Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

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Wöchentlich 13mal (Wochentags morgens und 
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Beilagen: Vaterstädtische Blätter. — Der Familienfreund. 
Amtsblatt der freien und Hansestadt Lübed 1614. Jahrgang Nachrichten fur das Herzogtum Tauenburg, die 
beiblatt: Gesetz⸗ und Verordnungsblatt B3* gnemuninä äh Vnnen m ahede enucn am gürstentümer Ratzeburg, Lübeck und das angren⸗ 
—— — — —⏑— ——————————— te jende mecdlenburgische und holsteinische Geblet. 
Drud und Vetlaa brüder Borchers G.m.b. H. in Lũbed. — Geichãftsitelle Abdreß baus Kbniastr. 46). Fernsorecher vooo u. 9001. 
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— GGroße Ansgabe) Mittwoch, den 4. Januar 91. 
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J 5 Erhaltung der Masse des Volkes auf Staatskosten, die den 
Erstes Blatt. hierzu 2. Blatt. — Untergang Griechenlands gewiß nicht an letzter Stelle herbei⸗ 
— Seicen ührte, ist nur ein Schritt. 
— ——⏑ü—— .Man lasse die Kämpfe, die nun — 
i verden, diejenigen ausfechten, die sie führen, der Staat sorge 
nichtamtlicher Toil iur, daß nicht unlautere oder die Allgemeinheit schädigende 
3 Mittel angewandt werden und dad iee de 13 zwbt 
estimmung darüber bleibt, wie er sich zu dem mopfe stellen 
Das Kampfiahr 1910. vill. Die Oeffentlichkeit aber bemühe sich, objektio zu bleiben 
Luübed, 4. Jan. ind strebe danach, mehr als bisher auch dem Standpunkte der 
Ueber das Wirtschaftsjahr 1910 wird eine völlig über— Arbeitgeber gerecht zu werden. Die Tatsache, daß in jedem 
ünstimmende Beurteilung innerhalb der gewerblichen Unter— Jahre die Forderungen von vielen Hunderttausenden von 
iehmerkreise wohl nicht zu erzielen sein. Im allgemeinen AIrbeitern, deren Durchsetzung sie im Kampfe erzwingen wollen, 
iber wird man sagen können, daß die geschäftliche Lage lich on den Unternehmern einmütig zurückgewiesen werden, muß 
vährend des Jahres gehoben hat, wenn auch nur allmählich och zu denken geben, man kann diese Tatsache doch nicht mit 
and langsam. Freilich bezieht sich die Statistik im allgemeinen »er Bemerkung abtun, daß diese vielen Tausende von Arbeit⸗ 
aur auf den Beschäftigungsgrad, und wenn lie hier eine jebern im In- und Auslande alles „Scharfmacher“ seien. 
debung feststellt, so bedeutet dies noch keineswegs, so schrebt Mit 1910 verlassen wir ein Kampfiahr, das hinsichtlich 
der Syndifus der Deutschen Arbeitgeberverbände Dr. Tänzler zer Zahl der beteiligten Arbeiter nur durch das Bergarbeiter⸗ 
m Arbeitgeber, aus dem wir nachstehende Aussührungen wieder— — V 
geben, daß für die Industrie und deren Ertragswirtschaft Zierteliahren 95 860 Arbeiter, 1910 dagegen in der gleichen 
die Lage glänzender geworden sei, sie bedeutet vielmehr nur zeit 323 768 an den Arbeitskämpfen beteiligt. Wohl keine 
zine Belebung quf dem Arbeitsmarkte, die Rüchschlüsse auf das zndustrie ist von Angriffen vershont geblieben. Die Gewerk⸗ 
Vorliegen reichlicherer Arbeit zuläht. Diese reichlichere Ardeit chaften haben in den voraufgegangenen Jahren der Ruhe 
und vermehrte Arbeitsgelegenheit ist sür die Arbeiterschaft zerüstet, und sie haben gut gerüstet, so daß sie — damit 
anter allen Umständen ein Gewinn; ob sie es auch für den laudern wir keine Geheimnisse aus — Erfolge erringen 
Arbeitgeber ist, hängt noch von zahlreichen anderen Umständen onnten. Die Arbeitgeber werden das Jahr als ein Lernjahr 
ab. Tatsächlich wird von weiten Kreisen der Arbeitgeber »etrachten müssen, sie werden offenen Auges und rückhaltlos 
iberzeugend geltend gemacht, daß der steigenden Arbeit sinkende ie Bewegungen und ihren Ausgang noch einmal zu prüfen 
dendenzen in der Preisbildung und verteuernde Momente aben und zahlreiche Lehren sinden, die ihnen das Kompfiahr 
4 den Produktionskosten entgegenstehen und sie paralysieren, egeben hat. Sie werden finden, daß manche der Organisa— 
ramentlich aber wird mit zunehmender Erbitterung Klage dar— ionen noch viel straffer und geschlossener auszubauen sind, 
iber geführt, daß durch die Richtung, welche unsere amtliche aß viel sorgsame Kleinarbeit und sorgfältige Friedensarbeit 
Sozialpolitik einschlägt, die gewaltsamen, den Ertrag schädi— u leisten ist, um für den Kampf gerüstet zu sein, daß auch 
zenden Produktionsunterbrechungen, wie sie durch die Ge— as finanzielle Rüͤͤgrat zur Kampfesführung nicht zu ent— 
verkschaften in Szene geletzt zu werden pflegen, anltatt einer ehren ist. 
ewünschten Einschränkung in Wirklichkeit nur eine Förderung Von der Arbeiterseite wird die Oeffentlichkeit mit 
zrfahren. Diese Richtung, die darin gipfelt, die Gegensätze dachrichten geradezu überschwemmt, von Arbeitgeberseite wird 
wischen leitender und lediglich ausführender Arbeit durch »erzlich wenig dem gegenübergestellt. Das ist nicht so ver— 
nöglichste Zugeständnisse an letztere ausgleichen zu wollen, vunderlich, wenn man erfährt, daß auf 50 geistige Arbeits— 
vird von den Männern der Praxis für verhängnispoll er— räfte, die sich ausschließlich der Verteidigung der Arbeiter⸗ 
idnet; diese „Versöhnungspolitik“ hat vollständig versagt, es ewegung widmen, noch nicht eine geistige Arbeitskraft 
muhte erst vor kurzem von leitender Staatsstelle aus erklärt ommt, die die Interessen der Arbeitgeber wahrnimmt, wie 
werden, daß die Gegensätze seit dieser Konzessionspolitik nicht Zrofessor Adolf Weber-Köln in seinem sehr lesenswerten Buche 
chwächer, sondern stärker geworden sind. Wir sind auf dem Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit“ mit gerechter Ver— 
Wege, den einzelnen, sofern er der handarbeitenden Bevölkerung vpunderung feststellt. 50: 1, kann es da wundernehmen, wenn 
angehört, seiner Selbstverantwortung immer mehr zu ent— die Sache der Arbeitgeber zu kurz kommt? 
leiden, ihm aille Sorge sür des Tages Last und der Zukunft Das Jahr stand im Zeichen der Streikexzefse und 
Mühen abzunehmen, ihm ein Recht auf Beschäftigung und auf des Streikterrorismus. Mit den Wahlrechtsdemonstra⸗ 
einen nach seinen Anslichten auskömmlichen Lohn zuzuer— ionen und ⸗»spaziergängen fing die Eroberung der Straße an, 
ennen. Von da bis zur Befriedigung des Rufes „panem his sie in Moabit und auf dem Wedding ihren blutigen 
t circenses“, die süur Rom so verhängnisvoll wurde, und zur Höhepunkt erreichte. Mit Bedrohung der Nichtorganisierten be— 
Kunfst und Wissenschaft. 
O.K. Das Fiasko der Oper in Lendon. Während Hammer⸗ 
tein unermüdlich an dem Bau seines neuen Operntheaters 
in London fortarbeitet, überrascht der Leiter der letzten Opera⸗ 
aison in London, Thomas Beecham, die britischen Musitfreunde 
nit der pessimistischen Erklärung, daß die englische Metropole 
nicht imstande sei, ein ständiges Opernunternehmen zu be— 
itzen, wie es in London kein Publikum gibt, das wirklich mit 
Liebe und Verständnis der Oper entgegentritt. Thomas 
Beecham hat im vergangenen Jahre drei Spielzeiten veran⸗ 
taltet, zwei im Covent Garden und eine in His Majestys 
Theatre, und bei diesen Versuchen feststellen können, wie groß 
oder vielmehr wie klein das Theaterinteresse der Londoner Ge— 
ellschaft ist. Nachdem die erste Sensation einer Aufsführung 
verrauscht ist, dann kommt niemand mehr in das Operutheater, 
und für hundert Musikfreunde allein kann man nicht eine große 
Dohper unterhalten. Beecham wies darauf hin, daß er nun zum 
ersten Male den Versuch einer ganzjährigen Spielzeit unter— 
iommen hat, und das Ergebnis dieses Experiments ist für 
die britische Siebenmillionenstadt mehr als beschämend. „Die 
Ankündigung eines neuen Werkes wirkt wie die Aufrichtung 
ziner Warnungstafel: man meidet wochenlang die Gegend, 
vp dieser künstlerische Versuch unternommen wird. Das Wort 
„Erstaufführung“ hat auf das Londoner Publikum nur eine 
Wirkung: es schaudert »)md flieht.“ Als dann die Rede 
darauf kam, mit welcher Spannung und Aufregung Beechams 
Aufführungen der „Elektra“ und der „Salome“ erwartet wur—⸗ 
den, hatte der Operndirektor nur ein bitteres Lächeln. „Lassen 
Sie einen Elefanten auf einem Bein auf der Nelson⸗Säule 
stehen, und Sie werden mehr Publikum anlocken, als 25 Sa— 
somes. Eines ist sicher: im Jahre 1910 gab es in England' 
nieniand, der das Bedürfnis hatte, große Opernaufführungen 
uu erleben. Ich habe die besten Künstler zu gewinnen ge— 
suchtt, aber oft war das Haus kaum bis zu einem Siebentel 
zesüllt. Wenn ich unter solchen Umständen Opernaufführungen 
sortsetzen wollte, mühte ich Rockefeller und Carnegie zugleich 
sein.“ Für Hanmier'tein klingen diese Ersahrungen seines Ri— 
zalen nicht gerade ermutigend; fsie sind eine Bestätigung der 
meinung derer, die immer wieder betonen, daß London keinen 
bien Sinn für Miusik belitze 
Morgen-⸗Blatt NUr. 5. 
4 
— 3 Rä————»—» 
gannen zahlreiche Streils, um mit schweren Kämpfen gegen 
Arbeitswillige und Polizei zu enden. Die Exzesse in Charlotten⸗ 
zurg, Köln, Remscheid, Hamburg, Bremen usw., mit blutiger 
Schrift stehen sie auf dem Schuldkonto der Sozialdemokratie und 
hrer Gewerhschaften. In Frankreich gelten die Arbeitswilligen 
atsächlich als vogelfrei, die Streikenden gehen auf die „Fuchs⸗ 
agd“ nach ihnen. Dazu Sabotage an allen Ecken und Enden, 
Zerstörung der Verkehrsmittel, wie in Frankteich während des 
fisenbahnerstreils, Ersaufenlassen der Gruben, wie in England 
eim Bergarbeiterstreik in Wales. Tritt aber einer auf und 
erlangt, daß solchem Frevel energische Sühne wird, daß schwere 
ztcofe dem zugefügt wird, der die Freiheit des andern in so 
chmählicher und grober Weise mißachtet, dann kommen die Sen⸗ 
itiven, die Bedenklichen, die Feiglinge und verschreien solche 
zerechte Strafnorm als „Ausnahmegesetz“. 
Wir sehen, der Rückblid bietet der erfreulichen Momente nicht 
ziel und darum ist auch der Ausblick nicht erfreulich. Zweifellos 
tehen schwere Kämpfe, vielleicht schwerere als 1910 brachte, 
zevor. Die Arbeitgeberverbände mögen auf der Wacht stehen 
ind sich mit Energie und Erfolg der Angriffe erwehren, wie es 
hrugutes Recht und ihre Pflicht ist. 
Die strategische Lage in der Noroͤsee. 
—pP— Lübeck, 4. Jan. 
Man schreibt uns: Das Januarheft der Marine-Rund⸗ 
chau veröffentlicht über die Nordsee eine Untersuchung, die auch 
»ann Anspruch auf sorgfältige Beachtung hätte, wenn sie 
icht ausdrücklich auf den letzten Leipziger Spionage— 
rozek Bezug nähme. Nach einem Rücklick auf die ge— 
chichtliche Entwickelung der Nordsee⸗Mächte wird deren heutige 
Stellung mit der gebotenen Rüchksicht auf die weltwirtschaft— 
ijchen Verhältnisse und die militärpolitische Lage behandelt; 
m Anschluß hieran werden die misitär-geographischen Elemente 
er Notdsee und ihrer Küsten erörtert; den Abschluß bidet eine 
Eetrachtung der strategischen Lage in der Nordsee. Der Ge— 
»ankengang dieses letzten Abschnittes ist im wesentlichen fol— 
jender: 
Die Nordsee ist die Schwelle, von der aus Mittel- und 
Dfteuropa wirtschaftlich beherrscht werden können. Sie ist 
iber auch die Schwelle, deren Mittel- und Osteuropa bedürfen, 
um am Weltverkehr teilnehmen zu können. Sie frei zu halten 
st deshalb politische Lebensbedingung des Staats, der wirt⸗ 
chattlich hinter ihr liegt, sie zu beherrschen das natürliche 
nilitärische Ziel dessen, der die Teilnahme der hinter ihr lie— 
senden Mächte am Welthandel und Weltverkehr unterbinden 
bill. So wird die Nordsee zum friedlich oder kriegerisch 
instriltenen Gebiet zwischen den beiden Weltseemächten an 
hrem West- und Südostrand, zwischen England und 
Deutschland. qie — —8 Nordsee ift 
— — 
oll ein „erster Dekorationsmaler“ berufen werden. Prof. 
deflers sehr prunkvolle, aber auch sehr kostspielige Dekorationen 
ollen e iner größeren Einfachheit im Ausstattungswesen Platz 
nachen, da die Wiener Hoftheater im abgelausenen Spieliahr 
in Defizit von einer Million Kr. ergeben haben. 
Von jetzt an soll nicht nur bei den Dekorationen, sondern auch 
mn Mequisiten und Kostümen gespart werden, von denen 
zroße Mengen im Depot ungebraucht liegen. Da Baron 
Berger als ein Gegner des malerischen Elements in der 
Inszenierung bekannt ist, dürfte das Ausscheiden Leflers mit 
»er neuen Direktionsführung des Burgtheaters im Zusamnmien⸗ 
ang stehen. 
Eine italienische Staglone im Berliner Opernhaus wird 
m Mai stattfinden. Zur Aufführung sollen gelangen die 
ZRpern: „Ernani,“ „Der Maskenball“ und „Rigoletto“. 
Daͤe Hauptmannpremiere. Die Erstaufführung von Gerhard 
zauptmanns Berliner Tragikomödie „Die Ratten“ im 
dessingtheater ist auf Freitag, den 13. Jan. angesetzt. 
Verlobung in Künstlerkreisen. Frl. Marie Koehne, die 
lochter des Direktots des Deutschen Schauspielhauses in Ham— 
urg hat sich mit Herrn Konrad Gebhardt, dem bekannten 
ochbegabten Mitgliede des Hamburger Schauspielhauses, ver⸗ 
obt. Bekanntlich hat Frl. Koehne unter Direktor Feld— 
zusen am Wilhelm⸗-⸗Theater in Läbecd ihre etsten Bühnen— 
ersuche unternommen, gehörte auch eine Zeitlang dem En— 
emble des Hamburger Deutschen Schauspielhauses und im 
VBinter 190809 dem Ensemble des Neuen Stadttheaters in 
rübeck/ unter Direktor Kurtscholz, im Winter 1909/10 dem 
Bremer Stadttheater an. 
Künstlernachrichten. Frl. Eva von der Osten vom 
Dresdener Hoftheater wurde ab 1912 für die Wiener Hofoper 
„on Direktor Gregor verpflichtet. — Frau Metzger und 
zerr Lattermann vom Hamburger Stadttheater haben 
länzende Anträge erhalten für die Wiener Hofoper, für das 
Dpernhaus Berlin, nach Chicago, Newyork oder für die Stala 
n Mailand, da beide ab Frühsahr 1912 durch die Niederlegung 
»er Direktion des Hamburger Stadttheaters durch Hofrat 
Bachur frei werden. — Der Opernsanger Marak von der 
Berliner Komischen Oper hat wegen Disserenzen mit Direltor 
Hregor um seine sofortige Entlafsung gebeten und sie 
ruch erhalten. 
Die Ausbänderei an der deuischen Bühne. Ueber Aus—⸗ 
länderei, besonders im Theater, schreibt Richard Wilde in 
ver Deutschen Bühne, dem amtlichen Blatt des Deut— 
chen Bühnenvereins: Ein Stück das aus Frankreich, England, 
Zpanien. Italien, Skandinavien, neuerdings auch aus Ungarn 
u uns kommt, hat bei den Bühnenleitern und dem Publikum 
jewissermahen einen Freibrief, und mit tiefer Beschämung muß man 
zaran denken, dah manche Dramatiker, die ihre Volksgenossen 
ennen, zu einem fremdländisch klingenden Pseudonym ihre Zu— 
lucht nehmen mußten, um ein Werk ihrer Feder durchzusetzen. 
VPenn der Gagentag da ist, und die Kasse so leer ist, wie es 
»as Haus schon wochenlang war, dann muß auch der idealst 
eranlagte Direktor einsehen, daß die Kunst nach Brot geht. 
Aber das wenigstens darf man fordern, daß dieses Brot nicht im 
Luslande gebacken werde. Ein Stüch, das in England fünf⸗ 
sundertmal gespielt wurde, braucht darum — nach unseren An—⸗ 
chauungen — noch lange kein wertvolles Stück zu sein. Wer 
»as — wie so viele Bühnenleiter! — aus der Aufführungsziffer 
hließen will, der vergißt, daß die Anschauungen über Kunst 
o grundverschieden sind, wie die Voölker selbst. Warum müssen 
dir jeden Schmarrn genießen, der in irgendeinem Pariser Winkel⸗ 
heater vor einem Auditorium von Kokotten und Lebemännern 
rus der Taufe gehoben wurde, warum ist auch nach Ibsen 
ind Biörnson alles Skandinavische schlechtweg aufführungswert? 
äch gebe zu, dahß Franz Molnar ein kluger, geistreicher Kopf 
st, dah Melchior Lengyel sich auf die effektvolle Mache ver⸗ 
teht, aber gibt es nicht auch bei uns kluge, geistvolle Köpfe, 
nicht auch bei uns Leute, die sich auf die Mache verstehen? Ist 
es nötig, deswegen nach Ungarn zu gehen? Wird einem un⸗ 
erer Autoren wirklich das Glück zuteil, daß eine seiner Ar⸗ 
deiten in eine fremde Sprache übertragen, in der Fremde zur 
datstellung gebracht wird, dann gilt das schon als Ereignis, 
zon dem sämtliche Blätter Notiz nehmen müssen. Es zeigt 
ich eben immer wieder: Das Ausland denkt und emp— 
indet nationaler als wir, es versteht seine Interessen 
»esser wahrzunehmen. England hat nicht umsonst das Wort 
Charity begins at homeé“ geprägt. 
Doer neue Kurs am Wiener Burqgthtater. Der langjährige 
artistische Beirat des Hofburgtheaters Prof. Heinrich Lefler 
vird von seinem Platze scheiden, ohne daß eine Neubesetzung 
dieses hochdotierten Postens in Auslicht genommen ist. Daßer
	        
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