Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

zerdient Der ganze Einfall beruht auf der Ueberlegung, daß 
n der Jahreszeit, wo ein Elektrizitätswerk durch die Verkür— 
ung der Nächte für Beleuchtungszwecke am wenigsten in An— 
pruch genommen wird, der Eisbedarf am meisten steigt. Es 
st also eine ganz gesunde Idee, den Betrieb einer elektrischen 
Lichtzentrale mit einer Fabrikation zu verbinden, die gerade 
in den Zeiten besonders stark in Anspruch genommen wird, wo 
die Belastung des Elektrizitätswerkes in der Erfüllung seines 
igentlichen Zweckes nachläßt. Auf diesem Wege muß sich eine 
volle Ausnutzung der Anlage am besten erzielen lassen, während 
sonst die kostspieligen Maschinen während des Sommers zum 
Teil st illstehen. Die erste Anlage dieser Art umfaßt zwei Ma— 
chinen für zweiphasigen Wechselstrom, die teils durch eine 
Dampfturbine, teils durch eine gewöhnliche Kolbenmaschine an— 
getrieben werden können. Die Leistungsfähigkeit beträgt 600 
his 700 Pferdestärken. Die daneben aufgestellte Gefriermaschine 
vird durch einen Elektromotor von 40 Pferdesltärken in Tätig- 
eit gesetzt. Während der Sommermonate kann die Gefrier— 
inlage volle 24 Stunden lang in Tätigkeit sein, ohne die 
Stromlieferung zu behindern, und wenn diese die volle Kraft 
»er Maschinen verlangt, so ist kein Bedarf für Eis mehr 
orhanden. Wenn durch die Befolgung dieses Musters das 
rünstliche Eis billiger werden würde, so wäre damit noch ein 
inderer Zweck erfüllt, der von der Volksgesundheitspflege 
»tmals mit großem Nachdruck betont worden ist. — Soweit 
bie Electrical World. 
Da in Lübeck die Eisversorgung allein in den Händen 
der Lübecker Eisgenossenschaft G. m. b. H. liegt, aber durch— 
uus nicht auf der Höhe ist, so wäre es wohl in Erwägung zu 
siehen, ob nicht in Verbindung mit der Lübecker Ueberland- 
entrace eine Eisfabrik errichtet werden könnte. Die Bevölle— 
zung Lübecks würde das künstiiche Eis sicherlich bei nicht zu 
sohen Preisen gern abnehmen 
Zrief*asten der Redaktion. F 
L. B., Eutin. Die Ausiteuer der Frau gehört zu deren 
Nachlaß. Sie fällt also den Erben der Frau anheim, mithin 
dem ü berlebenden Mann und ihren Verwandten. 
R. P., Lachzwehre⸗Allee. 1876-80 betrug die ijährliche 
„Gewinnung“ von Roheisen im deutschen Zollgebiet 
142 420 t; im Jahre 1907 waren es bereits 6 mal so 
diel, nämlich 12803 782 t. Ekwas gröher als die Gewinnung 
yon Roheisen war der Verbrauch, so daß nicht viel eingeführt 
u werden brauchte. 1876 -80 kamen jährlich auf den Kopf 
;31,4 kg, 1907 dagegen 4 mal mehr, nämlich 208.9 kgever⸗ 
rauchles“ Roheisen. 
W. G., Schwartau. Im Jahre 1000 hat Kaiser Otto 
II. das Grab Karls des Grohen in Aachen öffnen lassen. Die 
Szene ist abgebildet im Germanischen Museum zu Nürnberg 
»urch Kaulbach, in Aachen durch Rethel. Dabei sitzt Karl auf 
einem Throne. Nach späteren Nachrichten soll der goldene Thron 
es Kaisers damals aus der Gruft genommen und dem Herzog 
Boleslaw geschenkt worden sein. Gegen diese Erzählung spricht 
inter anderem die Unwahrscheinlichkeit, daß sich eine Leiche 
jahrhundertelang in sitzender Stellung erhält, ferner der Um— 
sttand, daß die religiösen Anschauungen des Mittelalters gegen 
eine solche Art der Bestattung waren. Tatdsächlich ist die aus⸗ 
geschmückte Sage wahrscheinlich viel später durch den Grafen 
»on Comello in die Welt gesetzt und von leichtgläubigen 
Pönchen mit allen von diesem Schalk erzählten wunderlichen 
Linzelheiten weiter verbreitet worden. Tatsache ist, daß bei 
einer Oeffnung des Grabes durch Kaiser Friedrich J. am 209. 
Dezember 1165 die Gebeine Karls in einem Sarkophage ge⸗— 
sunden wurden, in dem sie also drei und em halbes Jahr⸗ 
zundert geruht hatter 
Buntes Allerlei. 
O.K. Das Weihnachtsbankett der Ehemũdeu. Eine nicht 
illtägliche Weihnachtsfeier fand am heiligen Abend im New— 
jorker Gefängnis statt: die zwanzig Mitglieder des, Alimenten⸗ 
lubs“, wie es scheint, sehr heitere Märtyrer des Ehelebens, 
— — — — — 
berliner Stimmungsbilder. — 
Von Paul Lindenberg. 
Machdruck verboten.) 
Verhallt der lärmende Weihnachtstrubel, ver—⸗ 
logen die weihnachtliche Stimmung, vorbei die erwartungs⸗ 
olle Erregung, zu Ende das Fieber, das den meisten von uns 
o teuer zu stehen gekommen: das Kauffieber! Die stillste und 
riedlichte Zeit im Jahr, welche diese Tage zwischen Weih— 
nachten und Neujahr umfaßtt, ist gekommen. Jetzt feiern 
ruch einmal die fleißigsten Hände, und der tätigste Geist ge— 
vährt sich einige Muße. Ausruhetage sind gern willkommen 
seheißen am Ausgang des langen alten Jahres und vor dem 
Beginn des neuen, das neue Arbeit, neue Pflichten und Sorgen 
zringt. Und auch neue Wünsche, die sich auf die Allge— 
neinheit und auf das Einzelne beziehen, neue Hoffnungen 
and neue Erwartungen! Wie gern möchte man da über 
Bellinis Kunst verfügen, jenes erstaunlichen Gedankenlesers, 
der hier in einem der großen Varieté-Theater auftritt und 
llabendlich das zahlreiche Publikum in maßlose Verwunderung 
rersetzt durch das schnelle Erraten geheimer seelischer Vor— 
jänge. 
Noch besser wär's freilich wenn man seine eigenen 
Wünsche zur Ausführung auf Andere übertragen konnte, 
das wäre so etwas, die Welt nach dem eigenen Willen umzu— 
modeln! Ach, der Wünsche dazu sind ja genug vorhanden, 
die sich unter anderm auch mit Berlins Zukunft be— 
schäftigen, die vielen arge Kopfschmerzen bereitet. Denn es 
interliegt keiner Frage, daß sich die Reichshauptstadt, was 
hre innere Entwicklung, ihre weitere Ausgeitaltung anbelangt, 
nmeiner sehr kritischen Lage befindet. Und es bedarf keiner 
zangen Ausführungen, daß man in weiten Kreisen der Ber— 
iner Bürgerschaft mit der offiziellen Stadtvertretung recht 
inzufrieden ist, und daß man dringend nach Männern oerlangt, 
zie mit weitschauendem Sinn und energischer Kraft für die 
Wohlsahrt Berlins einzutreten imstande sind. 
Das neue Jahr wird ja, was das eigentliche Bild der 
Stadt anbelangt, uns wiedernunn viel Neues bescheren. Man 
häört von der Errichtung eines Riesen-Stadions, das im 
Stile eines gewaltigen, altrömischen Zirkus in der Nähe des 
Stadtbahnhofes Tiergarten etwa 50 000 Zuschauern Platz bieten 
oll. Unter solchen Ziffern niachen wir's nicht mehr, bei uns 
puß jetzt alles ins Ungeheure gehen, und seitdem wir den 
„DOedipus“ in der Manege erlebt und Beethovens „Neunte 
Sinfonien im Eissportpalast vernommen, erscheint nichts 
nehr unmöglich. Reifen doch schon die Pläne ihrer Erfüllung 
ataenen, hier einen großen Bau für Vochsfeitspiele zu 
drichten, die unter der kün'stlerischen Leitung Max Reinhardt's, 
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eierken auf ihre Art durch ein fröhliches Bankett das 
Leihnachtsfeft. Die zwanzig Herren, die von ihren Frauen 
etrennt leben, befinden sich in Haft, weil sie sich hartnäckig 
eigern, ihren ehemaligen Gattinnen Geld auszuzahlen; sie 
derden im Gefängnis nicht als gewöhnliche Sträflinge behandelt 
ind erhielten die Erlaubnis, bei einem leckeren Mahle mit 
Truthahn und Plumpudding, mit Bier und Zigarren das 
⸗est zu feiern. Der Gefängnisaufseher selbst führte bei dem 
zankett den Vorsitz, und bei den fröhlichen Klängen der Zieh— 
armonika genossen die Ehemüden die Freuden eines frauen— 
»sen Weihnachts diners. Sie waren so vergnügt, wie nur 
elden ihrer Ueberzeugung es sein können. Nur einmal ent— 
'and ein leichter Mißklang, als einer der Ehebefreiten in 
iner unverzeihlichen Anwandlung weihnachtlicher Gemütsweichheit 
orschlug, man möge „Home, sweet home“ singen. Aber 
er Vorschlag wurde entrüstet abgelehnt, und einstimmig be— 
hloß man dann, ein anderes lustiges Liedlein anzustimmen, 
as mit den geistreichen Worten beginnt: „Hier sind wir, 
neil wir hier sind, und fröhlich, weil wir hier sind.“ Alle 
aren sich darüber einig, daß sie schon früher dem Joche 
zrer Ehe entwichen wären, wenn sie geahnt hätten, wie 
ngenehm es sich in fröhlicher Gesellschaft im Gefängnis leben 
äßt. Und alsbald stieg der Kantus: „Lieber im Gefängnis 
itzen, als im Eheglücke schwitzen“. Das Lied mußte immer 
biederholt werden und wurde mit wachsender Inbrunst vor—⸗ 
‚etragen. Einer der Herren schlug vor, jeder möge einen 
zchwank aus seinem Eheleben erzählen, aber da schritt der 
lufseher ein und erklärte, daß er für Ruhe und Ordnung 
orgen und solche Gesprächsstoffe verbieten müsse. Unter den 
dlängen von „Das Mädchen, das ich ließ zurück“, zog man 
um Weihnachtsbaum, und als das jüngste Mitglied des Klubs 
ein Entzücken äuherte, daß der Baum mit keinen gräßlich 
unten Krawatten und unheimlich schlechten Zigarren behängt 
ei, gab es einen allgemeinen Ausbruch der Begeisterung, der 
ich schließlich wieder in Gesang auflöste. Man ging in den 
s5peisesaal zurück, sang vergnügt „Gott weiß, wer 
je jetzt küssen mag“, bis endlich der Gefängnis— 
orsteher des ausge assenen Weihnachtssubel der Ehe— 
rüden e in Ende machte mit der Erklärung, die Feier sedb 
eschlossen. Noch einmal ertönte das Lied „Weiß Gott, wer 
e jetzt küssen mag“, bei dessen Klängen die lustigen Hälbaige 
m Takt zu ihren Zellen marschierten. 
C.K. Sarah Bernhardt als „Samariterin“. Aus Newnork 
pird berichtet: Der Plan Sarah Bernhardts, den Newyorker 
cheaterfreunden Gelegenheit zu geben, sie in der Titelrolle 
er „Samariterin“ von Rostand zu sehen, hat einen unge— 
döhnlichen Protest hervorgerufen: der Präsident der amerika— 
ischen Föderation der katholischen Gesellschafeen, Mr. Edward 
rzeeny. hat dem Bürgermeister Goynor ein Schriftstück überreicht, 
n dem er in aller Form gegen die Ausführung dieses Planes 
ind gegen die Aufführung der „Somariterin“ in Newyork Ver— 
vahrung einlegt. Der Protest führt in seiner Begründung 
un, daß Sarah Bernkbarot »3Abends zuerst die „Sama⸗ 
iterin“ spielte, um kurz darauf in einem übermlitigen fran⸗ 
Isischer Lustspiel aufzutreten. Rach der Meinung Feenys be— 
eutet das ein wahres Salrileg. Der Bürgermeister hat darauf 
rwidert: „Das einzige, was ich tun kann, istl die Ent—⸗ 
endarnng von Polizeibeamten zur Vorstellung: wenn die Be⸗— 
imten dabei die Ueberzeugung gewinnen, daß die Aufführung 
jegen irgend ein Gesetz verstößt, wird sie verboten werden.“ 
Zaroh Bernhardt ist über den Protest Feenys entrüstet und 
ries darauf hin, daß das Werk von Rostand 13 Wochen 
ang in Paris und dann in unzähligen anderen größeren euro— 
äcschen Theatern gespielt wurde, ohne daß irgend jemand 
zarin etwas Lächerliches oder Anstößiges gefunden hätte. „Ich 
flaube von ganzer Seele, mit der Darstellung der „Sama—⸗ 
iterin“ ein frommes Werk zu tun und unserer Religion einen 
dienst zu erweisen.“ 
Unter der Spitzmarke,, Der Gipfel der Sparsamleit“ teilt 
er Duisburger Generalanzeiger eine köstliche Blüte des Bureau⸗ 
ratismus mit. Bei einem größeren Postamte sei die Bestim⸗ 
nung getroffen. dakß die Beamen. die Blaustifte geliefert 
ters“, stehen sollen. Auch hier denkt man an Massenauffüh— 
ungen, an Massenwirkungen, an Massenbesuch! Wird doch in 
inem Rundschreiben eines Komitees der „Gesellschaft für deutsche 
doltsfestspiele“, das sich vor kurzem hier gebildet, von dem 
Theater der Fünftausend“ gesyrochen, das die Grenzgediete 
er Alltagsbühne erweitert und für einen geringen Betrag Un— 
ezählten versperrte Tore öffnet; auf diese Weise soll das 
kheater wieder zu einer Sache des Volksganzen gemacht merden. 
Nan will Werke der Antike sowie unsere klassischen dramatischen 
dichtungen aufführen und hofft, daß aus diesen veränderten 
zedingungen dem dichterischen Schaffen der Gegenwart neue 
Inregungen und neue Möglichkeiten erblühten. 
Den Volksfestspielen, namentlich in Süddeutschland bringt 
nan warme Sympathien entgegen. Welchen Einfluß sie auf 
ie bereits bestehenden Theater ausüben werden, ist noch nicht zu 
rmessen; jedenfalls wird dann für viele von ihnen der Existenz⸗ 
ampf noch schwieriger werden, wie er es heute bereits ist.“ 
Es gehört viel Phantasie dazu, sich in jene Zeit zurüchzu⸗ 
zersetzen, als Berlin nur zwei Theater, die Königliche Oper 
ind das Königliche Schauspielhaus, besaß, jenes „liebe ehrliche 
zerlin““, »wnie es in der Ueberschrift des ersten nom 5. Mai 
820 datierten Briefes der Prinzessin Elisa Radziwill bezeich⸗ 
let wird. Ihre Briefe, die den Zeitraum von 1820 -1834 
mfassen. sind erst kuürz vor dem Weihnachtsfest erschienen 
„Elisa Radziwill. Ein Leben in Liebe und Leid. Unveröffent— 
ichte Briefe, herausgegeben von Dr. Bruno Hennig. Berlin, 
c. S. Mittler u. Sohn.“). In anmutender Weise erhalten wir 
sier feingezeichnete Bilder aus der preußischen Hauptstadt 
zährend der genannten Zeit und der höfischen Geselligkeit, zu— 
leich aber auch tiefe Einblicke in den Herzensroman der jugend⸗ 
ichen Prinzessin, den sie mit dem Prinzen Wilhelm, dem späteren 
daiser, durchlebt. Wie zarte Töne eines seelenvollen Harfen— 
piels berühren uns oft diese Zeilen, die, an eine intime Freundin 
‚erichtet. uns das ganze reiche Innenleben der Briefschreiberin 
nthüllen. Der Vater der Prinzessin, der Fürst Anton Radzi— 
dill, besaß das heutige Reichskanzlerpalais in der Wilhelm— 
traße. Er unterhielt vielfache Beziehungen zu Künstlern, Ge— 
ehrten und Schriftstellern, wie Rauch, Schinkel, Zelter, Spontini, 
Nendelssohn, die hier mit den Mitgliedern der Hofgesellschaft 
usommentrafen. Musikalisch sehr begabt, hatte der Fürst Cho—⸗ 
in zuerst in Berlin eingeführt. 
In dem sich hinter dem Palais ausbreitenden Park konnte 
ich in einer Julinacht des Jahres 1822 zum erstenmal Prin— 
eĩssin Elisa mit dem Prinzen Wilhelm ohne Zeugen aussprechen. 
lin die Freundin schrieb die Prinzessin darüber: „Am Tage vor 
einer Abreise hat er (Prinz Wilhelm) hier gegessen und den 
bend mit uns zugebracht. So haben wir gesessen bis nach 
völf Uhr des Nachts und immer im Garten. Ohne Zwang 
nd ohne Aufsehen haben wir da uns sprechen können, wie ein 
zruder mit seiner Schwester spricht. Es war aber doch noch viel 
J 
rhalten, die nicht mehr verwendbaren Stumpfe abzuliefern 
zjaben. Es wurde nun lürzlich ein Beamter von diesem 
Amte nach einem anderen Ort versetzt. Er vergaß die Ab— 
lieferung seines völlig wertlosen Blaustumpfes. Bald darauf 
vurde er durch sein früheres Amt aufgefordert, unverzüglich 
en Blaustumpf einzusenden. Da er diesen nicht mehr bei— 
»ringen konnte und weitere Unannehmlichkeiten vermeiden 
vollte, schnitt er einen Stumpf von einem andern Blaustumpf 
ib und sandte ihn gut verpadt und versiegelt an sein früheres 
Imt ab, wo der Stumpf dann vernichtet wurde. Wahr— 
cheinlich hat das Ganze mehr gekostet, als der Beamte in 
inem Jahr an Blaustifte verbrauchen konnte. 
O.K. Der Alkoholverbrauch in Frankreich. Ueber den 
olossalen Alkoholkonsum in Frankreich, der eine schwere Ge⸗— 
ahr für das Volkswohl bedeutet, veröffentlicht Robert 
ucasble eine ausführliche Statistik. Im Jahre 1860 betrug 
ie Gesamtfabrikation von Alkohol in Frankreich 873 000 nI. 
zwanzig Jahre später war die Fabrikation auf 1581 000 hl 
estiegen, hatte sich also verdoppelt. Nach weiteren 20 Jah— 
en aber hat sie sich verdreifacht; im Jahre 1909 betrug 
ie Alkoholproduktion 2427000 hl. Mit einer solchen ge— 
zaltigen Steigerung der Peoduktion hat der Konsum gleichen 
zchritt gehalten. Die verbrauchten Alkoholmengen, die ver— 
euert wurden, betrugen im Jahre 1860 852 000 hlI. Im 
zahre 1909 erhob der Fiskus Steuern von 1342 000 hl. Der 
urchschnittliche Alkoholkonsum belief sich im Jahre 1860 für 
anz Frankreich pro Kopf auf 2,46 1, im Jahre 1909 war 
r auf 3,46 1 gestiegen. Diese Turchschnittsziffer erfährt aber 
n den einzelnen Departements starke Schwankungen. Wäh— 
end in den sfüdlichen Provinzen weniger Alkohol getrunken 
bird, ist der Konsum im Osten und Norden unverhältnis— 
näbig hoch. Mit der Zunah!ne des Alloholkonsums in be— 
timmten Gegenden geht die Zunahme der Schanklokale Hand 
nn Hand. Zählte man im Jahre 1869 380 000, so waren sie 
909 auf 480 000 gestiegen. Das bedeutet innerhalb von 
O Jahren eine Zunahme um 100 000 Schanklokale, also 
n einem Jahre um 2440 und täglich um etwa 7. Durchschnitt- 
ich kommt auf 82 Bewohner in ganz Frankreich immer eine 
zchankwirtschaft. Noch deutlicher tritt die erstaunliche Ueber— 
ülle von Schankwirtschaften zutage, wenn man lie nicht 
nit den Bewohnern, sondern mit der Zahl der Häuser zu— 
ammenstellt. Im Departement du Nord z. B. kommt immer 
mnif 8 Säuser eine Wirtschaft. In Waris ließgen die Verhält— 
tisse gar so, daß von ca. 90 000 Säusern 30 000 Wirtslokale 
enthal“‘en, so daß auf je drei Häuser immer ein Restaurant 
ommftf. 
Bücher⸗ und Schriftenschau. 
Unsere Kunstschule o. L. u. G. v. Kunowski. (Lieg⸗ 
nitz: Verlag für Nationalstenographie.) 
Wiener Mode, Heft 7. (Wien 6/2: Verlag der 
Wiener Mode.) 
— — 
CX 
schönerl! Er gab mir einige Aufschlüsse über sein Benehmen 
n Schlesien (1820), wovon ich ihn aufrichtig um Rechenschaft 
jefragt, und er sprach so schön, so herrlich, so ohne irgend 
inen Anstrich von selbstsüchtiger Liebe, daß ich mich nicht halten 
onnte, und meine Tranen fielen reichlich auf meine HZände. Ich 
Jabe auch nicht versucht, ihm zu verbergen, wie sehr seine Rede 
nich gerührt, und habe ihm alles gezeigt, was in mir vorging! 
— Diese Unterredung, dieses Wiedersehen hat viel gewickt und 
iel Gutes gehabt. Er ist mir noch viel werter in dieser 
urzen Zeit geworden, und fest ist der Vorsatz in mir einge-— 
vurzelt, allen Stürmen zum Trotz sein Angedenken und meine 
Treue ihm im Herzen zu bewahren! Er hat sich mit mir aus— 
prechen können und hat von mir selbst erfahren, was er nur 
»urch Mamas Versicherung kannte! So haben wir uns mit 
ausend Tränen und vielem Weh, aber doch nicht ohne ein kleines 
Fünkchen von Hoffnung getrennt.“ — Sieben Jahre nach jener 
stacht verlobte sich Prinz Wilhelm mit der Prinzessin Augusta 
»on Sachsen-Weimar. 
In den Briefen der Prinzessin Elisa werden auch häufig 
ie künstlerischen und literarischen Vorgänge jener Zeit gestreift, 
ind wird mit voller Wärme von den., Willibald Alexis'schen 
sdomanen gesprochen. Dieselben sind, nachdem die gesetzliche 
zchutzfrist abgelaufen, in billigen Volksausgaben erschienen und 
adurch zum literarischen Gemeingut geworden. Nun sucht znan 
iesen prächtigen Schilderer Berliner und märkischer Vergangen— 
seit auch für die Bühne zu gewinnen, wir fürchten jedoch, 
s bleibt bei dem einen Versuche, den Frau Kory Towska mit 
er Dramatisierung des volkstümlichsten Alexis'schen Romans: 
Die Hosen des Herrn von Bredow“ unternommen. So ge— 
chift auch die Bearbeitung, die uns das „Neue Schauspiel- 
aus“ in sehr sorgsamer Inszenierung vermittelte, ausgefallen, 
leibt sie doch immerhin Stückwerk, an sich eine Reihe bewegter 
ind lebensvoller Bühnenbilder, die einen Abend verlürzen, 
hne daf man einen besonderen Gewinn heimträgt. — Auch 
eo Fall's jüngste Operettengabe „Die schöne Risette“ hatte 
m Neuen Operetten-Theater nicht den stürmischen Erfolg, 
en die bisherigen Werke des Komponisten zu verzeichnen ge— 
sabt. Sehr hübsche und einschmeichelnde Melodien wechseln 
nit allerhand recht bekannt klingenden Weisen ab, und erlahmt 
mser Interesse schon dadurch an dem Ganzen, so noch meht 
urch das dürftige und weit ausgesponnene Libretto. — Da 
sat es Waldemar Wendland, dessen lustige zweiaktige Oper 
Das vergessene Ich“ in der Komischen Oper reichen Bei— 
all fand, besser getroffen, denn Richard Schott lieferte ihm 
ine sehr wirkungsvolle und frohgemute Textdichtung, die der 
indrucksnollen Szenen ujele enthält. Mit frischem Talent ver— 
rand es der Komponist, diese zur Geltung zu bringen und uns 
aeine übermütige Karnevalsstimmung zu versetzen, als viel— 
ersprechenden Beginn für das neue Jahr.
	        
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