Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

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Beilagen: Vaterstädtische Blätter. — Der Familienfreun 
Amtsblatt der freien und Hansestadt Lubed 163. Jahrgang, Peachrichten jur das tzerzogtum Lauenburg, die 
beiblatt: Gesetze und Verordnungsblatt 8 — Fürstentümer Ratzeburg, Lübed und das angren⸗ 
πιασσσασαοασεσσσεεασεσασσσεσσσαεσεεαεσενεσαο — zjende medlenburgische und holsteinische Gebiet 
Ori und Verlag: Gebrüder Borchers G. m. b. 8. m Lübed. — Geschäftsstelle Adre, a3 (Köntusir 46) Fernsprecher 9000 u. 8001. 
Morgen-Blatt Ur. 446. 
Donnerstag, den 4. September 1913. 
Erfstes Blatt. hierzu 2. Biatt. 
Umfang der heutigen Nummer 8 Seiten. 
—W————⏑ 88 — 4 αααασ σαXααααXXXααααOαOαιααOιαααα οOôσ 
sichtamtlicher Teil. .3334 
Eine Unterredung mit Andrew Carnegie. 
DT. Brüsfel, 3. Sept. 
Andrew Carnegie, der bekanntlich gegenwärtig in Brüssel 
weilt, hatte gestern abend eine Unterredung mit einem Vertreter 
des„Deutschen Telegraphen“. Der Gewährsmann berichtet dar— 
über folgendes: Als wir das Empfangszimmer des Hotels, 
in dem der Milliardär wohnt, betraten, empfing uns Herr 
Carnegie in herzlichster Weise. Ich bin auch halb und halb 
Journalist“, mit diesen Worten begrüßte er uns „Meine Ab⸗ 
sicht ist es stets gewesen, in die Presse als Reporter einzutreten. 
Aber das Schichsal hat es anders gewollt; es machte aus mir 
einen Arbeiter einer Baumwollfabrik. Hin und wieder habe ich 
aber doch für das „Pittsburger Journal“ und andere Zeitungen 
georbeitet. Ich habe immer eine kleine Schwäche für die Jour— 
nalisten gehabt und die Tageshistoriker aller Parteischattierungen 
sind mär gleich lieb.“ Auf die Frage über die Richtung seiner 
philanthropischen Bestrebungen antwortete Carnegie, daß er für 
die wirklich Schwachen stets eintreten werde, daß es aber Sache 
des Staates sei, für diese einzuftehen. Er fuhr dann fort: 
Bei, aller Menschenfreundlichkeit unnßk aber die Arbeit stets 
die Grundlage bleiben. Dem Müßigen gehört leine«Hilfe. 
Wenn der Mann sieht, daß er sein Brot im Schweiße feines 
Angesichts verdienen muß, wächst die Achtung vor der eigenen 
Kraft und die Zuversicht, dem Leben nicht hilflos gegenũber⸗ 
stehen zu brauchen.“ Carnegie sprach sich für die Einihrung 
der Alterspensionierung in allen Staaten aus und itellte die 
diesbezüglichen Einrichtungen Deutschlands als nachahmens wert 
hin. Auch für die in England seit kurzem eingeführte Alters⸗ 
versicherung war Carnegie sehr eingenommen. Weiterhin trat 
er sür die progressiven Steuern ein. Er erklärte: TDer große 
Dekonom Adam Smith schreibt: „Jeder Bürger jollte eigentlich 
die Steuern nach seinen persönlichen Fähigkeiten zahlen“. Darum 
bin ich auch dafür, daß die Millionäre sehr viel Steuern zahlen. 
Auch ich würde dem amerikanischen Kongreß ein Gesetz vor⸗ 
schlagen, daß die Besteuerung der Millionäre sich nach ihrem 
Vermögensbesitz richtet, und zwar in einer sinngemähen Ab— 
stufung bis zu 100 Millionen hinauf.“ Auf die Frage, wie 
der Kapitalist am besten sein Geld anlegen solle, antwortete 
Carnegie, ich solle sein Buch tudieren, das noch gestern abend 
König Albert mit großem Interesfe gelesen habe. In diesem 
Buch wird der Grundsatz verfochten, daß grohe Vermögen auch 
zu Lebzeiten des Besitzers eine praktische Verwendung im all—⸗ 
zemeinen Sinne sinden müssen. Carnegie kam darauf auf seine 
zfentlichen Ausführungen im Haag zurücd, wo er u. a. gesagt 
hatte, der deutsche Kaiser sei die geeignetste Persönlichkeit, die 
Friedensidee »u einem dauernden Weltsrieden auszubauen 
fragte dann: „Glauben Sie, daß dec Kaiser hierauf eingehen 
würde?“ Er antwortete selbst auf diese Frage, indem er die 
inentwegte Teilnahme des Kaisers in allen Fragen der Welt— 
»olitik hervorhob. „Ich halte ven deutschen Kaifer für den 
„rößten Friedenspolitiker. Das beweist sein großes Interesse 
ür die Friedensbewegung.“ Ueber die Rolle, welche die Presse 
in dieser Frage zu spielen hat, bemerkte Carnegie, daß die Presse 
»ie vornehme Aufgabe habe, ihre Leser zum Friedensgedanken 
iu erziehen. Der Krieg sei ein verderbliches Werkzeug, und 
o lange fsich die Nationen untereinander bekriegen, so lange 
zaben wir keinen Anspruch auf vollendete Zivilisation. Schliefßz⸗ 
ich führte er noch über das Frauenwahlrecht aus: „Was 
oll ich dazu sagen? Lassen Sie den Frauen auch ihr Recht. 
ßei uns in Amerika haben verschiedene Staaten bereits das 
rrauenwahlrecht. Menn aber die Frouen eiwas erreichen wollen 
nit ihrem Wahlrecht, so müssen sie vor allen Dingen mit dem 
MNanne gleich stimmen.“ Am ESchluß der Unterredung sagte 
karnegie in Ergänzung des letzten Themas, daß begreiflicherweise 
Mann und Frau nicht übereinstimmen, ihm sei es aber gelungen, 
nit seiner Frau in allen Fragen volitischer und sozialer Natur 
einig zu gehen. 
— —— 
Riedel sprach eingehend über das Thema: „Brauchen wir ein 
Staatsarbeiterrecht und was erwarten wir davon?“ 
Er stellte die Frage, ob es denn wirklich eine so kleins 
Hruppe sei, die hier ihre Forderungen stelle, und rechnete 
aus, daß insgesamt 760 000 deutsche Staatsarbeiter beschäftigt 
verden, für welche ein Staatsarbeiterrecht zu sorgen hätte. 
kin solches Recht bedeute nur die Durchführung des kaiserlichen 
ẽkrlasses vom 4. Februar 1890. Natürlich wollen und müssen 
ie Eisenbahner auf das Streikrecht verzichten. Doch sol“ 
»as kommende Gesetz das Koalitionsrecht festsetzen und dan 
»ie Einschränkungen und Vorschriften verbinden, denen sich jene 
Staatsbedienstete im Interesse seiner Nation von selbst zu unter— 
verfen habe. Heute seien noch vielfach die einzelnen Berufs— 
ragen der Eisenbahner der persönlichen Gunst und Willkür 
zreisgegeben. Hier soll das Staatsarbeiterrecht gesetzliche 
Normen schaffen. Einheitlich geregelt sollen werden die Siche⸗ 
ung des Arbeitsverhältnisses, die Lohnfragen,. die Beförderungs⸗ 
»erhältnisse. die Arbeits- und Ruhezeiten, der Erholungsurlaub. 
»as Beschwerde⸗ und das Disziplinarrecht. In der anschließen— 
en Besprechung sprachen sich Reichstagsabgeordneter Geheimrat 
-chwabach, Dr. Schepp und Dr. Ruß durchaus für die 
Schaffung eines Staatsarbeiterrechts aus. Geheimrat Schwabach 
betonte unter lebhafter Zustimmung. daß die Eisenbahner alles. 
vas sie erreichen wollen, mit ihrer Verwaltung und nicht 
Negen sie erreichen würden. 5 
8h. Die Laage der relen Gewerlschaften. Das ofizielle 
Organ der Generalkommission der sozialdemotratisshen Gewerk⸗ 
Gasten Deutschlands das Correspondenzblatt, veröffemntlicht den 
Bercht uber die Entwiclung, der freien Gewersschaffen im 
Jeut en Reiche im Jahre 1013 umd bemerkt dabei inietende 
Das Wirtschaftssiahr 1912 markiert den Wendepunkt der ge⸗ 
verblichen Konjunktur, die sich von 1008 ab, dem Tiefstand 
er Jetzten Krisis in aufsteigender Kichtung bewegte und ibren 
Whepunft etwa im Septemder 1911. furz vor dem Beginn dees 
Balkankrieges erreichte Sein wirtschaftüches Gepeage wan dur ch⸗ 
aus, nicht einheitlich. Neben Industrien, die sich noch eines 
recht guten Geschäftsganges erfreuten. lagen andere Industrie- 
Ippen. por llem das Baugemerbe und die ihm nake- 
tebenden Industriezweige. völlige darnieder. Wie die win 
Haftliche Situgtion uf, die Entwiglung der FewertschFlen 
urückwirkte. kommt in der Gewerkschafisstatistit des Jahres 
812 ziemlich getreu zum Ausdrud. vie gewertschaftlichen 
entralperbände zählten im Jahresdarchschnitt 1912 2530 350 
Mitglieder Die FJunahme gegen das Vorjahr betrug 9.12 00. 
Am 31. Dezember 1812 hatten die Gewerkschafien 2559 781 Mit— 
Meder. Demgegenüber wird darauf hingewiefen, daß die 
dirsche Dunckerschen Gewerkvereine 100 225.“ bie christlichenn Ge— 
nerkschaften 344687 Mitglieder aufwiesen. Dien339l dver 
Taanjerten Arbeiterinnen wuchs im Berichtsjghr auf 216 462. 
Die Gesamteinnahmen der Zentralverbände haben sich von 
2 086 9857 Meauf 80233 578 Merhöht. Auf dven Kopf der 
Mitglieder berechnet, belrugen die Einnahmen 31 71, d'e Aus— 
aben 24,15 und, das Vermögen 193 DdDas Gesam- 
ermögen belief sich auf 80707 788 M.“Unter den Ein— 
ghmen figurieren die Verbandsbeifräge mit 64 532 061 . 
die niedrigste Beitragsleistung pro Jahr — 1404 M— vwiesen 
e Handlungsgehilfen guf, die höchste — 6426 M —dhie 
thographen, und, Steindruder. VUusgegeben würden fur 
dungszwecke 3220 811, für Unterstützungszwecke 27 184 412, 
Agitation. Stellenpetmittlung, Generalversammlungen ung 
erbindungen 9 064 744 und für Verwoltungskosten 11625 dosß 
— — — m— 
Deutsches Reich. 
Die Aufhebung der Wertzuwachsstener. Die Großberliner 
Vorortgemeinde Heiligensee hat als erste einstimmig die völlige 
Aufhebung der Wertzuwachssteuer durch Ortsstatut beschlossen. 
zekanntlich gibt die Vermöõgenszuwachsbesteuerung des Reiches, 
ie zur Dedung der neuen Rüstungsausgaben beschlossen wu de. 
den Gemeinden das Recht zu solchem Vorgehen. Denn da die 
deichsfteuer auf rienech Wertzuwachs gefallen ist 
nd einstweilen kei VLandesgesetzgebung die Gemeinden zut 
forterhebung der kommunalen Wertzuwachssteuer anhält, kann 
tzt auf dem Wege der Selbstverwaltung die 1911 zwangs— 
eise vom Reich eingeführte Steuerart wie der besettigt werden. 
die Bodenreformer haben vorausgesagt, daß nun eine al lge⸗ 
neine Abschaffung der bei allen Grundstückshändlern verhaßten 
Lertzuwachssteuer Platz greifen werde. Es scheint indessen, 
aß nur solche Gemeinden, die finanziell fo gestellt sind, daß 
e den Ausfall dieser Kommunalsteuer gut ertragen. können, 
ind die vor Erlaß des Reichsgesetzes der Wertzuwachssteue: 
niderstrebten, glatte Beseitigung beschließen. Die Mehrzahl der 
jrößeren Stadtgemeinden, die sich auf die erheblichen Ein— 
»ahmen der Wertzuwachssteuer eingerichtet haben. werden 
veniger schnell und eilfertig als Heiligensee handeln. Da 
iber wo schon vor Eingreifen des Reichsgesetzes die Steuer 
»estand, wird natürlich gar keine Neigung vorhanden sein, von 
»er Aufhebungsbefugnis Gebrauch zu machen. 
Für ein Staatsarbeiterrecht trat eine Riesenversammlung 
der „Eisenbahner“ in der Berliner „Neuen Welt“ ein, die 
om Verband deutscher Eisenbahnhandwerker und zarbeiter ver— 
instaltet wurde. Reichstagsabgeordneter Idler leitete die 
Rersammlung. Er gab der Ueberzeugung Ausdruck. daß es 
ndlich an der Zeit sei, daß der Gedanke des Staatsarbeiter— 
cechts in die Oeffentlichkeit getragen merde Generalsetrefe— 
Theater. Kunst und Wissenschaft. 
Thomas Mann — über sich selbst. 
Ein Mitarbeiter des ungarischen Blattes „Visüg“ hatte 
mit Thomas Mann in Bad Tölz, wo der Dichter die 
Sommermonate verbringt, eine Unterredung. Thomas Mann 
äuberte sich dabei auch über seine eigene Kunst:: — 
„Ich habe in den „Buddenbrooks“ viel Erlebtes 
niedergelegt. Ich habe meine Familie, meine Vaterstadt, mich 
selbst darin beschrieben. Mit einundzwanzig Jahren fing ich 
damit an, und drei Jahre lang schrieb ich an dem Buch. Es war 
eine leichte, anregende Arbeit, die Erinnerungen und Erlebnisse 
umgaben mich, ich hatte' die jungendfrischen Eindrücke nur zu 
fixieren. Das Schulleben, die Empfindungen der Schüler könnte 
ich heute gewiß nicht mehr in dieser Weise schildern. Ich glaube 
jeder, der mein Buch gelesen hat, muß dabei seine eigene 
Schuliugend wiedererleben. Vierundzwanzig Jahre war ich alt, 
als das Buch erschien. Es war ein Erfolg. Man wollte mir 
meine Jugend nicht recht glauben. — Ein halbes Jahr war ich 
Angestellter bei einer Versicherungsanstalt. Anstatt zu arbeiten 
schrieb ich aber Novellen. „Der kleine Herr Friedemann“, 
. Tristan“ stammen aus dieser Zeit. 
Später versuchte ich es auch mit der Bühne. Reinhardt 
führte meine „Fiorenza“ auf, aber der Bühnenerfolg war 
mir nicht beschieden. Ich begreife das sehr wohl. Ich bin 
kein guter Dramatiker —, ich muß schon beim Erzählen bleiben 
und werde auch nicht mehr für die Bühne schreiben. — Meine 
besten Werke sind „Tonio Kröger“ und „Der Tod von Ve— 
nedig“. Sie sind mir am liebsten. 
Mein Programm? Vielleicht unternehme ich im Winter 
eine Vortragsreise. Man ruft mich nach Stuttgart, Lübeck, 
Berlin, Wien ... ja sogar nach Rußiand. Und ich babe 
viel Interessen für die Russen. Ich möchte sogar gern rufsisch 
lernen 
jätte, und Frau Tetrazzini erwiderte, der schönste Augenblid 
hrer Laufbahn sei die Stunde gewesen, als sie einmal im 
Freien vor 2000 Menschen sang. Das war in San Franzisko 
n einem Wohltätigkeitskonzert, das zu gunsten armer italie— 
nischer Einwanderer veranstaltet worden war. „An diesem 
Konzerte,“ so erzählte die Tetrazzini, „wirkte ich aus zwei 
ßründen mit: der erste entsprang dem Gefühl und der zweite 
er Notwendigkeit, ein gegebenes Versprechen einzulösen. Ich 
atte eines Tages von einigen nach Amerika ausgewanderten 
talienischen Arbeitern einen Brief bekommen; sie schrieben mir, 
aß sie mich so gern einmal singen hören möchten, aber den 
Luxus eines Theaterbesuches könnten sie sich nicht leisten. Denn 
iese amerikanischen Billettpreise —, diese Erwägung wecte in 
nir das Verlangen, einmal zwanglos im Freien und ohne 
donorierung vor dem Volke zu singen. Aber da mußte zuerst 
ein Hindernis überwunden werden, mit dem ich zu rechnen hatte. 
Ich lag im Streit mit dem Impresario Hammerstein! Er 
hatte mir, in Erwartung des gerichtlichen Urteils, sozusagen 
meine Kehle — gepfändet! Durch den Gerichtsvollzieher ließ 
ꝛx mir verbieten, für andere Unternehmungen zu singen, wie— 
vohl doch in allen Ländern das Handwerkszeug und die zut 
Ausübung des Berufes nötigen Geräte nicht pfändbar sind. 
Ich besprach mit Freunden diese jeltsame Verfügung, die mich 
anmutete, als wollte man einem Vogel das Fliegen verbieten 
ind erklärte: „Wenn die Richter dieses unbegreifliche Verbot 
hestätigen und mich zum Schweigen perurteilen, dann werde ich 
auf der Straße und auf den Plätzen singen.“ Als die 
gerichtliche Seite der Angelegenheit bald danach erledigt war, 
ragte man mich, ob ich wohl wirklich den Mut gehabt haben 
vpürde, mein Versprechen zu erfüllen. Ich erinnerte mich des 
Punsches, den damals jene italienischen Auswanderer ma 
egenüber geäußert hatten und antwortete mit einem ent—⸗ 
chlossenen Ja. Und so kam es zu jenem „Konzert im 
Freien“ am heiligen Abend. Es war im Jahre 1910. Welche 
Renge von Vorbereitungen! Ich befand mich in unbeschreib⸗ 
icher Aufregung. Auf dem riesenhaften Platze drängte sich eine 
mübersehbare Menschenmenge zusammen, Arbeiter, Soldaten 
ind zwischen ihnen wieder elegante dekolletierte Damen. Und 
rohin ich blicktte, leuchteten an den Häuserfronten Fahnen, 
Teppiche und Blumen. Ich glaube, durch meine Schuld stodten 
zamals in diesem Stadtteil San Franziskos Verfehr unß 
Leben auf nahezu zwei Stunden.“ Zur Erinnerung an dieses 
Bolkskonzert im Freien wurde später, wie der Besucher der 
Sängerin hinzufügt, an einer Mauer jenes Platzes eine 
Bronzetafel eingelassen, die die Inschrift trägt: „Zur Er— 
nnerung an Luisa Tetrazzini, die auf diesem Platze für das 
Voll San Franziskos sang; im Jahre 1910 R.C. 
Eme Shaw-Urenfführung. Shaws Fabelstück Androclus 
and the lion“ erzielte bei der Uraufführung im St. Jame— 
Theater in London einen schönen, aber keinen durchschla⸗ 
jenden Erfolg, da die Behandlung des Stoffes offenbar reli— 
riöse Gefühle oder Erinnerungen mancher Anwesenden chockierte. 
das Stüd enthält viele sehr witzige und manche tiefen Be— 
nerkungen über Dinge, wie Religion, Christentum, Märtyrer⸗ 
um. Es wird viel gelacht, und viele der Lustigkeiten, zu denen 
»er trefflich gespielte Löwe besonders beitrug, erinnerten an 
Weihnachtspantomimen. Verschiedene Charaktere sind wirklicher, 
als es Shaws Charaktere zu sein pflegen. Das Ganze spielt 
sich ohne Pause in 116 Stunden in zwei Hauptszenen ab. 
Die nene Schanspiel⸗Spielzeit im Wiesbadener Kal.Hoftheater 
etzte Sonnabend abend mit einem starken künstlerischen Erfolg 
ein. „Der Arzt am Scheidewege“, die geistvolle 
Komödie Bernard Shaws bot dem Spielleter Paul Linsemann 
Helegenheit, sein ganzes künstlerisches Können und literarisches 
Verständnis zu bekunden. Von ersten, teils neu verpflichteten 
darstellern unterstützt, zeigte sich Linsemann wieder a's Meister 
der Inszenierung und eines fein abgestimmten Zufammenfpiels. 
— Im Residenztheater ging von Shakespeare „Der Wider— 
spenstigen Zähmung“ in der neuen vieraktigen Beor⸗ 
»eitung von Ernst Bertram in Szene und sicherte ebenfalls der 
Spielaeit einen verheikungsvollen Auftakt. 
„Puwppchen, du bift mein Augen'tern“. Zum 250. Male 
vurde dieser Tage die übermütige Kren⸗-Kraatzsche Posse 
„Puppchen“ im Thalia-Theater zu Berlin gegeben, 
ind wieder stellte sich der laute Erfolg ein, der dem lustigen 
Werke bisher treu geblieben war. Das bis auf den letzten 
Platz besetzte Haus bereitete den Hauptdarstellern lebhaft 
Ovationen. Gilberts Melodien zündeten wieder, und als 8 
heimging, summte man noch lange das „Puppchen, du biß 
nein Augenstern) 
* 
Belennin sse der Tetrazzini. Ein interessantes Gespräch mit 
der Tetrazzini, der berühmten Koloratursängerin, die in der 
kommenden Saison nach den jüngsten Meldungen endlich auch 
in Deutschland auftreten wird, veröffentlicht ein Mitarbeiter 
des Avanti. Der Besucher fragte die Künstlerin nach den 
gröhten Eindrücken. de sie bei der Ausübung ihrer Kuust erlebj
	        
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