Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

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Ausqabe Dienstag, den 7. März 1911. 
Abend⸗Blatt Kr. 121. 
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Hersammlung der Bürgerschaft 
am Montaa, dem 6. März 1911. 
Schluß.) 
Besprechung des Senatsdekrets vomn —6 
2. November 1910, betr. Heranziehung hiesiger 
Privatarchitekten zur Mitarbeit an den städti- 
. schen Bauaufsgaben. 
B.⸗M. Stender: Weil wiederholt Klagen darüber laut 
geworden seien, daß die Baudeputation zu teuer arbeite, sei 
der Wunsch ausgesprochen worden, die Privatarchitekten zu den 
Entwürsen und der Ausführung von Staatsbauten heranzu— 
ziehen. DTer Senat habe dem Folge gegeben und über die 
Heranziehung der Privatarchitekten eine Reihe von Leitsätzen 
aufgestellt. Ob diese allerdings das Richtige träfen, könne 
zweifelhaft sein. Er stehe auf dem Standpunkt, daß es sich 
empfehle, die Architekten zur Ausarbeitung der Entwürfe heran⸗ 
zuziehen, es dagegen unpraktisch lein werde, sie auch mit der 
Ausführung von Staatsbauten zu betrauen, denn dann würden 
die Bauten erst teuer, weil neben dem Architektenhonorar auch 
noch die Beamten für die Beaufsichtigung der Architekten 
bezahlt werden müßten. Das sei Quatsch, werde ihm zuge— 
ufen. (Heiterkeit) Der das gesagt habe, wisse wohl, warum 
er diese Ansicht nicht wahr haben wolle. Was im Leitsatz 
Nr. 2 ausgesprochen werde, sei nur zu billigen. Er wisse 
zwar nicht, ob es schon einmal vorgekommen sei, daß sich 
ein Architekt in einer und derselben Sachs habe doppelt be— 
zahlen lassen. Da dieses aber ausdrücklich verboten worden 
sei, müsse doch so etwas vorgekommen sein. Im Leitsatz 58 
werde dem Architekten die Ermächtigung eingeräumt, Arbeiten 
und Lieferungen unter 1000 Mesreihändig zu vergeben. Diese 
Ermächtigung sei doch etwas reichlich weitgehend. Er empfehle 
der Burgerschaft, eine Kommission zur Prüfung der Leitsaͤße 
einzusetzen. Sodann könne er nicht unterlassen, hervorzuheben, 
daß in der Stadt über die Submissionsbedingungen der Bau⸗ 
unternehmer ganz erheblich übertriebene Gerüchte verbreitet 
seien. Die Bauunternehmer seien bereit, ihre Bedingungen 
dem Bauamt zur Prüfung vorzulegen. 
B.⸗M. Architekt Schöß: Herrn Stenders Ansichten in 
dieser Angelegenheit sei kein erheblicher Wert beizumessen, da 
die gesamte Bauhütte diese Ansichten nicht teile, im Gegenteil, 
Herr Stender mit seiner Meinung ziemlich allein stehe. DTie 
Bemerkungen des Herrn Stender zum Leitsatzt? müsse er, wenn 
— 
Die im Leitsatz 5 den Architekten eingeräumte Ermächtigung 
sei unbedingt notwendig. Durch die Uebertragung der Aus—⸗ 
führung von Staatsbauten an Architekten würden die Bauten 
nicht nur billiger werden, sondern auch wohl noch mancher 
Beamte gespart werden iönnen. 
B.«M. Dr. Wittern stellt den Antrag, die Leitsätze zur 
Prüfung an eine Kommission zu verweisen, damit die Be— 
sprechung auch ein praktisches Ergebnis habe. 
B.M. Burwich spricht sich gleichfalls gegen den Leit— 
latz 5 aus. 
B.⸗M. Eder: Herr Stender stehe nicht mit seinen An— 
sichten allein da, sondern habe das ganze Kleingewerbe hinter 
sich. Zwischen diesem und der Baudeputation würde durch 
die Leitsätze, wenn sie unverändert blieben, eine Scheide⸗ 
wand aufgerichtet. Das müsse durch eine kommissarische Prüfung 
der Leitsätze verhütet werden. Auch er sei der Ansicht, daß 
die Uebertragung der Ausführung von Staatsbauten an Archi⸗ 
tekten die Bauten erheblich verteuern werde. 
B.«M. Böobs vermißt in dem Senatsdekret eine Gegenüber⸗ 
jellung der Kosten der Bauaussuhrung und Beaufsichtigung 
unter Leitung des Bauamtes und eines Architekten und wies 
des weiteren darauf hin, dahß in der Abteilung Hochbau— 
Inspektion, Projektbearbeitung und Bauausführung des Bau— 
amtes nur ein festangestellter Beamter vorhanden sei, alle 
übrigen Kräfte nur Hilfsarbeiter seien und hieraus dem Staate 
unter Umstönden aanz erkehliche Nachteile erwachsen könnien 
Die ganze Rechnungsrevision sei überflüssig, wenn man hien 
nicht zuverlässige Beamte habe. Herrn Schöß müsse er erwidern, 
»aß hinter Herrn Stender auch der Arbeitgeberverband für das 
tzaugewerbe stehe. Die Ermächtigung der Architekten zur frei— 
zändigen Vergebung von Arbetten im Werte bis zu 1000 M 
onne er nicht befürworten. 
Nach einigen Bemerkungen von Herrn Stender wurde der 
Antrag des Herrn Dr. Wittern auf Einsetzung einer Kommission 
ingenommen. Sie soll aus 7 Mitgliedern bestehen und in 
ber nächsten Sitzung gewählt werden. 
B.M. Hauptlehrer Reimpell gab sodann die Erklärung 
B, daß die Aeußerung des Herrn Senators Dr. Stooh in der 
zitzung vom 6. Febr. seine (des Redners) Mitteilungen über die 
Lehrergehälter in Krefeld seien oblektiv unrichtig gewesen, un⸗ 
utreffend sei und suchte dies der Bürgerschaft aus einem 
zriefe des Oberbürgermeisters von Krefeld nachzuweisen, aus 
em hervorging, daß den Lehrern dort infsolge Versetzung der 
Stadt aus Servisklasse B in Klasse C eine persönliche Zulage 
»on 35 Mgewährt worden sei. 
Senator Dr. Stooß legte demgegenüber aus den Worten 
zes Herrn Hauptlehrers Reimpell dar, daß dessen: Ausfüh— 
rungen derzeit und auch jetzt insofern sachlich unzutreffend 
eien. als es sich nicht um eine allgemeine Gehaltszulage, 
ondern nur um eine persönliche Zulage handele, die in der 
kErwartung der Zurüchversetzung der Stadt in die Servisklasse 
3 gewährt worden sei. Er müsse also seine in der Sitzung vom 
J. Februar aufgestellte Behauptung aufrecht erhalten. 
Schluß der Sitzung 10 Vkr an Min 
e⸗ 
aus der Provinz besuchte Versammlung ab, in der nach ein— 
gehender Aussprache schließlich die Verschmelzung des Maler—⸗ 
derbandes mit dem Arbeitgeberverband für das Malergewerbe 
beschlossen wurde. Ein Statutentwurf wird den einzelnen In—⸗ 
nungen demnächst zugehen. 
Neumünster, 7. März. Der Stadtverwaltung 
wurde der Antrag unterbreitet, den unbesoldeten Stadt⸗ 
räten eine Dienstaufwands⸗Entschädigung in Höhe 
bon 1800 Mäjährlich zu gewähren. Dieser Antrag wurde mit 
der Begründung abgelehnt, daß es sich um ein Ehrenamt 
handele. — Racheakt. Als Polizeiwachtmeister Grage Sonntag 
morgen vom Nachtdienst heimkehrte, wurde er vor seiner Woh— 
aung von einem früheren, aus dem Dienst entlassenen Schutz⸗ 
mann mit dem offenen Messer angegriffen. Grage war ge— 
wungen, in der Notwehr den Säbel zu ziehen. — Selbst- 
mord? Der 162jährige Oberrealschüler Falch— 
mien reiste von Kiel nach hier und schrieb seinen Eltern, er 
volle sich das Leben nehmen, weil er Ostern nicht versetzt 
vürde. Die angestellten Nachforschungen nach dem Verbleib 
des Knaben hatten bisher keinen Erfolg. — Tischlerstreik. 
die in der großen Holzbearbeitungsfabrik und Bautischlerei der 
Firma Roß (R. Prieß Nachf.) & Brochstedt beschäftigten Tischler 
egten wegen Lohndifferenzen die Arbeit nieder. 
Glückstadt, 7. März. Gestorben ist, 70 Jahre alt, 
yer Rittmeister z. D. v. Bongé, Inhaber des Cisernen Kreuzes 
ind Ritter mehrerer Orden, der den Feldzug von 1870/71 mit- 
zemacht hat. — Eine Feuersbrunst äscherte das Haus 
des Hofbesitzers F. Harms, Siel, total ein. Die Bewohner retteten 
nur das nackte Leben. Neun Stück Rindvieh und eine Anzahl 
Schweine sind mitverbrannt. 
Großßherzogtünner Medlenburg. 
88 Grevesmühlen, 7. März. Einen Registrier—⸗ 
3allon fand Briefträner Mähld-Diedrichshagen auf Testorfer 
zFeldmark. Auf die Auffindung steht eine Belohnung von 
; M. — Spielet nicht mit Schießgewehren. Als 
zonntag der von hier gebürtige, etwa 20zährige Knecht 
devermann in Greschendorf mit einem geladenen Tesching han— 
ierte, fiel er ihm aus der Hand, entlud sich und die Kugel 
»rang ihm in den Unterleib. Der Schwerverwundete wurde 
ns hiesige Krankenhaus gebracht und mußte sich einer 
)peration unterziehen, wobei jedoch die Kugel nicht gefunden 
ourde. Der Verunglücktte liegt schwer krank danieder. — Im 
vangelischen Arbeiterverein berichteten Tischler 
Westohal und Baumwärter Specht über die Abgeordneten⸗ 
»ersammlung in Schwerin. Einen Vortrag über die Ursachen 
derschiedener Krankheiten hielt Dr. med. Mennenga. 
⸗»Rehna, 7. März. Der Geflügelzuchtverein 
dielt Sonntag seine Generalversammlung ab. Nach der ver—⸗ 
esenen Rechnungsablage betrug die Einnahme im verflossenen 
ßeschäftsjahr einschl. des vorjährigen Kassenbestandes von 
,11 M 145,41 M, welcher an Ausgaben 132,35 Mugegenüber⸗ 
tehen, so daß ein Kassenbestand von 13,06 Mevorhanden istß 
das Vereinsvermögen beträgt z. 3t. 275,71 M, der Inventar— 
vert 73,25 M. Bei der Vorstandswahl wurde der Ge— 
anitvorstand wiedergewählt. Es wurde beschlossen, 12 Stück 
heflügelkäfige neu anzuschaffen, welche von Mitgliedern über—⸗ 
rommen wurden. 
— Schönberg, 7. März. Aus der Schulspar— 
lafsse der Knabenschule erkhielten 31 Konsfirmanden 
hre Ersparnisse in Höhe von 2583.909 Muausgezahlt. 
der höchste Einzelbetrag belief sich auf 379 M, der kieinste 
rufß 5 M, außerdem wurden im Laufe des Schuliabres 
toch gegen 400 Mean 11 abgehende Schüler gezahlt. 
In der Mädchenschule erhielten 21 Konfirmandinnen 1651,31 
M. — Diie Ganz'sche Theatergesellschaft wird 
om 15. März ab eine Reihe von Vorstellungen geben. 
— Allen Freunden des Heimatschutzes wird eine 
Bekanntmachung des Grohh. Domänenamtes willkommen sein, 
wonach die Baupolizei alle Bauprojelte im Sinne der 
Bestrebungen des Vereins für Sejmetichunß zuu vprüfen Fat 
Aus den Nachbargebieten. 
e Sansestãdte. 
Hamburg, 7. März. Der sprechende Hund vor 
zem Publikum. Das erite Erscheinen des berühmten 
prechenden Hundes „Don“ vor dem Hamburger Publikum ge— 
taltete sich zu einem großen Erfolg. Am Sonnabend 
ind Sonntag war die Ernst-Merdch-Halle des Zoologischett Gar⸗ 
ens von annähernd 5000 Personen besucht. Die Vorführungen 
östen große Beifallsstürme aus, als der Hund, der sehr gut 
isponiert war, seine bekannten Worte: „Don“, „Hunger“, 
haben“, „Kuchen“, „Ruhe“ immer wieder deutlich zu Gehör 
rachte. Prof. Dr. Vosseler leitßfte die Vorführung mit einem 
ichtvollen, populär⸗wissenschaftlichen Vortrag ein. Die Vor— 
ührungen finden nunmehr täglich nachmittags um 6 und 8 Uhr 
latt. In den nächsten Tagen wird Redakteur Haberland, 
er Verlobte des Irl. Elers, den Vortrag übernehmen. Dem 
zund ist von seiner Herrin beigebracht worden, den Namen 
daberland deutlich auszusprechen, was er zum Jubel des 
Publikums in jeder Vorführung wiederholt tut. 
Bremen, 7. März. Die Neuwahl eines Se— 
rtators an Stelle des verstorbenen Senators Dr. Dreyer 
indet vermutlich, dem Brauch der letzten Jahre entsprechend, 
am Sonnabend nächster Woche statt. Im Senat sitzen jetzt 
1 Juristen, 3 Kaufleute und 1 Lehrer. Nach der Verfassungs- 
inderung müssen dem Senat 10 Juristen, dürfen ihm aber 
iicht mehr als 10 angehören. Folglich kann die jetzige Neu— 
vahl auf keinen Juristen fallen, ist aber sonst; an keinen 
ßeruf gebunden. Da bei der vorigen Neuwahl der Senator 
uus der vierten Klasse hervorging und ein Lehrer gewählt 
ourde, ist es nicht ausgeschlossen, daß diesmal ein Kaufmann 
der ein Gewerbetreibender gewählt wird. — Der Ausstand 
jer Tischler wegen des bisher noch nicht zum Adschluß ge⸗ 
ommenen Tarifvertrages hat jetzt dazu geführt, daß die 
n Berlin gepflogenen Tarifverhandlungen abgebrochen wor⸗ 
»en sind. Die in Berlin anwesenden Vertreter der hiesigen 
Arbeitgeber wollen nicht eher wieder in Verhandlungen treten, 
bis die Ausständigen die Arbeit wieder aufgenommen haben. 
Schles wig⸗ Hohtein. 
Segeberg, 7. März. Derschles wig-holsteinische 
Malerverband hielt Sonntag eine von 27 Delegierten 
Die feindlichen Gespielen. 1 
Aus der Uebergangszeit Straßburgs. 
Von Erica Grupe⸗Lörcher. 
Machdrud verboten.) 
Der schwere Druck der seit Monaten nach der Uebergabe 
Straßburgs über der Stadt lastete, pflanzte sich bis in das 
Zimmer fort, in dem sich die Oberstenwitwe Madame Renaudin, 
ihre Schwiegertochter Hortense und ihr Enkel Gaston befanden. 
Denn wie jetzt die ganze Breite des Zimmers zwischen beiden 
Frauen lag, während die alte Tame in ihrer steifen, wür— 
digen Haltung im Lehnstuhl am Fenster nach der Straße hinaus— 
blickte und Hortense am Hoffenster saß, so breitete sich auch 
eine tiefe innere Kluft zwischen beiden aus. Sie blieben nur 
noch beisammen, um einen stillen, erbitterten Kampf um den 
bleichen, schmächtigen Knaben auszufechten, der am Tisch in der 
Mitte des Zimmers, den Kopf auf ein großes französisches 
Buch gelegt, in der Daämmerung eingeschlafen war. Seine 
Großmutter, die verkörperte Disziplin, die lebende unerbitt⸗ 
liche Pflichterfüllung, duldete keine kindlichen Spiele. Seine 
einzige Lektüre durfte die Geschichte des ruhmteichen fran⸗ 
absischen Heeres unter Napoleon J. bilden, denn Gaston sollte 
nach der Absicht der durch die jüngsten Ereignisse verbitterten 
alten Frau mit dem vorschriftsmähigen Alter in die Militär— 
schule von Saint-Cyr eintreten und als Offizier die fran— 
zosischen Fahnen wieder jungem Ruhm entgegenführen. Seine 
Mutter aber hatte nur das eine Ziel, ihren Knaben überhaupt 
am Leben zu erhalten. Sie sühlte mit ihrem feinen Mutter- 
herzen, daß nicht nur das wochenlange angstvolle Kampieren 
im Keller während des Bombardements die zarte Gesundheit 
Gastons geschädigt hatte, sondern daß seine Kinderseele noch 
immer unter dem Eindrud elitt, als sein Vater, der Hauptmann 
Renaudin, sich vor den Augen der Seinen auf den Trümmern 
seines niedergebramten Hauses eine Kugel durch den Kopf 
jagte, um, wie er sagte, nicht die Kapitulation Straßburgs 
an die Preußen miterleben zu mussen. 
In die ohnehin herben Züge der Frau Oberst Renaudin 
grub sich eine tiefe Bitterkeit ein, als ihr Blich in die Ferne 
um Münster glitt, das mit den Umrissen seines zerstörten 
Schiffes in der grauen Daͤmmerung eines unwirtlichen De—⸗ 
zembertages über die halb zerstörte Stadt ragte. Denn seitdem 
n jenen entsetzlichen Septembernächten unter den niederplatzen⸗ 
men und zündenden Granaten das Kupferdach des gewaltigen 
Münsterschiffes in violetten Strömen herniederrann, hatte sich 
»is jetzt wenig Sinn gezeigt, die Spuren der Zerstörung zu 
eseitigen. Hinter dem wirbelnden Tanz der Schneeflocken 
zahmen sich jetzt im grauen Dämmerlicht rings die Trümmer 
er zusammengeschossenen und niedergebrannten Häuser schauer⸗ 
ich genug aus. Und in dem Gedanken, daß das stolze Paris noch 
mmer im eisernen Ring der deutschen Truppen lag, daß der 
us Belfort erhoffte Entsatz für Straßburg ausblieb und die 
deutschen immer mehr nach dem Elsaß zu strömen begannen, 
euszte Madame Renaudin plötzlich in der dumpfen Stille 
es Zimmers laut auf. Unglücklicherweise ließ die junge Frau 
im entgegengesetzten Fenster im seiben Augenblick ein kurzes, 
elustigtes Lachen ertönen. Frau Renaudin erhob sich mit 
inem jähen Ruck und ging beleidigt mit ihren kurzen, sesten 
Zchritten auf ihre Schwiegertochter zu. Aber trotzdem sie 
ah, daß jenes kurze, leise Lachen keine Antwort auf ihren 
auten Seufzer war, verfinsterte iich das Gesicht der alten 
zrau immer mehr. Denn als Ziel von Hortenses Aufmerksamkeit 
ntdedte sie am Fenster des höher gelegenen Stocwerks, das 
ich in scharfer Biegung in den Hof hineinzog, ein entzückendes 
leines Mädchen von kaum sechs Jahren. Das schöne, blond⸗ 
odige, ganz in Weiß gekleidete Kind saß dort oben wie der 
erkörperte glückliche Frohsinn, indem es sich aus dem Fenster 
eigte und lachend und jauchzend nach den vor“: » inden 
Schneefloden haschte. 
„Du findest es also interessanter, diesem läppischen Kinde 
er unausstehlichen preußischen Offiziersfamilie zuzusehen, als 
einen Knaben in die ruhmreiche Geschichte Frankreichs einzu⸗ 
ühren?“ fragte sie gereizt. Die junge Frau wandte den 
einen blonden Kopf, sandte mit ihren dunklen, ausdrucks⸗ 
»ollen Augen einen kummervollen Blich auf ihren blassen, 
chlafenden Knaben und entgegnete bedrudt: „Ich wollte, 
vaston wäre nicht über dieser Beschreibung von Napoleons 
lebergang über den Mont Cenis eingeschlafen, sondern könnte 
von jener Kleinen so lachen lernen, dah es einem ins Herz 
ringt.“ 
„Ich werde es nie gestatten, daß mein Enkel mit dem 
Kinde eines preußischen Oflsiziers Freundschaft schließt!“ schnitt 
die Großmutter ihr das Wort streng ab, „ich hasse jene Leute, 
die sind mir ein Dorn im Auge! Du weißt, daß ich das Schild 
nit den drei möbliert zu vermietenden Zimmern nur heraus⸗ 
sing, um womöglich einem Landsmann bei der herrschenden 
Wohnungsnot helfen zu können. Und als ich von einer drei— 
agigen Reise zurückkehrte, hast du die Wohnung oben an e inen 
preußischen Offizier vermietet!“ 
„Ich brachte es nicht übers Herz, dem Hauptmann von 
zorst ohne Grund die Wohnung zu verweigern, da seine 
chwerkranke Frau unten im Wagen sehnsüchtig wünschte, in der 
alb zerstörten, feindlich gesimten Stadt ein Heim zu finden. 
Ind als Gaston sah, wie jenes hübsche kleine Mädchen unten 
ein Näschen an das Wagenfenster drückte und erwartungs⸗ 
»oll zu uns heraufsah, sprach er zum ersten Male seit Mo— 
zaten einen Wunsch aus: ich möchte das kleine Mädchen nicht 
veiterschicen.“ Die junge Witwe schwieg und UÜberließ sich 
hren Gedanken, die sich unr die Kämpfe drehten, die sie 
vegen der Aufnahme der Deutschen mit Madame Renaudin 
u erleiden hatte, und um jenen Offizier, für den ihr Herz 
ich beim ersten Blick geregt hatte. 
Gleichsam als ob Frau Oberst Renaudin ihre Gedanken 
ihnte, begann sie: „Aber ich habe es genug, mich von meinen 
Bekannten und Nachbarn achselzudend eine Preußzenfreundin 
jennen zu lassen, weil ich an eine preußische Offiziersfamilie 
neine Wohnung vermiete. Ich war als gute Patriotin bekannt 
uind habe meinen Gatten und Sohn Frankreich geopfert!“ Bel 
dem lauten Sprechen war Gaston erwacht. Seine Großmutter 
ah, daß er langsam den Kopf hob und müde an die Stuhl⸗ 
ehne legte. „Ich werde bestimmt jenen Leuten dort oben 
rieder kündigen!“ und indem sie gn den Knaben herantrat, 
nellte sie mit drohend hochgezogenen Augenbrauen ihre all⸗ 
ägliche Frage: „Nicht wahr, du wirst ein tapferer französischer 
Iffizier werden? Du weißt, es ist Pflicht eines jeden fran—⸗ 
‚ösischen Soldaten, für sein glorreiches Vaterland zu sterben!“ 
Es war im Zimmer dunkel çeworden. So sah sie nicht, 
daß ein Schauer des Grauens über das blasse Kindergesicht 
zuschte; sie vernahm nur, wie er schüchtern antwortete: „Gewiß, 
iebe Großmama!“ 
(GFortsetzung folgt
	        
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