Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

königreiche. Dies schließt eine Einmischung der Mächte aus. 
3. Der britische Gesandte in Butarest hat die ihm vor drei 
Tagen zugegangene Note an die Balkanverbündeten zuück— 
zjezogen, in der seine Regierung die Absicht einer Revision des 
Bukarester Vertrages ankündigte. 
Der Zusammenbruch des Balkanbundes. 
DT. Sofia, 7. Aug. Gutem Vernehmen nach soll der 
Führer der bulgarischen Friedensdelegierten, Tontschew, dem 
Bukarester russischen Gesandten, v. Schebeko, gegenüber erklärt 
haben, der serbische Einbruch in Mazedonien lasse jeden Ge— 
danken an ein künftiges neues Bündnis zwischen Bulgarien und 
Serbien als ausgeschlossen erscheinen. Auch in Sofia wird der 
Friede von Bukarest als der völlige Zusammenbruch des Bal⸗ 
kanbundes angesehen. An eine Wiederaufrichtung des Balkan— 
hundes sei nicht mehr zu denken. In dem gleichen Sinne spricht 
ich auch die kapitalistische Presse aus und sagt, kein Bulgare 
verde je einem Serben oder Griechen wieder die Freundeshand 
eichen. 
Französische Phantasien über Elsaß—⸗ 
Lothringen. 
Von underem Korrespondenten.) 
Paris, 5. Aug. 
Dake die Angelegenheiten Elsatz Lothringens ,Gormaniae res““ 
ind, will dem Franzosen nur schwer in den Kopf. Schon oft 
zat er seine impulsive Art, schnell und ohne lange zu prüfen 
Partei zu ergreifen, bühen müssen. Als Angehöriger eines 
zange von der Welt verhätschelten Kulturvolkes fühlt er sich 
noch heute zum Richter berufen, ohne dabei zu beachten, daß 
ein voreiliges Urteil oft eine Einmischung in die Angelegen— 
zeiten fremder Nationen ist. Man mischt sich in spanische 
Angelegenheiten, und die Regierung von Madrid muß franzö⸗ 
sische Agitatoren aus Barcelona ausweisen. Als sich Englands 
Minister wegen der Marconi-Angelegenheit zu verantworten 
hatten, ergriff der Matin voreilig gegen sie Stellung, ohne 
eine Schreibweise später vor dem Gericht verantworten zu 
önnen. Beim Streit in der deutschen Presse um das Gerhart 
ßauptmannsche Festspiel wollte ein wegen seiner Deutschland 
zegenüber versöhnlichen Gesinnung bekannter Mann wie 
Hrand-Carteret eine Kundgebung französischer Dichter und 
Schriftsteller veranlassen und mußte sich erst belehren lassen, 
daß er dadurch in einen das politische Gebieti streifenden und 
die Person des deutschen Krondrinzen umtobenden Streit 
ingegriffen hätte. 
So lange die Beurteilung elsaß-lothringischer Verhältnisse 
»urch die Franzosen auf diese impulsive Art der Parteinahme 
urückzuführen ist, die bei der vorübergehenden Zugehörigkeit 
ves Landes zu Frankreich natürlich zugunsten der Elsaß— 
rothringer ausfallen muß, ist dies begreiflich und erklärlich; in 
jewissem Sinne auch entschuldbar. Sie wird auf die diploma— 
ischen und politischen Beziehungen beider Länder ohne Einfluß 
zleiben und Frankreich niemals zu einem Revanchekrieg treiben. 
ẽtwas anderes ist es aber mit der von gewissen nationalistischen 
treisen betriebenen systematischen Hetze gegen Deutschland. Ihre 
Irheber fühlen sich als die Anwälte der alten elsaß-lothrin⸗ 
zischen Bevölkerung, und sie fordern bei jeder Gelegenheit eine 
Intervention der französischen Regierung zu deren Gunsten. 
Gerade in diesen Tagen, wo in Kammer und Senat 
so viel von der Ueberlegenheit der deutschen Armee und der 
Gefahr eines unerwarteten deutschen Angriffs für Frankreich 
jesprochen wurde, ist in der Revue des Frangçais ein Artikel 
ꝛ»er Geschwister Jeanne und Frdéric Réêgamey erschienen, 
worin offen ein Nevanchekrieg gegen Deutschland 
gepredigt wird. Durch Aufzählung einer Reihe zum Teil be— 
kannter Vorkommnisse der letzten Jahre versuchen sie nachzu⸗ 
veisen, daß die im Jahre 1911 dem Lande gegebenen beiden 
Kammern nur ein Scheindasein führen und Ehsaß⸗ Lothringen 
iach wie vor als „eroberte Provinz“ behandelt wird. „Wenn 
nan bisher — so heißt es dann — gegenüber den Elsaß— 
Lothringern noch keine so drakonischen Gesetze angewendet hat 
wie in Polen, geschah dies deshalb, weil man hinter ihnen 
Frankreich sah. Doch mit welcher Strenge man auch gegen sie 
rorgehen mag, dieses Frankreich rührt sich nicht. Niemals hört 
nan etwas von Vorstellungen, von einem noch so geringfügigen 
Protest oder von einem selbst zaghaften diplomatischen Schritt. 
Warum geniert man sich aber? Unsere Regierung versteht 
niicht, bei ihrer groken Angst vor internationalen Verwicke⸗ 
ungen, welche die öffentliche Meinung heute viel weniger als sie 
ürchtet, daß ihre Langmut gegenüber Deutschland nicht nur die 
Würde Frankreichs er chüttert, sendern daß sie damit auch 
msere elsaß-lothringischen Brüder der alldeutschen Brutalität 
— 
*hoater. Kunst und Missenschaft. 
Lübech 8. Aug. 
ztadthallen⸗Theater. 
„Das Glück im Winkel“. 
-Zchauspiel in 3 Akten von Hermann Sudermann. 
Das schwächlichste der Produkte Sudermannscher Bühnen⸗ 
unst. Eine Lösung des Konfliktes findet nicht statt, denn 
rur für recht philiströs genügsame Seelen erledigt sich mit 
»em Fallen des Vorhanges die Frage nach dem „Wie nun 
veiter?“ Es ist ja weder amzunehmen, daß die starke und 
temperamentvolle Frau plötzlich Genüge findet, noch ist es 
recht erfindlich wie der schlappe Schulmeister sich der Kraft⸗ 
natur eines Röcknitz erwehren wird. Auch hier ist das ängst⸗ 
iche Vermeiden eines tragischen Busganges dem Stück zum 
Verhängnis geworden. In Romanen muß alles gut enden, 
»amit man mit satter Seele nachher sein Bier trinken kana. — 
Am besten gelungen ist in der Zeichnung die famose Drauf— 
zängergestalt ostelbischen Junkertums Freiherr von Röcknitz. Ihre 
Verkörperung dunch Arno Hoß stellte erfreulicherweise auch 
die beste Leistung des Abends dar und half, indem sie das 
Interesse auf das schauspielerische Können zog, über die Lange— 
weile des Inneren hinweg. Arno Hoß fand glänzende Töne 
der Kraft und Leidenschaft, des unbekümmerten Egoismus. Ob 
freilich die zeitweise hervorftretende Urbanifierung der Rolle 
m Sinne des Verjafsers liegt, ist zum mindesten Ansichts⸗ 
ache. In Else Strohm-Ambronn fand er eine recht 
zute VPartnerin als Elisabeth; namentlich im zweiten Akbktt 
gefiel sie sehr, im ersten und dritten wurde vieles recht stereotyp 
zegeben, wenngleich auch hier, besonders zu Beginn des dritten 
Aktes, recht warmes Leben zutage trat. Als recht hübsche 
ind ergreifende Leistungen sei das Spiel von Johanna« 
Riccardo als die blinde Helene und das Magda Rei— 
hardts als ermattete Frau Bettina hervorgehoben. Im 
ibrigen konnte ich nicht viel Gefallen finden. Tas Publikum 
argte namentlich am Schluß nicht mit Beifall. Dr. K. 
DT. Nom Authropologentag in Nürnberg. Die Deutsche 
Anthropologische Gesellschaft hielt Donnerstag ibre qeschäftliche 
usliefert. Ist es für diese nicht schon genug, daß sie gleich⸗ 
am als Lösegeld für ihr Vaterland 43 Jahre lang unter ihr 
aben leiden müssen? Unsere Politiker scheinen nicht zu be— 
zreifen, daß die elsaßlothringische Frage nicht nur eine franzö⸗ 
isch-deutsche Angelegenheit, sondern ein europäisches Problem ist; 
a man kann sagen ein Weltproblem, in den Tagen, wo die 
zereinigten Staaten und Japan bei einem Konflikt der 
zroßmächte auch eine Rolle spielen werden. 
Die Lösung des Prohlems ist, man mag wollen oder nicht, 
lar und einfuch: das gewaltsam von Frankreich geraubte Elsaß⸗ 
othringen das mit Gewalt unter dem Joch gehalten wird und 
icht germanisiert werden kann, selbst wenn Jahrhunderte dazu 
exwendet werden würden, muß mit Gewalt wieder zurückerobert 
ꝛerden. Denn es ist für Frankreich, dessen natürliche Grenze 
z bildet. unbedingt notwendig. Frankreich muß also eunsthaft 
n seine Pflicht denken, die unbedingt notwendigen Opfer bringen 
ind mit Hilfe des Gottes der Schlachten und Johannas der 
zefreierin seiner von Schmerz und Ruhm erfüllten Geschichte, 
aderen Buch jede Seite von einem meist erfolgreichen Vorstoß 
ur „Vertreibung der Fremdlinge“ berichtet ein neues und 
etztes Kapital hinzufügen.“ 
Die französische Diplomatie soll also die ersten besten Maß⸗ 
ahmen der elsaß⸗lothringischen Regierung, die einem Teil der 
zevölterung nicht behagen, zu einer Intervention benutzen, um 
adurch einen Krieg vom Zaune zu brechen und das Reichsland 
urückzuerobern. Das französische Volk lacht über derartige chauvi⸗ 
istische Vorschläge, denn diejenigen Kreise, welche die Geschwister 
égamey. die wegen ähnlicher Artikel erst vor kurzem dus 
aß⸗Lothringen ausgewiesen wurden, ernst nehmen, beschränken 
ch auf die Nationalisten der franzosischen Hauptstadt. Größer 
ls in Frankreich ist der Einfluß aber leider im Ausland. Wenn 
ie „Revue des Francais“, die eine Reihe führender Politiker 
no selbst den Marineminister zu ihren Mitarbeitern zählt, der⸗ 
rtiye Ausführungen bringt, muß das Ausland den Eindrudk 
ewinnen. als ob tatsächlich Frankreich ein verbrieftes Recht auf 
as alte deutsche Land Elsaß-Lothringen besäße und dessen Be— 
ölkerung nur auf die Erlösung durch die Republik wartete. Daß 
ies der Fall ist, haben erst jüngst mehrere Artikel der Daily 
Mail“ bewiesen, in denen Deutschland der Vorschlag gemacht 
urde, im Interesse einer Verständigung mit Frankreich frei— 
hillig auf Elsaß⸗Lothringen zu verzichten. Oder man befür—⸗ 
vortet den Gedanken einer Volksabstimmung, der übrigens von 
en Régamey's wohlweislich abgelehnt wird, weil sie genau wissen, 
uaß diese zu ungunsten Frankreichs entscheiden würde. 
Eine andere Pariser Wochenschrift hat in diesen Tagen eine 
deihe von geheimen Anweisungen des deutschen Generalstabs 
eröffentlicht, die auf einen etwaigen Einmarsch deutscher Truppen 
n Frankreich Bezug nehmen. In ihnen ist genau vorgeschrieben, 
vie sich die Bataillons⸗- und Regimentskommandeure im Falle 
ines Marsches durch französisches Gebiet an die Bürgermeister 
u wenden haben, damit diese alle für Verpflegung und Unter⸗ 
unft der Truppen notwendigen Maßnahmen treffen. Man hat 
ich in Paris darüber aufgeregt, daß in diesen schematischen 
Inweisungen französische Ortschaften als Beispiele genannt sind 
ind hat sie von neuem als Beweis für Deutschlands feindlesige 
sbslichten gegen Frankreich hingestellt. Sollten im französischen 
zeneralstabe nicht ähnliche Anweisungen vorliegen? Jede Armee 
ruß auf alle Fälle gerüstet sein. Dies gilt von der deutschen 
oĩe von der französischen und ist noch längst nicht der Beweis 
ür eine aggressive Politik. Dagegen können Ausführungen wie 
iejenigen Jeanne und Frsderic Réͤgamey's an Deutlichkeit nicht 
ehr überboten werden. Als Begründung zur Wiedereinführung 
er dreijährigen Dienstzeit sind sie lächerlich. Die französische 
egierung hat 1905 auf eigene Initiative die zweijährige Dienst- 
eit eingeführt, und wenn die in sie gesetzten Hoffnungen bei 
er geringen Volkszahl des Landes sich nicht verwirklichten, war 
s ihr gutes Recht, durch eine Verlängerung der Dienstzeit die 
ꝛehler wieder zu beseitigen. Hierin liegt noch nicht der Uebergang 
4 einer Angriffspolitik. Sollten die Ausführungen aber ein 
inweis dafür sein, wozu Frankreich seine verstärkte Armee 
erwenden muß, dann sind sie eine Torheit. Denn können die 
eiden Réoͤgameys etwas voraussagen, daß im Falle eines Krieges 
m Elsaß⸗Lothringen Frankreich siegreich sein wird? Solange 
ie Regierung und die Mehrheit des französischen Volkes einer 
devanchepolitik abhold sind, braucht man derartigen Stimmen 
eine übertriebene Nedeutung beizumessen. Nur sollte man in 
zrankreich auch lernen, nicht die Meinung einiger deutscher 
leberpatrioten als Volksstimmung hinzustellen, und endlich ein⸗ 
hen, daß alle Angelegenheiten Elsaß⸗Lothringens „Germaniae 
es“ sind und jede, selbst gefühlsmähige Einmischung in sie 
limmungen heraufbeschwören muß, die einer Annäherung beider 
Bölfer nicht förderlich sind. 
zitzung ab. An Stelle des satzungsgemäh ausscheidenden ersten 
dorsitzenden Geheimrat Prof. Luschan, Berlin, wurde der 
isherige zweite Vorsitzende Prof. Dr. August Kräm er, 
ztuttgart, gewählt; an seine Stelle trat der dritte Vorsitzende, 
Nuseumsvorstand Dr. Robert Beltz, Schwerin in Meclen⸗ 
urg; zum dritten Vorsitzenden wurde sodann Geh. Reg.⸗Rat 
zrof. Dr. Hans von Virchow, Berlin, gewählt. Zum 
)rte der nächstjiährigen Tagung bestimmte man Hildesheim. 
Nitgeteilt wurde, daß die Gesellschaft deutscher Naturforscher 
ind Aerzte die Einladung habe ergehen lassen, es möchten 
ie beiden Gesellschaften in jedem zweiten Jahre ihre Ta— 
ungen gemeinsam abhalten. Darüuber soll in einer engeren 
zißung in Wien am 20. Sept. beraten werden. 
A.B. Der Semior der finnischen Dichter. Einen schweren 
berlust hat die finnische Literatur zu beklagen. Im Alter von 
5 Jahren ist, wie russische Blätter melden, der Senior der 
imnischen Dichter, der weit über die Grenzen seiner engeren 
zeimat hinaus bekannte Schriftsteller Piotori-Peiwarinta ge⸗ 
torben. Peiwarinta entstammt einer finnischen Bauernfamilie 
nd blieb sein Leben lang selbst ein braver Bauer. Er er⸗ 
ernte das Lesen und Schreiben selbst und vervollkommnete 
eine Bildung durch unentwegte Lektüre. Lange Jahre lebte 
r in seinem Heimatdorf, und er war schon 40 Jahre alt, 
ls er seine ersten schlichten Erzählungen aus dem Volksleben 
eröffentlichte, die bald die Aufmerksamkeit der gebildeten Kreise 
uf sich lenkten. Die Erzählungen Peiwarintas gaben die 
zrundlage zu einer ganzen finnischen Dichterschule, die zu 
hren Mitgliedern jene jungen finnischen Schriftsteller zählt, die 
a ihren Werken ausschließlich der Heimatkunst und dem 
zauerntum Rechnung tragen. Viele Werke Peiwarintas sind in 
remde Sprachen übersetzt worden. Der Dichter bewahrte bis 
a sein tiefes Alter eine junge Seele im verfallenden Körper. 
zor einigen Jahren erblindete er, interessierte sich jedoch 
rotzdem lebhaft für alle politischen und literarischen Ereignisse 
iner Heimat. Vor einiger Zeit gab er in Helsingfors noch 
»ine gesammelten Werte in 15 Banden beraus 
Deutsches Reich. 
Offiziesus und KruppeProzetßß. In den Betrachtungen de 
ürgerlichen Blätter zu dem kriegsgerichtlichen Urtell imWe 
ahren gegen Tilian und Gen. kommt die Genugtuung uber die 
ftentliche Klarstellung des Geschehenen, soweit sie in diesem 
VBerfahren möglich war, zu ihrem Recht. Hierzu bemerkt die 
Rorddeutsche Allgemeine Zeitung: An ver wirk⸗ 
lichen Bedeutung der unentschuldbaren Vorkommnisse ijt vor 
ßericht nichts abgeschwächt, nichts beschönigt worden. Gerade 
adurch aber wird den Uebertreibungen der Boden entzogen, mit 
»enen der Abgeordnete Liebknecht die öffentliche Behandlung der 
Angelegenheit eingeleitet hat. Der bisherige Verlauf der amt. 
lichen Maßregeln zur Aufklärung agitatorisch vergrößerter Miß⸗ 
tände ist für die Sozialdemokratie eine Enttäuschung. Ein 
VPanama“ der deutschen Heeresverwaltung gibt es nicht. Das 
aben, nach eingreifender Beweisaufnahme, die Vertrekung der 
Intlage und die Prozeßleitung festgestellt, und in den dn 
oreingenommenen Besprechungen des Arteils wird dieses Er geb⸗ 
iis gegenüber allen Aufbauschungs-Versuchen in das richtige 
richt gesetzt. An diesem Ergebnis kann auch durch das noch be⸗ 
»orstehende zweite Gerichtsverfahren, dessen Feststellungen m 
iübrigen abzuwarten bleiben, nichts geändert werden.“ 
Welfische Preußenhetze. Das anerkannt offiziöse Orgon des 
derzogs von Cumberland gibt zustimmend aus dem Bame⸗ 
ischen Vaterland einen preußenfeindlichen Hetzartikel 
vieder, der den Rechtsinn der deutsch-hannöverschen, Rechts 
arteiler“ in das hellste Licht rückt. In dem baherischen Hetz⸗ 
rtikel werden nämlich die Bewohner der Hohenzollern— 
chen Lande als „Mußpreußen“ behandelt, obwohl die 
ohenzollernschen Lande, wie man weiß, nicht durch das Recht der 
zroberung, sondern auf dem Wege des Vertrages preußisch 
eworden sind. Durch den Fürsten von Hohenzollern abge— 
hlossen, darf dieser Vertrag vom weifisch-legitimistischen 
5tandpunkte aus zu allerletzt irgend welcher Anfechtung unter— 
vorfen werden. Aber dieselben DeutscheHannoveraner, die zu— 
zunsten des Hauses Cumberland nicht geräuschvoll genug das 
Zanner der Legitimität aufpflanzen können, schließen ihr Feld- 
eichen in den Schrank, sobald es sich um das verhaßte Preußen 
zandelt. Fürwahr, eine „Rechts“-Auffassung imponierender 
Art! Der Preubenhaß des cumberländisch-offiziösen Blattes 
zetätigt sich aber mit dem Abdrudk des Ehren-Sigl nach⸗ 
mpfundenen Hetzartikels in um so abstoßenderer Weise, je 
»löder die darin verzapfte Preubenhetze ist. Bejammert doch 
»as Bayerische Vaterland die „Mußpreußen“ der Hohen— 
ollernschen Lande namentlich aus folgendem Grunde: Folge 
nir der geschätzte Leser zu einer Gerichtsverhandlun g. 
Im Vollbewußtsein seiner Würde eröffnet ein preußischer' 
dichter mit umwverfälschter preußischer (1) Aussprache 
ie Verhandlung. Diese Aussprache hat neben vielen anderen 
uten Eigenschaften auch die, daß sie von der Landbevölkerung 
bsolut nicht verstanden wird. Armes Völklein! Ito— 
iener, Franzosen und andere Ausländer haben wenigsten« 
inen Dolmetscher zur Seite, wenn sie verdonnert werden, 
»u aber mußt dein Schicksal verständnislos hinnehmen!“ Das 
»ffiziöse Organ des Herzogs von Cumberland bringt das 
tunststück fertig, diese Hetzerei noch zu überbieten; denn es 
ehauptet von dem Artikel des Bayerischen Vaterlandes, dok 
r sich ohne Schwierigkeit auch in das Mittel-Norddeutsche über⸗ 
etzen läßzt. — Mit anderen Worten: der Hannoveraner 
ersteht nicht die „preußische Aussprache“ eines Westfalen, 
zrandenburgers, Vommern usw.! Daß die Deutsche Volks— 
eitung solche Hetzereien gegen den führenden Bundesstaat 
zagen darf, ohne deswegen in ihrer Eigenschaft als offiziöses 
Rgan des Herzogs von Cumberland zur Ordnung gerufen zu 
verden, ist angesichts der sonstigen Haltung des Welfentums 
war nicht wunderbar, bleibt jedoch trotzdem standalös. 
Der siebente internativnale Metallarbeiter-Kongreß. Am 
weiten Verhandlungstage am Domerstag wurde zunächst über 
en Ausbau der gegenseitigen Beziehungen beraten. Hobson⸗ 
Rgland begründete die Vorschläge für die englische Organisation. 
)arnach sollen die aus dem Auslande zuwandernden organisierten 
Netallarbeiter in dem Einwanderungslande bei Vorweisung des 
Mitgliedsbuches und der internationalen Uebertrittskarte als Mit⸗ 
lieder aufgenommen werden. Weiter werden die Landesorgani⸗ 
ationen verpflichtet, einander bei Streik und Aussperrungen, die 
/on langer Dauer sind und die vorhandene Gelder aufzehren, 
noralisch und nötigensalls materiell zu unterstützen. In der 
debatte über diese Vorschläge, die von allen Seiten warm 
zegrüßt wurden, hob Kohen-Berlin hervor, daß sie erfreulicher— 
veise einen Bruch mit den bisherigen Traditionen der Engländer 
jedeuten, die es an werktätiger Unterstützung ausländischen Or⸗ 
zanisationen gegenüber bisher haben fehlen lassen. Die Eng— 
änder sind hierzu gezwungen, weil bei der demokratischen Ver— 
assung der englischen Gewerkschaften jede Ausgabe über 400 M 
ind bei kleineren Gewerkschaften sogar schon geringere der Ur⸗ 
ꝛbstimmung bedürfen. Kohen bemerkte. daß selbstverständlich 
mtsprechend der englischen Forderung nur so Ich e Kämpfe unter— 
tützt werden, die von dem Verbandsvorstand als berechtigt 
rmerkannt sind, und mit deutlicher Spitze gegen den Hamburger 
Werftarbeiterstreik erklärte er, daß selbstverständlich nur solsche 
Streiks geführt werden dürften, die von der Leitung zuge⸗ 
assen sind, da sonst jede vernünftige Kampfes⸗ 
ührung unmöglich werden würde. Die Leitung sei von 
»em Vertrauen der Mitglieder eingesetzt und müsse daher auch 
esperttiert werden. Wem einmal jemand außer der Reihe 
anze, dann werde er bei der Aussprache hierüber schon einsehen, 
‚aß das nicht zulässig sein kann. Schließlich wurden die englischen 
Borschläge einstimmig angenommen. In der Nachmittagssitzung 
ourde auf Antrag Frankreichs über die Abgrenzung des Tätig- 
eitsgebietes der nationalen Organisation beraten. Lefdvre 
orderte mit Bezugnahme auf gewisse französische Verhältnisse, 
aß nmur solche Organisationen in die Internationale aufgenommen 
derden dürften, die der Landeszentrale angehören. Inter— 
attonalsekretär Sch l i che⸗Stuttgart erklärte aber, daß das inter⸗ 
ationale Bureau nur eingreifen könne, wenn es von den Be—⸗ 
eiligten um seine Vermittelung ersucht werde. Darauf wurden 
ie französischen Anträge abgelehnt. Zum Internationalsekretär 
rurde Schlicke einstimmig wiedergewählt. Als Ort des nächsten 
donaresses im Jahre 1916 wurde einstimmia Wien gewählt. 
* 
Ausland. 
Italien. 
DT. eee des Generalstreiks in Mailand. Die Streik⸗ 
age hat sich sehr verschärft. Die Truppen, die zum Schutz der 
znaßenbahnen abgesandt, wurden, hatten verschiedentlich schwere 
zusammenstöhe mit den Sireitenben— die an einzelnen Punkten 
er Stadt Barrikaden zu exrichten versuchten. Die syndikalisti⸗ 
chen Sozialisten haben ein Rundschreiben an alle Gewerkschaften 
es ganzen, Landes erlassen, in dem zum Generalstreik in ganz 
Jsalien gufgefordert wird. Die Regierung hat die arfsten 
Nakreoeln eragriffen um die Ordnung artfrecht au erhalton
	        
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