Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

Neueste Nachrichten und Celegramme. 
Die Rücktehr des Kaisers. 
Wt. Bergen, 26. Juli. Der Kaiser ging heute gleich 
nach dem ersten Frühstüc an Bord des Begleitschiffes „Kol— 
berg“ und hörte dort die Vorträge des Vertreters des Aus⸗ 
wärtigen Amtes, des Chefs des Generalstabes und des Ge⸗ 
neralintendanten der Königlichen Schaufpiele. Die „Sohen⸗ 
zollern“ nahm inzwischen Kohlen. Das Frühstück nahm der 
Kaiser mit einem Teil des Gefolges bei dem deutschen Kon⸗ 
ful Mohr ein. Um 4 Uhr erfolgte die Rückkehr an Bord der 
Hohenzollern“, die morgen früh zwischen 3 und 4 Uhr die 
Anker aufnehmen und in See gehen wird. Die Ankunft in 
Swinemunde wird voraussichtlich am Freitag zwischen 5 und 
3 Uhr nachmittags erfolgen. 
Verlobuug dues serbischen Kronprinzen? 
W. Belgrad, 26. Juli. Die Verlobung des serbi— 
schen Kronprinzen Alerander mit einer russischen 
Prinzessin steht für die nächste Zeit bevor. 
Besuch der hollãndischen Königin in Brüssel. 
W. Brüssel, 26. Juli. Königin Wilhelmina von Bolland 
st in Begleitung des Prinzgemahls zum Besuch am belgischen 
Hofe heute mittag 1 Uhr auf dem Nordbahnhof angekommen 
und von dem König und der Königin der Belgier empfangen 
worden. Die belgischen Maiestäten begleiteten die Gäste, die 
vom Publikum warm begrüßt wurden, nach dem Stadttschloß, 
wo das Deieuner eingenommen wurde. 
Zur Maroklofrage. 
Wt. London, 26. Juli. Die Westminister Gazette schreibt: 
Während es sich von selbst versteht, daß die Marokkofrage 
eine sehr vorsichtige Behandlung erfordert, lehnen wir ent⸗ 
schieden den alarmierenden Ton ab, mit dem die Frage in 
gewissen Kreisen behandelt wird. In einer Zeit wie dieser 
kommen dtatürlich Uebertreibungen und Alarmnachrichten vor, 
aber wir werden gut tun, ruhig zu bleiben und die Frage nach 
den berechenbaren Wahrscheinlichkeiten des Falles zu beurteilen. 
Generalisimus und Misitärdiktatur in Fraukreich. 
W. Paris, 26. Juli. Gegenüber der von den Radikalen 
ausgesprochenen Befürchtung, daß durch die geplante Umgestal— 
tung des Heeres⸗Oberbefehls der Weg für eine Art Militär—⸗ 
diktatur geebnet werden könnte, wird offiziös erklärt, daß die 
Besorgnis durchaus unbegründet sei. Die demokratischen Ein⸗ 
richtungen der Republik könnten durch die Schaffung eines ein— 
heitlichen Oberkommandos in keiner Weise beeinträchtigt wer—⸗ 
den. Ferner wird angesichts der lauten Befriedigung der 
Konservativen über die Wahl des Generals Pau betont, daß 
der Kriegsminister hierbei lediglich die einmütig anerkannte be— 
rufliche Tüchtiglkeit des Generals im Auge gehabt und, aus— 
schließlich geleitet von den Interessen der nationalen Vertei— 
zung, politische Erwägungen beiseite gelassen habe. 
Aufhebung der portugiesifchen Orden⸗ und Ehrenzeichen. 
W. Lissabon, 26. Juli. Die konstituierende Versammlung 
nahm mit 81 gegen 76 Stimmen die Aufhebung aller portugie⸗ 
sischen Orden und Ehrenzeichen an. 
Die kritische Lage in Persien. J 
Wt. Teheran, 26. Juli. Es werden Expeditionen gegen 
Mohammed Ali und Salar el Dauleh ausgerüstet. Die 
Bachtiaren sollen versprochen haben, sogleich 2000 Reiter aus⸗ 
zuschiden. Moiz el Saltaneh soll zum Führer der Expedition, 
zugleich zum Gouverneur von Asterabad und Masanderan er—⸗ 
nannt werden. Wie verlautet, beabsichtigt die Regierung, die 
Hilfe des berüchtigten kaukasischen Terroristen Scheidar Chan 
in Anspruch zu nehmen. Auf das Haupt Mohammed Alis ist 
ein Preis gesetzt, Mörder werden angeworben. Stündlich wird 
die Einnahme von Kermanschan durch Salar el Daulah erwartet. 
In Hamadan sind die Behörden geflohen. Die Bürger baten 
den Prinzen, in die Stadt einzuziehen. In Mesched hat sich die 
Geistlichkeit gegen die Verfassung ausgesprochen. Die Zahl der 
Anhänger Mohammed Alis scheint im Wachsen zu lein. 
Luftfahri. 
W. Sambuta, 26. Juli. Wie das Luftschiffahrtsbureau 
ber Hamburg⸗Amerika Linie aus Baden-Baden meldet, finden 
infolge der anhaltenden Hitze die täglichen Vassagierfahrten 
des Zeppelin⸗-Luftschiffes „Schwaben“ bereits morgens 7 Uhr 
statt. Die erste Fahrt des Luftschiffes von Baden-Baden aus, 
an der auch der badische Minister des Innern Freiherrn von 
und zu Bodmann teilnahm, führte nach Karlsruhe und Rastatt 
und erlaubte einen interessanten Ausblick über das Rhein— 
regulierungsgebiet zwischen den beiden Städten. 
W. Brighton, 26. Juli. Englischer Rundflug. Ve— 
drines, der heute früh um 4 Uhr 52 Minuten in Bristol auf⸗ 
stieg, traf 9 Uhr 57 Min. hier ein. Um 11 Uhr folgte Beau— 
mont, der um 4 Uhr 50 Min. in Bristol startete. Valentine 
wird durch Regen und Motordefekt in Glasgow zurũüdgehalten. 
Wt. London, 26. Juli. Vedrines ist um 3 Uhr 17 Min. 
in Brocklands eingetroffen. Die Gesamtzeit, die Beaumont zum 
Zurücklegen der ganzen Strecde des Rundfluges gebrauchte, 
beträgt 22 Stunden 28 Minuten. Beaumont wurde vom Aus⸗ 
schuß äls Sieger des Rundfluges ernannt. 
Des Mordes aberführt. 
W. Berlin, 26. Juli. Unter dem Verdachte, seine Frau 
ermordet zu haben, wurde vorgestern der in Küstrin gebürtige 
Berliner Magistratsbeamte Sternbed verhaftet. 
Die Leiche der Frau wurde bei Küstrin im September 1910 
gefunden. Erst nach langer Zeit konnte die Person der Toten 
festgestellt werden. Sternbeck leugnete zunächst, als aber wäh— 
rend der Vernehmung der Kinderwagen ins Zimmer gebracht 
wurde, in dem Sternbeck die Leiche fortgeschafft hatte, brach 
er zusammen und legte ein Geständnis ab. 
Daraus geht hervor, daß Sternbech, nachdem er seine Frau 
erdrosselt hatte, die Leiche in einen Waschkorb pacdte, zuvor 
aber seinen Sohn mit einem fingierten Auftrag für einige 
Stunden fortgeschickt hatte. Er ist dann bei der Beseitigung 
der Leiche mit einer unglaublichen Raffiniertheit und Kaltblütig— 
keit zu Werke gegangen. Er lud abends gegen 10 Uhr den 
Korb auf einen Kinderwagen und schob ihn nach dem Bahnhof 
Groß⸗-Lichterfelde. Hier gab er den Wagen als Passagiergut 
auf und fuhr nach Küstrin. Dort ließ er sich sein unheimliches 
Gepäck wieder aushändigen, fuhr damit auf die Oderbrüde 
und warf die Leiche in den Fluß. Mit dem nächsten Zuge 
traf er dann wieder in Berlin ein. Sein Sohn, den er am 
Abend vorher bis 12 Uhr wachgehalten hatte, schlief fest und 
hatte die Abwesenheit seines Vaters nicht gemerkt. Bei seinem 
gestrigen Verhör gestaltete sich das Zusammentreffen mit seinem 
zwölffjährigen Sohne auf dem Polizeipräsidium zu einer anschei— 
nend sehr rührenden Szene, in Wirklichkeit war sie aber nur 
eine Maskta für Aberleate Maßnahmen des abgefeimten Mör— 
ders. Während er das Kind gerührt in die Arme fchloß, 
flüsterte er ihm ins Ohr: „Du saglt nichts“. Der Mörder wird 
heute dem Untersuchungsrichter zugeführt werden. 
Brand eines Stettiner Trajeltdampfers. 
W. Sitttin, 26. Juli. Auf dem im Freihafen angekomme- 
ien Trajektdampfer, Tyras“ entstand durch die Explofion eines 
Benzintankwagens ein Brand. Der Dampfer war im Nu 
n Flammen gehüllt. Die Seizer konnten sich durch Ueberbord⸗ 
pringen retten. Zwei Feuerwachen sind mit der Löschung des 
Zrandes beschäftigt. Personen wurden nicht verletzt. 
Ein neuer Eisenbahnunfall. 
Köln, 26. Juli. Ein Zugzusammenstoß. der leicht unbe— 
rechenbare Folgen hätte nach sich ziehen können, ereignete sich 
gestern abend unweit des Kölner Hauptbahnhofs. Der Berliner 
D⸗Zug, der um 9 Uhr 40 Minuten gerade die Bahnhofshalle 
nerlassen hatte, stieß kurz vor der Hohenzollernbrücke mit dem 
bon Elberfeld einlaufenden Eilzuge zusammen. Der Anprall 
war so gewaltig, daß beide Maschinen in die Höhe gehoben 
und sehr beschädigt wurden. Der Unfall ist darauf zurück⸗ 
zuführen, daß der D-Zug die Kölner Station sechs Minuten 
zu früh verlassen hatte. Menschenleben sind nicht zu beklagen. 
Die Cholera. 
W. Wien, 26. Juli. Wie die Neue Freie Presse aus 
Uesküb meldet, erweckt die rasche Zunahme der Cholera in 
Ipek Beforgnisse. Bisher ereigneten sich 17 Todesfälle. Die 
Stadt wurde von einem Kordon eingeschlossen. 
W. Konstantinopel, 26. Juli. Gestern sind sechs Cholera⸗ 
fälle, darunter zwei tödliche, vorgekommen, vom 1. Juni bis 
22 Juli im ganzen 32 Cholerafälle, davon achtzehn tödliche. 
In Ipek und Diakova sind in den letzten 24 Stunden 
12 Todesfälle an der Cholera vorgekommen. Unter den Toten 
hefinden sich ein Offizier und zwei Soldaten. 
Der Schaden beim Konstanunopeler Riesenbrand. 
W. Konstantinopel, 26. Juli. Nach dem Polizeibericht 
brannten vorgestern in Balat 485 Säuser, 78 Läden, 5 Schulen 
und 4 Tempel nieder. Ein Verlust an Menschenleben ist nicht 
zu beklagen. Der Bericht stellt fest, daß das Feuer durch 
Zufall entstanden ist. Die Blätter schäten den Material— 
chaden, den die Brände am Sonntag und Montag anrichteten, 
auf fünf bis sechs Millionen Pfund. 
Verheerender Taifun in Japam. 
W. Toktio, 26. Juli. Ein Taifun, der Tolio und Jokohama 
uum Mittelpunkt hat, erreichte heute früh 3 Uhr seinen Höhe— 
punkt. Er richtete ausgedehnten Schaden an. Die tiefer ge— 
egenen Stadtviertel stnd überflutet, etwa hundert Menschen 
getötet worden. Vierzig Leichen sind geborgen. Man be— 
fürchtet den Untergang vieler Schiffe. 
Leipzig, 26. Juli. Seit heute vormittag haben verschie— 
dene Leipziger Fabriken den Betrieb stillegen müssen. Die 
Fabrikanten beschlossen deshalb, falls bis Montag die Arbeit 
nicht wieder aufgenommen wird, fämtliche Betriebe ein— 
zustellen. Die Metallwaren-Industriellen des Rheinlandes 
und Westfalens haben sich mit den sächsischen Firmen solidarisch 
erklärt und beabsichtigen, zunächst eine dreitägige Aussperrung 
ihrer Arbeiter vorzunehmen. 
Wt. Hattingen, 26. Juli. Amtlich. Bei der Land— 
tagsersatzwahl im Wahlkreise Arnsberg 12, Hattingen— 
Witten, wurde der Bergwerksdirekltor Carl Knupe-Linden a. 
d. Ruhr (natlib.) mit sämtlichen 3060 abgegebenen Stimmen 
ewählt. 
W. Koburg. 26. Juli. Der König der Bulgaren 
st mit seinen beiden Söhnen heute vormittag aus Bayreuth im 
Automobil eingetroffen. Um 10 Uhr fand ein Gedächt— 
ris-Gottesdienst anläßlich des heutigen Todestages des Vaters 
des Königs, des Prinzen August von Koburg, statt, an dem auch 
Prinz Philipp von Koburg teilnahm. 
Wt. München, 26. Juli. Wie die Korrefpondenz Hoff—⸗ 
nann hört, verschob der Prinzregent den Besuch bei seiner 
Schwester, der Herzogin Adelgunde Modena in Wildenwarch, 
a die Aerzte der Reise bei der gegenwärtig herrschenden Hitze 
viderraten. Die klimatischen Verhältnisse des Sohenschwangaus 
eien der Gesundheit des Regenten zuträglicher als die weiche 
Luft des Chiemgaues und der Umgebung. 
W. London, 26. Juli. Im Sinblick auf den Umstand, daß 
Lloyds bei Schiffsversicherungen das Kriegsrisilo nach dem 
J. August zu ũübernehmen ablehnte, was von einigen Zeitungen 
mit der marokkanischen Angelegenheit im Zusammenhang ge— 
zracht wird, erklärt die Financial Times, daß es sich um 
eine lediglich finanzielle Transaktion handle. 
Wt. London, 26. Juli. Wie das Reutersche Bureau er⸗ 
ährt, ist infolge einer Aenderung in dem Programm der Be— 
vegungen der Heimats- und der Atlantischen Flotte vor einigen 
Tagen beschlossen worden, den Plan eines Besuches der At⸗ 
antischen Flotte in schwedischen und norwegischen Häfen fallen zu 
lafssen. Es wird erklärt, daß diese Aenderung keinerlei Be⸗ 
ziehung zu den jüngsten Ereignissen in Marokko habe. 
Wt. Saloniki, 26. Juli. Eine bulgarische Bande 
zriff nachts eine Militärwache bei der Eisenbahnbrücke an, die 
wischen Strumiza und Demir-Kapu über die Wardar führt. 
Nach Lestündigem Gewehrfeuer zog sich die Bande zu rück. 
die Ueberwachung der Eisenbahn ist wegen der zunehmenden 
Tätigkeit der Banden verstärkt worden. 
Wie dem ökumenischen Patriarchat gemeldet wird, wurden 
hei dem türkischen Dorfe Kissovo (Wilajet Monastir) drei 
Briechen ermordet. Die Leichen wurden fehr verstümmelt. 
Das Patriarchat unternahm Schritte bei der Pforte wegen der 
häufigen Morde in Mazedonien. 
Wt. Skutari, 26. Juli. Sier fand eine große Kund⸗ 
Zebung zugunsten des bisherigen Oberkommandierenden To r⸗ 
zut Sqchefket Pascha statt. Die Versammelten beschlossen, 
die Regierung zu ersuchen, die Abberufung Torguts aus Alba⸗ 
rien rückgängig zu machen, da fsonst Verwiclelungen entstehen 
znnten. Man habe volles Vertrauen zu dem Vorgehen 
Torguts. 
Wi. Washington, 26. Juli. Amtlich. Das Kabinett 
don Venezuela ist zuruckgetreten. Ein neues Ka— 
binett mit Dr. Gonzales Guiman als Minister des Aeußern 
hat sich gebildet. 
W. Santiago de Chile, 26. Juli. Die wissenschaft— 
iche Expedition, die von der Regierung nach der im 
ODzean gelegenen Osterinfsel gesandt wurde, errichtete 
eine meleorologische sFeismographische Station, 
Wt. Prag, 268. Juli. Aus der Umgebung von Pilsen 
verden fieben Waldbrände gemeldet. Auch bei Ell⸗ 
»zogen ist ein Waldbrand ausgebrochen. Bei Hirschberg Boh⸗ 
nen) sind 30 Strich Wald niedergebramt. 
Juwelendiebe. 
Drei Musterbeispiele. 
Es ilg der Berliner Polizei noch nicht gelungen, die 
Juwelendiebe zu sassen, die kurz hintereinander zwei große 
heschäfte in der Potsdamer Straße mit ihrem nächtlichen Besuch 
bedacht haben. Besonders der Einbruch beim Juwelier Wing⸗ 
herg muß mit unglaublicher Unverfrorenheit und Kaltblütigkeit 
ins Werk gesetzt worden sein. 
An Wagemut übertreffen die Juwelendiebe alle anderen. 
Die „Elite“ dieser Verbrecher, die stets auch als Hochstapler 
eine Rolle spielt, zeichnet sich durch Intelligenz und Umsicht 
rus. Die Geschichte der Kriminalität verzeichnet aufe dem 
Hebiete des Juwelendiebstahls eine Reihe der raffiniertesten 
Dperationen. Der „höhere“ Diebstahl verzichtet sogar auf 
Stemmeisen und Hammer, er arbeitet Auge in Auge mit dem 
zuwelier, und auch die vorsichtigsten Geschäftsleute sind schon 
jineingelegt worden. Aus den zahlteichen Fällen seien hier 
drei in Erinnerung gebracht, die sich durch Originalität und 
Kuͤhnheit auszeichnen. 
Vor allem der fast unglaubliche Fall, der in den siebziger 
Jahren in Paris vorgelommen ist. In das Geschäft eines 
Juweliers tritt eine vornehm gelleidete Dame, die sich als 
oie Gattin eines bekannten Irrenarztes vorstellt. Es war 
dem Juwelier bekannt, daß die Tochter dieses Irrenarztes 
ich mit einem Grafen aus altem Geschlecht verlobt hatte. 
ks war also nur natürlich, daß sich die Mutter der Braut 
ein kostbares Hochzeitsgeschenk vorlegen ließ. Sie entschloß 
ich auch, eine ungemein teure Rubinengarnitur zu laufen, 
nur möchte sie den Kauf nicht ohne Einwilligung ihres 
zatten perfekt machen. Der Irrenarzt hat aber wenig Zeit. 
Zie bittet also den Juwelier, cinen Angestellten mit dem 
Schmuck zu ihrem Gatten zu schicken. Dieser nimmt im Coupsé 
der feinen Dame Platz und beide fahren in die Sprechstunde 
des Irrenarztes. Im Konsultationszimmer bittet die Dame 
»en Angestellten, einen Augenblich zu warten, sie wolle nur 
chnell ihrem Gatten die Garnitur zeigen. Dann verschwindet 
ie im Nebenzimmer. Der Angeslellte wartet und wartet. 
zchließlich wendet et sich an den Arzt und fragt ihn nach 
nen Juwelen. Dieser sucht ihn zu beruhigen und geht auf die 
zuwelengeschichte gar nicht näher ein. Der junge Mann macht 
»em Arzt eine Szene, flucht und tobt, und die Folge ist, daß 
»er Arzt ihm — die Zwangsjacke anlegen läßt. Erst am 
Abend desselben Tages klärt sich der Fall auf. Und zwar so: 
die Dame, die gar nicht die Gattin des Arztes war, hatte 
iesem ihr Leid geklagt über ihren armen Sohn, der seit 
inigen Tagen von Wahnvorstellungen geplagt werde: er phan⸗ 
asiere immer, eine Dame habe ihm Juwelen von unermeß— 
ichem Wert geraubt. Sie hatte den Arzt gebeten, den 
irmen jungen Mann gleich in Behandlung zu nehmen und in 
eine Anstalt überzuführen. Auch batte sie die Kosten für 
die ersten 14 Tage im voraus bezahlt und den Arzt gebeten. 
cht den Abschied von ihrem unglückllichen Sohn zu ersparen 
ind sie durch eine andere Tür zu entlassen, was denn auch 
jeschehen war. Der Schmuch aber war mit der Dame ver— 
schwunden, während der aufgeregte Angestellte unschuldiger- 
veise in die Zwangsiacke mußte. 
Ein anderes Stückchen ist vor einigen Jahren in Wien 
rassiert. Ein eleganter Lebemann bestellte bei einem Juwelier 
ein wertvolles Brillantkollier und übergab seine Visitenkarte, 
auf der stand: „Le comte de ...“. Das Kollier sollte als 
ein Geschenk von ihm an die stadtbekannte Sängerin Marie 
Renard abgeliefert werden, und zwar sofort. Die quittierte 
Rechnung bat er am Rachmittag in seiner Privatwohnung vor⸗ 
zulegen, die auf der Visitenkarte angegeben war und auch 
mit der Angabe des Wiener Adreßbuchs übereinstimmte. Der 
Juwelier verstand sich dazu in der Erwägung, daß der Ruf 
ind die Vermögensverhältnisse der Sängerin jede Garantie 
zöten. Zwei Angestellte des Geschäfts überbringen der 
Künstlerin den Schmuck. Diese ist sehr derwundert, kennt 
»en Comte de ... gar nicht persönlich, behält aber auf 
zie Bitten der beiden Angestellten den Schmuck zunächst, die 
roh sind. ihn glücklich befördert zu haben. Sie lassen sich 
ruch ausdrücklich eine Empfangshestätigung geben. Der Juwelier 
wittert sofort Unrat, als ihm die jungen Leute nach ihrer 
nücktehr ins Geschäft mitteilten, daß ein Mißverständnis vor⸗ 
zuliegen scheine und geht sofort selber zu Frl. Renard. Diese 
st über seinen Besuch womöglich noch erstaunter als ũber das 
Kollier und sagt ihm, daß der Schmud bereits eine halbe 
Ztunde, nachdem er abgegeben worden war, von einem Ange⸗ 
tellten des Geschäfts wieder abgeholt worden sei. Ein junger 
Mann habe sie flehentlich gebeten, ihn doch nicht unglüdlich 
zu machen, er habe eine Adresse verwechselt und werde seine 
Ztellung verlieren, wenn der Chef dahinterkäme. Die Künstlerin 
jatte ihm den Schmuck arglos ausgehändigt, der junge Mann 
iber war ein Komplize des Schwindlers, der sich den Titel 
eines Comteé zugelegt hatte. 
Ein dritter Fall, der in London spielt, verblüfft durch 
eine seltene Einfachheit, obwohl auch hier alles aufs Feinste 
m voraus berechnet ist. Ein vornehmer Herr kaufte bei einem 
Juwelier eine schwarze Perle für 40 000 M, die er bar be⸗— 
ahlte. Einige Zeit später wünschte er ein absolut gleiches 
Fxremplar und verstand sich auch dazu, einen Liebhaberpreis 
don 70 000 Mäzu zahlen. Der Juwelier erläßt nun Kauf— 
Jgesuche in der ganzen Fachpresse und hat die Freude, ein 
Angebot zu erhalten, das seinen Zwecken entspricht. Er empfing 
eine täuschend ähnliche schwarze Perle und zahlte dafür 60 000 
Mark. Der Besteller aber blieb aus! Der Juwelier hatte 
eine eigene Perle um 20000 Mitteurer zurückgekauft. Er 
zatte seine Perle wieder. der andere aber die Differenz. 
-4d. 
Buntes Allerlei. 
Eine interessante Erfindung. Seit einigen Tagen werden 
in London Versuche mit einem Luftschifftorpedo vorge— 
nommen. Dieses Torpedo ist ein kleines Luftschiff, das auf 
automatischem Wege abgefeuert wird. Eine Vorkehrung er— 
aubt, ihm eine Geschwindigkeit von 10 bis 50 Meilen in 
»er Stunde zu geben. Der Erfindung wird in militäri— 
schen Kreisen große Bedeutung beigemessen. 
Der Phonograph als Wahlredner. Ein eigenartiges An— 
iehungsmittel für politische Vorträge hat sich 
in sozialistische Abgeordneter in Frankreich während 
einer Sommerpropaganda unter seinen Wählern im De— 
artement H6rault gewählt. Da der Stoff, den er be— 
»andeln will, die Wirkfamkeit der gegenwärtigen Legislatur, 
Acht krocken ist, so läht er sich von einem Phonographenl 
zegleiten. Während der Pausen können die Erschienenen die 
hesten Reden der Tenore der Unifizierten genießen, sodaß 
hnen der spröde Stoff etwas mund- und ohrgerechter gemacht 
wird. Für die Kosten dieser eigenartigen Pronaganda wird 
dann gesammelt. Ob dieses Verfahren dem Kandidaten zut 
Wiederwahl verhilft,; muß abgewartet werden
	        
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