Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

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Tagesbericht. 
Luübeck, 21. August. 
Ddie Fehmarnlinie. 
Die Fehmarnlinie und Kiel. 
Die von uns in der gestrigen Abendausgabe wiederge— 
zebenen Ausführungen eines Kieler Kaufmanns gegen die 
Fehmarnlinie können nicht unwidersprochen bleiben. Daß die 
Weltroute, die das Fehmarnprojekt darstellt, in Kiel einige 
Beunruhigung hervorruft, da man eine Konkurrenz für die 
Korsörlinie fürchtet, ist verständlich. Es wirbd jedoch in den 
Ausführungen mit den Tatsachen in einer Weise umgesprungen, 
zie auch in einer Polemik nicht angebracht erscheint. Wenn 
»er Kieler Kaufmann sagt, daß das Projekt „erwiebener- 
maßen“ nahezu keine Beschleunigung und Erleichterung des 
Verkehrs gegenüber der „alten bestehenden Weltroute“ bringt, 
o können wir ihn nur auf die erschöpfenden Tarlegungen der 
Denkschrift des deutschen Komitees verweisen. Aus ihr ergibt 
ich, daß die Reisezeit Hamburg — Kopenhagen Uber Fehmarn 
ich gegenüber Kiel—Korsör um 4ß Stunden verkürzen. Auch 
zie Beschleunigung des Bahnweges Hamburg—Kiel und die 
Einstellung schnellerer Schiffe auf der Kiel —Korsörlinie, die 
übrigens die Linie unrentabel machen würde, können den be— 
tehenden Linien gegenüber der Fehmarnlinie nicht zu durch-— 
chlagender Bedeutung derhelfen. Die Fehmarnlinie ist und 
leibt schon rein der Kilometerzahl nach die kürzeste. Sie er- 
nöglicht eine größere Bequemlichkeit an Stelle des vielfachen 
Umsteigens zwischen Schiff und Eisenbahn. Sie ist des wegen 
zie natürlichste Verbindung, weil sie die geradeste ist. Letzten 
Endes müsfen stets Lokalinteressen hinter großen Weltprojekten 
urückstehen. Eine Linie, die nicht nur zwei Städte, sondern zwei 
zroße Ländergruppen miteinander verbindet, wird gegenüber 
lokalen Anforderungen stets den Vorrang haben müssen. Die 
etwas naive Frage, ob den zahlreichen Handelskammern, ihren 
Präsidenten und Syndici gar nicht in den Sinn gekommen ist, 
oon welcher Tragweite die neue Weltroute für Kiel und die 
Provinz Schleswig-Holstein ist, beantwortet sich wohl dahin von 
selbst, daß gerade das einmütige Eintreten der Handeiskammern 
des Westens die Größe des Projekts erkennen lähßt, daß es 
sich hier nicht um reine Lokalbahnfragen handelt, für die zu 
kämpfen gewiß das gute Recht Kiels ist, sondern um eine länder—⸗ 
verbindende, der westlichen Tendenz des Skandinavienverkehrs 
mit Deutschland Rechnung tragende Noute. Erst neuerdings hat 
die Deutsche Industriekorrefpondenz auf diese Ten 
denz hingewiesen. Sie schreibt unter Benutzung der in der Denk⸗ 
ichrift des deutschen Komitees schon aufgeführten Kahlen fol— 
gendes: 
Es ist heute eine feststehende Tatsache, daß der 
ichwedische und dänische Handel mit den Europaländern eine 
ausgeprägt westliche Tendenz zeigt. Bei Norwegen ist es ja 
eigentlich natürlich daß das Schwergewicht der Sandelsbe— 
ziehungen im Westen kiegt. Daß etwa die Länder Dänemark 
und Schweden in ihrem Güteraustauschverkehr auch heute noch 
im wesenftlichen der alten hanseatischen Handelsroute folgen, 
lehrt folgende Uebersicht, die auf Grund amtlicher Ziffern von 
1910 gewonnen ist: 
Handel 
Schwedens Dänemarks 
mit Ost⸗ und Südeuropa 90 Mill. Mk. 77 Will. Mk. 
mit Westeuropa 650 Mill. Mk. 640 Mill. Mk. 
das ist das 7fache das ist das bfache 
des osteuropäischen Verlehrs. 
Dasselbe charakteristische Bild wiederholt sich auch für 
Deutschland in den Gebieten rechts und links von der Elbe. 
Nach der Statistik der Güterbewegung auf dautschen Fisenbahnen 
antfallen 1910 
im deutsch⸗schwedischen im deufisch⸗dänischen 
Verkehr Verkehr 
nuuf die Gebiete 
rechts der Elbe 29000 To. 44 000 To. 
linis der Elbe 87000 To. 334 000 To. 
und stellt mar un weiter den Seeoerkehr der östlichen Hafen— 
— 
Lübeck, Hamburg und Bremen gdecenüber, so entfallen: 
im deutsch⸗schwedischen im deutlsch⸗dãänischen 
Verkehr Verkehr 
auf die östlichen 
Hafenstädte 915 000 To. —A— 
auf die westlichen 
Hafenstädte 1322 000 To. 487 000 To. 
Hieraus ergibt sich, wie ja auch schon mehrfach erörtert, daß 
Lokalinteressen gegenüber den Landesinteressen, den Reichsinter⸗ 
essen zurüchstehen müssen. Eine Modernisierung der Kiel- 
Korsörlinie kann nicht hintangehalten, im Gegenteil, sie kann und 
oll nur begrüßt werden, aber sie kann das neue internationale 
Fehmarnprojekt nicht aufhalten, da dieses für den großen und 
durchgehenden Verkehr der lokalen Verbindung Kiel—Korsör 
stets überlegen und notwendig sein wird. OD 
Die Fehmarnlinie und Dänemark. 
Die Aeußerungen des Generoldirektors der schwedischen 
Staatsbahnen, Pegelow, über die Fehmarnlinie haben jetzt auch 
inen Widerspruch von dänischer Seite hervorgerufen. Eines der 
Mitglieder des dänischen Fehmarn-Ausschusses, Ingenieur und 
Dozent J. Munch-Petersen, der seinerzeit mit der däni— 
schen Reichssstagsvereinigung in Lübecd weilte, tritt in der 
Berlingske Tidende den Ausführungen entgegen und erklärt 
zabei u. a.: „Wenn Generaldirektor Pegelow sagt, daß die 
Fehmarnlinie die Giedserlinie zu einer rein dänischen Ver— 
bindung mit Berlin herunterbringen würde, so muß diese Be— 
zauptung zum mindesten als sehr kühn bezeichnet werden. Diese 
Verbindung mit Berlin wird, ob die Fehrnarnlinie zustande 
'ommt oder nicht, für Dänemark stets von außerordentlicher Be— 
deutung sein. Sie ist nämlich die Verbindung, auf der sich unser 
Verkehr mit Mitteleuropa sowie mit dem östlichen und dem 
südöstlichen Europa zukünftig abspielen wird und muß. Wenn 
ich dabei Länder wie Oesterreich-Ungarn, einen großen Teil von 
Preußen (mit. Berlin), die Balkanstaaten, Rußland usw. nenne 
vird man verstehen, daß dieser Vererne einen Umfang hat, 
der im höchsten Grade zur Aufrechterhaltung der Giedserlmie 
Herechtigt und daß man diese Linie keineswegs eine Lokalver— 
bindung zwischen Kopenhagen und Berlin nennen tann. Gleich— 
wohl berührt? Generaldirektor Pegelow einen schwachen Punkt 
unserer jetzigen Hauptverbindung zwischen Dänemark und dem 
Festland. Denn es ist ja leider der Fall, daß seit der Er— 
öffnung der Fährenverbindung über Trellehborg —,Saßnitz die 
Giedserlinie immer mehr zu einer lokalen Verbindung zwischen 
Kopenhagen und Berlin heruntergebracht wurde, da veinahe der 
gesamte Personen- und Güterverkehr zwischen dem Festlande 
und Skandinavien gegenwärtig über Saßnitz —Trelleborg — 
also um Dänemark herumgeht. In diesen Zustand würde die 
Fehmarnlinie eine große Veränderung bringen, jedoch nur mit 
Bezug auf den Verkehr zwischen dem westlichen Europa und 
Slandinavien, den Verkehr, dessen natürlicher Ausaangspunkt 
Samburg ist. Diese gilt z. B. für London und eine Anzanl 
aroher Städte in Westdeutschland, Holland, Belgien, Spanien 
und Italien. Die Verbindung aller dieser Städte mit Nor— 
vegen und Schweden gebt jetzt über Berlin (teilweise über Ham— 
burg, und von dort weiter über Saßnitz und Trelleborg, wäh— 
rend die Reise nach Kopenhagen Uber, Warnemünde — Giedser 
geht. Sie sollte aber für alle drei skandinavischen Länder über 
rxehmarn —Rödby gehen. Es ist unnatürlich, daß dieser un— 
jeheuer große und wichtige Verkehr über einen Umweg von 
damburg durch Mecklenburg nach Warnemünde oder Saßnitz 
jeleitet wrd. Die Fehmarnlinie stellt im Vergleich zu der 
Aten Dreiedverbinding die gerade Linie dar und mit ihren 
O Minuten die kürzeste Seereise gegen die zwei Stunden der 
sjedserlinie und die vier Stunden der Trelleborglinie. Ich 
zllaube nicht recht daran, daß Schweden, wie Generaldirektor 
Pegelow sagt, kein Interesse daran hat, den Fehmarnplan zu 
ördern. Es sei denn, daß „Schweden“ in dieser Verbindung 
us die Generaldirektion der schwedischen Staatsbahnen aufzu— 
assen ist. die ja gegenwärtig ebenso wie Preußen stark be— 
chäftigt ist, die Linie Trelleborg —Saßnitz zu verbessern, was 
oedeutende Kosten verursachen wird. Allein die Kosten der 
neuen Bahnstrecke Norrköping —Stochholm, die diese Verbindung 
um ungefähr 17 km verkürzt, betragen 15 Millionen Kronen, 
ind die Brücke zwischen Rügen und dem Festlande wird eine 
lusgabe von 12 Millionen Kronen verursachen. Unter diesen 
Imständen ist es zu begreifen, daß die Eisenbahnbehörden in 
-zchweden und Preußen gegenwärtig nicht gerade sehr be— 
eistert sind für eine Linie, die jedenfalls am Anfang der 
rten Verbindung etwas Abbruch tun würde. Aber das ist 
»och etwas ganz anderes. als wenn man sagt, daß Schweden 
ein Interesse habe, die Fehmarnpläne zu fördern. Ich kann 
nicht glauben, daß ein so wirksames und tüchtiges Volk, 
vie die Schweden, kein Interesse an einem Plan haben sollte, 
der dem Lande große wirtschaftliche und kulturelle Vorteile 
ringt. Ich für meinen Teil bin fest davon überzeugt, daß 
ie Fehmarnlinie in nicht zu ferner Zukunft eine vollendete 
Tatsache sein wird. Denn man kann die Trelleborg- und die 
Hiedserlinie verbessern soviel man will, sie werden doch 
tets länger sein und eine länqgere Seereise haben als 
zie Fehmarnroutfe 
—A—— 
*Emil Feldhufen ̃. Am Dienstag, dem 10. August, 
ist der langiährige verdienstvolle Leiter unseres vor⸗ 
tädtischen Theaters, Emil Feldhusen, an Wassersucht gestorben. 
Im Jahre 1888 übernahm Direktor Feldhusen das 
»inst in hoher Blüte stehende, aber durch widrige Verhältnisse 
einen künstlerischen Zwecken im Jahre 1884 fast ganz ent—⸗ 
ogene Viktoriatheater und eröffnete es am 24. Juni unter 
em Namen Wilhelmtheater. Mit Emil Feldhusen, der bis 
»ahin das Uniontheater in der Maschstraße in Hannover imit Er— 
olg geleitet hatte, trat ein vollkommener Umschwung zugunsten 
»er technischen und künstlerischen Leitung ein. Feldhusen hat 
ann das Wilhelmtheater mit einer kurzen Unterbrechung in 
en Jahren 1892-1894 bis zur Eröffnung der Stadthalle im 
kahre 1905 fortgeführt und dann die Direktion dieser Bühne 
ibernommen. Während im Wilhelmtheater Feldhusen durch 
zute Leissungen namentlich auf schauspielerischem Gebiete das 
Publikum anzulocken verstand, blieb ihm die Gunsft 
»er Theaterbesucher im neuen größeren Hause leider 
acht treu. Mit dem Ablauf der Sommerspielzeit 1911 
»ie Feldhusen nur mit staatlicher Unterstützung von 5000 M 
u Ende führen konnte, trat der um die Sommerbühnen Lübecke 
o sehr verdiente Direktor endgültig von der Leitung zurück 
»a ihm auuch ein schweres körperliches Leiden den Mut zur 
reileren Direktionsführung benommen hatte, wodurch im Jahre 
912 Lübeck ohne Sommerbühne blieb. Durch ein ausgezeich 
ietes Ensemble und durch Darbietung der besten Werke der 
aAlten und neuen Literatur sowie durch Heranziehung allererster 
ßäste wie Adalbert Matkowsky, Alex Otto, Agathe 
ßbarsescu, v. d. Osten, Holthaus, Margarethe Otto— 
Törner usw. wußte der rührige Direktor jahraus jahrcin 
»as Interesse der Theaterbesucher wach zu halten. — Der 
Zrielplan umfaßte hauptsächlich Schauspiel und Lustspiel. „Der 
zerr Senator“ und die Sudermannschen Werke „Ehre“, „Heimat“, 
„Das Glück im Winkel“ fanden vorzügliche Wiedergaben. Doch 
ruch der Operette, die an dieser Stätte zur Zeit der Aero 
doffmann (.Fledermaus“, „Boccaccio“, „Fatinitza“ uswe) sich be— 
onderer Pflege erfreute, lieh er seine Aufmerksamkeit. Im Wil— 
jelmtheater erzielte „Die Geisha“ in trefflicher Besetzung 25 
rusverkaufte Häuser. doch auch Der Obersteiger“ u. a. m. 
rlebten unter Feldhusen ihre Erstaufführung in Lübecd. 
Am 16. Juni d. J. konnte er auf eine 28jährige Direktions— 
ätigkeit in Lübeck zurückbliceen; am 15. Juni d. J. war er 
36 Jahre Theaterdirektor und am 16. Juni vor 45 Jahren 
jat er zum ersten Male die Bretter als Schauspieler betreten. 
krst in letzter Zeit schreibt er vom Krankenlager an einen Freund 
n Lübeck, daß er bedauere, daß sein den Lübeckern gewidmetes 
zunstbestreben so schlecht belohnt wäre. Er habe das Beste 
rstrebt, aber die leeren Kassen, die ständige Sorge ums täg⸗ 
iche Brot und sein schweres Herzleiden hästen ihn niedergedrückt 
ind er hatte nur die einzige Hoffnung, bald abberufen zu wer— 
»en. Kein Neid, kein Wort des Mißfallens darüber, daß sein 
dachfolger pekuniäre Erfolge erzielte, kam über seine Lippen. 
zeim Lesen der Lübecker Zeitungen erklärte er nur: Ich wünsche 
Ubert alles Gute; ich bin der Kunst wohl zu alt geworden. 
reldhusen starb unter den denkbar traurigsten Verhältnissen 
»ei einer Schwester in Hamburg (J. Heitmann, Danziger Straßt 
ser. 52 Haus 51). Infolge der ungünstigen Kasseneinnahmen 
zer letzten Jahre hatte er einem hartherzigen Gläubiger 
vegen einer Restschuld von 1000 Mäsein gesamtes Mobiliar 
ibereignet. Dieser liez ihm im Wege der Klage alles weg— 
iehmen, sogar die einzige Bettstatt, da er sich seinen Gönnern 
nicht offenbaren mochte. So war Hamburg seine letzte Zuflucht. 
Wie die Direktions-Aera Feldhusens mit der Theaterge— 
chichte Lübecks eng verknüpft und unvergessen bleiben wird, so 
vird das Hinscheiden des ehemaligen Leiters der Lübedes 
Zommerbühne bei, seinen zahlreichen Freunden und n 
NRitgliedern lebhafteste Teilnahme erweden. — Friede seinen 
Asche. — 
Militãrisches. Personalnachrichten. Oberst von 
Rosen, Kommandenur des Inf.Regts. Nr. 163, ist als Oberst 
verabschiedet. Oberstit. v. Wittich ist bis auf weiteres mit 
der Führung des Regiments betraut worden. 
·m- Ferienraflammer DV. Sitzung vom 20. Aug. Wegen 
Diebstahls im Rückfalle und intellektueller Ur— 
kundenfälschung wird aus der Untersuchungshaft vorge— 
führt der Arbeiter Ernst August Za., geboren am 10. Mai 1870 
zu Wilhelmsburg. Za. wurde bereits im Mai d. J. vom 
jiesigen Schöffengericht wegen Diebstahls mit drei Wochen 
Hesängnis bestraft. Am 5. Jumi d. J. wurde er aus der Straf— 
mnstalt Lauerhof entlassen. Bereits zwei Tage später stahl er 
von neuem. Am Abend des 7. Juni d. J. ging er hier durch 
die Depenau und nahm dort einem Händler einen Anzug im 
Werte von etwa 10 Muvom Hausflur fort. Der Diebstahl 
wurde jedoch alsbald bewerkt und deri Angkarnnen der Ruug 
in der Marlesgrube wieder ahßgenommen. Der Asrgetlagte, der 
chon mehrfach wegen Diebstahls vorbestraft ist, suhle bezüglich 
dieses Diebstahls mit folgendem Märchen Glauben zu finden; 
Er habe mit einem „Unbekannten“ eine Wette dahin abge— 
ch'ossen, daß er — Za. — den Anzug fortnehmen, mit d'esem 
hurch Depenau, Obertrave, Marlesgrube und von da wieder 
zur Depenau gehen und den Anzug unbemerkt wieder an 
einen Platz hängen könne. Der „Unbekannte“ hätte ihm 
hierfür 2 Mizahlen wollen. Bei seiner Festnahme hatte der 
Angeklagte von dieser Wette nichts gesagt, und er findet auch 
dem Gericht gegenüber wenig Glauben damit. Da der Ange— 
lagte weiter, sowohl bei seiner Einlieferung wegen des im 
Mai verübten Diebstahls, als auch jetzt wieder fälschlich sich 
Ernst Friedrich Za. aus Bleckede nannte und dadurchk falsche 
Eintragungen in die öffentlichen Gefangenenregister bewirkte, hat 
er sich auch der intellektuellen Urkundenfälschung schuldig ge— 
macht. Das Gericht erkennt gegen ihn auf eine Gesamtstrafe 
von 1 Jahr und 10 Tagen Zuchthaus. 
97. Verhaftet wurden ein hiesiger Schlosser, der einen iun 
den Anlagen, beim alten Zollfchuppen stehenden zweirädrigen 
Handwmagen sich rechtswidrig aneignete und ihn an einen Gäͤrtner 
für 2 Muverkaufte, und ein Schriftfeher, der in Hamhburg 
seinem Logiswirt ca. 55 M gestohlen hat. 
7 Wem gehören die Taschenlampen? Am Sonnabend hal 
ein etwa 14 Jahre alter Knabe in einer öffentlichen Trinkhalle 
5 neue elektrische Taschenlampen ohne Batterie zur Aufbewah—⸗ 
rung übergeben und bis heute nicht wieder abgeholt VDa die 
darpen noch mit dem Preisvermerk versehen sind, erscheint es 
vahrscheinlich, daß sie aus einem Geschäft veruntreut sind Vies 
eicht handelt es sich auch um sogenannte Anfichtsware, wonon 
sich der Knabe eine Lambe angeeignet und den Reit dem Ver 
kaufer in der Trinkhalle übergeben haf 
Neueste Nachrichten und Telegramme. 
Vom Balkan. 
Bedenkliche Zustände in Skutari. 
DT. Stutari, 21. Aug. Die Zeit veröffentlicht einen Be— 
richt aus Skutari, daß sich seit der Verwaltung der Stadt 
durch die internationalen Truppen dort derartig unerträgliche 
zustände eingenistet haben, daß man beinahe Sehnsucht nach 
»er alten türkischen Verwaltung hat. Es herrscht allgemein 
Verwirrung. Beim Strafgericht verwaltet ein franzssischer Offi— 
ier das Richteramt, der jedoch keine einzige der in Skutari ge— 
mrochenen Sprachen versteht. Admiral Burney hat alle Hazard— 
pieler in Skutari verhaften lassen, der französische Richter ließ 
ie aber frei, weil sie nach französischem Strafgesetzbuch nich! 
trafbar waren. Die Kaufleute werden auf offener Straße 
am Tage geplündert, ohne daß die Geschädigten zu ihrem 
Recht gelangen. Die Soldateska ist allgewaltig. 
Bulgarischer Protest. 
W. Paris, 21. Aug. Der bulgarische Minister des Aeußzern, 
Genadiew, protestiert in einem an den französischen Abgeord— 
neten George Berrny gerichteten Brief gegen die Beschuidigung, 
daß die bulgarische Armee im Laufe des letzten Krieges Greuel— 
aten verübte, und schreibt, er wandte sich an die Regitrungen 
oer Großmächte, um eine internationale Untersuchung über die 
Greueltaten zu verlangen. Er habe die begründete Ueber— 
eugung, doß die Untersuchung die bulgarische Armee rehabili 
jeren urnd den Nachweis der Bösgläubigkeit anserer Verleumde 
erbrinaen und die wahren Schuldigen finden wird. 
9 
v* 
Die Lage auf den Werften. 
Bremen, 21. Aug. Die Bremer Arbeitsnachweise 
jestellt. Versuche der Verbandsleitung, mit den Werften wegen 
veiterer Einstellung von Arbeitern zu verhandeln, lehnten die 
Werften ab mit dem Hinweis, daß der Verband der Eisenindu— 
triellen erst Stellung zu der Lage nehmen müsse. Nunmehr 
wird, wie verlautet, der Zentralvorstand des Metallarbeiter— 
Berbandes mit dem Verband der Eisen-Industriellen Verhand— 
lungen ankrüpfen, insbesondere darüber, ob die Einstellung der 
Arbeiter nicht ohne Arbeitsnachweis geschehen kann. Ferner 
sieht der Zentralverband seine Hauptaufgabe darin, die Holz- 
arbeiter für die Wiederaufnahme der Arbeit zu gewinnen. 
Die Thronfolge von Rußland. 
DT. Wien, 21. Aug. Die Gazeta Narodowa in Lemberg 
fährt, daß die Frage der Thronfolge in Rußland wegen der 
anheilbaren Krankheit des einzigen Sohnes des Zaren Nikolaus 
»en Gegenstand eingehender vertraulicher Beratkungen der dazu 
derufenen Faktoren bildet. Im Prinzip sollte für die Frage 
der Thronfolge der Ukas des Zaren Paul J. aus dem Jahre 
798 maßgebend sein. Nach diesem Ukas besitzt die jeweilige 
iltere Linie des Hauses Romanoff den Prioritätsanspruch auf 
»en Thron und erst nach dem Aussterben derselben kommt die 
üngere Linie in Betracht. Diesmal jedoch wurden der jüngere 
Btuder. Großfürst Michgelowitsch, die vier Söhne des Groß— 
aheims Wladimir und der Großoheim des Zaren, Paul, von 
der Thronfolge ausgeschlossen, teils weil sie morganatische Ehen 
eingegangen waren, teils wegen ihres Privatlebens. Als 
Kandidat für die Thronfolge gilt der Sohn des Großfürsten 
Dimitriew Pawlowitsch, der seit einem Jahr mit der ältesten 
Zarentochter Olga verlobt ist. Er gilt als ehrenwerter 
Lharakter von großer Energie, verbunden mit reger Intell'genz 
Die reaktionären Kreise bevorzugen dagegen die Kand'datur des 
Großfürsten Nikolaus Nikolaiwitsch. (Wir müssen die Verant— 
wortung für diese Meldung dem genannten Blatte überlassen 
Die Me*84 
Emile Ollivier gestorben. 
DT. Paris, 21. Aug. Emile Ollivier ist, 88 Jahre alt— 
gestern in früher Morgenstunde in St.Gervais-les-Bains ge— 
torben. Seit einem Monat weilte der greise Staatsmann noch 
in seinem Sommeraufenthalt. Dienstag machte sich bei ihm 
eine bedeutende Herzschwäche bemerkbar, der er nun gestern 
früh erlegen ist. Emile Ollivier, der 1825 in Marseille ge— 
voren war, hat als Journalist, Schriftsteller und Staatsmann 
entscheidenden Einflußz auf die Geschicke Frankreichs ausgeübt. 
1857 wurde er als einer der fünf entschiedenen Republikaner in 
die Kammer gewählt. Er trennte sich jedoch später von der 
Opposition und näherte sich dem liberalen Kaisertum Napo— 
leons III., dessen eifrigster Befürworter er wurde. 
Katastrophe im unterirdischen Newnork. 
17 Newyork, 21. Aug. Beim Vau der neuen Wasser—⸗ 
eitung ereignete sich heute nacht ein schweres Unglück. In einem 
Schacht unter der St. Nikolaus Avenue brach Feuer aus, das 
chnell die Schachtzimmerung ergriff und sich an dem trodenen 
Holz mit rasender Schnelligkeit weiterfraß. Die Mehrzahl der 
150 Arbeiter konnte, wenn auch zum Teil erheblich verletzt, ge— 
rettet werden. Schließlich mußte man aber das Rettungswerl 
aufgeben, da es unmöglich war, durch den dichten Qualm, der 
den Schacht erfüllt, hindurchzudringen. Hundert Meter unter 
Tage befinden sich nun noch 66 Mann, und man fürchtet, daß 
sie alle verloren sind Das Feuer wütet weiter. 
J 
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