Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

nicht mit billigen Kompensationen am Kongo und in Togo zu⸗ 
frieden gebe. Deutschland müsse unter allen Umständen der Weg 
rach Marokko frei bleiben. 
Hierzu bringt die Deutsche Montagszeitung noch eine Mel⸗ 
dung, deren Bestätigung allerdings bzuwarten bleibt. Danach 
auchte im Frühjahr d. J. in Kreisen der nationalliberalen Reichs⸗ 
agsabgeordneten der Wunsch auf, Herrn v. Kiderlen⸗Waechter 
atüber zu interpellieren, ob die deutsche Reichsregierung auch 
erner zusehen wolle, daß Frankreich in Marokko entgegen der 
Algecitasakte sich immer weniger um die Rechte der anderen 
Hiächte in Marokko kümmere. Herr Bassermann richtete an 
zerrn v. Kiderlen-Waechter eine diesbezügliche Anfrage und 
erhielt von diesem darauf einen Brief des Inhalts, man dürfe 
unbesorgt sein, er werde das Reichsinteresse zu wahren wissen. 
kinstweilen sei Ruhe geboten. Man könne Frankreich zunächst 
jar nicht genug gegen die Algecirasakte sündigen lassen. Je 
nehr es seine Rechte überschreite, um so mehr Gewicht erhielte 
hie spätere Geltendmachung der deutschen Interessen. Darauf 
interblieb damals die nationalliberale Interpellation. 
— 
sleueste Nachrichten und Telegramme. 
Von der Nordlandsreise des Kaisers. 
Wt. Balestraud, 24. Juli. Der Kaiser unternahm gestern 
ibend und heute vormittag längere Spaziergänge an Land. 
Das Wetter hat fich aufgeklärt. Morgen mittag soll die 
Facht „Hohenzollern“ die Heimreise, zunächst bis Bergen, an⸗ 
reten. 
Militãrische Störung einer Predigi. 
Berlin, 24. Juli. Unter der Nachwirkung des Falles 
Jatho kam es gestern in der Luisenkirche in Charlottenburg 
u einer ungewöhnlichen und Aufsehen erregenden Störung des 
Hottesdienstes. Die Predigt hielt der bekannte liberale Pfarrer 
Traatz, der zum erstenmal nach den Ferien wieder predigte und 
ils liberaler Pfarrer sich verpflichtet fühlte, sich mit seiner 
ßemeinde über den Fall Jatho zu unterhalten. Während 
einer Predigt bemerkte man, daß zuerst die Offiziere des 
Königin-Elisabeth-Garde-Grenadier-Regiments, die mit den 
Mannschaften zur Teilnahme an dem Gottesdienst erschienen 
waren, unruhig wurden, sich mit dem Diensthabenden be— 
prachen und dann demonstrativ die Kirche verließen. Gleich 
»arauf wurden die Mannfchaften abkommandiert. Ihr Weg— 
gehen erregte unter dem Publikum das größte Aufsehen, das 
infänglich glaubte, es sei Feuer enistanden, so daß eine VPanik 
ruszubrechen drohte. Der Pfarrer mußte zwei bis drei Mi— 
nuten die Predigt unterbrechen, und konnte fie nur unter großer 
krregung der Gemeinde, die ihrer Entrüstung über diele Stö— 
rung des Gottesdienstes Ausdruck gab, beenden. 
Wt. Berlin, 24. Juli. Es bestätigt sich, daß gestern die 
Mannschaften des Königin-Elisabeth-Garde-Grenadier-Regi⸗ 
nents, die dem Gottesdienst in der Luisenkirche in Charlotten⸗ 
urg beiwohnten, diese verließen, als der liberale Pastor Craaßz 
iber den Fall Jatho zu sprechen begann. Dem Vernehmen 
ach befindet sich die Angelegenheit in den Händen der höheren 
Hilitärbehörden. 
Aussperrungen in der schlefischen Glasindustrie. 
WV. Görlitz, 24. Juli. Zu der bevorstehenden Aussperrung 
n der Glasindustrie ist weiter zu melden, daß am Sonn— 
ibend und Sonntag in Raschau mehrfach Verhandlungen zwi— 
chen den Vertretern des Arbeitgeber-⸗Schutzverbandes deutscher 
ßlasfabriken und des Zentralverbandes der Glasarbeiter und 
Flasarbeiterinnen Deutschlands sowie den Vertretern der Ar— 
beiterschaft stattgefunden haben. Die Verhandlungen wur⸗ 
den abgebrochen, da keine Einigung erzielt werden konnte, 
porauf die Kommissionen abreisten. Die Arbeitgeber ließen 
»en Arbeitern bis Dienstag Bedenkzeit. Wenn bis dahin keine 
kinigung zustandekommt, wird die Aussperrung am 29. Juli 
erfolgen. 
Differenzen im französischen Oberkriegerat. 
VParis, 24. Juli. Der Kriegsminister hatte gestern mit 
dem Ministerpräsidenten eine Unterredung über die Meinungs— 
erschie denheiten, die zwischen General Michel, dem Vizepräsi— 
»enten vom Oberkriegsrat und den übrigen Mitgliedern des 
Oberkriegsrats bestehen. Es heißt, demnächst werde der Mi— 
nisterrat einberufen, um die Frage der einheitlichen Heeres— 
leitung zu lösen. Einem Blatte zufolge, wird dem General Pau, 
der als Nachfolger Michels ausersehen ist, entweder General 
Hallieni oder Joffre als Gehilfe beigegeben. Man hält es 
ür möglich, daß General Michel, der gegenwärtig eine Besich— 
igungsreise an der Ostgrenze ausführt, nach seiner Rückehr 
eine Entlassung einreicht. 
Sergeant als Saboteur. 
Paris, 24. Juli. In Toulouse wurde ein Sergeant des 
35. Infanterie-Regiments namens Bonafous verhaftet unter 
»em Verdacht, Signal-⸗ und Telephondrähte der Bahnlinie Tou— 
ouse —Bajonne durchschnitten zu haben. 
Gegenrevolution in Portugal. 
Wet. Madrid, 24. Juli. Das Blatt el Liberal berichtet 
eine Unterredung mit einem Sohn des portugiesischen Publi— 
zisten, Monarchisten Homen Chrijsto, der erklärte, König Ma⸗ 
nuel leite persönlich die Umtriebe der Verschwörer und habe 
iich erboten, sich an die Spitze der monarchistisch gesinnten 
Truppen zu stellen. Die Zahl seiner Anhänger belaufe sich 
auf zehntausend. Die Beschlagnahme der Waffen verhinderte 
den Ausbruch der Bewegung. Zwer Tage später habe Manuel 
in Drittel seines Vermögens zur Wiederherstellung der Mon—⸗ 
irchie zur Verfügung gestellt 
Die Vetobill. 
Wt. London, 24. Juli. Unterhaus. Szenen von 
außergewöhnliche Unruhe und Erregung lenn⸗ 
zeichneten die Eröffnung der Debatte über den Vor— 
schlag, daß das Haus über die Abänderungsanträge der Lords 
zur Vetobill beraten solle. Premierminister Asquieth wurde 
bei seinem Eintritt mit einer großen Ovation empfangen. Die 
Anhänger der Regierungspartei und die Nationalisten empfin— 
zen den Premierminister mit begeisterten Zurufen und dem 
Schwenken der Taschentücher. Als Asquith sich erhob, um 
eine Grklärung abzugeben, wurde der Ruf „Verräter“ von 
einigen Plahen der Opposition vernommen. Der Lärm wurde 
daraufhin so stark, daß Asquith nicht sprechen konnte. So 
oft er seine Rede begann, kam es zu neuen Ruhestörungen 
der Opposition trotz der energischen Mahnungen des Sorechers 
an die unionistischen Mitglieder, welche Asquith unterbrachen. 
Man vernahm die Zurufe:⸗Lassen Sie Redmond zuerst sprechen, 
er ist der wirkliche Führer. Er soll uns die Bedingungen des 
bandelsgeschäftes zwischen ihm und der Regierung sagen. Da 
ie Ruhestörungen nicht aufhörten, vertagte der Sprecher die 
zchere Verhandlung auf morgen. 
Verlobung im serbischen Königshause. 
W. Belgrad, 24. Juli. Gestern fand in Racconigi die 
gerlobung der Prinzessin HSelene von Serbien mit dem Prinzen 
zohann, dem Sohne des Großfürsten Konstantin statt ⸗ 
Seismologischer Kongreß. 
Manchester, 24. Juli. Die in Manchester am 18. Juli 
egonnene Tagung der Internationalen seismologischen Asso⸗ 
sation fand am 21. v. M. ihren offiziellen Abschluß. Der 
2. Juli war einer Exkursion nach dem Observatorium Eske da⸗ 
mnir in Schottland gewidmet. Zum Präsidenten der Asso- 
iation für die nächsten drei Jahre wurde der russische De— 
egierte Professor Dr. Fürst B. Galitzin (Petersburg), zum 
Rizepräsidenten der belgische Delegierte Professor G. Lecointe 
Uecle) gewählt. Das Zentralbureau der Assoziation wird auf 
„ie gleiche Dauer mit der kaiserlichen Hauptstation für Erd— 
„ebenforschung in Straßburg verbunden bleiben. Die nächste 
Tagung findet 1914 in Petersburg statt. 
Der Streikt in den Häfen. 
W. Amsterdam, 24. Juli. Alle Bootsleute nahmen 
»eute morgen die Arbeit wieder auf. Ebenso meldete sich eine 
Inzahl ausständiger Werftarbeiter heute bei den Gefellschaften, 
im die Arbeit aufzunehmen. 
W. Cardiff, 24. Juli. Die Vereinigung der Seeleute 
iterzeichnete ein Uebereinkommen mit den Arbeitgebern, wo⸗ 
ach der Ausstand beendigt wird. Die Mannschaften 
rhalten einen Lohn von 5 Pfund monatlich, ihre Vereinigung 
bdird anerkannt, künftige Streitigkeiten sollen einem Schieds⸗ 
ichter unterbreitet werden. 
— Mt. Glasgow, 24. Juli. Der Streik der Werft« 
arbeiter begann heute nachmittag von neuem, da die meisten 
m Küstenverkehr beschäftigten sich auf den Befehl der See— 
nanns⸗Union von der Arbeit entfernten. 
R— 
Luftfahrt. 
W. Friedrichshafen, 24. Juli. An Bord des Luftschiffes 
Schwaben“ befinden sich 8 Passagiere. Morgen soll in Baden⸗ 
zaden Ruhetag gehalten werden. Der Aufenthalt erstredt sich 
jach den bisherigen Dipositionen bis zum Herbst. Man be— 
bsichtigt, das Luftschiff im September für einige Tage in Gotha 
u stationieren. Von dort wird dem von der Delag neu— 
rworbenen Luftschiffsgelände in Wildpark bei Votsdam ein 
zesuch abgestattet. 
W. Samburg, 24. Juli. Die Abteilung Luftschiffahrt der 
zamburg-Amerika Linie meldet aus Baden-Baden die heute 
ormittag 9 Uhr glücklich erfolgte Ankunft des neuen Zeppelin⸗ 
zuftschiffes „Schwaben“. Die Fahrt von Friedrichshafen nahm 
ier Stunden in Anspruch. Von morgen ab sollen täglich 
dassagierfahrten in die Umgebung von Baden-Baden statt⸗ 
inden. 
W. Kopenhagen, 24. Juli. Der französische Flieger Pou⸗ 
ain flog gestern ein Stück über den Oeresund hinweg. Auf dem 
zückflug nach dem Flugplatze stürzte er aus einer Höhe von 
0 Metern ab. Das Flugzeug wurde vollständig zertrümmert, 
»er Flieger blieb unverletzt. 
London, 24. Juli. Auf der zweiten Etappe des englischen 
Rundfluges kam Vedrines heute morgen um 85 Uhr 
m Newcastle an; Beaumont und Valentine folgten kurz darauf. 
Wt. Krestzy, 24. Juli. Der Teilnehmer an dem Wett— 
fluge Petersburg —Moskau, Utotschkin, stürzte in Saizewo 
ab. Der Apparat ist zertrümmert. Utotschkin wurde bewußtlos 
ins Hospital gebracht. 
Todessturz eines Flieçers. J— 
Paris, 24. Juli. Gestern unternahm der 23iährige Flieger 
Jolly auf dem Flugfelde Jossy in Anwesenheit seiner Eltern 
ind seiner Frau einen Flugversuch mit einem neuen Zweideder, 
vobei er aus 60 Meter Höhe abstürzte. Jolly wurde unter den 
Trümmern seines Apparates als verstümmelter Leichnam her—⸗ 
dorgezogen. 
Die Cholera. 
Triest, 24. Juli. Eine Arbeiterfrau ist gestern an der 
kholera gestorben. Zwei weitere Cholerafälle wurden festgestellt. 
Konftantinopel, 24. Juli. Gestern wurden acht Cholera⸗ 
fälle festgestellt. 
Waldbrände in Frankreich. 
W. Paris, 24. Juli. Ein gewaltiger Waldbrand, der seit 
4 Stunden in dem herrlichen Forst zu Fontainebleau wütet, 
onnte durch die vereinten Bemühungen der Truppen und 
er Feuerwehr eingedämmt werden, nachdem er bereits 1000 
zektor der schönsten Bestände zerstört hatte. Gestern nach— 
nittag näherte sich das Feuer drei Vulvermagazinen schon auf 
unfzig Meter. Es gelang dem Wilitär, den Brand abzulenken. 
Man hat Grund zur Annahme, daß das Feuer böswillig ange— 
egt ist. 
V. Paris, 24. Juli. Im Argonner-Wald bei Iselettes 
brach ein Brand aus, der bereits 150 Hektar einäscherte. 
Wt. Bad JIschl, 24. Juli. Heute nachmittag ist eine Depu⸗ 
ation von Offizieren des 13. bayerischen Infanterie-Regi— 
nents unter Führung des Obersten Pech hier eingetroffen, 
mn dem Kaiser zu seinem 60jährigen Jubiläum als Inhaber des 
degiments ein Ehrengeschenk zu überbringen. Die Abordnung 
vurde am Bahnhofe von dem Oberstleutnant Margutti, dem 
Flügeladjutanten des Generalajutanten Graf' Paar begrüßt. 
Wt. San Sebastian, 24. Juli. Der Minister des Aeußern 
und der französische Botschafter hatten eine lange Unterredung. 
Wt. London, 24. Juli. Der internationale Kongreß 
er Bergarbeiter wurde heute unter dem Vorsitz des 
Ibgeordneten Enoch Edwards eröffnet. Die Zahl der anwesen⸗ 
en Delegierten war gröher als in der früheren Jahren. Ver— 
reten waren die Bergarbeiter Deutschlands, Großbritamiens, 
DdesterreichUngarns, Frankreichs, Belgiens, Hollands, Schwe— 
ens und Bulgariens. 
Der König empfing heute vormittag im Budingham⸗ 
alast Balfour und Lord Lansdowne und nachmittags den 
Premierminister Asquith in Audienz. 
W. Petersburg, 24. Juli. Minister Stolypin ist hier 
eingetroffen. 
W. Konstantinopel, 24. Juli. Blättermeldungen zufolge 
drüfte der Ministerrat die neuen Bedingungen der Ma— 
ifsoren, die mit einem Memorandum König Nikolaus unter⸗ 
reitet und durch den türkischen Gesandten der Pforte mitgeteilt 
vurden. Der Ministerrat traf noch keine Entscheidung. Die 
Blätter erklären, die Pforte würde niemals die Vermittelung 
Montenegros annehmen. 
Nach einer Depesche Torghut Schefkets griffen Rebellen 
und Montenegriner in der Nacht zum 19. Juli die Truppen 
der vierten Division bei Leschnitze an, wurden aber unter 
Herlust vieler Toter und Verwundeter zurückgeschlagen. Die 
Truppen hatten einen Berwundeten. 
Mi. Saloniti.2a. Zuli. Wie amtliche Melbdungen aus 
Janing besagen, haben die in den Bergen sich aufhaltenden 
Aufrüher folgende Forderungengestellt: Streng ver— 
fassungsmäßige Regierung, Straßen- und Brückenbau, Ableistung 
des Militärdienstes im Inlande, Unterricht in albanischer 
Sprache mit lateinischem Alphabet und Gewährung einer Ge— 
ieralamnestie. In diesem Falle wollen die Aufrührer aus den 
Bergen zurückkehren und dem Sultan die Treue halten. 
Wt. Pilsen, 24. Juli. Bei einer Fruersbrunst, die 
‚as Haus eines Tagelshners einäscherte, sind dessen brei Kin— 
»er ums Leben gekommen und vollständig verbrannt. Es liegh 
Brandstiftung vor. Der Täter wurde verhaftet. 
Wt. Wien, 24. Juli. Infolge der seit einigen Tagen 
jerrschenden Hitze sind hier mehrere Ohnmachts- und Todes« 
fälle infolge HSitzschlages vorgekommen. Am gestri⸗ 
zen Sonntage sind acht Personen beim Baden in der Donauil 
ertrunken. 
Wt. Bombahy, 24. Juli. Der schwache Charakter des 
Monfuns verursacht in ganz Indien wachsende Sorge. 
Heer und Flotte. 
WV. Berlin, 24. Juli. „Prinz Adalbert“ am 20. Jull 
in Aalesund. „Victoria Luise“ am 22. Juli in Flaam (Aurlanda 
Fiord), „Sansa“ am 22. Juli in Aandalneas, „Mowe“ am 
im 22. Juli in Lagos, „Herthas am 24. Juli in Greenock, 
„Grille“sam 22. Juli in List angekommen und am gleichen Tagé 
ach Wangeroog weitergegangen. In See gegangen: „Pelikan“ 
am 21. Juli von Sandwig auf Bornholm nach Kiel, Lorpech 
boot „T 42“ am 22. Juli in Kiel außer Dienst und „T 30 
um 22. Juli in Dienst gestellt und zur 1. Minensuchdivision 
getreten. 
— ⸗ 
Hermischtes. 
Um 7000 Mugevprellt. Die zum Gemeingut der Hochstapler 
‚ewordene Redensart: „Vertrauen gegen Vertrauen“ hat Sonntag 
inem Amerikaner in Berlin 7000 Mugelostet. Dieser, ein 
merikanischer Zigarrenhändler, kam vor einigen Wochen nach Berlin 
ind nahm hier in einem der ersten Hotels Unter den Linden Woh—⸗ 
ung. Am 6. d. M. lernte er auf dem Schloßplatz einen Mann kennen, 
er sich als Grant Allent aus Amerika bezeichnete und angab, dort 
roße Besitzungen zu haben. Beide kamen wiederholt in Restaurants 
usammen. Auch Sonntag mittag fand wieder ein Rendezvous Unter 
»en Linden statt. Vor ihnen ging ein Mann, der plötzlich einen 
ßeldbeutel verlor. Der Amerikaner hob ihn auf und über⸗ 
eichte ihn dem „Unbekannten“. Dieser war über die Ehrlichkeit 
hei nbar außerordentlich erfreut und erklärie sich bereit, die Ehrlichkeit 
»es Finders mit einem lkostbaren Brillantring zu belohnen. Zugleich 
ibergab der angebliche Grant Allent dem Amerikaner eine kleine 
dedertasche mit der Versicherung, daß sie für einige hunderttausend 
MNark Werte in Papier enthalte, die Wohltätigkeitsanstalte nin Amerika 
ugute kommen sollten. Da es sich hier um Vertrauen gegen Vertrauen 
andle, möge der Amerikaner für die ihm übergebene große Summe 
ein Aequivalent aushändigen. Der vertrauensselige Zigarrenhändler 
jzab denn auch seine Brieftasche mit 7000 M Inhalt her und wartete 
zann stundenlang auf die Rücktehr der beiden. Selbstverltändlich 
zalten die Gauner unterdessen längst das Weite gesucht. Der Geprellte 
erstatteie Anzeige, und die Polizei schnitt die ominöse Ledertasche auf⸗ 
wobei lediglich Papierschnitzel zum Vorschein kamen. Die Gauner 
cheinen dieselben zu sein, die das gleiche Manöver von Zeit zu Zeit 
n anderen Großstädten ausführen. 
ne. Rollende Paläste. Der neue Salonwagen, den sich der 
erstorbene König Eduard halte bauen lassen, übertraf an Pracht und 
kleganz der Ausstattung alles bis dahin gewesene. Der Wagen ist 
in Meisterwerk in jeder Hinsicht. Er enthält außer einem Vorsaal 
in Rauchzimmer, Salon, Speise- und Schlafzimmer, sowie ein An⸗ 
leide- und Dienerzimmer. Die Länge des Wagens beträgt 201/4 
Meter, seine Konstruktion ist so vortrefflich, daß jede Erschütterung 
zeim Fahren vermieden wird. Der Wagen ist auf einen Stahlrahmen 
jebaut, der auf zwei dreiachsigen Drehgestellen rubt. Selbstverständlich 
st das Gefährt mit allen Bequemlichkeiten sowie mit Luftheizung. 
lektrischer Beleuchtung usw. versehen. Die Zeitung des Ver. d. 
kisenbahn⸗Verw. beschreibt die kostbare innere Einrichtung der ver⸗ 
hiedenen Räume aufs eingehendste. Der Rauchsalon, dessen Wände 
us kFichenholz mit Einlagen von Buchsbaum bestehen, ist im Stil 
zakob J. eingerichtet. Alle darin befindlichen Polstermöbel sind mit 
entierfarbigem Plüsch überzogen. Der Salon beslitzt Wände aus 
oliertem Ahorn und zeigt in seinen Möbeln den Stil Ludwig XVI. 
die Möbel sind hierin sämtlich aus hellem Mahagoni angefertigt. 
die Stoffe für die Sessel usw. bestehen aus Seidenbrokat. Das 
„chlafzimmer hat weiß emaillierte Wände und Mahagonimöbel mit 
osenfarbigen Seidendamast. Im Walchraum sind die Wände mit Cipo—⸗ 
ino⸗Marmor bekleidet. Besonders schön wirken die in allen Räumen 
ingebrachten Vorhänge und Gardinen qus grüner Seide mit weißen 
Stickereien. Jeder Raum ist ein kleines Schmuckitück vornehmster 
Eleganz. Dem Wagen des Königs folgen noch zwei Salonwagen 
mit einer Länge von je 178/, Meter; diese Wagen sind für das Ge— 
folge des Königs bestimmt. 
„Jich ebver cho?“ Ein Schweizer Telephon— 
zespräch. Als ich in Zürich ankam, mußte ich telephonieren. Einent 
alten Freund „Grüß Gott“ sagen geschwind. Als das Amt sich meldete— 
agte ich: 
„Neunzehn sieben, Fräulein, bitte.“ 
„Nühzä siwwe.“ hörte ich sie darauf sagen. Ich vermutete dahintet 
ein lokales Geheimwort und schwieg. Dann wartete ich lange aul 
Antwort. Aber mein Freund kam nicht. Nur die Stimme des Tele“ 
ohonfräuleins hörte ich plötzlich wieder: 
„Isch epper cho?“ 
‚Wie ?“ sagte ich und erschrak. 
Isch epper cho?“ 
„Wie -ie ?“ 
Obeppercho isch?“ 
„Was ist das, bitte ?“ 
„Ja, verschtahn denn Sie nüt dütsch?“ 
Doch, doch.“ 
„Guat.“ 
„Wie?“ 
Schweigen und Geduld, Geduld und Schweigen waren der Inhal 
ber nächsten fünf Minuten. Dann begann es wieder: 
„Isch eyper cho?“ 
Ja, Himmelkreuzdonn ... 
A quelqu'un répondu?“ 
Xon, NMademoiselle,“* sagte ich aufatmend. 
Alors je sonnerai encore unoe sois.“ 
Meret bien, Mademoiselle.“ 
Dann kam endlich mein Freund. 
Du, Paul, was heißt das bei euch: Isch erver cho?“ 
„Ist jemand gekommen? heißt das. Uebrigens wrichst du van 
Schwyzer Dütsch schon ganz famos.“
	        
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