Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

licht nur keinen Vorteil, sondern mannigfache Unbequemlichkeiten 
'afte. Insbesondere aber lag ihm jeder persönliche Truck auf 
hm uunterstellte Beamte fern, und er unterschied sich darin sehr 
resentlich gerade von hohen Beamten konservativer Richtung. 
Seine politische Stellungnahme im großen blieb freilich auch 
durch seinen Beamtencharakter unbeeinflußt. Aber als er in 
den Tagen des Zedlitzschen Schulgejetzes die Führung der Oppo⸗ 
ition übernahm, bot er dem damaligen Kanzler und Minister⸗ 
bräsidenten Herrn v. Caprivi seine Demission an, die jedoch ab⸗ 
jelehnt wurde. Man darf ohne Ueberireibung sagen, daß 
Bennigsens Amtsführung für einen beamteten Politiker — nach 
der deutschen Auffassung von der Notwendigkeit einee strengen 
Trennung beider Funktionen — geradezu vorbildlich gewesen 
jt. Freilich hat auch dies Vorbild wenig Nachfolge gefunden.“ 
— —— v* 
Inland und Ausland. 
Deutsches Reich. 
Der Reichskanzler sollte gestern an dem Festessen teil⸗ 
iehmen, das der deutsche Landwirischaftsrat unter Vorsitz des 
Hrafen Schwerin-Löwitz im Hotel Adlon veranstaltet. 
Adelstag. Am 18. Februar findet in Berlin im Hotel 
Bristol der diesjährige Adelstag der Deutschen Adels⸗Ge—⸗ 
rossenschaft statt. 
Der Erlaß des vreußischen Kultusministers üäber die 
Jugendpftege ist soeben in Broschürenform im Verlagé 
Jer J. G. Cottaschen Buchhandlung in Berlin erschienen. Dem 
Frlaß ist noch ein kurzer Anhang „Grundsätze und Rat— 
chläge sür Jugendpflege“ angefügt. 
Die Gewerbeordnungskommission des Reichstages beschloß 
un Mittwoch, daß von sozialdemokratischer Seite eingegangene 
Anträge, welche Materien behandeln, die der Vorlage fremd 
ind, nicht im Rahmen der Besprechung über die Vorlage 
nitberaten werden sollen, sondern erst, wenn die Vorlage 
u Ende beraten ist. Sodann wurde über einen Zentrums—⸗ 
intrag beraten, allen Arbeitern in den Betrieben mit über 
20 Personen bei der regelmäßigen Lohnzahlung eine schriftliche 
Ibrechnung (Lohnbuch, Lohndüte usw.) zu geben. Man stimmte 
darin überein, daß dem Arbeiter eine schriftliche Lohnabrechnung 
segeben werden müsse. Ueber die Art dieser Abrechnung 
zerrschte große Meinungsverschiedenheit. Schließlich wurde eine 
Subkommission von funf Mitgliedern eingesetzt, welche 
vis zur nächsten Sttzung einen entsprechenden Wortlaut fest— 
etzen soll. 
Vertreterbersaumlung des Teutichen Anwaltverenns. Die 
Lertreterversammlung des Deutschen Anwaltvereins, die am 
9. Januar d. J. in Berlin getagt hat, hat einstimmig eine 
desolution dahin beschlossen: „Die Revision der seit dreißig 
Fahren geltenden Gebührenordnung für Rechtsanwälte ist 
ringend erforderlich und bedarf schleuniger Inangriffnahme. 
die Vertreterversammlung hat zugleich den Vorstand des Deut— 
chen Anwaltvereins ersucht, sur möglichste Beschleunigung der 
rurch den zuständigen Ausschuß des Vereins in Angriff genom⸗ 
nenen Vorarbeiten Sorge zu tragen und dieselben dem Reichs⸗ 
ustizamt mit dem Ersuchen um dringende Erledigung vorzu⸗ 
iegen.“ Außerdem hat die Vertreterversammlung folgende The⸗ 
nata auf die Tagesordnung des am 12. und 13. September 
911 in Würzburg stattfindenden Anwaltstages gesetzt: 
W. Empfehlen sich gesetzgeberische Maßregeln gegen eine Ucher⸗ 
üllunog des Anwaltsstandes“ 5 Die Vorbildung der Juristen.“ 
Atalien. 
Vatikan und Quirinal. Die römische Presse erörtert eifrig 
zie Frage der diesjährigen Fürsten besuche in Rom, die 
neisten Zeitungen erkennen an, daß die katholischen Mon—⸗ 
archen, oder solche, die vitle katholische Untertanen haben; 
vus Rücksicht auf den Papst nicht gut kommen können. 
Ihr Fernbleiben dürfe aber nicht als eine Anerkennung von 
ingeblichen Rechten des Papstes auf Rom ausgelegt werden. 
Anderseits sei es ausgeschlossen, daß König Viktor Emanuel 
inderswo als in Rom mit fremden Fürsten zusammentreffe, 
zeshalb sei auch die ansänglich geplante Begegnung mit Kaiser 
Wilbelnt in Venedig aufgegeben worden. 
Die Ausländerfrage. Die zu einem Vortrag von Ed⸗ 
mond Boissier über die Volkszählung und Aus⸗ 
länderfrage einberufsenen liberal-konservativen Wähler 
jaben einstimmig eine Resolution gesaßt, nach der die 
Zwangseinbürgerung der in der Schweiz geborenen 
Ausländer in der Aweiten Generation gefordert wird. 
Jrankreich· 
Der Bau zweier Panzerschäffe. Nach den Ausführungen 
des Marineministers stimmte die Budgetkommision dem 
Vorschlage zu, den Bau zweier Panzerschiffe fur 1911 
in die Privatindustrie zu vergeben, und ersuchte ferner den 
Vlinister, einen Kostenanschlag zu machen für die Mittel, die 
rforderlich sind, um die Marinearsenale mit den zur Ausfük⸗ 
rung aroßher Bauten nötiden Einrichtungen au versekben 
Zürkei. 
Die Kämpfse im Irmen. Ein Teil der arabischen Streit— 
räfte ist von Sinaa in der Richtung auf Hodeida abgerückt, 
wo immer neue Scharen von Arabern eintreffen und die 
Strahen beseßen. Vorgestern dam es in der Umgegend von 
Taaz zu eirem Gesecht zwiscchen den dort lagernden tür⸗ 
lischen Truppen und den Arabern. Auch Inam Jahia hatte 
inen blutigen Kampf mit den Türken, in dem die Araber 
300 und die Türken 100 Mann verloren. Unter 
den Arabern herrscht die Chosera der Gesnndheitszustand 
er Türken ist gut. 
Protest gegen Griechenland. Die Pforte beauftragte den 
Botschafter, bei den Kretaschutzmächten den Pro— 
est gegen die Anwendung des griechischen Wehr—⸗ 
desetzes auf Kreta zu wiederholen und die Aufmerk— 
amkeit der Mächte auf verschiedene Beschlüsse der Kreta⸗ 
tammer zu lenken, darunter den Beschluß, die ariechische revi—⸗ 
dierte Verfassung auf Kreta auszudehnen. 
heer und glotte. 
W. Berkin, 15. Febr. „Nechar“ mit dem Abloösungs— 
„Ansport sür das Kiautschougebiet und Flußkanonenboot 
Tlingtau“ ist auf der Ausreise am 14. Febr. in Tsingtau 
eingetroffen und tritt am 20. Febr. die Heimreise an. Fluß— 
anonenboot „Tsingtau“ ist am 15. Fchr. von Honglong ab— 
senangen. R.“P.D. „Seydlitz“ mit dem Ablösungstransport 
ür „Cormoran“ hat am 18. Febr. von Bremerhaven aus die 
Ausreise angetrelten. „Hertha“ ist am 15. Febr. in Vigo an— 
delommen und geht am 1. März nach Kiel in See. Die 
1Balbflottille ist am 13. Febr. in Kiel eingetroffen und 
Tehr. mit G 1270 mieder in Seoe gedangen 
Neueste Nachrichten und Celegramme. 
Luftschiffahrt. 
W. Kiel, 18. Febr. In Anwelenheit des Prinzen und 
er Vrinzessin Heinrich von Preußen sowie zahlreicher ge— 
adener Damen und Herren erfolgte heute mittag in der 
zalle des Vereins sur Motorluftschiffahrt in der Nordmarlk 
»ie seierlihe Taufe des Luftschiffes der trans— 
rtlantischen Flugerpedition. Nachdem die Besatzung 
oes Luftschiffes für die Fahrt über den Ozean, die Herren 
Dr. Gans, Direktor Brücker, Korvettenkapitän a. D. Fried⸗ 
änder, Dr. Alk und Hauptmann Jördens, dem Prinzen und 
zer Prinzessin vorgestellt worden waren, betraten diese die 
Taufkanzel. Bürgermeister Dr. Lindemann aus Kiel hielt 
odann die Taufrede, in der er darauf hinwies, wie deutsche 
Wissenschaft und Technik ein Werk geschaffen hätten, das 
erufen sei, auf neuem Wege Amerika zu errekchen. Dann 
erschellte die Frau Prinzessin Heinrich von Preußen eine 
zlasche Sekt am Bug der Gondel und taufte das Schiff 
Suchard“, ihm eine glücklliche Fahrt wünschend. Dr. Gans 
ielt nunmehr eine kurze Ansprache, die mit einem begeistert 
uufgenommenen Hoch auf den Kaiser schloß, worauf eine 
ingehende Besichtigung des Luftschiffes vorgenommen wurde. 
dieses hat einen Inhalt von 8250 Kubikmeter, ist 60 Meter 
ang und 12 Meter breit. Die Gondel, die etwa 10 Meter 
ang ist, ist als Motorboot ausgebaut, so daß es im Notfalle 
uf das Wasser niedergehen kann. Die Motore für die 
Propeller würden in diesen Falle zur Fortbewegung des 
Bootes. das mit einer Schraube versehen ist, dienen 
Wi. Berlin, 16. Febr. Bei dem keutigen Festmahll 
es Deutschen Landwirtschaftsrats, dem auch der 
zerzogregent von Braunschweig, Herzog Johann Albrecht zu 
Nedlenburg beiwohnte, hielt zunächst Präsident Dr. Graf 
v„chwerin⸗Löowitz eine Rede, in der er einen Rückblick über die 
narkantesten Erscheinungen in der Entwickllung der deutschen 
dandwirtschaft während der letzten Jahre gab, die Notwendig 
eit der Aufrechterhal'ung des Schutzes der na ionalen Arbeit 
ür alle Erwerbsstände mit Nachdruck betonte und mit einem 
»och auf den Kaiser schloß. Nachdem Reichsrat Dr. 
irhr. von Soden die Gäste begrüßt hatte, erhob sich der Reichs⸗ 
anzler Dr. v. Bethmann⸗Hollweg zu einer Rede, die mit 
inem Hoch auf den Deutschen Landwirtschaftsrat schloß, in 
»as die Anwesenden begeistert einstimmten. 
W. Bremen, 15. Febr. Heute vormittag um 10 Uhr 
and in der St.Petri⸗Domkirche die Trauerfeier für 
en verstorbenen Großkaufmann Franz Ernst Schütte 
tatt. Außer den nächsten Angehörigen des Verstorbenen und 
»en Deputationen des Senats und der übrigen Behörden füllte 
in zahlreiches Publikum den Dom bis auf den letzten Platz. 
lach dem einleitenden Chorgesang trat Pastor Mauritz an die 
Lotenbahre und hielt die Trauerrede. Er sprach von dem 
Dahingeschiedenen als von einer seltenen überaus mächtigen 
ielseitigen Persönlichkeit, die jedertmann im Gedächtnis bleiben 
verde, als Kaufmann, als Bremer;, als Mensch. Seinem eige— 
ien Genius solgend, habe er gelebt. Sodann sprachen noch die 
ibrigen Prediger der Domkirche an der Bahre des Verstorbenen. 
Lhorgesang und Orgelspiel beschlossen die erhebende Trauerfeier. 
Der Sarg wurde sodann zum Krematorium gesahren, wo um 
12 Uhr die Einäscherung im Beisein der nächsten Angehörigen 
erfolgte. 
W. Wien, 14. Febr. Heute vormittag fand die Bei— 
etzung Rothschilds statt. Es hatten sich viele Mitglieder 
er verschiedenen Häuser Rothschild eingefunden. An der 
krauerfeier im Palais Rothschild nahmen das diplomatische 
dorps, darunter der deutsche Botschafter, der bayerische Ge—⸗ 
sandte, Mitglieder der Hofgesellschaft und des Hochadels und 
Vertreter der Regierung und der ZRivil- und Militärbehörden 
1 
W. Varis, 15. Febr. Der für Petroleumheizung einge— 
ichtete Turbinentorpedojäger „Cavalier“ hat dem 
zournak des Debats zusolge für die Fahrt von Cherbourg- 
Ran⸗-Toulon für etwa 30 000 Franken Petroleum ver—⸗ 
zraucht, während der Kohlenverbrauch nur unge⸗ 
äher 38500 Franken gekostet hätte. 
W. Teheran, 15. Febr. Am Sonntag waren alle Mit⸗ 
zlieder des Medschlis zu dem Regenten berufen, 
er sich über die politische Lage äußerte. Seine 
luslassungen wurden nicht veröffentlicht, aber es besteht Grund 
u glauben, daß er die Abgeordneten beschwor, angesichts 
er ernsten Lage des Landes die Meinungsverschieden— 
deiten beiseite zu lassen. Er habe ferner erklärt, daß 
r den Eid erst ablege, wenn sich eine feste Mehrheit des 
Medschlis gebildet, denn ohne eine solche Mehrheit könne kein 
dabinett gedeihlich arbeiten. Obschon man annimmt, daß 
er Regent persönlich dem Kabinett der sogenannten Gemäßigten 
uneigt, scheint er doch zu wünschen, daß das gegenwärtige 
tabinett noch eine Zeitlang im Amte verbleibt. Der 
Bremierminister stattete dem Regenten einen 
Zesuch ab. 
Wt. Et Paso, 16. Febr. General Navarre ist mit 
ausend Mann Regierungstruppen in Juarezeingezogen, 
vas das Ende des Feldzuges um Juarez bedeutet. Es stehen 
eine Insurgenten mebr in unmittelbarer Nähe von Juarez. 
Deutscher Reichstag 
W. Berliu, 15. Februar. 
Auf der Tagesordnung steht der Marineetat. Die Be— 
atung beginnt mit der Abstimmung über Kapitel 45 Titel J 
Staatssekretär), Kapitel 54 (Geldverpflegung) und Kapitel 52 
ditet J,. Tafelgelder, Schiffsverpflegung und Stellenzulagen. 
tleber den sozialdemokratischen und fsortschrittlichen Antrag auf 
Wiederherstellung der Heizerzulagen in voller Höhe wird na— 
nentlich abgestimmt. Die Kommission beantragt die Geneh—⸗ 
nigung der Hälfte. Die obigen Titel werden bewilligt. Für 
»en Antrag stimmen von 321 Abgeordneten 155, dagegen 162 
zei vier Enthaltungen. Der Antrag ist somit abgelehnt. Die 
dommissionssassung wurde angenommen.. 
Beim Kapitel 45, Titel III, beantragt die Kommission, drei 
Registratoren bei den mittleren und Kanzleibeamten des Reichs⸗ 
narineamts und des Marinekabinetts zu streichen und dafür drei 
registraturassistenten zu bewilligen. Ebenso sollen vier Kanzalei⸗ 
etretäre gestrichen werden. 
Frhr. v. Thünefeld (Ztr.) beantragt zusammen mit dem 
1Bg. Paasche (natlib.) die Wiederherstellung der ursprünglichen 
zorlage und dafür im künftigen Etat die drei Registratoren und 
nier Kanzleisekretäre wegfallen zu lassen. 
Abg. Noske (Soz.) sprach sich gegen den Antrag aus. Die 
zchreibmaschinendamnen leisten das Doppelte als die Miilitär— 
mwärter. 65 F 
Sftanftssekretär ZSirnite ⸗unfanl den Anfran 
Irthr. v. Thünefseld: Wir üÜbernehmen den Beanmten gegen 
lüber eine Verpflichtung, die eingelöst werden muß. 
Der Antrag wurde abgelehnt und die Kommissionsfassun 
angenommen. Die Resolution auf Neuordnung der — *—* 
eit der Beamten und auf Verbilligung der Kanzleiarbeiten 
wvurde gleichfalls angenommen. Zu Kapitel 82 Tilel 3 8 
rriebs⸗ Reinigunas⸗, Beleuchtunas⸗ und sonsttige Materialie; 
beg ründet 
Abg. Sus (Soʒ.) die Resolution seiner Partet bei Feft⸗ 
etzung oder Neuordnung von Arbeitsbedingungen in den Ma— 
rinebetrieben die Arbeiterausschüsse mitwirlen zu lafsen. Di 
Arbeiten und Lieferungen sollten nur an Firmen vergeben 
verden, die in bezug auf die Arbeitsbedingungen die geseß 
ichen Vorschriften und die Tarifverträge innehalten. Deir 
Irbeiterschutz verlange diese Maßnahmen. Das beweise die— 
Inglücksstatistik der Hütten- und Walzwerkẽe. Nach unserem 
Antrage kommen die der Marine bewilligten Millionen den 
zreiten Massen des Volkes. nicht den kleinen Kasinokre sen 
ugute. 
Staatssekretär v. Tirvig: Wir können uns nicht darum 
uümmern, welche Akkordlöhne in den einzelnen Werkstätter 
»erdient werden; das hängt von der Güte der Maschinen 
ind deren Besonderheiten ab. Kaum eine Firma hat so 
iel für ihre Arbeiterverhältnisse getan wie die Firma Krupp. 
Dia Marine vergibt ihre Lieferungen heute schon nur an 
Firmen, die bezüglich der Arbeitsbedingungen die gesetzlichen 
Vorschriften einhalten. Im einzelnen koönnen wir das natür— 
lich nicht überwachen; diese Ueberwachung ist Sache der Lan 
des regierungen. Auf den Abschluß von Tarifverträgen hin 
zuwirken, ist nicht Sache einzelner Ressorts, sondern würde d 
danze Reichsregierung beruͤhren. 
Vizepräsident Schulz teilt mit, daß Aber die Resolution 
morgen namentlich abgestimmt werde. 
Nach weiterer Debatte wird der Titel bewilligt. Es folgt 
Kapitel 54, Bekleidung und Besoldungen. 
Abg. Werber (Resp.) bringt Wansche bezüglich der Uni 
formierung der Intendantursekretäre vor. 
Viezeadmiral Capele: Fine Neuordnung ist in Vorbe— 
reitung. 
Abg. Struve (Vpt.): Verwunderlich ist der Stationsbefehl 
in Kiel, wodurch der Kastengeist erweckt werden mußte, indem 
einzelnen Chargen der Vesuch des Theaters im Parkett verboten 
wurde. 
Staatssekretär v. Tirpitz: Der Vorredner mag bedenken, 
ob es im Interesse der Marine liegt, Unzufriedenheit in ihr⸗ 
Reihen zu bringen. 
Abg. Struve: Wenn ich das tue, bin ich in guter Ge— 
ellschaft, nämlich in der des Staatssekretärs. 
Staatssekretär v. Tirriß: Der Besehl über den Theater— 
zesuch war schon vor einem Jahr erlassen und mußte daher 
»en Offiziersaspiranten bekannt sein. Jetzt ist er für die Zatl— 
neister und Ingenieure erlassen worden. Eine Differenzierung 
mit den Offiziersaspiranten liegt also nicht vor. Ich soll der 
Sündenbock wegen der Heizervorlage sein. (Hört! Hört! 
rechts. Aber Abg. Struve vergißt dabei, daß er der Ruer im 
Streit gegen das Zulagewesen ist. (Heiterkeit. Grade ich 
habe dafür gesorgt, daß die Zahlmeister und Ingenieure besier 
gestellt worden sind. Gravo! rechts.) 
Abg. Struve: Ich war nicht der Rufer im Streit. 
Staatssekretär v. Tirpitz: Mit dem Kampf gegen das Zu—⸗ 
iagewesen stellte uns das Haus vor die schwierige Lage, das 
Zulagewesen zu revidieren. Hierbei war es der Rufer im 
Streit. (Lebkhaftes sehr richtig! rechts.) 
Abg. Mommsen (Vpt.): Hätten wir gewußt, daß die Hälfte 
der gewünschten Erspärnisse auf Kosten der Mannschaft gemach! 
worden ist, hätte das Haus von vornherein nein dazu gesagt 
Der Titel wird bewilligt, ebenso eine Reihe weiterer Titel. 
Kapitel 58: Reisekosten, wird bewilligt. Es folgt das 
Kapitel 60, Instandhaltung der Flotte und Werften. 
Abg. Leonhart (Vpt.): Bedauerlich ist, daß die Leute wegen 
ihrer Zeugenaussagen im Kieler Werstprozeß gemaßregelt wor⸗ 
den sind. Der Kastengeist wird tatsächlich von oben genährt. 
Vian sollte nach dem Multer der Arbeiterausschüsse auch Be 
amtenausschüsse bilden. 
Abg. Severing (Soz.): Der Torpedodirektor in Wilhelms 
javen ist an der großen Erregung der dortigen Metallarbeiter 
chuld. Der Direktor verhängt in rigoroser Weise Strafen 
and bedroht sogar die Arbeiter mit seiner Waffe. (Gört! 
zört! bei den Soz.) 
Staatssekretär v. Tirpitz: Wenn Fehler gemacht worden 
ind. habe er stets eingegrtiffen. In diesem Falle ist aber 
nichts zu beanstanden. Torpedodirektor Isendahl hat stets 
das größte Wohlwollen für die Arbeiter gezeigt. Die Ar— 
eiter haben selber ihr Vorgehen als versehlt erkannt. Des⸗ 
zalb sind Weiterungen vermieden worden. Eine ungehörige 
euherung über Menschenleben ist tatsächlich nicht gefallen. 
Der Bedrohung mit der Waffe ist der tätliche Angriff eines 
Arbeiters vorausgegangen. Von unwürdiger Menschenbehand— 
ung ist keine Rede. Aus dem Verhalten des Arbeiter 
erbandes geht klar hervor, daß es sich lediglich um eine agi—⸗ 
atorische Machination handelt. Geifall.) 
Abg. Weber (natlib.): In Erregung gesprochene Worte sind 
zeim Militär nicht so hart aufzunehmen. Ueber den Unfall 
des „U 3“ enthält das heutige Leipziger Tageblatt eine sonder⸗ 
bare Darstellung, nach der die angebotene Hilfe abgelehn 
worden sei. * 
Staatssekretär v. Tirpitz: Daß die Hilfe abgelehnt worde! 
ist, glaube ich nicht. Es handelt sich augenscheinlich nur un 
ein Gerücht, dem ich jedoch nachgehen werde. 
Fortsetzung Donnerstag 1 Ubhr, außerdem Justizetat. 
die Pest. 
Charbin, 15. Febr. Die Pestepidemie hat weiter 
rachgelassen. Die europäische Beoölkerung ist bis 
ruf ganz vereinzelte Fälle verschoönt geblieben. Montag 
tarben hier an der Pest 29 Chinesen, Dienstag starb ein 
inbekannter. auf der Straße aufgehobener Russe. Der Veneral⸗ 
gouverneur des Amurgebietes kündigt die Usweisung von 
4000 arbeitslosen Chinesen aus Wladiwostok, Nikolsk 
und Chabarowsk an. Die Zahl der Todesfälle in Fudja dian 
ist in der letzten Woche gesunken, Montag betrug sie 43. 
Bisher wurden dort 7000 Leichen verbrannt. Die 
Straßen werden von Leichen gesäubert und die nicht tief 
enug eingearabenen werden ausgearaben. um verbrannt zu 
Ha— 
Sportnachrichten. 
sr. Die Badenia, das mit 50 000 Mauausgestattete zweit⸗ 
zrößte Hindernisrennen Deutschlands, hat beim Nennungsschluß 
nur 41 Unterschriften erhalten gegen 71 im Vorjahre. Für 
die beiden anderen wertvollen Konkurrenzen des Meetings am 
J. Mai, den Preis vom Rhein und den Preis der Stadt Mann⸗ 
veim wurden 46 bezw. 34 Unterschriffenn abgedeben
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.