie sind so außerordentlich geschult, daß eine solche Uebersiede—⸗ 
ung in manchen Augenblicken einem Lastenwettrennen gleicht. 
Za gibt es kein Zaudern und Halten, was die Hausfrau nicht 
orgsam vorher heiseite gestellt und gut verborgen hat, das 
rird wie von einem Wirbelwind davongetragen. Sie dringen 
n die letzte Bodenluke und in das finsterste Kellerloch. 
Diese verblüffende Schnelligkeit, mit der sie Berge von 
veräten versetzen, erlaubt es ihnen, sich die entsprechenden 
Zausen einzulegen, und von diefem gottgewollten Recht machen 
ie ausgiebigen Gebrauch. Plötzlich wird, und wenn die über— 
iedelnde Familie noch so verzweifelt die Hände ringt, Halt 
emacht, und keine Macht der Welt vermöchte sie daran zu 
indern, ihre Mundvorräte auszuradeen und ihre Zigarren zu 
DT 
rauchen. Sieht man näher hin, dann erkennt man, daß sie 
illes Eßbare und Trinkbare und Rauchbare, das in der ganzen 
Vohnung in Kästen und Schubfächern aufzutreiben war, n eine 
ẽde zusammengetragen haben. denn dafür haben fie einen raub- 
ierartigen Spürsinn. Besonders Wein, Bier und Tabak sind 
ach einem ungeschriebenen und um so unverbrüchlicheren Gesetz 
hnen rettungslos verfallen. Es wäre vergebene Mühe, sie 
or diesen Meisterkünstlern des Ein- und Auspadens zu hehlen. 
rkür einen Protest des erzürnten Haushaltungsvorstandes männ- 
chen oder weiblichen Geschlechts haben sie nur ein Knurren 
er Verachtung. Will man Ernst machen. dann erklären sie, daß 
ie die wüste Stätte ohne Verzug verlassen werden; man sieht 
jyren zornblauen Gesichtern an, daß sie erht recht keinen Spaß 
erstehen. Gebieterische DTrohung ist überhaupt ihr erprobtes und 
ie versagendes Mittel, durch das fie in jedem Falle ihren 
'wedh erreichen. Und wer nur ein wenig Erfahrung hat — und 
ler hötte die in Berlin. der Stadt der ewigen Umzüge, nicht —4 
er fügt sich ruhig in das Unvermeidliche. Der Haupteffekt 
ommt immer erst am Schluß. Es isst in Berlin allgemein 
sblich, daßk mit der Sneditionsfirma auch das Trinkgeld, das 
ie einzelnen Arbeiter und Pader zu bekommen haben, ausbe⸗ 
ungen wird. Es ist nicht niedrig bemessen. Aber man sollte 
cch mur unterstehen, ihnen dieses antliche Trinkgeld allein in 
ie schwieligen Tatzen zu legen. Es ist selbstverständlich, daß es 
eträchtlich überschritten werden muß. Aber es ist ein wohl 
u enspfehlender Brauch, ihnen nicht gleich das Ganze zu geben, 
vas man ihnen zuwenden will. Wenn man auch die Summe 
erdoppelt, sie bleiben wie die Mauern stehen. Und erst wenn 
nan noch etwas dreingibt, dann hellen sich die trutzigen Mienen 
uf, aus unheimlichen Ungetümen werden freundlich schmunzelnde, 
zutmũtige, ja unterwürfige Gesellen, die mit voller Herzlichkeit 
hr „Ich wünsche viel Glüch zur neuen Wohnung“ wie eine Fan— 
are henausschnrettern. Und wie ein rollender Tonner stampfen 
ie die Treppe hinahb
	        
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