Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

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Neueste Nachrichten und Telegramme 
der „L-. A.“ und iäSZ. 
Zum Bcejuch des Königs Konstantin in Berlin. 
Berlin, 3. Sept. Zu dem bevorstehenden Besuch des Königs 
Konstantin von Griechenland am hiesigen Hofe erfährt man 
daß der König von seiner Gemahlin, der Schwester des Kaifers, 
und dem Kronprinzen begleitet sein wird. Tas griechische Königs⸗ 
paar hatte ursprünglich nur die Absicht, im Schloß Friedrichs— 
hof im Taunus einen Erholungsaufenthalt zu nehmen. Als 
der Kaiser von dieser Reise Mitteilung erhielt, ließ er dem 
König der Hellenen in einem sehr herzlich gehaltenen Schreiben 
eine Einladung zu den bevorstehenden Kaifermansvern und 
nach Potsdam zugehen. Ueber die Tauer des Besuchs, der 
völlig familiären Charakter tragen wird, sind nähere Bestim- 
mungen noch nicht getroffen. 
W. Trieft, 3. Sert. Der Kömg von Griechenland nebst 
Famtlie ist heute früh an Bord der koniglichen Jacht,Aphitrite“ 
nier eingetroffen. 
Die Verwendung verabfchiebeter Offiziere jin Handel und 
In dustrie. 
Dresden, 3. Sept. Der Gesamtvorstand des Verbandes 
Sächsifcher Industrieller besprach am 25. August die Frage der 
Verwendung verabschiedeter Offiziere. Hierbei wurde betont, 
daß das Rundschreiben des sächsischen Kriegsministeriums sich 
von demjenigen des preußischen Kriegsministers v. Falkenhayn 
insofern wesentlich unterscheide, als darin ausdrücllich zum Aus— 
druch gebracht worden sei, daß för diese Offiziere leineswegs in 
erster Linie leitende Stellen in Betracht kämen, sondern zunächsi 
Beschäftigung in sumtergeordneten Mosten, wo Zuverlähssigkeit, 
Pflichtireue und Punktlichkeit eine besondere Rolle spielten und 
die bei hervorragender Bewährung den Ausgangspunkt zur 
Erreichung hervorgehobener Posten bilden sollten. In dem hierzu 
von denr Syndikus, Herrn Dr: Stresemam, erstatteten Referal 
und der anschließenden Aussprache kam allseitig zum Ausdruch 
daß man vom Standpunkt des Kriegsministers aus dessen 
Sorge für die verabschiedeten Oisiziere verstehen und begreiflich 
finden könne. Ter Verband Sächsischer Industrieller könne aber 
seinerfeits das Vorgehen des Kriegsministeriums auf Errichtung 
einer direkten Auskunftsstelle für die Beschäftigung verab— 
schiedeter Offiziere nicht unterstützen. Den Industriellen müsse 
naturgemäß die Sorge für die aus dem Kaufmannsstande her⸗ 
vorgegongenen und ihm eng verbundenen Handlungsgehilfen am 
nächsten liegen, auch wem die Befähigung des Offiziers an den, 
wie allgemein betont wurde, gerade in der Gegenwart außer- 
ordentliche Anforderungen in bezug auf Fähigkeit und Pflichttreue 
gestellt würden, für den kaufmännischen Beruf nicht prinzipiell 
bestritzen werden solle. Es sei aber erst vor kurzem das Thema 
des alternden Angestellten in der Oeffentlichkeiit ausführlich er— 
örtert und hervorgehoben worden, in wie schlimmer Lage sich 
so voft diejenigen kaufmännischen Angestellten befänden, die ohne 
den Rüdhalt einer Pensfion sich allen Wechselsfällen des Lebens 
ausgesetzt sehen, sobald sie aus Gründen, die vielfach nicht in 
irgend welchen Mängeln ihrer Befähigung lägen, sondern miit 
nie dergehender Konijunktur und Zusammenbrüchen einzelner Firmen 
zusammenhingen, gezwungen seien, sich eine andere Stellung zu 
suchen. Diesen kaufmännischen Angestellten seien die vffenen 
Stellen nach Meinung des Verbandes zunächst durchaus vorzu⸗ 
behalten und erst, wenn der Kaufmannsstand nicht die ge 
nũgenden oder geeigneten VPersönlichkeiten aufzubringen vermöchte, 
um die vorhandenen Posten zu besetzen, käme das Rückgreifen 
auf andere Berufe in Betracht. Es könne lich bei der Be— 
schäftigung von Offizieren in Handel und Industrie im wesent⸗ 
lichen nur um Einzelfälle handeln, während das grund- 
sättzhiche Zurverfügungstellen von Vakanzen für die VPerfön- 
sichkeiten des Offizierstandes seitens des Verbandes nicht ge⸗- 
billigt werden könne 
Die Revision des Erfurter Kriegsgerichtsurteils. 
Erfurt, 3. Sept. Heute begannen vor dem Kasseler Kriegs— 
gericht des 11. Armeekorps, das sich nach Erfurt begeben hat, 
die Revisiönsperhandlungen über das Urteil des Erfurter Kriegs— 
gerichts gegen die wegen militärischen Aufruhrs verurteilten 
Reservisten und Landwehrmänner. Die Verhandlung begann 
heute früh' in dem kleinen niedrigen Verhandlungsfaal eines 
alten Gebäudes im Erfurter Kasernenviertel. Die niedrigen 
Fenster lassen kaum soviel Licht hinein, daß es dem Richter 
moͤglich ist, die Akten zu verlesen. Die Angeklagten erscheinen 
in Unisorm. Den Vorhitz führt Oberstleutnant Schollmeyer 
Verhandlungsführer ist Oberkriegsgerichtstat Platz, An— 
lageverireter Kriegsgerichtsrat Schulter Die Ver— 
teidigung der Angeklagten übernehmen Rechtsanwalt Bar—⸗ 
nau-Berlin und Justizrat Schneichel-Erfurt. Nach Eröffnung 
der Sitzung gibt der Verhandlungsführer Oberkriegsgerichtsrat 
Platz eine Darstellung der Vorgänge, die zur Verhandlung ge⸗ 
führt haben 
Staatsselretäͤr Dr. Solf in Kameruml. 
W. Berlin. 3. Sept. Staatssekretär Dr. Solf besuchte 
vom 29. August bis zum 1. September Buea, Soppo und Vik—⸗ 
toria. In einer Besprechung mit dem Pflanzerverband erklärte 
der Staatssekretär zu der Arbeiterfrage, er habe keine 
grundsätzlichen Bedenken gegen die vom Gouverneur im Ein— 
vernehmen mit den Pflanzern beabsichtigte Neuregelung, durch 
die an Stelle wilder Anwerbung eine Anwerbung durch amt⸗ 
liche Organe eingeführt werden und die Kontrolle der Arbeiter⸗ 
—DVV 
Pflanzungen gesteigert werden soll. Er betone aber, daß die 
Regierung keinerlei Verpflichtungen für die Beschaffung einer 
genügenden Anzahl von Arbeitern übernehmen könne. 
Bulgarien und die Türkei. 
WV. Sofia, 3. Sert. Die türkischen Truppen be⸗ 
fetzten anuf dem rechten Ufer der Maritza außer Kirdschali, 
Mastanli und Gümüldschina auch die Ortschaft Sufli und 
konzentrierten in der Umgebung der Dörfer Mezek und Besch⸗ 
tepe über 12000 Mann. Weiter stehen zwei Kompagnien auf 
den Höhen südlich von Oktschakrig, irreguläre Infanterie und 
Kavallerie in der Umgebung von Dodha-Hissar und weiter 
irreguläre Truppen östlich von Yahli. Kavalleriepatrouillen 
streifen die ganze alte Grenze entlang. Gümildschima 
wurde durch Irreguläre in Stärle von 2000 Mann einge⸗ 
nommen, die am 29. August in die Stadt eindrangen. Die 
Offiziere verboten sofort jeden Verkehr mit der Außenwelt. 
In Topali nordwestlich von Gümildschina, bildete sich eine 
Bande, die in den Dörfern der Umgebung Esrakenräubereien 
verübt. Am 31. August rüdte türkische Infanterie und Ka— 
vallerie von Gümüldschina gegen Xanthi vor und besetzte 
die Stadt. Das neunte bulgarische Kavallerieregiment das 
hier in Garnison lag, erhielt den Befehl, jeden Kampf mit 
den türkischen Truppen zu vermeiden. Trotzdem sah sich das 
Regiment genötigt, mit der türlischen Infanterie, die ihm dicht 
auf dem Fuße folgte, Schüsse zu wechseln. Irreguläre Banden 
marschieren in der Richtung auf das Dorf Sinkowo. Ein 
weiteres Auftreten von Banden wird aus der Gegend weitlich 
von Xanthi gemeldet. 
Die Verhandlungen in Komstantinopel. 
PyF. Sofia, 3. Sept. Dem Vertreter des Deutschen Tele— 
zraphen erklärte eine politisch' hochstehende Persönlichkeit, daß 
zurch die Behauptung zu weitgehender Ansprüche seitens der 
Türkei die Verhandlungen, die zu einem endlichen Frieden füh— 
en sollen, nur verzögert werden könnten. Bulgarien vertrete 
nach wꝛe vor den Standpunkt, die Abmachungen des Londoner 
Friedensvertrages seien null und nichtig. Die definitive Lö— 
sung der letzten Streitfragen müsse der Entscheidung der Groß— 
mächte überlassen bleiben. 
Die Cholera am Schwarzen Meere. 
NT. Petersburg, 3. Sept. In Cherson am Schwarzen 
Meere sind vier Cholerafälle festgestellt worden. Man ver— 
mutet, daß die Seuche vom Balkan eingeschleppt worden ist 
Die Arbeit der mazedonifschen Deputation. 
DT. Petereburg. 3. Sept. Die mazedonische Deputation 
ist augenhlicklich bemüht, für eine kirchliche und pädagogische 
Autonomie für die bulgarischen Mazedonier zu wirken, die 
im Bukarester Frieden Griechenland und Serbien zugeteilt wor⸗ 
den sind. Falls es den bulgarischen Mazedoniern nicht mög—⸗ 
lich sein sollte, eine solche Autonomie zu erlangen, so wollen 
sie, wie verlautet, nach Bulgarien auswandern oder die dem 
Papst unterstehende Union annehmen. 
— F e 
W. Berlin, 3. Sept. Der Reichskanzler begab sich 
am Dienstag mittag zu einem mehrwöchigen Aufenthalt nach 
Sils Maria im Engadin. 
W. Berlin. 3. Sept. Der Herzog der Abruzzen, 
der übermorgen in Berlin eintrifft, wird am Freitag mittag 
an der kaiserlichen Frühstückstafel teilnehmen. Den Abend 
wird der Herzog in der italienischen Botschaft verbringen. 
W. Petersburg. 3. Sept. Im Handelsministerium findet 
eine besondere Konferenz zur Beratung der Aufhebung des 
Transitverkehrs persischer Waren durch Rußz⸗ 
lanb nach Westeuropa statt. Die Mehrzahl der russischen Kon⸗ 
uln in Persien ist für die Aufhebung. 
W. Rio de Janeiro 3. Sept. Die Kommission der Kam⸗ 
mer erteilte in Uebereinstimmung mit der Regierung die Er— 
mächtigung zum Verkauf des gegewwärtig im Bau befindlichen 
Dreadnoughts „Rio de Janeiro“. 
DT. Pekling, 3. Sept. Zum Vorsitzenden der oberen Kam⸗ 
mer ist ein Anhänger Juanschikais gewählt worden. Der Ueber— 
tritt einzelner oppositioneller Politiker zur Regierungspartei 
derbürgt jetzt eine Majorität für Juanschikai. Man 
nimmt an, daß er zum Präsidenten der Republik gewählt wird 
DT. Berlin, 2. Sept. Im Laufe der Nacht ist es gelungen, 
zweifellos sestzustellen, wer der Mörder der Frau Schä— 
fer in Tegel ist. Es handelt sich um den am 4. Juni 186 
geborenen Schneider Max Kirstein, der in der Ber— 
auer Straße 47 wohnt. Kirstein ist seit gestern flüchtig. 
Er ist wegen Betrugs, Heiratsschwindels und Fälschungen wieder— 
holt mit Zuchthaus bestraft. Es konnte festgestellt werden, daß 
er auch der Schäfer die Ehe versprochen hat und auf Grund dieser 
Versprechungen sie um mehrere hundert Mark betrogen hat 
Als die Frau mit der Zeit merkte, wen sie vor sich hatte, drohte 
sie mit einer Anzeige bei der Polizei. Diese Drohung hat 
zweifellos Kirstein veranlaßt, den Mord zu begehen. Nach 
Verübung der scheußlichen Tat ist er in die Wohnung der 
Schäfer eingedrungen und hat alle Kästen durchwühlt, aber 
nicht um Geld zu finden, sondern um die ihn kompromittierenden 
Schriftstückee, in denen er die Schäfer zu einem Ausflug nach 
Tegel einluß, in seine Hände zu bekommen. Die Briefschaften 
waren jedoch so gut unter Wäschestücken versteckt, daß es ihm nicht 
gelungen ist, die Dokumente, die die Polizei aufgesunden hat 
in seinen Besitz zu bringen und zu vernichten. 
W. Samburg, 3. Sept. Der langjährige Theater— 
kritiker der Hamburger Neuesten Nachrichten, Herr Georg 
Kemme, ist gestern vormittag einem Schlaganfall er— 
legen. Noch am Tage zuvor war er in seinem Berufe tätig 
gewesen. Der Schlaganfall traf ibn bei der Arbeit an 
seinem Schreibtisch. 
W. Kopenhagen, 3. Sept. Während einer Nachtübung 
eines Torpedobootes sollten Leuchtkugeln abgeschossen wer— 
den; eine Leuchtkugelpistole zersprang. Zwei Offi— 
ziere und ein Matrose wurden unbedeutend verletzt. 
W. Kaiserliche Marine. Eingetroffen: „Straßburg“ 
am 31. Aug. in Alexandrette,, Geier“ am 1. Sept. in Pola 
TDresden“ am 2. Sept. in Syra, „Loreley“ am 2. Sept. in 
Konstantinopel, Hansa“ am 2. Sept. in Funchal (Madeira), 
Torpedoboot „D 8 am 2. Sept. in Sunderland, „Grille“ am 
31. Aug. in Cuxrhaven und am 1. Sept. in Bremerhaven, „Zieten 
im 31. Aug. in Sunderlsand, „Könio Wilhelm“ am 2. Sept. 
in Kiel. In See gegangen: „Hyäne“ am 1. Sept. von 
Warnremünde, „Mulnchen“ am 30. Aug. von Kiel,„Grille“ am 
31. Aug. von Wilhesmshaven, am 1. Sept. von Cuxhaven und 
am 2. Sept. von Bremerhaven, „Zieten“ am 1. Sept. von 
Sunderland, „König Wilhelm““ am 2. Sept. von Flensburg. 
Ablösungsdampfer „Hans Woermann' hat mit der von „Bremen“ 
abgelösten Besatzung am 2. Sept. von Las Palmas (Kanarische 
Inseln) die Heimreise angetror 
Luftfahrt. 
Helgoland, 2. Sept. Das Wasserflugzeug D 12, Führer 
Dberlt. Langfeld mit Fregattenkapitän Gyges als Wassagier, 
as in Wilhelmshaven um 443 Uhr nachmittags aufgestiegen war, 
andete 7.12 Uhr glatt auf Helgoland. Es mußte wegen diesiger 
Witterung und Gegenwindes verschiedene Wasserlandungen vor⸗ 
nehmen. Das Flugzeug wird an den Herbstmanövern der wWlotte 
teilnehmen. 
W. Straßburg, 2. Sept. Der Fliegerunteroffizier 
Kahl von der hiesigen Fliegerstation stürzte bei einem 
Probeflug aus etwa 30m Höhe ab. Das Flugzeug wurde zer—⸗ 
trümmert und verbrannte. Kahl trug schwere Brandmarnden 
davon: sein Zustand ist hoffnungslos. 
Ein zweites ‚Looping the Loop“ mit der Flugmafchine 
Paris 3. Sept. Der Flieger Pegoud hat auf dem Flug— 
zlatze von Buc einer Militärkommifsion sein gestriges Kunst— 
tück gezeigt, indem er wieder seinen Eindeder in den Lüften 
ich überschlagen ließ, den Apparat in seine normale Lage zurücd— 
achte und landete. Auch das heutige Experiment gelang vor 
ü glich. 
Vermischtes. 
Deutsch⸗englische Etikettengegenfätze. In v i 
kursen der Londoner Üniversität, reeen 
2500, Ausländer, darunter viele Deutsche. teilnehmen, ist die 
Vorlesung über englische Gesellschaftssitten und englifhhe Elskeli 
zu einem Gegenstand sehr lebhafter Diskusstonen geworden 
kine der Dozentinnen. Miß Violet Vartington, erzahl in einen 
Londoner Blatte von diesen eifrigen Erörterungen, dei denen 
die Gegensätze zwischen deutschen und englischen Gesfelischafte 
im Vordergrund stehen. Befanntlich gilt es in allen angel— 
sächsischen Ländern als ein schwerer Verstoß gegen den gufep 
Ton. wenn ein Herr eine ihm bekannte Dame auf der Straße 
Fe grüßt. Man steht guf dem Standpunkt, daß es d* 
RKecht der Dame ist, darüber zu entscheiden, welchem Herrtg 
sie erlauben will, sie in der Oeffentlichkeit zu begrüßen, der 
Mamn aber, der vor einer Dame den Hut zieht, ehe sie ihm 
mit einem diskreten Lächeln oder einem leichten Nicken dazu 
die Erlaubnis gegeben hat,. gilt als schlecht erzogen, gilt als 
Mann ohne Tatt und Lebensformen, „Eine junge deutsch 
Dame“ so erzählt nun die englische Dozentin der Universitat, 
„war nmicht wenig erstaunt, als ich ihr erklärte, es sei ihre 
gesellschaftliche Pflicht. guf der Stratßze dem bekannten Herrn 
das erste Erkennungszeichen zu geben.“ „Ich würde das für 
höchst unziemlich halten“. erwiderte die junge Deutsche, in 
meinem Vaterlande verbeugt sich stets der Herr zuerst.“ Dann 
berichtete die Dozentin, wie sich speziell die deutschen Hörer 
darüber wundern, daß der Herrauf der Straße stets am äußeren 
Rande des Bürgersteiges gehen muß, auch wenn er damit 
feinen Platß zur Rechten der Dame einnimmt. Der, Engländer 
geht an der äußeren Seite des Bürgersteiges, um seine Dame 
gegen Staub und den aufgewirbelten Straßenschmutz zu schützen, 
der besonders bei uvten Wetter von vorübersausenden Ge— 
fährten ausgeht. Der, deutsche Herr dagegen geht unter gllen 
Imständen links und setzt guf den Straßen daher die Dame 
diesen kleinen Unannehm lichkeiten sorglos aus. Im Verlaufe 
der weiteren Diskussionen ergaben sich dann noch eine Fülle 
von interessanten kleinen Gegensätzen zwischer deutscher und 
mglischer Etikette. Wenn der Deutsche Suppe ißt. führt er 
das Ende vder die Spitze des Löffels an die Lippen; das 
ieht der Engländer wiederum als unfein an, man führt 
rur die Mitte, bezw. die Seite des Löffels an den Mund 
zei einem Besuche nimmt der englische Herr stets den Hu 
ind Stock mit in den Salon, er betont damit, daß er 
Sgucher und Gast ist, während in Deutschland der Herr viel 
ach den Stock draußen läßt. Das gilt in England als zu 
amiliär. Wenn der deutsche Gast nach einer Mahlzeit sich 
zurüczneht. dankt er der Dame des Hauses für ihre Gast— 
freundschaft oder wünscht gesegnete Mahlzeit; der Engländen 
empfmdet das als ungehörig und will jede Anspielung aui 
die gewährte Mahlzeit unter allen Umständen vermieden sehen 
In England gilt es als unpassend, wenn nach einem Diner 
wie in Deutschland, Herren und Damen sich zu gleicher Zeit 
erheben. Die englische Dame hat das Vorrecht, zuerst ausf— 
zustehen und den Speisesaal zu verlassen, während die Hexren 
zurückhleiben. RK. O. 
Kleine Tagesereignisse. Die Münchener Mittagblätter 
melden: Der Finanzkommissar Reißig aus Wien, der am Montag 
auf dem Chiemsee Selbstmord beging, soll 120 000 Kr 
taatlicher Gelder Unterschlagen haben. — Die Jagd 
erörfnung in Mittelfrankreich hat am Sonntag zuunglücks 
fälsen Anlaß gegeben. Ein Jagdaufseher erschoß einen Treiber 
und m der Gegend von Roanne wurde ein Gendarm, der mit 
einem Kollegen einem Verdächtigen folgte, von diesem, einen 
Sonntaagsiäger, durch einen Schuß niedergestreckt. 
— 
200 000 Munterschlagen. In Heilbronn ist seit 
Sonnabend der Stadtpfleger Bucger verschwunden. Es wurde 
estaestellt. daß 200 000 Miuungededte Verbindlichkeiten vor— 
handen und zahlreiche von Burger verwaltete Privatvermögen 
von ihm angegriffen worden IUnd. 
DT. Mord und Selbstinord. Im Seebade Kahl- 
berg erschoß Montag abend der 29jährige Panioffelmacher Gra— 
bowskli seine Geliebte, die 19. Jahre alte Plätterin Martha 
KRnorr, und verübte dann Selbstmord. Grabowski verkehrte 
bereits drei Jahre mit dem Mädchen und ist es schon häufig 
zu Eifersuchtsszenen zwischen beiden gekommen. Bei einer neuer— 
lichen Szene gab er plötzlich drei Schüsse auf das Mädchen 
ab und jagte sich dann selbst eine Kugel in den Kopf. Grabowski 
war sofort tot, das Mädchen tarb wenige Stunden später. 
D7T. Vorsicht vor Losschwindlern. In letzter Jeif 
haben Schwindler in Groß-Berlin versucht, Lose einer ame 
rikanischen Ausstellungslotterie zu eindͤm Preife von 3 Tollars 
— 
lars betragen. Bei Nachfrage beim Berliner amerikanischen Kon 
sulat war von einer derartigen Lotterie nichts bekannt. Da den 
Schwindlern in Berlin der Boden zu heiß wurde, werden sie 
nun jedenfalls in der Provinz ihr Glüd versuchen. 
DD. Umwetter während des Dresdener Korn— 
blumemtages. Ter Dresdner Kornblumentag, der Diens⸗ 
tag unter reger Teilnahme der ganzen Bevölkerung einen reichen 
Ertrag zu wohltätigen Zweden abzuwerfen versprach, erlitt in 
den Nochmittagsstunden eine schwere Schäͤdigung. Gegen 5 Uhr 
nachmittags brach ein heftiges Gewitter mit wolkenbruchartigem 
Regen nieder, der im Augenblich die dichtgefüllten Straßen 
leerte. Der Ausfall an Einnahmen dürfte sehr erheblich sein 
B.D. Zehn Personenan Vergiftungserscheinun— 
gen erkrankt. In der Familie eines Zahntechnikers in 
Karlsruhe sind 10 Personen nach Genuß von Schokolade 
und Vanillencreme an Vergiftungserscheinungen erkrankt. Der 
20iährige Sohn ist bereits gestorben. 
DD. Der weiße Tod. Seit Sonnabend wurden der Ge— 
richtsassessor Rachfall und der Telegraphenbeamte Hirschberger, 
beide aus Berlin, die eine Tour über die Wiener Neustädter 
Hütte zur Zugspitze unternommen hatten, vermißt. Dienstag fand 
man in einer Schlucht, wie aus Garmisch gemeldet wird 
ihre Leichen. 
LD.A. Kirchenbrand. In den Morgenstunden des Diens— 
lag war die Minoritenkirche in Wien durch einen Brand äubkersi 
gefährdet. Gegen 52 2 Uhr früh entlud sich ein schweres Gewitter 
über Wien. Der beim Statthaltereigebäude Posten stehende Wach 
mann Lischka bemerkte nach einem heftigen Tonnerfschlag auf den 
Dach der Minoritenkirche ein Flämmchen. Die Feuerwehr fand 
den Dackstuhl eberhalb der Meßnerwohnung in Flammen. Mir 
Magnesiumlicht arbeitete die Feuerwehr, und in 14 Stunden 
konnte der Brand gelöscht werden. Tie Gattin des Meßners 
die krank und gelähmt ist, konnte sich selbst nicht retten und mußt 
in Sicherheit gebracht werden. Turch den Brand waren zahl 
reiche öffentliche Gebäude, auch die Hofburg, gefährdet. Der 
Schaden beträgt etwa 20 000 Kronen. Ein Löschmeister wurde 
verletzt. 
DT. Ein Polizist als Eisenbahnattentäter. Det 
Untersuchungsrichter in Lemberg, der die Untersuchung wegen 
des Ueberfalls auf den Butarester Schnellzug in der Nähe von 
demberg führt und der sich nach Stanislau begeben hat, hat 
nunmehr die Spur der Verbrecher festgestellt. Ter Urheber des 
Verbrechens ist ein städtischer Polizist in Stanislau namens 
Turzcynski, der nach Fehlschlagen des Verbrechens flüchtig ge— 
worden ist. Ein Stedbrief ist hinter ihm erlassen worden.
	        
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