Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

wen sie die Mieten zu zahlen haben. Es sei daher eine Aende— 
rung des Gesetzes dahin anzustreben, dah eine Vorausverfü— 
gung über die Mieten sowohl dem Hypothekgläubiger wie dem 
Ersteher gegenüber über das laufende Quartal hinaus keine 
Wirksamkeit hätte. Allerdings dürfte dann auch die Bestim— 
mung des Zwangsversteigerungsgesetzes nicht aufrecht erhalten 
werden, wonach mit dem Range der Hwotheken neben den 
laufenden Zinsen auch die rückständigen bis zu zwei Jahren 
eingesetzt werden dürfen. Das hat in der Praxis zu Schie— 
bungen schlimmster Art Anlaß gegeben. Der Redner betonte 
zum Schluß, daß die Aenderung nicht sowohl im Interesse des 
Kapitals als des städtischen Hausbesitzes liege, dem bei längerer 
Fortdauer der herrschenden Misßtände eine weitere Entwertung 
drohe. Sie liege auch im Interesse des Bauhandwerks, das 
sich zur Befriedigung für seine Arbeit mit Hmpotheken abfinden 
lassen müsse. Eine Reform des Gesetzes sei auch ein kleines 
Mittel zur Lösung des wichtigsten Problems, nämlich der 
Wohnunagsfrage. Preiswerte Wohnungen in ausreichen⸗ 
der Zahl, besonders für die unbemittelte Bevölkerung, könnten 
nur dann beschafft werden, wenn die Erlangung zweiter Hypo— 
theken nicht mit zu großen Schwierigkeiten verbunden ist. GBei— 
fall). Der Redner legte dann folgenden Antrag vor: „Der 
Allgemeine Genossenschaftsiag hält es für erforderlich, zur 
Gesundung der Verhältnisse auf dem Sypothekenmarkt im 
Wege der Gesetzgebung die Verfügungsmöglichkeit Über Mieten 
im Interesse des Hypothekengläubigers zu beschränken. Die 
Mieten müssen in erster Linie zur Erhaltung des Grundstücks 
und zur Befriedigung wegen wiederkehrender Leistungen wie 
Hypothekzinsen usw. dienen. Insoweit ist eine Be— 
schränkung der Verfügungsfähigkeit des Eigentümers 
berechtigt. Der Personalkredit des Eigentümers darf 
nicht aufgebaut werden mif den Mieten, die bei ordnungs— 
maäßiger Wirtschaft für das Grundstück verwendet werden müssen 
Der Allgemeine Genossenschaftstag hält deshalb eine Aende 
rung des 8 1124 des Bürgerlichen Gesetzbuches für erforder⸗ 
lsich, durch die eine Verfügung über den Miet- und Pacht⸗ 
zins dem Hypothekgläubiger gegenüber für unwirksam erklärt 
wird. soweit sie sich auf eine spätere Zeit als des zur 
Zeit der Beschlagnahme laufenden Vierteljahres erstreckt. — 
Zur Erleichterung der Verwertung eines Grundstücks in der 
Zwangsversteigerung ist 8 57 des Gesetzes über die Zwangs⸗ 
ne sseigerung und Zwangsverwaltung dahin zu ändern, daß 
dem Eisteher des Grundstücks gegenüber eine Verfügung über 
den Mietzins für eine spätere Zeit als das laufende Kalender⸗ 
viertelijiahr unwirksam ist. — Es empfiehlt sich, dem 8 1150 
des Bürgerlichen Gesetzbuches folgende Zusätze zu geben: Be— 
friedigt ein nach 8 268 des Bürgerlichen Gesetzbuches dazu 
berechtigter Dritter den Hypothekgläubeger wegen seiner Zins⸗ 
forderung. so muß der Gläubiger den aus dem Grundbuch 
erlichtlichen. nachstehend dinglich Berechtigten unverzüglich von 
dem Uebergang der Forderung Mitteilung machen. Wird die 
Zinssorderung an einen Dritten, der den Hypothekgläubiger 
wegen der Forderung befriedigt. ohne nach dem 8 268 des 
Bürgerlichen Gesetzbuches dazu berechtigt zu sein, abgetreten, 
so kam er Befriedigung aus der Hypothek mit dem Range 
derselben nur beanspruchen. wenn nicht ein nachstehender. 
binglich Berechtigter auf die unverzügliche Mitteilung hin wider 
pricht. Andernfalls erhält die Zinsforderung den Rang von 
Zijs. 8 8 10 des Zwangsversteigerungsgesetzes. Die Erhebung 
des Widerspruchs eines von mehreren dinglich Berechtigten 
wirkt für die anderen mit.“ — Der Antrag wurde ange 
nommen. — Ueber „Bekämpfung der Borgwirt— 
schaft“ berichtete Direktor Renke (Hannover). Der Redner 
desiniente als Borgwirtschaft die leichtfertige Gewährung von 
Krediten an zahlungsschwache und zahlungsunfähige Personen 
und die Inanspruchnahme von Krediten seitens zahlungs⸗ 
unfähiger Personen, die aus Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit 
oder, um Zinsen zu sparen, nicht zahlen wollen. Gegen das 
Borgunwesen wird vorgegangen durch die Einziehungsinstitute 
und die Rabattgewährung, die sich als ein vorzügliches Mittel 
im Kampfe gegen das Borgunwesen bewährt habe. Der Scheck 
verkehr hat durch den unglückseligen Scheckstempel sehr ge— 
litten und sollte dieser Schechstempel nicht erst Ende 1916 be⸗ 
eitigt werden. In dem vom Referenten vorgelegten Antrag 
wird empfohlen, alle Maßnahmen zu fördern, deren Zweck 
die Ausbreitung des Barzahleingssaastems und die Einbürgerung 
laufmännischer Grundsätze im Geschäftsverkehr der Handwerker 
und kleinen Handelstreibenden ist. Der Anwalt erklärte hierzu 
daß mit diesen bereits in Stettin beschlossenen Mitteln gegen 
das Borgunwesen sehr erfreuliche Erfolge erzielt wurden. Ueber 
die Einziehungsgenossenschaften könne wegen der kurzen Zeit 
ihter Tätigkeit ein abschließendes Urteil noch nicht gefällt 
———— — — 
in Ellerstedt ausging, um seine kleinen Besorgungen zu machen, 
sich auf der Promenade zu zeigen oder wohl auch bei Ras— 
mussen, der Konditorei, die von den Damen der guten Gesell- 
schaft bevorzugt war, ein Weilchen zu sitzen. 
„Uebrigens wollte Kyllburg sich uns anschließen. Er wird 
wohl schon unten vorm Haus sein.“ 
Astrid sagte es, während sie bereits die Treppe hinab⸗ 
ngen. 
„Hast du ihn aufgefordert?“ fragte Gerda. 
„Ja, gewiß — ist es dir etwa nicht recht?“ 
„Doch, natürlich.“ 
Und die Schwester schloß den letzten Knopf am Handschuh. 
Kyllburg stand in der Tat schon unten und begrüßte nun 
die Damen. Gerda wußte es so einzurichten, daß Astrid zwischen 
ihnen beiden ging. Seit jener Stunde damals im Walde stand 
etwas trennend zwischen ihnen. Mit seiser Trauer fühlte es ein 
jeder, trotzdem er sich Muhe qab, den alten, ungezwungenen 
Ton der Kameradschaft wieder uu treffen wie ehedem. 
(Fortletzuna folat.) 
Theater, Kunst und Wißssenschaft. 
Theater und Korzertleben in Chemnitz. Die Stadt— 
kheater haben im Jahre 1912 ihre Spielzeit am 30. April 
zeschlossen. Das Neue wurde am 1., das Alte Theater am 
7. Sept. wieder eröffnet. Das Berichtsjahr ist für das 
Chemnitzer Theaterwesen von besonderer Wichtigkeit. Mit 
Schlußß der Winterspielzeit trat der langjährige Leiter der 
Städtischen Theater, Direktor Jeshe, der sich um, die Ent— 
wickelung des Chemnitzer Theaterlebens sehr verd'ent gemacht 
hat, von seiner Tätigkeit zurück, um sich in das Privatleben 
zurückzuziehen. Sein Nachfolger wurde Anton Richard Tau— 
ber, Kön'glich Preußischer Hosschauspieler in Wieshaden. Die 
bisherige Fortentwickeling der Chemnitzer Theaterderhältnisse 
beweist, daz dee Wahl gückl'ch war. Sowohl in künstlerischer, 
als geschäftlicher Beziehung ist es aufwärts gegangen, das zeigt 
ebenso die durch die Presse zum Ausdruck gekommene öffentliche 
Meinung, wie auch die Tatsache, danß dem Fehlbetrage des 
verflossenen Jalxes zum ersten Male wieder ein Rein— 
Jewinn gegenübergestellt werden kann. Gespielt wurde im 
Neuen Theater 236mal abends und 46mal nachmittags, im 
werden. Der Antrag des Referenten wurde angenommen. — 
ditekter Argelander Nakel a. d. N.) behandelt das 
chema: „Die Behörden und der Kautionskredit“. 
die Gewährung von Kautionskredit hat bei den Kreditgenossen— 
chaften weite Verbreitung gefunden. Auch der Allgemeine Ver— 
»and war bemüht, daß den ihm angegliederten Genossenschaften 
zefstattet wird, bei entsprechender Sicherheit bei Behßrder 
Zaution stellen zu können. Die meisten preußischen Ministerien 
»aben in dieser Frage verständnisvolles Entgegenkommen be— 
viesen, dagegen lassen es die Provinzialbehörden vielfach daran 
ehren. Wem man dem Mittelstande wirklich helfen wolle, soll 
ian ihm auch in dieser wichtigen Frage nach Möglichkeit ent 
zjegenkommen. Die Hauptstütze des Mittelstandes ist die Kredit 
jenossenschaft, der man bei der heutigen schwierigen Lage des 
Zubmissionswesens die Wege ebnen, aber nicht erschweren soll. 
kin im Sinne der Ausführungen des Referenten gehaltener 
Antrag der Deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften 
»er Provinz Posen wurde debattelos angenommen. — Nach- 
ꝛem ein Antrag des Anwalts, betr. Bedingungen für die 
Bflege des Effektenkommissionsgeschäftes seitens der Kredit— 
enossenschaften, zurückgestellt bezw. von der Tagesordnung ab— 
resetzt worden war, wurde der 54. Allgemeine Genossenschafts⸗ 
rag durch den Vorsitzenden mit Dankesworten geschlossen. 
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Die Balkanfrage. 
Die Sendbolen aus Adricnopel. *8 
Sieben Vertreter der Stadt Adrianopel sind im Berliner 
Auswärtigen Amte empfangen worden. Es sind Vertreter aller 
tichtslawischen Orientvölker, die in der alten Hadriansstadi 
usammenwohnen, Osmanen, Griechen, Armenier und Juden. 
zie haben alle wenig Sehnsucht, den „Segen“ bulgarischer 
zerrschaft am eigenen Leibe — in des Wortes sinnfälligster 
zedeutung — zu erfahren. Vorher waren die Herren in 
Vien und in Petersburg; selbst in der Hauptstadt des Slawen— 
ums hat man ihnen freundliche Worte gegeben. Daran fehlte 
s auch anscheinend in Berlin nicht. Die Sieben haben dem 
ßesandten von Stumm, der sie in der Wilhelmstraße in Ver— 
retung des Staatssekretärs v. Jagow empfing, ein Memo— 
randum übergeben, in dem sie gegen die Grausamkeiten der 
Bulgaren protestierten und in dem sie beteuerten, eher zu 
terben, als Untertanen Bulgariens zu werden. 
Derartige Beteuerungen sind ja nun nichts Seltenes im 
Drient, der die blumige Sprache auch in der Politik liebt, auch 
»er vielgewandte Nikita wollte lieber sterben, als Skutari 
zäumen, und die Statistik, die si: überreichten und in der sie den 
stachweis zu führen suchten, daß die Bulgaren nur einen ganz 
jzeringen Bruchteil der Bevölkerung Thraziens ausmachten, 
wird vermutlich auch keinen allzu großen Eindruck auf die Herren 
m Auswärtigen Amt gemacht haben. Denn für die Bepölke— 
ungsstatistik am Balkan beweisen Zahlen alles, was man 
zeweisen will. Trotzdem wird es nicht bloß nichtssagende Floskel 
jewesen sein, wenn Herr von Stumm erklärte, Deutschland 
verde seine Freundschaft auch jetzt der türkischen Nation be— 
bahren. Denn Deutschland war ja doch in den letzten Jahr— 
ehnten der Pforte mehr als das, was im diplomatischen 
sprachgebrauch „befreundete Nat'on“ genannt wird. Die Dele— 
siierten aus Adrianopel haben sich in Gesprächen mit Berliner 
bßressevertretern sehr geschickt auf die langjährigen freundschaft⸗ 
ichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei berufen 
ks lag sicher außerhalb der Macht Deutschlands, d ese Freund 
chaft in den letzten Monaten wirksam zu betätigen. Denn eine 
Macht,. die derart rasch zusammenbricht wie das Osmanenreich 
n den Wintermonaten, macht alle Rettungsversuche von Freun⸗ 
den zuschanden. Aber jetzt liegen die Verhältnisse doch anders. 
Nachdem die Osmanen den Vorstoß zur Maritza unternommer 
»aben, würde ein gewaltsames Zurückdrängen hinter die Linie 
fnos— Midia der Anfang vom Ende für ihr Reich nicht nur in 
fFuropa, sondern auch in Asien bedeuten. Wollte daher Deutsch 
jand zu einer solchen Katastrophenpolitik hilfreiche Hand bieten, 
so würde es des Reichskanzlers Versicherung, die er im De— 
zember 1912 abgab, Deutschland werde mitarbeiten an der 
Konsolidierung der Türkei, Lügen strafen. Wir hoffen daher, 
daz die Freundschaftsversicherungen, welche die Boten aus 
Adrianopel mit aus der Wilhelmstraße pehmen, nicht nur leer« 
Worte waren, sondern daß ihnen auch die Taten entsprechen. 
Türken und Bulgaten verhandeln direkt. 
W. Konstantinopel, 22. Aug. (Meldung des Wiener K. K 
Telegr.-Korr.“Bur.) In informierten politischen Kreisen ver 
iautet, zwischen der Türkei und Bulgarien finden wegen der 
Regelung der Adrianopeler Frage vertrauliche Vorbespechun en 
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Alten Theater 231mal abends und 33mal nachmittags, im 
Thaliatheater 50mal. Im Alten Theater wurden vier Vor— 
nittagsvorstellingen veranstaltet. Im Durchschnitt aller Vor— 
tellungen waren im Neuen Theater 73 00, im Alten 88,2 
ind im Thaliatheater 45,4 00 der Plätze besetzt. Das st äd— 
tische Orchester umfaßte im Berichtsjahre 64 Mitglieder. 
Davon galten im Anfang des Jahres 47 als ständige und 
17 als Anwärter. Im Laufe des Jahres wurde drei An— 
värtern die Ständigkeit verliehen. Das Orchester ist in 
138 Opern, 8 Abonnementskonzerten, 180 Sinfonie- und 
10 Volkskonzerten vor die Oeffentlichkeit getreten, außerdem 
jat es bei einer grotzen Anzahl Veranstaltungen von Privat— 
gesellschaften mitgewirkt. Die öffentlichen Sinfoniekonzerte 
wvaren durchschnittlich von 576 Personen besucht. 
C.K. Wie Paderewsli Geburtstag feiert. Am Genfer 
Zee, in dem Schlökchen von Riond Bosson feierte Paderewski 
n diesen Tagen seinen 53. Geburtstag und der Höhepunkt 
ieses Festes, zu dem eine Anzahl guter Freunde, vorwiegend 
Musiker, gekommen waren, bildete eine ausgelassene „Ragtime— 
Schlacht“, bei der durch fünf berühmte Pianisten der schöne 
Walzer „An der schönen blauen Donau“ durch Synkopen in 
einen echten amerikanischen Ragtime verwandelt wurde. Und 
war an einem einzigen Flügel. An diesem zehnhändigen 
ziavierspiel wirkten, wie ein Korrespondent berichtet, außer 
baderewski mit: Olga Samarow, Josef Hoffmann, Schelling 
und Rudolf Ganz, mhren Stokowsti als Dirigent fungierte. 
kine etwas kaufmännisch veranlagte Zeugin dieser übermäütigen 
Borführung rechnete auf Grund der Gagen, die die beteiligten 
Künstler sonst sür ihr Auftreten gewöhnlich beziehen, gewissen⸗ 
haft aus, daß diese neue Version des berühmten Straußschen 
Walzers in seinem Marktwerte auf 3000 Mefür die Minute 
Spiel käme. Aber die Festlaune der um den Jubilar versam— 
melten musikalischen Freunde war damit noch nicht erschöpft: 
Weingartner erschien und dirigierte eine „Kubisten-Sinfonie“, 
hei der Sembrich, Gluck und Dalmores als Solisten mitwirkten, 
vährend ein zwölfhändiges Klavierspiel das Orchester ersetzie. 
Dam folgte ein lebendes Bild, bei dem Schelling und Hoff— 
mnann als gewöhnliche Klavierträger verkleidet auf der Bühne 
erschienen, um einen Steinway Flügel zu transportieren. Der 
Flügel aber wurde, wie Augenzeugen versichern, ganz vortreff 
ich von Frau Olga Samarow verkörpert 
Dedeagatsch. 
W. Konstantinopel, 22. Aug. Der Tanin erfährt, die 
Stadt und der Hafen von Dedeaggatsch sei von den Griechen 
geräumt und von den Bulgaren nicht wieder besetzt worden. 
w 
Deutsches Reich. 
Die Erweiterumgsbauten in den Obergeschossen des Re'chs— 
tages, die nach der Vertagung des Reichstages Anfang Juli in 
Angriff genommen worden waren, sind in den letzten Wochen 
rüstig vorgeschritten. Bekanntlich handelt es sich bei diesen 
Arbeiten um eine Einfügung eines neuen Stockwerkes im Dach 
geschosse um die beiden Innenhöfe herum. In diesem neuen 
Stochwerke werden über 100 kleine Arbeitszimmer für die Ab— 
Jeordneten und auch einige für die Presse geschaffen. Auch 
einige weitere Neuanlagen find beabsichtigt, wie Liftanlagen 
für den Bundesrat, ein Presserestaurant und eine Vermehrung 
der Fernsprechzellen. Der Erweiterungsbau wird im großen 
und ganzen bis zum November beendet sein. Der Plan, ein 
igenes Gebäude für eine Reichsbibliothek und für Studier—⸗ 
räume der Abgeordneten zu schaffen, ist nicht zustande gekom⸗ 
nen, da die Abgeordneten sich scheuten, während der Verhand⸗ 
ungen außerhalb des Geschäftsgebäudes zu weilen. Man ist 
»eshalb auf den jetzigen Ausweg verfallen, der allerdings 
ruch viele Gegner hat, weil die Arbeitszimmer ziemlich abseits 
vom Saal liegen. Die Zimmer erhalten aber sämtlich laut— 
prechende Telephone, die die arbeitenden Herren über die Vor— 
zänge im Hause informieren. Die Arbeitszimmer werden je 
nach der Fraktionsstärke verteilt 
sh. Mitteleuropüischer Verbandstiag für Binnenjsch'ifsahet. 
Am zweiten Beratungstage beschäftigte sich die Versammlung 
nit der Fragçe der Vereinheitlichung des Privatrechts für die 
Zimmenschiffahrt. Der erste Referent war Advokat Dr. Löbl 
Aussigh, der Obmann des dortigen Elbe-Vereins, der einen 
Antrag empfahl, in dem es heißt: „Der Verbandstag erklärt 
ie Schaffung eines einheitlichen Binnenschiffahrtsrechts für die 
Verbandsländer mit Rücksicht auf die bisherige und künftige 
kntwicklung des Binnenschiffahrtsverkehrs zwischen denselben als 
rforderlich und empfiehlt der österreichischungarischen sowie der 
chweizerischen Gesetzgebung die möglichste Anlehnung an das 
uische Binnenschiffahrtsgesetz.“ — Dieser Antrag wurde schließ⸗ 
lich angenommen. Geh.⸗Rat Flamm sprach über die Wirkungen der 
Schtiffsschiaube auf die Kanalsohle. Mit der Tagung waren eine 
Reihe von Festlichkeiten verbunden. — Der Ort der nächsten 
Tagung wird vom Vorstand bestimmt werden. 
Ausland. 
Italieu. 
Sozialütischer Katzeniammetr. Während die Mailänder 
Richter damit beschäftigt sind, die während der Ausstandstage 
vegen Straßenunfugs, Gewalttaten und Widerstands gegen die 
Staatsgewalt Verhafteten abzuurteilen, rechnen die Zestungen 
hren Lesern vor, daß die „Narrenpossen“ der, Gewerkschafts— 
ührer dem Staat an Mehrausgaben für Polizei- und Militär— 
»ienst gegen 400 000 Lire gekostet haben. Was die Arbeits— 
einstellungen der Sozialdemokratie selber gekostet haben und 
vor allem den Arbeitern, die dem Befehl zum Ausstaud blind— 
lings Folge geleistet haben, läßt sich nicht leicht in Ziffern an— 
neben, aber die Summe dürfte jedenfalls weit über die obige 
inausgehen. Da die Mailänder Metallarbeiter, denen zuliebe 
das ganze Schauspiei aufgeführt worden ist, ich ohne einen 
Hewinn mit den Unternehmern wieder verständigt haben, so 
ist der ganze revolutionäre Aufwand schließlich nur viel Lärm 
im nichts gewesen. Den vollständigen Mißzerfolg sieht denn 
iun am Ende vom Lied auch das führende Parteiblatt Avanti 
rin und gibt ihn offen zu, obgleich in seiner Redaktion ebenso 
vie in der Leitung der alten sozialistischen Partei die wilden 
Männer sonst das große Wort führen, Jetzt sind sie sehr 
leinlaut geworden und halten ihren tatenlustigen Genossen 
Bußpredigken. Der Avanti steht nicht an, den allgemeinen 
Ausstandsversuch kurzweg als ein Unglüd zu bezeichnen, und 
zieht eine vollkommen passive Bilanz daraus. Dann richtet 
dec Avanti an die Arbeiter eine eindringliche Warnung vor den 
— Gewerkschaftsführern, die das Proletariat „getäuscht und 
ruiniert“ haben, und ermahnt sie, daß sie nicht das Fell des 
Arbeiters als Trommel für die Gaufler des Syndikalismus“ 
hdergeben, die den allgemeinen Ausstand als Kampfmittel voll, 
tändeg entwertet haben. Zu dieser nachträglichen Weisheit 
des Nvanti bemerkt der Popolo Romano mit Recht, das so⸗ 
ialijtiiche Parteiblatt würde besser getan haben, wenn es 
die Arbeiterscharen vor dem Ausstand gewarnt hätte. als 
nachdem das Unheil unter stillschweigender Mitschuld des Avanti 
geschehen ist. 
Frankreich. 
dok. Peinliche Verlegenheiten beim deutschen Warenbonkott. 
Aus Fez wird folgende lleine Geschichte erzählt, die die Schwie— 
rigkeisen hinlänglich kennzeichnet, die sich dem Boylsott deut— 
J — — 
ünftlernachrochten. Kommissionsrat Grünberg, lang— 
iähriger Direktor des subventionierten Stadttheaters zu Lüne⸗ 
zurg, ist zum Direktor des neuerbauten Stadttheaters in 
Doebeln i. S. gewählt worden. — Frank Wedekind 
vird mit seiner Gattin nach einer zwischen ihm und der Direktion 
»es Deut'chen Thraters g troffenen Vrreibarung Anfanz Se oↄ⸗ 
tember im Kammerspielhaus in Berlin in seinen 
Werken auftreten. — Frl. Catrine Gwyynne hatte, wie man 
dem B. B.C. aus Warnemünde schreibt, dort während eines 
Bortrages von Maeterlinds „Pelleas und Melisande“ einen 
Infall. Um eine möglichst intime Stimmung zu erzielen, wählte 
ie zur Beleuchtung Kerzen. Das Publikum befand sich im 
Bann der Dichtung, als durch eine Bewecung des Armts das 
eichte Gewand der Vortragenden in Flammen geriet. 
Frl. Gwynne schlug diese geistesgegenwärtig aus und führte 
dann die Vorlesung zu Ende, obwohl sie schmerzhafte Brand⸗ 
vunden am Arm erlitten hatte. 
Ein Vollsopernhaus für München? Ein Berliner Konsor—⸗ 
ium beabsichtigt, mit 10 Mill. Meein großes Terrain an der 
Somenstraße in München anzukaufen, wahrsche'nlich den Kom⸗ 
»lex, der durch die Verlegung der Frauenklin'k frei wird, um 
dort ein Volksopernhaus zu errichten. Mit der Stadit⸗ 
remeinde sind Unterhand'ungen eingeleitet, die darauf hin— 
zielen, dahß die Stadtgemeinde die Vorgarantie in Höhe von 
3 Mill. Muübernimmt. 
Eine Körnermedaille. Der numismatische Verein zu Dresden 
hat anlähßlich der Hundert'ahcfeier der Befreiungskriege eine 
Medaille auf Theodor Körner geschaffen, die von 
dem Dresdener Bildhauer Fritz Hörnlein entworfen und 
n der königlich sächsischen Münze Muldenhü'ten geprägt wor— 
den ist. Sie zeigt auf der einen Seite das Bildnis Theodor 
Körners, auf der anderen den am gesattelten Pferde ssehenden 
Reiter mit der Körnerstrophe: 
Der Hochzeitsmorgen graut, 
Hurra, du Eisenbraut, Hurra. 
Der Verein hat außerdem zur Feier seines fünfilährigen 
Bestehens nach dem Entwurf von Emil Schäfer eine Plakette 
auf Johy. David Köhler, den Altmeister der deutschen Numis— 
matik, herausgegeben
	        
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