Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

Daß der Untergang des „L 1“ durch nicht vorauszusehende 
höhere Gewalt herbeigeführt worden ist, steht außer Zweifel. 
In der Beurlteilung der ihm vorliegenden Wettermeldungen ist 
der Kommandant durchaus sachhgemäß verfahren. Er stand 
im übrigen allgemein in dem Ruf eines außerordentlich tüch— 
tigen und vorsichtigen Führers der auch die Offiziere, die er 
auszubilden hatte, zur größten Vorsicht erzog. Daß die ganze 
Verwendung des „L 1“ auf den Grundsätzen größtmöglichster 
Vorsicht gestellt war, geht weiterhin auch aus der Anweisung 
hervor, die dem Führer sür die Teilnahme an den Uebungen 
mitgeteilt worden war: Die Sicherheit des Schiffes geht 
allem anderen vor. Wie alle Unglücksfälle in der Marine, so 
ist auch bei diesem wiederum dargetan, daß Offiziere und 
Mannschaften von hohem Pflichtgefühl dursch— 
drungen sind und bis zum letzten Augenblicke 
heldenmütig auf ihrem Posten ausgeharrt ha— 
ben, aber höherer Gewalt gegenübet, wie sie zur See und in 
der Luft oft eingreift, versagt die menschliche Kraft und auch 
unfere meteorologische Wissenschaft ist der schwierigen Aufgabe 
der Beurteilung so abnormer Witte ungsverschiedenhei en zurzeit 
nicht mit Sicherheit gewachsen. 
—öA 
(Telegraphischer Bericht.) 
(Machdr. verb.) J.& H. Jena, 14. Sept. 
Mit einer Begrühungsversammlung im hiesigen Volkshause 
hegannen heute ahend die Verhandlungen des diesiährigen 
sozialdemokralischen Parteitages, zu dem neben allen be— 
kannten Führer;n der VPartei, den Reichstagsabgeordneten sowie 
den sozialdemokratischen Abgeordneten, der deutschen Eingzelland— 
tage etwa 400 männliche und weibliche Delegierte aus allen 
Wahlkreisen des Reiches eingetroffen sind. 
Nach den Musik- und Gesangsvorträgen nahm der Vor—⸗ 
sitzende der Jenenser Parteiorganisation, Reichstagsabgeordneter, 
Stadtverordneter Leber (Jena) das Wort zur Begrußung der 
Erschienenen, in der er versicherte, daß die Jenenser Genossen 
alles aufbielen werden, um den zahlreich hier erschienzenen Ver⸗ 
tretern des Proletarxiäts und den Gästen aus dem Auslande 
die rote Woche so angenehm wie möglich zu machen. Redner 
erinnert an den jubelnden Beifall, der dem greisen Parteivor⸗ 
sitzenden August Bebel vor zwei Jahren auf dem Parieitag 
zuteil geworden sei, und wie mit diesem Beifall das Proletarigt 
das ehrwürdige Stück Varteigeschichte geehrt habe, das sich in 
ihm verkörpert habe. Von diesem Mann hätte man, heute ge— 
wünscht. daß er unsere Verhandlungen eröffnete. (Sehr richtig.) 
Wir sprechen unser lebhaftes Bedauern aus, daß er es nicht sein 
konnte. Reduer schließt; „Varteigenossen, wir wissen, daf 
eine Lücke durch Bebels Tod in unsere Reihe gerissen ist, de 
so leicht nicht ausgefüllt werden wird, aber dennoch haben wir 
die Ansicht, daß trotz aller Meinungsverschiedenheiten, die viel— 
leicht bei dem einen oder anderen Punkte ausbrechen könnten, 
der kameradichaftliche Geist unserer Genossen sie doch in fried⸗ 
licher Weise zum Austrag bringen wird. Wir alle haben ja 
den Wunsch, hier gute Arbeit zu leisten für die künftigen Kämpfé 
der Partei, für die wir Waffen schmieden müssen sowohl für das 
deutsche wie für, das internationale Proletariat. Daß der 
Parleitag in diescr Weise verlaufen möge, wünsche ich von 
Herzen und heiße Sie in diesem Sinne hier in Jena olle verelich 
willkommen.“ (Lebhafter Beifall.) 
Hierauf bestieg der Reihstagsabgeordnete Molkenbuhr 
die Redneatribüne, um als Vartefsältester den Dank der quswär— 
tigen Teilnehmer für die freundliche Aufnahme des Parteitages 
in Jensa zum Ausdruck zu bringen. Als man, do führte er 
aus, zum erstenmal nach Jena kam, bestand die Furcht vor der 
Kleinstadt. Aber dank der Tätigkeit der Varteigenossen in 
Jeun set diese Furcht in Sehnsucht umgewandelt worden. Sie 
hätten durch, die dreimalige freundliche Aufnahme des Vartei— 
tages es dahm gebracht, daß man immer wieder, wenn die 
Frage des Parteilggortes auflaucht, mit dem Pfarrer in „Hanne 
Nüte“ ausrufen würde; „Ich würde doch nach Jena gehen!“ — 
Wir hatten geglaubt, daß, August Bebel auch diefen Varteitag 
eröffnen werde. (Die Versammlung erhebt sich von den Plätzen 
und hört in lqutloser Stille folgende Gedächtnisredegufl 
AMugust Bebel an, Bebel hat sich noch gerüstet zur Reise 
nach Jena — da riß ihn der Tod aus unseren Reihen. Es war 
jene Nachricht, die am 13. August über den Weltbhall schwirrte; 
Arignst Bebel ist nicht mehr! — ein Schrei, der so schmerzhaft 
wirkte, wie selten ein Schrei das Proletariat berührt hat. Bebels 
Tod versetzte Millionen Proletarier in Trauer. Wo auf dem 
Erdenrunde lasserbewußte Proletarier zusammenkommen, da 
gedenkt man jenes Mannes, der dAs einer der ersten Vorkämpfer 
des Proletariats in allen Ländern gefeiert wird. Ja, wir sahen, 
daß selhst aus dem entferntesten Auslande Beileidstelegranimé 
famen, aus Orten, die weit in der Prärie liegen, und, was 
tiq mentlich ergreisend war, aus den Gefängnissen, in denen 
der blutrünstige Zarismus jene Leute knechtet, die für Recht 
und Freiheit tämpfen. Wenn Leute, die Bebel nie gesehen 
haben, die seine Sprache nicht verstehen, so in Trauer versetzt 
sind, um wieriel mehr wir, die wir ihn in unserer Mitte 
hatten. Dieser Parteitag ist der erste seit dem Sahre 1675, 
auf dem Pebel nicht erschienen ist. Da wäre es eigentlich, unsere 
Pflicht Bebels Bedeutung für die Sozialdemokratie hier, zu 
würdigen. Aber dazu ist kein Mensch in der Lage, wenigstens 
kein lebendiger ihn voll zu würdigen. Das bleibt kommenden 
Geschlehhtern vorbehalten. Den großen Vorkämpfern Lossalle 
und Marx wird Bebel immer zur Seite gestellt werden. Bebel 
war der größte Taktiker, den die Partei gehabt hat, in ihm 
mar oↄllos Alncitch pereint ai Qind hofte ar die Fανιαν 
n 
und hat nun eine heimliche Wut auf mich. Na, und da hetzt 
er mir eben sein getreues Faktotum Lassel auf den Hals.“ 
Gerda nidte. „Das mag wohl sein.“ 
Toch dann legte sie dem Gatten die Arme um die 
Schultern. 
„Dann will ich dich auch gar nicht länger mehr aufhalten. 
Daß du nicht etwa noch nieinetwegen Verdruß hast. Also 
addio, Liebster. Und laß dich nicht ärgern von dem dummen 
Menschen. Hörst du? Denk' immer: Nur ein paar Wochen 
noch — dann könnt ihr mir ja allesamt gewogen bleiben.“ 
„Aergern?“ Er lachte. „Das gibt's za nicht. Aber kommt 
mir der Bursche zu unverschämt, dann fahre ich mit ihm ab, 
daß es seine Art hat! — Na. also auf Miedersehen. heute 
bei Adlon.“ 
„Ja!“ Und sie erinnerte ihn noch einmal: „Um zwei 
Uhr. Wir sind pünktlich da, wahrscheinlich sogar schon vorher.“ 
Sie hatten sich nämlich mit Klaus und Astrid, die heute 
chon in aller Frühe aus dem Hotel angeklingelt hatten, zum 
Frühstüch bei Adlon verabredet. Astrid wollte Gerda noch 
vorher allein aussuchen. während ihr Mann einen aeschäftlichen 
Weg machte. 
Und die Schwester kam denn auch nachher, wie verabredet. 
Sie sah ganz allerliebst aus als blutiunges Frauchen. Todschich 
in ihrem Riesenhut und dem engen Poiret-Kleide, in dem sie 
kaun vorwärts konnte. Aber dennoch war sie noch ganz der⸗ 
selbe Wirbelwind wie als Mädchen. Auch nun, wie sie der 
älteren Schwester noch auf der Diele um den Hals fiel. Sie 
hatten sich ja seit ihrer Hochzeit nicht mehr gesehen. Tann 
machte sie fich wieder aus der Umarmung frei. Sie sah 
sich nun zufällig in Spiegel und mußte plötzlich lachen. 
„Tas muß ja übrigens eben ein gottvoller Anblich ge⸗ 
wesen sein, wie ich so in meinem Humpelrodk auf dich zustolperte. 
Kinder, was ist diese Mode doch blödsinnia!“ 
Und doch machst du lie mit“ 
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des Militär⸗ und, Polizeistaats kennen gelernt, als Jüngline 
Ttrug er die Leiden kapitalistischer Ausbeutung. Die Be— 
undung der internationalen Brüderlichkeit im 
Jahre 1870 von der Reichstagstribüne herab hat init dazu bei— 
jetragen, seihen Namen in alle Länder zu kragen. Bebel 
var ein Realpolitiker im allerbesten Sinne des Wortes, und 
wemnn er auch fest glaubte, daß in einem Jahrzehnt der Zukunfts— 
staat verwirklicht werde, so wollte er doch nicht, daß Not und 
kElend noch zehn Jahre weiter bestehen sollten, die vorher be— 
eitigt werden konuten. Was Bebel in den 46 Jahren seinen 
parlamenigrischen Arbeit geleistet hat, ist ein Stück Parteige, 
schichte. Er hat bis zum letzten Atemzuge seine Kraft eingeseßt. 
um Not zu lindern, um Bedrückte zu befreien. Am 13. Augull 
schloß der Tod Auge und Mund des großen Freiheitskämpfers. 
August Bebel ist für uns nicht tot, er lebt und fämpft weiter 
mit uns. Die Framme der Begeisterung, die er in den Herzen 
des Proietariats entfacht hat, wird nie verlöschen; das Pro— 
letarigt schreitet fort in der Bahn, die er zns geführt hat, 
zum Siege, und wenn am Tage des Sieges sich alle Proletarier 
die Bruderhand reichen werden, dann werden sie willig die 
Jroßen Verdienste des größten Taktikers anerkennen. 
Der Rotmer konstatiert, daß die Versammlung sich zu 
Ehren Bebels von den Plätzen erhoben hat und zugleich zum Ge⸗ 
löbnis dafür, daß die Anwesenden in seinem Sinne weiter wirken 
verden, für die Partei. (Vereinzelter Beifall. der aber sofort 
erstickt wird.) 
Der Redner streift dann die innere und äußere politische 
dage und erklärt den diesjährigen Partéitag für ersffnet. Auf 
Vorschlag des Redakteurs Lipinski (Leipzig) wurden zwe⸗ 
Vorsitzende mit gleichen Rechten, Ebert (GBerlin) und Boe 
Gotha), bestimmt. Der letztere wurde gewählt, weil er vor 
38 Jahren den Einigungskongreß der deutschen Sozialdemo— 
kratie in Gotha geleilet hat. Hierauf wurden neun Genossen 
ruus Steftlin, Kassel, Bochum, München und anderen Städten 
ut Schriftführern gewählt. Nach einer Reihe von Begrüßziings— 
Insprachen, darunter von Pernerstorfer (Wien) wurde der 
Begrüßungsabend geschlossen. Die Verhandlungen des Partei— 
tages werden morgen. Montag, früh 9. Uhr beginnen. 
* 
Deutsches Reich. 
Der vberste Kriegeherr und das bayerische Zentrum. Auf 
dent bayerischen Landeskriegertage hat der Festredner, der Kel— 
heimer Bezirksamtmann Narciß, seine Festrede nach den Be— 
ichten liberaler Blätter mit einem dreifachen Hurra auf den 
Kaiser als obersten Kriegsherrn. geschlossen. Das Münchener 
Zentrumsorgan glaubt, diese Berichterstattung für falsch halten 
zu müssen, und hegründet seinen Zweifel folgendermaßen: „Dañ 
ein kgl. bayerischer Bezirksamtmann nicht wissen sollte, wer 
n Bayern oberster Kriegsherr ist, darf wohl als ausgeschlosser 
zelten. Oder sollte von Amts wegen ein Beitrag geliefert wer— 
den zur Beglaubigung der jüngsten, von Befriedigung getra— 
genen Konstatierung der liberalen Köln. Ztg., daß in Bayern 
der Partikularismus im Verschwinden sei? Dazu bräuchte (7) 
es aber nicht so weitgehende Konzessionen, daß man selbst die 
Verfassung ignoriert. Unser oberster Kriegsherr ist und bieibt, 
venigstens vorläufig, der König von Bayern.“ Der Bayerische 
Kurier wäre gut beraten gewesen, wenn er sich die Strapaze 
einer verfassungsrechtlichen Belehrung des Bezirksamtmannes 
von Kelheim erspart hätte. Denn obwohl das bayerische Heer, 
wie Meyer-Anschütz in ihrem „Lehrbuch des deutschen Staats— 
rechtes“ schreiben, einen in sich geschlossenen Bestandkeil des 
Reichsheeres mit selbständiger Verwaltung unter der Militär— 
hoheit des Königs von Bayern bildet, war der Bezirksamsmann 
»on Kelheim doch berechtigt, als Bayer den Kaiser „obersten 
Zriegsherrn“ zu nennen. Artikel 4 des Bündnisvertrages mit 
ßayern vom 23. November 1870 bestimmt nämlich: „Im 
triege sind die boayerischen Truppen verpflichtet, den Befehlen 
des Bundesfeldherrn unbedingt Folge zu leisten. Diese Verpflich- 
ung wird in den Fahneneid aufgenommen.“ Gemätß dieser Be— 
timmung ist der Kaiser auch für das bayerische Heer der oberste 
triegsherr, zumal da das bayerische Heer auf Anordaung 
des Kaisers in Kriegsbereitschaft gesetzt wird. Angesichts einer 
olchen verfassungsrechtlichen Regelung der Stellung des Kaisers 
um bayerischen Heere ist es ein unhaltbarer Vorwurf, daß der 
Bezirkeamimann von Kelheim die Verfassung „ignoriecte“, als 
r den Kaiser „obersten Kriegsherrn“ nannte. Im Gegenteil hat 
Bezirksbamtmann Narciß den tatsächlichen Verfassungszustand 
nit jener Wensung durchaus richtig umschrieben. Wer das be— 
treitet, treibt nur eir Spiel mit Worten. Vermutlich hält der 
B. Kurier Uebungen auf dem Gebiete der Wortspielerei deshalb 
für erfprießlich, weil er die Einberufung eines außerordenklichen 
bayerischen Zentrums-Parteitages betreibt. bpt. 
Eine Wendung in der Polenpolitik. Kurier Lusowsk meldet 
aus Posen, daß sich dort Gerüchte über eine Wendung in der 
preußischen Polenpolitik erhalten. Der Oberpräsident der Pro— 
vinz Posen, von Schwartzkopff, babe Kaiser Wilhelm II. und 
die führenden preußischen Kreise für ein wenigstens in der 
Form milderes Vorgehen den Volen gegenüber gewonnen, um 
die polnische Bevölkerung des Königreichs Polen versöhnlicher 
zu stimmen. Im Winter des Jahres 1912 habe die preußische 
Regierung erkannt, daß Oesterreich in dieser Beziehung vol 
Preußen einen nicht zu unterschätzenden Vorteil voraus habe 
Wir wollen hoffen, daß sich diese Gerüchte. deren Ursprung 
schon verdächtig ist. nicht bewasrhoöite 
„Aber doch selbstverssändlich. So toll wie möglich.“ 
Gerda sah lächelnd auf der Schwester überenges Kleid, 
mie sie sy neben ihr ins Zimmer trat. 
Fortsetzung folgt.! 
Theater, Kunst und Wissenschaft. 
Erösfrung des neuen kön'gl. Swaufpie hauses in Dresden. 
Sonnabend abend um 9 Uhr fand, wie uns unser DP.⸗ 
Korrespondent aus Dresden meldet, die feierliche 
Eröffnung des neuen kgl. Schauspielhauses, das z. 3t. tech— 
nisch vollkommenste Theater der Welt, vor einem 
geladenen Zuschauerkreise statt. Der König, der erst am späten 
Nachmittage aus dem Manöver zurückgekehrt war, wohnte der 
Fröffnungsvorstellung in der eingebauten Galaloge des ersten 
Ranges bei, während die Hofloge von dem Prinzen und 
Prinzessin Johann Georg und dem Prinzen Christian besetzt 
war. Die Staatsminister und Hofchargen sowie das diploma— 
tische Horps waren zahlreich vertreten. Der Hof erschien mit 
großem militärischen Gefolge. Unter den Anwesenden wurden 
u. a. bemerkt Prof. Artur Kampf, der Präsident der Ber— 
iner Kunstakademie, und Prof. Justi, der Direktor der Natio— 
nalgalerie, Graf von Hülsen-Haeseler, Generalintendant von 
Putlit (Stuttgart), die Intendanten Graf von Bylandt-Rheydt 
Kassel), von Puttkamer Gannoper), von Frankenstein (Mün— 
ben), Holthoff von Fassmann (Koburgh, von Heyden— 
Rynsch (Gera), Dr. Bassermann (Karlsruhe), Volkner (Frank—⸗ 
urt), Direktor Gregor von der Wicner Hofoper, Eger (Darm— 
tadt), Bömly (Dessau), Geheimrat Bachur (Hamburg), Ri⸗ 
hards (Halle), der ewigjunge Ernst von Possart, General— 
ntendant von Radetzky Mikulich (Oldenburg), von Schirach 
Weimar), fernerhin Hugo Thimig als Vertreter des Wiener 
zZurgtheäters, Geheimrat Max Grube (Gamburg), Direktor 
Weiße (Wiener Volkstheater). Geheimrat Martesteia (Leipziqg) 
D. B.K. Jesuitenmoral. Der römischen Moraltheologie 
insbesondere der römischen Kasuistik, der Behandlung einzelner 
Moralfälle ist schon aft vorgeworfen worden, daß sie den 
derpflichtenden Ernst des christlichen Sittengesetzes untergrabe, 
erst strenge Gebote aufstelle, aber dann Hintertüren zeige, durch 
oie man entwischen könne, daß sie im Grunde genommen eher 
entüttlichend als versittlichend wirken. Zu diesem Urteil muß 
man auch gelangen, wenn man ein neueres römisches Moral— 
buch durchliest, Telch: Epitome theologiae moralis universae, 
excerprum ex Summa theol. moralis, Noldin 8. J. (Innsbrud 
1912, 539 S., 3,40 M). Das ist ein Auszug aus dem be— 
tannten Moralwerk des Jesuiten Noldin, man darf also in den 
gleich anzuführenden Entscheidungen und Moralfragen wohl sagen, 
daß sie jesuitischen Geist atmen. Welches der Geist ist und 
ob stärkere Verbreitung dieses Geistes durch Rückkehr des 
Jesuitenordens nach Deutschland für die Hebung der Sittlich— 
keit im latholischen Volke wünschenswert sei. darüber möge 
man nach folgendem entscheiden. Wir finden da nämlich 
unter anderem folgende Resolution: „Es ist wahrscheinlich, 
daßß das bürgerliche Gesetz, welches Kauf und Verkauf eines 
an einem offenen Ort — in dem ein anderer das ausschließ— 
liche Recht auf Jagd und Fischerei hat — gefangenen Tieres 
für ungültig erklärt, mit dem Urteilspruch des Richters nicht 
im Gewissen zum Ersatz des Tieres verpflichtet. Das heißt 
auf gut deutsch: Dieses Moralwerk erlaubt den Wilddiebstahl 
und den Handel mit gestohlenem Wild. Die jesuitische Moral— 
naxime lautet: Treibe Wilddieberei, aber laß dich nicht er— 
wischen und vor den Richter bringen.“ — Höchst bedenklich ist 
auch folgende Resolution: „Wahrscheinlich sündigt ein Richter 
nicht, wenn er einen verurteilt, der in der Verhandlung (ex 
actis) als schuldig erwiesen wird, von dem aber der Richter 
aus privater Kenntnis sicher weiß, daß er unschuldig ist, wo— 
ern es sich nicht um Todes- oder Kerkerstrase handelt. Und 
vpeiter für Geschworene: Mit Wahrscheinlichkeit kann und soll 
er jeden Angeklagten für unschuldig erklären. den er aus 
einer privaten Kenntnis gewiß für schuldig kennt, der aber 
n der Gerichtsverhandlung (ex actis indicialibus) nicht als 
chuldig erwiesen ist.“ — Wie man nicht nur dem staatlichen Gebot, 
ondern auch dem Kirchengebot keck eine Nase drehen kann, 
ehrt folgende Resolution: „Wer aus einem hkirchlicherseits ver— 
zotenen Buch lesen gehört, ist wahrscheinlich nicht unter die 
Lesenden (denen nämlich das Lesen verboten ist! D. Red.) zu 
ählen, wenn er auch selbst den Vorlesenden zum Lesen veran— 
laft hat.“ — Die ganze Veräußerlichung der römisch-jesuitischen 
Ethik bekundet folgender Satz: „Es ist wahrscheinlich nicht 
gegen die Gerechtigkeit, einen Teil des Stipendiums für die 
Messe, die man einem anderen übergeben hat (nämlich, um 
sie zu lesen. D.Red.), für sich zurückzubehalten, sondern es 
ist nur gegen die Religion und darum braucht der zurück— 
behaltene Teil nicht ersetzt zu werden.“ Natürlich darf in 
einem solchen Werke auch eine gelegentliche Herabsetzung der 
kvangelischen nicht fehlen. Sie ist in folgender Bestimmung 
über Verlöbnisse enthalten: „Verlöbnisse mit einer nicht— 
atholischen Person können fast immer schon deshalb mit gutem 
Grunde (iuste) aufgelöst werden — wofern nicht der katholische 
Jüngling ein katholisches Mädchen unter dem erdichteten Ver— 
wrechen der Ehe defloriert hat und auf andere Weise das 
Unrecht nicht gut machen kann, als indem er sie heiratet — 
veil eine Mischehe wahrscheinlich fast immer irgend eine leichte 
Sünde ist.“ Also dem Protestanten gegenüber ist eine Ver— 
letzung von Treu und Glauben ruhig erlaubt. Das Schlimmste 
st aber, daß solche jesuitische Moral bei dem römischen Klerus 
Zustimmung findet. Denn die in Trier herausgegebene 
Monatsschrift für kirchliche Wissenschaft ()) und Praxis des 
„Pastor bonus“ (XXV, 9, S. 551) erklärt diese Resolutionen 
als „höchst erwünschte Direktive für das pastorelle Wirken“, 
empfiehlt das genannte Buch „angelegentlichst“ und bezeichnei 
es vollends als „zunächst für die Studierenden berechnet“, 
So schaut die Erziehung des römischen Klerus in Jesuiten— 
moral aus und dagegen soll man sich nicht wehren dürfen! 
* o 
Ausland. 
— Rußland. 
DT. Ene neue russihche Probemobilisieriing. Die russische 
Armee wird auch in diesem Herbst eine „Probemobilisierung'“! 
eines grohen Teiles ihrer Streitkräfte vornehmen. Ende Sep⸗ 
tember (russischen Stils) werden alle Reservisten der vier Kreise 
des Gouvernements Psikow, aus drei Kreisen des Gouverne— 
ments Witebsk und aus einem Kreise des Gouvernements 
Mohilew unter die Fahnen gerufen werden. 
DT. Neugestaltung des russischun Kablneites. In diploma⸗ 
tischen Kreisen hält sich hartnäckig das Gerücht, daß Ende des 
Jahres Kokowzow seinen Posten verlassen wird. Er soll in 
den Grafenstand erhoben werden und mit einer 
außbergewöhnlichen diplomatischen Miission betraut wer— 
den. Er wird wahrscheinlich als Botschafter nach 
Norl: —B Pari⸗e aehen Als soin Nachfolger 
— 
Or. Loewe (Breslau), Direktor Zimmermann (Düsseldorf), Bock 
Petersburg), Taubert (Chemnitz). Berlin war vertreten duech 
dr. Paul Lindau, Prof. Max Reinhardt, Opernhausregisseur 
Droescher, Siegwart Friedmann, Direktor Hartmann von der 
Charlottenburger Oper, Max Pategg von den Schiller 
cheatern, Berliner Generalintendant Graf Bolko von Hochberg, 
Serhart Hauptmann und sein Bruder Karl Hauptmarnn, Her— 
»ert Eulenberg, Hugo von Hofmannsthal Max Halbe, Max 
Dreyer, Ernst Hardt, Adolf Paul, Birinski, Stefan Zweig, 
Raoul Auernheimer, Felix Saltern, Siegfried Trebitsch, Eber— 
hardt König, Heinrich Lilienfein, Gustav Kadelburg, Koppel— 
Ellfeld, Leo Lenz, Dr. Dinter, Otto Borngräber, Erich Schlajker, 
Hustadv Wied. Die Jubelouvertüre von Carl Maria von 
Weber, vom Generalmusikdirektor von Schich dirigiert, er— 
zffnete die Vorstellung. Daran schloß sich der szeniste Pro—⸗ 
og von Herbert Eulenberg, der zur Eröffnung des Hausee ge⸗ 
dichtet war. Bei den letzten Worten ertönte die Musik von Karl 
bembaur, die unmittelbar überleitete zu der Aufführung von 
Kleists Fragment „Robert Guiscard“. Nach einer kurzen Pause 
solgte die Aufführung eines zweiten klassischen Fragments, der 
Torgauer Heide“ von Otto Ludwig. Beide Stücke troaren mit 
den hervorragendsten Kräften des Kol. Schauspielhauses, 
1. a. mit Hans Fischer, früher Mitglied des alten Lü— 
ßecker Stadttheaters unter Direktor Friedrich Erdmann— 
Jesnitzer und Hans Walberg, früher Mitglied des Lübecker 
Wilhelmtheaters unter Direltor E. Feld husen be— 
etzt. Die Vorstellung war künstlerisch und technisch bis ins 
Kleinste vollendet. Als der König das neue Schauspielhaus 
jerlieb, brachte ihm das versammelte Publikum lebhafte Hul— 
zigungen dar. Die auswärtigen Intendanten, die Dichter und 
die Vertreter der Presse waren nach der Vorstellung Gäste des 
Kgl. sächsischen Hofintendanten Gerdeen Terba. Die Baukosten 
»es Theaters, das nach den Psäten von Lossow und Kühne 
errichtet ist. heftrggen 2760 000 M
	        
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