Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

Cas ist der Unterschied zwischen einem großen Geschäft 
und einem Trust: ein Trust ist eine Einrichtung zum Zwecke 
der Beseitigung der Konkurrenz: und ein großes Geschäft ist 
ein Unternehmen, das die Konkurrenz überdauert, andem es 
auf dem Gebiete der Tüchtigkeit und der Sparsamkeit fiegte. 
Fin Trust bereichert nicht die Leistungsfähigkeit des Handels: 
er kauft die Leistungsfähigkeit auf. Ich bin für große Ge— 
schäfte und gegen Trusts. Vor jedem Manne, der durch seine 
Tüchtigkeit besteht, vor jedem, der den anderen aus dem 
Felde schlagen kann, weil er jeine Fabrikate den Konsumenten 
billiger lefern kann und zugleich ihren Gebrauchswert und 
ihre Qualität zu verbessern permag, vor jedem Manne, der 
das vermag, ziehe auch sich den Hut und sage: „Du bist der 
Mann. der die Vereinigten Staaten in die Höhe bringen kann, 
und ich wollte, es gäbe noch mehr von deiner Art.“ Aber 
mehr von dieser Art wird es nicht geben, so lange nicht 
ein Mittel gefunden wird, Monopole zu verhindern. 
Bund der Industrielen. 
Teiegraphischer, Bericht,) — 
grapb zh. Leipzigs, 10. Sept, 
AUnter autzerordentlich zahlreicher Beteiligung, seiner Mit— 
ztieder trat hijer im großen Kongreßsaale der internationalen 
Baufachausstelluns der Bund der Industriellen zu jeiner dies 
Ahrigen Generalverfammlung zusammen. Eingeleitet 
vurden die Verhandlungen durch eine Sitzung des Großen Aus— 
schusses, die der Vorsißende Köommerzienrat Friedrich 
Potsdam) mit einer Begrüßung der Exschienenen eröfnete. 
Vor Eintritt in die Tagesordnung führte Kommerzienrat Fried- 
rich aus; Wir wollen des schweren Unglüdsfalles gedenken, der 
die deutsche Nation und besonders die deutsche Marine betroffen 
hat. Ich möchte im Namen des Bundes der Industriellen 
unferem iefsten Bedauern üher den Unglücksfall Ausdruck geben. 
Dde Verbammlung erhob sich zum Zeichen der Trauer von den 
Sitzen. 
Hierauf wurde in die Tagesordnung eingetreten. An 
erster Stelle sprach Syndikus Dr. Schneider Gerlin) üver: 
Aue suhrindustrie und Mittellandkanal. 
Er führte aus, daß ein Mittellandkanal für die Interessen 
hder deutschen Industrie außerordentlich notwendig sei, In 
Deutschland sei vielfach der Sitz der Verarbeitungsin dustrie sehr 
veit von der Stätfte entfernt, wo die Rohstoffe produziert wer— 
den, vielfach müßten sie sogar aus dem Auslande herangehracht 
werden. Die ganze Verarbeitung, der Industrie Deutschlandz 
muß für fast alle ihre Rohstoffe mit erheblichen Frachtkosten sich 
belasten. Das große Problem des Mittellandkanals ist ein alter 
Plan, der schon, vor einem Jahrhundert erörtert worden ist, 
und den namentlich die preußische Regierung seit 60 Jghren 
immer, wieder in Denkschriften behandelt hat. Der Mittelland 
lanal soll die vatürlichen Wasserstraßen des Ostens mit denen 
des Westens verbinden. Der Redner geht dann auf die historische 
Entwidlung des Problems in längeren Ausführungen nähen 
ein. Im Jakhre 1886 wurde die Schaffung des Dortmund⸗ 
Ems⸗Kanals besprochen und hervorgehoben, daß dieser 
nur din, Anfang der großen Wasserstraßen von, Westen rad 
Osten bilden sollte. Nun machte sich aber bald ein Widerstand 
gegen diesen Kangl geltend, der sich in den neunziger Jahren 
verdichtete. Es ist befonders die Agrarische Politik. ge— 
vesen, die sich gegen die Verbilligung der Frachten, besonders 
der Wasserfrachlen, richtete. Es rde gegen den Kanal ve— 
onders geltend geinacht, daß durch ihn eine Verschiebung aller 
Wettbewerbsverhältnisse stattfinden würde. Dieser Enwand 
darf aber nie gegen den Bau einer neuen grohen Wafferstrade 
erhoben werden; eine Verschiebung alter Weribe- 
werbspverhältnitse tritt ja guch beim Bau einer Jeden 
Eifenbahnlinie ein. Es war besonders der Bund der Land 
virte, der bei dem Kampf gegen den Kanal mit aller Energie 
infetzte. und dieser Kampf wurde, damals zu, einer groben 
politischen Aktion. Obwohl der damalige drinhedhr deen 
Boherlohe energisch für die Vorlage eintrat, scheiterle, das 
Fanalorojekt doch. Es schetterte besonders deshalb, weil es 
Regierungsstellen gab, die im Widerspruch zu dem Ministerprä— 
identen. hesmlich den Kampf gegen den Kanal führten, beson⸗ 
ders der Finanzminister Miquel. So herrschte allgememe An— 
llarheit, bis der Kaiser bei der Einweihung des Dortmund- 
Ems-Kanals energisch für die Förderung der Vorlage 
eintrat. Er exklärte, daß er und seine Regierung die Durd— 
führung des Mittellandkanals unbedingt zuwegebringen wollse. 
Acht Tage noch dieser Rede erfolgte die glatte Äblehnung durch 
das Abgeordnetenhaus. Damals kümdete der Minister— 
präffdent an, daß die Vorlage wiederkommen würde. Im Jahre 
1900 brachte die Regierung wieder eine Vorlage ein, gus der 
gewissermahen das Herz ausgeschnitten war. Sie brachte nur 
zinen Kanglvom Rhein bis zur Weser mit einem An— 
schluzkanal bis Hannoper. Dieser Kanal war eswas Janz an⸗ 
deres als, der erste Mittellandkanal der wirklich großzügig 
war. Dieler Torso vom Rhein bis, Hannover wurde bewilügi 
und ist nahezu fertiggestellt. Abepn feitdem ruht die ganze An— 
gelegenheit und ist völlig eingeschlafen. Der Redner wies auf 
die großen Schädigungen hin, die die Industrie, und besfonders 
die ostdeulsche Industrie, erlitten habe Er, ging auf, das 
System der Getreideeinfuhrscheine ein, das sich gls 
ein Mißgriff erwiesen habe. Die Berteuerung ver Preise, die 
vir durch, das Fehlen des Mittellandkanals zu heklagen haben, 
ind Ebenso dradend wie die Kosten, die wir für die Soziat- 
politik aufzubringen haben. Andere Länder geben, uns ein 
leuchtendes Vorhild, wie man sich in bezug auf Wasserftrahen 
zu verhalten hat. Oesterreich hat trotz seiner finangieilen und 
parlamentarischen Schwierigkeiten große Mittel siüssig gemachl 
zum „Bau von Wasserstrahen, ebenso Frankreich und Amcrita. 
Es folgie die Besprechung über den Vortrag. Land— 
agsobgeordneter Fuchschwert (Magdeburg) betonte, dah er 
As Angehöriger des Hammersteinschen Ausschuffes sür den 
Bßau des Mittellandkanals besonderes Intereffe an diefem 
i der Togee⸗Bnung habe und dem Vorfiand außerordenmsea 
„Herr Oberstleutnant wissen ja — das Examen für die 
Kriegsakademie.“ 
„Ja, ja — aber nur nicht übertreiben. Na, dann reisen 
Sie nur, Kyllburg. Wann wollen Sie denn fort?“ 
.Sobald es Herr Oberstleutnani ermöglichen könnten.“ 
(Fortsetzung folgt.) 
Theater, Kunst und Wissenschaft. 
Adolf Wach. Seute, am 11. Sept. begeht Adolf Wach auf 
seinem Schweizer Landsitz bei Interlaken, wo er vor 30 Jahren 
sein großes Handbuch des Prozeßrechts vollendet hat, den 
70. Geburtstag. Mit Fug und Recht hat die Deutsche Juristen— 
zeitung in ihrer Nummer vom 1. Sept. diesem Jubiläum einen 
besonders herzlichen Festaufsatz gewidmet; „ein Dank- und 
Erntefest für die ganze Rechtswissenschaft“ nennt Kahl darin den 
Tag. Denn in Adolf Wach verkörpert sich heute mehr als in 
irgend einem andern die große Zeit der deutschen Nechtswissen⸗ 
Ichaft und der deutschen Justizgesetzgebung. Er hat noch als 
Rostocder Professor im Spruchtollegium der Fakultät das alte 
gemeine Recht gehandhabt; er hat dann den neuen Reichs⸗ 
prozek mit seinen „Vorträgen“ eingeführt, die eines der klas— 
sischen Werlke unserer Rechtswissenschaft sind; mit dem „Hand⸗ 
buch“ und mit der Abhandlung über den Feststellungsanspruch 
hat er entscheidenden Einfluß auf die Auffassung des Rechts— 
schutzwesens geübt; vom Inkrafttreten der Zivilprozeßordnung 
bis auf den heutigen Tag ist er Richter am Leipziger Land— 
gericht gewesen; in vielen Tausenden von Hörern, zu denen 
jetzt schon mancher ergraute Professor, Reichsgerichtsrat oder 
Staatsminister zählt, hat er, an der „trockensten“ Disziplin der 
Jurisprudenz, wahre Begeisterung für das Wissen vom Recht 
geweckt; als Siebziger aber ist er der Führer in der wissenschaft⸗ 
Jlichen Vorbereitung der Prozekresorm 
t 
zankbar sei, daß dieser Punkt auf die Tagesordnung gesesßt 
worden sei. Je näher Sie den Kanal nach Hannover führen, 
im fo mehr mus man an seine Fortsetzung denken. 
Generalsekretär des nteee für deutsche Binnen⸗ 
chifsahrt, Dr. Grotewo Idet GBerlin); Im Namen des Zentrab⸗ 
hereins für deutsche Binnenschiffahrt danke ich Ihnen herzlich 
dasür daß Sie diese Frage auf die Tagesordnung gesetzt 
ben. Wir haben in früherer Zeit im Kampfe um den 
Mittellandkanal die Fahne vorangetragen. Ich habe bereits 
verschiedene Abgeordnete, die damals gegen den Kanal waren, 
gesprochen und hatte den Eindruck, besonders bei Zentrums⸗ 
bgeordneten, daß sie nicht mehr einen solchen Widerstand gegen 
bas Projekt leisten würden wie früher. Bei den Gegnern handelt 
s sich lediglich um die extremen Heißsporne vom Bund der 
Landwirte, die damals wie heute gegen den Kangl sind. Wir 
rerden aber den Kanal durchsetzen, wenn die Industrie uns 
hre Iteriuweng zusagt. — Weiter sprachen noch der Syndikus 
er Bremer Handelskammer, Dr. Apelt, Dr. Angler vom 
zund der Deutschen Bodenreformer und Dr. Borchardt, 
ßeneralsekretär des Zentralverbandes deutscher Arbeitgeber. 
Die Fernin erklärte darauf ihre Zustimmung zu den 
Ausführungen des Berichterstatters und beschloß, in eine er— 
ieute Agisfation für den Kanal einzutreten. 
Der, Generalsekretär des Deutschen Vereins für Wohnungs—⸗ 
teform in Frankfurt a. M. Dr. K.v. Mangod, behandelte 
ierauf das Thema: 
Induftrie und Wohnungswesen. 
„Der Redner betonte, daß die Industrie ein besonderes 
Interesse am Wohnungswesen habe. Einmal müsse sie Wert 
arauf legen, eine gufe und billige Fabrikationsstätte zu er— 
alten. uiner sei aber noch das Interesse an der Wohnungs⸗ 
resorm unter dem Gesichtspunkt einer Verbesserung der Arbeiter⸗ 
derhältnisse. Wie verteuern heute nicht die hohen Boden—⸗ 
zreise die Mietspreise. Hinzukamen noch die Abgaben für 
Straßenbau und am empfindlichsten wirkten die Mißstände im 
Baugewerbe ein. Eine Besserung werde zu erzielen ð wenn 
nan große, leistungsfähige Baufirmen heranziehe. Durch die 
chlechsen Wohnverhältnisse wird die Leistungsfähigkeit des 
Arbeiters. an der die Industrie ein besonderes Interesse hat. 
jerabgemindert. Weiterhin auch die künstlerischen Fähigkeiten 
»er Angestellten und der Arbeiter, denn in den schlechten 
Pohnungen, in den langen und öden Vorstadtstraßen mit dei 
leinen Söfen und, den freudenlosen Mietskasernen kann das 
ünstlerische Schönheitsgefühl nicht erweckt oder gefördert werden. 
WVenn nach allem die Industrie die Wohnungsreform zu 
ördern sucht. so kann sie das am besten fun, indem sie die 
ligemeinen Reformbestrebungen in der Wohnungsfrage unter— 
tützt. Die Wohnungsfrage kann nicht nur, gelöst werden, 
ie muß auch gelöst werden. (GBeifall.) — Ein Beschluß zu 
diesem Thema wurde nicht gefaßt 
Der letzte Punkt der Tagesordnung betraf die 
Monopolbestrebungen in der elektrischen Industrie. 
Hierüber berichtete Syndikus Dr. Fasold Weelim, Seine 
Ausfuührungen gipfelten in einem Ankrag, in dem der Bund 
oer Industriellen die dringende Bitte an die Reichsregierung 
und die Bundesregierungen richtet, den mit der öffentlichen 
lektrizitätsversorgung ee zusammenhängenden Fragen 
zesonders der Erteilung von Konzessionen an Privatunternehmer. 
dem Verkauf oder der Verpachtung kommunaler Elektrizitäts— 
bertke und der Exrichtung sogenannter gemischt-wirtschaftlicher 
Internehmungen die vollste Aufmerkssamfeit zuzuwenden. — 
der Antrag wurde nach kurzer Aussprache angenommen. 
Am Nachmittag fand eine Sitzung des vom Bunde der 
Industriellen gebildeten Ausschusses für gewerblichen Rechts— 
chutz statt. Es wurden u. a. besprochen die Entwürfe zu 
dem neuen Patentgebrauchsmuster⸗ und Warenzeichengesetz. Am 
Abend versammelten sich die Teilnehmer im Fesisaale des 
neuen Rathaufes zu einer Begrüßungsfeier, zu der der Rat 
der Stadt Leipzig eingeladen hatte 
⸗ 
deutsches Reich. 
Ein Erlatz des Kaisers. Der Präsident der Provinz 
53chlesien bringt folgenden Erlaß des Kaisers zur öffentlichen 
denntnis: Meine Schlesier haben mich und die Kaiserin und 
Zzönigin, meine Gemahlin, anläkßlich der großen Parade des 
3. Armeekorps und der vor mir abgehaltenen Mansäver 
illerorts in echter Treue und hehrer Begeisterung bewill— 
ommnet. Insonderheit bekundeten die festlichen Veranstal⸗ 
ungen meiner Haupt- und Residenzstadt Breslau für unseren 
kmpfang und die jubelnden Grühße der Einwohnerschaft eine 
ebevolle Anhänglichkeit und treue Ergebenheit an mein Haus. 
lnseres Dankes dafür will ich die Bewohner der Provinz 
siermit nochmals versichern. Besonders hat es mich auch erfreut, 
»aß bei der Parade am 29. August meine alten Soldaten und 
„ie Angehörigen der Sanitätskolonne mir in so überaus statt— 
icher Zahl ihren Gruß entboten. Ich danke den waderen Män— 
iern herzlichst für die Bekundung ihrer patriotischen Gesinnung. 
Lus den mir erstatteten Meldungen über die Unterkunfts-— 
erhältnisse während der Manöver habe ich zu meiner großen 
Befriedigung ersehen, daß trotz der erheblichen Anforderungen 
nfolge der gedrängten Unterbringung zweier Armeekorps den 
Truppen von der Bevölkerung überall eine freundliche und 
ürsorgliche Aufnahrne zuteil geworden ist. Allen Beteiligten 
preche ich hierfür meine Anerkennung und meinen Dank gerne 
aus und beauftrage Sie, dies der Provinz soqleich bekannt zu 
geben. 
Bad Salzbrunn, den 10. September 1913. 
Wilhelm J. R. 
nge. Der Wechsel in der Berllsnutte amerikanischen Botschaft. 
Der neu ernannte Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika 
beim Deutschen Reiche, Mr. Gerard, wird sein Amt am Ende 
— — 
Neue Bühnenwerke. Tannhäuser“, eine Tragödie 
»on Paul Eberhardt (H. Haessel Verlag in Leipzig) wurde von 
direktor Ferdinand Max Kurth zur Uraufführung für das 
Sztadttheater in Memel erworben. — „Der Kontorleut— 
tant“, Lustspiel in vier Akten nach dem Roman „Die 
»lanken Knöpfe“ von Max Kretzer, wird noch in diesem 
Minter zur Aufführung gelangen. 
Die europäischen Staaten auf der Internationalen Buch— 
ewerbeausstellung Leipzig 1914. Seit Jahrzehnten hat Deutsche 
and keine Welt-Fachausstellung gesehen, an der sich die fremden 
dationen in so einmütiger und zugleich großangelegter Weise 
eteiligen, wie bei der Internationalen Ausstellung für Buch 
ewerbe und Graphik Leipzig 1914. Bis jetzt haben Frankreich, 
Jesterreich, Italien, Portugal, die Schweiz, die Türkei und 
zolland ihre offizielle Beteiliging angemeldet, ebenso werden 
Ingarn, Spanien, Belgien, England, Däliemark, Schweden, 
sorwegen und Rußland nicht fehlen, selbst mit xußereuro⸗ 
päischen Staaten wie Indien, China, Japan und Süda nerika, 
die gerade auf dem Gebiet des Druck-, Schreib- und Papier— 
wesens so viele Schönheiten und Kostbarkeiten aufzuweisen 
haben, schweben aussichtsreiche Verhandlungen. Eine Anzah' 
dieser Staaten wird umsangreichhe Sonder Pavillons errichten, 
vozu von den einzelnen Regi rungen hohe Summen ausge— 
vorfen worden sind. Den höbsten Gewinn aber hat von 
»ieser großen Beteiligung des Auslandes neben dem Aus— 
teller selbst, der seine Produkte der ganzen Welt darbietet, das 
Publikum, der Besucher der Ausstellung. Das Bildangswesen 
»er ganzen Welt wird vor ihm erstehen und die geistige 
dultur der Menschheit wird sich gleichsam in einem lebendigen 
Zilde vor ihm aufrollen, wie es größer, anschaulicher und 
indrudsvoller noch nie zupnor gesehen wurde 
dieses Monats antreten. Bis dahin wird die Botschaft von 
oem Botschaftsrat Grew als Geschäftsträger verwaltet. 
Neuerdings verlautet übrigens, der abberufene Botschafter Mr. 
deishman werde Berlin verlassen, ohne sich persönlich vom 
Zaiser verabschiedet zu haben, der neue Botschafter werde viel⸗ 
nehr das Abberufungsschreiben seines Vorgängers zugleich mit 
einem eigenen Beglaubigungsschreiben überreichen. Die viplo— 
natische Etikette läht diese Möglichkeit zu. 
Der Deuifche Reichstag und die sransösische Fremdenlegien. 
In parlamentarischen Kreisen besteht die ernste Absicht, die 
Frage der französischen Fremdenlegion nicht mehr 
o nebenbei zu behandeln, wie es bisher geschehen ist, sondern 
den Finger energisch in diese offene Wunde zu legen. Es 
zerrscht in dieser Hinsicht vollkommene Einigkeit bei allen Par⸗ 
teien. Wenn der Reichstag Ende November zu neuer Arbeit 
ulammentritt, wird er sich sofort mit der Frage beschäftigen. 
Ob das in der Form eines Antrages oder einer Inter— 
pellation geschehen oder ob man das Thema beim Etal 
anschneiden wird, steht noch nicht fest. Jedenfalls aber wird 
das Verlangen zum Ausdruck kommen, daß die Reichsregierung 
diplomatische Vorstellungen bei der französischen Regierung ein— 
ieiten möge, um dem gegenwärtigen unhaltbaren Zustande, der 
einen immerwährenden Konfliktsstoffe in sich schließt, ein Ende 
zu bereiten. — In der Tat ist bislang im Reichstag wenig 
über die Fremdenlegion gesprochen worden. Man wollte wohl 
nicht den Schein erwecken, sich in innere französische Angelegen- 
heiten zu mischen. Bei den Militärdebatten und auch bei dem 
ktat des Auswärtigen Amtes ist die Frage hin und wieder ge— 
treift worden, wenn es' galt, besonders krasse Fälle ins rechte 
richt zu rücken. Das geschah zuletzt noch vor einigen Monaten, 
ndem das beunruhigende Gerücht, französische Werber trieben 
hr Unwesen nun sogar schon auf deutschem Boden, den Anlaß 
u einer „kurzen Anfrage“ an die Reichsregierung gab. Die 
skegierung erteilte damals energische Zusicherungen, und seit— 
oem hat man auch nichts mehr von solchen französischen Wer⸗ 
bern in deutschen Landen vernommen, 
* 
Aus den Schutzgebieten. 
Keine Ausdehnung der Schlaflrankheit in Neu⸗Kamerum. 
Die von uns angezweifelte Nachricht, daß die Schlafkrankheit 
in Neu⸗Kamerun neuerdings einen bedenklichen Grad erreicht 
habe. wird an zuständiger Stelle nicht bestätigt. 
Weder hat im allgemeinen eine Ausdehnung der Schlafkrankheit 
kattgefunden, noch ist es im besonderen zutreffend, daß Chef— 
urzt Tr. Kuhn die Kolonie vorzeitig verließ, weil er sein⸗ 
Fräfte im Kampfe mit der Scklafkrankheit aufgerieben habe. 
khefarzt Dr. Kuhn, der in Berlin wieder eingetroffen ist, 
jedarf nach den Anstrengungen seiner Forschungsreise aller— 
»ings der Erholung, mit der Schlafkrankheit aber darf sein 
Befinden nicht zusammengebracht werden. Was letztere selbst 
anbelangt, so wird in unterrichteten Kreisen angenommen, daß 
die jüngst getroffenen Maßnahmen dem Uebel wirksam Einhalf 
tun werden bpt. 
— 
* 
Ausland. 
Rußland. 
dok. Zollseteinigung mit Finnland. Seit einigen Monaten 
ist eine Kommission, in der die beteiligten Ressorts vertreten sind, 
unter dem Vorsitz des Gehilfen des Finanzministers Weder da— 
nit beschästigt, das Material zu bearbeiten, das von seiten 
»er Verluckungen des Handels und der Industrie zur Frage der 
zollvereinigung übermittelt ist. Diese Arbeiten find nunmeht 
eendet. Infoigedessen werden in einigen Wochen die Sißungen 
»er Konferenz, der die Beurteilung der Frage, übertragen ist, 
wieder aufgenommen werden. Man rechnet damit, daß etrotz 
ꝛer Ablehnung des überwiegenden Teiles der Industrie doch die 
3Zollvereinigung befürworten wird. 
apan. 
Die Abbitte der cinesish Regierung. Die wildbewegte 
PBolksstimmung in Japan und die energische Haltung der japam— 
chen Regierung haben in Peking ein lähmendes Erschreden her⸗ 
Wrgerufen. Um der bei den Straßenkundgebungenin 
Tokio laut geforderten Strafexpedition, die für immer dem 
hinefischen Staatskörper eine schwere, unheilbare Wunde schla— 
gen würde, vorzubeugen, hat die chinesische Regierung, so schwer 
es ihr gefallen sein mag, den Bittgang zu den Begünstigert 
hrer revolutionären Widersacher angetreten. Ein Telegramm 
er Deutschen Kabelgrämmgesellschafft aus Schanghai meldet: 
Rie chinefische Regierung hat Japan ihr Be— 
»sQqQuern über den Zwischenfall in Nankingz ausge— 
prochen und m'tgelteilt, daß eine strenge Untersuchung des Vor—⸗ 
alles angeordnet worden sei. — Der Vertrauensmann Juanschi— 
lais. Huning, ist in Nagasaki eingetroffen. 
Amerilka. 
Der neue Zolltarif. Als Woodrow Wilson zum Nachfolger 
»es Präsidenten William Tast gewählt worden war und eine 
adikale Tarifrevisior ankündigte, atmeten die Freunde frei— 
jändlerischer Grundsätze in aller Welt auf. Man erhoffte sich 
jon dieser amerikanischen Initiative eine Kräftigung der den 
illmählichen Ahbau der Zollmauern fordernden Elemente in 
alen Kulturstaaten. Jetzt ist das große Werk der Wilsonschen 
Zolirevision sozusagen vollendet. Ter Bundessenat hat die 
Tarifbill mit 44 gegen 37 Stimmen angenommen. Noch hat 
die gemeinschaftliche Kongreßkonserenz der beiden Häuser ein 
etztes Wort zu sagen, aber in den Vereinigten Staaten selbst 
gilt es als ausgemacht, daß diese zu dem Gefetz, so wie es den 
Senat verlassen hat, nur noch ihren Segen geben wird. Die 
Wertzölle sind durchkschnittlich von 30 auf 20 00 herabgesetzt 
vorden, aber es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, wenn 
nan im Auslande anñehmen wollte, daß dadurch der anie— 
ikanischen Industrie der Wettbewerb auf dem Markte im eigenen 
dande erheblich erschwert würde. Die Zölle sind meist nur 
n solschen Fällen herabgesetzt worden, wo die alten Sätze ame— 
ifanische Truste in die Lage versetzten, sich auch die große 
Nasse der amerikanischen Produzenten tributpflichtig zu machen 
ind ihnen durch Verteuerung der Produktionskosten den Wett— 
ewerb auf fremden Märkten zu erschweren. Die Exportindustrie 
pielte noch vor zehn Jahren im Wirtschaftsleben der Ver—⸗ 
inigten Staaten eine verhältnismähig geringe Rolle. Seitdem 
jat fich die Union mit geradezu unheimlicher Geschwindigkeit 
ius einem vorwiegend Bodenprodukte in ein vorwiegend In— 
ustrieprodukte ausführendes Land verwandelt. Diesem Um— 
chwung trägt der neue Zolltarif Rechnung. Er erleichtert den 
rohen Massen der Konsumenten das Leben und erspart es dadurch 
en amerikanischen Ausfuhrindustrien, den Truck der Teuerung 
»urch Erhöhung der Löhne und damit Steigerung ihrer Pro— 
»uktionskosten, also Verminderung ihrer Wettbewerbsfähigkeit, 
nifzuheben. Der Tarif ist ein Geschenk amerikanischer Truste an 
ie Massc der amerilamschen Konsumenten und kleinen Produ— 
enten, aber bessere Absatzmöglichkeit auf fremden Märkten 
ollen die Gewinnverkürzungen wieder wettmachen. Die fremde 
Tonkurrenz auf dem amerifanischen Markte ist um weniges 
gebessert, denn die Zölle sind mmer noch so hoch, daß sie 
in fast allen Fällen ebenso prohibitiv wirken wie die alten. 
Das lehrt, dah man sehr wohl freiheitlich gesinnt und doh 
Schutzzöllner sein kann.
	        
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