Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

dienst benutzt wird. Ein einfacher, rechtediger Raum mit einer 
Anzahl von Säulen, viele mit prachtvollen Kapitellen. Die 
Zäulen sind sorgfältig und man sieht sofort, wie hoch der 
Zeldichukenherrscher die alte Kunst schätgte. Was für ein 
Unterschted zu dem Verhalten der Türken in Angora, die 
vahllos die antiken Inschriften und Slulpturenreste in die 
Stadtmauer einfügten, die meisten barbarisch verstümmelt oder 
erlebrt eingemauert. 
Als ich die Moschee Ala Eddins besuchte, war sie voll 
ron Soldaten, die aus dem Balkankriege zurükgekommen waren 
und die man dort einquartiert hatte. Sie gehörten zum 
Adrianopler Armeekorps, von dem man Teile auch sonst in 
der Stadt untergebracht hatte. Damals bestand der Plan, 
dies Armeekorps nach Konia zu legen. Unmittelbar darauß 
vurde Adrianopel wieder von den Turken genommen und nmun 
zat man natürlich den Plan aufgegeben. Trotzdem wird 
KRonia über burz oder lang Sitz eines Korpskommandanten 
verden. Die Stadt eilt mit Niesenschritten einer neuen 
Bluũteperiode zu. 
Aus der Koniaebene wird der Stadt der Segen lommen. 
Noch erblikt man vom Palasthügel aus eine gedrückte Stadt 
nit vielen Lehmhäusern und wenigen höherstrebenden Holz⸗ 
hzäusern reicher Türken und Armeniern, und dahinter eine 
'ast leere Ebene, die allmählich übergeht in die große Salz⸗ 
oũste, aus der Tag für Tag Kamelkarawanen Salzladungen 
jeranschaffen. Bald aber wird in der Ebene Gehöft an 
ßehöft sich drängen. Die Bercisserung der Noniaebene, die 
don der Anatolischen Bahn und in letzter Linie von der 
Deutschen Bank in die Wege geleitet ist, wird das bewirken. 
Liele Jahre ist an dem großen Werke gearbeitet worden, 
jetzt ist es fertig und harrt der Erlaubnis der türkischen 
Regierung, um in Beteieb gesetzt zu werden. Jeden Tag 
sann diese Erlaubnis kommen;: dann werden sich die Schleusen 
Iffnen und aus dem Bey Schehir⸗See, der in Luftlinie über 
20 km von Konia entfernt ist, wird das Wasser in tausend 
Kanälen die Konigebene durchfluten. 80 kmäist die Ent— 
serrung des Sees in Luftlinie, der Weg aber, den die Be— 
vässerung nimmt, ist weit länger. Bis zum Eintritt der 
Wasserzubringer in die Ebene sind es über 120 km, dann 
beginnt das Netz der Hauptkanäle, der Sekundärkanäle und 
der Tertiärkanäle. Jedem Bewässerungskanal entspricht ein 
Enlwässerungskanal. Das Gebiet, das zunächst bewässert wird, 
hat einen Flächeninhalt von 50000 chm, das ist aber, trotz- 
dem es an sich schon recht viel ist, doch nur ein sehr kleiner 
Teil der Konigebene Bewährt sich das Unternehmen — 
und daran zweifle ich nach der genauen Besichtigung der 
Anlage nicht im mindesten — so wird immer mehr Land 
n das Bewässerungsgebiet einbezogen werden. Wasser ist in 
em gegen 50 km langen und beinahe 20 kmü breiten Ben—⸗— 
Zchehir⸗See genug vorhanden. 
Die Bewässerungsanlage ist von einer Sondergesellschaft. 
der „Gesellschaft für die Bewüsserung der Konigebene“, aus- 
geführt worden. Auftraggeber dieser Gesellschaft war, wie 
schon gesagt, die Anatolische Bahn, die das größte Interesse 
schn deshalb an der Bewäfserung hat, weil aus der gestei— 
gerten Fruchtbarkeit der Konigebene ihr künftig eine starke Ver⸗ 
nehrung der Frachten erwachsen wird. Noch größeren Nutzen 
vat natürlich von den Arbeiten die türkische Regierung, die 
neue biühende Gebiete erhalten wird. Die Regierung übernimmt 
denn auch vertragsmähig das gesamte Bewässerungswerk nach 
Fertigstellung, und zwar zu einem Preise von 194 Millionen 
Francs. Ich kann mir nicht denken, daß die Anatolische 
Bahn an dieser Summe auch nur einen Pfennig verdient, ja, 
ich meine, daß sie noch Geld dabet zulegen wird. Es sind 
o schwierige Arbeiten notwendig gewesen, es ist außer den 
Kanälen eine so große Fülle von Schleusen, Wehren, Brüden 
uind Aquadukten gebaut worden, daß hierfür 194 Millionen 
Francs eine Lappalie bedeuten. Dabei sind die Wehren und 
Aquadukte zum Teil mich architektonisch von Reiz. Sie find 
in einfachen Formen erbaut, doch so, daß man merkt, es ist 
eine ästhetische Abficht an Werke gewesen. Dies ist vor allem 
das Verdienst des jetzigen Direktors der „Gesellschaft für die 
Bewässerung der Konigebene“, des preußischen Wasserbauinspek⸗ 
ors Weidner, der schon an der neuen Oderregulierung beson⸗ 
deren Anteil gehabt hat und der vom preußischen Ministerium 
der öffentlichen Arbeiten nach Konia empfohlen worden ist. 
Weidner ist seit etma zwei Jahren Leiter der Arbeiten und 
hat sie mit rascher Energie zu Ende geführt. Die Pläne haben 
wei Holländer, die Gebrüder Wentorp, aufgestellt und ihnen 
heiden dankt man auch die grundlegende Ausführung. Der 
eine der beiden Brüder ist schon gestorben, der andere ist 
noch als kaufmännischer Dareftor an her Remässerungsgesolsschaft 
Giovanni Boceaceio. 
Zur Sechshundertjahrfeier. 
Vor zwei Jahren hat sich der Stgatsanwalt zum letzten 
Male mit dem Decamerone befaht und die Illustrationen zu 
einer neueren Ausgabe beschlaanahmt. Er hat sie wieder frei—⸗ 
zeben müussen, und Menschen von Geschmach können das eigent⸗ 
lich bedauern, denn die Bildchen — sie rührten von dem 
nicht in jeder Beziehung in qutem Andenken stehenden Mar— 
quis de Bayros her — waren sühlich und recht übel, und dienten 
nur dazu, den Dichter und sein Werk von vornherein beim 
deser in ein falsches Licht zu sezen. Denn Giovanni Boccaccio 
da Cestaldo war wirklich alles andere als ein Dichter der 
Schlüpfrigkeit — nichts andererseits wäre freilich verkehrter, 
als vom Decamerone ein moralisches Pathos zu verlangen — 
und deshalb wird es schwer kein, einen wongenialen Illustrator 
einer Werke zu finden. 
Das Datum seiner Geburt ist unbekannt, man weiß mir 
das Jahr 1818, und deshalb konnten die Italiener, als sie 
in diesen Tagen in Cestaldo bei Florenz, wo er sein Gut 
hatte, und wo man ihm 1879 ein Denkmal setzte, die schönste 
Jahreszeit zur Jubiläumsfeier aussuchen, ob zwar die Kleri— 
lalen ein schiefes Geficht zu dieser Verherrlichung zogen. Man 
zat sich wenig darum gekümmert, und an Boccaccios Stellung 
in der Weltliteratur wird es auch wenig Andern, ob Staats- 
anwälte und Dunkekrränner Decamerone min hesonderer Zu—⸗ 
ieigung bedenken. 
Aber eben dieses Decamerone hat seinen Ruhm für immer 
zegründet und ist das Werk,. das ihn uns heute noch wert 
macht, wenn auch der Dichler noch manches andere Verdienst 
aufzuweisen hat. Diefe Sammlung von hundert Erzählungen, 
nit denen sich zehn Sprößlinge der Floren“ ner Aristokratie, die 
vor der Pest aufs Land geflüchtet sind, die Langeweile des 
ländlichen Aufenthaltes — man kcipte damals weniger Natur 
— während zehn Tagen vertrieben, sind nicht das Werk, 
das ihm als das höchste galt. Es entstand als ein Neben— 
zrodukt seiner gelehrten Studien wie die Märchen, die Jakob 
Srimmt, der vor 50 Jahren starb, und sein Bruder Wilhelm 
us dem silbernen Bronn der deutschen Volksdichtung schöpften, 
»nn die Stoffe der Fundert Novelsen find fastenie gridingse 
äta. Alles in allem haben die Arbeiten etwa sechs Jahre 
edauert. 
Darektor Weidner hat das aute Prinzip, die Ingenieur« 
tellen bei den Arbeiten, wenn irgend möglich, mit Deutschen 
u besetzen. So finde ich überall auf dem weiten Bewässerungsa— 
jebiet deutsche Regierungsbaumeister, prächtige Menschen, die 
ich freuen, mich in ihren Häusern bewirten zu können. Jedem 
zält die Gesellschaft außer Wagenpferden auch zwei Pferde 
um Reiten, und man trifft unter diesen Tieren gar nicht selten 
rabisches Vollblut. Und so jagen denn die Ingenieure, die 
u Hause wahrscheinlich am Schreibtisch hochen müßten oder in 
ußigen Fabriken, sonnengebräunt und lebensfreudig hin und 
Jer durch die riesige Steppe. Jeder Hat fseinen Distrikt, so 
roß wir zwei Rittergüter. Da sieht man, wozu unser Kolo— 
risieren und unsere Kulturarbeit in fremden Erdteilen vor allem 
zut ist: um unserer Intelligenz, unserem jungen, lebensfreudigen 
dachwuchs Moͤglichkeiten zu geben, die er zu Hause, wo alles 
berfüllt ist, nicht hätte. Wir brauchen Raum für unsere 
lugend, daß sie nicht klein wird und zag. 
Von diesem Felde frohesten Tatendrangs kehre ich in die 
ztadt Konia zurück. Dicht bei dem Mittelpunkt des Bewässe⸗ 
ungsebietes, dort, wo der große Zubringer des Wassers, der 
nausierte Tschai⸗-Fluß, sich zur Bewässerung rüstet, liegt die 
tation Tschumra der Bagdadbahn. Von hier fährt man bis 
tonia noch eine Stunde. In der Stadt bin ich zuagleich 
vieder tief im Orient. Ein Trupp Derwische komnit vorüber, 
Nitglieder des MeulanaOrdens, des größten Ordens der Türkei, 
er in Konia seinen Hauptsitz kat. Die Derwische tragen gelbe, 
öhrenförmige Hüte, doppelt so boch wie der böchste Zylinder, 
ind seidene Kaftans. Es ist Freitag, der islamische Sonntag, 
ind fie haben heute nachmittag zu Ehren Allahs in ihrem 
tloster getanzt. Auf ihren Gesichtern glänzt noch die Ehkstase. 
Vie doch hier alles bunt und phantastisch zusammenstößt! 
richt weit von Konia, dort, wo kahle Gebirge beginnen, sind 
zöhlen der ersten Christen und uralte byzantinische Felskirchen. 
zriechen knien dort noch heute in halbem Dunkel vor ver— 
»lichenen Muttergottesbildern und von den Felsengewölben schim⸗ 
nern geheimnisvolle Fresken. Seltsames Land, durchzuckt von 
Vidersprüchen, im halben Schlaf dahindämmernd. Und nun 
ommt deutsche Arbeit und läutet den Morgen ein und das 
erwachen..... 
Deutsches Reich. 
Der Kaiser in Trier. Am 14. Okiober, dem Tage der Ein— 
zeihung der neuen Brücke in Trier, wird der Kaiser in der 
s5tadt der Porta nigra erwartet. Voraussichtlich wird der 
daiser auch die neuen Ausgrabungen im Bereiche des Nöämer— 
astells besichtigen. 
Die Tragödie im Hause Sachsen⸗-Weimar. Das Heidelberger 
kdageblaft veröffentlichte gestern in Sperrdrud solgende schroffe 
zrklärmng: Dem Baron v. Bleichröder wurde, wie wir aus ver⸗ 
ntwortlicher Quelle erfahren, ausdrücklich oerboten, an der 
rauerfeier sowie an der Beisetzung teilzunehmen. Was die 
on einer angeblichen Heirat in Umlauf gesetzten Gerüchte 
etrifft, so braucht man nur den von dem Vater der Verstor— 
enen wiederholt getanen Ausspruch zu betonen, daß alles 
zeld der Welt nie genügen würde, die unüberbrüdbare Kluft 
wischen einer Prinzessin von Sachsen-Weimar und rinem Bleich- 
öder auszufüllen. 
Keine Erhöhmag der Eisenbahntarife! Die Zeitschrift des 
zerbandes deutscher Eisenbahnverwaltungen veröffentlichte in 
hrer letzten Nummer einen Artikel, der sich mit der Frage einer 
rhöhung unserer Eisenbahntarife beschäftigte. Es wurde darin 
ser Nachweis versucht, daß fast sämtliche europäischen Eisen⸗ 
ahnverwaltungen außer den deutschen in den letzten Jahren 
ine Tariferhöhung vorgenommen hätten. Wie uns im 
Rinisterium für öffentliche Arbeiten zu Berlin 
aAitgeteilt wird, darf aus diesem Artikel kein Rüdschluß 
jemacht werden auf eine veränderte Haltung der preußischen 
zegierung in dieser Frage. Jener Aufsatz hatte nur einen rein 
oflenschaftlichen und theoretischen Charakter, der in keiner 
bherbindung steht mit Auffassungen an maßgebender Stelle. 
Ddas vor einiger Zeit in der Norddeutschen Al'gemeinen Zeitung 
rfolgte Dementi der Nachricht, daß eine Tariferhöhung auf 
»en deutschen Bahnen in Erwägung gezogen werde, hat auch 
zeute noch und für absehbare Zeit volle Gültigkeit. 
Zur Streillage in Stettin. Der Magistrat erläßt folgende 
Zekanntmachung: Durch den Ausstand städtischer Hafenarbeiter 
md wir gendtigt, den städtischen Umschlagbetrieb im Frei— 
ezirk und im Dumiota: Bonto Dienctas ahond hie auf meitare— 
kerfindungen des Tachters, wie sie auch später immer wieder 
emutzt wurden, von Shakespeare bis auf Leffing, der dem 
ecamerone die Fabel Nathans von den drei Ringen entnahm, 
nd Gerhart Hauptmann, der den Griselda-Stoff bearbeitete. 
Zie ganze Fabulierlust nicht nur der Italiener, auch des Mor—⸗ 
enlandes und der Franzosen steckt in den Erzählungen, die 
n den Rahmen eingefügt sind wie Perlen in einen goldenen 
ztirnreif. Denn das gerade war seine Kunst, diese heterogenen 
?tosfe einheitlich zu gestalten, und vielleicht gelang es ihm 
eshalb so gut, weil er es mit sorgloser Unbekümmertheit 
end ohne den Ballast, der ihnen anhaftete, beizubehalten, 
nternahm. Vergewaltigt hat er derum doch keines dieser 
undert Kunstwerke, jedes einzelne hat sein eigenes köstliches 
eben, das sie heute noch ebenso genießbar macht, wie vor 
00 Jahren, Die alten Geschichten von Liebesglück und Liebes—⸗ 
iot, von frohem Scherz und derbem Spaß, von zarker Empfin⸗ 
»ung und tiefem Leid sind im Laufe der Jahrhunderte nicht 
ibgeblaßt, und ihre Natvität, die auch den schlüpfrigsten 
?toff veredelt, ist ein Vorzug, den wir heute nur mit Neid 
mpsinden, denn welcher von unseren Dichtern verfügt heute 
och darüber? Sie sind galso so gesund, diese Scherze von dem 
zärtner Masetto, der im Kloster als scheinbar stummer Gärtner 
en Nonnen ein Tröster wurde, von allen diesen Frauen, die 
hren Mann betrügen, und den frechen Mönchen, die so herz⸗ 
aft Prugel für ihre verborgenen Lüste beziehen. Und fret 
n Sentimentalität und Enpfindelei ist, was er von der Not 
er Liebenden erzählt; von der Frau, die das Haupt des 
zel'ebten im Blumentopf barg und den Rosenstoch, der darüber 
vuchs, beweinte, oder von Griselda, die in Treue um des 
Narlgrafen Liebe diente. Alle Lust und alles Leid steht im 
ecamerone, und derselbe Mann, der seine Freude am grob⸗ 
ornigen und hahneblchenen Spaß hat und dem geprellten Mann 
och ein Spottwort hinterdreinschidt, findet stille und sanfte 
Vorte, wenn das Geschick grausam in Gluck und Freude hinein-⸗ 
reift. Schon die Anlage des Werkes ist für diese fseine 
dunst bezeichnend: in Florenz wütet die Pest, und nicht weit 
»aWon ist die idyllische Ruhe und der heitere Frieden, in dem 
ie Jünglinge und Mädchen voll Lebensluft sabulieren. 
Die fröhliche Zeit der Troubadours und der Minnehöfe ist 
icht fern, und die Mutter Boccaccios ist ja auch eine Fran⸗ 
inzustellen. Der Umschlagbetrieb wird morgen (Mittwoch) früh 
durch einen Privatunternehmer, dem die nötigen Arbeilskräfte 
zur Verfügung stehen, aufgenommen und während der Dauer 
des Ausstandes ausgeführt. Die städtischen Kais, Kräne und 
dagerräume sowie die Bureaus im Freibezirk und am Dunigkal 
verden dem Unternehmer zu diesem Zwecke mietweise zur 
Verfügung gestellt. Der Betrieb erfolgt für seine Rechnung 
jegen eine Vergütung, die nach den Sätzen des siädtischen 
zasentarifs mit einem Zuschlag von 100 6 berechnet wird. 
ks werden von dem Unternehmer nur solche Guter umgeschlagen, 
deren Interessenten vorher unterschriftlich die Erklärung abge— 
Jeben haben, daß sie bereit sind, die Vergütung in Höhe von 
200 00 des städtischen Tarifs zu bezahlen. 
Sansabund. Wie wir hören, hat das Präsidium des Hansa— 
zundes eine Sitzung des Direktoriums des Hansabundes auf 
Den 29. Sept. nachmittags einberufen, in welcher zu der jüngst 
eschlossenen Arbeitsgemeinschaft des Zentralverbandes deutscher 
Industrieller mit dem Bund der Landwirte und dem Reichs 
deutschen Mittelstandsverband Stellung genommen werden soll 
Aus den Schutzgebieten. 
Zum Fall Schleiniß. Um das Zentrum aus der fatalen 
Klemme herauszupauken, in die es sich durch die Mitteilungen 
über den Fall Schleinitz versetzt suhlt, hat die Schles. Volks— 
tg.,, das Organ Herrn Erzbergers, u. a. auch behauptet, „daß 
ich schon unter dem Staatssekretär v. Lindequist das Anklage— 
naterial gegen Oberstleutnant Frhrn. v. Schleinitz so gehäuff 
jaben sollte, daß nur der Rücktritt Lindequists die Ausführ ung 
»es gefahten Beschlusses, Schleinitz nicht mehr nach Ostafrika zu 
chiden, verzögert habe.“ Natürlich ist das Schwindel. Die 
treuzztg. läßt sich denn auch „aus ganz sicherer Quelle“ noch 
dersichern, daß diese Mitteilung des Erzbergerblattes „völlig 
irichtig“ ist 
ausland. 
Schwelz. 
— Imntetnatzjonale Arbeiterschutzlonferenz. Die Kommisiion 
ür das Verbot der Nachtarbeit Jugendlicher hat das Inkraft. 
reten des Verbotes für die Glasindustrie und einige 3weige 
t Metallindustrie auf längere, Jahre hinausgeschoben, gis 
er Entwurr der internationalen Vereinigung vorsah, Die Är— 
riten der Kommission werden heute beendigt so dah die Schluß— 
itzung des Plenums der Konferenz vorgussichtlich am Mittwoch 
rattfindet. Die vexschiedentlich aufgestellte Behauptung,bel 
em Verbot der Nachtarbeit Jugendlicher habe die Kommission 
die Altersgrenze von sechzehn Jahren anstatt siebzehn und acht- 
zehn angenommen, weil einige wenige Staaten die Zuftim- 
nung zu einer höheren Altersgrenze verweigert hätten, ist un— 
tichtig: nicht eine Minderheit, sondern die große Mehrheit der 
Staaten üt für das sechzehnte Jahr eingetreten. 
Frankreich. 
Eutlafsjung der Jahresklasse 1910 in Frankreͤch. Der 
Ministerrat hat auf Vorschlag des Kriegsministers beschlossen, 
die Jahresklasse 1910 am 8Ropember zur Reserve zu ent— 
NAsoen 
Rußland. 
0. Der Varlamentsstreik der Minister. Ministerpräsiden: 
Fokowtzow hat dem Dumapräsidenten Radianko erktärt, das 
Kabinett werde auch in der neuen Session, das Pariamens 
olange, nicht besuchen, bis sich die Duma für die raktlosen 
Ausfälle des Führers der Rechten gegen das, Ministerium ent— 
chuldigt habe. Gegen die Forktsetzung des Ministerstreitks sollen 
ich der Landwirtschoftsminisier und der Verkehrsminister ausge 
prochen haben. 
PC. Moltszählung. Die Regierung beabsichtigt, demnächst 
n, der Reichsduüma einen Gesetzentwurf wegen Abhaltung einer 
illgemeinen Vollszählung in Rußland im Jahre I915 einzu— 
zringen.Im staetistischen Zentralkomitee des Ministeriums des 
Innern haben die vorbereitenden Arbeiten begonnen. 
PC. Petroleunrmonopol. Der Entwurf des Handelsmini— 
teriums über Einführung eines neuen Kronmonopols auf 
saphtha geht seiner Verwirklichung entgegen. Die Regierung 
zeabsichtigk, die der gern gehörenden Naphthaländereten in 
Zukunft nicht mehr zu berpachten, sondern selbst auszunutzen. 
Die jährliche Ausbeufe soll etwa 20 Millionen Pud Naphlha 
hetrggen. Der Bau großer Kronfabriken zur Bearbeitung der 
Naphthaprodukte ist vorgesehen. 
Vom Ballan. 
Eine Belgrader Note über die Haltung, die Serbien 
egenüber Albanien einnimmt, und die notdürftig verhüllte 
Iudrohung der Besetzung strategisch wichtiger Punkte au 
banischem Boden durch Serbien — die Annayme, daf 
derbien nach dem bewährten Balkanrezept sich mit dem Plan 
cägt. die Großmächte im Punkte der Aneiqnung albanischen 
ßebietes vor eine vollendete Tatsache zu stellen. Jedoch fehlt 
s in dieser Beziehung nicht an einem Moment, das es 
weifelba erscheinen laßt ob jene Balkanmethode auch in 
da rarhischalihanischen Falte irckführhar ca Donn die 
un 
zösin, eine Witwe in Paris, die sich dem Boccaccio di Belline 
n freier Liebe hingab: Paris ist die Stadt, in der er ge 
»oren wurde. Sein Vater wollte ihn erst zum Kaufmann, 
»ann zum Rechtsgelehrten machen, aber das Dichterblut ließ 
ich nicht bändigen. Schon bevor die Pest seinen Vater dahin⸗ 
affte, war sein Ruf begründet, dem Florentiner Hofe, an dem 
Zünste und Wissenschaften eine Pfegestätte hatten, stand er 
ahe, und einer Königstochter, Fiametta, die natürliche Tochter 
dönig Roberts von Neapel, hat er seine Liebe geweiht. Diefe 
riebe besingt er immer wieder, das Gewähren wie das Ver— 
chmähen. Seinen ersten Roman schrieb er jihr zu Gefallen, 
ind nach dem Bruch schuf er die Fiametta“. die Gescichte 
iner Leidenschaft. 
Als Dichter war er, wie alle Dichter seiner Zeit, auch 
ßelehrter. Die „Geneologia deorum“ und das Buch „De claris 
nalßeribus“ — „Von berühmten Frauen“ sind in erster Linie 
zie Früchte gelehrter Studien: sie haben den Malern der großen 
zeit des Quattrocento und Cinquecento die Stoffe ihrer Dar—⸗ 
tellungen gegeben, aller der Bilder aus der Mythologie und 
Aus der Sagenwelt des Orients und der Antike. Petrarca 
jannte ihn Freund. und Dante, der in Bitternis und Groll 
larb, ward erst durch ihn zum Nationaldichter Italiens. Der 
ndat von Florenz beauftragte ihn, öffentliche Vorlesungen über 
ie göttliche Komödie zu halten. Durch seinen Einfluß wurde 
der Grieche Leontius Pilatus als Professor nach Florenz berufen, 
ind so trug er zur Erschließung der griechischen Literatur bei. 
Luch als Diplomaten verwandte ihn Florenz; zweimal weilte 
r als Gesandter bei Urban V. in Avignon und Rom. 
Das. sind mancherlei Verdienste, durch die allein der Name 
Boccaccios schon wert waͤre, nicht der Vergefsenheit anheimzu— 
allen. Aber seine überragende Bedeutung für alle Zeiten 
ichert ihm doch nur das eine Werk, das Decamerone, das 
Buch mit den verliebten und scherzhaften, mit den komischen 
und trourigen Geschichten, das in der Weltliteratur neben dem 
Don Quixote, dem Pantaaruel und den Geschichten der Tausend 
und einen Nacht steht. Und wenn wir letzt das Andenken 
Messire Boccaccios feiern, keiern wir in erster Linie den 
Dichter dieses Buche« 7
	        
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