Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

mit Mooren, die er auf seinem Guke Kadinen gemacht hat. 
Er führte aus, daß er bei der Gutsübernahme 500 Morgen 
unfruchtbares Moorland vorgefunden habe. Er befahl, den Miß— 
stand zu heben, um eine Steigerung des Ertrages herbeizuführen. 
Nachdem er diie Bedenlen des Verwalters der Schatulle durch 
Ueberredung beseitigt hatte, seien ihm die erforderlichen Mittel 
bewilligt worden. (Diese Worte wurden mit lebhafter Heiter— 
keit aufgenommen.) Auch später kieß der Kaiser humoriitische 
Bemerkungen in seine Ausführungen einfließen, z. B. als er schil⸗ 
derte, wie auf moorigem Grunde auch Wild geiagt werden 
tkönnte. Es sei vorgekommen, daß ein Rehbock plötzlich im Wasser 
verschwand. Man mußte lange Wasserstiefel anziehen, um seiner 
habhaft zu werden. Der Kaiser erzählte dann, wie durch ra—⸗ 
tionelle Bewirtschaftung Moore in fruchtbaren Boden verwan⸗ 
delt wurden, und kündigte an, daß er der Versammlung eine 
Reihe von photographischen Aufnahmen aus dem kultivierten 
Gelände vorführen werde. Die Kosten würden sich auf 73 000 
Mark belaufen, die Ergebnisse seien sehr zufriedenstellend. Der 
Ertragswert sei um 12000 Mugesteigert worden. Der Kaiser 
sprach weiter über Fortschritte auf dem Gebiete der Viehzucht. 
Er habe sich an Hagenbeck gewandt, der in Südamerika im 
Interesse der dortigen Ansiedler gut gelungene Kreuzungs⸗ 
bersuche mit Väeh ausgeführt, besonders mit einem Rind, 
das den lateinischen Namen bos indicus major führe. Der 
Kaiser fügte scherzend hinzu, daß die Bezeichnung Major nicht 
bedeuten solle, dah das Rind nun in die Reihe der Stabsoffi— 
ziere eintreten könne. Der Kaiser schloß mit der Aufforderung, 
daß die deutsche Landwirtschaft die Viehhaltung müsse ver— 
größern können, um die Ernährung des Volkes vom Auslande 
immer unabhängiger zu gestalten. Der Kaiser sprach frei und 
warf nur ab und zu einen Blick auf das Manustkript. Der Kaiser 
trug einen Kneifer. Seine Stim ne klang zwar ein wenig belegt, 
war aber überall deutlich zu vernehmen. 
W. Neue Kaiserjacht. Die aus einer Kieler Korrespon— 
denz in die Verliner Presse aufgenommene Mitteilung, wonach 
demnächst oder im Jahre 1912 die Bewilligung einer neuen 
Kaiserjacht beim Reichstag beantragt werden soll, wird als völlig 
erfunden bezeichnet. An maßgebender Stelle ist von Erwägungen 
dieser Art absolut nichts bekannt. 
Oefterreich⸗ Ungarn. 
Die pafsibe Refistenz der Staalsbeamten. Die passive Re— 
listenz wurde gestern unvermindert aufrechterhalten. Die Früh— 
züge werden erheblich später abgelassen. Auf den Postämtern 
blieben soviel Postsendungen unerledigt, daß die gestrigen 
erst nachmittags abgefertigt werden. Der Telegraphen⸗ und 
Telephonverlehr wurde bedeutend verzögert. Die Besorgnis 
der Handelskreise über die Schadenwirkung der Re'istenz 
sfeinert viß 
Ztalien. 
Zur Reise des deutschen Kaifers. Corriere d'Italia 
schreibt. er könne versichern, daß zwischen dem Vatikan und 
Deutschland niemals irgendwelche Verhandlungen über eine 
angebliche Reise Kaiser Wilhelms nach Rom stattsanden. Weder 
iei irgend ein Vorschlag dem päpstlichen Staatssekretariat 
von Berlin unterbreitet worden, noch glaubte dieses in Berlin 
irgend eine präjudizielle Erklärung machen zu müssen. Das 
Blatt fügt hinzu, das völlige Schweigen der päpstlichen Di— 
plomatie sei keineswegs ausschließlich Deutschland gegenüber 
gewesen, weil das Staaissekretariat dieselbe Stellung auch 
allen anderen Mächten gegenüber beobachte, mit denen der 
Vatikan diplomatische Beziehungen unterhält. — Corriere 
d'Italia erklärt von neuem die Nachricht, der Vatikan ver⸗ 
breitete diplomatische Rundschreiben, um einen Besuch der Sou⸗ 
veräne in Rom im Jahre 1011 zu verhindern, für voll⸗ 
ständig aus der Luft gegriffen. Einzig aus den Erklärun⸗ 
gen, die in der Presse enthalten gewesen seien, habe man den 
Beschluß des Papstes erkennen können, die Souveräne, dis 
im Jabre 1911 nach Rom kämen, nicht empfangen au wollen. 
Frankreich. 
W. Das größte aller Unterseeboote. Der Marineminister 
beauftragte die Werftverwaltung, unverzüglich mit der Kiel⸗ 
egung des Unterseebootes „Gustave Zede“ zu beginnen. Die— 
es wird mit einer Länge von 70 Metern und einer Wasser⸗ 
verdrängung von 1000 Tonnen das größte aller Unterseeboote. 
Es wird mit einem beweglichen Turm versehen, wodurch im 
Falle eines Unalücks die Rettung der Mannschaft erleichtert 
—X 
Rußlande 
W. Die ru'sische Note an China. Die Nowoje Wremia 
neunt die russische Note an China ein Halbultimatum, da sie 
teine Frist enthalte, und sagt, wenn China nicht spätestens 
innerhalb zweier Wochen reagiere, müsse das Halbultimatum 
ergänzt werden. — Birschewija Wiedomosti hofft, daß die 
Note einer Festigung in Asien dienen werde, die Rußland und 
Thina in gleicher Weise brauchten. — Rietsch hebt hervor, 
daß die Note keine Drohung der Besetzung Kuldschas enthalte. 
W. Panislatnismus in Rugland. Im Gouvernement Wiatka 
fanden wegen der Verbreitung panislamitischer Ideen Haus⸗ 
suchungen bei Mohammedanern sowie im tartarischen Seminar 
natt. in dem viele Geiftliche und Lehrer verhaftet wurden. 
Türkei. 
W. Der Aufruhr im Jemen. Eine Depesche an das 
Ministerium des Innern aus Hodeida meldet: Die Rebellen 
perfuchten in Methu bei Menaha einzudringen, wurden aber 
unter großen Nersuston ↄuνα 5οοαοαν 
Neueste Nachrichten und Telegramme. 
Wit. Berlin, 17. Febtr. Im Profsessorenstreit der 
Berliner Universitäät veröffentlicht Prosessor Sering eine Er— 
tlärung, in der er die von einer Berliner Zeitschrift auf— 
gestellte Behauptung zurüdweist, er habe versucht, Profsessor 
Wagner eine Vorlesung abzukaufen, indem er beim Ministerium 
eine Geldentschädigung für den Fall angeregt habe, daß Wag⸗ 
ner die Vorlesung an Professor Bernhard abträte. Die Be— 
schuldigungen, deren Urheber Bernhard gewesen sei, seien von 
der akademischen Kommission als hinfällig befunden, die in 
ihrem gutachtlichen Urteil die Ueberzeugung ausgesprochen habe, 
daß derartiges nicht beabsichtigt sei. Sie habe die Verhand— 
sungen in dieser Angelegenheit nur deshalb nicht für ganz 
einwandsfrei gehalten, weil auch der Schein einer derartigen 
Absicht hätte vermieden werden müssen. Die in der Zeit— 
schrift wiederholten Behauptungen gehörten zu den Angrifsen, 
worüber im Dezember 1910 im Kultusministerium verhandelt 
sei. Bernhard erklärte damals, daß er den Zeilungsangrifsen 
gegen seine Fachgenossen fernstehe und sie mißbillige. 
Wit. Berbin, 17. Febr. Aus Deutsch-⸗Südwe st-— 
afrika wird amtlich gemeldet, daß eine Bande bei Auros 
Vieh gestohlen hat und sodann, 6 Köpfe stark, in der Rich— 
henx quf Grersinasvpvütz und Goohis chaezogen setn soll. Einzel— 
eiten sind bisher weder durch die Schutztruppe noch durch 
ie Polizei festgestellt. Aus englischem Gebiet liegen keine 
beiteren Nachrichten vor. Eine scharfe Beobachtung der Süd— 
ind Ostgrenze des Schutzgebietes ist eingeleitet. Gleichzeitig 
rifft eine Meldung des deutschen Generalkonsulats aus Kap⸗ 
tadt ein, wonach dort über angebliche Bewegungen der Simon⸗ 
Fopper⸗Leute keine Mitteilungen eingegangen sind. Demnach 
— 
rachen Viebldiebstahl beschränkt. 
W. Berlin, 17. Febr. 21 preußische Polizeipräsidenten 
ind 4 Polizeidirektoren treten heute zu einer Sitzung zu—⸗ 
ammen. Unter den Polizeipräsidenten befinden sich diejenigen 
rus Frankfurt a. M., Kassel, Breslau, Köln, Hannover, 
Königsberg, Magdeburg, Posen und Stettin. Es handelt sich 
ingeblich nur um eine private Besprechung, damit sich die 
derren kennen lernen. Einen amtlichen Charakter habe die 
Konferenz nicht und Verkehrsfragen würden nicht geregelt. 
W. Wien, 17. Febr. Wie das heute erößfnete Testa— 
nent bekannt gibt, hinterließ Baron Rothschild zwei 
Millionen füär Wohltätigkeitszwecke. Chef des 
zankhauses wird sein Sohn Louis. 
W. Rom, 17. Febr. Die Könige von Italien und 
Zerbien unternahmen heute vormittag einen Automobil—⸗ 
rusflug nach Castel Porziano. 
Paris, 17. Febr. Zu der Mieldung, daß französische Offi— 
iere die Stadt Cadames (Tripolis) betreten hätten, wird 
Fffiziös erklärt, daß es sich lediglich um die Ausführung 
ines Abkommens üͤber die Abgrenzung des tunesischetripoli⸗ 
anischen Hinterlandes handelte und daß die französischen Offi— 
iere von amtlichen Vertretern der türkischen Regierung be— 
zteitet gewesen seien. 
We. Paris, 17. Febr. Ein vom Kolonialministerium ver—⸗ 
zffentlichtes Communique über die Wadaimeldung vom 17. Nov. 
hestätigt, daß Hauptmann Faure am 13. November bei Sa— 
jone, 10 Kilometer südlich von Borothe mit einer Kompagnie 
00 Massaliten geschlagen hat. Der Feind sei nach 
einem Verlust auf Darfur geflohen. Hauptmann Faure hatte 
eine Verluste. Nach einem Bericht vom 1. Dezrember sei im 
Zezirk Wadai alles ruhig. 
WMit. Haag, 17. Febr. Die mit der Prüsfung des Küsten⸗— 
derteidigungsgesetzentwurfes beauftragten Kom— 
nissionen der Zweiten Kammer beendeten ihre Arbeiten. Die 
zusammensetzung des Berichterstattungsausschusses aus Z Ka— 
holiken und 2 Liberalen deutet eine Stimmung zugunsten 
»es Gesetzentwursfes an. Der dem Ausschuß angehörende frühere 
Minister Savornin Lohmann war stets ein eifriger Befürworter 
der Verstärkung der Landesverteidigung und ist zugleich eine 
Autorität der internationalen Rechle. Dagegen wird berichtet, 
daß sich die Gruppe der katholischen Partei dem Widerstande 
der Liberalen und Sozialisten gegen den Gesetzentwurf, wie 
er jetzt ist, angeschlossen habe Allgemein wird der Re— 
gierung empfohlen, die Ansichten der interessierten Staaten 
ind die in Betracht kommende Polemik aufmerksam zu ver⸗ 
olgen. 
W. London, 17. Febr. Bei der Ersatzwahl in Horncastle 
sur den bisherigen Konservativen Lord Willoughby wurde der 
Anionist Weigall gewählt. 
Wt. London, 17. Febr. Wie das Reutersche Bureau er⸗ 
fährt, ist die russische Note an China am 15. d. M. 
un den russischen Gesandten in Peking abgegangen. Den in⸗ 
eressierten Mächten ist von seiten Rußlands versichert worden, 
»aß eine Gebietserweiterung nicht beabsichtigt sei. Form 
ind Ausdehnung der Demonstration gegen China würden zum 
rrohen Teil von der Haltung der Regierung in Peking ab— 
zängen. Wenn aber keine befriedigende Versicherung abge⸗ 
zeben würde, gelte es als wahrscheinlich, daß russische Trup⸗ 
ven an die Grenzse dirigiert werden. 
W. Konstantinoptl, 17. Febr. Der Unterrichtsmi— 
nister reichte seine Demission ein 
We. Berlin, 17. Febr. Der Dachstuhl des Quergebäudes 
zer mit dem Kunstgewerbemuseum zusammenhängenden Lehr— 
anstalt wurde durch Feuer vernichtet. Auf der Brandstätte 
varen Prinz Friedrich Wilhelm und Gemahlin erschienen. Der 
Nationatzeitung zufolge hat das Feuer in den Werkstätten der 
tunstgewerbeschule die wertvolle Einrichtung sowie eine große 
Zahl Goldschmiedegegenstände, die teilweise zur Ausrästung des 
Königsschlosses in Posen bestimmt waren, zerstört. Die Höhe 
des Verlustes läßt sich erst nach Beendiaung der Aufräume aas- 
erbeiten feststellen. 
W. Samburg, 17. Febr. (Amtliche Meldung.) Infolgs 
ingetretener Störung wird der telegraphische Ver— 
ehr mit Frankreich, Oesterreich, der Schweiz und 
um Teil nach Süddeutschland Verzögerung er⸗— 
eiden. 
Wit. Cuxhaven, 17. Febr. Die vom französischen Schlepper 
Atlas“ verlorene Bark ist der deutsche Segler ,, Anna“, der 
interhalb Büsums hoch aufgelausen ist. Für die Mannsthaft 
zesteht, soweit bekannt ist, keine Gefahr. 
Weißenfels, 17. Febr. In einer von etwa 4000 gewerk⸗ 
chaftlich organisierten Schuhfabrikarbeitern 
zesuchten Versammlung wurde gestern einstimmig beschlossen, 
»as Anerbieten der Fabrikanten auf Einführung des 94 stün- 
igen Arbeitstages äbzulehnen, und salls nicht 
ie Forderung der Arbeiter auf Einführung des Astündigen 
Arbeitstages mit einem Lohnausgleich und 25prozentiger Lohn⸗ 
rhöhung für Ueberstunden bis spätestens 1. Oltober 1911 
zewilligt worden ist, norgen abend nach Ablaufder Kün⸗ 
»igungsfrist die Arbeit niederzulegen. 
W. Riga, 17. Febr. Der Meerbusen von Riga 
st fär die Schiffahrt wieder frei. Heute sind elf 
Dampfer ohne Eisbrecher ausgelaufen und zwei Dampfer ein⸗ 
gelaufen. 
Die Pest in Ostasien. 
W' Berlin, 17. Febr. Das von Staatssekretär v. Tirpitz 
m Reichstage verlesene Telegramm des Gouvernements Tsing⸗ 
au über die Pest lautet: Abseits der Bahn sind Pestnachrichten 
chwer erhältlich. Nur in LZayang werden Todesfälle ge— 
neldet. Die lange Vahn der Pestherde breitet sich aus. In 
Tsinanfu kamen Todesfälle vor, auch bei der 5. (chinesischen) 
division. Die Niederlassung ist abgesperrt. 45 Kilometer 
üdlich an der Bahn von Tientsin nach Pukin ist ein neuer 
zestherd, ebenso in der chinesischen Stadt Kiautschou. Bis— 
er wurden aus Schantung 2850 Todesfälle gemeldet, außerdem 
n Tschifu 200. Das Bergwerk Hungschau arbeitet. Fangtse 
eiert noch wegen des chinesischen Neuiahrs. Das Schutzgebiet 
st frei. Der Arbeitermangel infolge von Panik und Kriegs— 
erüchten sfetgert e Löhne und erfordert Gegaenmaknahmen— 
jarunter freie Verpflegung in der Quarantäne, wozu die 
Zaufmannschaft beisteuert. Das Wetter ist rauh. Die Ab— 
perrung verspricht einen Erfolg, aber eingreifend ist daher 
mit den neuen Leuten ohne Schädigung der Gesundheit und 
Disziplin die Absperrung nur durchführbar, wenn von dem 
Transport vorläufig 2 Offiziere und 3588 Mann zurückbehalten 
werden. 
Wt. Petersburg,17. Feör. Seit gestern sind in Char— 
zin 13 Chinesen an der Pest gestorben. Der Generalgouverneur 
»es Amurgebietes erhielt vom Kaiser Vollmacht, alle Gegen— 
naßregeln gegen die Pest im Amurgebiet zu ergreifen und 
rötigenfalls Truppen dasu zu verwenden. 
Deutscher Reichstag 
W. Berlin, 17. Februar. 
Die zweite Lesung des Etats wird fortaesezt beim Eta?* 
ür Kiautschou. 
Abg. Nacken (Ztr.): Es ist anzuerkennen, daß die Kolonie 
ich in fortschreitender Entwickelung befindet. Die Ausfuhr ist 
rheblich gestiegen. Die Kolonie deckt zurzeit ihre Ausgaben 
um größten. Teil selbst. Es ist selbstverständlich, daß die Bürger⸗ 
chaft jetzt danach strebt, ihre Angelegenheiten selbst zu verwal⸗ 
en. Das gute BVerhältnis zu den Behörden braucht. darunter 
niicht zu leiden. Jedenfalls sind die Dinge für die Selbstver— 
valtung reif. Das Elektrizitätswerk ist jetzt schon in der Lage, 
inen Erneuerungsfonds zu gründen. Es ilt erfreulich, daß man 
sür die dortigen Staatsbetriebe iaufmännische Buchführung ein—⸗ 
zeführt hat, und es ist anzuerkennen, daß das Marineamt im 
Begensatz zu anderen Aemtern den Anregungen des Reichstags 
gefolgt ist. So erschien zum ersten Male in einem Reichsressort 
ine Bilanz. Der Streik an der chinesischen Hochschule ist sehr 
jedauerlich; es muß Sache aller Teutschen dort sein, das Deutsch⸗ 
um vor dem Auslande würdig zu pflegen. 
Abg. Eickhoff (Fortschr. Vpt.): Auch ich kann konstatieren, 
daß unser ostasiatisches Schutzgebiet sich in erfreulicher Ent— 
videlung befindet. Ich meine, dah die Bürgerschaft Tsingtaus 
letzt reis ist zur Selbstverwaltung. Die dortige chinesische Hoch— 
schule halte ich für eine außerordentlich nützliche Einrichtung. In 
Deutschland sollten ordentliche Lehrstühle für die kolonialen 
Wissenschaften errichtet werden. 
Staatssekretär v. Tirpitz: Teotz aller Schwierigkeiten sind 
wir doch hübsch vorwärts gekommen, auch in der Entwickelung 
des Handels. Wir treten für die Errichtung von kolonialen 
dehrstühlen ein. Ich hoffe, daß die Pestkrise in den Nachbar—⸗ 
zebieten, wodurch natürlich auch uner Schutzgebiet bedroht ist, 
iberwunden werden wird. Ich werde von Zeit zu Zeit der 
Presse entsprechende Notizen zugehen lassen. Aus dem jüngsten 
Teregramm geht hervor, daß das Schutzgebiet pestfrei ist und 
daß die Absperrungsmaßregeln sich bewährt haben. Wir haben 
innerhalb des engeren Teiles Kiautschous Quarantänelazarette 
ingerichtet und auch außerhalb ähnliche Einrichtungen getroffen. 
derner wurde eine hermetische Absperrung durchgeführt. Wir 
haben diese Absperrung auch auf unseren übrigen Landbesikß 
rusgedehnt und dazu Chinesen des Schutzgebietes aufgeboten. 
Ansere sanitären Einrichtungen Laben also auf die Chinesen un—⸗ 
lseres Schutzgebietes einen großen Einfluß gehabt, so daß die 
Thinesen in dieser Beziehung mit großem Vertrauen 
auf unsere administrative Tätigkeit blicken. 
Abg. v. Richthofen (kons.): Es würde sehr erfreulich sein, 
venn es gelingen sollte, jeden Pestfall von Kiautschou fernzu— 
üzalten. Tabei dürfen die Kosten keine Rolle spielen. Mit 
rroßer Freude stellen wir einen Fortschritt in der wirtschaftlichen 
Entwickelung dieser Kolonie fest. 
Abg. Noske (Soz.): Daß unsere Herrschaft in Ostasien 
zon langer Dauer sein wird, glaube ich nicht. Die Militärlasten 
ür Tsingtau sind viel zu hoch. Tie Selbstverwaltung muß in 
veitestem Maße gefördert werden. 
Abg. Goercke-⸗Brandenburg (watlib.)!: Alle Besucher der 
Kolonie, auch fremder Nationalität, erkennen die jetzigen Zu⸗— 
tände in Tsingtau, namentlich auch die Forstverwaltung, als 
ut an. Der schnelle Ausbau der Hochschule war angesichts 
zer englischen und amerikanischen Schulkonkurrenz nötig. Der 
Sevölkerung liegt weniger an der Selbstverwaltung als an der 
VBerhinderung neuer Steuern. Hoffentlich gelingt es, die Pest 
»on der Kolonie fernzuhalten. Tch halte Tsingtau für unent— 
zehrlich als Stützpunkt für die deutschen Interessen. 
Marineintendanturrat Stimming: Zur neuen Gehaltsord⸗ 
ung sind Uebergangsbestimmungen erlassen. Die Gehälter sind 
zwar für die neu eintretenden Beamten herabgesetzt, dafür 
werden sie auch beim Urlaubsaufenthalt in der Heimat unver⸗ 
ürzt belassen. 
Abg. Ledebour (Soz.): Leute, die China genauer kennen 
als Herr Goerde, urteilen anders über den Wert Kiautschous. 
Wir haben überhaupt keinen Vorteil von diesem Schutzgebiet. 
Wir sollten es aufgeben. Die Resitergreifung war ein Unfng- 
Wir erfüllen eine patriotische Pflicht, wenn wir so schnell wie 
möglich dort weggehen. 
Abg. Erzberger (Z3tr.): Es ist schade, daß nicht auch der 
Abg. Ledebour mitgereist ist; er hätte den Chinesen ausein⸗ 
inderseßen können, daß wir unicht kriegerische, sondern bloß 
ulturelle Zwecke verfolgen wollten. (Sehr gut!) Schon unser 
Nationalstolz sollte uns abhalten, Kiautschou aufzugeben. Der 
Wunsch nach Koloniallehrstühlen ist allgemein. Zur Belampfung 
der Pest gehört vor allen Dingen die frachtfreie Beförderung 
von Desinfektionsmitteln. 
Staatssekretär v. Tirpitz: Die Einführung der Selbst- 
»erwaltung entspricht durchaus unserm Wunsche, muß aber ge⸗ 
ragen sein von dem Wunsche der Bevölkerung. Die dortige 
Bevoöllerung wechselt häufig und ist nicht zur Selbstverwal- 
ung geeignet. Die Aufgabe des Schutzgebiets würde die voll⸗ 
ständige Erledigung der deutschen Interessen in Oltasien bedeu⸗ 
ten. Der Vorteil aus der Kolonie kann auch ein indirekter 
ein. Tsingtau ist der beste Hafen in Nordchina. Desinfek⸗ 
jonsmittiel werden wohl ebenso wie die Weihnachtspalete kosten⸗ 
rei befördert werden können. Gravo!) 
Abg. Arendt (Rpt.): Man muß jiedes Nationalgefuhls 
ntbehren, wenn man von der Aufgabe der Kolonie spricht 
Anser Welthandel würde weifellos darunter leiden. nament⸗ 
ich Ostasien. 
Abq. Görde-Brandenburg Watlib.): In China faßt man 
insere Kolonie heutzutage nicht mehr als eine Bedrohung auf. 
Abg. Ledebour (Soz.): Es ist nicht patriotisch, anderen 
Nationen für hunderte von Millionen Häfen zu bauen. Die 
Absatzgebiete Fängen nicht mit den Kolonien zusammen. Der 
Zandel Kiautschous kommt nicht uns zugute. Die Stunde muß 
pmmen, wo China unseren Besitz zurückfordert. 
Abg. Dove (Vpt.): Es ist notwendig, daß das Kolonial⸗ 
recht an einer Universität eine angemessene Vertretung be⸗ 
kommt. 
Darauf wurde der Etat angenommen. Nächste Sitzung 
dienstaa 1 Urr: Justizetat. Heeresvorlage
	        
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