Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

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ausgabe 
Travemünder Brief. 
V.) 
8 Travemünde, 9. Aug. 1913. 
Tie grohe Sportwoche mit ihrem interessanten Leben und 
Lreiben und ihrem Riesenbesuch ist vorübergerauscht. DTie 
rahlreichen Fremden, die aus diesem Anlaß unser Seebad be— 
suchten, haben dasselbe mit wenigen Ausnahmen wieder ver— 
lassen und neue Gäste sind an ihre Stelle getreten. Ta auch 
die Lübeder Ferien Anfang der Woche ihr Ende genommen 
haben, ist es jetzt ruhiger am Strande geworden, immerhin 
wimmelt und krimmelt es dort von Erholungsbedürftigen. 
Die nach den heißen Tagen eingetretenen Gewitter am Dienstag 
und Mittwoch haben eine merkliche Abkühung der Temperatur 
verursacht, so daß der Aufenthalt im Freien zurzeit gerade 
kein sehr angenehmer war. Am Tonnerstag morgen 7 Uhr 
zeigte das Thermometer nur 4Au Grad an. An der See 
empfindet man ja die Kühle und das schlechte Wetter nicht so 
wie im Binnenlande; immerhin wäre es erwünscht, daß der 
Augusit uns noch recht schöne Tage brächte, damit die an— 
wesenden Kurgäste uns nicht vorzeitig verlassen und der Zustrom 
neuer Gäste dadurch unterbunden wird. Tie Rennen auf dem 
Priwall wie die sportlichen Veranstaltungen auf dem Leuchten⸗ 
felde hatten sich eines ausnahmsweise großen Besuches zu er— 
freuen, und allseitig wurde auch von den Kurgästen der inter— 
essante Verlauf anerkannt. Nun ist man mit dem Abbruch 
der Tribünen und der wirklich mehr als mangelhaften Planke 
beschäftigt. Es wäre erwünscht, wenn dieser elende Bretterzaun 
durch einen dem Auge gefälligeren ersetzt würde. Ter Umsatz 
am Totalisator während der Renntage hat fast eine Viertel 
million erreicht, ein Betrag, wie wir ihn bisher noch nicht 
verzeichnet hatten. Vor zehn Jahren belief sich der Umsatz 
noch nicht auf den zehnten Teil dieser Summe. 
Däie Kurverwaltung hat mit den diesjährigen Freilicht⸗ 
theater⸗Vorstellungen auf der Freichtbühne im Friedrichshain 
leinen nennenswerten Erfolg zu erzielen gehabt, da durch die 
mangelhafte Witterung im Monat Juli entweder die Vor— 
stellungen ganz abgesagt oder auch plötzlich verlegt werden 
mußten. Es haben im ganzen drei Aufführungen stattge— 
funden. Als bisherige letzte Vorstellung wurde Wildenbruchs 
„Raobensteinerin“ mit Grete Egenolf vom Deutschen Schauspiel 
haus in Hamburg in der Titelrolle gegeben, die leider sehr 
schlecht besucht war. Teils ist dieser mangelnde Besuch auf die 
kühle Witterung, vor allem aber auf die hohen Eintritts— 
preise (6, 8 und 2 M) zurückzuführen. 
Ueber die Telegrammexpedition auf dem Remplatze wurde 
wieder sehr geklagt von seiten der Fachleute. Dringende Tele— 
gramme sollen nach Berlin 222 Stunden gebraucht haben. Wir 
haben schon wiederholt an dieser Stelle im Interesse der Kur⸗ 
gäste, Bewohner und Fremden der Verbesserung der mangelhaften 
Post- und Telegrapheneinrichtungen hierselbst das Wort geredet. 
Diese letzte Tatsache, daß dringende Telegramme 214 Stundien 
nach Berlin bedürfen, ist wohl der beste Beweis, daß die 
postalischen Einrichtungen unseres Stadtteils nicht auf der Höhe 
ind. Wie wir hören, hat das Reichspostamt auf eine Ein— 
gabe betreffs der Einbeziehung des Fernsprechnetzes unseres 
Stadtteils in das Fernsprechnetz Labeds leider ablehnend ge— 
antwortet. Auch dieses ist sehr bedauerlich und werden hoffent 
lich die einzelnen Instanzen (Behörde für Travemünde, Handels-— 
Jammer usw.) nicht erlahmen in ihrem Eifer, diesen Wunsch 
der Bewohner Lübecks endlich durchzudrücken. Wozu ist denn, 
wenn wir von der Eingemeindung in dieser Hinficht keinen 
Nutzen haben sollen, die Eingemeindung überhaupt erfolgt? 
Während der Sommerzeit muh unser Badeort mindestens Tag-⸗ 
und Nachtbetrieb des Fernsprechamtes erhalten und weiter niuß 
die Aufhebung des hiesigen Fernsprechamtes erfolgen, ohne 
daß dadurch die Notwendigkeit entsteht, die Gebühr von 20 Pfg. 
für Verbindungen zwischen Lübech und Travemünde aufzuheben. 
Zur Förderung und Vereinfachung des Verkehrs würde es jeden⸗ 
falls dienen, wenn die Bewohner des Stadtteils Travemünde 
e) Siehe auch Nr. 231. 262. 329 und *66 
Der Frankfurter Fürstentag. 
Ein Bild aus der Zeit vor s0o Jahren. 
Am 2. August 1863 saß Bismardk in Gastein an der tiefen 
Schlucht der Ache unter den Tannen. Unter ihm befand sich 
ein Meisennest, und mit der Uhr in der Hand beobachtete' er, 
wie oft in der Minute der Vogel seinen Jungen eine Raupe 
zutrug. Währenddessen bemerlte er, daß auf der anderen Seite 
der Schlucht, auf der Schillerhöhe, König Wilhelm allein auf 
einer Bank saß, und als er endlich nach Hause ging, fand er 
dort ein Briefchen Seiner Majeltät, das ihn nach der Schiller⸗ 
höhe bestellte: der König wollte sch mit ihm über den Besuch 
des Kalsers von Oesterreich besprechen, der ihm eben gemeldet 
war. Als Bismarck nun in das königliche Quartier eilte, hatte 
die Unterredung der beiden hohen Herren bereits 
stattgefunden. „Wenn ich miich weniger lange bei 
der Naturbetrachtung aufgehalten und den König 
früher gesehen hätte, so wäre der erste Eindruch, den die 
Eröffnungen des Kaisers auf den König gemacht haben, viel—⸗ 
leicht ein anderer gewesen.“ — Kaiser Franz Josef hatte dem 
König seine Absicht mitgeteilt. auf den 16. August alle deut⸗ 
schen Fürsten nach Frankfurt zu aden zu persönlicher Beratung 
und Entscheidung über eine neue deutsche Bundesverfassung. 
Es war der letzte Versuch Oesterreichs, entscheidend in die Ge—⸗ 
italtung der deutschen Frage einzugreifen und von sich aus 
eine ihm günstige Reform in Anregung zu bringen. 
Bismarch, seit kurzem Mänisterpräfident, hatte sich ĩn un— 
endliche Schwierigkeiten gestürzt, und so schien denn den öster⸗ 
reichischen Tiplomaten bei der Unpopularität der preußischen 
Regierung im eigenen Lande, bei ih em Hader mit den Miittel⸗ 
staaten und ihrem gespannten Vechältnis mit Frankreich und 
England der Augenblich gekommen, in dem der Kaiser an die 
Spitze der deutschen Fürsten rreten und fie zu einheitlichem 
handeln fortreihßen lonnte. Lange war bereits der Gedanke 
ines solchen Fürstentages erwogen worden. Eine Denkschrift 
des nach der Wiener Oktober-Revolution zum Tode verurteilten. 
dann begnadigten und erst kürzcich aus Amerika zurückgekehrten 
zuins Fröbel von 1861 bot die Grundlage, auf der der ein—⸗ 
9 9 9— 3 2 8 * J— * —, * — 7 — α * 
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Dienstag, den 12. Auqust 1913. 
Abend⸗Blatt Nr. 404. 
micht mehr eine Abgabe von 20 Pfa. für 3 Minuten zu zahlen 
hãtten. 
Ein grohes Tohuwabohu herrschte am Montag, dem 4., 
nachmittags, auf dem Strandbahnhof, wo die Einrichtungen 
der Gepädexpedition lange nicht im entferntesten genügten, 
im den Ansturm der Abreisenden an diesein Nachmittage be— 
vältigen zu können. Es waren u wenig Beamte vorhanden 
o daß die Hausdiener und Portiers des Kurhaufses genötigt 
varen, selbständig einzugreifen, sonst wären die Gäste des 
Zurhauses nicht mehr mit dem Nachmititagszuge rechtzeitig expe 
»iert. Tie Eisenbahndirektion hätte hier Vorsorge tragen müssen 
ind wollen wir hoffen, daß im nächsten Jahre auch hier 
Wandel geschaffen wird. 
Die Kurverwaltung hat in diesem Jahre in der Strand⸗ 
»romenade in der ehemaligen Brunsschen Villa, die in den 
Besitz des Lübech-Travemünder Nennklubs übergegangen ist, 
ür die Kurgäste ein Lesezimmer und ein Konversations— 
immer eingerichtet, das, obzwar es nur für Personen mit 
Zurtaxkarte zugänglich ist, recht siark in Anspruch genommen 
vird. Der Kurdirektor sollte einmal sein Augenmerk auf dielen 
taum richten, da sich die Kurgäste über die Ordmnung sowohl 
die über die Reinlichkeit zu beklagen haben. Hier sollte 
oenigstens Sauberkeit herrschen. Hoffentlich bedarf es nur 
dieses einen Wortes, um den schrechlichen Zuständen dauernd 
ein Ende zu bereiten. 
Tas Strandhotel (Besitzer Carl Brügmann) wird zum Herbst 
ine bedeutende Vergrößerung eräahren Turch den Erweiterungs— 
»au wird das Hotel neue Gesellschafts- und Betriebsräume sowie 
36 Fremdenzimmer mit 60 Betten erhalten, so daß im Frühjahr 
t. J. das Strandhotel über eine Bettenzahl von 100 verfügen 
vird. 
Die Zahl der Fremden istelt. 21. Kurliste, abgefchlossen 
am 9. August, auf 10 362 angewachsen. 
Die Hamburger Ferien nehmen am Dienstag, dem 12. Aug. 
ihr Ende, dann wird es abermals stiller, doch die Rheinländer 
und Westfalen kommen jetzt an die See, da in jenen preußischen 
Provinzen die Sommerferien erst ihren Anfang genommen haben. 
Seebär. 
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bracht. Die Besatzung von sechs Herren konnte nur mit Rot 
das Leben retten. 
Gervoßhetzogatum Oldenburg und Fürstentum Lübed. 
ZEutin, 12. Aug. Verkauft hat Gast- und Land⸗ 
wirt Tode, Benz, von seinem Grundbesitz zwei annähernd 4124 t 
zrroße Parzellen für 3800 Muäan Sofbesitzer M. Verhülsdonk. 
Schwartau, 12. Aug. Verkauft hat Privatmann 
Stühmer seinen Hofbesitz in Rüchel an Landmann Wilhelm 
Tallich, Lübed. 
Gremsmühlen, 12. Aug. Verhaftet wurde ein 
Sfubenmädchen eines Hotels wegen Diebstahls. Dasselbe hat 
sich verschiedener Diebstähle teils seiner Herrschaft, teils den 
Hotelgästen gegenüber zuschulden kommen lassen. 
an. Ahrensbök, 12. Aug. Bahnprojekt Oldeslo⸗— 
Ahrensbök. In Zarpen fand Freitag abend eine von etwa 
200 Personen besuchte Versammlung statt, in welcher es wiederum 
u einer lebhaften Aussprache darüber kam. ob die Bahn von 
Oldesloe oder von Reinfeld gebaut werden soll. Von Rein— 
felder Seite wurde bezweifelt, daß das Oldesloer Projekt das 
allein richtige sei, obgleich es ja mehr Ortschaften eischließt 
als das Reinfelder. Die Beschaffenheit des Geländes stellt 
große Schwierigkeiten in den Weg, während die Reinfelder 
koute das Tal der Heilsau benutzen kann. Die Kosten des 
Adesloer Projektes stehen nach der Schilderung der Reinfelder 
zerren zu den Vorteilen in keinem Verhältnis. Der Ver— 
ammlungsleiter, Landrat v. Bonin. hob hervor. daß seine 
persönliche Stellung zu irgend einem Projekt ganz belanglos 
ei. Der Kreistag würde einzig und allein entscheiden und 
der Strecke den Vorzug geben, welche die größte Aufschließzungs- 
möglichkeit böte. Die Vorarbeiten für das Oldesloer Projekt 
sind genehmigt, während das Reinfelder Projekt noch nicht 
rertig vorliegt. Landrat v. Bonin erwiderte den Reinfelder 
derren, sie möchten erst ein ausführliches Projekt vorlegen, 
erst dann könne man ersehen, was Reinfeld will. Erst nach 
langer Aussprache fanden die Verhandlungen ihren Abschluz, 
dhne eine endgültige Klärung herbeigeführt zu haben. Es 
oleibt abzuwarten, wie sich die Dinge weiter entwickeeln werden. 
Großherzoatümer Mecdlenburg. 
Rostock, 12. Aug. Der Großherzog hat aus An— 
aß des 125jährigen Regiments-Jubiläums der Mer om Soun— 
ag ferner noch folgende weitere Ordensauszeichnungen ver— 
iehen: Oberst Neubauer das Komturkreuz des Greifen— 
»rdens, Kriegsgerichtsrat Garthe das Ehrenkreuz bes Greifen— 
»rdens, Hauptmamm d. L. II Dithmer das Ritterkreuz mit 
Trone des Greifenordens, Hauptmann d. Res. Schmidtgens 
zas Ritterkreuz mit Krone des Greifenordens, Hauptm. Fra u— 
mann das Ritterkreuz mit Krone des Greifenordens, Hauptm. 
Fichenhagen das Ritterkreuz mit Krone des Greifenordens, 
OIberlt. Seeler das Ritterkreuz des Greifenordens, Oekonomie⸗ 
at Ohloff das Ritterkreuz des Greifenordens, Oberzahlmeister 
PBolther das Verdienstkreuz in Gold des Hausordens der 
Wendischen Krone, Amtsgerichtssekretär a. D. Berniit das 
Verdienstkreuz in Gold des Hausordens der Wendischen Krone. 
zahlmeister Koch das Verdienstkreuz in Silber 
Aus den Nachbargebieten. 
Hanjestãd te. * 
W. Hamburg, 12. Aug. Unterschlagungen in 
söhe von 110000 Me sind bei Aufstellung einer Bilanz 
bet einer Speditionsfirma in der Spitalerstrahe festgestellt wor— 
den, die sich auf die Jahre 1907 bis 1910 erstreden. Die 
Veruntreuungen wurden bis jetzt durch Fälschung der Bücher 
und Belege verdeckt. Der Hauptschuldige hat sich durch bdie 
Fluch: nach Amerika der Verhaftung entzogen. Gegen drei 
andere Angestellte schwebt die Unterfuchung. 
Echleswig⸗Holsteinn. 
Altona, 12. Aug. Ausschreitungen streiken— 
der. Werftarbeiter. In der Großen Freiheit fam es 
u schweren Ausschreitungen streikender Werftarbeiter. Diese 
atten Arbeitswillige belästigt und mißhandelt. Als ein 
Bolizeibeamter die Haupträdelsführer festnehmen wollite, schlu—⸗ 
jen ihm zwei Leute den Helm vom Kopfe. Der Beamte gab 
ein Notsignal ab, worauf Schutzleute zu Hilfe kamen. In— 
wischen hatten sich viele Hafenarbeiter angesammelt, die ver— 
juchten, die Verhafteten zu befreien. Die Polizisten mußten. 
mit blanker Waffe vorgehen und es gelang »hnen nur mit 
zroher Mühe den Haupträdelsführer auf die Wache zu hringen. 
— Ein Feuer im Turm der Altonger Hauptkirche ent— 
tand Sonntag nachmittag gegen 554 Uhr vermutlich dadurch, 
ꝛaß Chorknaben dort geraucht und die Zigarettenreste wegge— 
vorfen hatten; dadurch war Papier in Brand geraten und hatte 
das trockene Gebälk entzündet. Passanten sahen Rauch hervor—⸗ 
dringen und riefen die Feuerwehr. 
W. Kiel, 12. Aug. Eine Segeliacht in den 
Grund gebohrt. In der Nacht zum Sonnabend wurde 
in der Kieler Außenförde die Bremer Segeljacht „Salute“ von 
iner Zollbarkasse perfehentlich angerannt und zum Sinden ge— 
Güstro w, 12. Aug. Todesfall. Sonntag abend ist 
n Schwerin Bürgermeister a. D. Geh. Hofrat Philipp 
Sühberott im Alter ron 75 Jahren am Herzschlag gestorben. 
Bürgermeister Süherott hat in Güstrow, nachdem er von Laage, 
vo er Bürgermeister war, zum Bürgermeister der Vorderstadt 
hüstrow berufen wurde, in einerReihe von Jahren mit segens⸗ 
eicher Tätigkeit gewirkt, bis ihn örperliche Leiden vor wenigen 
Fahren zwangen, aus dem Amte zu scheiden. Seine besondere 
Fürsorge galt der öffentlichen und privaten Armenpflege. Seiner 
Aufopfernden Tätigkeit ist die Schöpfung des Güstrower Hilfs— 
dereins zu danken gewesen und die Erbauung des Güstrower Alters- 
heims. Außerdem gibt es hierselbst eine Reihe von gemeinnützigen 
Instituten und Einrichtungen, die für alle Zeiten mit dem Namen 
des Verstorbenen verknüpft sein werden 
crußreiche Erbprinz von Thurn und Taxis, der Schwager des 
aisers, den Plan wieder aufnahm. Franz Josef war Feuer 
ind Flamme für diese Idee, als Nochsolger der römischen Kaiser 
n Frankfurt über die Zukunft Deutschlands zu entscheiden 
Ihne seine Minister zu befragen, nahm er die Sache allein 
n die Hand, und als er König Wilhelm in den ersten August⸗ 
tagen für die Angelegenheit zu ˖ gewinnen suchte, waren die 
Einladungen schon ergangen; am Abend des 3. August über— 
reichte ein laiserlicher Adjutant dem preußischen König die 
umtliche, vom 31. Juli datierte Cinladung zum Fürstentag. 
Die Schwierigkeiten, die Franz Josef mit jugendlichem Eifer 
zurch sein persönliches Gespräch mit dem König zu überwinden 
soffte und die gewiegte Daͤplomaten, wie sein Minister Rech— 
erg, für höchst bedenklich ansahen, lagen hauptsächlich bei 
breuhen und waren da wieder in einem einzigen Manne ver— 
örpert: in Bismarch. Seit der neue Mimisterpräsident nach 
einer berühmten Unterredung nrit dem österreichischen Gesandten 
darolyi dem Staat jenen kühnen Rat gegeben hatte, „seinen 
„chwerpunkt nach Ofen zu verlegen“, hatte er bewiesen, daß 
r wohl als einziger den Gegensatz zwischen Preußen und Oester⸗ 
eich in seiner ganzen Bedeutung erkannt; ihn anders als 
zurch den Krieg zu lösen, schien ihm „eine mathemalische Un— 
nöglichkeit“. Er wußte, daß Oesterreich nie und nimmer ohne 
Zreuhens Zustimmung einen Reformplan im Deutschen Reiche 
»urchführen könne, und so setzte er dem alles daran, um den 
zZönig zur Ablehnung der Einladung zu veranlassen. Das 
vurde ihm nicht leicht. denn das Herz des Königs nahm An⸗ 
eil an der großartigen Versammlung, von der er sich selbst 
war fernhielt, die sich aber nun bald in der alten Kaiferstadf 
ntfaltete. 
Glänzend empfangen, hielt der Kaiser am 16. August seinen 
kinzug. Von Geschützsalben und Glodengeläute begrüßt, 
charten sich um ihn die deutschen Fürsten, die alle kamen, mit 
lusnahme von Anhalt-Bernburg, Lippe und Holstein. Durch 
iie geschmückten Straßen ging die kaiserliche Auffahrt, von 
mendlichem Jubel umtost. Der alte Kaiser Rotbart schien aus 
er Gruft des Kyffhäusers heraufgestiegen zu sein. Allgemein 
roffte man, daß auch der König von Preußen noch kommen 
ι 
werde. Vier Könige umstanden den Kaiser, als er am 17. August 
nit schlicht wirkungsvoller Ansprache den Fürstentag eröffnete. 
Sein ruhig festes Auftreten riß auch Widerstrebende mit fort, 
und der österreichische Reformentwurf wurde sogleich angenom— 
men. Nur eins fehlte zu der allgemeinen Begeisterung und 
Freude: die Zustimmung Preußens. König Johann von Sach— 
en, wurde an König Wilhelm nach Baden abgeschickt, um ihn 
zum Beitritt zu bewegen. König Wilhelm schwankte. „Dreißig 
Fürsten als Einlader, ein König als Kabinettskurier, wie kann 
nan da ablehnen?“ rief er mehrmals aus. Abet Bismarck 
temmte sich mit der ganzen Macht seiner Persönlichkeit da— 
negen. Allein stand er gegen alle die anderen Einflüsse, die 
don dem König verlangten, daß er durch seine Teilnahme seinen 
zuten Willen zur deutschen Einigung bekunde. Unbeugsam 
zielt er an dem Grundsatz fest, den er dem König stets ange⸗ 
aten: niemals dürfe sich Preußen am Bundestage maiorisieren 
assen. Was hatte es für einen Sinn, wenn sich der öster⸗ 
eichische Kaiser „von weißgekleideten Fürsten empfangen ließ?“ 
WPas sollten die schönen Reden und Entwürfe? Nur „Blut 
ind Eisen“ konnten nach dem Glauben des gewaltigen Mannes 
zie deutschen Stämme zur Einheit zusammenschweißen. Eine 
urchtbare Spannung entlud sich zwischen König Wilhelm und 
einem ersten Diener in jener Nacht des 19. August, als der 
Sachsenkönig auf Erhörung drängte. 
Erst um Mitternacht unterschrieb der König die Absage an 
König Johann. „Als ich den König verließr“, berichtet Bis— 
narck, „waren wir beide infolge der nerbösen Spannung der 
Situation krankhaft erschöpft.“ Die mühsam zurückgehaltene 
Leidenschaft des Ministers entlud sich beim Verlassen des 
zimmers, indem er die Klinke von der Tür abbrach, und als 
er danm die ablehnende Mitteilung gemacht hatte, schuf er 
einer Erregung dadurch Luft, dah er ein Service mit Gläsern 
yom Tisch stieh und in tausend Scherben zerschmetterte. „Jetzt 
st mir wieder wohl!“ sagte er dam aufatmend zu dem 
Adjutanten. Die hoch aufijubelnde Begeisterung des Fürstentages 
aber zerrann jäh vor diesem eisernen Willen in nichts. Oester⸗ 
eich mußte ohne die Unterstützung Preuhens seine Reform⸗ 
lãne aufgeben. LX. C.
	        
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