Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

Deutscher Reichstag. 
(128. Sitzung.) 
Berlin, den 15. Februar. 
An Bundesratstische: v. Tirpitz, Dr. Lisco. 
Die Spezialdiskussion des Marine-Etats 
vird foritgesetzt. Nachdem die. Debatte über das Gehalt des 
Siaats sekrelaͤrs und die von den Zulagen handelnden Positionen der 
sortdauernden Ausgaben gestern geschlossen worden, wird heute zur 
neee geschritten. 
Das Gehalt des Stgatssekretärs wird, bewil— 
ligt gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und der Polen. Die 
einzelnen die Zulagen enthaltenden Titel werden nach den Kom⸗ 
missionsvorschlaͤgen bewilligt; die Abstimmung über die — für 
das Heizer- usp-Personal ist aus Antrag der Sozialdemo— 
kraten eine namentliche. Der Antrag lautet: „Der Reichstag 
wolle beschließen, die Zulagen für Maschinen-, Funkentelegraphen-, 
Arlillerieinechanikter⸗, Mechaniler-⸗, Feuermeister⸗ und Heizerpersonal, 
soweit sie ihnen durch die neue Regelung entzogen sind, in alter 
Höhe wiederherzustellen und zu diesem Zweck in dem betreffenden 
Statsausgabetitel statt 2908 000 M einzusetzen 3 228 000 M.“ Ein 
gleichlautender Antrag ist seitens der sortschrittlichen Volkspartei 
Jesteillt. Die Sozialdemokraten hatten die namentliche Abstimmung 
nicht auf die ziffernmäßige Bewilligung des Etatstitels selbst aus— 
behnen wollen; von den Abgg. Bassermannenl) und Erz— 
berger (3t. wird aber die Ausdehnung der Abstimmung auch 
auf diesen Teil als das Wesentliche gefordert und von dem Abg. 
Ledebour (Soa) namens der Antraqiteller schlieklich zuge— 
tanden. 
Der Antrag Albrecht-Ablaß wird mit 162 gegen 155 Stimmen 
bei 4 Stimmenthaltungen abgelehnt. 
Angenommen wird darauf der Kommisfionsantrag, 
vonach den Heizern von der gestrichenen Zulaägen-Summe von 
20 000 M der Betrag von 400 000 A wieder zugebilligt wird. 
Bei, den Ausgaben für mittlere und Kanzleibeamte 
m Reichsmarineamt und Marinekabinett hat die Budgetkommisston 
die neu angeforderten 3 Registratoren und 4 Kanzleisekretäre ge⸗— 
trichen. Nachdem der Referent der Kommission Abg. Frhr. v. 
Thünefelde (8.), namens der Kommission die Streichung 
ehen tritt er als Abgeordneter für einen von ihm in Gemein— 
scchaft mit dem Abg. Dr. Paasche gestellten Antrag ein, die 
geforderten Stellen zu bewilligen, aher 'als fünftig wegfallend zu 
ezeichnen. 
Abg. Noske (Soz.); Nehmen Sie diesen Antrag an, so ist die 
von der Kommission geleistete Arbeit zum größten Teil zwecklos ge— 
vesen. Der Antrag, die Stellen als künftig wegfallend zu bezeichnen, 
st sehr geringwertig, wenn nicht ganz werllos, denn sind die Siellen 
rinmal bewilligt, so wird uns imnier wieder gesagt werden, sie 
vären auch absolut notwendig. Die Mißstände im Kanßzlei— 
vesen, nicht bloß bei, der Marine, sondern in allen Zentraldehör⸗ 
den, haben zu weitschichtigen Erörterungen in der Kommission ge⸗ 
ührt. Es wird in allen diesen Kangzleien viel zu teuer gearbeitet. 
Die Herstellung eines Bogens Schreibarbeit dostet in manchen 
Keichsämtern fünf Mark, ein unglaublich hoher Preis. 
Die Arbeitszeit an sich, abgesehen von den Ueberstunden beträgt nur 
Stunden; auch ich bin für eine kurze Arbeitszeit, weil dadurch die 
Intensität der Arbeit gesteigert wird. In diesen 7 Stunden muß 
edenfalls fleißig gearbeitet werden. Wenn wir keine nenen Stellet 
ewilligen, so zwingen wir damit die Verwaltung, Reformen einzu— 
ühren, Ein Hemmschuh ist die Bestellung von Misitäranten 
die nicht hinreichend qualifiziert sind. 
Staatssekretär des Reichsmarineamts v. Tirpitz: Der Vorred⸗ 
ier verwechselt Arbeitszeit mit Arbeitspensum. Die von uns 
ingeführte Kanzleiordnuug hat die Zustimmung der übrigen Reichs⸗ 
imter gefunden, die das bisherige Pensum erhöht haben. Ich möchle 
»abei bemerken, daß die Marineverwaltung dieses erhöhie Pensum 
chon seit 30 Jahren gehabt hat. Die Marineverwaltung sieht 
rutzerdem auch im Begriff, dieses Pensum noch zu erhöhen. Jeden 
all brauchen wir absolut zuverläsfige Leute für diesen Dienst. Oft 
andelt es sich um Militäranwärter, die, wie in der Kommission 
chon richtig ausgeführt wurde, mit der Diätarzeit MWJahre gedient 
zaben, Ich kann meinerseits den Antvag der Herren v. Thuneseld 
ind Paasche nur dringend befürworten, und zwar aus dem Grunde, 
veil die drei Beamten, um die es sich handell gewiffermaßen uner 
der Kusicherung eingetreten sind, daß sie fpaäter in diese Siellen 
kommen würden. Ferner handelt es ich nicht, auch da ift der Aiba. 
Noske wiederum im Irrtum, um eine neue Vermehrung des Ver— 
sonals, sondern die Zahl bleibt dieselbe. Durch den Antrag Thuüne- 
seld wird übrigens für die Zukunft das erreicht, was die Herron auf 
der äußersten Linken wollen. 
Abs. Noske: Der Unterschied zwischen Arbeitszeit und Pensum 
ist mir keineswegs entgangen; der Siaatssekretär Fet nicht richtig 
verstanden, was ich gesagt habe. Auch das erhöhte Penfum ist noch 
nicht genügend hoch. Fuͤr rein mechanische Arbeiten brauchen keine 
reue Srehen eihen zu ee — 
r Antrag v. ünefeld wird mit großer Mehrheit abgelehnt; 
das Haus beschließt nach dem Korm ee Vehehen dae Die 
»on der Kommission vorgeschlagene Resolution, den Herrn 
keichskanzler zu ersuchen, alsbald die ersorderlichen Maßnahmen 
u treffen, um in den rerschiedenen Reichsbehörden eine genügende 
einheitliche Arbeitszeit der Beamten und durch anderweitige Orga⸗ 
nisation, eöne Verbilligung der Kanzleiarbeiten herbeizuführen de- 
‚/angt fast einstimmig zur Annahme. 
Zu den Ausgaben für Betriebs-, Reinigungs-, Beleuchtungs⸗ 
und sonstige Materialien 26 889 000 im Kapitel Indienst⸗ 
haltungen liegt folgender Antrag Albrecht (Soz.) vor 
»en Herrn Reichskanzler zu ersuchen Arbeiten und Liefe— 
zungen für die Marineverwaltung nur an soslche 
Firmen zu vergeben, die in Beziehung auf die Arbeitsbedingun⸗ 
jen die gesetzlichen Vorschriften einhalten und sich verpflichten, 
ur Regelung und Sicherung der Lohn- und Arbeitsbedingungen 
uuf den Abschluß von Tarifverträgen hinzuwirken, sowie die 
Marineverwaltung anzuweisen, die Festsetzung oder Neuordnung 
jon Arbeitsbedingungen in den Reichsmarine-Betrieben unter 
Mitwirkung der Arbeiterausschüsse vorzunehmen. 
Abg. Hue (Soz) befürwortet die Annahme dieser Resolution 
unter Hinweis darauf, daß der Reichstag schon 1908 einen ganz 
ihnlichen Beschluß gefaßt habe, ohne daß doch bisher die Ver— 
valtung dem Verlangen, die Arbeiterausschüsse bei der 
fORrdnung der Arbeitsbedingungen heranzuziehen, entsprochen 
habe. In Bezug auf den ersten Teil der Resolution sei anzu— 
rkennen, daß sich in dem Marinebetrieb manches gebessert habe. 
Der Arbeiterschutz, die Befolgung der gewerbepolizeilichen Vor— 
chriften dagegen liegen auf den für die Marine liefernden Werken 
noch sehr im argen, wie die unverhältnismäßig große Zahl der 
Unfälle auf diesen Werken beweise. Endlich müsse der Abschluß 
von Tarifverträgen auch bei dieser Gelegenheit wieder verlangi 
werden; die Arbeiter sollten auf diesem Wege ihren Anteil an 
dem Gewinn von diesen Lieferungen erhalten, und 
s solle verhiudert werden, daß durch fortgesetzte Lohnreduktionen 
die Werksbesitzer den ganzen Gewinn an sich brächten und die 
Arbeiter leer ausgingen. Auf zahlreichen Werken, die Schiffs⸗ 
naterialien liefern, seien ganz bedeutende Akkordlohn-Reduktionen 
vorgenommen worden; auf einem westfälischen Stahlwerk seien 
die Lobhnverhältnisse so schlecht geworden, daß im Januar eine 
zroßfze Anzahl Arbeiter die Arbeit niedergelegt hätten. Die Firma 
strupp sei Hauptlieferantin für die Marine; dort sei an die Stelle 
des friüiheren Kolonnenakkords der Einzelakkord getreten, wodurch 
eine große Arbeitsintensität erreicht werde. Die Folge der ständig 
vorgenommenen Lohne und Akkord-Reduktionen müsse natürlich 
eine Verschlechterung der Qualität der Leistungen sein. Es sei 
ja allerdings sehr schwer, aus dem, Marineetat überhaupt klug zu 
werden, aber wenn bei den angeforderten Summen die Herab⸗— 
setzung der Akkordsätze in die Erscheinung trete, so würden nicht 
nur die paar tausend Mark Heizerzulagen herauskommen, sondern 
auch die 5 bis 6 Millionen für die Veteranen. Die Marinever— 
waltung müsse bei, der Vergebung von Lieferungen darauf 
dringen, daß die Firma Kruppmit ihrer Arbeiterschaft, in 
einem vatriarchalischen Verhältnis stehe, dann gewinne der 
Reichstag auch eine Grundlage für die Berechnungen der Marine⸗ 
verwaltung. Deshalb verlangen wir Einführung von Tarif— 
verträgen. Wir können die Mitwirkung der Marinever— 
valtung bei der Einführung von Tarifverträgen um so mehr ver⸗ 
langen, weil ja im vorigen Jahre das Reichsamt des Innern 
in einer Denkschrift Mitteilungen über die Entwickelung der 
Tarifverträge und deren vorzügliche Wirkungen gemacht hat. Es 
heftanden schon damals über 6000 Tarifverträge in Dentschlaud 
ä 
iber lein einziger ist abgeschlossen mit der Groß⸗Industrie, und 
iese ist am wenigsten geneigt, punsen der Arbeiter ent⸗ 
egenzukommen. Die dteichsregierung hat doch ihren Einfluß 
nsgeubt beim Abschluß von Syndikatsverträgen. In den letzten 
Jahren hat die Familie Krupp einen glatten Gewinn von 46 
Nillivnen Marke eingesteckt. Man solle doch annehmen, 
aß eine solche Firma bei ihrer Vreisgestaltung sich 
o. verhält, daß das ohnehin verschuldete Deutsche 
Feich nicht noch mehr in Schulden cerät. 
dir verlangen die Festsiellimg von Tarifverträgen, um die Arheiter 
jor willkürlichen Lohnherabsetzungen zu schützen. Nach unserem 
ntrage kommen die der Marine bewilligten Millionen den breiten 
Massen des Volles, nicht kleinen Kasinokreisen zpu per Im Lönig 
eich Stumm sind die Wohnungsverhältnisse, äußerst 
chlecht, dabei ist die Ordnung der Wohnungsfrage ein Wertmesser 
ür die Kultur eines Volles. Ich bitte also im Interesse der 
reiten Schichten des Volkes, imsere Resolution anzunehmen. 
Bravo! bei den Sozialdemokraten.) 
Staatssekretär v. Tirpitz: Was die Unglücksfälle anbetrifft, die 
n verschiedenen Zweigen der Privatindustrie stattgefunden haben, 
ind bei denen Lieseranten der Armee in Frage kommen, so sehlt mir 
ie Befugnis, darüber zu sprechen. Etwas anderes ist es natürlich 
ezüglich der Vorgänge bei Lieserungen, die für die Maxine aus⸗ 
cführt werden. Es ist gar nicht möglich, in alle die Details, die der 
zorredner angeführt hat, hineinzusteigen. Es handelt sich da wd 
ur um eine große Zahl von Werken, sondern auch um eine Unzahl 
jon einzelnen Werkstätten, und es wülrde h der 
Harineverwaltung unmöglich sein, ein derartiges Malerial von diesen 
zu erhalten, wie es der Abg. Hue wünscht. Wir können auch gar 
nicht wissen, wie in den einzelnen Werken, in den einzelnen Werk⸗ 
tätten sich die Akkordsätze gestalten, wie diese durch eine bessere 
Arbeitsteilung, durch neue Arbeitsmelhoden beeinflußt werden. Eine 
dontrolle nach dieser Richtung würden sich die Firmen einfach 
ucht gefallen lassen. Den besten Beweis, wie schwierig die Sache 
st, bleten die Ausführungen des Vorredners über die Wohnungs- 
»xrhältnisfe. Es ist doch undenkbar, daß wir uns um die 
Pohnungsverhältnisse aller Arbeiter bekümmern können, die in 
Betriehben beschäftigt sind; die für die Marine liesern 
Der Vorredner hat auch die Fir ma Krupp angeführt, und da 
nöchte ich doch sagen, die Gerechtigkeit erfordert — soweil ich bersön— 
ich einen Einblick gehabt habe — festzustellen, daß kaum eine Firma 
opiel für die Wohnungsverhältnisse ihrer Arbeiler und die Ärbei— 
erverhältnisse üherhaupt getan hat, wie die Firma Krupp. Wenn 
er Vorredner die Riesengewinne der, Firma angeführt hat, so 
nögen diese Zahlen ja zutreffen. Er hat aber 33 erwähnt, was 
ür Kapitalanlagen Krupp investiert hat. Ob es an sich zum 
ʒchaden ist, wenn wir in unserem Vaterlande einzelne Leute haben, 
ie aroße Vermögen besitzen, möchte ich dahingesteilt fein laffen. Ich 
rinnere nur an das Land der „unbegrenzten Möalichkeiten“. Da 
Jat es auch eine gewaltige Vorwärtsbewegung veranlaßt, daß Leute 
da waren. die ein großes Unternehmen, wozu der Staat das Geid 
richt hatte, durchführten. Bei den Gewinnen, die der Äbg. Hue 
senannt bat, stammt doch immer nur ein kleiner, meistens ein Jehr 
leiner Teil aus den Marinelieferungen. Ich komme zu den Re— 
olutionen selbst. Die erste Forderung erfüllen wir bereits 
zollständig, gehen sogar darüber hinaus. In den Bestimmungen 
iber die Verdingungen heißt es: Es sind nur solche Bewerber zu de⸗ 
ückfichtigen, welche für die bedinaungsmähige Ausführung sowie für 
ie Exfüllung ihrer Verpflichtungen gegenüber den Handwerkern 
und Arbeitern die erforderliche Sicherheit bielen. NAusgeschlossen 
don der Berücksichtigung sind solche Angebote, die offenbar, im Miß— 
verhältnis zu der Leistung stehende Preisforderungen enthalten, so 
zaß der aeforderte Preis eine richtige Ansführung nicht erwarten läßt. 
Nün ist aber die Ueberwachung Sache der Landesbehörden. vie 
Marineverwaltung hat nicht das Recht, einzugreifen, se kann 
ich nur an die betreffenden Stellen wenden. Was die Hinwir— 
kung auf den Abschluß von Tarifverträgen betlrifft, so ist 
es mir gerade nach den Ansführungen des Äbg. Hus klar ge⸗ 
worden, daß diese Frage einer gruͤndlichen Erwͤgung vedarf. 
Es handelt sich dabes um ein sehr wichtiges Prinzip. Dazu fann 
ein einzelnes Ressort, wie die Marineverwaltung, nicht Stellung 
aehmen, sondern das ist Sache des Reiches und muß im Einver⸗ 
zehmen mit allen anderen in Betracht lommenden Stellen ver— 
zandelt werden. Was den leßten Punkt der Resolution vbetrifft. 
ie Mitwirkung der Arbeiferausschüssfe, so wird der 
Forderung ebenfalls vollständig entsprochen. Mir verfahren 
urchaus bestimmungsgemäß. 
Abg. Giesberts (Zentr.): Die Resolution deckt sich im we⸗ 
euntlichen mit derjenigen, die schon 1308 von meinen Freunden 
zestellt und damals angenommen worden ist. Nach den Mittei— 
ungen des Bundesrats schweben die Erwägungen darüber vor⸗ 
äufig noch, und wir haben uns gesagt, daß wir derartige Reso⸗ 
utionen nicht wiederholen wollen. Bei der Beratung des 
lrbeitskammergesetzes wünschten die Verbündeten Regierungen, 
ie steatlichen Arbeiter ausgeschlossen zu sehen. Dann aber dür⸗ 
en wir wohl erwarten, daß der Ausbaun der Arbeiterausschüsse 
nach der Richtung erfolgt, daß sie leisten, was sonst die Arbeits⸗ 
kammer leisten würde. Weiter wünschen wir, daß die Arbei⸗—⸗ 
terausschüsse bei der Gestaltung der Lohn- und Arbeits⸗ 
erhältnisse, vor allen Dingen bei der Neuregelung von Akkord⸗ 
ätzen mehr als bisher gehört werden. Auch das ist keine un⸗ 
illige Forderung. Was die Wohnungsfrage anbetrifft, so will 
ch erwähnen, daß die Stadtverwaltung in Essen gerade dieser 
Frrage ihre Aufmerksamkeit zugewendet hat. Sie hat in Gemein— 
chaft, mit der Firma Krupp und mit. der Landesversicherungs⸗ 
anstalt ganz bedeutende Kapitalien zur Verfügung gestellt, so⸗ 
vohl für, die Erstellung von Eigen- wie von Mietswohnungen, 
ie auch interessante Studien üher das Erbbaurecht ermöglichen. 
Man kann nur hoffen, daß diese Bestrebungen nach allen Rich— 
ungen hin Unterstützung finden. Der Gerechtigkeit halber muß 
estgestellt werden, daß die Millionen-Ueberschüsse der Krupp 
Thyssen usw. wieder der Befruchtung der ganzen Industrie 
m rheinisch⸗-westfälischen Gebiete dienen. 
Während dieser Worte des Redners wird der amtliche Ste⸗ 
rograph Dr. Neupert anscheinend von einer Ohnmacht be⸗ 
roffen und sinkt zu Boden. Die Abag. Dr. Struve und Dr. 
ighan bemühen sich um ihn, und er wird aus dem Saale ge⸗ 
zracht. 
Vizepräsident Schultßz: In der Hoffnung, daß der Unfall 
orübergeht, bitte ich den Redner, fortzufahren. 
p Abg Glesner Is vricht nach einer urzen Bemerkung seine 
ede ab. 
Abg. Huẽ (Soz.) empfiehlt nochmals die Resolution; die 
kinwendungen des Staatssekretärs seien rreug gewesen. 
Staatssekretär v. Tirpbiß: Wir werden selbstverständlich 
nöglichst dahin wirken, daß man den Arbeitern gerecht wird. 
zch habe die Resolution nicht abgelehnt, nach den Ausführungen 
es Abg. Husẽ scheint mir aber eine eingehende Prüfung des 
Portlauts notwendig zu sein. 
Vizepräsident Schultz teilt mit, daß über diese Resolution 
norgen namentlich abgestimmt werden soll. — 
Abg. Severing (Soz.): Wir wollen nicht, daß ein 7⸗beliebi⸗ 
zer Arbeiter bei der Lohnfestsetzung herangezogen werde, son— 
ern die vom Vertrauen der Arbeiterschaft getragenen Ausschüsse. 
die Arbeiterausschüsse sollten nicht zu Karikaturen 
evabgewürdigt werden. . 
Geh. Admiralitätsrat Harms: Die Arbeiterausschüsse wer⸗ 
den bei Beschwerden angehört, eine Einrichtung, die sich ausge⸗ 
ceichnet bewährt hat. In Kiel werden ständig Arbeiter zum 
dalkulationsbureau hin ungezogen. 
Abg. Giesberts (312.5: Die Arbeiterausschüsse müssen min⸗ 
estens gutachtlich gehört werden. 
Ab Severing (Soz.); Damit sind wir nicht zufrieden. Ihre 
VUtitwickung ist bei der desepuns der Alkkordsätze notwendig. 
Die Position wird, bewilligt. 9— 
Bei den Ausgaben für die Bekleidung empsiehlt 
viederum wie im Vorjahre 
Abg. Werner (Rfp.) eine Aenderung der Uniform der In⸗ 
endantursekretäre, — wie weit die Ermittlungen 
arüber gediehen seien, und beklaat den Kastengeist in den be— 
reffenden Beamtenkreisen. J 
Vizeadmival Capelle: Die Bestimmungen über die Beklei— 
ung der Marine datieren seit 1891. Das Reichsmarineamt hat 
ich entschlossen, einen neuen Entwurf der Bekleizungsbestimmun⸗ 
ren aufzustellen. Dabei sind aber so quserogden o iele Schwie— 
igkeiten entstanden e die 5 der verschiedenen Be⸗ 
intenkategorien, daß es ihm bisher noch nicht gelungen ist, einen 
allseitig befriedigenden Entwurf aufzustellen. 
Abg. Dr. Struve V.): Ich muß bestreiten, daß n der 
Uerine ein heihnderer hastenageist berricht. Der Kastengeist wird 
öchstens gefördert durch solche BVerordnungen, wie die eines 
Staͤuionschefs, der dem Nachwuchs der Ingenieure verbot, un 
parkett und ersten Rang des Th eaters 31itzen, weil da auch 
zie Damen der Offiziere sizen. Tine Vereinfachung der Uniform 
vůrde im allgemeinen Inleresse liegen. Die Klagen der Schnei— 
Ferinnung über die Konkurrenz der Marineschneider sollten be— 
ücksichtigk werden. 
Slaatsfekretar: v. Tirviß: Ih muß doch einige Worte der 
Erwiderung sagen auf die Behauptung, die sich gauf einen Sta— 
souschef bezieht, der oor fürzerer Reit seinen Abichied eingereicht 
at. Der Abg. Struve hat ausgeführt, daß dieser einen Stations⸗ 
zefehl erlafsen hat, der einen „Kastengeist“ in der Marine sproß 
u ziehen geeignet sei. Ein solcher Statiogsbefehligt 
nicht en worden. Richtig ist nur das Folgende: Es 
war bereits ein Jahr vorher der Befehl am samtliche Fahnriche 
zur See ergangen, im Theater nicht im ersten Rang und dort in 
der ersten Reihe I die Motivierung für diese Aenderung 
— —— 
pekuniar von den Eltern abhängig sind, zur Wirtschaftlichkeit an— 
gehalten werden sollten. Ein Jahr häter wurde 8 notwendig, 
dieselbe Anordnung auch für die Zahlmeister- und Ingenieur— 
ijpiranten zu exlassen, da auch hier Mißstände bemertt worden 
varen und veide Kategorien sich gegenseitig in die Höhe steigerten. 
xs ist also nur befohlen, was für die Offiziersaspiranten schon an— 
eordnet war. Da Herr Struve hier wiederum etwas gesagt hat, 
das der Natur der Sache nach in die Marine erneut Unfrieden 
sexeinbringen muß — gewiß tut er das nicht mit Absicht — so 
nöchie ich ihm aber doch zu bedenken geben, ob es wirklich im 
Interesse der Marine liegt, wenn immer wieder auf diese Weise 
Unfrleden in die Marine hereingebracht wird durch solche Aus⸗ 
Ahrungen, die nicht einmal eine innere Berechtigung haben. 
Abg. Werner: Ich habe die Beamten natürlich auch keineswegs 
eleidigen wollen. Vaß unter den Beamten eine gewisse Rivalität 
esteht. hat der Admiral Capelle selbst zugegeben. Was die hohen 
doften für die Uniform betrifft, so könnte doch die Galauni— 
orm als ziemlich überflüssig ganz verschwinden. Dem Verlangen 
des AÄbq. Sirnde bezüglich der Schneiderinnung kann ich nur voll- 
ommen beipflichten. 
Abg. Dr. Struve: Der Staatssekretär hat mehrfach behauptet, 
urch meine Aeußerungen würde Unzaufriedenheit in die Marine 
ineingetragen. Ich befinde mich mit diesem Vorwurf in sehr guter 
Vesellschaft, in der Gesellschaft des Großadmirals v. Tirpitz, der zu⸗ 
zegeben hai. daß die Heizerzulage gestrichen wurde. Es ist doch so, 
ah den Zahlmeistern und dem Ingenieurnachwuchs 
erboten worden ist. Parquet und ersten Rang zu besuchen, wenn da⸗ 
nals anch Fähnriche unter der Hand denselben, Befehl hekommen 
aben. so wäre es doch ein Leichtes gewesen, durch irgend eine kleine 
stotiz der berechtigten Unzufriedenheit des Ingenieurpersonals ab- 
uhelfen. Es ift nicht geichehen, ob mit Absicht oder nicht, weiß 
ch nicht. ich konstatiere nur die Tatsache. 
Staatssekretär v. Tirpitz: Der Befehl wegen der Fähnriche ist 
in Jahr vorher von der zuständigen Stelle, d. h. der Inspektion des 
ßildungswesens, ausgegangen. Daß die anderen Offiziersaspiran- 
en diesen Befehl nicht gekannt haben sollen, kann ich mir allerdings 
uücht vorstellen. Der gleiche Befehl an die Zahlmeister und Inge— 
nieuraspiranten mußte durch Stationsbefehl erlassen werden, weil 
iese, Aspirantenkategorien über die ganze Marine zerstreut sind und 
er schriftliche Tagesbefehl daher die übliche Methode der Befehls— 
xteilung an sie ist. Ich habe den Stationsbefehl hier. Ich halte 
hn auch für vollständig richtig. Die Zahlmeisteraspiranten setzten 
ich in den exsten Rang vor die Admixale auf die teuersten Plätze. 
Das entspricht nicht den militärischen Anschauungen, verstößt gegen 
»as militärische Gefühl und ist aus wirtschaftlichen Gründen falsch. 
Zo lieat die Sache. Sie ist absolut klar und korrekt. Der Abg. 
Struve hat sich auch die Gelegenheit nicht entagehen lassen, mich 
wieder als Sündenbock wegen der Heizerzulagen hinzustellen. 
Sehr richtig! links.) Er vergißt, ganz, daß er der Rufer im 
3treit gewesen ist. Cachen links.) Nachher habe ich vor einem 
deschluß des Hauses gestanden; am liebsten hätte ich überhaupt an 
en Zulagen nichts geündert. Was nun den Vorwurf betriüift. daß 
ch die Marineingenieure und Zahlmeister vernach⸗ 
assigte, so hat kein Vorgänger vor mix sodiel für diese beiden Kate- 
worien getan, wie der jetzige Staatssekretär des Reichsmarineamts. 
Zum Teil habe ich die höheren Stellen der Zahlmeister, und Inge⸗ 
ueure überhaupt erst geschaffen, ferner habe ich mich während 
neiner ganzen Dienstzeit immer und mit Erfolg bemüht, niedere 
SZtellen in höbere umzuwandeln. Besonders bei den Zahlmeistern 
it mir das in hohem Maße geglückt. Ferner habe ich die Ingenieur- 
rarriere dahin geändert, daß während sie früher bis zum Ingenieur 
etwa 13Jahre dauerte, fie jeßt nur RJahre dauert. Hört, hört! rechts./ 
nd damals war, weil diese lIange Zeit nötig war, ein relatiw 
ebr hohes Anfangsgehalt für die Ingenieure festgesetzt worden; 
roßz der Verkürzung der Dienstzeit, die durch mich durchgeführt 
vorden ist, habe ich an dem sehr, hohen Anfangsgehalt der 
Ingenieure nichts geändert. Ich habe ferner, mit großer Mühe 
ind Anstrengung fuͤr beide Kategorien die Seefahrtzulagen durch⸗ 
esetzt. während die Seeoffiziere, die ich so begünstigen soll, die 
inzige Offizierskategorie in der Marine sind, die keine Seefahrts⸗ 
ulagen bezogen hat oder bezieht. So ist es gekommen, daß die 
kinkommensverhältnisse der Ingenieure sich erheblich geändert 
saben und sich im Vergleich, zu den Seeoffizieren zugunsten der 
Ingenieure noch weiter verschieben werden, sofern die Avance⸗ 
nentsverhältnisse der Seeoffiziere, was in einigen Jahren un⸗ 
ermeidlich ist, sich verschlechterrn werden. Das ist die Ver⸗ 
nachlässiaung, die ich den beiden Kategorien habe zuteil werden 
lassen. Ich bedauere, daß ich das in der Oeffentlichkeit habe aus⸗ 
sprechen müssen, aber nach dem Angriff des Abg. Dr. Struve 
blieb mir nichts anderes übrig. 
Abg. Dr. Struve (f. V.); Um eine Legendenbildung nicht 
zufkommen zu lassen, sielle ich fest, daß ich nicht der Rufer im 
Streit gewesen bin. Ich habe immer,betont, daß die Bordzulagen 
—I Berechtigung hätten, daß die Heizerzulagen bleiben 
müßten. 
Vizepräsident Schultz: Die Heizerzulagen stehen doch in sehr 
geringem Zusammenhang mit den Werftbetrieben (Sehr richtig! 
und große Heiterkeit.) 
Staatsfekretär Tirpitz: Ich habe nicht von diesem Streit ge⸗ 
prochen, fondern von dem Kaimpf, gegen das Zulagewesen über— 
haupt. Miit ihm stellte uns das Haus vor die schwierige Lage. 
Jas Zulagewesen zu revidieren und hierbei war der Abg. Struve 
Kufer im Streit. Webh. Sehr richtig! rechts und Heiterkeit.) Und 
vomit wolite der Abg. Struve die Heizerzulage decken? — In⸗ 
dem er die Kommandantenmessen abschaffen wollte, die 
uch auf jedem ndech bestehen. Das ist unmöglich. 
Abg. Mommsen (f. VB.): Meinem Freunde Struve ist es 
nicht im Traum eingefallen, die Heizerzulagen aus den Kom— 
nandantengehältern zu decken. Hätten wir gewußt, daß dit 
dalfte der gewünschten Ersparnisse auf Kosten der Mannschaften 
semacht werden soll, so hätte das Haus von vornherein nein dazu 
jesagt. GSehr richtig! links.) 
Der Titel wird vewilligt, ebenso eine Reihe weiterer Titel. 
Kap. 58 Reise-, Marsch-und Frachtkosten. 
Abg. Dr. Struve (f. V.): Die Reisegelder der Offi⸗— 
iere, namentlich der höheren, sind vielfach noch zu hoch, woj ür 
ich eine ganze Reihe Beispiele anführen lassen. 
Vizeadmiral Capelle: Die Reisekosten sind in Preußen durch 
gesetz festgelegt, und auf das Reich, wo die Verhältnisse anders 
segen, durch Bundesratsbeschluß übertragen worden. An den 
Auslandkosten wird gegen früher doch ganz erhebhlich gespart. 
Das Kapitel wird bewilligt. 
Kapitel 60, Instandbaltunag der Flotte und der 
Werften. 
Abg. Dr. Leonhart (s. Vp.); Bedauerlich ist, daß junge 
reute, die die Dinge noch nicht äbersehen konnten, wegen ihren 
zeugenaussagen im Kieler Werft-Prozeß gemaßregelt 
vorden sind. Auch sollen ältere Beamte nicht mehr, wie neuer⸗ 
ings geschehen ist, im Außendienst verwendet werden. Der 
dastengeist wird tatsächlich vor oben genährt nach dem Grundsatz 
livide et inpera, Man sollte nach dem Muster der Arbeiteraus— 
chüsse auch. Beamtenausschüsse bilden. Eehr richtig!) 
die ungeteilte Dienstzeit, die seit dem vorigen Jahre eingeführt 
st, hat sich durchaus bewährt. Die Werftdirektionen werden sich 
Jaran gewöhnen müssen, mit den Verbänden der Angestellten zu 
erhandeln. Der Grundsas „Herr im Hause sein“ ist veraltet 
Die Beschwerden der Maministen und Beamten sind vielfach, auch 
iach anderen Richtunge berechtigt. Beanmte, die Schmier⸗ 
delder annehmen oder gar erpressen, können nicht hart genug 
estraft werden. (Sehc richtia!“ Schärfere Muisicht ist nötia,
	        
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