Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

Der Heiratspreis. 
umoreske von Madeliffe Martin. 
Auꝰ dem Englischen von Ilse Ludwig. 
GBerr Pobble machte vergebliche Anstrengungen, sich im 
Küuchenftuhl behaglich zurecht zu setzen. Frau De, ihm hegen—⸗ 
Aber, hatte einen ebenso eleganten Sitz und strickte grimm F F 
Jetzt beginne ich aber doch, der Sache müde zu werden“, 
— Herr Pobble. „Hier sitzen wir in dem zugigen Loch an 
einem Kamin, der nur zwei Kohlen hält. Auf unseren Peenen 
Stuͤhlen im Eßzimmer sitzen Einmg mit Wilhelm Rogers, un 
Johanna mit Fritz Rawson, und Alice mit Sam Price, Wen? 
— h eehte daß Deine Töchter ledig bleibenꝰ“ 
rau Pobble rf. 42 
———— heiraten sie nicht, daß die Sache ein Ende nimmt? 
Jetzi sind sie gewiß schon seit einem Jahr verlobt. Feuer, Gas 
und Essen ec. es lostet Unsummen. Seutzutage ist vichts mehr 
los mit den jungen Mädchen. Du ruhsest nicht, bis Du mich feft 
hattest.“ ä 
rau Pobble schüttelte mißbilligend den Kopf. 
—— kannte Dich exst seit drei Monaten, und Du brachtest 
nur alte Möbel mit, Die Stuhllehnen waren so wacklig, daß 
man sie an die Wand stellen mußte··· F 
„Die Stühle hast Du mir, oft genug vorgeworfen.“ 
Ich sage, ja gar nichts dagegen Aber unferen Töchtern 
habe ich eine hübsche Mitgift versprochen, und keines der Braut—⸗ 
baare redet von Hochzeit. Dieses Haus ist kein Klubhaus für 
Verlobte. Ich habe es satt, jeden Abend aus meinen eigenen 
Bimmern getrieben zu werden. Ich werde ein Ende machen. 
„Du wirst keinen unüberlegten Schritt tun“, mahnte Frau 
Pobble. 9 
8* „Doch, wenn ich wieder bis halb zehn aufs Abendessen warten 
muß, wie gestern.“ 34 
*— ed Augenblick vernahm man auf dem Gang und, an 
der Haustür das Geräusch von Küssen, ein sicheres Zeichen, daß 
die drei Verlobten sich verabschiedeten. 
Nachdem Herr Pobble mit gutem Appetit gegessen bautg 
sah er uͤber den Tisch hinweg seine Töchter der Reihe na 
rüfend an. — ß 
— wißt, daß ich versprochen habe, jeder von Euch eine 
hübsche Mitgift zu geben ·· 
„Ja, Vater“, murmelten die Mädchen. 
Ich beabsichtige, noch fünftausend Mark draufzulegen. damlt 
Ihr seht, daß ich nicht geizig bin.“, 
Fünftgusend Mark für jede?“ fragte Emmag. 
Herr Pobble räusperte sich. „Eine solche Geldgier. Schon 
als Kind warst Du gierig, Emma. Nein, es wird geteilt. Wer 
von. Euch zuerst heiratet, erhält dreitausend, die nachfolgende 
zweitausend, die leßte — nichts.“ 
„Zu willst uns los sein, Vater“, saate Johanna. 
„Wenn Ihr heiraten wollt, braucht Ihr auch nicht lang da⸗ 
mit zu warten. Ihr verschwendet die vesten Jahres Eures Lebens 
und meine Kohlen, Gas ꝛc. noch außerdem Teilt Euren Ver⸗ 
lobten mit, was ich gesagt habe. Ich glauve, es wird nicht lange 
dauern, bis eine von Euch das Ellernhaus verlaßte“ 
„Sieh, Vater“, bemerkte Johanna, Fris hat noch nicht ge⸗ 
pus zurücklegen kznnen. Er möchte erst noch eiwas mehr erfpart 
haben.“ 
„Er spart sein Geld auf meine Kosten, ißt möglichst oft hier 
bei uns für sechs. Wenn er Geld sparen will lähter sich heimlich 
mit Dir trauen, Johanna. Er wird mehr bekommen, als er in 
einem ganzen Jahr sparen kann.“ 
In meiner Familie war es nie Sitte, Preise auszuteilen, 
um die Töchter loszuwerden“, warj Frau Pobble dazwischen. 
6Gs soll keige Lenachteiligt werden“, ertlarte Hert Pobble. 
Die erste ist natürlich am besten bebacht, die eie s, br ich 
porhin sagte. Die dritte, num, wenn ihr Erwählter so bequem 
ist daß ex nicht zweitaufend Mark aufhebt, venn sie vor ihm auf 
der Straße liegen, dann ist e⸗ besser, fie läßt ihn laufen. Es ist 
ein gutes Anerbieten.“ 
Als sich die Töchter zu Beit begeben hatten, lachte Herr 
Pobble befriedigt auf F 
Mexrt Dir wobl, was ich jetzt sage: die jungen Herren wer⸗ 
den die Mädchen so vasch als moöglich entführen und fich heimlich 
rauen lassen, um den anderen zuvorzutonnent 8 spare ich die 
Hochzeitskosten.⸗ 
„In meiner Familie sind niemals Entführungen vorgekom⸗ 
nen“ jammerte Frau Pobble. „Wenigstens nur die Schwosier 
on der Tante von dem Mann ünener Schwester ist mit einem 
Fischhändler durchgebrannt Aber dafür fah auch die ganze Fa⸗ 
milie auf sie herunter und besuchte fie nicht eher als die zu ihrem 
Begräbnis. Wir sind nicht nachträguch in meinet Familie, wenn 
uun tot ist. Leben und leben laffen, war immer mein Wabl⸗ 
ährend der nächsten Tage sah si err VPobble, wenn er 
abends aus dem ehhe kam, — im Hauf⸗ um, 
ob Jeine Tochter fehle Vielleicht hatten sie es den jungen Herren 
3 nicht gesagt. As er Sam Vrice auf der Straße begegnete, 
be 9 er, der Sache guf den Grund zu geben 
⸗Morgen, Sam, wie stehls⸗⸗ 
. Gut, Herr Pobble.“ Herr Price war ein Jüngling von 
———— ch Aliee v Vorschl. ie Mäd 
„Du wirst dur ice von meinem Vorschlag an die Mäd⸗ 
hen gehört haben, Eamd⸗ Vorschlag 
* ja, Herr Pobble.“ 
W — Du davon?e 
n.“ 
38 denke ich auch, Sam. Es ist ja nicht so gemeint, als 
ich meine Töchter Ios sein, durchaus gt Ich denke so: 
CShe ist etwas so Schönes, daß i meine Töchter glücklich ver⸗ 
tet sehen möchte. Man fühlt sich e vIrezigt daß, wenn 
eute meine Frau sich scheiden ließe, ich mich sofort wieder ver 
vraten würde.“ 
„Das glaube ich.“ 
„Vertraulich geredet natürlich, Sam. Du wirst meiner 
R. . nicht sagen, daß — obgleich es ja schmeichelhaft für sie ist 
Nun, Sam, ich hoffe, Du Taßt die anderen Die nicht zuvor⸗ 
ommen.“ 
„Niemand wird mir zuvorkommen, Herr Pobble.“ 
Ein Gedanke fuhr durch Herrn Pobbles Hirn. „Sieh her, 
venn Ihr allenfalls vorhabt, auf den nämlichen Tag zu heraten 
— vggß nicht, Du, mußt den anderen zuvorkommen.“ 
Doch Woche auf Woche verfirich erfolglos. 
IJu Verzweiflung vertraute sich Herr Pobble seinem alten 
Freunde Stark an. Bedenklich schüttelte diefer den Kopf. 
Du hast die Sache falsch angefaßt, Pobhle. Was Du hättest 
an sollen, war folgendes: Dreitdusend der häßlichsten, zweitau⸗ 
send der zweithäßlichen, nichts der hübschesten. Laß uͤns mal 
überlegen; welche ist am häßlichsten? 
Stark. Du redest von neinet, Töchtern!“ 
Herr Stark fah on verwuündert u „Natürlich. Was meinst 
du denn, von wem sonst⸗ Nun, nach meiner Ansicht Ist eine wie 
die andere aber wenn's doch mal gesagt sein muß, Johanna hat 
wohl die best Aussicht auf die Hählichteitzprame 
Perr Pobble führle einen plötzlichen Stoß gegen die Rippen⸗ 
Ac Sier site ich und versuche, D 
ho „Bist Du toll geworden? vier sitze ich und versuche, Dir aus 
der Verlegenheit zu helfen, und Du willst, mich hauen Wo vleist 
da die Dankbarkeit⸗ Mach', was Du willst es ist eine fso bäß⸗ 
lich wie die andere.“ 
„Wütend, ging Herr Pobble nach Hause. Der Abend war 
drückend heiß Eam und Nlice saßen anf der Veranda, die an— 
deren Paare hatten die kühlen Vorderzimmer inne. In ber Hüche 
war Waschdunft, und Frau Pobble kämpfte e een 
„Jedermann ist toll — die Jungen wollen kein eld mehr, 
und die Allen beleidigen mich Sommerg brate ich in der Küche, 
und, Winters erfriere ich. Ich werde gewiß bald einen ver— 
zweifelten Schritt sun!“ 
‚Nun nicht Selstmord,“ sagte, Frau Pobble. „Das ist nie 
in meiner Familie vorgekommen.“ 
a, Ein Donnerschlag ertönie. derr Pobble hatte ein Bügel⸗ 
isen auf die Herdplatte geworfen, worauf er sogleich die Flucht 
Ae und die Trepe hinguf raste, um sich oben'in sein Bett zu 
egeben. 
Dieser ungemütliche Zustand gegenseitiger Feipn hielt 
vet Tage an, bis auf einmal die ültefte“ Tochter ihre Absicht 
Andgape in Bälde Hochzeit zu halten. Herr Pobble erwartete 
en, Ausbruch einer Heiratsepidemie, aber alles blüeb ruhig. Die 
brigen Töchter schienen nur Interesse für ihre Vrautsungfer— 
leider zu haben. Einige Monate danach heiralete Jobanna. 
— 
Nun hielt es Herr Pobble für seine Pflicht als Vater, Alice 
w Arspepun des Verlöbnisses mit dem lässigen Geschäftsmann 
rice zu raten. 
ESam sprach von, Ostern, Vater,“ erwiderte Alice. „Das 
däuschen nebenan wird da frei.“ 
„Die, Liebe macht die Weihber blind, taub, stumm — nein—, 
n 83 das war ein Irrtum — und schwachsinnig,“ raste 
der Vater. 
Als Sam Price von Herrn Pobble die Mitgift ausgezahlt 
erhielt, entschloß er fich zu einigen erklärenden Worten. 
Ich hoffe, Sie zürnen uns nicht, daß wir Ihr freigebiges 
Anerbielen nicht so aufnahmen, wie es wohl in Ihrer Absicht 
Jelegen hatte. Aber wir konnten wirklich keinen Vorteil darin 
ehen, so überstürzt zu heiraten. Deshalb kamen wir überein, die 
ganze Summe zu verteilen: jedes Brautpaar bat eintausendsechs⸗ 
hunderfundfünfzig Mark erhalten!“ 
„Garende Gemüter“. 
Von A.. Tschechoff. 
Aus dem Russischen von A. Jandyk. 
Die Erde stellte einen Höllenschlund vor. Die Nachmittags⸗ 
sonne brannte mit solch einem Eifer, daß das Thermonieter, 
das im Arbeitszimmer des Steuereinnehmers hing, ganz aus 
dend und d rre Inh zu 35,8 Grad emporschnellte, wo 
es dann unschlüssig stehen blieb. 
Von den Einwohnern der Stadt troff der Schweiß; da 
sedermann vor Hitbe zu faul war, ihn abzüwischen, so trocknete 
er ein. J 
Heber den großen Marktplatz, an den Häusexn mit fest ge⸗ 
chloffenen Fensterläͤden vorüber, schritten zwei Einwohner der 
Sladt: der Rentmeister Potscheschichin und der Fürsprecher in 
stechtsangelgenheiten und langjährige Korrespondent der Zeitung 
Zohn des Vaterlandes, Optimoff. 
Wegen der großen Hitze gingen beide schweigend ihres 
Weges. Oplimofi, wünschte sehnlichst, der, Stadtverwaltung 
inen Prozeß machen zu können, weil die Unreinlichkeit und 
er Staube auf dem Marktplatz so übergroß waren; aber aus 
cůcksicht auf seinen Begleiter, dessen friedliche und, gemäßigte 
Senkungsart ihm bekannt war, schwieg er, anstatt seinem Un⸗ 
villen Luft zu machen. — 
pu Ploͤßlich'blieb Potscheschichin in der Mitte des Marktplatzes 
ehen. 
)erggonach schauen Sie aus, Jewpel Serapionitsche“ fragte 
der andere. 
RNach den Staren dort. Ich warte ab. wo sich der Schwarm 
niederlaffen wird. Wie eine Wolte, solch ein Vogelschwarm! 
Wenn man jetzt zum Beispiel einen Flintenschuß abgeben wollte 
Dund nachhber Auflese halten... Ja, wenn . Im Garten 
des Oberpriesters haben sie sich niedergelassen, die Stare.“ 
Durchaus nicht, Jewpel Serapionitsch, da sind Sie im 
Irrtimn. icht im Garten des Oberpriesters, sondern im Garten 
des Diakonus. Und, wenn man hier von dieser Stelle aus 
schießen wollte, so würde man unzweifelhaft das Zelßgereeh 
Das feine Schrot würde, bevor es das Ziel erreicht, seine Wir⸗ 
kung verlieren. Und, warum, sagen Sie selbst, bitte, soll man 
iberhaupt morden? Ich gebe ja zu, daß die Vögel den Beeren 
Schaden bringen, aber es sind doch lebendige Geschöpfe.... 
der Star pfeift — aber warum pfeift ex Um zu loben, den 
Hochsten zu loben. Alles was Odem hat, lobet den Schöpfer .. 
Di, ich habe mich doch geirrt .. Der Schwarm hat sich in der 
Tat im Garten des Oberpriesters niedergelassen.“ 
An den beiden schritten nun, geräuschlos auftretend in 
veichen Sandalen, mit den üblichen Taschen beladen, zwei alte 
Pilgerinnen voruber. Sie streiften mit ihren Blicken den Rent— 
geister und seinen Gefährten, die unverwandt das Haus des 
Sberpriesters anstarrten; dann blieben die alten Weiblein stehen, 
ihrerfeits zum Hause des Oberpriesters hinüberzustarren. 
„Ja, Sie haben recht — die Stare sitzen im Garten des 
Oberpriesters,“ fuhr Optimoff fort, „dort sind jetzt gerade die 
Kirschen reif geworden — na, darum sind die Vögel hingeflogen, 
um dort zu schmausen.“ 
Aus der gegenüberliegenden Pforte trat, der Oberpriester 
Wosmistischijeff, und neben ihm erschien der Küster Jewstignej. 
Die Aufmerkfamkeit, die man seinem Hause scheukte, wahr⸗ 
iehmend und nicht begreifend, warum all diese Leute vom, Markt⸗ 
olatz aus sein Dach und seinen Garten mit ihren Blicken förmlich 
„elaägerten, blieben er und der Küster ebenfalls stehen und 
chauten aufwärts, um den Grund, der dieses Herüberstarren her—⸗ 
orgerufen, zu entdecken. 
Auf der Fläche des Platzes zwischen dem Oberpriester und 
dem Rentmeister und seinem Freunde erschienen nun Fabrik— 
arbeiter des Kaufmanns Puroff, die soeben ein Flußbad ge— 
nommen hatten. Den Oberpriester bemerkend, der seine ganze 
Sehkraft auf das Himmelszelt ihm zu Häupten konzentriert 
hatte, einem Beispiel, dem die beiden alten Pilgerinnen gefolgt 
wvaren, taten auch sie das gleiche; sie blieben stehen und starrten 
inverwandt gen Himmel. Dasselbe taten gleich darauf ein 
nabe, der einen blinden Bettler führte, und ein Bauer, der 
nit einem Fäßchen verdorhener Heringe daherkam, in der Ab⸗ 
icht, es hier auf dem Marktplatze abzulagern. 
Man möchte glauben, daß etwas geschehen ist,“ sagte Pot⸗ 
cheschichiu. „Vielleicht ist Feuer ausgebrochen? Aber nein, man 
ieht ja keinen Rauch. He, Kusjma.“ schrie er dem stehenge— 
8 Janee zu⸗ was ast T pueri chenꝰ⸗h 
„Ist am Ende irgendwo Feuer ausgebrochen?“ hieß es. 
Draͤngt doch nicht so! Teufel auch!“ ß 
„Wo seht, Ihr Feuer?“ schrie man dagegen. „Wo brennt 
2829 „Herrschaften, so geht doch auseinander — man bittet 
Fuch höflich darum.“ 
„Natürlich brennt es — im Innenraum irgendwo ...“ 
söflich bhittet der,“ höhnte jemand aus der Menge, „jawohl, 
ijöflich, und stößt dabei mit den Fäusten. Nicht mit den Armen 
rudern! Wenn Sie auch zehnmal ein Vorgesetzter sind, so haben 
Sie doch kein Recht dazu, Ihren Händen solche Freiheit zu geben.“ 
„Mir so auf die Hühneraugen zu treten! Nein — so was! 
Ach, daß Du zerschmettert würdest dafür!“ 
5 ist zerschmettert? Kinder, ein Mensch ist erdrückt 
worden!“ 
Die Rufe und Zwischenrufe verstärkten sich. Nun kam, die 
Sicherheitswache.. „Euer Hochwohlgeboren, man hat einen 
Menschen zu Tode gedrückt!“ 
„Wo? Aus-ein ·an der Agehen!!! Meine Herrschaften, 
ich bitte höflichst! Man bittet Dich höflich — hörst Du denn nicht 
— Du Esell Die Bauern darsfst Du stoßen, aber die Herrschaften 
nicht anrühren, hörst Du!“ 
„Sind das überhaupt noch Menschen? Diese Teufel kann 
nan p nicht mit Gutem zur Vernunft Pngen, Sidoroff — 
chnell und den Vorgesetzten, ruf Aklim Danilitsch. Eil Dich 
Meine Herrschaften, ich bitte, es wird Ihnen —2 bekommen 
Was, Du bist auch hier, Parfen? Und dabei ein Blinder! ein 
„heiliger Mann,“ yulahen Nichts dann er sehen, aber überall 
muß er mit dabei fein. Und es fällt ihm garnicht ein, Gehorsam 
zu leisten. Sidoroff, schreib Parfen auf.“ 
„Zu Und die von der Puroffschen Fabrik, befehlen 
Fuer Hochwohlgeboren, die auch aufzuschreiben? Der dort mit 
der geschwollenen Wange, das ist einer von Puroff.“ 
N—ein — die Puroffschen laß mal ruhig bleiben, Purofsf 
feiert morgen seinen Nameustag.“ 
Die Stare erhoben sich wie eine dunkle Wolke aus dem Garten 
des Oberpriesters, aber Potscheschichin und Optimoff hatten das 
Interesse an ihnen verloren; sie sanden, da und enen unent⸗ 
—8 aufwartg umd, gaben fich Muhe, hexauszubefommen, wag 
dieser ganze Menschengauflauf hier, bedeutete. Akim Danilits 
erschien. Er kaute noch D8 idend etwas und wischte si 
den Mund, dann fuhr er in die Menschenmenge hinein u 
brüllte los: rravehe —, haltet Euch bereitt Aus — ein — 
andergehen! Herr Optimoff, ich bitte, es wird, Ihnen schlecht be⸗ 
lommen — warum rewen Sie Kritiken in Zeitungen über hoch⸗ 
I Wivte Persönlichkeiten, die Sie nichts angehen? Sie sollten 
jeber danach trachten, sich felber befser aufzuführen. Etwas 
Gutes kommt doch nicht aus den Zeitungen.“ 
„Ich bitte Sie, nicht anzüglich zu werden,“ brauste Dine 
guf. „Ich bin rni imd erlaube Ihnen keine en 
deiten, wenn ich Sie als guier Bürger auch als einen vaäterlichen 
Wohltäter achte und .* 
„Feuerwehr — los, 7 mit den Schläuchen!“ 
„Es ist kein Wasser da, Euer Hochwohlgeboren. Der Major 
den Feuerwehrpferden sorigefahren, seine Tante zu be 
AMus -ein⸗ander ⸗gehen! erscholl es noch fräftiger. „Zit 
rück — sage ich! Daß —* alle Teufel holen moͤgen! Hasi D 
es nun? Schreibe ihn ein, den Teufel dort.“ 
„Der Bleistift ist verloren, Euer Hochwohlgeboren.“ 
Die ensenmenge wuchs immer mehr an. Der Himmel 
mag wissen, bis zu welch einem Grade sie sich noch vergrößert 
hütte, wenn nicht, inzwischen die Inhaber des Trakteurs Gresch⸗ 
kin auf den gescheiten Einfall gekommen wären, den neuen Leier⸗ 
kasten, der erst am Tage vorher aus Moskau eingetroffen war, 
zu probieren. Bei den Tönen des „Schützen“, eines rusiische 
beliebten Gassenhauers, horchte die aufgeregte Menschenmenge 
auf und strömte dem Trakteur zu. So erfuhr schließlich nienzend, 
was eigentlich den Volksguflauf vernursacht hatte. Optimoff und 
Potscheschichin hatte die Stare, die wirklichen Schuldigen an der 
Gäruug der Gemüter, total vergessen. Nach einer Stuude war 
die Stadt ebenso still und tot wie vorher unter dem Zeichen der 
Sommerhitze. Zu erblicken war nur ein einziger Monsch: der 
Wachtmann drohen auf dem Turm des Sprißtzenhauses. 
Am, Abend desselben Tages saß Akim Danilitsch in dem 
dolonialwarenladen von Fertikulin, irank Brauselimonade mit 
dognak und schrieb an einem Bericht: „Außer dem offiziellen 
Papier erlaube ich mir noch von mir aus hinzuzufügen: Väter— 
icher Wohltäter, nur durch die Gebete Enrer tugendhaften Ge⸗ 
nahlin, die sich in ihrer Sommervilla im Weichbilde unsexer 
Ztadt aufhält, ist es nicht zum Aeußersten gekommen, ist das 
Anheil abgewendet worden. Meine Feder siräubt sich, das zu 
schildern, was ich am heutigen Tage ausgestanden habe. Für die 
Amsicht Kruschenskis und des Brandmajors Portupeieff gibt es 
keine genügend, lobende Bezeichnung. Ich bin stolz auf diese 
Söhne unserer Heimat. Ich, für meine Person tat alles, was ein 
schwacher Mansch, dem das Wohl seiner Nächsten über alles geht, 
mstande ist zu tun. Und nun, an meinem häuslichen Herd 
itzend, danke ich unter Tränen dem Schöpfer, der es nicht zu 
Blutvergießen hat kommen lassen. Aus Mangel an Beweisen 
sitzen die Schuldigen hinter Schloß und Riegel. Nach einer Woche 
edenke ich ihnen die Freiheit wiederzugeben. Aus Unwissenheit 
gedehe sie die Gebote übertreten“ 
Der Menschenfrelser. 
Humoreske von Fredérit Boutet. 
Deutsch von M. Döring. 
Ein herber Schlag traf eines Tages den Tierbändiger 
Mirxrovar. Die Hauptattraktion seiner Schaubude, der Riesentiger 
Andreas, ging plötzlich an einem hisigen Fieber ein. 
Fünf —* lang hatte Mirovar auf allen Jahrmärkten mit 
seiner Schaubude große Erfolge und gute Einnahmen erzielt. 
Andreas und seine Gefährtin Lulu, die geschmeidige Tigerin, 
hatten das Unternehmen gehalten. Nun war Andreas tot. Was 
un? Um einen Ersatztiger zu kaufen, dazu fehlte es dem Tier⸗ 
bändiger an Geldmitteln, ganz abgesehen davon, daß es auch nur 
schwer möglich gewesen wäre, einen neuen Tiger auf die gemein⸗ 
samen Tricks mit Lulu zu dressieren. Und die Jahrmarkt-Saisor 
war in vollem Gange. . 
Mirovar wollte schier verzweifeln, Plötzlich in seinem tiefsten 
Kummer blitzte ein rettender Gedanke in einem Hirn auf. Er 
Ahe zu einem bekannten Kürschner, dem er Andreas' ueverrene 
rachte. 4 
Der Kürschner verstand sein Handwerk. Er stopfte den Tiger 
kunstvoll aus, stellte ihn aufrecht hin, die rechte Vordertatze 
drohend erhoben und mit einer Mechanik versehen, die eine Be⸗ 
wegung der Tatze zuließ. Auch der Rachen mit dem fuxcht- 
rregenden Gebiß öffnete sich durch einen mechanischen Druck Sein 
Meisterwerk aber leistete der Kürschner, indem er in den Bauch 
* gers einen Phonographen mit auswechselbaren Walzen 
einsetzte. 
wWp nun an ersetzte der ausgestopfte Andreas die Dienste des 
ebenden. 
Der Tierbändiger, hatte Andreas in einem zweiten Käfig 
untergebracht, der im Hintergrunde der Schaubude aufgestellt war 
und dem Publikum zu Beginn der Vorstellung durch einen Vor—⸗ 
hang verdeckt wurde. Den Beginn jeder Vorführung bildeten 
einige Kunststücke, die Mirovar mit Lulu vornahm. Alsdang 
wandte der Tierbändiger sich mit Emphase an die Zuschauer: 
Jetzt, meine Herrschaften, werden Sie das achte Weltwunder 
erleben! Ein bösartiger, Tiger und gefährlicher Menfchenfreffer 
wird sich Ihnen präsentieren. Ein berühmter indischer Jager 
hat ihn seinerzeit lebendig aangen nachdem die grausame Beftie 
aus vielen Dörfern nachts lebende Mensoen geraubt und zerrissen 
hat. Seit ich den Tiger besitze, hal er bereits drei feiner Wächler 
totgebissen. Mir allein ist es bisher geglückt, seinen Käfig gu be⸗ 
treten. Doch die Behörden verbieten mir. mit dem Tiger Kunst⸗ 
stücke vorzuführen . ..“ 
Bei, diesen Worten zog Mirovar den Vorhang zurück, und 
umstrahlt von grellrot bengalischem Licht erblickten die halb⸗ 
gehlendeten Zuschauer den Tiger Andreas, aus dessen weit⸗ 
yofneten Backen ein zugee Gebriill erscholl. Denn der kleine 
denageriegehilfe Arthur hatte durch einen Drudck auf den elek 
trischen pꝑ den Phonographen in des Tigers Bauch 3 
Tönen Hebracht. Mirovar betrat den Kafig nund reckte droben 
zinen Revolver gegen die erhobene Tatze des Tigers. Viese 
Apotheose dauerte dreißig Sekunden. Und dreißig Sekunden vera 
harrten , in atemloser Spannung. Dann zog Arthuu 
auf seines Meisters Wink den Vorhang wieder zu. Nuͤd ein don 
nernder Applaus lohnte die gelungene Vorstellung. 
Während zweier Mongte 35 Mirovar, mit seiner Schaubuds 
von Ort zu Ort. Ueberall blieb ihm der Erfola treu. Ueberau 
hatte er glänzendere Einnahmen als je zuvor mit dem ledende 
Andreas. au 
Dann traten plötzlich zwei Ereignisse in des Tierbändlgers 
deben. Ex hielt um die Händ einer lebensfrohen Witwe am die 
hres Zeichens Besitzerin eines Spezereiladens war, und er ber 
deutete seinem jugendlichen Gehilfen, daß er sich einen anderen 
Dienst suchen 
Mit dem Gelde der hübschen Krämerin, die blind in Mirovas 
verliebt war, sollte die Menagerie vergrößert werden. Ter Tier— 
bändiger schwelgte in eitel Glück und Wonne, bekam er doch end— 
ich ein nettes Frauchen und einen Rahmen, der feiner wurd 
war. Er schwor sich zu, dem vergrößerten Unternehmen ein gute 
daupt zu sein. Der ausgestopfte Tiger, von dem Mirovar wohl⸗ 
veislich seiner Braut nichts erzühlte, sollte verschwinden. Außer— 
dem mußte Arthur entlassen werden, denn er war im Lanfe der 
Zeit gar zu sehr in die Geheimnisse der Menagerie eingeweihi 
vorden. So hatte der Meister Arthur gekundigt. 
Arthur, der rep Herrn drei Jahre lang treu und ergeber 
gedient hatte, fühlte sich tief verletzt durch diefe plötzliche Kündie 
gung. All seine Verehrung für den Meister ichlug in Hañß um 
und er saun auf Rache. 
Zu Ehren seiner Braut und ihrer Verwandten schickté 
Mirovar sich an, eine glänzende Galavorstellunge zu geben. Di 
ene Krämerin hatte ein, splendides Diner besteilt, an der 
räutigam und Angehörige in bester Stimmung teilnahmnen. Ra 
beendeter Mahlzeit machte die ganze fröhliche Gesellschaft sich zus 
Menagerie auf. Die Vorstellung begann. Das Programm nahm 
seinen Verlauf. 
Mirovar strahlte in stolzem Triumph, als er die Tigerin Lulu 
vorführte. Die schöne Krämerin blickte voll schener Bewunderung 
zu ihrem tapferen Verlobten auf. 
Die Glanznummer war an der Reihe, aller Augen waren au 
den Vorhang gerichtet. Das bengaälische Rotfeuer leuchtete auf 
Der Vorbang keilte sich. Der Riesentiger mit drohend erhobenet 
Tabe wurde sichtbar, und in das atemlose Schweigen tönte plöß— 
lich eine helle weibliche Stimme. 
„Noch ist die blühende goldene Zeit — 
Noch sind die Tage der Rosen ...“ 
Aus des Menschenfressers Rachen erscholl der Sanag.. 
Eisiges Schweigen folgte der Zauberleistung. Dann löste ein 
homerisches, nicht endenwollendes Gelächter dei Bann. Nur die 
schöne Krämerin Jachte nicht. Obwohl sie sich iiber das Geschehene 
e Rechenschaft zu geben vermochte, so fühlte sie sich doch in 
ihrer Eigenliebe aufs tiefste verletzt. Außer sich vor Zorn, schnellte 
ze von ihrem Platze auf, warf, dem bvedauernuswerren Mirovar, 
ber entgeistert seinen ausgestopften Tiger anstarrte, einen ver⸗ 
nichtenden Blick ð und rauschte mit ihren Angehörigen aus dem 
Leinwandzelt. er genarrte Tierbändiger sah seine reizende 
Braut niemals wieder. 
Hintex dem Tigerkäfig aber beobachtete Arthur, der dem Tiger 
die Musikwalze einverleibt hatte, schadenfroh die Szene. Eirn 
vabrhaft mephistophelisches Sacheln über den Erjolg seiner Racht 
pielte um seine schmalen Lippen, als er mit katzenartiger Ge 
chmeidigkeit entschlüpfte. 
—3
	        
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