Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

Inland und Ausland. 
Deutsches Reich. 
Die Kaiserreise. Die Nordd. Allg. Zts. stellt gegenüber 
einer Presseineldung, als ob von Berlin aus beim Vatikan 
Bemuhungen im Gange seien, um die „Zulassung des Kaiser⸗ 
befuchs in Rom'! zu erlangen, fest, daß von solchen diplo— 
matischen Verhandlungen mit der Kurie in keiner Weise die 
Rede ist. (Tel.) 
Zum Militär-⸗Etat. Die Budget-⸗Kommission des 
NReichstages, die gestern in der Beratung des Militär⸗ 
etats fortfuhr, nahm eine Resolution an, wonach der Reichs⸗ 
kanzler ersucht wird, in Erwägungen über Aenderung der 
Zivilversorgung der Militäranwärter einzu— 
treten und hierbei die Frage der Ansiedelung von Militär 
anwärtern zu prüfen. Erwähnenswert aus den gestrigen 
Verhandlungen ist noch die Erklärung des Kriegs— 
ministers auf eine Anfrage von sozialdemokratischer 
Seite, die Bezirkskommandos führten keine Liste 
über die politische Gesinnung der Mann— 
schaften des Beurlaubtenstandes. (Cel.) 
Naturschutzvark in der Luneburger Heide. Die Gründung 
eines Naturschutzparkes in der Lüneburger Heide, die durch 
einen Antrag des nationalliberalen Abgeordneten Eder 
(Winsen) im preußhischen Abgeordnetenhaus gefordert wird, 
dürfte bei der Staatsregierung vorläufig auf Schwierigkeiten 
stoßen. In nächster Zeit wird die Angelegenheit aber doch 
zur Entscheidung kommen müssen, da der Verein zur 
Gründung eines Naturschutzparkes in der Lüne— 
burger Heide mit dem Sitz in Stuttgart etwa 1000 
Hektar Heide am Wilseder Berg in der Limeburger 
Heide angekauft hat und beim preußischen Finanzministerium 
den Antrag stellte, diese Idee durch Etatsmittel zu unter⸗ 
stützen und wenigstens einen Teil der Kosten, die sich auf drei 
Millionen Mark belaufen, durch Etatsmittel zu decken. Auch 
bei der Forstverwaltung wird der Antrag gestellt, dem Ver—⸗ 
ein eine gewisse Fläche Staatsforsten zur Verfügung zu 
tellen. (Tel.) 
Reichsversicherungsordnung. In der gestrigen Sitzung der 
Reichsversicherungskommission wurde der Rest des sechst en 
Buches (88 1572 h—-1754) unter Annahme der Kompro—⸗ 
mißanträge über das Verfahren in Unfallsachen und 
das Verfahren vor dem Reichsversicherungsamt, im übrigen 
mit einigen unwesentlichen, hauptsächlich redaktionellen Aende—⸗ 
rungen nach den Beschlüssen der ersten Lesung erledigt. 
Reichstagskandidaturen. Für Neustett in haben die Na⸗ 
tionalliberalen den Kommerzienrat Kohnke⸗Grune⸗ 
wald als Kandidaten aufgestellt. — Im Wahlkreise Kalau⸗ 
Luckau ist nicht Regierungsrat Leidig, sondern Tuchfabrikant 
Kos-Finsterwalde von den Nationalliberalen als gemein— 
samer Kandidat der liberalen Parteien aufgestellt worden. — 
Als nationalliberaler Reichstagskandidat wurde in 
Dsnabrück Generaldirektor Stoeve⸗-Berlin, früher in 
Magdeburg, aufgestellt. — In Salle haben die National⸗ 
liberalen auf einen eigenen Kandidaten verzichtet und be— 
schlossen, die fortschrittliche Kandidatur des Kon⸗ 
ditors Pfautsch mit aller Kraft zu unterstützen. 
Beteranenreise nachh Frankreich. In diesem Jahre soll 
wiederum eeine Veteranenreise (die neunte) zum 
Besuche der Schlachtfselder vom Feldzug 1870/71 
veranstaltet werden. Die Zentralstelle für die Veteranen⸗ 
reisen nach Frankreich ist in München, Dachauerstraße 11. 
Sie gibt jede gewünschte Auskunft. 
Eine Schulzahnklinkk wird am 1. April d. J. auch in 
Dortmund eröffnet werden. In einem zentral gelegenen 
Gebäude wird die Stadtverwaltung die nötigen Räume 
ausstatten und zur Verfügung stellen. Die Kinder un— 
bemittelter Eltern sollen unentgeltlich behandelt werden, 
während für andere Kinder ein Jahresabomement von 
1 Mögeplant ist, wie es bereits in Duisburg durchgefährt 
worden ist 
— 
Klein kam sie sich vor, erbarmlich klein in ihrer Furcht, 
daß ihr Gatte ein Schuldiger war. 
»5 
Durch den grauen, flüchtgen Dünensand schritt, tapfer gegen 
den kräftigen Wind ankämpfend, Dorret Bunsen. Sie trug 
einen dunklen, vielgefältelten Rock und über der weiten Bosuntje 
eine dunkle Strichjacke, die sie fröstelnd über der Brust zu—⸗ 
sanimenzog. Ein Helgoländer von schwarzem Wachstaffet war 
jest um das frische Antlitz gebunden, die klare Stirn mit dem 
Blondhaar etwas verschattend. I 
Dorret war schon alle Tage den Weg durch die Dünen 
am Meere entlang gegangen, in der heimlichen Hoffnung, 
den Grafen Timm zu treffen, der seit einigen Tagen im Gor⸗ 
lingshof weilte. . * 
Als er gekommen war, ihr und dem Großvater einen 
Besuch zu machen, war sie nicht daheim gewesen, und im 
Gorlingshofe hatte sie Tium nur so flüchtig gesehen, daß 
sich kaum Gelegenheit bot, ihn allein zu sprechen, und doch 
mußte es geschehen. wi ewvch R 
Mehrmals war sie nun schön in Wind und Wetter ans 
Meer gelaufen, weil sie wußte, daß Graf Timm das schlechte 
Wetter nicht scheute und täglich weite Spaziergänge am Strande 
entlang oder weite Dünenwanderungen unternahm. Bisher 
aber war es ihr noch nicht gelungen, den jungen Seeoffizier 
zu treffen. Dorret konnte kaum noch ihre Ungeduld und Angsi 
zügeln. Wenn sie daran dachte, daß er ihr hier begegnen 
würde, klopfte zwar ihr Herz etwas bänglich, aber siegreich 
lüberwand sie immer wieder diese seige Scheu, und rüstig wan⸗ 
berte fie dahin. * 
Der Wind zauste an ihren Kleidern und warf ihr den 
weißen Wellenschaum ins Gesicht. Glutrot sank die Herbstsonne 
ms Meer. α J 
Einen Augenblick stand Dorret still im Aublick des erhabenen 
Echauspiels. Goldene Tore öffneten sich da drüben in der 
Woltenburg am Horizont, und eine breite Straße, aus lauter 
—AOO 
in den leuchtenden Abendhimmel hinein. d 
Und plotzlich vernahm sie eine Männerstimme, die singend 
Mer klam. Jetzt unterschied sie auch die Worte: 
Wat danzen de Wellen 
So piel un so hoch, 
Just as de Mamsellen 
Opt Burdorp n'n Hrog; 
Kiek blots, wat se flegen 
Op städt'sche Maneer. 
Och. wat för'n Vergnögen, 
Dch, wat för'n Preseer 
sFortsetzung solgt.) 
Syiymvpathiead reffe sür Pfarrer Jatho. Die Gemeinde— 
xrtretung der evangelischen Gemeinde zu Remscheid hat, 
wie die Köln. Itg. meldet, mit großer Mehrheit beschlossen, 
in den Pfarrer Jatho in Köln eine Sympathieadresse zu 
enden. 
Un terstittzung autimod ernistifcher Geistlicher. Der unter 
Führung der Krausgesellschaft in München Ende Dezember 
v. J. erlassene Aufruf zur Sammlung eines Unterstützungs⸗ 
fonds für katholische Geistliche welche wegen Verweigerung 
»es Modernisteneides in Not geraten, hat bis zum 6. 
Febr. ein Erträgnis von 8739,12 Muergeben. Zahlungen 
sind zu richten an das „Separatkonto der Krausgesell⸗ 
schaft, e. V.“ bei der Bayerischen Handelsbank in Munchen, 
Maffeistr. 5. 
Die baheriche Regierung als Helfershelfer des Vatikaus. 
Der Kultusminister hat den Rekurs des früheren Kaplans 
Wieland gegen die bischöfliche Verfügung, die ihn seines 
Amtes wegen Verweigerung des Modernisteneides entsetzte 
derworfen. Als Begründung gibt Herr v. Wehner an, 
nach der festgesetzten Ordnung sei der Bischof jederzälit 
berechtigt, die Vikare ihrer Stellung zu entheben. (Tel.) 
Im Gegensatz zu der badischen Regierung, die ihre Be 
amten, wie es eigentlich selbstverständlich ist, schützt, nimmi 
die bayerische Regierung freiwillig die traurige Rolle al—⸗ 
„weltlicher Arm“ wieder auf sich, wie sie der Staat 
im Mittelalter spielen mußte. (Anm. d. Red.) 
Oefterreich⸗ Ungarn. 
Die Bankvorlage. Die aus je zwei Vertrauensmännern der 
Regierungspartei und der Opposition bestehende Kommission 
fällte die Entscheidung, ob der frühere Handelsminister Kossutk 
als Mitglied des Koalitionskabinetts der österreichischen Re— 
gierung gegenüber zur Erhaltung der Bankgemeinsamkeit ver⸗ 
pflichtet ist. Aus der der Kommission vorgelegten geheimen 
Vereinbarung geht hervor, daß Kossuth sich freie Hand vor— 
behalten hat. Doch wurde festgestellt, daß jene mit Oester— 
reich geschlossene Vereinbarung so unklar abgefaßt ist, daß 
Finanzminister Lukacz in zutem Glauben behaupten konnte 
das Koalitionskabinett habe sich zur Erhaltung der Bank. 
gemeinsamkeit verpflichtt. Die Streitfrage ist da— 
mit beigelegt. (Cel.) 
Holland. 
Eine Kruppfabrik in Holland? Das Echo de Paris mel— 
det, dah das Haus Krupprein Filialwerk in Soef 
oan Holland an der Maasmündung zu errichten ge— 
denkt. Ein größeres Landgebiet sei bereits angekauft, und die 
Bauarbeiten sollen angeblich in kürzester Zeit beginnen. Eine 
Bestätigung dieser Angaben, die vielleicht nur zu den be— 
kannten tendenziösen Zwecken von dem Pariser Blatt in die 
Welt gesetzt werden, bleibt natürlich abzuwarten. 
Gßbritannien. 
Parlamentsverhandlung. Unterstaatssekretär MeKinnon 
Wood erwiderte auf eine Anfrage, er wisse nichts davon, 
dabß außer Großbritannien irgendeine andere Macht gegen 
zie russische Gesetzvorlage über die Fischerei im Weißen 
Meer protestiert habe. Premierminister Asquith kündigte an, 
daß die Einbringung der Vetobill auf den 21. d. M. ver— 
schoben worden sei, da Balfour wegen des Todes seines 
Bruders der Sitzung am Montag nicht beiwohnen könne. 
Die Opposition beantragte ein Amendement, in dem die 
Politik der Regierung in der Homeruleangelegenheit kriti— 
iiert und eine bestimmte Erklärung des Premierministers 
verlangt wird. Asquith bestritt, daß seine Erklärung zu 
der Homerule unklar sei. Die irische Frage könne nur durch 
Schaffung eines irischen Parlaments in Irland gelöst werden. 
Ballanstaaten 
RNeue Gegensätze in der Türlei. Die Ministerkrise in der 
Türkei findet in diplomatischen Kreisen um so größere Be— 
achtung, als es sich immer deutlicher herausstellt, daß es 
äch um ein vielleicht entscheidendes Ringen zwischen Mah⸗ 
mud Schewket Pascha und dem Geheimkomitee in 
Salonili handelt. Schewket Pascha und Großwesir Hakki 
Pascha scheinen entschlossen zu sein, mit der Tyrannei des 
Saloniker Komitees endguültig zu brechen und die Jung— 
türkische Kammerpartei zum Anschluß an die Militärpartel 
zu zwingen. Es kann aus diesen Gründen zu ernsten Ereignissen 
kommen, wenn sich das Komitee in Saloniki nicht fügt. (Tel.) 
Kein Bündnis zwischen Oefterreich und Bulgarien. Die Nach⸗ 
richt des Daily Telegraph über ein Geheimbündnis zwischen 
Desterreich und Bulgarien ist gänzlich erfunden und wird 
nur zu dem Zwecle verbreitet, um die Türkei gegen die ver— 
bündeten Zentralmächte aufzuhetzen. Tatsächlich ist das Vesr⸗ 
hältnis zwischen Wien und Sofia kühler als je— 
mals, was sich auch darin zeigt, daß König Ferdinand 
trotz seines Wunsches in der nächsten Zeit in Wien 
nicht empfangen werden wird und man iedenfalls 
norher den König von Montenearo annebmen wird. (Tel.) 
* 
Tagesbericht. 
Luabeck, 16. Febr. 
Zur Reorganisation des Lübecker Armen⸗ und 
Fgürsorgewefens. 
0 Lübed, 16. Febr. 
Zu den neuerdings in Lübeck immer lebhafter einsetzenden 
Bestrebungen, die nicht nur auf eine Ausdehnung und den 
Ausbau der Berufsvormundschaft hinauslaufen, sondern auch 
ine zweckmäßige und die jetzigen Lücken voll ausfüllend« 
Reorganisation des ganzen Fürsorgewesens erreichen wollen 
jzat der gestrige Vortragsabend des Vereins zur Fürsorge fün 
ntlassene Gefangene und sittlich Verwahrloste über „Die 
Organisation des Hamburger öffentlichen Für— 
sorgewesens“ eine große Fürle äußerst wertvoller An— 
regungen und Fingerzeige gegeben. Als Referenten hatte man 
den Direktor Petersen aus Hamburg gewonnen, der es 
in lichtvoller Weise verstand, die schwierige Organisation der 
ihm unterstellten besonderen Behörde für dieses Gebiet zu 
heleuchten. Durch seine historischen, die eigenartigen Verhält— 
nisse in Hamburg charakterisierenden Darlegungen, sowie durch 
seine besonderen prinzipiellen und detaillierten Ausführungen 
hob sich der Vortrag weit über eine nackte Schilderung der 
Organisation einer Behörde hinaus und er bot noch erheblich 
mehr als eine Begutachtung der in Lübech brennend gewor— 
denen Trennungsfrage der Jugendfürsorge und der Armen—⸗ 
pflege. Vielmehr gab der Vortrag in organisatorischer Hin⸗ 
richt viele sehr wertvolle Fingerzeige da, wo bisher das 
Lübedder Fürsorgewesen versagt hatte, nicht nur wegen der 
mangelnden Zentralisation, sondern auch wegen der Schwierig⸗ 
keiten. die darin lagen. daß es bisher nicht gelungen war, in 
der zweckmäbigsten Weise und in geeigneten Zwischenstufen von 
Person zu Person zu wirken. 
Schon oleich zu Anfang wies Berr Direktor Petersen 
ßarauf hin, daß das eigenartige Merkmal des Hamburger 
Systems die prinzipielle Trennung der Armenpflege vor 
der Jugendfürsorge sei. Es erkläre sich dies nicht nu 
rein historisch. sondern auch rein vernunftgemäß müsse man 
jie sordern. Die Armenfürsorge, die zur Hauptsache für 
einen meist alten abgebrochenen Teil der Bevölkerung zu 
sorgen habe, sei grundverschieden von der Fuürsorge für 
iunge aufstrebende Menschen. Damit unterstrich er alfo 
eine Ansicht, die hier in Labeck wohl schon setzt die 
zrößere Zahl von Anhängern gefunden hat. Sodann grup— 
vierten sich seine Aussuihrungen um 2 Grundsätze, die 
vir hier in Lubeck als sehr bemerkenswert akzeptieren 
nüssen. Das war einmal die Forderung, alles was gesetz 
ich sei oder einen öffentlichen Charakter trage, müsse wie 
in Hamburg durch eine besondere Behörde erledigt werden. 
diese Behörde habe dabeß nicht die Funktionen der freien 
fürsorge, wie z. B. Krippen, Lehrlingsheime usw. auf- 
uheben, sondern solle sie in geeigneter Weise unterstützen 
uind ergänzen. Diese zweite Forderung, die man stellen 
und die man als Hauvptziel verfolgen müsse, durfte nur 
ein. daß kein Fall unbekannt bleibe. Die Arbeit darfe keine 
Zufallsarbeit sein, und es mässe, um das zu errelchen 
das Netz dementsprechend ausgespannt werden durch 
Verwendung von ehrenamtlichen Personen und von be— 
foldeten Beamten, als männliche und weibliche Pfleger, 
als Inspektoren, Ermittelungsbeamten usw. 
Hierbei ging er auf die Organisation des Innen⸗ und 
Außendienstes seiner Behörde ein, um zu zeigen, wie das 
im der Praxis durchzesührt werde. Er wies darauf hin, 
»aß HSamburg mit der Uebernahme des Elberfelder Systems 
jehr günstige Erfahrungen gemacht habe. Besonders hob 
er ferner als zwedmäßig und empfehlenswert die Arbeéi 
besoldeter Säuglingspflegerinnen und die ärztliche Unter— 
suchung der Säuglinge hervor als wirkungsvoll für die 
Bekämpfung von Seuchen, wie Tuberkulose, Syphilis usw. 
Auch dem Koststellennachweeis seines Zentralbureaus schenkte 
der Vortragende empfehlende Worte. Hinsichtlich der Vor— 
nundschaft befürwortete er die gesetzliche Vereinigung der— 
elben auf die Person des Leiters der Behörde für das 
Jugendfürsorgewesen, und er wies ferner darauf hin, daß 
in Hamburg seine Behörde die Ermächtigung habe. selbständig 
Urkunden betreffend die Feststellung der Vaterschaft aus— 
zufertigen, wodurch die Zwangsvollstreckung gegen den un— 
elichen“ Vater sehr wesentlich beschleunigt werden könne. 
Besonders bemerkenswert waren auch die Forderungen, 
die er aufstellte, für seine Behörde im Gegensatz zur Armen 
verwaltung sowohl für die vollständige Fürsorge, wie auch 
Berufsvormundschaft und die Aufsicht über das Kostkin der⸗ 
wesen. Dabei zog er scharf die Grenzlinien für solche Aus— 
gaben, die er seitens seiner Behörde zu machen habe, und für 
solche, die der Armenverwaltung zufielen. Es ging daraus 
deutlich hervor, daß seine Behörde für Obdach, Kleidimg, 
Nahrung usw. in der vollständigen Fürsorge keine Aus 
zaben machen dilrfe, sondern nur für den Beamtenapparat, 
Inspektionsreisen usw. Sinsichtlich der Berufsvormundschaft 
werde es in Hamburg so gehalten, daß sie dort einsetze, 
wo entweder die Vermögensverhältnisse beiderseits schlechte 
seien oder die Umgebung als z3weifelhaft befunden 
würde und ferner auch dort, wo es noch nicht 
fest erwiesen sei, daß das Kind es wirklich gut habe. Eine 
weitere wertvolle Anregung für eine wirkungsvolle Durch— 
führung der Jugendfürsorge bot der Hinweis auf den in 
Hamburg seit Jahren üblichen Strafaufschub. Dadurch werde 
dem Pfleger eine größere Einwirkungsmöglichkeit geboten auf 
die Verhältnisse seines Pfleglings; denn bei Renitenz eines 
bereits vom Schöffengericht verurteilten Kindes oder Jugend— 
liichen, könne die Behörde für die öffentliche Fürsorge den 
Strafaufschub rückgängig machen. Ebenso scheinen uns auch 
für Lübeck die Maßnahmen sehr nachahmenswert zu sein, 
die man in Hamburg für die Auswahl der Pfleger von 
Kindern verschiedener Konfessionen getroffen hat durch zwec⸗ 
mnähßige Bildung von Kreisen und Bezirken, und wie man 
ich dort bemüht zeigt, das Interesse der ehrenamtlich 
ätigen Personen zu beleben durch Veranstaltung von Vor⸗ 
rägen, durch allgemeine Versammlungen, Herausgabe einer 
Zeituns usw. Die Bemerkung, daß ein wirkungs⸗ 
volles Eingreifen das gute Zusammenarbeiten mit 
dem Standesamt unumgänglich notwendig sei, und 
daß sofort nach der Geburt eines unehelichen Kindes 
der Besuch eines besoldeten Beamten der Behörde erfolgen 
müsse zwecks Feststellung. bot ebenfalls eine schätzbare neue 
Anregung. Sinsichtlich der Frage, ob es zwedmäßig sei, für 
dübeck eine scharfe Trennung zwischen Armenwesen und 
Jugendfürsorge auch in der Spitze durchzuführen, äußerte 
sich der Referent später in der Diskussion dahin, daß für 
die Beantwortung dieser Frage in erster Linie die Größe 
ziner Stadt den Ausschlag zu geben habe. Für Hamburg 
jei sie notwendig gewesen. Dem Vorschlage, für Lübeck in 
dem Stadt⸗ und Landamt eine Spitze für das Fürsorgewesen 
zu schaffen, schien auch der Redner nicht prinzipiell entgegen⸗ 
zustehen. 
Es ist nun klar, daß. selbst wenn allen diesen Vorschlägen 
und Anregungen bei der Reorganisation des Lübecker öffent⸗ 
lichen Fürsorgewesens nach dem vortrefflichen Hamburger Vor⸗ 
bilde Rechnung getragen würde, die erhoffte Wirkung letzten 
Endes doch nicht bei den Behörden liegen kann. Vielmehr 
vird es in noch viel weiterem Maße als dies bis jetzt 
geschehen ist, erforderlich sein, daß Personen sich ehrenamtlich 
mit Interesse in den Dienst der Sache stellen, und daß man 
iich unter Umständen nicht geniert, den Mund aufzutun, wenn 
Mißstände kraß zutage treten, so daß die öffentliche Für— 
sor getätigkeit rechtzeitig einsetzen kann. Gerade in diesen 
beiden Punkten bleibt auch in Lübeck noch viel zu wünschen 
übrig. 
V St. Jürgen⸗Verein. In der am Mittwoch abend 
im St. Jürgen-Gesellschaftshaus abgehaltenen Versammlung 
wurde zunächst vorgelegt der Entwurf einer Eingabe des Ver— 
eins Hürtertor-⸗Marli an die Straßenbahnver— 
valtung, betr. den Bau einer Straßenbahn zwischen der 
Marli- und Roeckstraße, und der Vorstand ermächtigt, diese 
Eingabe für den St. Jürgen-Verein zu unterzeichnen. Sodann 
berichtete der Vorsitzende, Herr Landrichter Dr. Pieper, zu 
dem in der vorigen Versammlung gefahßten Beschluß, die Ver⸗ 
waltung der Hafenfähre zu ersuchen, ihre Tampfer statt vom 
Hüxctertor vom Mühlentor abfahren zu lassen, daß ihm von 
Herrn Kapitän Wetterich mitgeteilt sei, er beabsichtige, im 
lommenden Sommer auf der Linie Sophienstrahe⸗Wald— 
ralle (Schwartau) einen neuen Dampfer einzustellen, so
	        
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