Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

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Freitag, den 27. Januar 1911. 
aAusgabe A. 
aus den Nachbargebieten. 
Zansestãdite. g vei 
samburg, 27. Jan. Aufforderung zum Z3wei 
— 
nnaens sonden awei Offiziere vom „Regiment — 
en Kaegsgericht der 17. Division. Der ine der Oif 
sjere sollte, wie ein in der Stadt umlaufendes Gerücht besagte, 
e ene hes hiesigen Cafes geohrteiat haben wain dien 
me in Begleitung des Offiziers befindliche Dame aus dem 
Zafs dewiesen häite. Auf Grund dieses unwahren, von dem 
5 ung ausgesprengten Gerüchts 
Herichterstatter einer hiesigen Zeitung iche Unter⸗ 
beanlragte der Offizier gegen sich eine ehrengerichtliche ute 
suchung, die einen erfolglosen Suhnetermin zwischen dem i 
—äo Darauf schidt⸗ 
der Offizier dem Berichterstatter eine Forderung, die abgelehnt 
burbe Der Geforderte war wegen der Forderung ganz er⸗ 
n und fragte den Karielitraͤger, ob man ihn denn fur 
akürasfahi, halte, worauf geantwortet wurde, dab et dies 
elbit wissen müsse. Dder Geforderte schoß sich nicht, sondern 
hrachte die Sache zur Anzeige, und nun ersolgte die Anklage. 
Das Kriegsgericht, das wegen dieser Forderung Anklage erhoben 
hatle verurteilte den Offigier und seinen Kartellträger zu ie 
einen Tag Festungshaft. — 
Wo in das Geid? Das mit grohem Pomp in der Turn⸗ 
halle in Si. Pauli veranstaltete Sechs⸗Tage-Rennen hat 
einen sehr traurigen Abschluß gefkunden. Es sind im ganzen an 
Fintriitsgeldern etwa 35 000 Movereinnahmt, von dieser Summe 
ist ein großer Teil auf unerklärliche Weise abhanden gekommen 
und die Radfahrer, die gesiegt, haben nur 20 Prozent der auf 
sie gefallenen Preise erhalten können. Die Angelegenheit befindet 
lich bereits in den Händen der Behörde. 
Gleine Nachrichten, Zwei Paar schwarze 
australische Schwäne hat Carl Hagenbed der Stadt Ham⸗ 
burg zum Geschenk gemacht, die demnächst das Alsterbecken zieren 
werden. — Nach Unterschlagung von 10000 Mist 
der neunzehnjährige Banklehrling Hans Schminke flüchtig ge— 
worden. Der junge Mann hat die 10000 Miin drei Tausend⸗ 
und siebzig Hundertmarkscheinen mitgenommen. — Nach Un⸗ 
terschlagung von 600 Mäist der Hausdiener Willi Sch. 
flüchtig geworden. — 500 Munterschlung der 286 Jahre alte 
Kommis FJ. seiner Firma und ergriff dann die Flucht. Alle 
brei Flüchtlinge werden zurzeit von der Kriminalpolizei gesucht 
— Grotzere Beute an Silbersachen machten Einbrecher, 
die in die Villa Scheffelstrahe 20 eingedrungen waren. Die 
Tater erbeuteten mehrere Kleidungsstüche, einen Sealskinherren⸗ 
pelz sowie zahlreiches Silbergerät im Werte von 2500 M. — 
Durch Kohlengas erstiicht. Zwei bei den Baggerungs—⸗ 
arbeiten in Waltershof beschäftigte Schutenführer hatten sich 
jum Ausruhen in einer Kajute niedergelegt, die durch einen kleinen 
Dfen geheizt war. Durch Ausströmen von Kohlengas wurde 
der 27 Jahre alte, aus Holland gebürtige Schutenführer Stü— 
vens erstikt. Sein Kollege konnte mit vieler Mühe wieder zum 
Bewußtsein gebracht werden. 
Bremerhaven, 27. Jan. Ein Defraudont, der 
mit etwa 14000 Meaus dem Ehöässischen ausgerückt Dar und 
sich ein junges Mädchen als Begleiterin mitgenommen hatte, 
wurde von Newyork nach Deutschland zurückgebracht. Das 
Parchen kam Mittwoch hier an. 
Schleswig⸗Holstein. 
Kiel, 27. Jan. Ein Gesa mtverband far Ar⸗ 
nenpflege und Wohltätigkeit ist Mittwoch von 
17 Wohltätigkeitsvereinen unserer Stadt gegründet worden. 
Dder Gesamtverband will darauf hinwirken, daß nur wirk. 
ich bedürftige Personen unterstützt werden, daß eine engere 
Fühlung zwischen den Wereinen stattfindet, und daß der 
Wohltätigkeitssinn, der noch viel zu wünschen übrig läht, 
gefördert wird. Zum Vorsitzenden des Verbandes, der in 
enger Fühlung mit der städtischen Armenverwaltung arbeiten 
will, wurde Pastor Mau gewählt. — Die Veranstaltung 
iines Kinder-Frslorgetages in der bekannten 
Form des Blumenverkaufs ist von hiesigen Wohltätig⸗ 
eitsvereinen geplant, die Mittwoch eine Versammlung ein⸗ 
zerufen hatten, in der Marine⸗Chefingenieur a. D. Hol⸗ 
igender einen Vortrag hielt. Der Redner bezeichnete als 
Anstalten, die von einer derartigen Veranstaltung Vortei 
haben wurden, die Krippe des Anschar⸗Rrankenhauses, das 
Zeinrich Kinder⸗Hospital, die Milchtüche des Frauenbildungs⸗ 
ereins. die Knaben⸗ und Mädchenhorte, das Nicolaiheim, die 
Warfeschulen uspv. Nach der Berechnung des Rebners ist 
ein finanzielles Fiasko ausgeschlossen. 
Lauenburg. 
Mölln, 27. Jan. Im Voranschlag des Haus⸗ 
jaltungsplans fur 1911 sind im Extraordinarium vorgesehen: 
ur den Neubau des Krankenhauses 100 000 M, fur den 
Ambau des Rathauses 35 000 Mund für den Bau der 
Walsserleitung und der Kanalisation 300 000 M. 
F. Baüchen-Bahnhof, 27. Jan. Zum Bahnbau 
Geesthacht-Buaschen. Eine vom Gemeinnützigen Ve re in 
m Ohlrogges Gasthof einberufene Versammlung bewilligte 
am Mittwoch 1600 Mefur die Vorarbeiten des Bahnbaues 
Geesthacht⸗Buchen. 
Großherzogtümer Mecklenburg. 
Schwerin, 27. Jan. Der Großherzog wohnte 
Mittwoch vormittag einem Scharfschießen der Artillerie bef 
Neumuhlen bei. Rachmittags besichtigte der Großherzog die 
Ausstellungsgebäude auf dem großen Exerzierplatz unter 
Führung von einigen Herren der Ausstellungsabteilung. — 
der zweite Hofball im großherzoglichen Schlosse findef 
im 2. Febr. statt. Wie verlautet, gedenkt in den Tagen 
zarnach das Großherzogspaar sich zum Besuch der verwitweten 
ßroßherzogin Anastasie nach Cannes (Südfrankreich) zu begeben. 
— Beovsölkerungszahl des Großherzogtums 
Medlenburg⸗Schwerin. Die Zusammenstellung der Er⸗ 
zebnisse der Volkszählung am 1. Dez. 1910 ergab für das 
Froßherzogtum Mecklenburg-Schwerin 317 884 männliche und 
321895 weibliche, insgesamt 639 879 Personen, gegen 625 045 
Personen am 1. Dez. 1905 und 607770 am 1. Dez. 1900. 
Rostock, 27. Jan. In der Stadtverwaltung hat 
es seither noch immer an einer ordnungsmäßigen Bilanz über 
die werbenden Anlagen der Stadti Rostod ges'ehlt. 
zierin soll nunmehr Wandel geschaffen werden. Die Bürger— 
ertretung hat bei E. E. Rat den Antrag gestellt, dah 
noch in allernächster Zeit von einer Kommission die Grund⸗ 
ätze festgestellt werden, nach welchen die Etats dieser Anlagen 
rufzunehmen sind. In Verfolg dieser Grundsätze sollen dann 
zie Vorsteher der einzelnen Departements Anweisung zur unge 
äumten Aufstellung ihrer betreffenden Etats erhalten. Seit 
1906/07 ist kein Verwaltungsbericht über die finanziellen Ver— 
zältnisse der Stadt Rostock erschienen. Auch die Jahresberichte 
der Steuerbehörde und der Schlachthofverwaltung siind nicht 
ingegangen. Der Bestand der städtischen Passioa betrug am 
30. Juni 1908 22310 171,07 M. Im Johannistermin 1867 
zezifferte sich die Stadtschuld auf 1321637 Taler, zirka 
1. Mill. M. Von dieser Schuld entfielen damals auf den 
topf der Bevölkerung 481/3 Taler, za. 145 M, gegenwärtig 
st diese Summe auf etwa 344 Mäangewachsen. — Die 
Erweiterung des Rostocker Hafens. Die außer— 
ordentliche Sitzung unseres Stadtparlaments war wiederum der 
Weiterberatung des Projektes der Hafenerweiterung gewidmet. 
Nach dreistündiger Aussprache wurde die Ratsvorlage, be— 
treffend das Ostprojekt, mit 29 gegen 28 Stimmen 
abgelehnt. Hierauf nahm die Bürgervertretung mit 
aroßer Mehrheit einen von Berg gestellten Antrag an, nach 
dem die Bürgervertretung an ihrem früheren Beschlusse in 
bezug auf die Begrenzung der Fläche D, nach der also im 
wesentlichen nur die jetzigen Landgrenzen auszubauen sind, 
festhält. 
Grevesmühlen, 27. Jan. Verhaftet. Der von 
der Staatsanwaltschaft in Lübeck wegen schweren Diebstahls 
stedbrieflich verfolgte Arbeiter Ludwig Schulz aus Lubed wurde 
in Diedrichshagen verhaftet und hier eingeliefert 
Sportnachrichten. 
Der deuischengl. sche Priaz⸗Hrinrich Preis. Der Kaiserliche 
Automobilklub bringt jetzt die Ausschreibung für die Touren-⸗ 
'ahrt um den neuen Prinz⸗-Heinrich-Preis heraus. 
Die Fahrt dieses Jahres ist kein internationaler Wett— 
bewerb, sondern eine freundschafiliche Gesellschaftsfahrt 
wischen dem Kaiserlichen Automobilklub und dem 
Ropal Automobil Club ßof Great KRritain. Sie 
— 
findet in der Zett vom 4. bis 20. Juli 1811 statt 
und wird in Bamburg ihren Anfang nehmen und 
ja London enden. Wettrennen finden diesmal nicht statt. 
sr. Fir das Motorboot⸗Meeting von Monaco ist von Herrn 
Hertzog, Berlin fur die III. Kreuzerklasse (Pik⸗Aß VII) die 
einzige deutsche Meldung abgegeben worden. 
sr. Ein neuer Weltverband für allgemeinen Sport wird 
auf Grund etner vom schwedischen Sport⸗Verband an die 
Lerter der Sport⸗Vereinigungen zahlreicher Staaten über—⸗ 
sandten Anregungen geplant. Die Gründung des Welt— 
Verbandes soll 1912 anläßlich der Olympischen Spiele in 
Stodholm erfolgen. 
Vermischtes. 
Das Ende des Prozesses Schenk. Nach einer Depesche 
aus Wheeling vom Donnerstag, dem 26. Jan., haben sich 
die Geschworenen im Prozeh Schenk nicht einigen 
können; sie wurden deshalb ihres Amtes entlassen. Ob 
die Anklage gegen Frau Schenk noch einmal zur Ver— 
handlung kommen wird, ist zweifelhaft. Skandalöse Szenen 
pielten sich vor dem von einer großen Volksmenge be— 
iagerten Gerichtsgebäude ab, wo Buchmacher offen 
Wetten auf das Resultat des Prozesses anboten und 
abschlossen, bis der Scherif mit einem großen Aufgebot 
von Mannschaften den Platz mit Gewalt räumen ließ. 
nge. Ein neuer Sktandalprozeh in der Londoner Geselischaft. 
Noch bildet die Verurteisung des Sir— eon Wesj'. Uiitaliedes 
des Geheimen Ra'es und eh maligen Kamme herrn der Ken'gin 
Viltoria. zu einer Geldstrafe von 25 000 Muwegen vecrleum— 
derischer Beleidigung der geschiedenen Frau seines Sohnes das 
allgemeine Gespräch in den Kreisen der Londoner Gesellschaft, 
und schon bereitet sich in denselben Kreisen ein neuer Prozeß, der 
kaum weniger Aufsehen erregen wird, vor. Diesmal ist es nicht 
die Schwiegertochter, die gegen den Schwiegervater, sondern 
der Schwiegersohn, der gegen die Schwiegermutter vocrgeht. 
Der Baron Maurice de Forest hat nämlich seine Schwieger— 
nutter, Lady Gerard, und deren Bruder, Mr. Milner, wegen 
der Beleidigungen verklagt, die sie, nach seiner Angabe, wäh— 
rend der letzten Parlamentswahlen über ihn geäußert haben. 
Der alte geschichtliche Gegensatz zwischen den Tories und den 
Whigs hat wieder einmal, wie schon in so vielen Fällen, den 
Frieden einer englischen Familie zerstört. Baron de Forest 
st freilich wie schon sein Titel verrät, sozusagen nur ein impor— 
ierter Engländer. Er ist der Sohn — oder Enkel? — des ver— 
itorbenen Barons James Hirsch, des bekannten Millionärs und 
Freundes des Königs Eduard VII. Und zwar, wenn wir nicht 
irren, ein illegitime Sohn — oder Enkel. Zwanzigiöhrig 
erhielt er 18989, drei Jahre nach dem Tode des Barons Hirsch, 
dessen Riesenvermögen er und sein Bruder erbten, den öster— 
reichischen Freiherrntitel, aber bereits 1900 ließ er sich in Eng— 
and naturalisieren. Eine erste Ehe, die er dann schloß, wurde 
iach kutzer Zeit für nichtig erklärt und 1904 vermählte er sich 
nit der ehrenwerten Miß Ethel Gerard, der Tochter des nicht 
ange vorher verstorbenen Oberstleutnants und zweiten Lords 
verard. Die verwitwete Lady Gerard bekennt sich, wie ihr 
Bruder, Mr. Milner, zu konservativen, der junge Baron de 
Forest dagegen huldigt, was in Anbetracht seines Ursprunges 
nicht besonders verwunderlich ist, liberalen Ansichten. Beide 
cheinen infolgedessen während des Wahlkampfes so heftig an— 
inander geraten zu sein, daß Baron de Forest jetzt Sühne für 
die ihm zugefügte schwiegermütterliche Unbill vom Gerichte 
verlangt. Man ist in London über die Aussicht auf diesen 
Prozeß nicht besonders entzückt und meint, bisher habe es den 
englischen Gepflogenheiten entsprochen, Familienzwistigleiten, die 
auf Grund verschiedener politischer Anschauungen entstanden, 
unter sich abzumachen und nicht vor die Oeffentlichkeit zu bringen. 
d. Elektrische Ausstellung in Münchten 1911. Unser Mün— 
chener Korrespondent telegraphiert uns: Die seit einiger 
Zeit geführten Verhandlungen, auch im Jahre 1911 das 
Muͤnchener Ausstellungsareal nicht unbenutzt zu lassen, sind 
von Erfolg gekrönt. Die erste Ausstellung findet bereits 
im Mai dieses Jahres statt und wird bis tief in den 
Juni hinein dauern. Sie soll der Elektrizität gewidmet 
ein und deren WVerwendbarkeit im Haushalt, in Industrie 
und Landwirtschaft zur Darstellung bringen 
Ordonnanzritte 1870/71. 
Gortsetzung.) 
Wo lag denn das Geheimnis der Erfolge, die der deuischen 
Minderzahl fast ausnahmslos bei den Kämpfen gegen vie 
sranzösische Ueberzahl zufielen? Vaterlandsliebe und Opfer⸗ 
willigkeit war bei den Franzosen wohl nicht geringer als bei 
uns. Daß die Heere der Republik bei weitem nicht die 
Kriegstüchtigkeit der kaiserlichen Armee aufwiesen, ist ebenso 
wahr, als daß auch die deutsche Armee kaum mehr in der 
tolzen Verfassung war, mit welcher sie im Sommer in den 
Krieg eintrat. Unsere Besten waren es, die auf den Schlacht- 
leldern vor Metz ihr Leben gelassen hatten, und der zum 
Teil aus jungen Soldaten und jungen Offizieren bestehende 
u konnte sie weder an Zahl noch an Ausbildung voll 
en. 
ISS war das feste Gefüge der deutschen Armee, 
das die einzelnen Glieder derselben unldslich miteinander ver— 
band; der Geist, welcher den Einzelnen widerspruchrlos sich 
einfügen ließ in den Gedanken, der, von der Führung aus— 
gehend, sozusagen die Seele des Organismuis der Armee bildete; 
dieser Geist, welcher Leiden und Entbehrungen, Gefahr und Tod 
bei sich und anderen gering achtete, wenn es galt, das 
dem Ganzen gestedte Ziel zu erreichen diese Unterordnung des 
Ichs mit all seinem Können und Wollen, mit seinen koͤrperlichen 
und geistigen Kraͤften nicht sowohl unter die⸗ Person des 
Fuhrers, als unter den Gedanken der Aufgabe; dieser Gedanke, 
der den Muden aufrecht hielt. dem Verzagenden neuen Mut 
zab, der in der Todesnot die Seele mit Opferwilligkeit und 
hinatbung der Person durchdrang; der dem Sterbeuben das 
A der erfullten Pflicht als 
Weazehrung reichte: mit einem Wort. es war die altpreußsche 
Pflichterfüllung und Manneszucht, die auch auf den französischen 
Schlachtfeldern gesiegt hat. Möge sie nie gering geschätzt werden 
und verloren gehen! 
Und so wurden im Sinne des Primzen⸗Feldmarschalls die 
den Truppen vergönnten Ruhetage eifrig benutzt, die Kriegs— 
ertigkeit zu erhalten und zu erhöhen. Die Taschen und 
batronenwagen, die Protzen und Kolonnen wurden mit der nun 
intreffenden frischen Munition gefüllt. Tuch und Leder wurde 
n Orlsans gekauft und Tag und Nacht waren die Handwerker 
in der Arbeit des Flidens und Besohlens. Auch nach der 
inderen Seite wurde eifrig gearbeitet; es wurde stramm exer— 
iert, und in dem Bewußtsein von jenem „Eigentlichen“, wa⸗ 
»er Truppe nottut, waren es weniger Gesechtsformen, die geübt 
vurden. Die ergaben sich je nach der vorliegenden Aufgabe 
iach dem Verhalten des Feindes, nach dem Gelände bei der 
zefechtsmäßigen Truppe fast von selber. Es war die Form 
die einmal wieder gestützt werden mußte, das Gefäß, welches 
den Geist zusammenhält, mit dessen Zerbrechen aber der Inhall 
rur zu leicht verschüttet wird. Es wurde die Alkuratesse 
m Anzug geregelt, Haltung und Marsch geübt, Griffe und 
honneurs reguliert, mit einem Worte, es wurde zum Staunen 
er französischen Bevölkerung bei den Siegern in so viel 
—„chlachten stramm — gebimst. Manchem alten französischen 
Zoldaten, der in der Unordnung und dem Wiangel der Disziplin 
»er Loire-Armee die tiefste Ursache ihrer Niederlagen er— 
annte, mag es da gedämmert haben. „Ah, grand malheur 
pour nousl Pauvreo Francol!“ sagten sie dann und schlichen 
betrübt nach Hause. Im Abrigen war das Verhältnis der 
Bewohner der Ortschaften mit unseren Soldaten ein qautes 
und wurde bei der Gutmütigkeit unserer Leute sast ein freund⸗ 
chaftliches. Freilich waren die Weinbauern sehr betruͤbt, dah 
hre schönen und teuren eichenen Weinstocstüren in die Kamime⸗ 
panderten: aber es war sehr dalt und sonslgab « bald 
—EEA;A 
kein trockenes Holz mehr. Auch murrten sie nicht, daß die 
Kompagnieführer jedem Mann täglich eine Flasche Rotwein 
verobfolgen liesßen. Es wächst in diesen gesegneten Gegenden 
o viel davon, daß es wirklich nicht darauf ankam. Auf Ab— 
tinenz wurde damals noch nicht so gedrückt, wie heute. 
Namentlich den Rotwein schätzten wir als ein vorzügliches 
Kräftigungsmittel sehr. Und daß alle Sühner, Enten und 
Gänse den Weg alles Geflügels gehen mußten, nun, das 
brachte der Krieg mit sich. Darum keine Feindschaft! 
Am 24. Dezember bramte in allen Ortschaften nach 
beulscher Sitte der Christbaum. Auch in unserem Schlosse hatten 
wir von der Division eine schöne Feier. Ich hatte im Park 
eine herrlich gewachsene Tanne sällen lassen und stellte sie 
mn einer Rotunde im Schlosse auf, die durch zwei Stodwerke 
durchgaing. Natürlich hatten wir nicht Lichter genug auf— 
reiben lönnen, den bis unter die obere Dede reichenden 
Riesenbaum ganz zu bestecken. Ich half mir mit partie— 
venser Beleuchtung. Aus der Bildergalerie holte ich ein Ma— 
donnenbild mit dem Christuskinde, das ich in den Baum 
m einen Aushau stellte, und auf das ich allen Lichterglanz 
dereinigte. Es sah sehr schön aus. Unser Kriegsgerichtsrat, 
berr v. Richthofen, verschönte die Feier durch sein meisterhaftes 
Spiel auf dem herrlichen Flügel. Der Koch Meyer hatte bei 
Bereitung eines kleinen Festmahles den besten Fuß vorgesetzt. 
Selbstverständlich gab es auch das Getränk, welches beim 
Divifionsstab eigentlich nie ausging und welches auf Exzellenz 
Wunsch, wo es sich eben machen ließ. täglich bereitet wurde. 
Das war ein Bischof aus dem landesüblichen Rotwein, mit 
Zucker gesüßt und gewürzt mit der Schale der Pomeranzen. 
die wir in den Gewächshäusern und den Orangerien der zahl. 
teichon Schlösser oft frisch zu pflüchen Gelegenheit hatten 
s(Forkung folat
	        
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