Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

neueste Nachrichten und Telegramme 
der „L- A.es und „L- Z. 
Kaiser-Parade in Breslau. 
W. Verlin, 29. Aug. Die große Parade des sechsten 
Urmeekorps auf dem Gandauer Exerzierplatz begann heute 
»ormittag /2 Uhr. Das Wetter war schön und warm. Zu 
Wagen und zu Fuß hatie sich eine ungeheuer große Menschen— 
nenge auf dem Paradeplatz eingefunden. Auf dem rechten 
Flügel der Truppenaufstellung versammelten sich die höhere Ge- 
ꝛeralitãt, der italienische Generalsiabschef Generalleutnant Pollio, 
der italienische Marineattachs Graf Calderari, Kriegsminister 
b. Faltenhaun, General v. Woyrsch, Obersthämmerer Fürst zu 
Solms⸗Baruth, der Herzog von Trachenberg, der Herzog von 
satibor, der Fürst zu Pleß, Graf Curmer-Zieserwitz, Graf Tiele— 
Winckler und andere. 
Um 9u41 Uhr traf der Kaifer in der Uniform seines Leib⸗ 
Kürassier-Regiments auf dem Paradefeld ein und stieg zu Pferd, 
mit ihm der Kronprinz und seine vier hier anwesenden Brüder, 
erner Prinz Friedrich Wilhelm, der König von Sachsen 
n der Uniform seines Ulanen-Regiments, der Kronprinz und 
Prinz Friedrich Chrissan von Sachsen, Prinz Rupprecht 
»on Bayern, Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein, der 
krbbrinz von Sochsen⸗Meiningen und Fürst zu Fürstenberg. 
Ebenso stiegen zu Pferd die Kronprinzessin und die Erbprinzessin 
»on Sachsen⸗Meiningen, beide Tamen in der Uniform ihrer 
Regimenter. Die Kaiserin fubr in einem sechsspännigen à la 
Daumont gefahrenen Wagen. Die Parade befehligte Gereral 
o. Pritzelwitiz. Anwesend war serner General v. Heeringen als 
ßeneralinspekteur der zweiten Armee-Inspektion. Die Fuß— 
ruppen standen in Tiefkoslonnen und die Kavallerie in Regi— 
nentskolonnen, die Feldartillerie wieder in Tiefkolonnen. Beim 
Abreiten der Truppenfronten wurde das zueite Treffen vom 
inken Flügel gesehen. Es folgte das Abreiten der Fronten und 
»er Kriegervereine (4000 Mann) und der Sanitätslosonnen (1000 
Mann), die vor der Tribüne Aufstellung genorwnen hatten. 
dierbei bereitete das Publikum den Majestäten die herzlichsten 
Rationen. Es wurde nur ein Vorbeimarsch befohlen, wobei 
zie Fußtruppen in Regimentskolonnen und die berittenen Truppen 
im Schritt vorübergingen. Unter allgemeiner Begeisterung 
führte der Kaiser seia Leibkürassier-Kegiment Großer Kurfürst 
Schlesisches) Nr. 1 der Kaiserin und dem König von Sachsen 
bor. Mit diesem Regiment ging auch Prinz Rupprecht von 
Bayern vorüber, der à la suite desselben steht. Als Chefs 
führten ihre Regimenter dor: Generaloberst Erbprinz von 
Sachsen-⸗Meiningen das Grenadierregiment König Friedrich Wil— 
helm II. (1. Schlesisches) Nr. 10, die Erbprinzessin von Sachsen⸗ 
Meiningen das Grenadierregiment König Friedrich Wil—⸗ 
ʒelm III. (2. Schlesisches) Nr. 11, und die Kronprinzessin das 
Dragonerregiment König Friedrich Wilhelm III. (2. Schlesisches) 
Nr. 8. Nach der Parade hielt der Kaiser Besprechung ab und 
ahm militärische Melbungen enigegen. Nach der Besprechung 
ehrte die Kaiserin um 11 Uhr 20 Min. im Wagen mit 
iner Geleiteskadron vom Tragonerregiment König Friedrich II., 
der Kaiser gegen 12 Uhr zu Pferde an der Spitze des Leib⸗ 
urassierregiments Großer Kurfürst, das die Standarten geleitete, 
uind der Fahnenkompagnie vom Grenadierregiment Friedrich 
Wilhelm II. nach dem Schloß zurüch. Daͤe Kronprinzessin und 
die Prinzessin August Wilhelm ritten mit. Auf dem ganzen Wege 
ildeten Krlegervereine und Sanitätskolonnen, 14 000 Mann 
tark, sowie Innungen und Schulen, 13 000 Personen stark, 
Spalier. Ununterbrochen wurden dan Majestäten begeisterte Hul⸗ 
digungen dargebracht. Auf dem Palgisplatz nahm der Kaiser 
toch den Vorbeimarsch des Leibkürafsierregiments und der Fah- 
nenkompagnie entgegen. 
Das Feuer auf dem „Imperator“. 
W. Newwork, 29. Aug. TDer Bataillonchef Kelln vom New⸗ 
orker Feuerwehrdampfer „Willard“ erklärte, daß die Mann—⸗ 
chaft des „Imperator“ mit grohem Sachverstand und auf jede 
tur mögliche Weise die Ausbreitung des Feuers verhütet habe. 
Durch die Schließung der wasserdichten Schotten sei das Feuer 
auf einen kleinen Raum Beschränkt und der Luftzug verhindert 
worden. Turch die Maßnahmen der Besatzung sei die Arbeit 
der Newyorker Feuerwehr außerordentlich erleichtert und unge— 
fährlich gemacht worden. 
Die Direktion der HRamburg-Amerika Linie in Newyork teilt 
iber das Feuer auf dem „Imerator“ folgendes mit: Das 
Feuer entstand um 4 Uhr in der Nacht und war morgens um 
3 Uhr gelöscht. Es entstand im Proviantraum und beschränkte 
iich ausschließlich auf diesen Teil des Schiffes. Die für die 
Bassagiere bestimmten Räumlichkeiten des Schiffes haben keinen 
zchaden erlitten. Nur in einigen Gängen, durch welche die Lösch- 
eitungen gelegt wurden, entstand ein belangloser Wasserschaden. 
Der „Imperator“ wird seine fahrplanmähige Abfahrt am Sonn⸗ 
abend, dem 30. August ausführen, ebenso wird an den weite— 
en fahrplanmäßigen Abfahrten von und nach Europa nichts 
zeändert werden. Der 2. Offizier Gobrecht versuchte mit einem 
Rauchhelm und einem Feuerlöschanzug versehen an den Herd 
»es Feuers vorzudringen, wurde aber abgeschnitten und fand 
leider seinen Tod durch Erstickung. Die Leiche wurde ge— 
»orgen. Die Gesellschaft bedauert den Verlust dieses hervor- 
agend tüchtigen Offiziers auf das schmerzlichste. Die rasche 
döschung des Feuers ist ein Zeichen für den hervorragenden 
Nutzen der wasserdichten Abteilungen auch in solchen Fällen und 
»eweist, daß die Feuerlöscheinrichtungen an Bord des Schiffes 
adellos gearbeitet haben. Die Hamburg⸗Amerika Linie knüpft 
in diese Tarstellung des Falles einen Dank sür die wirhsame 
Interstützung, die die Newyorker Feuerwehr geleistet hat und 
ügt noch hinzu, daß die Gerüchte über eine Panik unter den 
Zwischen deckspafsagieren an Bord unrichtig seien. Sobald das 
Feuer entdectt war, wurden die Zwischendeckspassagiere, die als 
inzige von den sämtlichen Passagieren noch an Bord geblieben 
varen, aun Land gebracht. Auch alle Gerüchte über weitere 
Menschenverluste bei dem Feuer siud falsch. Als Ursache des 
Feuers ist wahrscheinlich Kurzschluß anzusehen. 
Das Jesuitengese 
Berlin, 29. Aug. Der vom Reichstag angenommene An— 
rag auf Aufhebung des Jesuitengesetzes wird im Herbst im Bun— 
desrat zur Beratung gelangen. Wie an unterrichteter Stelle 
»erlautet, wird auf Amahme des Antrages wohl nicht zu 
rechnen sein, da Sachsen und Württemberg, die norddeutschen 
und mitteldeutschen Staaten schon jetzt dagegen sind und Preußen 
sich ihnen wohl anschliesßen dürfte. Die Entscheidung für 
Preußen wird erst Aufang Oktober im Staatsministerium fallen. 
Zwar Versuche werden gemacht, die preußisch: Regierung wenig— 
tens für eine Milderung des JIsuitengesetzes umzustimmen, weil 
tatsächlich der gegenwärtige Zustand reformbedürftig ist, da er 
Mißverständnisse und verschiedenartige Behaudlung der Jesuiten 
n den einzelnen Bundesstaaten begünstigt. Inwieweit diese 
Versuche Erfola haben werden, ist noch nicht zu übersehen 
Die bulgarich iürlischen Beziehungen. 
Köln, 29. Aug. Die Kölnische Zeitung meldet aus Berlin: 
kine fortschreitende Besserung des Verhältnisses zwischen Bus— 
arien und der Pforte scheint sich bemerkbar zu machen. Auf 
eiden Seiten zeigt man ein gewisses Entgegenkommen für 
„ie Vorbereitung von Verhandlungen, die sich vorläufig auf die 
Ibstechung einer Grenzlinie beziehen. Dabei ist für die Türkei 
vichtig, daß ihr die Eisenbahnlinie Konstantinopel — Adrianopel 
uch in dem Falle nicht entzogen wird, wo die Bahn jenseits 
es Maritzaflusses läuft. Bei dem Besitze von Adrianopel 
nird Bulgarien in den Verhandlungen wohl möglichst lange an 
er Decung durch die Bestimmung des Londoner Fr'edensver—⸗ 
rages und demgemäß einer Anlehnung an die Großmächte fest— 
alten wollen. Es mögen auch Rüchsichten der imneren Politik 
er bulgarischen Regierung rätlich erscheinen lassen, für das 
rgebnis der Verhandlungen über Adrianopel namentlich im 
falle eines Verzichts auf die Stadt einen Rückhalt an der Zu⸗ 
timmung der Grohmächte zu haben. 
Die Naphthaquellen von Mailkop versiegt. 
Petersburg, 29. Aug. Sämtliche Gesellschaften in Mai⸗ 
o p (Kaukasien) haben, mit Ausnahme von dreien, die Aus— 
eutung der Naphthaquellen eingestellt, da diese vollstän— 
ig versiegt sind. Die Vr'use siind rnorm. (Das Naphtha— 
errain von Maikop ist eins der gröhßten und ergiebiasten Ruß— 
ands gewesen. Die Red. d. L. A 
Die Jagd nach dem gestohlenen Perlenkollier. 
. Paris, 29. Aug. Ein französischer Ingenieur war es, 
er durch seine Nachforschungen die Polizei auf die Spur und 
ur Aufdeckung des Perlenhalsbanddiebstahls im Werte von 
Millionen Frs. gebracht hat. Der Ingenieur ging von fol—⸗ 
enden Voraussetzungen aus: Der Handel mit kostbaren Steinen 
egt in den Händen eines großen internationalen Syndikats. 
ꝛer Verkauf eines bekannten Diamanten oder anderer kostbarer 
zerlen kann daher diesem Syndikat nicht unbemerkt bleiben 
für Perlen und Rohdiamanten ist das Zentrum des inter— 
ationalen Handels in Hongkong, für geschliffene Diamanten 
zotterdam, für gefaßte Diamanten und Perlenkolliers in Wien 
Der französische Sherlock Holms hat infolgedessen den Direk⸗ 
or Price der Gesellschaft Lloyds veranlaßt, nicht, wie von der 
aily Mail gemeldet wurde, nach Berlin, sondern nach Wien 
1fahren. Der Ingenieur bedachte, daß große Perlenkolliers 
iemals das Eigentum eines einzelnen Händlers seien, sondern im 
luftrage mehrerer Personen von einem Goldschmied angefertigt 
ürden und Eigentum dieser verschiedenen Händler blieben. 
zo hat der Londoner Händler Max Mayer die Perlen des ver— 
hwundenen Kolliers, deren wirklicher Wert sich auf 124 Mill. 
rancs beläuft, von befreundeten Wiener Händlern erhalten. 
afür muß er diesen, solange er das Kollier nicht verkauft 
at, monatlich eine Entschädigung von insgesamt 75 000 Frs. 
ahlen. Das Perlenkollier sollte angeblich ein Hochzeitsgeschenk 
ür die Tochter des deutschen Kaisers sein. Direktor Price will 
un versuchen, ob er in Wien eine der Perlen des Salsbandes 
Atrifft. Dies wäre der Beweis dafür, daß das Perlenhals— 
and inzwischen wieder auseinandergenommen ist, es sich also 
lsicht um einen Verlust des Kolliers, sondern um einen gemeinen 
diebstahl handelt. In diesem Falle braucht Lloyds die Ver— 
cherungssumme von 3 Millionen nicht zu zaählen. 
* 
W. Berlin, 29. Aug. Staatssekretär Solf ist 
heute in Victoria angekommen. 
W. Hamburg, 29. Aug. Bei dem heutigen Absturz mit 
einem Flug zeug hat der Fluglehrer Caspar das Nasen— 
ein und zwei Rippen gebrochen. Caspar und sein gleichfalls 
erletzter Flugschüler Knauser, der aus Koburg stammt, wur— 
den in das Eppendorfer Krankenhaus gebracht. 
Murnchen, 29. Aug. Der Prinzregent ist heute früh 
7 Uhr von Posen hier eingetroffen. 
W. Kopenhagen, 29. Aug. Der Internatiomale 
Triminalistenkongreß wurde gestern mit einer Ansprache 
es Ministerpräsidenten Zahle eröffnet. Heute vormittag 
and unter dem Vorsitz des Professors Liszt-Berlin die erste 
geschäftliche Sitzung statt. 
Wien, 29. Aug. Die Albanische Mission, an ihrer 
5pitze der Minister des Aeußern, ist hier eingetroffen. 
W. Wien, 29. Aug. Der deutsche Nationalver— 
and erklärte in der heutigen Vollversammlung, an der Ge—⸗ 
neinbürgschaft aller Deutschen Oesterreichs, insbesondere in der 
öhmischen Frage unverbrüchlich festzuhalten. Der Verband 
erlangt, daß die Regierung sich für die deutschen Forderungen 
nd eine antsprechende Ordnung deer Verhältnisse Böhmens 
jit aller Entschiedenheit einsetze, wobei die Deutschen allerdings 
ie Persönlichkeit des gegenwärtigen Statthalters geradezu als 
in Hindernis in der unparteiischen Führung der Geschäfte an— 
hen. Der Nationalverband erklärt, zur Durchsetzung der For— 
erungen der Deutschen Böhmens die Gemeinbürgschaft bis zu 
en äußersten Folgerungen bewahren zu wollen. 
DT. Moskan, 29. Aug. Nicht etwa ein schlechter Witz, 
er sein Entstehen der Zeit der sauren Gurken zu verdanken 
at, sondern die auf einem Amtsbefehl beruhende Tatsache 
ird aus Moskau gemeldet: Die Moskauer Polizei 
ucht das Oberhauptder Kremlstadt. In der Polizei— 
eitung steht zu lesen, daß der verabschiedete Stabskapitän 
zrijanski, unbekannt wohin verzogen, wegen rückständiger Stenern 
esucht wird. Alle, denen der Aufenthalt Brjankis bekannt ist, 
aben der nächstgelegenen Amtsbehörde Mitteilung zu machen. 
der verabschiedete Stabskapitän ist abes niemand anders als das 
tellvertretende Stadtoberhaupt der ersten Residenz Rublands. 
DT. Petersbura, 29. Aug. Zwischen China und Japan 
oll folgendes vorläufige Abkommen getroffen worden sein: 
.Vorbereitung für ein japanisch-chinesisches Bündnis. 2. Aus⸗ 
ieferung der chinesischen Monarchisten, die sich in Japan ver⸗ 
reckt halten. 3. Erlaubnis der chinesischen Truppentransporte 
uuf der südmanschurischen Bahn im Falle eines Krieges mit der 
kürkei. (Nanu? Soll wohl Mongolei heißen! Die. Red. 
er L. A.) 4. Jananische Hilfeleistung bei einem Kriege Chinas 
nit der Mongolei. 5. Anerkennung der chinesischen Republik. 
W. Wafshingtfon, 29. Aug. Präsident Wilson hat 
»on Lind eine lange Depesche erhalten, in der Lind 
uversichtlich die Möglichkeiten der Beilegung des 
5treites stizzieet. Obwohl im Weißen Hause völliges Still⸗ 
hweigen gewahrt wird, so verdichtet sich in amtlichen Kreisen 
‚och der Eindrud, daß de Regierung Huertas und Lind zu cinem 
Ibkommen gelangen werde, welches den Frieden herbeiführen 
önunte. Eine hohe Stelle erklärte, die Lage sei günstiger als 
u der Zeit, als Lind nach Mexiko ging. 
— 
V. Brüssel. 29. Aug. Aufdem Lei bei Gent sind beieinem 
Zusammenstoß zweier Dampfschiffe zwei Damen 
and ein griechischer Student ertrunken. 
Graz, 29. Aug. Der in dem benachbarten Birkwerder 
insässige Großgrundbesitzer Ludwig Schweiger forderte seine 
rei Kinder, die im Alter von acht, vier und drei Jahren stehen, 
uf, sie sollten in den Busch gehen, um sich Beeren zu suchen 
die Kinder fanden Tollkirschen, von denen sie alle aßen. 
die Kinder erkrankten und sind diese Nacht gestorben, 
Budapest, 29. Aug. In Pakratz in Kroatien hat der 
andwirt Ivakovic seinen dreijährigen Sohn mit einer 
zense den Kopf abgeschnitten, weil das Kind eine 
ersteckte Hundertkronennote zerrissen hatte. Die Frau, die 
n einem Nebenzimmer einen Säugling badete, eilte herbei und 
erfiel angesichts der schredlichen Tat in einen Starrkrampf. 
der Säugling ertrank im Bade. 
W. Madrid,29. Aug. Nach Blättermeldungen aus Mon— 
donedo stürzte ein Automobil um, in dem sich 
der Disdzefan-Bischof mit zwei Dienern befand auf der Fahrt 
iach Santiago. Der Bischof wurde verletzt, der eine Diene; 
rurde getötet, der zweite schwer verletzt. 
W. London, 29. Aug. Der Dampfer „Pommern“ 
trandete auf der Fahrt von Stettin nach Burntisland (Schoit- 
and) heute morgen in der Nahe von Whileburn an der Ostküste 
»on Lothians (Schottland). Es ist wahrscheinlich, daß der Dampfer 
„öllig wrack werden wird. 
DT. Charlow, 29. Aug. Zwei Schüler fuhren mit 
einer bekamten Dame Boot, wobei sie ihr allerlei Anträge 
tellten. Als sie abgewiesen wurden, setzten sie die Dame 
nuf einer wüsten Insel ab, wo nur wilde Hunde leben, 
zie sie überfielen und ihr 32 schwere Wunden 
zeibrachten. Zufällig wurde die Unglückliche entdeckt und aus 
hrer furchtbaren Lage befreit. 
W. Tokio, 29. Aug. Ein Taifun hat großen Schaden 
mgerichtet. Es sind etwa 20 Personen umgekommen und hunderte 
on Brücken zerstört worden. Auf dem Berge Komagatake kamen 
17 Kinder um. 15 070 Säuser stehen unter Wasser. Die Eisenbahnen 
und die Ernte sind schwer geschädigt worden. 
W. Kaiserliche Marine. Eingetroffen sind: „Luchs“ am 
29. Aug. in Tsingtau, „S 90“ am 28. Aug. in Schanghai, 
„Grille“ am 27. Aug. in Hörnum. — In See gegangen: 
„Grille“ am 28. Aug. von Hörnum, „Vulkan“ am 28. Aug. 
von Kiel. 
Buntes Allerlei. 
O.K. Die letzten Tage der Scheidungsmühle. Aus Newyork 
vird berichtet: Amerika wird sehen müf'en, wie es sich damit abæ 
indet, aber das in letzter Zeit so oft Pophezeite ist wirk 
iches Ereignis geworden: die Tage der grohßen Scheidungs-— 
nühle von Reno sind gezählt. Tas neue Gesetz, das in Scheia 
ungsfragen den Staat Newada den übrigen Staaten der Union 
nnähert, tritt in Kraft und fortan wird jedermann, der in 
dewada lästig gewordene eheliche Bande lösen will, mindestens 
imn Jahr sang ohne Unterbrechung im Staate Newada leben 
aüssen, ehe er die Möglichkeit erlangt, eine Scheidungsklage 
uurchzusetzen. Damit ist wohl die blühende Scheidungsindustrie 
denos dem Untergange geweiht. Tas alte Gesetz verlangte 
mr, daß die Scheidungskandidaten 6 Monate in Newada gelebt 
saben mußten; und es genügte, wenn man nach Reno fuhr, 
Wuartier belegte, eine Woche an den Vergnügungen der Schei— 
„ungskolonie teilnahm und dann wieder nach Hause fuhr: 
PVenn man dann nach 6 Monaten wieder zurückkehrte, stand 
er Eröffrung des Verfahrens nichts mehr im Wege. Jetzt frei⸗ 
ich ist Reno überfüllt, denn alle Scheidungskandidaten, die bis 
sum 30. Juni eintrafen, genießen noch die Vergünstigungen 
des alten Gesetzes. Kein Wunder, daß es einen wahren Sturm 
ruf die Scheidungsmühle gab; Reno ist überfüllt, ein Zimmer 
aum zu bekommen und das Geschäft geht glänzend. Aber ach, 
s ist nur der glänzende Anfang eines traurigen Endes, und 
ie betriebsawen Bewohner von Reno gehen schlechten Zeiten 
mtgegen. 
age. Der Reisepaß der Kameliendame. Die französischen 
diteraturforscher, deren Wissensdrang kein Gegenstand zu klein 
cheint, beschäftigen sich, so schreibt die N. G. C., immer wieder 
rit jener holden, gar zu holden Ftau, der das beneidenswerte 
dos zufiel. durch zwei großze Künstler unter die Unsterblichen 
ersetzt zu werden. Mit Marie Duplessis, nach der Alexander 
dumas die „Kameliendame“ schuf und die danmn für Giuseppe 
zerdi das Vorbild der „Traviata“ wurde. Denn so kurz ihr 
deben war, ist es doch in manchem Punkte noch immer nicht 
»öllig aufgeklärt. Jetzt ist einem Liebhaber von Autographen 
in Reisepaß der schönen Marie Duplessis, über deren wahres 
lussehen man so oft gestritten hat, in die Hände gefallen. 
kr stammt aus dem Jahre 1842 und sollte ihr zu einer Fahrt 
nach Baden-Baden dienen. Sie wird in diesem Paß folgender—⸗ 
naßen beschrieben: „Alter: 21 Jahre. Größe: 1m 67. Haare: 
astanienfarben. Stirn: mittel. Augenbrauen: braun. Augen: 
chwarz. Nase: gut geformt. Mund: klein. Kinn: rund. Ge⸗ 
icht: oval. Gesichtsfarbe: blaß.“ Diese Beschreibung ist inso— 
ern unrichtig, als Marie (in Wirklichkeit Alphonsine) Tuplesiis 
m 15. Januar 1824 geboren war, damals also erst achtzehn 
cahre zählte. Und auf einem anderen Reisepasse, der gleich 
alls vorhanden ist und Marie Duplesfis für eine Fahrt nach 
tondon ausgestellt wurde, wird ihre Größe nur mit 1m 685 ange— 
eben, so daß sie also in vier Jahren um zwei Zentimeter kleiner 
eworden wäre. Der Grund, aus dem Marie Duplessis diese Fahrt 
ach London unternahm. war übrigens kein alltäglicher. Einer 
hrer begeistertsten Verehrer, ein junger Graf von Perregaux, 
eß sich dort mit ihr trauen. In Frankreich erlangte die Heirat 
iemals Gesetzeskraft und ihre einzige dauernde Wirkung bestand 
arin, daß Marie Tuplessfis seitdem jedes Stück ihrer zarten 
ind kostbaren Wäsche mit einer Grafenkrone schmücken ließ. Der 
hraf von Perregaux war der Enlt enes aus der französifchen 
xchweiz nach Frankreich gelangten, ebenso angefehenen wie reichen 
zankiers und der Sohn eines Kummerherrn des Kaisers Na— 
oleon J. Marie DTuplessis, deren leichter Sinn nichts von 
kreue und Beständigkeit wußte, ersetzte ihn schnell. Als sie 
nit vierundzwanzig Jahren starb, war sie ohne Geld. Um sich 
ie verhältnismäßig bescheidene Summe von 1500 Fr. zu be—⸗ 
haffen, hatte sie nicht weniger als neunzehn Sachen auf das 
eihumt geschidt, und einer der letzten Gegenstände, den die 
immutige Sünderin vor ihrem Tode kaufte, — war ein mit 
Samt bezogener und mit vergoldeten Nigeln beaivlagener Bet— 
tuhl, für den die „Kameliendame“ 40 Fr. bezaählte 
— 2MC——— —
	        
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