Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

— * * F * 
7 A 9 — 8 — * 
— —N e 3 * —* S — s — 9 — —4 
— 7197 —58496 4 —A, 
—J— 7 * — —— 5 4** 235 — 38 23 
89 7— xF —26 — —— 97 3* * —2 93* * 
—*8 4 —34 —1483 13 38 — J5 336 
——66 * 8 49 — 53664 43 —— —— 9 —— 
—B —6 — , 
J — —— —5383 d * 5 3 e 
ausgabe A. 
Abend⸗Blatt Kr. 10. 
— —— — — 7 — —— 
Aus den Nachbargebieten. 
Hansestadte. 
Hamburg, 6. Jan. Unterstützung des Vereins 
NRaturschutßpark. Der Senat beantragt die Mitgenehm;⸗ 
ung der Bürgerschaft dazu, daß dem Verein Naturschutzpark 
E. V.) zur Schaffung und Erhaltung des geplanten Natur— 
schußparkes in der Lüneburger Heide zunächst für 1911 eine 
Beihilse von 10 000 Mugewährt werde. 
—Die Senatsanträge, betr. sernere Unterstützung von 
Schulervorsiellungen und fernere Veranstaltung von Volksvor⸗ 
serungen, wurden bewilligt. 
Weitere Ausgestaltung der Erbschaftssteuer. 
xin bürgerlicher Ausschuß, der über eine Abänderung des ham⸗ 
Furgischen Erbschaftssteuergesetzes berät, hat beschlossen, den 
Senat zu ersuchen, auch die Schenkungssteuer auf Ab⸗ 
sommlinge auszudehnen. Er geht davon aus, daß die Steuer 
auf Schenkungen unter Lebenden eine wünschenswerte Ergänzung 
der Erbschaftssteuer bilde, weil ohne sie die Erbschaftssteuer— 
pficht dadurch umgangen werden könne, daß der Erblasser 
erhebliche Teile seines Vermögens schon bei Lebzeiten seinen 
Erben schenkungswelse überlasse. Gegen die Erweiterung der 
Steuerpflicht der Abkömmlnige würde geltend gemacht, daß 
ein KFindringen der Behörden in die zwischen Eltern und 
Kindern bestehenden Beziehungen zu erheblichen Bedenken Anlaß 
zebe. Doch ergab eine Anfrage in Bremen, wo die Schen⸗ 
kungsabgabe für Abkömmlinge bereits seit 1904 besteht, daß 
dort die Handhabung des Gesetzes zu keinerlei Unzuträglich- 
keiten geführt hat. 
Gleine Nachrichten) An einem Anfall von 
Wahnsinn hat der Händler Blankmeyer, Martinistroße 11. 
seine Ehefrau durcch mehrere Hanmerschläge lebensgefährlich 
verletzt. Blankmeyer, der früher in einer Irrenanstalt unter⸗ 
gebracht war, wurde wieder in die Friedrichsberger Irren⸗ 
anstalt geschikt. — Die beiden Brüder Schlobohm, 
die mit Masken vor dem Gesicht in den Laden einer Zigarren⸗ 
händrerin in der Adlerstraße eindrangen und die Frau zu be—⸗ 
rauben versuchten, sind jetzt dem Schwurgericht überwiesen 
worden. In der Wohnung der noch im jugendlichen Alter 
sehenden Röuber wurde allerlei Schundliteratur, u. a. 
einige Dutzend Sherlock Holmes-Detettivromane, gefunden. 
Geesthacht, 6. Jan. Die Spar- und Darlehns— 
kafse inn vom Staat gesperrt worden und wird nun von den 
Behörden geprüft werden. Die Sparkasse, die allgemein als 
zut galt, ist eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Die 
Zahl der Genossen beträgt 47. Der Aufsichtsrat besteht aus 
sechs Geesthachtern. Der verhaftete Vorsitzende der Sparkasse, 
Kaufmann H. Schweigmann, der auch noch Gelder von Privat⸗ 
leuten verwaltet haben soll, hat 184000 Muunterschlagen, 
autzerdem soll er Wechsel gefälscht haben. Da den Passiva 
ein Ueberschuß von 250 000 Migegenübersteht, sind die Unst e r⸗ 
schlagungen gedesckt. Die Sparkasse ist nicht als Spar⸗ 
kasse auf Grund des Sparkassengesetzes konzessioniert, sie ge— 
hört zu den wilden Sparkassen, die eine grobße Gefahr für die 
sparende Bevölkerung bilden. 
Lauenburg. 
D. Sandesneben, 6. Jan. Monatsferkelmarkt. 
Handel flott. Der Markt fast geräumt. Auftrieb: 300 Ferkel. 
Kleine Tiere I1513 M, gute Mittelware 14518 M, größere 
Ferkel 19522 Meper Stück. 
Der Moabiter Krawall⸗Prozeß. 
Berlin, 5. Jan. 
Sofort nach Eröffnung der heutigen Sitzung nahm der 
rste Staatsanwalt Steinbrecht wieder das Wort, um 
in seinem Plädoyer fortzufahren und beantragte gegen den 
Angeklagten Kraemer wegen Widerstandes gegen die Staats- 
zewalt 4 Monate Gefängnis, gegen Frau Dominik wegen 
hres an Aufruhr grenzenden Verhaltens 2 Monate Ge— 
fängnis, gegen Breyer wegen der Aeußerung „Haut die 
Bluthunde“ 2 Monate Gesfängnis, gegen Hagen wegen 
Widerstandes und mit Rücksicht auf 7 Vorstrafen 6 Monate 
Gefängnis, gegen Tretiowski, Uber vierzigmal vorbe⸗— 
straft, 4 Monate Gefängnis, gegen Bock, vorbestraft wegen 
Messerstecherei, wegen gesährliche Körperverletzung und 
groben Unfugs, 2 Jahre 6 Monate Gefängnis, gegen 
Frau Giese wegen Widersetzlichkeit 2 Wochen Gefängnis, 
gegen Treide, aleichsalls wegen Widerstand 1 Jahr 2 
J 
Monate Gesängnis, gegen Frau Sattler, weil sie „Bluthunde 
serufen hat. 2 Wionate Gefängnis, und gegen Frl. Sattler 
Freisprechung mangels Beweises. Ferner beantragte der 
Staalsanwelt bei allen Angeklagten Anrechnung der Unter⸗ 
uchungshaft. 
Hierauf nahm Staatsanwalt Stelaner das Wort. Er 
ing ochmals auf den allgemeinen Teil der Anklage ein 
ind schildert ausführlich die Notwendigkeit der scharfen Mittel 
er Poltei vom 27. Sept. an. Um diese Zeit trat zum ersten 
Male auf die Zeitungsnachrichten hin der Janhagel in die 
Arscheiunng. Zeuge Steinberg hat bekundet, daß um diese Zeit 
vertktätige Arbeiter an den Unruhen beteiligt waren. 
zs wurde das Arbelierlied gesungen und ein Soch auf die 
Ppzialdemokratie ausgebracht. Den Gipfelpunkt der Aus—⸗ 
chreitungen bilden die Unruhen in der Rostocer Strabe, 
bo auf Kommando die Laternen ausgedreht wurden und 
arauf planmähig ein Angriff auf die Beamten erfolgte. 
chliehlich wurde ein Phoitographenkasten in Brand gesetzt 
ud die Menge tanzte um ihn mit dem Gesange: .Das ist 
Jagows wilde verwegene Jagd“ herum. Die Beamten hielten 
ich mit Recht davon fern, weil sie glaubten, sie sollten in einen 
zinterhalt gelockt werden. Die Arbeitswilligen standen unter 
inem unglaublichen Terrorismus. Diese Arbeits⸗ 
billigen waren harmlose Leute, die nur von ihrem Recht, 
hre Arbeitskraft zu verkaufen, Gebrauch machten. Trotzdem 
chlugen die Streikenden sosort auf sie los. Sie standen 
inter einem derartigen Druck, daß die Staatsanwaltschaft es 
ich Aberlegt hat, ob nicht gegen die Streilenden ein Ver— 
ihren wegen Freiheitsberaubung einzuleiten wäre. 
die Verteidigung hat den Versuch gemacht, die Arbeitswilligen 
ils Gesindel hinzustellen. Das ist aber mißglückt. Die Ar— 
eitswilligen haben hier vor Gericht den besten Eindruck ge— 
nacht. — Der Siaatsanwalt ging dann auf die Einzelfäile 
in und beantragte gegen den Angetlagten Heinemann 
egen Rothe wegen Beleidigung 3 Monate Gesfängnis, 
negen Beschimpfung der SchutzmannsTaft 6 Monate Gefängnis, 
egen Weiß wegen tätlichen Angrisfs gegen Beamte 8 Monate 
efängnis, wegen Sachbeschädigung gegen Wendt 8 Monate 
ind gegen Schultz 2 Monate Gesängnis, ferner gegen den 
MNonteur Albrecht wegen Beleidigung zwei Monate und gegen 
zollchow wegen Aufruhrs und Beleidigung neun Monate Ge—⸗ 
ängnis, gegen Weise wegen Auflauf und Beleidigung drei 
Nonate. gegen Romanowski wegen Beleidigung 7zwei Monate. 
egen Miersch wegen Beleidigung und Widerstands vier Mo— 
ate, gegen Kliche, der in der Königstraße die Beamten be— 
chimpfie, zwei Monate Gefängnis und zwei Wochen Haft, 
egen Eisenreich wegen Aufruhrs und Beleidigung (der Ange— 
lagte gehört der Sekte der Mormonen an) neun Monate 
befängnis, gegen Senf wegen Beleidigung drei Monate Ge— 
ügnnis, gegen den Kunstmaler Weidemann wegen Beleidigung 
ind groben Unfugs 14 Tage Gefängnis und 10 Mark Geld— 
trase. Dieser Fall, bemerkt der Staatsanwalt dazu, 
st von der Verieidigung benutzt worden, um der Staats—⸗ 
inwaltschaft den Vorwurf zu machen, als ob sie sich nur 
jewcie politische oder gewerkschaftlich Organisierte herausge— 
ucht hat. Dieser Vorwurf, der ein Vergehen gegen 8 146 
nvolriert, ist ja bereits von dieser Stelle aus energisch zurück⸗ 
ewiesen worden. Der letztere Fall betirifft den Gastwirt Pilz, 
er beschuldigt wird, sich an den Mihhandlungen des Well—⸗ 
chmidt beteiligt und Arbeitswillige durch Drohungen zum 
Ztreiken bewogen zu haben. Der Angeklagte hat er— 
iesenermaßen den Zeugen Wellschmidt immer wieder in den 
dreis der Streikenden hineingestoßen, wo er mißhandelt wurde. 
zeuge Wellschmidt ist durchaus glaubwürdig. Freilich hat 
ie eigene Mutter gegen den Sohn ausgesagt, aber ihre 
lussage ist wertlos. Dem Angeklagten Pilz wird ferner teil— 
veise ein gutes Zeugnis ausgestellt, wenn es sich aber um 
olitische und gewerrschaftliche Kämpfe handelt, dann tritt 
»ei ihm ein glühender Haß gegen seine Gegner zutage. Bei 
em Strafmaß ist die Dreistigkeit und die Hinter— 
ist igkeit seines Handelns zu beröchichtigen. Sein Lokal 
rar gewissermaßen ein Herd für Gewalttätigkeiten, 
u das der Zeuge Welischmidt wie ein Fuchs hineingelockt wor— 
»en ist. Der Staatsanwalt beantragt gegen den Angeklagten 
bilz eine Gesamtstrafe von einem Jahr sechs Monaten Ge— 
ngnis. Der Angeklagte Kratzert sei wegen Mangels an 
heweisen reirzusprechen 
—X 
Nach der Pause plädiert als erner der Verteidiger Rescht s 
unwalt Wolfgang Seine: Unter den Zeugen der An⸗ 
lage vermisse ich vor allem die Hinzeschen Streikbrecher. Schade, 
daß sie nicht gehört wurden. Die Staatsanwaltschaft weiß, daß 
Hinze jetzt seiner Militärpflicht gensigt. Sind die Leute viel⸗ 
eicht nicht präsentabel genug? Herr v. Reitzenstein hat sie 
derach Abenteurer genannt. Eine zweite Kategorie von Zeugen 
der Anklage sind die Schutzleute. Man sollte bei ihnen die 
rxähigkeit und den guten Willen, klare Aussagen zu machen, 
oraussetzen. Ich habe aber bei sehr vielen von ihnen eine 
ruherst ungünstige Auffassung von ihrer Wahrheitsliebe. Es 
ind geradezu leichtfertige Aussagen gemacht worden. Der 
Polizeileutnant Gotze hat eidlich ausgesagt, er habe einen 
Radier gesehen, der Botschaften von der Sozialdemokratie 
rochte. Nachher stellte sich heraus, daß der Radler mit 
der ganzen Affäre nicht das geringste zu tun hatte. Die 
lussagen der Beamten über die Mißhandlungen sind mehr 
As verdächtig. Sie wehren sich gegen die Anschuldigungen 
der Mißhandkungen auf eine Weise, wie sie uns alten Krimi— 
alissen von der Anklagebank her nicht unbekannt ist: Erst 
eugnen sie, und wenn Zeugen vorgebracht werden, sagen sie, 
ich weiß es nicht mehr. Und auch den großen 
Unbekannten haben sie hier erwähnt. Die Aus-⸗ 
age des Herrn Polizeileutnants Folte. daß der Waren⸗ 
ausbesitzer Preuß von seinem Balkon aus nichts 
zeobachten konnte, ist nicht nur falsch, sondern fahrlässig 
alsch. Wunderbar bleibt es, daß die Polizeioffiziere von 
den Mißhandlungen nichts gesehen haben wollen. Ich habe 
»as Recht, zu sagen: Ich glaube nicht, daß sie in allen 
Jällen nichts gesehen haben. Man kann in solchen Fällen 
Alerdings es auch mit Absicht unterlassen, etwas zu sehen, 
nndem man sich einfach abwendet. Der Leutnant Heck II hat 
n seinen Aussagen einen „Widerstand mit Worten“ angeführt, 
einen ganz neuen Widerstand, den das Strafgesetzbuch bisher 
toch nicht gekannt hat. Es ist deprimierend, aber auch 
harakteristisch. daß gebildete Leute in amtlichen Stellungen, 
dzie sich durch ihre amtliche Stellung vor jeder Anklage wegen 
ridesverlezung gestützt wähnen, von ihrem Eidesrecht einen 
olchen Gebrauch machen. Der Herr Polizeileutnant Folte leidet 
iberhaupt an einer Gedächtnisschwäche, die verschiedentlich zu⸗ 
tage getreten ist. Eine unerhörte Irreführung des Gerichts 
ourch den Schuldigen ist ausgegangen von demienizen Schutz-— 
mann, der den gänzlich schuldlosen Zeugen Bartsch auf der 
Treppe mißhandelte und dann die Erklärung gab, der Zeuge 
nüsse schon mit den Wunden, die er wahrscheinsiß auf der 
Straße erhalten, die Treppe hinau?ge!aufen sein. Auch „faliche 
Iriminalbeamte“ sind ins Feld gesührt worden. Die Hundert⸗ 
don Mißhandlungen durch Zivilpersonen, die allgemein für 
Kriminalbeamte gehalten wurden, iönnen damit aber nicht 
uus der Welt geschafft werden. Ueber die englischen Journa⸗ 
isten sind die merkwürdigsten Gerüchte verbreitet worden. Bei 
hnen liegt die Verantwortung eine Stufe höher. Bei ihrer 
Behandlung hat die Meinung mitgewirkt, es könnten sich in 
dem Auto sozialistische Führer befinden, denen man einen 
Zabelhieb gern gönnte. Wenn höhere Stellen sich gescheut 
jaben, zuzugestehen, daß Ungeschidlichleiten vorgekommen sind, 
o tlann ich es verstehen, daß untergeordnete Beanmte es mit 
zer Wahrheit nicht genau nahmen. — Vorsitzen der (unter— 
brechendd: Es ist unzulässig, daß sie dem Herrn Wolizei— 
oräsidenten indirekt den Vorwurf der Unwahrheit machen. — 
R.A. Heine: Es ist richtig, die Auskunft des Polize präsidenten 
teht nicht zur Verhandlung, der Herr Staatsanwalt hat aber 
nuch auf manche andere Sachen Bezug genonmen. Daß die 
Staatsanwaltschaft die Oeffentlichkeit und die Zeitungen für 
die Herbeischaffung von Zeugen in An'pruch nimmt, hat gewiß 
den Reiz der Neuheit für sich. Es hat sich da der 20jährige 
Zupernumerar gemeldet, der junge Mensch ohne Mitleid. Wenn 
in junger Mensch von zwanzig Jahren mit Leuten, die blutig 
geschlagen werden, kein Mitleid empfindet, so trägt der Zeuge 
zeflissentlich einen Mangel an sittlichen Urteil zur Schau, so 
daß ich ihm nicht glauben kann. Und gerade der Zeuge 
Holdammer hat gesagt, jeder Schutzmann habe sich wie eir 
Hentleman benommen. Das werden die braven Schutzleute 
chließlich selbst nicht von sich behaupten. 
Der Verteidiger bricht hierauf sein Plädoyer ab. Di— 
Verhandlungen werden auf morgen vormittag vertagt. 
— 
AJA,—,——2—2—2— 
Ist Paris teuer? ! 
(Von unserem Korrespondenten.) 
Paris, Ende Dezember. 
nge. Nein und ja. Nicht für die Leute, die rechnen wollen 
und zu rechnen verstehen. Die anderen müssen ja in allen 
Großstädten der Welt und in Paris einen besonders hohen 
Tribut für den Vorzug, reich zu sein, erlegen. Vom Stand⸗ 
punkte der deutschen Hausfrau aus ist Paris sogar sehr billig, 
denn in dem gesegneten Lande Franktreich sprießen die Gemüse, 
reisen die Reben, wachsen die Früchte in Hülle und Fülle. 
Artischocken, Rosenkohl, alle Salate, Blumenkohl, Gänseleber— 
posteten, feiner Käse wie Roquefort, Camembert bilden eine 
altiäglich Speise des Mittel- und Arbeiterstandes, der es in 
dieser Hinsicht wohl kaum irgendwo so gut hat, wie hier 
in Poris. Der Maurer, der in der Destille vor einer Flasche 
Bordeaux und einem Dutzend Austern sitzt, würde bei seinen 
deutschen Kollegen den Eindrud eines verkleideien Vankiers 
hervorrufen. Und doch entspricht der Prei für diese rukullischen 
Speisen dem einer Flasche Bier und eines Matjesherings in 
Deutschiand. Und was würden die deutschen Portierfrauen 
sagen, wenn sie ihre Pariser Schwestern des Sonntags bei 
dem regelmähig ertönenden Ruf: „Schnecken! Frische Schneden!“ 
barhäuptig, den leeren Teller in der Hand, auf die Stratze 
zu dem dort haltenden Handwagen eilen sähen, um sich ihr 
Fruühstüd durch das Verzehren von ein paar kleinen Jehörnten 
Schalentieren pikanter zu gestalten? 
Wie das Essen, so ist auch das Wohnen in Paris nicht 
zeuer. und die direkten Steuern sind im Verhältnis zu denen 
eutschlands außerordentlich niedrig. Für 800 - 1000 Frs. kann 
nan eine sehr nette, den Ansprüchen einer bescheidenen Hausfrau 
enuũgende Wohnung in einer hübschen. angenehmen Gegend, 
wo die Seine nicht hinkommt, finden, und braucht bloß unge— 
ähr 80 Irs. jährliche Steuern zu zahlen. Komfort, wie wir 
Ddeutschen ihn lieben und auch in einfachen bürgerlichen Haus— 
tänden antreffen, gibt es aber in Paris nicht, oder wenigstens 
nur für die Menschen, für die Frankreichs Hauptstadt, wie 
zesagat, überhaupt teuer ist. Nur wer reich ist, hat in Paris 
ine Badestube, elektrisches Licht, Telerhon und Warmwasser⸗ 
‚eizung. Uebrigens ist Heizung ein Sport, den man sich bei 
ängerem Leben in Paris schnell abgewöhnt. Auf alles Brenn⸗ 
naterial sind außerordentlich hohe Preise gesetzt und es herrscht 
oide, das alte Kaminfeuersystem, das hübsch anzusehen ist, 
iher surchtbare Wirkungen ausübt. Auf der der Flamme 
ugelehrten Seite röstet man, während die andere erstarrt. 
da es keine Doppelfenster gibt, fegt der Wind durch alle Ritzen 
und Fugen. Eiserne Oefen, deren Abzugsröhren in den Kamin 
ühren. verbreiten einen Geruch, der ein energisches, weites 
)esfnen der Fenster notwendig macht, und es ist eine ganz 
etannte Tatisache, daß die Pariser Aerzte bei geheimnisvollen 
Sterbrfällen, wie z. B. bei dem Tode von Syyoeton, Jola, 
nit cinem Blick auf den eisernen Ofen als Ursache für das 
zlötzaiche Hinscheiden nur das eine Wort: „Heizung“ murmeln. 
Mit der Beleuchtung ist es auch eine heikle Frage. Auf 
Petroleum und Spiriius sieht „Octroi“, d. h. indirekte, beim 
Lintritt in die Stadtzone zu erlegende Steuer, und Streich⸗ 
zölzer sind Staatsmononol. Nun öt alles, was vom fran⸗ 
zösischen Staat kommt, teuer und schlecht, und man muß sich 
nit dem Gedanken abrinden, für Sireichhölzer und Petroleum 
'aftf unerschwinglich scheinende Preise zu entrichten. Die quf 
dem Tedel angegebene Zahl entjpricht überdies den in der 
Büchse befindlichen roten Hölzchen mit gelder Kappe nicht im 
neringsten, und die Gedusd der HSqausfrau wird auf eine harte 
Probe gestellt, wenn diese Zahl beim ersten Versuch,. Licht 
zu machen,. auf ein sehr beschränktes Maß herabsinkt. Be— 
leuchtung und Dienmmädchen sind beide in Varis sehr teuer 
verden aber doch durch die Billigkeit, die bei anderen Lebens 
ragen entschieden das Uebergewicht hat, aufgewogen. Ein 
perfekte Köchin“ bekommt 70 -80 ürs. monatlichen Gehalt und 
ür ein Hausmädchen zahlt man 60—-70 Irs. Alle Verkehrs— 
nittel. wie Droschken, Untergrundbahn, Trambahn, Toiletten⸗ 
gegenstände wie Seide, Handschuhe, Blusen, an denen sich dat 
Au⸗e, Parfüms, an denen sich die Nase erfreut, sind im Gegen— 
satze zu Deutschland sehr billig— 
Was ist denn nun aber in Paris eigentlich teuer? Paris 
ist teuer für die Fremden, die sich bei Paquin eine Robe 
machen lassen, bei Henry eine Omeletie, etwas Fisch, Fleisch 
und Käse für 60 Irs. essen und bei den Premieren in der 
Fremdenloge sitzen. Krank sein ist in Paris auch sehr kost⸗ 
pielia. Die Jünger Aeskulaps beanspruchen für Operationen 
leine Vermögen und der Aufenthalt in Kliniken entspricht, was 
pen Kostenpunkt betrifft, dem des Astoria-Hotels in den Champs⸗ 
fUmnées. Auf wieviel muß man sich jetzt im Januar, dem 
Trinkgelder heischenden, rechnungsreichen Jannar, vorbereiten! 
stirgends ist die Mode der „Dtrennes“ (Neujahrsgeschenke) 
o unerbittlich durchgeführt wie in Paris. Weil alle Beamten 
ind Angestellten an diesem Tage von ihrem „Patron“ das 
Doppelte ihres Gehaltes bekommen, glauben sich Leute, die 
ins das ganze Jahr hindurch geärgert haben, berechtigt, 
ins für eine mehr oder minder hohe, sofort bar zu erlegende 
Summe „Glück und Gesundheit“ zu wünschen. 
Sa. am 1. Januar ist Paris entsetzlich teuer! Und doch 
'ommt alles im Leben auf die Auffassung an, und alles ist 
nir verhältnismähig. Speiste da neulich ein feines Herrchen 
nit seiner Freundin in einem vornehmen Restaurant für 395 
Irs. und hatte, wie es ans Bezahlen ging, nur 75 Ets. 
m der Tasche.... Teuer oder nicht teuer — das ist dann 
richt meht die Frage!.. Madeleine.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.