Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

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ausgabe 4. Dienstag, den 7. Februar 1911. Abend⸗Blatt Ur. 69. 
αα 
hersammlung der Bürgerschaft 
um Montag. dem 6. Februar 1911. 
Schluß.) 
F 4⸗ vpre 
Beilegung der Amtsbezeichnung „Rektor“ an 
Leiter der Mirn ugea 8 ber stadtischen 
Volksschulen. J 
Der Senat sellt aeh inn enhnnianug der Vinaer an. der 
solgender Nachtrag zum Unterrichtsgesez vom 17. 
rlassen werde: 
lass An den Mittelschulen und den stadtischen el 
inschließlich der Berend Schröderschen Schule, Arre * 
nne an Lpril 1011 an die Amtsbezeichnung „Rektor 
De Leuer der vorbezeichneien Schulen müfsen die Ratet 
usune abgelegt haben, auf die gegenwärtig im Amte 
hefindlichen findet diese Bestimmung keine Anwendung. 
BeM. Mantau: Vor nicht langer Zeit habe der Senat 
zie Erklärung abgeben lassen, daß es in Lübeck keine Titel 
zäbe, sondern nur Amtsbezeichnungen. Hiervon sei aber ver⸗ 
chiedentlich abgewichen worden. Während der Senat bisher nur 
derdienten älteren Beamten, die lange Zeit im Amte waren, 
inen Titel verliehen habe, solle jetzt anders vorgegangen werden. 
In Hamburs und Bremen habe die Bürgerschaft auch nichts von 
viesem Tilel wissen wollen. Man müsse zu der Ablehnung dieses 
Titels aus denselben Gründen kommen, wie im Jahre 1908. 
Die Bezeichnung dieser Stellen sei in Deutschland eine durchaus 
verschiedene, es bestehe keine Uebereinstimmung hierin. Auch 
frage er sich, weshalb, wenn wirklich ein Titel verliehen werden 
olle, nicht das deutsche Wort „Schulvorsteher“ genommen werde! 
Die Hauptlehrer ständen in der Achtung der Bevölkerung so hoch, 
zaß sie eines besonderen Titels nicht mehr bedürften. Redner 
ittet um Ablehnung der Senatsvorlage. 
Senator Kulenkamp: Da bereits 1908 die Frage sehr 
ingehend und von allen Gesichtspunkten aus beleuchtet worden 
ei, könne wesentlich Neues nicht mehr gesagt werden. Der 
Vorredner habe sich gegen das Titelwesen gewandt; wie 
weit das zutreffend sei, werde jeder selbst wissen. Er wolle 
nur unterstreichen, daß es sich in vorliegendem Jalle nicht 
im die Schaffung eines neuen Titels handele, sondern um die 
Einführung einer neuen Amtsbezeichnung, wie sie nach Lage der 
Verhältnisse geboten sei. Der Zweck der Vorlage sei, die Ursache 
u unliebsamen Mißverständnissen zu beseitigen. 
Senator Dr. Fehling stellt verschiedene Ausführungen 
des B.⸗M. Mantau richtig und weist u. a. darauf hin, daß 
der kürzlich zum Landrichter erwählte Anwalt sofort die Amts- 
hezeichnung Landgerichtsrat erhalten habe, weil ihm die Zeit, 
die er als Rechtsanwalt tätig gewesen, dem Gesetze gemäkß 
inzurechnen sei. 
BeM. A. Pape unterstützt den Antrag Mantau und bittet 
auch die Bürgerschaft, die Senatsvorlage abzulehnen. Er ist 
der Meinung, daß sich die Verhältnisse in Preubßen seit 1908 
erheblich zuungunsten der Senatsvorlage verändert haben. Dort 
gehe man immer mehr dazu über, die Titel zu verdeutschen 
und es werde auch wohl bald der Titel Reltor durch die 
Bezeichnung Hauptlehrer ersetzt werden. Auch sei es nicht 
angängig, hier Lehrern die Amtsbezeichnung Rektor zu gewäh— 
ren, ohne daß sie die in Preußen von einem solchen Lehrer 
gesorderte Vorbildung hätten. Möchten die Herren Haupt⸗ 
lehrer nur dafür sorgen, dah die Kinder etwas Tüchtiges 
sernten und davon absehen, diesen gegenüber mit dem neuen 
Titel zu prahlen. 
B.M. Lauenstein: Er sei zwar kein großer Freund 
»er Vorlage, werde sie aber annehmen, wenn sie dahin abge— 
indert werde, daß auch den Leitern der Berend Schröderschen 
Schule, der Jenischschen Freischusle und der Bezirksschulen mit 
mehr als 6 Klassen die Amtsbezeichnung Rektor beigelegt werde. 
Senator Kulenkamp: Die Bezirksschullehrer seien einem 
Wunsche des Lehrervereins gemäß nicht in die Vorlage auf—⸗ 
zjenommen worden, zumal auch ihre Amtsbezeichnung genau 
das besage, was sie ausdrüchen solle. Das Wort Rektor habe 
rich bereits so eingebürgert, daß man es als ein deutsches 
ansehen dürfe. Von den 32 Hauptlehrern in Lübeck hätten 
5 die Rektorprüfung abgelegt. 
B.M. Stelling erklärt, dak er die Meinung der Herren 
Pape und Mantau durchaus teile. Auch der Ausdruck Haupt⸗ 
ehrer entspreche durchaus dem, was man mit ihm sagen wolle. 
kEr bitte daher, die Senatsvorlage abzulehnen. 
B.⸗M. Gemeindevorsteher Meinke-Travemünde: Er sei 
lein Freund vom Rektortitel, wenn aber die Senatsvorlage an— 
zenommen werde, sei er auch süur ihre Erweiterung im Sinne 
des Antrages Lauensbein. 
BaaM. Direktor Professor Dr. Müller: Die Wünsche der 
dauptlehrer um Aenderung ihrer Amtsbezeichnung in Rektor 
eien sachlich berechtigt. In ganz Norddeutschland wo die gleichen 
Berhältnisse herrschten, wie hier, sei der Rektortitel bereits 
eingeführt. Er bitte um Anmahme der Senatsvorlage mit 
der pon Herrn Lauenstein beantragten Abãnderung. 
Auf Antrag von B.⸗M. Erster Staatsanwalt Dr. Benda 
vurde Schluß der Debatte beschlossen. 
* *F ndg Senatskommissar Herr Senator Dr. Fehling 
ertreter der Presse völlig unverständlich) wendet sich 
vegen der Senatsvorlage an den Wortführer. 
B M. A. Pape (zur Seschaftsorbnung) siellt fest, daß der 
de re Senatskommissar die Debatte wieder eröffnei hat. 
— Dimp!er teilt mit, daß dies zu⸗ 
———— Serr Kommissar des Senates beantrage, 
te r „vom 1. April 1910 an“ zu streichen. 
den Shiuß n — Dr. Benda beantragt erneut 
Aehe wie der Anttag abgelehnt. (Große Heiterkeit.) 
—9 eee demselben Recht, wie man sage, 
—* e er ene — in Lubea da 
— ** baeuee e man, was übeck der Titel 
— B.M. A. Pape: Wenn unter den Herren Hauptlehrern 
in seien, die den Rektortitel gern haben möchten, solle man 
nen geben. Er möchte dann aber auch den Senat bitten, 
sbald eine Vorlage über eine Titelsteuer zu bringen, damit 
nan den Herren wieder 600 Meablnöpfen könne, wenn sie mit 
diesem Titel protzen wolten 
B.M. Hauptlehrer Schulmerich: Die Abänderung der 
Amtsbezeichnung Sauptlehrer in Rektor werde von allen 
ibecischen Hauptlehrern gewünscht. Titeliägerei sei nicht der 
zrund hierfür, sondern rein sach iche Erwägungen. 
B.M. Pastor Evers: Der Vorwurf des Herrn Pape, 
ie Hauptlehrer wünschten den Rektortitel, um damit zu protzen, 
ei durchaus unbegründet. Er halte ein solches Wort, das 
ur geeignet sei, das lübedische Schulwesen herabzuwurdigen, 
meiner sachlichen Beratung einer ernsten Schulangelegenheit 
ür völlig unangebracht. Er könne aus Erfahrung bestätigen, 
aß die Amtsbezeichnung Hauptlehrer auswärts zu Mißkver⸗ 
ändnissen geführt habe. 
Senator Kulenkamp: Infolge des Scherzes des Herrn 
zape über die Titelsteuer, den er übrigens auch bei der Be⸗ 
atung der Senatsvorlage im Sommer 1908 gemacht habe, 
ätte er den Ausdruch „protzen“ überhört, sonst hätte er ihn 
ofort als ungehörig zurückgewiesen. 
B.M. A. Pape: Er gebe gern zu, daß die Amts— 
ezeichnung Hauptlehrer einmal zu Mißverständnissen geführt 
abe; die kämen aber überal vor. Die Amtsbezeichnung 
auptlehrer genüge vollkommen, die Herren möchten nur dafür 
argen, daß die Kinder etwas Tüchtiges in der Schule lernten. 
zestreiten müsse er, daß ein einmütiger Wunsch aller Haupt⸗ 
ehrer auf Einführung des Rektortitels vorliege. 
Senator Kulenkamp: Bereits 1907 hätten sämtliche 
auptlehrer in einer Eingabe an die Oberschulbehörde dem 
Punsche Ausdruck gegeben, daß ihnen die Amtsbezeichnung 
dektor beigelegt werden möge. 
B.⸗M. Landgerichtsdirestor Dr. Meyer: Auch die Bür— 
erausschußzkommission zur Vorprüfung des Beamtenetats würde 
ie Senatsvorlage empfohlen haben, wenn sie mit zu ihrer 
zeratung gestanden hätte. Dieselhen Herren, die den Rektortitel 
ekämpften, hätten sich in der erwähnten Kommission für 
ie Amtsbezeichnung Sekretäre und Assistenten ausgesprochen. 
B.⸗M. Hauptlehrer Schulmerich: Gewiß, an dem Titel 
dektor liege den Hauptlehrern gar nichts; aber die Amts⸗ 
ezeichnung Rektor sei ihnen sehr erwünscht. 
BeM. Stelling: Die Beibehaltung der Amtsbe— 
eichnung Hauptlehrer sei keine Herabwürdigung des lübeckischen 
zchulwesens, wohl aber könne man eine solche in der Auf—⸗ 
ebung der Freischulen und der Erböhung der Klassenfrequenz 
rblicken. 
B.eM. Dühring weist darauf hin, daß die Jenischsche 
Freischule als Stiftsschule nicht in die Senatsvorlage auf— 
jenommen werden könne. 
B.M. Lauenstein änderte demgemäß seinen Antrag ab. 
In der nun folgenden Abstimmung wurde die Senats— 
iorlage abgelehnt. Damit war der Antrag Lauenstein gegen— 
tandslos geworden. 
ẽ*. 
Bberkaufeines än der Straße,‚BeiderLohmühle“ 
belegenen Arealsan W. Torkuhl. 
Der Senat stellt zur Mitgenehmigung der Bärgerschaft, 
dak das Finanzdepartement ermächtigt werde, das Angebot 
ies Kaufmannes Adolf Georg Wilhelm Torkuhl vom 
. Jan. 1911, das an der Straße , Bei der Lohmühle“ be— 
egene Areal von etwa 3880 qm Flächeninhalt zum Preise 
on 15 Mefür das Quadrahmeter käuflich zu erwerben, anzu— 
iehmen. 
B.⸗M. Dr. Wittern bezweifelt die Beschlußfähigkeit des 
»auses, da die Mitglieder der Bürgerschaft den Saal zu 
erlassen im Begriff waren. 
Wortführer Konsul Dimpker siellt fest, daß die Bür—⸗ 
jerschaft noch in beschlußfähiger Zahl versammelt sei. 
B.«M. Dr. Wittern beantragt hierauf, die Sitzung zu 
ertagen, damit nicht angenommen werden könne, daß der 
Intrag debattelos durchgedrückt werden solle. 
Ständiger Senatskommissar Senator Dr. Fehling: Er 
iisse nicht, wie Herr Dr. Wittern zu der Annahme komme, 
aß der Senat die Vorlage durchgedrückt haben wolle. Er 
nüsse gegen eine derartige Behauptung energisch Widerspruch 
rheben und erklären, daß nunmehr dem Senat nur erwünscht 
ein könne, dah die Sitzung oertagt werde. 
Wortführer Konsul Dimprer erklärte hierauf, daß er 
»ie Sißzung auf nächsten Montag, abends 6 Uhr, vertage. 
Schluß der Sikung 11 Uhr 20 Min. abends. 
Aus den Nachbargebieten. 
GHansest ãͤd te. J 
Hamburg, 7. Febr. GKleine Nachrichten) Ein 
rivoler Streich, der auch nach Lübeck herüberspielte, 
and jetzt seine Sühne. Der Schuhmacher Fr. Th. Kaiser stand 
inter der Anklage des Betrugsversuchs und der Urkunden⸗ 
älschung vor dem Landgericht Hamburg, Strafkammer IT. Im 
dugust 1910 war der Sohn eines Bauunternehmers plötzlich 
erschwunden und der Vater hatte für den Nachweis des 
lufenthaltes seines Sohnes eine Belohnung ausgesetzt. Hier⸗ 
on hatte der Angeklagte erfahren, wie ihm auch bekannt 
urde, daß der Vermißte sich in Lübeck aufgehalten haben soll. 
zon dort erhielt dann der Vater ein Telegramm mit Rücd⸗ 
ntwort, in dem angeblich der vermißte Sohn um sofortige 
usendung von 250 Mizur Bezahlung seiner Zechschuld er⸗ 
uchte. Dem Vater entstanden aber Bedenken, weshalb er 
ich an die Hamburger Polizei wandte. Diese setzte sich mit 
er Lübecker Polizei in Verbindung, die dann den Angeklagten 
uf dem Telegraphenamt festnahm, als er das Rücantwort⸗ 
Zelegtamm in Empfang nehmen wollte. Der Angeklagte wurde 
u fünf Monaten Gefängnis verurteilt. 
Bergedorf, 7. Febr. Von einem Automobil 
berfahren und getötet wurde Montag in der Großen 
ztraße in Sande die Sijährige Tochter des Arbeiters Schlüter. 
dem Führer des Autos soll keine Schuld an dem Unglüd 
‚eizumessen sein. Das Kind wollte beim Herannahen des 
Iutos die Strahe überschreiten und ist direlt dagegen gelaufen. 
Bremen, 7. Febr. Einsturz eines Lager— 
huppens. Im Freihafen stürzte ein groher Lagerschuppen 
er Speditionsfirma Bachmann zusammen, der ganz beladen 
var mit Getreide und anderen Waren. Vermutlich waren 
*ie Mauern auf dem Baugrund ungenügend befestigt, und das 
zewicht der Waren hewirkte ein Nachgeben der Pfeiler. Der 
Schaden ist nicht allzu groß. — Ein namenloser Ange⸗ 
lagater. Das Schöffengericht sprach einen etwa 30jährigen 
Mann, der sich als stud. med. Bander ausgegeben hattas, 
zon der Anklage des Betruges frei. Der Angeklagte, der 
eit dem 2. Jan. in Untersuchungshaft war, weigerte sich 
uch vor Gericht, seinen Namen zu nennen und be— 
chränkte sich auf die Angabe, daß er 30 Jahre alt sei, die 
Militärschule besucht und nach Absolvierung eines Semesters 
kechnikum auf einer ausländischen Hochschule studiert habe; 
ann sei er in einem ausländischen Heer Offizier geworden 
ind habe vor 23 Jahren wegen Schulden seinen Abschied 
ehmen müssen. Das Gericht beschloß, den Angeklagten, der 
ut gekleidet war und einen sehr intelligenten Eindruck machte, 
rus der Haft zu entlassen, lehnte jedoch eine Entschädigung 
ür die Untersuchungshaft ab, da er sie nicht hätte zu ver⸗ 
»ühen brauchen, wenn er sich herbeigelassen hätte, seinen 
samen zu nennen. 
Schles wig⸗Hotein. 
Altona, 7. Febr. Gefährliche Spielerei. Auf 
yem im Hafen liegenden Ewer , Friederike“ spielte der 16 Jahre 
ilte Knecht Kröhnke mit einem Revolver. Als er einem Be— 
annten zeigen wollte, wie die Waffe geladen wird, entlud sich 
ie Waffe. Die Kugel drang dem K. dicht am linken Auge 
a den Kopf. Der junge Mensch stürzte zu Boden und fiel 
ber Bord in die Elbe. Er konnte sofort wieder ans Land 
ebracht werden. Die Schußwunde ist aber so schwer, daß wenig 
hoffnung vorhanden ist, den Verietzten am Leben zu erhalten. 
Lodstedter Lager, 7. Febr. Der Truppen— 
„bungsplatz ist den ganzen Monat Februar hindurch von 
en einzelnen Truppen des neunten Armeckorps in Anspruch ge⸗ 
wmmen zur Abhaltung von Scharfschießübungen. Die 
inzelnen Batterien und Bataillone bleiben stets nur einige Tage, 
»och werden die Uebungen oft bis in den Abend hinein aus— 
zedehnt. 
Sonderburg, 7. Febr. Die beiden unter dem 
Berdacht des Raubmordes an dem Schuhmachergesellen 
Berhafteten heißen Jgakob Lüslig und Hans Blase und sind 
seborene Schweizer. Der Ermordete stammt aus einem kleinen 
Irte in der Nähe von Hannover. Die Beschuldigten leugnen 
as Verbrechen, doch soll Lüslig der Täter sein. Bei ihm wurde 
ie Uhr des Ermordeten gesunden. Auf dem Wege nach Sonder⸗ 
„urg ist dem einen der mutmaßlichen Täter ein Beutel mit 
S„chuhmocherwerkzeug aus sdiem Nermel gefallen 
Das Bismarckdenkmal am Rhein. 
(CVon unserem Korre pondenten.) 
d. Berlin, 7. Februar. 
Die Jury in dem künstlerischen Wetibewerb um das Aus— 
ührungsrecht des Bismarddenkmacss am Rhein hat Donners— 
ag, den 26. Jan. ihr Urteil gesprochen. Wie das neue Denk— 
nal eine nationale Dankestat sein soll, nicht von einem Stamme 
der einem sozialen Stande errichtet, sondern vom gesamten 
eutschen Volke, so war auch der Wettbewerb ein allgemein— 
eutscher, an dem sich jeder Künstler beteiligte, der auch nur im 
eringsten sich die Kraft zutraute, solch ein Werk zu schaffen. 
Nehrere hundert Entwürfe sind in Düsseldorf eingelaufen, aus 
enen die Jury den einen, besten herausfinden sollte. Zur 
tunde weiß man noch nichts näheres über den Wert der ein— 
esandten Projekte, da die Vertreter der Presse sie bisher nicht 
zesichtigen durften mit der einzigen Ausnahme des Vertreters 
mes bekannten Berliner Blattes, dem offenbar Protek?ion und 
ersönliche Beziehungen zur Jury die verschlossenen Tore ge⸗ 
ffnet haben. Mutet schon diese Tat der Jury, für die sie 
edenfalls verantwortlich gemacht werden muß, einen recht sonder— 
ar an, da sie eine verletzende Zurüchsetzung der übhrigen Ver⸗ 
reter der Presse enthält, so wird man noch eigenartiger von 
hrer Tätigkeit berührt, wenn man ihren Urteilsspruch liest und 
ie Schilderung der preisgekrönten Entwürfe vernimmt. 
Nicht gegen den künstlerischen Wert dieser Arbeiten soll ge— 
prochen werden; in dieser Beziehung mag man ruhig dem Ur⸗ 
eil der anerkannten Fachleute nertrauen. Die Säulenhallen 
nd Rundbaue mögen die besten sein, die seit dem Parthenon 
ntworfen worden sind. Aber dagegen muß man schon heute 
kinspruch erheben — wenn die angeführte Schilderung richtig 
st — daß ein einziger dieser Entwürfe auch nur das geringste 
nit Bismard gemein hätte. Mit Bismarch, wie er war, wie 
r in dem deutschen Volke heute lebt und künftig leben wird. 
kin Bismarckdenkmal soll die Elisenhöhe krönen und jeder Wan⸗ 
jerer, der die Rheinstraße zieht, soll zur Rechten die Germania, 
as Sinnbild des neuerstandenen geeinten Reiches, zur Linken 
hren Erschaffer erblicen. Dagegen zeigt der Entwurf, der den 
rsten Preis erhalten, in der Mitte des Säulenganges einen 
ziegfried, der sein Schwert versucht. 
Gewih ist es Dichtern in Wort und Bild gestattet, den 
feichsgründer mit der Idealgeitart deutscher Männlichkeit zu 
ergleichen; sicher lassen sich leicht allegorische Fäden vom 
drachentöter der deutschen Sage zu dem Bezwinger deutscher 
UNeinstaaterei und des jahrhundertelangen Bruderzwistes ziehen. 
Iber das Denkmal am Rhein, das nicht ein, sondern das 
zeutsche Bismarckdenkmal werden wird, soll in seiner Haupt-⸗ 
igur Bismarcks Gestalt und Bismarcks Züge aufweisen. Es 
jiehe bler Legendenbildung im deutschen Volke bewußt vor—⸗ 
rreifen. wollte man jetzt schon Zung⸗Siegfried dem Bismard 
leichsetzen oder dem ehernen Kanzler die Züge des Frählings⸗ 
rottes leihen. Und fast scheint es, als ob die Jury bei der 
luswahl der Entwürfe sich bewußt von dieser Absicht hat leiten 
assen. Man weiß es ja genau, daß die ehrlichste Liebe zu Bis— 
nard und die größte Verehrung zu ihm in den einfachen Schichten 
es Volles, und nicht in den hohen und höchsten Kreisen zu 
uchen ist, aber um so mehr darf auf eine solche Stimmung, 
elbst wenn sie in dem Ersten des Reiches leben sollte, nicht 
zücssicht genommen werden. So wie der Kaiser es sicher nicht 
ulassen würde, daß sein kaiserlicherGroßvater als „Geseg⸗ 
ieter des Herrn“ mit den Epithetis des Erzvaters Abraham 
argestellt wurde, weil ihm dessen persönliche Eigenart sicher 
iel zu wertvoll ist — ebenso wenig braucht es sich das deutsche 
hdolk gefallen zu lassen, dah sein Bismard hinter einer Sieg⸗ 
riedsgestalt verstedt wird. Drum muß man schon heute aufs 
iochdrüclichste die Forderung erheben, daß keiner der preisge⸗ 
rönten Entwürfe zur Ausführung gelangt, sondern ein an— 
erer, der wirklich uns Bismard wiederagibt.
	        
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