Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

8 vv8 
JJ —6 
A 6 — 
00 
—— 5—— * —3— * 
— —— 
B8 —— 8 
Ausgabe M. 
Sprechfaal. — 
Die unter dieser Rubrik abgedrugten Artikel sind völlig 
—XEV 
Eingesandt.) 
Die Wiederauffrschung der Ostfafsade am Rathaufe. 
Eine Mahnung zu rechter Zeit. 
Es ist zu bedauern, daß an der Ostfassade des Rathauses 
me Malerei auf dem oberen Fries angebracht wird, die den 
kindruck einer bestellten Atelierarbeit macht, aber nichts mit 
unserer jetzigen und früheren he'mischen Tekorationskunst zu fun 
)at. Wenn keine gotische Bemalung aufgefunden wäre, sollte 
nan sich nicht befleißigen, derartige Unwahrscheinlichkeiten an— 
ubringen, die den Eindruck des Echten erregen könnten. Schlichter 
jetönter Putz, Wiederherstellung der Backsteinfassade, des Ge— 
imses und der übrigen Fassadenteile würden den trefflichen, 
iltertümlichen, einfachen Charalter unseres Rathauses wahren. 
Wir leben heute in einer Zeit, die bemüht ist, unsere alten 
Bauformen in alter Wahrhaftigkeit und Schönheit zu erhalten 
und zu schützen. Wollen wir in derselben Weise sortfahren, wie 
nLübed schon mehrfach gesündigt, z.. B. beim Museum und 
»em Gerichtsgebäude, im Gegensatz zu der strengen Bauart des 
zerrlicher Toms und des Burgtors? Wird diese probeweise 
ingebrachte Tapeten-Bordüre am Rathause wirklich ausge— 
ührt, so hätten wir eine Theaterkulifse mehr und die Kritik 
vürde gar bald sorgen, daß der Ruf Lübeds als Kunststadt 
nicht verbessert würde. Bürger Läbecks, wahrt eure immer spär⸗ 
icher werdenden Reste alter Stadtschönheit! Noch ist es Zeit! 
Herm. Boht. 
Aus den Nachbargebleten. 
Großtherzogtümer Medlenburg. 
Gadebusch, 7. Sept. Ungetreuer Buchhalter. 
BKorgestern gewahrte die Gutsherrschafst zu Pokrent, dak der 
zuchhalter T. verschwunden war. T. hatte sich in den letzten 
Tagen als sehr nachläfsig erwiesen. Die Gendarmerie der um— 
iegenden Städte wurde benachrichtiat und T. auch bald darauf 
jier ermittelt. Er hatte versucht, eir Mietsauto zu bekommen, 
vas ihm aber nicht gelang. Darauf bestellte er sich iinen Wagen. 
ind als dieser zur Abfahrt bereit war, war auch schon die 
SHendarmerie am Platze. T. wurde in einer hies. Gastwirt⸗ 
ichaft verhaftet und ins Amtsgerichtsgefängnis gebracht. Er 
hatte 300 M, die Geldschrankschlüssel und einen scharf geladenen 
Revolver bei sich. 
Wismar, 7. Seyt. Leichenfund. Vorgestern wurde 
uf dem Burgberg bei Meckenburg die Leiche eines unbekaunnten 
ungen Mädchens gefunden. Nach einem bei der Leiche vorgefun— 
enen Krankenschein handelt es sich um das Mädchen Anna 
riedler von hier. Die Todesursache ist noch unbekannt. 
Arendsee, 7. Seyt. Freiwillig aus dem Leben 
eschieden.“ Die Leiche eines in einem Geschäft in Bruns— 
aupten als Verkäuferin tätigen jungen Mädchens wurde bei 
»er Landungsbrücke aus dem Wasser gezogen. Wie verlautet, 
all das junge Mädchen, welches sich geringfügige Unregel—⸗ 
näßigkeiten im Geschäst zuschulden kommen liek, freiwillig in 
ven Tod gegangen sein. 
—Rehna, 7. Sept. Ein Manöver-Proviant— 
umt wird hier errichtet, welches Schlachtochsen, Hafer, Heu 
ind Stroh verkaust. Die zum Proviantamt gehörenden Mann—⸗ 
chaften, Schlachter, Bäder usw., zirka 40 Mann, sind hier 
chon eingetrosfen und werden auf 10 Tage, je auf 5 Tage 
vechselweise. bei hiesigen Einmohnern einauartiert Dazu lind 
Vr 
Theater. Kunfst und Wissenschaft. 
O.K. Subert von Serkomers erster Film. In dem wunder⸗ 
dollen Heim des großen bayerisch-englischen Malers Sir Hubert 
dvon Herkomer, Lulu-Laund, ist nunmehr der erste Film voll⸗ 
endet worden, mit dem der Meister seine Triumphe im Reich 
zer Kinemalnaraphie beginnen will. Die großen gotischen Tore 
ind die prächtigen Spitzbogen des Schlosses boten den Hin— 
ergrund für ein Mirakelspiel aus dem 14. Jahrhundert „Die 
veihe Hexe“, das Herkomer mit seinem Sohn Siegfried ver—⸗ 
aßt, dessen Dekoxationen und Kostüme er eigenhändig ent— 
yorfen und dessen Darstellung er selbst inszeniert bat. Ja, 
zoch mehr: der greise Maler selbst spielt die Hauptrolle, 
ind einem Besucher präsentierte er' sich in einem langen 
chmutzig weitzen Hemd, mit ein paar falschen Augenbtauen 
ind einer lang herniederwallenden zerzausten Perüde. „Es 
st noch kein Jahr her,“ erzählte Sir Hubert dem Besucher,. 
jachdem er sich in diesem Aufzug am Teetisch niedergelassen, 
seit ich zum erstenmal das Kino besuchte. Es war in Leeds, 
ind die Vorstellung machte einen so großen Eindrud auf mich, 
aß in mir das Verlangen rwege wurde, selbst so etwas zu schaffen. 
zier sehen Sie mich nun als den Hauptdarsteller meines Kino— 
ramas „Die weiße Hexe“, das Sie bald auch an der Flimmer— 
vand begrühßen werden. Es ist die erste der Kinoproduktionen, 
ie ich herausbringe. Marie Corelli hat ein besonderes Film— 
rama für mich verfahßt, ein modernes Stück, das sehr originell 
st. Wir haben eine Schar von ausgezeichneten Schauspielern 
id Schauspielerinnen beisammen und hoffen, gute Arbeit zu 
eisten. Ich tue nichts zum Spaß. Es ist ein finanzielles Wag— 
tis, das ich da unternommen.“ Herkomer ist stolz darauf, dak 
ie von ihm gegründete Gesellschaft, die Herkomer Film Com— 
»any, Limited, über die besten Apparate versügt und außer— 
»rdentliche Vorkehrungen für die Inszenierung ihrer Stücke 
setroffen hat. Auf die Frage, weshalb er sich gerade der Film— 
abrikation zugewandt habe. antwortete der Meister: „Ich 
am nicht immer Porträts malen. Malen ist sehr anstrengend, 
ind wenn ich den ganzen Vormittag an einem Bild gearbeitet 
yabe, möchte ich nachher etwas anderes tun, was meinen Geist 
veschäftigt und zugleich meine künstlerischen Kräfte in Anspruch 
iimmt. Diese Befriedigung habe ich in der Kinematoaraphie 
n reichem Mabtze gefunden.“ —— 
Wedekad⸗Uraufführung in Berlin. Die Kammerspiele des 
Deutschen Theaters brachhten die Erstaufführung von Wede— 
inds modernem Mysterium „‚Franziska“ mit dem Dich— 
er und seiner Gattin in den Hauptrollen. Die ejsfenbare 
Tendenz des Slüdes, daß das Weib uͤber die Grenzen der 
Naturbestimmung hinaus sein Glück nicht ergänzen könne, geht 
zällig unter der teils zynischen. teils verworrenen Behand— 
—E 3 
P 2* * 
—„—— 9 4 *8 — — — —32 
—UA16161 b —— 
— — 93 7 ————24 
8 A—AM 4* 25 AIII J 
2 33 e 9 —8 * 8 —9* 
* AA “ 
Sonntag, den 7. September 1913. 
Morgen-⸗Blatt Ur. 452. 
noch garößere Einquartierungen vorgefehen für den 
und 15. September 
Neustrelitz, 7. Sept. Großherzogin Elisabeth 
eiert heute ihren 866. Geburtstag. Die Großherzogin ist die 
ilteste Schwester des Herogs Friedrich II. von Anhalt. Ihrer 
n Dessau geschlossenen Ehe mit, dem gegenwärtig regierenden 
sßroßherzog Adolf Friedrich von Medclenburg-Strelitz sind drei 
dinder entsprossen, der unvermählte Erbgroßherzog Adolf Fried— 
ich, die Herzogin Maria, deren Ehe mit dem Grafen Jametel 
Jeschieden wurde, und die Kronveinze in Justa von Montenegro. 
auf pfchischem Wege (Angst und Furcht vor der Seekraukheit), 
d. h. von der gesamten Gehirnrinde aus, gereizt werden. Ob 
nun von allen diesen Nervenerregungen die eine oder die an— 
dere vornehmlich für den Ausbruch der Krankheit in Betracht 
'sommt, hängt von der individuellen Konstitution ab. Als wirk— 
amste Mittel gegen die Seekrankheit empfiehlt Dr. Auerbach 
»or allem horizontale Rücenlage, Aufenthalt auf Ded in frischer 
duft, heite Stirnkompressen, alles Maßnahmen, die eine mög⸗ 
iichst reichliche Blutzufuhr zum Gehirn,/ hervorbringen, sowie 
bei schweren Formen der Krankheit Einspritzung von Adrenalin 
in die Venen (natürlich nur von einem Arzte) oder Genuß von 
Loffeiln oder Theobromin in Form ihrer Doppelsalze oder 
dampfer. — Manchen Lübeder dürfte es interessieren, bei dieser 
ßelegenheit zu erfahren, wie denn überhaupt die Seekrankheit 
n die Welt gekommen ist. Daran soll nämlich ein frommer 
dübecker Weinhändler — seinen Namen meldet die Chronik leider 
ndefsen nich. — schuld sein. In seiner Herzensfrömmiagkeit be—⸗ 
auecte er nämlich, daß die Leute durch den Genuß starker Ge— 
ränke betrunken und dann verliebt oder rauflustig wurden. 
Im diesem Uebel abzuhelfen, kam er zunächst auf den Einfall, 
einen Wein durch Wasser zu verdünnen. Da aber schimpfien 
ie Lübeder: „Pfui, wie schmeckt das Zeug dünn“,, und tranken 
einen Wein nicht mehr. Darauf vermischte der Weinhändler 
inen Wein mit Spiritus, Schwefelsäure und anderen würzigen 
zZäuren und Kisutern, so daß sein Wein besondes feurig, 
ohlschmedend und von feinem Dufte wurde. Aber auch das 
efiel den Lübeclkern nicht, denn nun machte der Wein gräkß—⸗ 
iche Kopfschmerzen und andere Beschwerden. Da beschloß der 
VBeinhähdler, den Lübeckern von seinem Göttertranke überhaupt 
ichts mehr zu verzapfen, sondern ihn auswärts 30 voerkaufen 
ind verfrachtete ihn auf ein Schiff. Unterwegs gab er dem 
zchiffsvolk ein Fäßchen zum Besten. Die Schiffsmannschaft 
ber trank den Wein vre Dünnbier und in ihrer Trunkenheit 
zerschlug sie nanch weiteres Faß, schließlich auch ein großes, 
o daß der Wein in Strömen ins Meer lief. Dort fingen ihn 
zie Meermänner in Muscheln auf und waren bald noch mehr 
zetrunken, wie die Schiffsmannschaft. Aber ihr Durst war immer 
ioch nicht gelöscht, und da auch noch eine große Anzahl anderer 
Neermänner mit gewaltigem Durste hinzukamen, warfen sie 
das Schiff gegen einen Felsen, daß es zerschellte. Der fromme 
Veinhändler, der auc Angst vor dem Lärm und Toben der 
Meermänner in eine seere Weintonne gekrochen war, wurde in 
zieser auf ein Felsenriff geschleudert und mußte von hier aus 
nit ansehen, wie die Meermänner seine Weinfässer an den 
Felsen zertrümmerzer und den schönen Wein tranken. Am 
ächsten Tage aber lagen sie in trostlosestem Zustande um den 
relsen herum, hielten sich die Köpfe, stöhnten und ächzten. 
rämmten sich unter jammervollen Grimmassen und drückten 
mter wirrem Augenverdrehen die Hände auf den Magen. Und 
vie der fromme Weinhändler dieses Elend sah, wurde ihm 
elbst übel zumute. Und wie er so aus seiner Tonne heraus⸗ 
ah. gewahrten ihn die Meermänner und eines der Unzeiünte 
»andte fich gegen ihn und sprach nach der von Hans Hossf- 
tann in seinen Ostseemärchen wiedergegebenen Aufzeidmung 
er Sage folgenden greulichen Fluch: „Verflucht jollst du sein. 
irmseliger du und doch frevelhafter Landwurm! Gleichwie du 
seute unaussprechlichen Jammer über das Meervolk gelegt hast, 
o sollst du verdammt sein, bis ans Ende aller 
Tage die See zu durchkreuzen und gleichen Jammer 
u bringen über alle deinesgleichen. Für ewige 
zeiten sollst du haltlos schaukeln auf den rolienden 
Wogen, für ewig behaftet mit' dem schaudervollen Siechtum, 
das uns heute durchwöühlt solsst ewig so schweben zwüchen 
A 
Was ist Brünmdhilden passiert? Die Frage beschäftigte 
höchst lebhaft die Besucher der diesjiährigen Münchener Wag⸗ 
ierfestspiele. Die Brünnhilde wurde darin gesungen von Olive 
Fromstadt, dem Star der Newyorker Metropolitan Oper. 
Ils Brünnhilde am Schluß der „Walküre“ in Wotans Flam⸗ 
nenmeer verschwand, sah sie der Blick der Zuschauer noch im 
Palkürenkleid — oben metallklirrend, unten sußfrei. Dann 
hlief Brünnhilde inmitten der Flammen ihren ungestörten 
zchlaf, bis im „Siegfried“ der junge, strahlende Held den 
odernden Wall durchbricht, um sie zu erlösen. Aber wie 
taunten plötzlich die Besucher der Aufführung, als sie sahen, 
ahß Brünnhilde Fromstadt im Flammenmeer — die Toilette 
ewechselt hatte. Sie trug nicht mehr den Walkürenrock — 
ben metallklirrend, unten fußfrei —, sondern eine Art von 
sIphigenienkleid, das tief hinab auf die Zehen reichte. Wie hat 
as die Schlafende vollbracht? Woher bezog sie das neue 
Kostüm? Was war Brünnhilden passiert? Man sieht, schon 
n den mythischen Zeiten hatten die Frauen ihre Toilatten— 
eheimnisse. 
Die Sachse-Oper beendete ihre erfolgreiche Spielzeit im 
Zerliner Schillertheater mit der „Weißen Dame“,, in der 
ammersänger Kurt Frederich als George Brown sein von 
ürmischem Erfolge begleitetes Gastspiel beendete. Die Presse 
obte übereinstimmend die, g'änzende Gesangsleistung Frederichs 
ind den vorzüglichen Tenor-Buffo Adalbert Liesau, der ebenso 
rie Mimi Poensgen, zu den Hauptstützen der Oper zählte. Das 
naterielle Ergebnis war derart, daß die Schiller-Theater-A.«G. 
»er Sachse-Oper auf weitere fünf Sommer das Theater ver— 
vachtet hat. 
Ein englischer Aristokrat als Shaufpieler. Aus London 
vird gemeldet: Earl Carrick, eine bekannte Perjönlichkeit der 
trondoner Aristokratie, wird demnächst im Coliseum in einem 
euen Einakter „Point of Honour“ die führende Rolle über— 
ehmen. Der Graf ist 40 Jahre alt und ein anerkannter 
Imateurschauspieler. Er ist der Siebente des Titels und mit 
Mißk Ellen Rosamond Lindsay vermählt. 
Von den Bühnen. Max Reinhardt will in diesem 
Winter im Deutschen Theater Hauptmanns „Schlud und 
zan“ neu zur Aufführung bringen. Zur Uraufsührung ge— 
angen dort das Drama „Prinz Louis Ferdinand“ 
on Fritz v. Unruh und die Tragödie „Chastelard“ des 
m vorigen Jahre verstorbenen Dichters Algernon Charles 
5winburne. — In den Reinhardtschen Kammerspielen wird in 
iesem Winter das mit dem Kleist-Preis gekrönte Drama „Der 
Bettler“ von Reinhold Sorge zur Uraufführung kommen. 
— Max Reinhardt wird mit seinem ganzen Ensemble am 
. und 3. Oktober die Pantomime „Das Mirake — 
RBülner Donerihaus qnufführen 
die Seekrankheit. J 
Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich 
eide. . .. es schwindelt mir, es brennt mein Ein— 
zeweide .... klagt die arme kleine Mignon, nur weil ihr Ge— 
iebter fern von ihr weilt. Aber was wollen diese Schmerzen 
zesagen gegen die Leiden desjenigen, der auf einem durch 
Wellenherge und -täler wild zerklüfteten Meere in rollender 
ind schwankender Fahrt sich windenden Schiff nicht leben und 
ticht sterben kann!, gegen den jammervollen Zustand der 
Nenschen mit den bleichen und sahlen, ja nicht selten gelb⸗grün⸗ 
ichen Gesichtern denen das graue Elend aus den itieren Bicken 
)»er Augen spricht, wie Betrunkene umhertaumeln, zusammen⸗ 
zrechen und deren Eingeweide rumoren und zucden, als 
vollten sie in schraubenartigen Verrenkungen sich zum Halie hin— 
iusdrängen. — Die Frage nach der Ursache der Seekrantheit ist 
chon unzählige Male erörtert, ohne daß eine befriedigende 
Untwort hat gefunden werden können. Neuerdings hat nun 
viederum Dr. med. Siegmund Auerbach in der Umschou 
Wochenschrift üher die Fortschritte in Wissenschaft und Technik) 
inen Artiles über die Entstehung und Behandlung der See— 
rankheit veröffentlicht, in welchem er sich mit den Unler⸗ 
uchungen des Wiener Ohrenarztes R. Barany beschäftigt, 
velcher die Ansicht vertritt, daß die Seekrankheit allein durch 
»ie Reizung der Gebilde des Vorhofbogengang-Apparates des 
nneren Ohres zustande kommt. Dieser Bogengang-Apparat des 
Rhres ist von großer Bedeutung für die Aufrechterhaltung des 
vᷣleichgewichts des menschlichen Körpers. Dieses wird ducch das 
»ald lints, bald rechts sich neigende, bald vorn und bald hinten 
ich hebende und senkende Schiff sortwährend gestört. Hierdurch 
verden die Endungen des Vorhofnervs unausgesetzt gereizt, die 
krregungen nach dem Gehirn weiter geleitet, hier auch auf 
indere Nervbahnen übertragen und dadurch die Krankhert her— 
orgerusen. Dr. Auerbach ist demgegenüber der Meinugng. daßk 
war der anhaltenden Erregung des Bogengang-Apparates 
oahrscheinlich eine ausschlaggebende Rolle bei der Entstehung 
er Seekrankheit zuzuerlennen ist, hierdurch aber allern die 
Irsache dieser Krankheit nicht erklärt wird. Insbelondere läßt 
ie unzweifelhaft durch hochgradige und langanhaltende Blutleere 
es Gehuns hernorgerufene fahle, nicht selten auch gelb⸗gränliche 
järbung der Gesichter der Kranken darauf schließen, dak der 
susbruch der Seekrankheit auf mancherlei und gleichzeitig 
birkende Uriacher zurüczuführen ist. Außer den Vorhofsneroen 
ind es nach Dr. Auerbachs Ansicht vor allem die am Magen⸗ 
armapparat weitverzweiglen Endigungen der sogengunten her—⸗ 
inschweisenden Nerven, ferner die Empfindungsnerven der ge— 
amten Körperoberfläche, sowie diejenigen der Muskeln und Ge— 
enke und namentlich auch die Sehnervenfasern und in den Augen⸗ 
nuskeln verlaufenden Nervendigungen, die durch die Schiffs— 
hwankungen erregt werden und diese Erregung bis zu jenem im 
»alsmarke des Gehirns liegenden, die Gefäßweite des Körpers 
eherrichenden Kentrum fortpflanzen. Endlich kann letzteres auch 
ung des mit Lächerlichke'ten fratzenhast aufgeputzten 
Stoffes. Die flaue Darstellung konnte gegen die Ermattung 
der Zuschauer nicht ankämpfen, deren unvoreingenommener 
Teil das Mysterium mit Recht von der komischen Seite nahm. 
Noch ein neues Theater in Berlin. Es gibt doch noch 
nutige Leute in Berlin, und zu denen gehört entschieden Herr 
charlé, der frühere Direksor des Theaters am Nollendorfplatz. 
er am Kurfürstendamm, auf dem Mendelsohnschen Grundstück, 
eben der Sezession ein Theater errichten will. Geplant ist 
in kleines, intimes Theater mit 600 Plätzen, in dem Lust—⸗ 
piele und Schauspiele aufgeführt werden sollen. Die Spiel—⸗ 
eit wird nur acht Monate betragen. Mit dem Theater wird 
in Kino und ein Terrassencafé verbunden werden. Im Theater—⸗ 
aal plant man eine Wiener Veranstaltung von eleganten Redou⸗ 
en. Das Theater soll am 1. Ott. 1914 eröffnet werden. 
Vom Franffurter Theater. Die erste große künstlerische 
Tat nach den Ferien war eine Neueinstudierung von 
Nozarts komischer Oper, Cosi fan tutte“. Vor sieben Jahren 
atte man dort (mit Heinrich Hensel als Ferrando) das Werk 
um letzten Male gehört. Am Montag, dem 1. September, 
rschien es in einer völlig neuen Besetzung und in einer gründ— 
cchen musikalischen. Durcharbeilung durch Kapellmeister Pollak. 
ie Neueinstudierung halte vollen Erfolg. — Ein Heldentenor 
ehlt der Oper in Frankfurt a. M. nach dem Fortgang des 
dammersängers Einar Focchhammer nach Wiesbaden immer 
ioch. Allle Gastspiele versagten. 
Gretchen au der Nähmaschene. Vor ein paar Wochen wurde 
der großen Oper in Montrsal eine glänzende Aufführung des 
Fauft“ gegeben. Das Theater bot einen feenhaften Anblicdk 
in Eleganz und Luxus dar und nichts war vernach 'äisigt worden. 
im die Darstellung des Gounodschen Meisterwerkes zu einer 
zußerordentlich glänzenden zu gestalten. Zwischen dem ersten 
end zweiten Akte zeigte sich der Regisseur und hielt dem 
zublikum folgende kleine Rede: „Meine Damen und Herren, 
infer verehrter Herr Direktor hat sich in einer glüdlichen 
fingebung dazu entschlossen, Gretchens Spinnrad, das ein 
ärmendes und altmodisches Instrument geworden ist, durch eine 
stähmaschine aus dem Hause X. zu ersetzen, deren Mechanis— 
nus so leise ist, daß Sie auch keine einzige Note des entzücken— 
en Liedes vom König von Thule verlieren werden!“ Und 
virklich setzte sich Gretchen ernst vor die Naͤhmaschine, auf der sich 
n lichtvollen Buchstaben der Name des Fabrikanten abhob, und 
ran behauptet sogar, daß Gretchen nach Beendigung ihres 
riedes mit vor Begeisterung halb erstichter Stimme geilüstert 
abe: „Diese Nähmaschine ist unvergleichlich und kostet nur 
O Dollars.“ — Goethe hat sich die Szene ein kleines bißchen 
Aders pordoestellt ber — Goschßsft ist Gelchöft
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.