Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

geradezu schamloser Weise, die uns schon zu energischer 
Abwehr in unserer Schilderung des Kaiserbesuchs veranlaßte, 
gehässige Angriffe auf den Kaiserbesuch von sich gab. In 
iner Lokalnotiz nimmt auch er Kenntnis vom Besuch des Kaisers, 
und schlecht gelingt es ihm, den Zorn der zottigen Demokraten⸗ 
brust zu zügeln über die geradezu beispiellose Beteiligung 
und den hellen Jubel in allen Schichten der Bevölkerung. 
Daß er dabei weidlich auf die Redaktion der Lübeckischen 
Anzeigen schimpft, ist selbstverständlich und ohne Bedeutung. 
Anmaßend ist aber der Satz: „Von den Arbeitern und 
deren politische Vertretung der Sozialdemo— 
kratie (1) wurde nicht gesprochen.“ Noch ist, Gott sei Dank, 
die Sozialdemokratiẽ nicht die Vertretung des deutschen Arbeiters, 
der sich für die systematische Verekelung seiner Liebe 
zum Vaterland bedankt. Weitere Geschmadlosigkeiten finden sich. 
wie gesagt, schon in vorhergehenden Wutausbruchen. Zu Ein⸗ 
gang seines letzten Sonnabendblattes heißt es: 
„Am morgigen Sonntag nachmittag wird der deutsche Kaiser 
Lübed einen flüchtigen Besuch abstatten. Der Senat hat ihn 
cingeladen, nicht das Volk. Denn als Repräsentant der breiten 
Massen des werktätigen Volkes ist der Senat nicht anzusehen. 
Die Arbeiterschaft steht dabei abseits. Sie hat bei dieser 
Veranstaltung nichts zu suchen. Kein klassenbewußter Arbeiter 
sollte sich dazu verleiten lassen, die Zahl der Neugierigen zu 
berstärken. Denn ohne die Massen der Zuschauer fehlt dem 
Bilde der nötige Hintergrund, durch den es erst seine Wirkung 
erzielt. 
.Es pahßt sich ausgezeichnet, daß morgen nachmittag der Aus⸗ 
flug der Gewerkschaften und Vereine nach Israelsdorf stattfindet. 
Dieser muß sich nun ganz besonders imposant gestallen; damit 
vird um so deutlicher zum Ausdruck gebracht, daß die werktätige 
Berölkerung Lübecks republikanisch ist.“ 
Das „Imposante“ ist ja nun leider vorbeigelungen, daher 
die Wut, denn nicht nur „die Massen der Zuschauer“ waren 
da, als der Kaiser einzog, sondern die gesamte Lübecker Be— 
völkerung bis auf einige „Unentwegte“ jubelte dem Kaiser 
zu, als der sichtbarlichen Verkörperung der Vaterlandsliebe. Der 
Leitartilel des Volksboten zitiert dann eine große Reihe der 
fraflvollen Worte Kaiser Wilhelms gegen den Umsturz, mit dem 
sich der Volksbote identifiziert. In Lokalnotizen spricht der 
Vollsbote sodann von „Vetkehrsstörungen anläßlich der An⸗ 
wetenheit· Wilhelms II und druckt dann die Regelung des 
Slraßenbahnverkehrs ab; es könnte noch alles mögliche zitiert wer⸗ 
den, uns lag jedoch nur daran, zu zeigen, wie ein lübeckisches 
Blatt, das behauptet, ein Arbeiterorgan zu sein, sich zum Be— 
suche des Kaisers stellt, dessen Initiative und tatkräftiger Förde— 
rung wir unsere großzügige Arbeiterversicherung, um die uns 
das gesamte Ausland beneidet, verdanken. 
zum 70. Geburtstage des Feldmarschalls 
Freiherrn Colmar v. d. Goltz. 
(12. August.) 
D.G. Als vor kurzer Zeit die Kunde in die Welt drang, 
daß unser „Goltz“ zur Disposition gestellt sei, da kam sie 
doch, trotzdem bekannt war, daß er schon mehrere Abschieds⸗ 
gesuche eingereicht habe, uberraschend. Wir vergatzen, daß 
Freiherr v. d. Goltz, „der erste General der Welt“, wie der 
argentinische Kriegsminister 1910 sagte, nun auch an die 
Schwelle des Alters herangetreten war, daß sein 70. Geburts⸗ 
rag nahe vor der Tür stand. 
Und wenn wir nun heute rückblickend das Leben dieses 
einzigartigen Mannes, der uns allen in seiner unüberwind⸗ 
lichen Tatkraft ein Rätsel bleiben wird, überschauen, so er— 
kennen wir voll Ehrfurcht auch hier einen jener Großen 
unseres Geschlechtes, die die „graue Theorie“ und die „leuch⸗ 
cende Tat“ zu einem wohlabgestimmten Werke zu vereinen 
wissen. Denn das ist das Große, was so vielen sehlt. 
Colmar, Freiherr v. d. Goltz wurde am 12. August 
1843 zu Bielkenfeld in Preußen geboren. Er besuchte dann die 
Kadettenanstalten von Kulm, Berlin und trat am 25. April 
1801 als Sekondeleutnant in das damals soeben errichtete 
1. kombinierte Infanterieregiment, das heutige Infanter'ecegi⸗ 
ment v. Loyen Nr. 41 in Könissberg ein. Schon als jiunger 
Offizier besuchte er dann von 1864 ab die Kriegsakademie. 
1866 machte er mit seinem Regiment in den Krieg und wurde 
bei Trautenau durch einen Schulterschuß verwundet. 1867 
setzte er dann seine Studien auf der Kriegsakademie fort und 
wurde im Frühlahr 1868 zur Dienstleistung beim großen 
Generalstabe kommandiert. 
Der Krieg von 16070 kam heran und sollte für ihn die 
Entscheidung seines Lebens bringen. Er wurde als Premier⸗ 
leutnant dem Generalstabe des Oberkommandos der zweiten 
Armee zugeteilt. Und hier waren es zwei grosße Persönlich 
keiten, die auf ihn Zeit seines Lebens eingewirkt haben. Ein⸗ 
Nnal war es ihm vergönnt, unter dem Prinzen Friedrich Karl 
zu fechten, dessen hervorragendes Feldherentalent sich besonders 
in der Schlacht von Vionville erwies. Dann aber wurde für 
seine ganze Lebensauffassung, seine unermüdliche Dieitterfül— 
sung — der Graf Hacseler entscheidend, dessen Bedürfnislosig⸗ 
eit heute ja durch zahlreiche Anekdoten sprichwörtlich gewo din 
st. Durch ihn empfand er die Berechtigung des Wortes: „daß 
eidann 'eins Schuldiakeit etan haf wenn sit 
und sie drückte einen Kuß darauf und .... nestelte sie an 
ihrem Busen fest. 
Ja .... sie tat's .... und er ... 
SBravoi Bravo!“ schrie er und applaudierte und schlug 
in die Hände und jubelte. 
„Psi! Still! Ruhe!“ klang's von allen Seiten. Er aber 
lehnte sich über die Brüstung und klatschte ihr zu, ihr. die 
totenbleich wurde. 
Zwei kräftige Fäuste padten ihn. 
„Hinaus!“ schrie man. 
Und „Hinaus!“ rief es von allen Seiten. Er aber wehrte 
ich wie ein Rasender. 
„Laßt mich, laßt mich! Ich applaudiere ja nicht euch! 
Nicht einer Sängerin .... ich applaudiere ja nur ihr .... 
meiner Rose. . .. Was weiter?“ — 
Weiter! O, nichts. Was sollt ich euch weiter er⸗ 
ählen? — 
Ist er der einzige, der im Irrenhause ist? — Geht nur 
hinein. Es gibt deren gar viele. — 
Theater, Lunst und Wissenschaft. 
Eine Theoder⸗Korner⸗Gedägtais feitr findet Sonntag, den 
24. Aug. in Wöbbelin statt. Neben einer Huldigung am 
Frabe des Dichters (mit Gesangsrortrigen und Ansprachen) ist 
eine Feier auf besonderem Festolatze vorge'ehen, bei der Prof. 
Dr. Schaumkell (Ludwigslust) die Festrede halten wird. 
wirklich im Augenblick nichts mehr zu tun auffinden läkt — das 
ist aber sehr selten der Fall.“ 
Nach dem Kriege folgte für von der Goltz eine ganze Reihe 
der verschiedensten Kommandos, bis er am 12. Oktober 1878 
bereits zum Majior beförder,, als Mitglied des großen General— 
tabes vor allem sich der Mitarbeit an dem Werke über den 
Krieg von 1870,71 widmete. Gleichzeitig war er Lehrer der 
Kriegsgeschichte an der Kriegsakademie. 
Das Jahr 1883 brachte dann einen neuen Wendepunkt in 
ein Leben. v. d. Eoltz wurde als Reorganisator des Hecres 
nach der Türkei berufen. Er knüpfte hier an das an, was 
Moltke bereits vorbereitet hatte. Er gab den Miilitärschulen 
eue Organisationen, führte eine vollständige Reform der Armee 
urch und, was vielleicht das schwerssle und wichtigste war, es 
elang ihm überhaupt, in den verworrenen und lorrupten 
Zerhältnissen, in einer Stellung, die ihm jeder Türke wider 
zesseres Wissen neidete, festen Fuß zu fassen. Vor allen Dingen, 
o lange v. d. Goltz in der Türkei weilte, gab es kein 
Z3pitzelwesen mehr. Zwar ist heute, nach dem Balkankriege, das 
Irteil über die Leistungen v. d. Goltz, erheblich herabgestimmt 
»orden. Das heißt aber die Gröhße und Schwere der Aufgabe 
zöllig verkennen. Ohne den Samen, den v. d. Goltz in die 
ürkische Armee legte, wäre sie überhaupt zur Führung des 
Zalkankrieges nicht fähig gewesen. 
1895 kehrte er nach Deutschland zurück und trat als General⸗ 
eutnant wieder in den preußischen Dienst. Nachdem er dann 
ängere Zeit Generalinspekteur des Ingenieur- und Pionierkorps 
zewesen war, wurde er 1902 zum kommandierenden General 
des 1. Armeekorps ernannt. Auch hier leistete er für die tak— 
tische Ausbildung sehr viel. 1907 endlich trat er dann an die 
Spitze der 6. Armee-Inspektion, der er bis vor kurzem ange— 
zörte. 
Neben dieser ganz ungewöhnlich reichen militärischen Tätig— 
eit fand v. d. Goltz auch noch zu zahlreichen literarischen 
Urbeiten Zeit. Und in neuester Zeit verfolgt er wieder einen 
ilten Gedanken, der durch die moderne Jugendpflege geweckt 
vorden ist. Schon in den älteren militärischen Schriften Goltzs 
aucht. des öfteren der Gedanke der militärischen Jugend— 
rziehung auf, ohne aber damit aus Deutschland einen großen 
zxerzierschuppen machen zu wollen. Nur die sittliche Qualität 
»er Massen, Zucht und Ordnung soll gefördert werden. Und 
»as ist auch heute letzten Eiides das Ziel des „Jungdeutsch- 
andbundes“. 
Möge dem Freiherrn v. d. Goltz noch ein langes Leben 
zeschieden sein, das ihm die Früchte des von ihm gesäten 
Baumes in reicher Fülle zeigt. O. K.W. 
on 
Rumänien und der Balkanfriede. 
In Bukarest ist man in sehr gehobener Stimmung. Daß 
zumänien dem blutigen Raufen um die Beute ein Ende be— 
eitet hat, gibt den leitenden Männern gewiß alles Recht, auf 
»en Erfolg ihrer Politik stolz zu sein. Man wird freilich 
tie vergessen dürfen, wie Rumänien diesen Erfolg vorbereitet 
at. Es hat längst verjährte Ansprüche auf Land und Leute 
n Bulgarien wieder aufleben lassen, nur damit das Gleich— 
zewicht am Balkan aufrechterhalten bleibe, und hat, als diese 
Insprüche nicht erfüllt wurden, rurzerhand seine Truppen in 
zulgarien einmaschieren Jassen. Ob durch sein Vorgehen wirklich 
„as Gleichgewicht am Balkan gewahrt blieb, kann jetzt noch 
uiicht gesagt werden. Wohl ist die bulgarische Vormachtstellung 
ebrochen worden, dagegen hat Griechenland sich an der Aegäis 
ine Stellung geschassen, die, wenn mit der üußeren Macht⸗ 
— 
zalkanische Gleichgewicht bedenklich zugunsten Griechenlands ver— 
chieben dürfte, zumal wenn den Bulgaren auch noch Adrianopel 
verloren geht. Man soll fich dalnr davor hüten, die Frie— 
ensvermittlung der rumänischen Regierung nun mit allzu 
berschwenglichen Worten als eine Kulturtat zu preisen, die 
virklich zur dauernden Beruhigung des Balkans beigetragen 
»abe. Es war reine Interessenpolitik, die nur darum keine 
zerbe Verurteilung, ja im Gegenteil bis zu einem gewissen Grade 
Anerkennung verdient, weil sie das einmal gesteckte Ziel nicht aus 
den Augen ließ und sich nicht in uferlose Abenteurerpolitik 
derlor. 
In den Worten, mit denen König Carol seiner Freude über 
»en Friedensschluß und, wenn auch nur in leisen Untertönen, über 
»en Erfola Rumäniens Ausdruch gab, kommen nun allerdings 
Wendungen vor, die der Politik Numäniens ein weiteres Ziel 
veisen als den Besitz von Silistria und der nachgerade berühnit 
ewordenen Linie Turtukai-Baltschik. Es ist ja üblich, bei 
Friedens diners die gemeinsamen Interessen beider Parteien, der 
zieger wie der Besieoten, zu feiern, um Balsam in die noch 
rischen Wunden zu träuseln. Aber der Rumänenkönig aing 
loch ein wenig über die sonst zu diesem Zwede aufgewendete 
Wärme des Tons hinaus. Er wünschte, daß zwischen Ru— 
nJänien und den Königreichen der Balkanhalbinsel die freund— 
chaftlichsten Beziehungen herrschten und seine besondere Unter— 
treihung bekamen diese Worte dadurch, daß König Carol auch 
en Wunsch ausdrückte. die Rumänen und die Balkanstaaten 
nöchten sich zu gemeinsamem Handeln zusammenschlieben. 
Ob der rumänische König mit diesem Hinweis auf ein ge— 
neirnsames Handeln an ein Wiederaufleben des Balkanbundes 
achte, ist heute nicht so ohne weiteres anzunehmen. Auf den 
rften Blid sehen ja die Worte des Königs so aus, als ob 
r an ein um Rumänien erweitertes Balkanbündnis denke, 
iber wir halten, doch den König Carol J. und seine Ver— 
rauensmänner gerade auf Grund ihrer Politik in den letzten 
Monaten für zu kühle Rechner, als daß wir ihnen auch nur 
»en Versuch zutrauten, einen Balkanbund in nächster Zeit auf— 
ichten zu wollen. Der Balkanbund war ein Kriegsbündnis 
ur Niederkämpfung der Osmanen und seine Lebenskraft ist mit 
er Durchsetzung dieses Zweckes verssegt. Trotz dieser bis zur 
Inmöglichkeit gesteigerten Unwahrscheinlichkett eines Balkanbun— 
es muhß man aber, das beweisen auch König Carols Worte 
lar, damit sich abfinden, daß Rumänien bestrebt ist, mit 
»en Balkanstaaten ein enges Tinvernehmen zu unterhalten. 
In Wien ist man über diese Schwenkung der rumänifchen 
zolitik begreiflicherweise sehr wenia erbaut. Am Ballhaus— 
latze hatte man sich so sehr daran gewöhnt, den Donaustaat 
Is Aktivposten in die politische Berechnung einzustellen, daß 
er Gedanke gar nicht aufkam, es könne auch 'einmal anders 
verden. Die einseitige Unterstützung Bulgariens in fseinem 
Konflikt mit Rumänien war das Ergebnis dieser falschen Ein— 
chätzung der rumänischen Politik, und sie legte den Grund 
u der Entfremdung Rumäniens gegenüber Oesterreich. Die 
Wiener Presse hat nun nicht übel Lust, den deutschen Kaiser 
ür diese Wandlung Rumäniens verantwortlich zu machen. Man 
eftet sich dabei mit ganz besonderem Eifer an einen Wider—⸗ 
pruch in der Fassung des Tankteregrammes des Königs von 
dumänien an Kaiser Wilhelm, der zwischen der in Wien und 
er vom Wolffburcau ersolgten Veröffentlichung besteht. Sagt 
zie Wiener Fassung: „Dank dir ist ver Abschluß des Friedens 
zesichert, der definitiv bleibt“, so sagt die von Wolff ver— 
reitete Fassung, die offenbar die richtige ist: „Nach Ueber— 
bvindung von bedeutenden Schwierigkeiten ist der Friedensschluß 
jesichert, der dank dir ein definitiver bleibt“. Daß die letztere 
rassung im Gegensatz zu der ersten den Kaiser als direkten 
Urheber eines definitiven Friedens kennzeichnet und damit 
ils Gegner der von Oesterreich gewünschten Revision, ist nicht 
u bestreiten. Aber schon die zurückhaltende Form, in der der 
Faiser in seinem Antworttelegramm auf die enthusiastischen 
Dankesworte des Königs erwiderte, beugl, daß man in Swine- 
nünde die Tragweite des Bukarester Telegrammes wohl er— 
aßte und Mißdeutungen in Wien von vornherein im Keime 
ersticlen wollte. Wir hoffen, daß auch in Wien, sobald man 
sich von dem ersten Aerger erholt hat, wieder die Einsicht 
Plas greifen wird, daß nicht in Berlin die Schuldigen an 
Rumäniens Abkehr sitzen, sondern in — Wien. 
Ein Tagesbefehl des Zaren Ferdinand an seine Soldaten. 
DT. Sofia, 11. Aug. Zar Ferdinand hat an die Armee 
»inen Tagesbefehl erlassen. Er exinnert darin an die Siege, 
zie im Kriege gegen die Türkei errungen wurden, der mit 
rinem vollständigen Triumph der bulgarischen Waffen endete 
ind in dessen Verlauf die bulgarischen Truppen durch ihre 
Tapferkeit die Welt in Erstaunen setzten. Der Ruhm der alten 
ulgarischen Helden wurde zu neuem Leben erweckt. In 
em Tagesbefehl heißt es dann weiter: „Soldaten, in dem 
Jugenblich, wo ihr in eure Heimat zurückkehren solltet, brach 
ein neues Unheil über unser Land herein. Unsere Verbündeten, 
nit denen wir bestimmte Verträge hatten, vercieten uns und 
»ollten uns das entreißen, was mit dem Blut von Tausenden 
»on Helden- erkaust worden war. Entrüstet über diesen Treu— 
zruch konnte die ganze bulgarische Nation vom Staatsober— 
zaupt bis zum letzten Landmann und Arbeiter sich mit dieser 
Beraubung nicht bescheiden. Ke'n bulgarischer Patriot konnte 
zutwillig und ohne Kampf auf die Städte und andere bulga— 
ische Gebiete verzichten, wo unsere Stammesbrüder liegen. 
hon unseren früheren Ver—ündeten herausgefordert, mußten 
vir gegen unseren Willen von neuem einen schwierigen Kampf 
lufnehmen. Er wäre von Erfolg gekrönt gewesen, wenn eine 
deihe unvorhergesehener politischer Umstände unsere Kraft nicht 
elähmt hätte. Von allen Seiten bedrängt, mußten wir den 
zukarester Frieden unterzeichnen, da unser Vaterland nicht 
mstande war, mit seinen Nachbarn zu kämpfen, ohne Gefahr zu 
aufen, alles zu verlieren. Erschöpft und er nüdet, aber nicht 
esiegt, mußten wir unsere gloreichen Fahnen für bessere Tage 
usammenhalten. Die Geschichte und die Nachwelt werden ur— 
eilen, schätzen und in goldenen Lettern verzeichnen, wie sehr 
ihr euch um das Vaterland verdient gemacht habt. Ich 
wünsche, dah ihr wohlbehalten an euren heimatlichen Herd 
zurückkehrt und euch mit neuer Kraft und Energie zurer fricd— 
ichen Beschäftigung hingebt. Erzählt euren Kindern von der 
Tdapferkeit der bulgarischen Soldaten und ber itet sie vor, eines 
Tages das ruhmvoll begonnene Werk zum Abschluß zu brin— 
zen.“ Zum Schluß sagte der König, den Soldaten und allen 
einen Mitarbeitern herzlichsten Dank für die treue Unter— 
tützung, die sie ihm in diesen schweren Zeiten gewährt haben, 
Ada kurig des Zaren Ferdnand? 
DTP. Wien, 11. Aug. Wie der Bukarester Korrespondent 
der Zeit aus diplomatischer Quelle erfährt, ist Nachrichten qaus 
Sofia zufolge die politische Lage in Bulgarien sehr ernst. Das 
Tagesgespräch bildet die wahrscheinliche Abdankung des Zaren 
Ferdinand. Allgemein ist die Ansicht verbreitet, daß gerade der 
zönig das Hindernis bildet, daß wenigstens einige der Groß— 
nächte sich Bulgariens ernstlich annehmen. Wenn nun Bul— 
jarien auch noch auf der europäischen Konferenz schlecht ab— 
chneiden sollte, so hält man die Abdankung des Königs zu— 
zunsten seines ältesten Sohnes für sehr leicht möglich. Im 
ibrigen soll sich Zar Ferdinand wiederholt zu seiner Umgebung 
ind seinen Ministern in diesem Sinne geäußert haben. Zar 
Ferdinand scheint selbst überzeugt zu sein, daß seine Ab— 
zankung das einzige Mittel wäre, den Ausbruch einer Revo— 
tion in Bulgarien zu verhindern. 
v 
Deutsches Reich. 
Der Amnestieerlasßßz. Wie uns an zuständiger Stelle ver— 
ichert wird, hat noch nie die Justizbehörde mit solcher Schnellig— 
eit und Energie und mit weniger Bureaukratismus gearbeitet, 
Is bei der Durchführung des kaiserl'chen Gnadenetlasses. Zwar 
nt im Interesse eines beschleunigten Verfahrens eine weit— 
ehende Arbeitsteilung stattgefunden; letzten Endes aber mußten 
imtliche Begnadigungsfälle von einem einz'gen übergeordnelen 
zeamken durchgesehen und geprüft werden. Es liegt auf der 
zand, daß bei 24000 Begnadigungsfällen diese Jentralstelle 
in ungewöhnliches Maß von Arbeit zu leisten und eine schwere 
Zerantwortung zu tragen hatte. Die Endsumme oer Be— 
nadigten überraschte selbst die Justizzderwaltung, wo man unge— 
ähr mit 16000 Personen gerechnet hatte. Die Amneitie ist 
licht nur an Umfang die größzte in den letzten 40 Jahren, 
ondern sie greift durch die Wirkung auch außerordentlich tief 
in. Kindesmörderinnen, die aus Not und Unüberlegtheit idr 
Zerbrechen begingen, “sind ebenso wie Mörder, die zum Tode 
erurteilt und zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt waren, 
urch den Amnestieerlaß der Freiheit zurückgegeben worden. 
Ihne Ansehen der Person, nur nach Maßgabe der Würdiakeit 
st verfahren worden, und nicht nur Geld- und kleinere Ge— 
ängnisstrafen, sondern auch schwere Freiheits, sogar Zucht aus— 
lrafen sind erlafsen worden. Eine besondere Stellung gegen— 
ber den Richtlinien des Amnestieerlasses nehmen die Majestäts- 
eleidigungen ein. Nach den neueren Bestimmungen werden 
iese mur äußerst selten versolgt, wenn sie aber zu Ver— 
rteilungen geführt haben, liegt ihnen Böswilligkeit und Ueber—⸗ 
egtheit zugrunde; sie fallen also kaum unter die Bedingungen. 
ie der Amnestieerlaßz aufgestellt hat. Dagegen sind poli— 
ische Vergehen in erheblicher Anzahl berüchiht'gt 
borden. Falsch ist die Anschauung, als ob die Begnadigten 
rit jetzt in Freiheit gesetzt worden seien, während sie in 
VPohrheit sukzessive, sofort nach Erledigung ihres Falles, au⸗ 
em Gefängnis entlassen worden sind. 
Völlige Aufhebung des Jesuitengesetzes? Die Kölnische 
zeitung gibt unter allem Vorbehalt folgendes Telegramm aus 
zern wieder: „Der Berner Bund will aus sehr zuverläisiger 
duell. über Paris erfahren haben, daß in kürzeiter Zeit der 
eutsche Bundesrat sich mit der endgültigen Aufhebang des 
zesuitengesetzes beschäftigen werde. Die beiden größten 
zundesstaaten, Preußen und Vanern, sollen dierfür geschlossen 
timmen, so daß von den 59 Gesamtstimmen hlicherlich 23 für 
ie Aufhebung wären. Es bedürfe also immer noch 7 Stimmen, 
im die absosute Mehrheit zu erreichen. Zurzeit werde ein 
ifriger Schacher getrieben, um auch diese 7 Stimmen noch zu 
Ahalten. Dak Preußen seine Stimmen zugqunsten der Jesuiten
	        
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