Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

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aAusgabe A. 
Aus den Nachbargebieten. 
Sansestũd te. 
tamburg, 23. Jan. Steuerrefom, Seit mehreren 
Monaten tagt eine aus Senats- und Bürgerschaftsmitgliedern 
Rehende Kommission, um über die Vermehrung der Staats- 
mahmen zu beraten. Wenn auch diese Verhandlungen unter 
dem Ausschlusse der Oeffentlichkeit stattfinden, so sickert doch 
Zerschiedenes durch. So heißt es, daß die von einem sehr 
zroßen Teil der Bevölkerung gewünschte Einführung der 
Rermodgenssteuer keine großen Aussichten auf Verwirklichung 
hat. Der Senat soll den Vorlschlag, eine Vermögenssteuer nach 
Art der preußischen Ergänzungssteuer einzufuhren, bereits ab⸗ 
gelehnt haben, weil eine solche für ein wesentlich „auf dem 
Zandel beruhendes Staatswesen“ sich nicht eigne. In weiten 
Areisen macht sich aber immer stärker die Ueberzeugung geltend, 
haß eine durchgreifende Steuerresorm, wie sie bei dem dies⸗ 
jährigen budgetmäßigen Desizit von 163 Mill. Mefür Hamburg 
dringend notwendig ist, nicht durchgeführt werden kann ohne 
Finführung einer das fundierte Einkommen stärker belastenden 
Steuer. Es heißt, daß die gemischte Kommission eine Neigung 
hat, Steuern vorzuschlagen, welche die breiten Massen, die 
bon der Reichsfinanzreform soeben hart betrofsen worden sind, 
noch weiter belasten, demnach die Wirlung indirelter Steuern 
haben. Da für die Einführung einer Gewerbesteuer nach 
preußischen Muster in maßbgebenden Kreisen noch weniger 
Neigung vorhanden ist als für die Einführung einer Ver— 
mögenssteuer, so dürften die Gegner der indirekten Steuern 
ihre Bewegung voraussichtlich auf die Forderung der Ein⸗ 
führung einer Vermögenssteuer konzentrieren. 
Todesfall. Adolf Oetling, Senior⸗Partner von Oetling 
Bebrüder und Mitglied des Aussichtsrates der Deutschen Bank, 
ist am Sonnabend gestorben. 
— 
Großherzogtum Oldenburg, Fürstentum Lübeck. 
ESchwartau, 23. Jan. Selbstmord. In seiner 
Wohnung am Bettpfosten erhängt ausgefunden wurde Sonn⸗ 
tag der Arbeiter Hi. in der Schnoorstr. Der unter dem 
Einsfluß des Alkohols zur Tat geschrittene Hi. war ver—⸗ 
heiratet; Kinder sind nicht vorhanden. 
O Bahnhof Gleschendorf, 23. Jan. Verkauft 
hat Gastwirt August Berlin seine Wirtschaft „Zur Post“, die 
älteste am Platze, an Olldorff aus der Gegend von Ratzeburg 
für 38 000 M. 
X. Ahrensbök, 23. Jan. Der Bau der Turn—⸗ 
zalle ist soweit vorgeschritten, daß Sonnabend die Richtfeier 
tattfinden konnte. — Gemeindeschwester. Die Direktion 
des Evangelischen Diakonievereins Berlin-Zehlendorf hat dem 
hiesigen Verein zum Frühjahr eine Gemeindeschiester in Aus⸗ 
ticht gestellt. 
Lauenburg. 
zen. Kählstorf, 28. Jan. Personalien. Zum 
Waisenrat für die Gutsbezirke Koberg und Sirksfelde ist Guts— 
vorsteher⸗Stellvertreter Förster Thomsen, Borstorf, ernannt 
worden. — Für den Gutsbezirk Niendorf a. R. hat Gutsvorsteher 
Forstaufseher Schlutter, Duvensee, das Amt eines Waisenrats 
übernommen. — Der Inspektor W. Scharbau, Rondeshagen, 
ist zum Gutsvorsteher⸗Stellvertreter für den Gutsbezirk Rondes⸗ 
—DDDD 
hurg, ist als Kommissar der Landesbrandkasse zurückgetreten. 
Die bisher von ihm verwalteten Brandbezirke 6 und 7 des 
Kreises Herzogtum Lauenburg sind teils dem 5. Bezirk GKom⸗ 
missar Stennfelt, Schwarzenbek), teils dem 8. Bezirk (Kom⸗ 
missar Stadtrat C. Johannsen, Mölln) zugelegt worden. 
Großherzogtümer Medclenburg. 
Schwerin, 23. Jan. Das Großherzogspaar be— 
gibt sich am 26. Jan. nach Berlin, um dort an den Feierlich- 
keiten aus Anlaß des Geburtstages des Kaisers teilzunehmen. 
Freitag waren das Großherzogsvaar und der Erbgroßherzog 
von Medlenburg⸗-Strelitz zum Frühstück bei der Großherzogin 
von Oldenburg in Rabensteinfeld. 
Plau, 23. Jan. Das Ende der „Parseval“⸗ 
Flugstation. Der im Laufe des verflossenen Sommers 
onstruierte Flugapparat ist Freitag nach der Station Plau 
r 
Ordonnanzritte 1870/71. 
(GFortsetzung.) 
Am nächsten Tage, a.a 19. Dezember, rückten wir in die 
uns zugewiesenen Quartiere östlich von Orléans, welche sich 
ängs der Loire bis nach Chateauneuf, 3 Meilen oberhalb 
Orléans, hinzogen. Der Divisionsstab wurde nach Chateauneuf 
verlegt, wo wir in einem großen, schön eingerichteten Schlosse, 
das nach meiner Erinnerung einem Prinzen aus dem Hause 
Orléans gehörte, aber nur von einiger Dienerschaft bewohnt 
wurde, sehr gute Unterkunft fanden. Zum letzten Male hatte 
hier mein Mit⸗Ordonnanzoffizier, Graf v. Moltke, Quartier 
gemacht. Sein Regiment, die 6. Tragoner, und er mit ihm, 
trat zur 6. Kavallerie-Division über, wir erhielten an dessen 
Stelle die 16. Husaren. Das mit zugewiesene sonst nette 
nette Zimmer war nach altfranzösischer Art mit Ziegelfliesen 
gepflastert, und wenn man den großen Kamin nicht ordentlich 
vosl Holz stopfte, war es sehr lalt bei der nun wieder ein— 
getretenen Winterkälte bei Schnee und Eis. Um so behaglicher 
saß es sich aber am Feuer, wenn die dicken Kloben, die unsere 
Burschen aus dem bäumereichen Park reichlich heranschleppten,. 
ordentlich knisterten und krachten. Nur der Umstand, daß man 
meistenteile, um das Rauchen der Kamine zu verhindern, 
die Stubentüren offen halten mußte und dann es von hinten 
lalt hatte, während man vorn 'chmorte, ließ uns wehmütig 
unserer heimatlichen molligen Kachelbfen gedenken. Zu tun 
gab es allerlei. Ich zeichnete die Gefechtspläne zu den Be— 
richten der Division Aber die Schlacht des 3. und 4. Dezember. 
Einen um den anderen Tag ritt ich nach Orléͤans, um von 
dem dort befindlichen Generalkommando Befehle zu holen. Der 
Ritt, drei Meilen hin und drei Meilen her, war bei dem jetzt 
durchweg heiteren, klaren Winterhimmel immer eine Erfrischung, 
zumal der Weg in der scharfen Kälte immer in flottem 
Tempo zuruckgelegt wurde. Er fuhrte den Südrand des grohen, 
nördlich vorgelagerten Waldes von Orléans entlang. Alle 
Augenblide kamen Klagen, daß einzelne Leute, Feld-Postillone, 
Ordonnanzen. Wagen von den sich immer noch in den Wäldern 
hesordert, um mit der Bahn nach dem Flugfelde Johannisthal 
zefördert zu werden. Sämtliche Beamte der Station sind 
zum 1. Febr. entlassen, so daß der Betrieb einstweilen ein⸗ 
gestellt is. Wie verlautet, soll die Station voraussichtlich für 
Koͤnstruktion neuer Apparate nicht in Betracht kommen, viel⸗ 
nehr dürfte sie künftig für Flugversuche reserviert bleiben. 
88 Grevesmühlen, 23. Jan. Gewerbeverein. 
sach dem Kassenbericht betrug die Einnahme 5085,04 M, die 
lusgabe 499,37 M. Das Vermögen beträgt 848,74 M. Die 
Nitgliederzahl beläuft sich auf 107. In den Vorstand wurden 
viedergewaͤhlt: Lehrer Bannow Gibliothekar), Tischlermeister 
Jancker (Kassenführer) und Ratsregistrator Evert (Schriftführer). 
zür Februar wurden Vorträge in Aussicht gestellt von Glaser⸗ 
neister Prohaska, Schwerin, über die Brüsseler Weltausstellung, 
jon Rechtsanwalt Jess über in letzter Zeit vorgekommene, 
uiicht ganz einwandsfreie Darlebnsangebote von auswärts, und 
»on Hofmaurermeister Kauschen über Hausschwamm. — Ge— 
chlossen ist die Schule in Roggenstorf auf Anordnung 
der Behörde bis auf weiteres wegen einer dort herrschenden 
Masern Epidemie. Es sollen etwa 4 der Kinder von der Krank⸗ 
heit befallen sein. 
der Moabiter Krawall⸗-Prozeß. 
Berlin, 21. Januar. 
In der Verhandlung des Schwurgerichts am Sonnabend 
'agte Rechtsanwalt K. Rosenfernd in seiner Verteidigungs— 
rede u. a.: „Sie, meine Herren Geschworenen, haben hier 
iicht über die schuldigen Polizeibeamten zu Gericht zu sitzen.“ — 
der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Unger, wies diese Be— 
nerfung als zu weitgehend zurück und wies den Rechtsanwalt 
»arauf hin, daß er die Angeklagten zu verteidigen, aber nicht 
As Ankläger der Polizei zu fungieren habe. — Rechtsanwalt 
Kosenfeld wie auch Rechtsanwalt Heinemann erhoben 
jegen die Unterbrechung der Verteidigung Einspruch, worauf 
ein Gerichtsbeschluß dahin erging, daß die Unterbrechung not— 
vendig und berechtigt war. — Nach Rechtsanwalt Rosenfeld 
prach noch Rechtsanwalt Friedemann, der auch die Ange— 
lagten nur des groben Unfugs schuldig hält. — Oberstaatsanwalt 
dr. Preuß wies darauf den Vorwurf der Verteidigung zurüch, 
»aß die Staatsanwaltschaft line Oltektizität bewahrt habe und 
zetonte. daß die Verteidigung sich einseitig gegen die Polizei 
ewandt habe. Sie habe bestritten, daß die Schutzleute sich in 
rechtmäßiger Ausübung ihres Amtes befunden haben. Diese 
leberzeugungen sollen auch die Angeklagten gehabt haben. Ich 
ehne ab, den Gegenbeweis zu führen, daß die Schutzleute recht⸗ 
näßig ihr Amt ausgeübt haben. Die Geschworenen selbst werden 
a zu prüfen haben, ob es sich in Moabit bei dem Vorgehen der 
S„chutzmannschaft um rechtmäßge Ausübung des Dienstes gehan—⸗ 
delt hat. Zum Tatbestand des Aufruhrs ist nicht erforder'ich 
»rganisierte Revolulion, dafür sind die Strafbestimmungen für 
zochverrat und Landesverrat da. Die Angeklagten haben auch 
hre Angaben über Mißhandlungen durch Schutzleute erst hier 
or Gericht gemacht, nachdem sie rohl erfahren hatten, daß es 
etzt modern ist, gegen die Polizei Angriffe zu richten. Es liegt 
ier einfach Sugges.ion vor. Cieslick hat einen Stich bekommen, 
deil er sich der Verhaftung widersetzt hat. Bei dem Tode des 
Irbeiters Hermann han ich 5. ua⸗gebhen, daß ein bedauer⸗ 
icher Exzeß vorliegt. Wenn wir die Schuldigen fassen, werden 
ie bestraft, aber von Mord oder Totschlag kann auch hier nicht die 
dede sein, höchstens von gesährlicher Körperverleßung mit nach— 
olgendem Tode. Daß Lochspitzel im Auftrage und mit Wissen 
er Polizei in Moabit tätig waren, ist nicht erwiesen worden. 
ich bitte die Geschworenen: Sorgen Sie dafür, daß Ordnung 
Irdnung und Recht Recht bleibt! Es würde ein unheilbarer 
dchaden angerichtet, wenn die Geschrrorenen die Angeklagten 
ur deshalb freisprechen würden, weil sie der Meinung sind, 
»ie Polizisten hätien Exzesse begangen. Dadurch würden sie 
edem das Recht geben, nach seinem Guidünken zu verfügen über 
zie Freiheit der Straße und das Leben anderer. — Verteidiger 
dechtsenwalt Heine: Wir haben keine glatte Freisprechung 
lerlongt und auch keine Freisprechung gegen das Gesetz, sondern 
wir haben verlangt, daß die Geschmorenen prüfen. ob die De— 
ikte der Angeklagten unter die Schwere der Geheke sallen die 
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umhertreibenden Franttireurs angesallen und aus dem Hinter— 
jalt beschossen worden seien. Um die Umgebung unserer Quar—⸗ 
iere von diesen Buschkleppern zu säubern, ließ am Tage vor 
Weihncchten General v. Wrangel den Wald durch ein Kom—⸗ 
iando von zwei Bataillonen Infanterie und Jäger weidgerecht 
chtreiben, während einige Husaren⸗Schwadronen voraustrabten 
ind die nördlichen Waldränder unter Obacht nahmen. Am 
Ibend meldete sich der Führer der Treibjagd beim Divisions— 
ommandeur zurück. „Nun, wie war das Ergebnis?“ fragte 
VPrangel. Der Major erwiderte: „Zur Strecke sind 4 Kerls 
ind 3 Rehböcke.“ „Waren die Kerls bewaffnet?“ „Als wir 
ie griffen, nicht mehr; aber die fortgeworfenen Gewehre 
saben wir gefunden. Was hatten die Kerls bei 13 Grad 
dälte mitten im Walde zu suchen?“ 
Andern Tags gab mir Wrangel einen von ihm verfaßten 
Tufruf nach Orléans mit, den ich übersetzen und drucken lassen 
ollte, damit er in allen Ortschaften als Warnung angeschlagen 
ꝛerde. In Orléans ging ich ins Stadthaus und ließ mich 
eim Maire, Herrn Crispin, melden. Der Herr „Oberbürger— 
ieister“ von Orléans machte ein sehr erstauntes Gesicht über 
iein Begehren, mir eine Uebersetzung unseres Plakates ins 
ranzösische liefern zu sollen und meinte, das wäre nicht 
ꝛines Amtes. Ich erklärte ihm, das sei in diesem Falle wohl 
ꝛines Amtes und ich würde nicht eher sein Geschäftszimmer 
erlassen, bis ich die Uebersetzung und die Anweisung auf den 
rxuck haben würde. Da ließ er eine Dame, eine deutsche 
ehrerin kommen, und wir begaben uns alle drei ans Ueber⸗ 
tzen. Wrangel erklärte in dem Plakat, er werde fuͤr jeden 
schuß aus dem Walde das nächste Haus abbrennen lassen, und 
uhr fort, „wenn die Einwohner die Härte dieser Maßregel 
u vermeiden wünschen, mögen sie nicht dieses Gesindel in ihrer 
stähe dulden“. FürGesindel“ schlug ich das Wort „racaille“ 
vor. Da fuhr Herr Crispin auf und schrie: „Das ist nicht 
acaille, das sind vaterlands begeisterte Patrioten.“ Ich er⸗ 
annte an seinem Zorn. daß das von mir vorgeschlagene 
Wort das bezeichnete, was mein General ausdrüden volite 
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die Staatsanwaltschaft ihrer Anuage zugrunde gelegt hat. Wir 
sagen: Verurteilen Sie die Angeklagten nicht, sonst geben Sie 
die Straße frei für die Ausschreitungen jedes Schutzmanns, sonst 
iefern Sie schutzlose Bürger den Brutalitäten der Polizeibeamten 
ms. — Vert. R.A. Dr. Kurt Rosenfeld: Die Tätigkeit 
yon Lockspitzeln ist durch einwandfreie Zeugen festgestellt worden. 
ẽs mag der Polizei unangenehm sein, aber die Lockspitzel kann 
ie nicht von ihren Rochschößen abschütteln. — Nach kurzen Ent—⸗ 
gegnungen des Staatsanw.⸗Rats Porzelt und des Staats- 
anwalts Dr. Stelzner wird die Verhandlung auf Montag 
10 Uhr vertagt. 
des Totschlages ihres Mannes angeklagt. 
Nürnberg, 21. Jan. 
Der. Prozeß gegen Frau Professor Dr. Herberich hat 
illmählich ganz Nürnberg in Aufregung versetzt. An allen 
Straßenecken stehen Gruppen, namentlich von Frauen, die 
iber das Schicksal der Angeklagten diskutieren. Die Stim—⸗ 
mung ist allmählich so gegen die Angeklagte umgeschlagen, 
daß sie Freitag abend, als sie in üblicher Weise im 
Krankenwagen nach dem Krankenhause gefahren wurde, von 
allen Seiten den größten Bedrohungen ausgeseßzt war. Als 
sich in der heutigen Verhandlung die Sa hoe ständigen über 
hie von der Angeklagten auf ihren Mann abgegebenen 
Schüs'e äußerten, hielt sich Frau H. krampfhaft die Ohren 
zu. Der Sacherständige Kern zieht sein Gutachten dahin 
zusammen, daß nicht bestimmt gezielt wurde, sondern daß 
die Schüfsse auf einen Fliehenden abgegeben worden sind 
n der Absicht, ihn zu tressen. Hierauf wurde die Zeugen 
ernehmung fortgesetzt. Während der Vernehmung der 
zeugin Wittmann wurde die Angeklagte von einem Wein 
rampf befallen, der sehr heftig auftrat, so daß die 
Sitzung un e brochen werden mußte. Bei Wiederaufnahme 
der Verhandlung erklärte die Angeklagte, bei der Be— 
gegnung mit ihrem Manne auf der Treppe habe dicser 
hr zugerufen: „Ich sürchte mich nicht vor deiner Pistole, 
du Dreckweib!“ „Dieses Wort gebrauchte er öfter zu mir. 
Ich wurde darüber so erregt, daß ich den Revolver ab— 
euerte. Ich habe mich dann auch selbst geschossen“. Nach 
Vernehmung einer Zeugin sagt die Angeklagte auf die 
Frage des Vorsitzenden, ob sie zu der Aussage noch etwas 
inzugeben habe: Ich fordere den Vorsitzenden auf, mir 
neine Browning-Pistole wieder zu geben, damit ich den 
ingeblichen Sclostmordversuch in einen wirklichen verwandeln 
ann. Es erscheint darauf die Zeugin Polizeischwester 
Strehlein. Sie brkundet, daß die Angeklagte ihr fortwährend 
;»on Selbstmordgedanken erzählt habe. Sie habe ihr, der 
zeugin, ausdrücklich gesagt, daß sie niemals die Absicht hatte, 
hren Mann üdlich zu trefsen. Sie habe geschossen, weil 
hr Mann sie auf der Treppe Dreckweib schimpfte. — 
SEs wurden sodann die Landgerichtsräte Tetimann und 
zilberschmidt darüber vernommen, welchen Eindruck die An— 
zeklagte während der ersten Verhöre gemacht hat. Beide 
jaben ben Eindruck gewonnen, daß die Angeklagte nicht 
n einem Anfall geistiger Sörung gehandelt ha“, sondern 
ich der Einzelheiten in der Tat erinnern konnte. Es folgten 
dann die Gutachten der Sachverständigen über den Geistes—⸗ 
ustand der Angeklagten. Landgerichtsarzt Dr. Frickhinger— 
Nurnberg ist der Ansicht, daß die Angeklagte nicht 
reisteskrank ist, und am Abend des 27. April hat 
'e sich nicht im Zustand einer Geistecktankheit oder Ge'stes— 
törung befunden, die die freie Willensbestimmung aus— 
chl'eßt. — Die Angeklagte zeigt wiederum Erschöpsung und 
große Erregtheit, so daß der Vorsitzende eine kurze Pause 
eintreten läßt. — Oberarzt Dr. Klüber-Erlangen kommt 
auf Grund der sechswöchigen Beobachtung in der Irren⸗ 
anstalt zu dem Ergebnis, daß es sich um einen Grenz— 
fall handelt. Er hat starke Zweifel, ob die Angeklagte 
ich bei Begehung der Tat im Besitz des freien Willens 
»efunden hat. — Hierauf wird die Weiterverhandlung auf 
Montag früh 924 Uhr vertagt. Das Urteil dürfte Mon— 
cag abend gefällt werden 
- 
ich machte Herrn Crispin in alier Höflichkeit darauf auf— 
nerksam, daß ein großer Unterschied in der Bezeichnung einer 
Sache je nach dem Standpunkt vorhanden ist, von welchem 
us man sie betrachtet. Hätte er Deutsch, oder besser noch 
Plattdeutsch verstanden, hälte ich ihm sagen können: „Wal 
»en'n eenen sien Uhl is, is den'n annern sien Nachtigall.“ 
Für mein Plakat bestand ich auf dem Wort ,‚racaille“ und 
o stand es gedruckt auf den großen Plakat-Bogen, die ich 
neinem Ordonnanzreiter bei unserem Heimritt über den Arm 
dängte. Schon andern Taas konnten die Fränzosen es aller 
»rten zwischen Orléans und Chateauneuf angeschlagen lesen 
So lange wir in dieser Gegend waren, kamen die Ueber— 
sälle auf unsere Leute nun nicht mehr vor. Die Bauern 
verden sich ihre „vaterlandsbegeisterten Patrioten“ vom Halse 
gehalten haben. 
Es war wohl hohe Zeit für die Truppen der 2. Armee, 
»ah sie sich einmal ordentlich ausruhen konnten. 70 Tage 
ang hatten sie nach den blutigen August-Schlachten vor Metz 
nelegen. Bei nicht glänzender Verpflegung waren sie allen 
Inbilden der Witterung und den Miasmen der Schlachtfelder 
usgesetzt gewesen und hatten nach dem Fall von Metz auch 
»hne einen einzigen Ruhetag den Vormarsch nach Westen an— 
treten müssen, der sie einem neuen Feinde und neuer Kriegs—⸗ 
urbeit entgegenführte. Hatte die grohe Mehrzahl der Mann⸗ 
chaften anfänglich, wie beim Beginn des Krieges, nach den 
Märschen sich unter dem Schutze der Vortruppen der Ruhe und 
der Pflege ihrer Waffen und Bekleidung hingeben können, 
'o sahen sie sich bald inmitten einer haßerfüllten Bevölkerung 
iuch in den Quartieren von Mord umlauert. Nur die Gewalt 
neischaffte ihnen das, was sie brauchten. Der anfänglich 
»on einigen Ruhetagen unterbrochene Vormarsch gestaltete sid 
»ald zu einem Dauermarsch ohne Rast und ohne Ruhe. Der 
jehntägige Marsch des geschlossenen 9. Armeekorps von det 
Aube bis an die Straße Paris-Orléans war eine Leistung 
rster Klasse. 
WFortsetzung folgt.
	        
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