Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

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aAusgabe A. 
Mittwoch, den 4. Januar 1911. 
Morgen⸗Blatt NUr. 5. 
— 
Cagesbericht 
Lünbeck, a4. Jan. 
Generaloberst v. Lindequist, Generaladjutant des Kaisers, 
st, wie schon berichtet, als Nachfolger des verstorbenen Generals 
.Spitz zum Vorsitzen den des preußischen Landes« 
Rriegerverbandes und des Deutschen Krieger« 
zundes ernannt worden. Der Generaloberst ist im Herbst 
1907 zur Disposition gestellt worden, nachdem er am 2. März 
sein 50jähriges Militärdienstiubiläum gefeiert hatte. Während 
einer Dienstzeit hat er die 1. Garde⸗-Infanterie-Brigade, dann 
die 21. Division, später das 13. und schließlich das 18. Korps 
zefehligt. 1904 bis 1907 war er als Generalinspekteur der 
3. Armeeinspektion in Hannover tätig. Seit Neujahr 1902 
st er Ritter des Schwarzen Adlerordens und am Neujahrs— 
rage wurde ihm vom Kaiser der Rang eines Generalfeld⸗ 
marschalls verliehen. v. Lindequist ist ietzt 72 Jahre alt. 
Der Staat Lübeck. Historisch⸗biographische Blätter. In 
»em Ecksteinschen sog. Biographischen Verlag zu Berlin ist 
urz vor Weihnachten die seit zwei Jahren vorbereitete Ver—⸗ 
zjffentlichung über die größeren Handels- und Industriestätten 
dübecks erschienen. Die Veröffentlichung, eine Zusammenstellung 
der von den einzelnen Teilnehmern an diesem Werk gelieferten 
vefte, ist eine ähnliche wie die gleichen Veröffentlichungen 
iber Hamburg und Bremen, in grotzem, etwas unhandlichem 
Folioformat, in drucktechnischer Richtung sehr sauber, insbe— 
ondere mit Bezug auf das Illustrationsmaterial, hergestellt. 
Ddas wertvollste an dem Werk sind nach unserem Ermessen 
ie von einzelnen Firmen gelieferten Beiträge über den Um⸗ 
ang und die Ausbreitung ihres Geschäftes. Gerade diese 
Angaben werden vielleicht eine Grundlage bilden können für 
in etwa von der Handelskammer vorzubereitendes, wirklich 
ollständiges Handbuch der lübeckischen Industrien und des 
zandels. Die vorliegende Veröffentlichung kann — bekennen 
bir es offen — als ein solches nicht angesehen werden, da 
nsbesondere die Gesamtübersicht und die Angaben über manche 
Internehmungen fehlen, die es aus äußeren Gründen abge— 
ehnt haben, einen Beitrag zu liefern. — Das Vorhanden⸗ 
ein eines Handels- und Industrie-Handbuches würde aber 
weifellos einem Bedürfnis entsprechen, da das Adreßbuch wohl 
ine Gesamtübersicht der Einwohnerschaft, nicht aber der 
zandels- und Industrie-Firmen allein gibt. Ein solches 
handbuch, etwa in Lexikonformat hergestellt, durste auch eine 
rößere Verbreitung finden, als die vorliegende Veröffent— 
ichung. die wahrscheinlich auf Bibliotheken und in Privat⸗ 
ontoren ein beschauliches Dasein führen wird. — Wir geben 
uns der Hoffnung hin, daß trotz der von uns gemachten 
Ausstellungen mit Rücksicht auf die von den einzelnen Firmen 
zemachten Aufwendungen, die Veröffentlichung dazu beittagen 
vird, den Handel Lübecks zu fördern. 
*Für das Seemannsheim ist dem Vorstand des Vereins 
Lübecker Seemannsheim“ von Herrn Senator E. V. die 
Summe von 3000 Mäzugegangen. 
xX Susschmiedepruifung. Die erste diesjährige Prüfung 
indet am 27. März statt. Weitere Prüfungstermine sind auf 
„en 26. Juni und 2. Oktober festgesetzt. (Siehe Bekanntmachung 
m amtlichen Teil dieses Blattes.) 
Die Zentralbibliothek für Blinde hat sich die Versoraung 
der Blinden mit gutem Lesestoff zur Aufgabe gemacht. Sie hat 
den Blinden in allen Teilen Deutschlands ihre reichen, etwa 
12000 Bände umfassenden Bestände an ausgewählten Werken 
der schönen, belehrenden Musik- und fremdsprachlichen Lite— 
ratur in Blindenschrift kostenlos zur Verfügung gestellt; der 
Benutzer hat lediglich das Rüchporto zu tragen. 
Vom Ballon „Hildebrandt.“ Nach einer Meldung des 
zamb. Correspondenten aus Kiel soll der Ballon „Hilde— 
zrandt“ am Freitag vormittag in der Zeit zwischen 9 und 
054 Uhr vormittags über dem Kriegshafengesehen 
worden sein. Welche Richtung der Ballon eingeschlagen hat, 
lonnte nicht angegeben werden. Danach scheint es gewiß zu 
ein. daß der Ballon auf der See untergegangen üst 
bb. Stadttheater. Aus der Theaterkanzlei schreibt man 
ins: Heute, Mittwoch (8 Uhr), „Der Graf von Luxemburg“. 
Ddonnerstag „Fidelio“. Die musikalische Leitung hat Herr 
dapellmeister Abendroth als Gast. Freitag geht neueinstu⸗ 
diert „Der Kaufmann von Venedig“ von Shakespeare in 
SZzene. — In Vorbereitung .Taifun“, Drama von Melchüor 
dengyel. 
. Stadkhallen⸗Theater. Aus der Theaterkanzlei schreibt 
nan uns: Morgen, Donnerstag, abends 8 Uhr, gelangt Her—⸗ 
nann Sudermanns wirkungsvolles Schauspiel „Das Gluck im 
Winkel“ zur nochmaligen Aufführung. (Vorverkauf der 
Billetts siehe Inserat.) 
b. Hansa⸗Theater. Aus der Theaterkanzlei schreibt man 
ains: Die Aufführung des Stückes „Der brave Hermann“ 
indet nur noch bis Sonnabend statt. Der allabendlich gute 
zesuch des Theaters beweist, daß die Direktion hiermit einen 
zuten Schlager getrosfen hat. Ab Sonntag gelangt zur Auf— 
ührung „Mein Bruder das 'n Luder“ 
. Travbemünde, 4 Jan. In der Gemeinderats— 
ritzung am Sonntag wurde endgültig über den Voranschl!ag 
ür 1911 abgestimmt. Um den durch Herabsetzung der Kom— 
mungalsteuer auf 10 00 der Einkommensteuer geschaffenen Unter— 
chied zwischen Ausnahme und Einnahme auszugleichen, wurde 
s nötig, aus dem Kapitalfonds der Gemeinde 5000 M 
üür die Einnahmeseite des Budgets anzuweisen. Das Budget 
vurde dann mit 9 gegen 5 Stimmen angenommen. Auf 
Antrag Lindenberg sand namentliche Abstinmmung statt. Für 
»as Budget stimmten die Herren Söhrmann, Kähler, Ahrens, 
Jarchau, Dose, Böye, Brockmann, Westphal, Diercks; dagegen 
timmten Gemeindevorsteher Meincke, Dr. Zippel, Hargus, Kar— 
tedt und Lindenberg. Man hofft bei der Mehrheit, daß 
ie Aussichtsbehörde das Budget genehmigen werde. 
Schleswig⸗Holstein. 
Riel, 4. Jan. Zum Bürgermeistergewählt wurde 
Stadtisekretär Fruhner an Stelle des zum Bürgermeister in 
Lönning gewählten Bürgermeisters Steffen in Triebel. — Zu 
»em Selbstmword des Polizeisergeanten B. ist noch 
mitauteilen: Bereits am Sonnabend fiel B. seinen Angehörigen 
durch eigenartiges Wesen auf. Am Sonntag nachmittag, wäh— 
nend die Kinder in der Stube spielten Und er mit seiner Frau 
m Sofa saß, sagte er plötzlich zu der letzteren: „So, nun 
ommt meine Neujahrsfeier!“ Dabei zog er sein Messer und 
agte es sich in die Brust. Die Frau zog es wieder heraus. 
zr versuchte, das hervordringende Blut zurückzuhalten. Der er⸗ 
ittene Blutverlust war aber bereits so groß, daß B. auf dem 
transport nach der chirurgischen Klinik starb. 
Neumünster, 4. Jan. Bei der Feier des 50jähr. 
Bestehens der Königl. Eisenbahn-Hauptwerk⸗ 
bätte erhielten den Titel Rechnungsrat Königl. Obermaterialien⸗ 
erwalter Brinkop, den Roten Adlerorden 4. Kl. Königl. Eisen⸗ 
ahnsektetär Radde, den Kronenorden 4. Kl. Eisenbahnwerkmeister 
Illrich, das Allgemeine Ehrenzeichen die Werkführer Grömer, 
heimers, Brügge und Peters, die Dreher Stark und Delfs, 
ie Handarbeiter Heeschen und Brodmann, Schlosser Rix und 
Meyer, sowie Schmied Brand. Außerdem erhielten 20 Personen 
veldgeschenke. Der greise Begründer der Werkstätte, der Kgl. 
kisenbohndirektor a. D. Schneider, der 38 Jahre lang ihr Leiter 
var, war der gefeiertste Ehrengast. In der Werkstätte sind 
nehr als 100 Arbeiter 25—40, reichlich 400 Arbeiter mehr 
als 10 Jahre beruflich tätig. 
Großherzogtum Oldenburg, Fürstentum Lũbed. 
Oldenburg, 4. Jan. Kultusminister Ruhstratll 
vird gutem Vernehmen nach am 10. Jan. für fünf Wochen 
ruf Urlaub nackh Sizilien zur Wiederherstellung seiner Ge— 
undheit gehen. 
O Süsel, 4. Jan. Die Diakonie hat 329 Mean 
Zedürstige verteilt und 100 Mäals Beitrag zu den Kosten der 
Semeindepflege gegeben. — Der Klingelbeutelertrag 
aus dem vergangenen Jahre belief sich auf 398,00 M 
Lauenburg. 
Rs. Büchen-Bahnhof, d. Jan. Einen guten 
Fang machte mit Unterstützung der Büchener Bahnbeamten 
ßendarmeriewachtmeister Tödt-Potrau. In der Nacht auf 
Dienstag kam mit dem letzten Zuge von Shwarzenbek ein 
ius Boizenburg stammender, angeirunkener Arbeiter, der den 
fisenbahnangestellten drei frischgeshlachhtete Hühner für billiges 
zeld anbot. Der diensttuende Bahnassistent, der Verdacht 
chöpfte, ließ den Gendarm benachrichtigen, und dieser ermittelte, 
aß die Hühner von einem Einbruchsdi bstahl auf Gut Lanken 
„errührten. Die Hühner wurden dem rechtmähigen Eigen— 
mer zugestellt und der Arbeiter in Haft genommen. 
Grosßherzogtumer Medlenburg. 
Rostock, 4. Jan. Direktor Franz Schinkel, der 
erste kaufmännische Beamte der Altiengesellschaft für Schiffs— 
ind Maschinenbau „Neptunwerst“, hat am 1. Jannar sein Amt 
ils Direktor niedergelegt. Direttor Schinkel hat durch seine Um—⸗ 
icht und unermüdliche Tatkraft unstreitig einen wesentlichen 
Inteil an dem Aufschwunge der Werst gehabt, bei der er 
ereits vor 9 Jahren auf eine 28jährige Tätigkeit zurück— 
Nicken konnte. — Gestorben ist am SilvesterNachmittage 
iach längeren Leiden der Navigationslehrer Ferdinand Raspe. 
⸗Rehna, 4. Jan. Drei Knaben ertrunken. In 
ßrambow (Wedendorf) betraten Montag vormittag mehrere 
dnaben das noch schwache Eis einer Wasserkuhle an dem 
Vege nach Blieschendorf, wobei der 12jährige Sohn des 
lrbeiters Lau einbrach. Zwei Brüder, die 10 und 12 Jahre 
lten Kinder des Chausseewärters Schmedemann, eilten zr 
ilfe, um ihren Kameraden zu retten. Sie mußten jedoch 
hren aufopfernden Rettungsversuch mit dem Tode bezahlen. 
Alle drei Knaben versanken in dem tiefen 
VBasserloch. Die anderen an der Unglücksstelle befindlichen 
zinder holten schnell Hilfe herbei, welche aber leider zu spät 
am. Mittags waren zwei Leichen geborgen, die Leiche des 
ritten Knaben konnte erst später geborgen werden, nachdem 
aan einen Kahn vom Wedendorfer See herbeigeholt hatte. Der 
ragische Unglücksfall, durch den zwei Familien in liefe Trauer 
ersetzt wurden, erweckt hier allgemeine Teilnahme. 
szzwei Wochen im Harem eines Maharadscha. 
C.K. Die amerikanische Schriftstellerin Mrs. Jad Gourand 
ann sich rühmen, zwei Wochen dang im Harem eines indischen 
broßkönigs gelebt zu haben, um ein wahrheitsgetreues Bild 
on dem Dasein jener orientalishen Frauen zu gewinnen, die 
ür den Europäer hinter einem geheimnisvollen Schleier der 
degendenbildung verborgen sind. In einem interessanten Auf— 
atz schildert sie ihre Beobachuungen und zerstört die phan— 
aftischen Vorstellungen, die der Westeuropäer mit dem Be—⸗ 
riffe eines orientalischen Harems verbindet. Der Harem ist 
lles andere, als eine Sammlungeschöner, liebenswerter Frauen; 
nnden Frauengemächern hausen mehr alte häßliche Frauen als 
chöne Geschöpfe, und der Sinn der Bewohnerinnen ist keines⸗ 
negs darauf gerichtet, die Gunst des Herrn auf sich zu lon⸗ 
entrieren; ja es gibt fast gar keine Ripvalität. 
Der Harem ist einfach die Familie des Maharadscha, die 
ramilie, die sein Vaier ihm vererbt hat und die er hinnehmen 
nuß als etwas Gegebenes. Er kann wohl die Zahl der Harems— 
rauen vergrößern, aber es ist ihm versagt, auch nur eine einzige 
ener Bewohnerinnen der Frauengemächer zu entfernen, die 
hm unbequem oder unsympathisch ist. So kommt es, daß 
ie Gemahlinnen des orientaliichen Fürsten gewöhnlich nur 
ine kleine Minderzahl des Harems bedeuten, der sich in viel 
rößerem Maße aus Tanten, Verwandten, aus den Müttern 
einer Halbschwestern und schließlich der eigenen Mutter und 
zroßmutter zusammensetzt. Die alten Zeiten, da die Feld— 
errn die schönsten Frauen des besiegten Feindes ihren 
rürsten als Beute darboten, sind längst vorüber, und die 
rt, wie heute hin und wieder eine junge Frau in einen 
harem aufgenommen wird, hat gar nichts mehr von Romantik. 
stur eines ist geblieben, die strenge Abgeschiedenheit der Harems⸗ 
ewohnerinnen und die träge Untätigkeit ihres Lebens. 
Die Pflege ihres eigenen Körpers ist der einzige Inhalt 
ses Tages. Das Morgenbad wird zu einer umständlichen 
zjeremenie ausgebaut, die wenigstens zwei Stunden dauert: 
‚ann beginnt die Toilette. Ihre Hauptarbeit liegt in den 
zänden einer Masseuse, aber ein Europäer vermag lich keine 
zorstellung davon zu machen, zu welcher Vollendung der Orient 
erade diese Art der Körperpflege entwickelt hat. Es ist ein 
involdes Eingehen auf die feinsten Veräderungen der Muskel— 
wach 
und Nervenstränge, aber mehr ein zartes Betasten, als ein 
zrobes Massieren. Die Abreibung erfolgt mit Hilfe von par—⸗ 
fümierten, kostbaren Oelen, die die Gemächer in einen wollüstig 
chweren Dunst von Wohlgerüchen hüllen. Doch die Kunst der 
Kammerfrau beschränkt sich nicht auf die Massage und auf 
zie Schminke, mit der Gesicht und Fingernägel behandelt 
verden; wie die Modedame des Westens den Teint ihres Ant⸗ 
itzes mit kundiger Hand verbessert und die Natur korrigiert, 
jo pflegt die Orientalin ihren ganzen Körper, jedes Glied wird 
mit Essenzen und Salben behandelt. 
Wie sehr die Körperpflege zeitlich auch ausgedehnt wird: 
chließlich ist siei doch zu Ende, die kostbaren goldgestickten 
Seidengewänder werden angelegt und — der schönste Teil des 
kages ist vorüuber. Was nun? Kann die Orientalin die Früchte 
hrer Körperpflege zeigen? Es ist niemand da, der sie bewundert, 
ind es bleibt nur eins, wodurch die Eintönigkeit des Tages— 
aufes sich unterbrechen läßt: essen. Man ißt aus Langerweile, 
nan ißt, weil man schlechthin nichts anderes tun kann. Denn 
örperliche Bewegung, Anstrengungen und Aufenthalt in frischer 
Luft sind der Haremsbewohnerin versagt; auf einem parfü— 
nierten Kissen liegend, silberne Schalen mit Leckerbissen und 
chwer duftende Liköre an der Seite, liegt sie da, starrt gleich— 
nütig dem Rauche ihrer Zigarette nach oder greift allenfalls 
u dem französischen Romane, der neben ihr auf einem Taburett 
iegt. Nur hin und wieder unterbricht eine Ausfahrt in die 
Taufläden diese stumpfe Tatenlosigkeit; doch wenn die verhäng— 
en Sänften nahen, muß der Bafarbesitzer die Kunden schleu⸗ 
nigst entfernen, denn kein Fremder darf im Laden sein, wenn die 
Zaremsfrauen des Maharadscha einkaufen. Die liebste Be— 
chäftigung bleibt aber das Spiel mit Edelsteinen, mit unge— 
aßten Rubinen und Smaragden, die man noöchlässig durch 
die Hand gleiten läßt und laufht, wie sie in silberne Schalen 
herabfallen „Vier Tage lang ertrug ich dieses Leben. Danmn 
wurde in mir der Geist des Widerspruchs mächtig. Ich hatte 
mir gelobt, 14 Tage lang das Leben dieser Frauen zu teklen, 
ich schlief mit ihnen in den dufschwülen Räumen, die einem das 
Atmen erschweren, aß und badete, aber zur Mittagszeit nußte 
ich hinaus mußte Menschen sehen und sprechen. Wäre mir 
das versagt gewesen, ih wäre dem Wahmlinn anheimgefallen.“ 
Vermischtes. 
Das Londyner Auarchistennest. Durch einen „ufall ist es 
der Londoner Polizei geglückt, das geheimnisvolle Dunkel auf⸗ 
uhellen. das sich über die Persönlichkeit breitete, die bei dem 
lutigen Renkontre in Houndsditch versehentlich von ihren Spießß- 
esellen verwundet, bei der Flucht der Verbrecher nach dem be— 
zachbarten Whitechapel in eine der dunklen Baratken mitge— 
chleppt wurde und dort gestorben ist, ohne das Bewußtseln 
viedererlangt zu haben. Dem Berliner Tageblatt wird dar— 
iber aus London geschrieben: Die polizeiliche Bekanntmachung. 
ie für die Entdeckung der Mörder von Houndsdilch eine Be— 
ohnung von 10000 Muäaussetzte und die durch Mausranschlag 
n Whitechapel überall verbreitet wurde, hatte endlich den Er— 
olg, die geheimnisvolle Versönlichkeit, in der man die Haupt— 
erson des Anarchistendramas erblicken darf, felstzustellen. Ein 
zewisser Kempler, der Wirt eines in der Goldstreet des weit— 
intfernten Stadtviertels Stepney belegenen Hauses, ein Mann, 
der gewöhnlich nur die in jüdischem Jargon geschriebenen Zei— 
ungen lieft und deshalb das in der gesamten Londoner Presse 
eröffentlichte Bild des Mörders nicht zu Gesicht bekommen 
atte, erkannte in dem auf dem Maueranschlag reproduzierten 
Porträt des Toten den jungen Russen wieder, der vor etwa 
leun Monaten ein paar Zimmer in seinem Hause gemietet hatte. 
ẽkr hatte sich bei Kempler als Maler eingeführt, der mit auzer—⸗ 
rdentlichem Fleiß und mit ostentativer Zurschaustellung seiner 
tunsttätigkeit Pinsel und Palette gehandhabt hatte. So er— 
uhr die Polizei, daß man es in dem Toten mit dem Russen 
Potoki Morountzew zu tun habe, und mit der Identifizierung 
des geheimnisvollen Malers aus der dunklen Gasse in Stepney 
jekam sie auch die Fäden einer weitverzweigten anarchistischen 
Zerschwörung in die Hand, die in den vermeintlichen Maler— 
teliers in Goldstreet zusammenliefen. Bei der sofort und mit 
ßorsicht vorgenommenen Haussuchung entpuppte sich Mo— 
ountzews Wohnung zur nicht geringen Ueberraschung des Krimi⸗ 
albeamten als ein wahres Arsenal von Sprengstoffen. Gleich 
m ersten Zimmer fand man in einer verschlossenen Holzkifte 
wölf Mausergewehre, und in dem benachbarten Raum foörderte 
nan aus einem Wandschrank Pistolen mit reichlicher Munition, 
Mauser patronen und eine Anzahl Flaschen ans Licht, die die von 
»en Anarchisten zur Bombenfabrilation benötigten Chemilalien 
nnthielten. Gleichzeitig fiel der Polizei ein großer Stoß in 
ussischer Sprache geschriebener Briefe in die Hände, die zumeist 
ius Paris und Rußland stammen und in denen von furcht⸗ 
haren Attentaten die Rede ist, die in verschiedenen Haupt⸗ 
tädten Europas geplant waren. Der ermordete Russe war, 
veil er sehr zurückgezogen lebte, im Stadtviertel wenig bekannt. 
Jeder hielt ihn für einen Maßer, und die Leute sahen sich in 
iesem Glauben geflissentlich durch die Wahrnehmung bestärkt, 
daß der Russe tagsüber an seiner Staffelei fleißig arbeitete, die 
wWsichtlich so aufgestellt war, daß man sie von der Straße 
rus gut sehen konnte. Wenn er das Haus verließ, trug er 
tets ein flaches Holzfutteral unter dem Arm, das man für 
inen harmlosen Malkasten hielt, das in Wahrheit aber dazu 
iente, die aus Whitechapel lerbeigeschafften Chemikalien un— 
)»erdächtig in das Haus zu schmuggeln. Nach Aussage der 
sachbarn ging es des Nachts in Morountzews Wohnung recht 
ebhaft zu, man sah auch häufig mit Paketen beladene Ver— 
onen, unter denen zwei vornehm gekleidete Ausländer be— 
onders auffielen, heimlich ins Haus schleichen und erst beim 
Morgengrauen die Wohnung des angeblichen Malers wieder 
derlassen. Die nächtlichen Zusammenkünfte galten ohne Zweifel 
dem Iwedt Pläne für anarchistische Gewalttaten zu beraten 
und die Bomben herzustelsen, die dann nach dom Auslande, ver— 
mutlich nach Rußland, versandt wurden. 
Bucher⸗ und Schriftenschau. 
Allgemeine Musikzeitung Nr. 51. Berlin W. 62. 
Verlag der Allgemeinen Musikzeitung. Aus dem Inhalt: A. F. 
habeneck, ein Beethoven⸗Apostel von M. Murland. Vom schönen 
Anschlag von G. Ernest. Rochus v. Liliencron von Dr. G. Schüne⸗ 
mann. Musikstudenten von Dr. W. Kleefeld
	        
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