Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

and die Ermunterung zu ihren hochgeschraubten Ansprüchen 
nicht zum geringsten Teile aus der Ueberzeugung schöpfen, daß 
Rußland das von ihm geforderte für Bulgarien nicht in einer 
Weise interpretiert, die einer gewissen Zurücweichung zu hoch— 
gehender Wünsche Serbiens und Griechenlands gleichkäme. Die 
Intransigenz der Pforte gegen Bulgarien hat mittlerweile auch 
das unerfreuliche Resultat gezeitigt, daß die Pforte, die vor 
einigen Tagen einer gewissen Nachgiebigkeit in der Adriauopel— 
ftage nicht ganz abgeneigt zu sein schien, nun vieder einen 
kategorisch ablehnenden Standpunkt eimimntt. 
Die die gegenwärtige Lage noch komplizierende Zunahme des 
türkischen Selbstbewußtseins ist ein sehr ernstes Zeichen dafür, 
welche Folgen das langsame Auftreten einzelner Mächte in der 
mazedonischen Frage andererseits ausgeübt hat.“ Mit diesen 
einzelnen Mächten ist natürlich England gemeint, das an— 
scheinend wmieder einmal im Träübenfischt. In den Londonen 
Kreisen ist man allgemein der Ansicht, daß Bulgarien in den 
Hauptpunkten den Verbündeten eher nachgeben würde, als 
dah es sich der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten nach dem 
Aufhören des Waffenstillstandes am nächsten Freitag auszetzen 
würde. Was die Haltung der Türkei anbetrifft, so versichern 
geroisse Kreise, daß die Pforte wissen ließ, sie würde nicht 
darauf bestehen, Adrianopel trotz des Widerstandes der Groß 
mächte zu behalten. Man müsse vielmehr in der Haltung der 
Türket einen Versuch sehen, das Prestige der ottomanischen Armee 
wieder herzustellen und sich von Europa finanzielle Konzessionen 
gewähren zu lassen. Die Türkei würde, wenn sie erst das er— 
reicht hätte, wahrscheinlich dem diplomatischen Drua weichen 
und sich hinter die Linie Enos-Midia zurückziehen. England 
scheint ihr diesen Weg stark erleichtern und sich so wieder die 
muselmanischen Spmpathien sichern zu wollen, die stark in 
Gefahr sind, wie die Vorgängesin Indien erkennen lassen. 
Daß der Dreibund durch die unsichere Politik Desterreichs in 
eine peinliche Lage gekommen ist, daß er anscheinend wirder ein 
mal auf dem besten Wege ist, eine Schlappe diplomatischer Natut 
zu erleiden, ist ja nun nachgerade etwas so gewöhntes geworden, 
daß eine gewisse Beschämung einen jeden ergreift, dem die 
Stärke und die auch nach außen bekundete Macht Deutsch- 
lands am Herzen liegt. Die Milliardenopfer, die das deutsche 
Volk zu bringen gewillt ist, verlieren ihre Kraft, wenn das tüch— 
tige Werkzeug, das zu schaffen sie berufen sind, dazu ver— 
urteilt ist, als Popanz zu wirken und nicht bhem Willen des 
Landes nach einer starken imperialistischen Politik im nahen 
Osten Nachdrud verleihen kann. Dr. K. 
Die Friedenskonferenz. 
W. Bukarest, 5. Aug. Die Sitzung der Friedenskonferenz 
begann um 4 Uhr. Nachdem das Protokoll der gestrigen 
Sitzung verlesen und gezeichnet war, nahm Venizelos das Wort, 
um der Konferenz die Depesche des Königs Konstantin bekannt 
zugeben, worin der König mitteilt, daß ein militärischer Parla— 
mentär der Bulgaren den griechischen Vorposten die mögliche 
Wiederaufnahme der Feindseligkeiten noch für heute angekün— 
digt hat. Die bulgarischen Delegierten Tontschew und Fitschew 
erklärten, keine Kenntnis von dieser Tatsache zu haben, die nur 
durch einen Irrtum oder durch falsche Uebermittelung der 
Stunde, in der der Waffenstillstand begann, entstanden sein 
könne. Ministerpräsident Majorescu verlas eine Verbalnote 
der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika, worin 
der Wunsch ausgedrücht wird, man möge in den Bukarester Ver—⸗ 
trag eine Bestimmung aufnehmen über die vöolle Freiheit der 
bürgerlichen und religiösen Rechte der Teile der Bevölkerung, 
die nun von dem einen Lande getrennt und dem anderen ein⸗ 
verleibt würden. Der Präsident bemerkte, das sei schon ein 
öffentliches Recht in jedem der beteligten Länder. Die Chefs 
aller Misfionen stimmten dem zu, daß es überflüssig sei, eine 
besondere Klausel darüber in dem zukünftigen Vertrage in Er⸗ 
wägung zu ziehen. Der Präsident der Konferenz richtete sodann 
an alle beteiligten Länder den dringenden Appell, die gegen⸗ 
seitigen Abmachungen schnell zu beendigen, denn es sei um—⸗ 
erlählich, daß die Konferenz von morgen ab sich mit den 
konkreten Fragen beschäftige, da der vor der Wiederaufnahme 
der Feindseligkeiten noch zur Verfügung stehende Zeitraum eine 
weitere Vertagung der Lösung nicht gestatte. Die nächste Sitzung 
der Konferenz findet morgen nachmittag 4 Uhr statt. 
— Der heutige Vormittag wurde mit einzelnen Besprechun⸗ 
gen zwischen Majorescu und den Chefs der Missionen ausgefüllt. 
Finanzminister Marghiloman gibt zu Ehren der Missionen eine 
Reihe Dejeuners. Das erste Dejzuner fand heute zu Ehren 
des Chefs der lerbischen Mission statt 
„Nein: 
Sing⸗Fus Kneipe lag die Straße weiter hinab. Als sie 
die Nähe kamen, blieb Dich plötzlich stehen. 
„Etwas ist im Gange! Der Laden ist geschlossen!“ 
Unentschlossen sahen sie sich an. 
GGortsebung folot.) 
CTheater, Kunst und Wissenschaft. 
Die Sal:burger Mozartfestspiele begannen mit einer Mozart— 
Kammermusik-Aufführung, in der neben Lilli Lehmann, der 
genialen Meisterin, der in Deutschland unbekannte alte Salz— 
burger Klarinettist Hausner wohlverdienten Triumph in 
dem unbeschreiblich herrlichen Klarinettentrio feierte. Der Be— 
such des Festes läßt vorderhand leider noch zu wünschen übrig. 
Neue Bühnenwerke. Frand Wedekind hat als Epilog zu 
der Gesamtausgabe seiner Werke ein dreiaktiges Vorspiel 
„Leidenschaften“ beendet, dessen Uraufführung wahrschein— 
lich in nächster Zeit in München stattfinden wird. — „Das 
Wundermädchen pon Berlin“, das neue Drama von 
Hanns Heinz Ewers, das von Prof. Reinhardt für das 
Deutsche Theater in Berlin zur Aufführung in der nächsten 
Spielzeit erworben wurde, ist u. a. bereits von den Stadt 
theatern in Hamburg⸗Altona, Köln, Leipzig, Krefeld, sowie vom 
Schauspielhause in Bremen angenommen worden. — Das in 
der Pariser Opéra Comique mit so großem Beifall aufgenom— 
mene neue Werk Charpentiers, die Oper „Julien“, wird 
ihre deutsche Erstaufführung in Leipzin erleben. — Der fran— 
zösische Komponist wohnte kürzlich einer Vorstellung von 
„Louise“ bei, die vom Leipziger Kapellmeister Otto Lohse 
dirigiert wurde, und drückte den Wunsch aus, die deutsche Erst⸗ 
aufführung von „Julien“ von Lohse dirigiert zu sehen. — 
Am 9. Aug. findet die Uraufführung des Lustspiels „Die 
Generalprobe“ von Harry Vossberg in der Schauburg 
zu Hannover statt. Der Dichter ist zu den Proben bereits in 
Hannover eingetroffen. 
DT. Vom 44. Teutschen An hropologentag in Rürnberg. 
Albert, Fürst von Monaco, wird für seine ozeanologischen 
Forschungen und fsür die Gründung des geanographischen Mu— 
seums in Monte Carlo zum Ehrenmitgliede der Gesellschaft 
ernannt. Nach einer temperamentvollen Ansprache v. Luschans, 
der sich aus rassenhygienischen Gründen gegen das in West— 
europa immer mehr zur Einführung gelangende Zweikinder— 
Der Streit um Kawallu. 
Bz. Bukareit, 85. Aug. Der Streit um Kawalla hat noch 
ichts von seiner Schärfe verloren. Gestern ist wieder ein 
costbarer Tag. der mit ersolglosen Verhandlungen zwischen 
den bulgarischen und den griechischen Delegierten ausgefüllt 
war, verloren gegangen. DTie Vertreter Griechenlands boten 
den Bulgaren den ägäischen Küstenstrich zwischen der Bucht von 
Lagos (östlich von Kawalla) und Dedeagatsch-Enos an, doch 
»eharrten die Bulgaren auf den Besitz Kawallas und seines Hin⸗ 
erlandes. Die Verständigung zwischen Bulgarien und Serbien 
dürfte sich leichter gestalten, da die Serben sich bereit erklär! 
jaben, den Bulgaren die Grenze Strumitza— linkes Wardarufer 
uzugestehen. Es kann sich somit zwischen diesen beiden Staaten 
nur noch um kleinere Besitzfragen handeln. Für heute oder 
norgen erwartet man hier ein gemeinsames Vorgehen der 
Sroßmächte, die entschlossen sein sollen, durch einen Drud 
ruf die Delegierten den baldigen Friedensschluß herbeizuführen. 
Insbesondere erhält sich die Annahme, daß die Mächte sich 
die Entscheidung über die Zuteilung Kawallas vorbehalten 
hätten. 
Zur angeblichen Verhaftung Dr. Danews. 
DT. Paris, 5. Aug. Auf der bulgarischen Gesandtschaft hält 
man die Nachricht von der Verhaftung des früheren Minister 
präsidenten Dr. Danew für sehr unwahrscheinlich. Selbst, wenn 
ein Haftbefehl gegen Dr. Danew erlassen sein sollte, hätte ein 
olcher bis jetzt nicht ausgeführt werden können, da Dr. Danew 
vie der Korrespondent des Deutschen Telegraphen erfährt, sich 
zurzeit in Zürich aufhält. 
Revolten türkischer Kriegsgefangener. 
W. Sofia, 5. Aug. Der Einfall der türkischen Truppen 
in bulgarisches Gebiet —* unter den in Bulgarien internierten 
türkischen Kriegsgefangenen, deren Zahl 100000 
beträgt, eine ziemliche Unruhe hervorgerufen. Eine Gruppe tür— 
ischer Kriegsgefangener, die unter Eskorte aus den vom Einfall 
der Türken bedrohten Orten nach Stara Zagora gebracht wurde, 
»erhuchte in dieer Nähe dieser Stadt zu entweichen, in 
er Hoffnung, die türkischen Truppen, die sie in der Nähe wähnten, 
u erreichen. Als duꝛre in Stara Zagora internierten türkischen 
triegsgefangenen das Gewehrfeuer vernahmen, glaubten sie, daß 
ürkische Kavallerie herankomme, und eilten in das Waffendepot, 
im sich mit Waffen zu versehen. Es kam zu einem blutigen 
Zusammenstoß. Mehrere Türken wurden getötet und ver— 
vundet. Auch einige bulgarische Soldaten und Zivilisten wurden 
etötet und verwundet. Die Ordnung war rasch wieder hergestellt 
Andererseits ist herborzuheben, daß die Kriegsgefangenen die 
politischen Leidenschaften, die die Parteien in der Türkei trennen 
jach Bulgarien brachten, und daß sich unter ihnen zwei feind— 
iche Lager bildeten. Die politische Gehässigkeit kam be— 
onders heftig unter den in Berkowitza, Vratza, Tschirpan und 
Zofia internierten türkischen Kriegsgefangenen zum Ausdruck 
In Sofia ließ fich Oberst Schewik, der Adjutant des Komman— 
danten des Adrianopler Ostsektors zu Tätlichkeiten gegen 
einen früheren Vorgesetzen hinreißen, der bei einer 
politischen Auseinandersetzung eine entgegengesetzte Meinung 
ãäuhßerte. Aus allen diesen Gründen mußte die bulgarische Re— 
gierung die türkischen Kriegsgefangenen in ihren Ubikationen 
konsignieren und unter Bewachung setzen. Eine ziemliche Anzahl 
der kürkischen Kriegsgefangenen wurde von den in Nordbulgarien 
eingedrungenen rumänischen Truppen in Freiheit gesetzt. 
3. 
—J 
Deutsches Reich. 
Die Heimreise des Kaisers. Die „Hohenzollern“ mit dem 
Kaiser an Bord, begleitet von dem Depeschenboot „Sleipner“ 
und einem Kreuzer, passierte Dienstag abend gegen 6 Uhr 
Kopenhagen. Die Forts von Kopenhagen feuerten Salut. Um 
754 Uhr passierte die Kaiserjacht Dragör. Der Kaiser arbeitete 
jormittags allein und nahm den Vortrag des Gesandten von 
Treutler entgegen. Die „Hohenzollern“ traf nach guter Fahrt 
abends gegen 11 Uhr vor Saunitz ein. 
Ein Besuch des Kaisers in Oesterreich? Neuerdings tauchen 
vieder Gerüchte von Kaiserbesuchen beim österreichischunga⸗ 
rischen Thronfolger in Edardsau und auch beim Kaiser Franz 
Josef in Schönbrunn auf. Nach dem B. L.A. werden diese 
Nachrichten weder bestätigt, noch in Abrede ge 
tellIt, doch würden solche Besuche doch nur in Verbindung mir 
einer Korfureise des Kaisers stattfinden, im Falle die Ent—⸗ 
vickelung der politischen Lage eine solche Reise noch im Spät⸗ 
herbst gestatten sollte 
⏑⏑—⏑⸗ 
system wendet, tritt die Gesellschaft in die eigentlichen Ver⸗ 
jandlungen ein, die bei der Vielseitigkeit des Stoffes mehrere 
Tage in Anspruch nehmen werden. Natürlich spielt bei den 
demonstrationen der Kinematograph eine große Rolle. So 
eigt Dr. Otto Deodatus Tauern-Freiburg einen 8000 m 
angen Film, den er in vier verschiedenen Gegenden Ost— 
ndiens aufgenommen hat. Besser, eindringlicher und unter⸗ 
„altsamer, als Worte es können, rollt sich das Volksleben 
jor den Augen der Zuschauer ab. Man sieht wirklich all die 
hebräuche, von denen man irgend wo schon einmal gelesen hat 
„ie Handwerksübung, die Tänze und Orchestervorführungen 
trankenheilungen, Geisterbeschwörungen uU. v. a. m. Zum 
weiten Male ergreift dann Prof. v. Luschan das Wort zu 
inem weitausholenden, äußerst interessanten Vortrage über dice 
ünstliche Verunstaltung des menschlichen Körpers. Der Redner 
erfolgt jene nicht nur den primitiven, sondern auch den 
rultivierten Völkern eigentümliche Sitte, durch Schminken und 
Bemalen, durch Deformierung des Skelettes dem Körper ein 
mderes Aussehen zu geben. Die Araber und alten Aegypter 
zemalen ihr Antlitz, die Botokunen treiben sich Pflöcke in die 
Lippe, die Chinesen verkrüppeln die Füße ihrer Frauen, wäh— 
rend die europäischen Frauen — und im Süden des Erdteils 
auch mehr und mehr die Männer — den Brustkorb durch 
Korsetts schnũren. 
DT. 800 000 Frs. für ein Gemälde. Das berühmt« 
„Tryptichon des Herzogs von Westminster“ von dem Maler 
koger v. d. Weyden ist vom Louvre in Paris für 800 000 Frs 
angetauft worden. Lady Guest, die Besitzerin des Gemäldes 
eine Tochter und Erbin des Herzogs von Westminster, hatte be— 
reits vor einiger Zeit den geplanten Verkauf des Kunstwerkes 
angekündigt. Da das Loubremuseum erst zwei kleine BVilder 
oon v. d. Wenden besitzt, schlug der Museumsausschuß den 
Ankauf des Bildes vor, der dann durch den Unterstaais!ekretär 
der schönen Künste, Bérard, erfolgte. 800 000 Frs. lind die 
öochste Summe, die das Louvre je für ein Bild gezahlt hat 
das Tryptichon ist ein dreiteiliges Gemälde, dessen Mittelbild 
shristus mit der heiligen Jungfrau und den Evangelisten 
Johannes zeigt. Auf dem rechten Flügel befindet jich Maria 
Magdalena, auf dem linken Johannes der Täufer. 
DYPH. Preieaor Lichtwark bedenklich erkranktt. Der bekannte 
direktor der Hamburger Kunsthalle, Prof. Lichtwark, ut schwer 
rkrankt. Er hat sich vor einigen Tagen einer Magenopecation 
interziehen müssen, die auch glücklich verlief. Jetzt hat sich der 
Kranke, der sich bereits auf doe Wege der Besserung befand, 
eine Lungenentzündung hinzugezogen, die den Zustand des be— 
reits Einundsechzigiährigen hesorgniserregend erscheinen läßt. 
Tas Saupttarifamt sür das Baugewerbe. Far die Behand 
ung von Streitigkeiten sieht der Reichstarifvertrag für da⸗ 
deutiche Baugewerbe neben den Tarifämtern ein Saupi 
tarifamt vor. Es setzt sich zusammen aus je einem Ver— 
treter der am Hauptvertrag beteiligten Arbeiterverbände und 
der gleichen Anzahl Vertreter des Arbeitgeberbundes, sow 
aus drei Unparteiischen. Die Vertreter der Vertragsparteien 
haben sich inzwischen dahin verständigt, daß Beigeordueter 
Rath Essen), Magistratsrat v. Schulz Gerlin) und Ge 
werbegerichtsdirektor Dr. Prenner (Munchen) als Unparteiisch 
im Haupttarifamte wirken möchten. Die drei Herren haber 
das Amt angenommen, als vierter ständiger Stellvertreter is 
sewerberichter Dr. HSiller (Frankfurt a. M.) gewählt wor⸗ 
den. Die Zahl der Tarifämter bleibt den Vertragsparteien 
in den Bezirken und Lohngebieten vorbehalten. Inzwischen 
hat die erste Sitzung des Haupttarifamtes bereits sta'tgefunden. 
Sie hat sich lediglich mit der Abfassung einer Geschäftsord— 
iung beschäftigt. Diese bestimmt in den wichtigsten Punkten 
solgendes: Das Haupttarifamt tagt nach Bedürfnis. Die 
Zentralorganisationen ernennen ihre Vertreter und sür jeden 
Vertreter zwei Stellvertreter. Für die Verhandlungen des 
daupttarifamtes werden besondere Akten geführt, die durch 
den geschäftsführenden Unparteiischen beim Gewerbegericht Ber— 
in aufbewahrt werden. Das Recht der Berufung an das 
zaupttarifamt haben nur die Vertragsträger, Orts⸗ und 
Bezirksverbände. In besonderen Fällen, insbesondere bei 
grundsätzlichen Angelegenheiten, sind die Bezirks- und Zentral— 
»rganisationen zu Anträgen berechtigt. Alle An'‘räge und Be 
zufungen werden durch die Zentralorganisationen eingereicht 
Die Unparteiischen haben das Recht, auch ihrerseits grund 
ätzliche Angelegenheiten zur Verhandlung auf die Tagesord 
nung zu setzen. Berufungen gegen Entscheidungen der Tarif 
imter sind beim Gewerbegericht Berlin zu Händen des ge 
chäftsslührenden Unparte' ischen des Haupttarifamtes durch die 
zentralorganisationen einzulegen. Die Parteien werden zu 
Berhandlung nur zugezogen, wenn es das Haupttarifamt oder 
„ie Unparteiischen beschließen. Die Kosten des Haupttarifamte: 
verden von den Arbeitgeber- und Arbeitnehmer-Zentralver— 
zänden je zur Hälfte getragen. Ueber die Verteilung der Häifte 
zer Arbeitnehmer haben die drei Arbeitnehmer-Zentralverbänd 
ich zu einigen. Die Zentralverbände zahlen für die Deckung 
aller Kosten des Haupttarifamtes an dessen Kassenverwaltung 
bei dem Gewerbegericht Berlin einen Vorschuß, der stets in 
Höhe von 1000 Muvorhanden sein muß. 
Das Kanalprojelt Leipzig —Berlin wird seit einiger Zeil 
in der Presse erneut propagiert, offensichtlich auf Einflüsse hin, 
die sich aus den zunächst interessierten Städten geltend machen 
ohne indessen neue Gründe vorzubringen. Ueber die Stellung 
nahme der Regierungen zu diesem Plane schreibt man: Selbst 
verständlich sind die in Betracht kommenden Regierungen be— 
reit, das Projekt einer Kanalverbindung Leipzig-Berlin, das 
den Anschluß an den Großschiffahrtsweg Berlin-Stettin geben 
würde, einer Prüfung zu unterziehen. Für die preußische Regie— 
rung und vermutlich auch für die sächfische wird aber der 
springende Punkt bei der Beurteilung der Frage der 
Nachweis der Wirtschaftlichkeit des Unterneh— 
mens auf Grund genauer Berechn ung der Kosten sein. Allem 
Anschein nach wird es den Interessenten, die eine eingehende 
Darlegung des Proiektes den zustindigen Regierungen vorlegen 
wollen, sehr schwer werden, den Nachweis der Rentabilität bei 
dieser neuen Kanalverbindung zu sühren. Daüͤeser Punkt ist aber 
der ausschlaggebende für eine Förderung der Angelegenheit 
zurch Beteiligung des Staates an den Kosten. Man steht 
deshalb dem Unternehmen, soweit eine Förderung durch staat— 
liche Mittel in Betracht kommt, recht skeptischgegen— 
über. Abgesehen hiervon sind auch Erwägungen anderer Art 
u berücksichtigen. Vor allem ist darauf hinzuweisen, daß das 
Projett des Elster-Saale-Kanalsbereitsvorliegt, 
das bekanntlich mit dem Schiffahrtsabgaben— 
resetz zusammenhängt, in dem sich die preußische Regie— 
cung bereit erklärt hat, die Saale von der Mündung bis 
Kreypau für Schiffe bis zu 400 Tonnen schiffbar zu machen. An 
diesem Projekt haben beide Regierungen natürlich ein erklärliches 
Interesse, zumal nach den bisherigen Ergebnissen die Renta— 
bilitäͤt der Wasferstraße gesichert sein dürfte. Selbstverständlich 
ist auch erst die Saaleregulierung seitens Preußens vorzu 
nehmen, bevor das Kanalprojekt greifbare Gestalt annehmen 
kann, und das ist erst nach dem Inkrafttreten des Schiffahrts 
abgabengesetzes möglich. Es liegt demnach der Kanalbau auch 
noch in ziemlich weiter Ferne, da die diplomatischen Verhand 
kungen über die Schiffahrtsabgaben noch schweben. 
Ausland. 
England. 
Die Verstaatlichung des Birgwerlswesens in Eng'aund? So— 
wohl in Finanz⸗, wie auch in politischen Kreisen steht jetzt ein 
Hesetzesvorschlag der englischen Arbeiterpartei im Vordergrund 
des allgemeinen Interesses, der nicht mehr und nicht wenigen 
zerlangt, als die Verstaatlichung der Kohlenbergwerke. Dus— 
selbe Problem stößt bekanntlich in dem konservativen Preußen 
auf große Schwierigkeiten und dürfte auch im englischen Unter— 
hause kaum eine Mehrheit finden. Aus dem großen Programm 
der Arbeiterpartei ist hervorzuheben, daß ein besonderes Mini— 
terium für das Bergwerkswesen eingerichtet werden und den 
taatlichen Arbeitern das Koalitions- und Streilricht bewilligt 
werden soll. 
Die Untertunnelung dis Kanals. Ministerpräsident Asquith 
hat eine Abordnung von Parlamentariern aus allen im 
Unterhause vertretenen Parteien empfangen, die sich für den 
Plan einer Untertunnelung des Kanals aussprachen. 
Nachdem er auf den Widerstand hingewiesen hatte, den bisher 
zie Regierung dem Plane entgegengesetzt habe, gab Asquith zu, 
yaß jetzt neue Gesichtspunkte vorlägen. Das Aussichts⸗ 
hollste und in mancher Beziehung Wichtigste sei die Errichtung 
einer festen unverrückbaren Grundlage in den Beziehungen 
Froßbritanniens zu Frankreich. Die Regierung habe dem 
BSegenstand stets Beachtung geschenkt. Sie würde auch jetzt 
»hne Voreingenommenheit an den Plan herantreten, um ihn 
iner eingehenden Prüfung zu unterwerfen. 
Schandtaten der englischen Stimmrechtswenber. Gestern früh 
vurde von unbekannten Tätern der Versuch gemacht, ein 
Landhaus in Woldingham (Surrey) durch eine Bombe zu 
zerstören. Die Bombe, die in der Nähe der Treppe nieder— 
gelegt war, zerstörte die Treppe und beschädigte die Türen 
ttark. Ein zweiter Anschlag wurde auf ein Haus in Lynston 
(Nort Deven) gemacht, das einen Wert von 12000 Pfund 
Sterling darstellt. Das Haus wurde in Brand gesteckt. Beide 
Anschläge werden Anhängerinnen des Frauenstimmrichts zuge 
schrieben. 
Frankreich. 
Die Ohnmacht Frankreichs, den Anforderungen setres un 
natürlichen kolonialen Ehrgeizes mit eißenen Kräfien
	        
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