Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

n zulässig. Um aber Unzutrüngtichtenen zu vermeiden, 
derartige Verträge überhaupt verbieten. Der Unter⸗ 
eicht der Mädchen namentlich in den oberen Nlassen, sollte 
dehrerinnen obliegen. 
Abg. Dr. v. Campe (nl.): Die Ausführung des Lehrerr 
zefolbdungsgesetze z ist als eine durchaus loyale, vielleicht 
iberale zu bezeichnen. Hinfichtlich der Mietsentschädigung 
st eine gleichmäßigere Ausgestaltung des Tarifs erwünscht. Die Ver⸗ 
ügung über die Rektoren, wonach in allen Fällen, wo eine sechs⸗ 
lassige Schule, vorhanden ist, ein Rektor angestellt werden soll, muß 
ibergll durchgeführt werden. Das Recht, die Lehrer zu wählen, darf 
ben Gemeinden nicht verkümmert werden. Von den niederen Küster⸗ 
ziensten müssen die Lehrer besreit werden. Der Lehrermangel ist noch 
ucht beseitigt. Das ergibt sich aus der großen Ueberfüllung vieler 
inklassiger Schulen auf dem Lande. Dem Antrag auf Vermokrung 
der Seminaroberlehrer stimmen wir zu—. 
Abg. Frht. v. Zedlitz (ft.): Der Lehrermangel ist in er—⸗ 
reulichein Rückgang begrifsen, weunn er auch in manchen Landes- 
eilen noch nicht beseitigt ist. Deshalb werden wir in der Vermehrung 
unserer Lehrerbildungsanstalten fortfahren müssen. Fur Universitäts⸗ 
dildung sollen einzelne befähigte Lebhrer zugelassen werden. Was die 
Amtszulagen für die Rettoren beirilsi. so wird sich die Regierung 
iner Einwirkung auf die Gemeinden enthalten. Bei den Altpensio⸗ 
adxen sollte man die schlimmsten Härten bei der Pensionsbemessung 
zusgleichen. Die Umzugs- und Reisekosien für die Lehrer sind völlig 
mzureichend. Wir werden den in der Kommissson vom Zentrum ge⸗ 
tellten Antrag ablehnen, wonach auch bei vermehrter Einführung der 
Reltoren an Volksschulen der Einfsuß der Kirche auf die Schule 
cherzustellen ist. Bei einer Vermehrung der Turnstunden darf der 
interticht im Deutschen nicht gekürzi werden. 
Hierauf wird die Weiterberatung auf abends 784 Uhr vertagt. 
Schluß nach 4 Uhr. 
— — 
Abenbsitzung. 
16. Sitzung. 
Am Ministertisch: v. Trott zu Solz. 
G ¶ brustdent Dr. Krause eröffnet die Sitzung um 7 Uhr 
Min. 
Die Beratung des Kultusetats wird beim Kapitel Ele⸗ 
mentarunterrichtswesen forigefeßzt. 
Kultusminister v. Trott zu Sulz dankt für die dem Volls⸗ 
schulwesen gezollte Anerkennung. Wenn die Schulverhälimffe 
ich auch im ganzen günstig entwickelt hättein, so miffe man doch 
auf ihre weitere Entwicklung bedacht sein. Vor allem müffe der 
Lehrermangel beseitigt werden Vie verechtigten Wunsche der 
Lehrer sollten berücksichtigt werden. Insbesondere werde man sich 
die Ausgestaltung der Seminare angelegen sein Jdafsen müssen. 
Die Forderung, einen zweiten Oberlehrer an den Seminarien an⸗ 
ustellen, werde geprüft werden. Zur Fortbildung der Lehrer 
olle außer den bereits bestehenden Kursen in Beruin und Pofen 
n den nächsten Etat noch Mittel für einen dritten Kursus einge⸗ 
tellt werden. Mit der Gehaltsregulierung könnten die Lebrer 
ufrieden sein. Gewisse Verschiedenheiten und Ungleichheiten 
eien in den örtlichen Verhältnissen begründet. Bei den Riets 
ntschädigungen solle möglichst eine Gleichheit in den benachbar⸗ 
en Provinzen hervorgerufen werden. Für die Altpenfionäre 
cien 300 000 A in den Eiat mehr eingestellt worden, sodaß fie 
twa 30 vH. der Pension mehr beziehen würden. Vie Lehrer 
önnten überzeugt sein, daß sie bei ihren berechtigten Wünscheu 
and Beschwerden die Vorgesetzten auf ihrer Seile hätten. (Seb⸗ 
hafter Beifall.) 
Abo. Dr. Schepp (Fortsche. Vpy) erklärt: Den Lehrern 
nüsse mehr Gelegenheit zur Fortbildung gegeben werden. 
Darum sollten ihnen die Universitäten nicht verschlossen werden. 
Durch die Einführung der dritten Turnstunde dürfe der Unter— 
icht im Deutschen nicht beeinträchtigt werden. Ein Aufsichtsrecht 
er KHeistlichen über die Volksschule erkenne er nicht an. Gesell— 
chaftlich würden die Lehrer nicht so eingeschätzt, wie es ihrer 
Stellung entspreche. Das zeige sich besonders bei der Bemessung 
der Reisekosten. Durch die Aufhebung der Vorschulen würde der 
oziale Klassengegensatz gemildert werden. Es sei ig zu hoffen, 
daß die Altpensionäre in die Lage versetzt würden, sich in Zukunft 
nicht mehr als Stiefkinder zu fühlen. 
Abg. Stychel (Pole): Durch die Ostmarkenzulage werden die 
Lehrer demoralisiert. Unsere Muttersprache wird in den Volks— 
chulen unterdrückt. Vor allem verlangen wir, daß wenigstens der 
Religionsunterricht an polnische Kinder in der Muttersprache er⸗ 
eilt wird. 
Ministerialdirektor Dr. Schwargkopff: Wir werden an der 
Erteilung des Unterrichts in den gemischtsprachigen Landesteilen 
tichts ändern. Wir haben bis 1872 die volnische Sprache in den 
holksschulen gehabt und die Folge war, daß die polnischen Kinder 
ie deutsche Sprache nicht lernten. Wir werden an dem jetzigen 
System der einheitlichen Unterrichtssprache, die nur die deutsche 
ein Jann, festhalten. Es ist nicht richtig, daß der polnische Teil 
der Provinz Posen schlechter behandelt wird als der evangelisve. 
Wir sind bestrebt, die katholischen Schulstellen in der Vrovinz zu 
»ermehren. Von einer Protestantisierung kann keine Rede fein. 
Abg. Hirsch (Soz.): Wir haben gegen den Religionsunterricht 
zichts einzuwenden, aber er sollte Privatfache sein und gehört 
nicht in die Volksschule. Nach unserer Auffassung soll der Re— 
igivnsunterricht eine Moral- und Sittenlehre sein. Ihnen (nach 
rechts) dient er aber zur Verdummung der Maffen. 
Geheimrat v. Bremen: Die Unterrichtsverwaltung hat ganz 
außerordentliche Aujwendungen für die Schulen gemacht, die ñch 
von Jahr zu Jahr gesteigert haben. Auf das Gebiet der Schlag— 
vworte will ich dem Vorredner nicht solgen. Die Erleilung des 
Religionsunterrichts an Dissidententinder ist nicht verfassungs⸗ 
vidrig, sondern entspricht dem Geseh. 
Um 1124 Uhr vertagt sich das Haus. 
Nächste Sitzung Sonnabend 11 Uhr: Fortsetzung der heutigen 
Beratung und Waählprüfungen. 
Prinzregent Luitpold und die Runst. 
Prinzregent Luitpold hat aus Anlaß der Feier seines 90. Ge⸗— 
burtstags wieder ein bedeutsames 3138 für das bie ree 
gegeben, das er den schönen Künsten sein Leben lang enigegengebracht 
hat. Er hat mit cinem Kapital von 100 000 A eine Kunstlerstiftung 
rrichtet im „Gefühl der Anerkennung und des Dankes“, in inniget 
Zuneigung zu der gesamten Künstlerschaft, deren unermüdlicher, auf— 
värtsstrebender Schaffenskraft unser uebes Bayern, seine Haupt- 
tadt und sein Königshaus e viel zu danken haben.“ Prinz Luit— 
old ist sich von Anbeginn seines Wirkens an den hohen kuͤnstleri⸗ 
chen Traditionen des Witielsbachischen Haufes bewiht geween die 
ortzuführen er berufen war. Schon ehe er als Landeshert der be— 
ufene Proteltor der schöͤnen Künsie wurde, war er längst zu Muͤn— 
hens hervorragenden Künstlern in enge Veziehungen detreten. Dieses 
imige Verwachsensein mit der Welt des Schoͤnen, dieses wor Ver⸗ 
tändnis für die Bedeutung der künfilerischen Faltoren in der Kultur 
jaben ihn zu einem echten Mäzen und Kunsisörderer werden lassen, 
»em die alte Kunststadt München und die anderen schönen Stadte 
eines Reiches einen neuen Aufschwung verdanden, der die schoͤpferi— 
chen Kräfte oun Zeit i jede Einseitigleit und Voreingenom—⸗ 
nenheit unterstützte und sich entfalten . der soeben erschiene⸗ 
nen, dem Prinzregenten gewidmeten Festschrift des Grafen Dumou— 
iu⸗Eckart nehmen daher auch seine Veziehungen zur Kunst einen 
wichtigen Platz ein. 
In der echt künstlerischen Atmosphare seiner Vaterstadt ist der 
Prinz aufgewachsen, hat seinen Blick geschärft und tief hinein geblickt 
n alle Einzelheiten der Entstehung eines Kunstwerks. Maler und 
bildhauer suchte er bei der Urbeit auf; besonderes Interesse hatte er 
guch stets für die Erzgießerei. Noch jetzt fieht man seinen Wagen 
gar oft in den Morgenstunden — denn der Regent ist der Fruͤh⸗ 
zufsteher geblieben, der er stets war — durch die Malerviertel rollen. 
Bo ein Künstler ein neues Werk fertig hat, wo ein Anfänger der 
lufmunterung bedarf, da ist auch Prinz Luitpold zur Stelle, und er 
veiß nicht nur zu helfen und Aufträge zu erteilen, sondern auch gut 
ju raten und im rechten Augenblick zu loben. Ernst und gütig geht 
r auf die Künstler und ihre manchmal bizarren Gedankengänge ein, 
zber damit der Humor auch nicht bei solchen Besuchen ganz die ist 
nicht selten sein vertrauter Leibjäger, der Skell“, in seinem Ge⸗ 
olge, selbst der Eohn eines Malers und nicht unerfahren in der 
dandhabung von Pinsel und Palette, dem sein Herr sogar schon 
inige Bilder abgekauft hat. Ihn fragt der Regent dann wohl bei der 
zetrachtung eines Gemäldes, wie es ihm gefalle, und Skell gibt in 
einer biederen Weise sein Urteil ab. Solche Atelierbesuche liebt der 
Brinz bereits re bevor er die Regentschaft antrat. Damals stand 
r mit den Künstlern in engem freundschaftlichem Verkehr, während 
hm später doch seine mit Regierungsgeschäften überlastete Zeit 
aanche Schranken auferlegt hat. Allwöchentlich erschien er früher in 
em alten Bürgermeistergarten, einem längst dahingeschwundenen 
ztück von Altmünchen, quf der Künstlerkegelbahn. Als dann die 
kegelgesellschaft in ihr neues Lokal, den Seidlgarten, übersiedelte, 
lieb er bis zum Jahre 1886 ein häufiger Gast, und noch heute be— 
vahrt er diesem gemuͤtlichen Kreise das alte Interesse. So mancher 
veiß von den schönen Stunden auf der „Schwabenburg“ zu er— 
ählen. Bei den Künstlerfesten war Prinz Luitpold ebenfalls stets 
»abei; wie wurde er bei den Veranstaltungen der Allotria bejubelt, 
venn er erschien und Freude und Gemütlichkeit mit ihm einzog. 
„„Diese rege Anteilnahme an Müuchens künstlexischem Leben, 
ieses stille Wirken für Münchens Knnst fanden ihren schönsten 
lusdruck in der großartigen Huldigung, die die gesamte Künstler— 
haft zu Beginn des Zahres 1887 dem Regenten darbrachte. Es 
jar ein unvergeßliches Bild, wie aus dem Meer der vielen tausend 
jackeln der gewaltige Triumphwagen emporragte und die Königs⸗ 
imne in mächtigem Anschwellen über den Residenzplatz dahin⸗ 
lutete. Was der Prinz begonnen und versprochen, das hielt dann 
er Handesherr in vollem Maße. Mit seinem Takt wußte er 
tets über den Varteien zu stehen und versagte sein Interesse nicht 
en emporringenden Mächten. In seine Zeit fiel ija die große 
devolution der Malerei, sene Scheidung der Geister im Kampf 
im die Schsnheit. Der Prinzregent bewahrte den alten Freun— 
en seine Gunst, aber auch die neuen Männer, die jungen und 
aodernen, fanden in ihm einen nie engherzigen Beschützer. Der 
zezession, die gegen die von Lenbach geführte Künstlergenossen— 
haft auftrat, überließ er aus eigener Initiative das Ausstellungs— 
ebäude auf dem Königsplas. Der nach ihm benannten Luitpold⸗ 
ruppe, der „Scholle“ nahm er sich an. Unter seiner persönlichen 
interstützung erhob sich das Künstlerhaus, das einen Mittelpunkt 
äünstlerischer Festfreude bildete. Vor allem aber gelang es ihm, 
me Kunstkommüssion ins Leben au rufen, die einen segensreichen 
influß auf die stilgemäße Weiterentwicklung Münchens ge—⸗— 
vonnen hat. Zahlreiche Bauten und Denlkmäler sind unter der 
legide des Prinzregenten entstanden, die einen ganz bestimmten 
harakter tragen und erlauben, von einer Aera Luitpolds in der 
lusbildung der modernen Kunst zu sprechen. 
Wohl kaum einem anderen Fürsten sind zu seinen Lebzeiten 
o viel Standbilder errichtet worden wie dem Regenten in Mün— 
hen und anderswärts. Seine Schlichtheit sträubte sich oft dagegen. 
zo setzte er z. B. durch, daß ein zu seinen Ehren in Würzburg 
crichtetes Monument nicht mit seiner Statue, sondern mit der 
jigur der Franconia, des Genius des Würzburger Landes, be—⸗ 
rönt wurde. Durch seine eigene Vorliebe für schöne Bauten und 
denkmäler war überall in den Städten ein edler Wetteifer ent— 
anden, der schöne Früchte getragen hat. Hoch verdient hat sich 
Zrinz Luitpold um das Ausstellungswesen gemacht, denn die Be— 
eutung solcher Kunstübersichten hat er früh erkannt, und so ist 
enn seit den beiden großen Ausstellungen des Jahres 1888, der 
eutschen Kunstgewerbe-Ausstellung und der großen internatio— 
alen Kunstausstellung, München mit seinen Ausstellungen stets 
in erster Stelle gewesen. Ein gut Teil moderner Kunstgeschichte 
at der Prinzregent so miterlebt; mehrere Generativnen von 
Ralern sind ihm befreundet gewesen, von Piloty und Lenbach bis 
u Stuck und Zügel. Zu seinem engsten Kreise gehört der Reichs— 
at und Bildhauer Ferdinand v. Miller, der in einem schönen 
enkmal zu Berchtesgaden Luitpold als ritterlichen Jäger darge⸗ 
ellt hat; zu seinen Intimen gehörten auch der Bildhauer Wil—⸗ 
elm v. Rümann und der Maler Ludwig v. Löfftz. Auch De— 
reager, Friedrich August v. Kaulbach und Adolf Hildebrand steht 
rnahe; die Maler Roubeaud und Wopfner sind seine Jagdge⸗ 
ahrten. Besondere Vorliebe hat der Prinzregent als leidenschaft⸗ 
icher Jäger für das Tierbild, das unter seiner Regentschaft durch 
ꝛeinrich Zügel eine so hohe Vollendung erhalten hat. All diese 
zmpathien spiegelt seine schöne Privat-Gemaldegalerie wider, 
e guch die reiche Sammlung von Bildern umschließt, die ihm 
ie Münchener Künstler zum 70. Geburtstag überreichten. 
Jus der Gelchichte der Fremdenlegion. 
Die Exrörterungen über die frauzösische Fremdenlegion im 
teichsstag, die in Frankreich großes Aufsehen erregt haben, geben 
em, GBeneral Zurlinden Veranlassung in den Ännales 
ie Geschichte dieser Truppe zu erzählen. Die Fremdenlegion 
vurde unter der Regierung Louis Philippes durch ein Gesetz vom 
März 181 geschaffen zur Verwendung „außerhalb des konti— 
ientalen Gebiets des Königreichs“. Die Legion leistete sogleich 
n der neuen Kolonie Algerien die besten Dienste; ein Geist ehr— 
eizigen Wetteifers herrschte unter den Bataillonen, von denen 
edes aus Angehörigen einer bestimmten Nation zusammengesetzt 
var. 1832 nahmen zwei dieser Bataillone, das polnische und das 
alienische, an der verhängnisvollen Erpedition, von Macta 
vährend des Krieges mit Abd-el-Kader teil, wobei von 2500 
euten 1000 umkamen. Bald darauf wurde die Fremdenlegion 
qzu ausersehen, in die inneren Wirren einzugreifen, die damals 
»Ppanien zerwühlten. In den Kämpfen, die die Karlisten mit den 
nhängern Der Konstikution ausfochten, stand Frankreiche, auf 
eiten der Regierung, wollte aber nicht offiziell eingreifen, son⸗ 
ern schickte den Konstitutionalisten die, Fremdenlegion zu Hilfe, 
ie im August 1835 in Taragona landete und in zahlreichen 
dämpfen sich außerördentlich bewährte. Ihr Führer war der 
zeneral Bernelle, dessen Frau, eine feurige Rmazone, in der 
degion eine bedeutende Rolle spielte und die Herzen zu Kampfes 
nut und Begeisterung entflammte. Unter den OÖffizieren befand 
ich der spätere Marschall Bazaine, der erst als Leutnant und dann 
Is Kapitän diente. Vervollständigt wurde die Legion in diefen 
panischen Kümpfen durch zwei Schwodronen pornscher Kanren, 
eiter und eine Batterie Artillerie. Wie die spamischen Offiziere 
nerkannten, „beseelte ein Gedanke die Herzen der Legionare: 
zmpfen!“; wenn diejenige Truppe die tapferfte ist, die die meisien 
dtreiter verliert, dann war es in Spansen, wie auch in anderen 
lämpfen die Legion; aber auch die Descriionsmanie riß Lücken 
u ihre Reihen, sodaß sich in der darsistischen Ärmee aus diefen 
leberläufern ein Bataillon bilden konnte 
„I839 wurde die frauzösische Legion in Spanien zerstreut; ihre 
trümmer sammelten sih in Fraukreich. Ende Dezember' 1835 
ber war durch ein Dekret Lonis Philipphes die Begrundung einer 
jeuen Fremdenlegion in Algier angeordnet worden. Sie bestand 
uerst aus awei Bataillonen, und seit 1840 ans zwei Regimentern. 
hre ruhmreichste Zeit hatie sie unter dem General de Reqgrier, 
er von den Legionären begeistert verehrt wurde und noch deute 
ihren Liedern fortlebt. Sie zeichnete fich bei den meisten 
xpeditionen in Algier aus, und der Geist dieser Truppe war 
tets der einer todesmutigen Tapferkeit, freilich auch mancher 
indisziplin und Verrottung. In dem monotonen, füllen Lebeu 
er Garnison wird der Legionär leicht in eine dumpfe Melancholie 
ortgerissen und läßzt sich zu Ausschweifungen und Lafiern aller 
irt verleiten. Im Felde dagegen ift er immer tätig, diszipliniert, 
ereit, alle Anstrenaungen zu ertragen, alie Opfer zu vbringen. Er 
at sein Vaterland, seine Familie, seine Freunde verlafsen. nicht 
elten bewahrt er in seinem Innern das Geheimnmis eines ver— 
angenen mysteriösen Dramas, er hat in der Tegion Verzeihung 
ür seine Schuld, Vergessen feiner Schmerzen gesucht, er verachtet 
eshalb alle Mühsal und sehnt sich nach der Gefahr. Die Pfycho— 
ogie des Fremdenlegionärs ist wie Gaston Jollivet darleat, ge—⸗ 
pöhnlich die eines Verzweifelten. Dunkle Schatten des Ver— 
rechens und der, Schmach legen sich geheimnisvoll um viele von 
men: man munkelt allerlei von ihrem Vorleben, aber man weiß 
ichts. Auch bei der Aufnahme wird hier nicht nach „Nam und 
brt“ gefragt; der diensthabende Kapitän hat die Verpflichtung, 
icht neugierig zu sein; nur nach dem Alier hat er zu fragen, 
enn 40 Jahre e das Reglement als Grenze des aufnahme⸗ 
ihigen Alters „Ich bin 80 Jahre“, fagt, ohne mit der Wimper 
u zucken, ein Mann mit faltigem Gesicht und grauem Bart, und 
hne mit der Wimper zu zucken, schreibt der Beamte ein: 30 
Deer obwohl er dem Rekruten die do Jahre und mehr wohl an⸗ 
eht. 
Woher kommen die Legionaͤre? Ueberall her. Sehr wenige aus 
england, einige aus Italien, die meisten aus dem Elsaß aus 
eutschland und der deuischen Schweiz. Wer die Tapfersten sind, ist 
hwer zu sagen, Alle sind es, denn das Leben hat für e — 
iehr, und dle Legion ist gFuür sie die erste Stufe zum Selbstmord, zu 
nem Selbstmord ohne Lärm und ohne Schreiberei. Aus wolchen 
Zeseilschaftsklassen stümmen sie? Ebenfalls aus allen. Lille Schichten 
es sozialen Lebens 3 in einem Regiment der Fremdenlegion ver— 
reten, und ein Oberst der Legion hat einmal erzählt, daß sich z. B. 
inter seinen Untergebenen befanden: ein Polizeikommissar, den 
ein Beruf angeekelt, ein Rihilist, der 9 vor der Rache seiner Ge⸗ 
zefährten rettete, ein enn Gelehrker und Lteratur-Professor 
sus Kairo, und ein Negerkönig. Einer der internalionalen Polizei— 
eamten, die periodisch in der Fremdenlegion nach schweren Ber— 
rechern suchen, traf einmal dabes auf einen einfachen Soldaten, bei 
essen Anblick er sich mit dem höchsten Staunen tief verneigte. Der 
mdere wurde rot und legte wortlos den Finger au den Mund, um 
icht verraten zu werden Miit einer neuen nefen Verbeugung mur— 
ielte der Beamte: Verzeihung, Hoheit!“ Die Gründe, die der 
fremdenleglon ihre Opfer zuͤführen, sind zahlreich und dennoch fast 
nmer dieselben: die Liebe, noch öfter das Spiel. Unter hundert 
zoldaten einet Kompagnie sind häufig nicht weniger als 12 ehemalige 
figere aller Armeen der Welt; es gibt auch manche franzöüsche 
ffiziere darunter, die ein besonders schweres Los haben, weil fie 
zren früheren Kameraden wieder begegnen. Waterland, Familie, 
zreunde haben diese Menschen verlassen; ihr Vaterland ist die Le⸗ 
sion ihr einziger Freund nicht selten ihr Leutnant vder Vorgesetz- 
er Sie sind abgestumpft egen jeden Ehrgeiz und jede Hofsirung. 
Jas sie vor allem fliehen, ie neeient auf das Avance⸗ 
ient verzichten sie, weil ge als Leutnant ihren wahren Namen nen— 
en mussen. Dies liat z. B. ein Deutscher, der sich Walter nanmnte und 
ch fo außerordentlich hervortat, daß er bald Feldwebel wurde. Er 
»eigerte sich, das Leutnantspatent anzunehmen. „Ich muß dabei 
seinen Namen nennen, der nicht Walter ist. und diesen Namen soll 
niemand auf der Welt wissen außer mir ...“ 
Die Toilette der Blumen. 
Man hat die Kinder z5loras, die sich jetzt mit dem Beginn des 
drühlinas wieder zum Erscheinen in all ihrer Pracht rüsten, so oft 
nit schönen Frauen verglichen. Man kann diesen Vergleich noch 
Heiter nussdehnen und fagen, daß die Toilette der Blumen ein 
cht minder kompliziertes und langwieriges Geschäft ist als die 
mer Dame, die sich mit allen Waffen der Koketterie und Ver⸗ 
ührung schmückt. In einer Plauderei des Pariser Cosmos führt 
58A. Blanchon eine solche Parallele durch und gewährt uns 
jnen Eürblick in die Geheimnisse eines Toilettentisches für 
Jlümen, der nicht minder merkwürdige und vielgestaltige In⸗ 
rumente enthaͤlt als der Ankleideraum einer eleganten Mondäne. 
Die Toileite der Blumen hat ganz dieselben Zwecke wie die 
er Frauen; sie will kleine Unpollkommenheiten der Ratur, ver⸗ 
ergen, Jugend und Leben verlängern, und sie verfährt dabei 
erade so e eine Frau, die ihre ersten grauen Hare entfernt und 
as Gesicht pudert. Die Werkzenge, deren sich der Blumen⸗ 
erschonerer bei seinen verschiedenen Manipulationen bedient, be— 
sehen in feinen Scheren von allen Formen und Gröhßzen, in 
leinen Pinzetten, Brenneisen und einem ganzen Lager von Pin⸗ 
elu. Burften. Fläschchen usw. Ein Korb von Rosenknospen ist 
ben frisch gepfückt worden, und in der zarten, duftigen Pracht 
ibt es einige Bliten, die nicht ganz so sind wie sie sein sollen. 
in einziges schlecht entwickeltes oder herabhängendes Blumen-⸗ 
latt Tann die entzückende Harmonie einer sonst vollkommenen 
mospe zerstören. Mit einer zierlichen Zange fährt der Operateur 
asch über jede Blume, bringt die Blumenblätter in die richtige 
age And entfernt die schlechten. Dann erscheinen die also Pe— 
andellen Blüten ganz fo febhlerlos wie ihre Gefährten. Bei 
kelts ist es wichtig, daß die Knospen ihre Form behalten und 
icht welkten; jede von ihnen muß also getrennt behandelt werden. 
Rögalichst nahe der Stelle, wo die Blüte auf dem Stengel aufsitzt, 
erden seine Drähte eingeführt, die durch die Mitte der Kuospe 
ehen und die Blümenblätter zusammenhalten. Für die Toilette 
er Ehrysanthemen ist eine Verschönerung durch das Brenneisen 
nnõten. ganz so wie bei einer elegauten Damenfrisur, damit die 
zlaler recht elegante und bizarre Krümmungen erbalten. Manche 
er schönsten Blumen haben sehr schwache Stengel, sodaß sie in 
er dekorativen Gesamtwirkung nicht immer ihren Platz kraftvoll 
ind sicher genug ausfüllen; die Schwäche dieser zarten Wesen 
vird also durch Drahtgestelle unterfstützt, die aber mit so viel 
dunst augebracht sein müssen, daß sie höchstens dem scharfen Auge 
cs Kenners sichtbar sind. 
Aber nicht nur der Natur muß nachgeholfen werden, indem 
man ihre zufälligen Fehler gutmacht, sondern der Blumen— 
zerschönerer ist auch bestrebt, das unvermeidliche Schicksal, das 
iach ewigem Naturgesetz alles Lebendige erwartet, aufzuhalten. 
Blumen, die nicht selten einen sehr hohen Wert darstellen, sollen 
o lange als möglich ihre Frische und ihren Glanz bewahren. So 
ibt es denn bei der Toilette der Kinder Floras Metboden, die 
as Reifen und Welken der Blume hemmen und die Blätter vor 
em Abfallen schützen sollen. Wenn die Befruchtung stattgefun— 
nen hat, daun ist das Ende der Blume nabe herangekommen, sie 
velkt und vergeht. Durch die Verhinderung der Besruchtunig kann 
das Leben der Blume verlängert werden. Zu diesem Behnf ge⸗ 
rügt es, die Staubbeutel abzuschneiden, um das Ausstrenen der 
Pollen zu verhindern,. Das geschieht ganz leicht mit Hilfe von 
einen Scheren, die in das Herz der Blumenkrone sahren. Wanche 
Zlumen,. wie z. B. die Azaleen, Rhododendren, Pelargonien, ein⸗— 
achen Dahlien, verlieren ihre Blumenblätter und Kronen schon, 
evor sie zu welken beginnen. Das wird dadurch verhindert, daß 
nan die Blumen zusammenklebt, indem ein Tropfen von besonde⸗ 
ꝛem Blumengummi auf den Boden der Krone gelegt wird, sodaß 
er sie an dem Kelch festhält. Betrachtet man eine jener herrlichen 
Azaleen mit ihren Hunderten von Blütenknospen, so kann man 
xmessen, daß es keine leichte und eine recht lanawierige Aufgabe 
st, iede dieser Blüten auf solche Weise zu behandeln. Geschieht es 
ber nicht, so ist es gar bald um den Anblick dieser farbigen Wun⸗ 
erfülle geschehen, und die Blumen zerflattern, verweben ins 
Nichts. Eine Toilettenfrage ist es auch, Blumen, die bereits dem 
Zchicksal des Welkens verfallen zu sein scheinen, neue Frische und 
Jugend einzuhauchen. Die beste Methode besteht darin, sie in 
twa fünf Minuten in sehr warmes Wasser zu legen und, dann 
ine Stunde lang in einem dunklen und kühlen Raum zu lassen. 
dann werden sie mit Wasser besprenat und haben nun wieder den 
ntzückenden Reia unberührter Taufrische. Jedenfalls spielt die 
Dee wie bei der Frau so auch im Blumenleben eine wichtigo 
Rolle. 
Vermischtes. 
Der CEChampion der Weinkenner. In Montlonis im franzö⸗ 
ischen Departement Indre-et-Loire hat vor kurzem der als Wein⸗ 
enner in ganz Frankreich berühmte Auguste Gaucher in voller 
küstigkeit seinen 66. Geburtstag gefeiert. Er, ist, wie die Straß⸗ 
uurger Post nach einer französischen Wochenschrift berichtet, der 
Fhampion der Weinkoster, denn wohl kein Lebender kann sich 
ühmen, so gewaltige Mengen edlen Traubensaftes geprüft und 
zegutachtet zu haben wie der alte Gaucher. Von Jugend an 
vesaß er jene seltene Gabe, die im Weinhandel mit Gold aufge— 
vogen wird und die der Fachmann mit den Worten umschreibt: 
Er hat Zunge“. Bereits als junger Mensch von zwanzig Jah— 
en war seine „Zunge“ unter den französischen Weinbauern und 
sachleuten berühmt, und wo immer über größere Abschlüsse ver— 
andelt wurde, versäumte man nicht, Gaucher als Sachverstän⸗ 
gen laden, damit er nach kurzer Probe seine Diagnöse stelle. 
ö Jahre lang hat Gaucher das Amt eines weithin geachteten 
ind bewunderten Sachverfständigen ausgeübt und getreülich Buch 
eführt über alle Fässer, an denen er eine Probe vorgenommen 
Als er als Fuͤnfundsiebzigjähriger seinen Beruf aufgab 
und sich zur Ruhe setzte, konnte er sich rühmen, nicht weniger 
ils 450 000 Tonnen Wein geprobt und begutachtet zu haben. 
zeiner guten Den unst blieben auch die äußeren Ehren nicht 
ersagt: Man hat den berühmten alten Weinkenner in seinem 
„eimatlande mit Ehren überhäuft; seit 1803 ist er Präsident 
es Kreisrates und Mitglied der Handelskammer, und wo immer 
n Weinangelegenheiten eine Jury oder eine Kommission gebildet 
vird, versäumt man nie, sich der Mitarbeit des alten Gaucher 
u versichern. Gaucher ist dem Traubensafte, der ihm so viel 
duhm und Auszeichnung eingebracht hat, auch dankbar und 
erschmäht heute als Sechsundachtzigjähriger nie einen guten 
ropfen, der vor seiner Zunge bestehen kann
	        
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