Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

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Mittwoch, den 12. Juli 1911. 
Ausgabe a4. 
Abend⸗Blatt Kr. 347. 
Aus den Nachbargebieten. 
Hanseftãdte. 
Hamburg, 12. Juli. Die Besichtigung des El b 
tunnels durch Senat und Bürgerschaft verlief 
gestern programmähßig. Abgesehen von Kleinigkeiten ist der 
Tunnel fertig. Die endgültige Erösfnung für das Publikum 
wird Ende August oder Anfang September erfolgen. 
Die Aufzuge müssen in der nächsten Zeit gründ- 
lichen Belastungsproben unterzogen werden. Ueber die 
maschinellen Anlagen im Tunnel sind folgende An⸗ 
gaben von Interesse: In den beiden Schächten auf St. Pauli 
und auf Steinwärder stehen je 4 Fahrkörbe für den Wagen⸗ 
verkehr und je 2 Fahrkörbe für den Personenverkehr zur Ver⸗ 
zügung. Jeder Personen-Fahrkorb hat Raum für 80 Personen. 
jedoch werden auch nach Bedürfnis einzelne Personen sofort 
befördert. Von den auf jeder Seite befindlichen 4 Lasten⸗ 
Fahrkörber. sind je 2 für die größten vorkommenden Wagen 
und eine Tragkraft von 10000 kg und je 2 für 6000 kg 
Höchstlast berechnet. Entsprechend den beiden Tumelrohren 
werden die 6 Aufzüge eines Schachtes zur Hülfte für die eine 
Fahrtrichtung und zur Hälfte für die andere verwendet. In 
den Zeiten des Hauptarbeiterverlehrs werden auch die Lasten⸗ 
Fahrkörbe mit zur Personenbeförderung herangezogen. Diese 
können jeweilig 135 resp. 80 Personen fassen, so daß, wenn 
alle Fahrkörbe für eine Richtung benutzt werden, es möglich 
ist, etwa 7000 Personen in einer halben Stunde zu befördern. 
Der Höhenunterschied von 23,5mm, der zwischen dem Straßen⸗ 
vflaster und dem des Tumelrohres besteht, wird von den 
Fahrkörben je nach ihrer Größe in 35,30 und 25 Sek. durch⸗ 
fahren. Die Personen-Fahrlörbe sind mit Schiebetüren ver— 
sehen, während die Laslten-Fahrkörbe schwere, hölzerne, in 
senlrechten Führungen gehende Abschlußtore haben, die durch 
hydraulischen Antrieb betätigt werden. Die Steuerung erfolgt 
bei den PersonenFahrkörben durch einen mitfahrenden Führer, 
während die Lasten-Fahrkörbe nach Schluß der Türen durch 
eine von außen angebrachte Steuervorrichtung bewegt werden. 
Alle Fahrkörbe sind mit mehrfachen Sicherheitsvorrichtungen 
ausgerüstet, derart, daß bei Seillängung, zu schnellem Fahren, 
Ueberfahren der Endstellungen, Stromunterbrechungen ꝛc. in 
kürzester Zeit der Fahrkorb sanft siil gesetzt wird. Die Stärke 
der Tragseile und die Anordnung der Hubtüren sind so sicher 
bemessen, daß keine Betriebsunfälle auftreten können. Die 
Fahrkörbe hängen an Gußstahldrahtseilen, die auf den Winde— 
trommeln aufliegen. Die Hälfte der Nutzlast und das Eigen⸗ 
gewicht der Fahrkörbe wird durch Gegengewichte ausgeglichen, 
die in senkrechten Führungen neben den Fahrkörben geführt 
werden. Die Antriebswinden für die 6 Fahrkörbe eines Schach 
tes sind gemeinsam in einem über den Fahrbahnen befindlichen 
Maschinenhaus aufgestellt, der Antrieb erfolgt durch Elektro— 
motoren, die infolge einer außerordentlich sinnreichen Schalt⸗ 
anordnung (Otis⸗Steuerung) durch Betätigung eines Hebels 
automatisch anlaufen und am Ende der Fahrbahn wieder 
automatisch zur Ruhe gesetzt werden. In den Maschinenhäusern 
find große Schalttafein aufgestellt, von wo aus die Schal⸗ 
tung aller sonstigen elektrischen Anlagen erfolgt. Für die 
Crzeugung von Preßwasser zum Heben der Türen an den Fahr⸗ 
körben sind elektrisch angetriebene Pumpen nebst einem für 
mehrere Türbewegungen ausreichenden und selbsttätig sich wieder 
füllenden Akkumulator aufgestellt. Um das Reinigungswasser 
fortzuschaffen, ist in jedem Schacht eine elektrisch angetriebene 
Zentrifugalpumpe angebracht, die dieses Wasser in das außer⸗ 
halb gelegene Siel drückt. Die gesamte Beleuchtung des Tunnels 
erfolgt durch elektrische Glühlampen. An der Einfahrtshalle 
der St. Pauli⸗Seite ist eine Moorelichtbeleuchtung angebracht, 
deren leuchtende Glasröhren in Anpassung an die architekto— 
nischen Konturen die Einfahrt besonders betonen. Der elek— 
trische Strom für die Tunnelanlagen wird aus dem in der 
Nähe besonders für diese Zwecke errichteten staatlichen Kraft⸗ 
werk geliefert. 
Hamburgische Aerztekammer. In den Sitzungen 
vom 12. Juni uimd 3. Juli hat die Aerztekammer über das 
Schreiben des Reichskanzlers zum Gesetz gegen Mißstände im 
Heilgewerbe beraten und folgende Antwort beschloffen: Die 
bamburgische Aerztekammer verwahrt sich entschieden gegen jede 
„arztliche Verpflichtung zur Krankenbehandsung“ als den freien 
—— 
— 
zeruf des Arztes beeinträchtigend. Ein derartiger 3wang 
ist unnötig, da die Aerzte ihre Hilfsbereitschaft als nobile 
AIticium gewähren wollen, also auch für die Behandlung der 
aBetracht kommenden Krankheiten in genügender Zahl bereit 
An werden. Eine „widerspruchsvolle Lage“ besteht daher 
rWirklichkeit nicht, und kann durch das ausdrückliche Verbot 
er Behandlung dieser Krankheiten seitens solcher Personen, 
ze bisher zu dieser Behandlung nicht berechtigt waren, auch 
Zukunft nicht bestehen. Der Kurierzwang und die anderen 
sorderungen der Anträge Stadthagen würden für den ärztlichen 
Stand ein Ausnahmegesetz darstellen, über dessen Ablehnung 
eitens der Aerztekammer auch die Reichstagskommission woh 
kaum in Zweifel gewesen sein dürfte. 
Berschwundene Straßzentypen. Seit Jahren saß 
em Neuen Jungfernstieg eine blinde Frau, die mit Streichhölzern 
jandelte. Alle Passanten kannten sie, und sehr viele bezogen 
jur von ihr die Streichhölzer, denn der bittende Blick, mit 
er die Frau aus den erloschenen Augensternen vor sich hin— 
rütete, rührte alle. Und auf der nächsten Bank saß immer 
in Mann. der in aller Gemütsruhe seine Pfeife rauchte, der 
iber weniger beachtet wurde, teiner aber ahnte, daß der 
Mann der Geliebte der Blinden war. Jeden Morgen brachte 
r sie auf ihren Platz und abends geleitete er sie wieder 
zeim. Jetzt ist die Blinde, eine geschiedene Ehefrau, gestorben, 
uind ihr Geliebter hat seinen Stammplatz auf der Bank auf— 
gegeben. Es hat sich herausgestellt, daß die Frau läglich 
ine Einnahme von 10 bis 15 Muhatte, daß außerdem sie 
ind ihr Geliebter noch Armengeld bezogen, und daß beide 
eden Morgen, ehe die Frau ihren Platz einnahm, für 80 Pf 
tümmel tranken. 
Gleine Nachrichten) Betrug. Ein Bureaugehilfe 
B. gab sich in zahlreichen Fällen als Oberfehtmeister des 
Reichsfechtverbandes aus unter Vorzeigung gefälschter Bestell— 
ettel und Listen und erschwindelte sich von Interessenten Be— 
räge, die angeblich milden Zwefen dienen sollten. Er wurde 
chließlich auf einer solchen Fechttour angehalten und der Polizei 
bergeben. SEo weit bis jetzt bekannt geworden ist, hat der 
Schwindler über 500 Muergattert. — Durchgehendes 
RKutomobil. Montag mittag versagte dem Führer eines 
Krafstfahrzeuges in der Hammerbrookstraße die Steuerung und 
es sauste über das Trottoir hinweg in das Schaufenster eines 
Geschäfts. Die im Ausbauer stehenden Waren wurden zer— 
rrün mert. Personen sind nicht verletzt. 
Schleswig⸗ Holstein. 
Alton a, 12. Juli. Veräußerung des städti— 
schen Elektrizitätswerks. Die Stadtkollegien ver— 
ragten in ihrer vorgestrigen geheimen Sitzung den Beschluß 
über den Verkauf des städtischen Elektrizitääswerks. Der 
Magistrat wurde vielmehr ersucht, mit den Siemens K Schu⸗ 
tert-Werken und der Allgemeinen Elektri itäts-Gesellschaft wei— 
er über den etwaigen Verkauf zu verhandeln. — Die Stadt 
nuß zahlen, Der Polizeisergeant Reiß, der im Dienste 
ine Beschädigung erlitten und aus dem Dienste entlassen 
verden mußte, klagte gegen die Stadt Altona auf Zahlung 
einer Pension. Der Prozeß ist zugunsten des Klägers entschieden 
vordeñ. 
Kiel, 12. Juli. Städtische Handwerkerschule. 
Die Ausrüstung der Lehrwerkstätte mit Wers zeugen und Maschinen 
zat irsgesamt 22 106 MeKosten verursacht, zu denen der 
Minister für Handel und Gewerbe 1909 3000 Mund in 
»en Jahren 1910 und 1911 je 5000 MuBeihilfen gewährt 
hat. In dieser dankenswerten Unterstützung dürfte zugleich 
eine Anerkennung für die Leistungen der Lehyrwerkstätten und 
hrer Leiter zu sehen sein. — Belohnung. Der städtische 
Polizeisergeant Pinnig, der am 10. Mai das Kind Käte Lenz 
vom Tode des Ertrinkens rettete, erhielt vom Regierungs⸗ 
vpräsidenten eine Belohnung von 30 M 
Neustadt, 12. Juli. Die vierte Torpedo-Halb— 
flottille trifft Donmmerstag vor dem Strandhause Eichenhain 
am Pelzerhaken ein, um die Reste des Wracks der „Alma“ zu 
prengen. — Eine bleibende Erinnerung an einen 
hier ehemals blühenden Betriebszweig findet sich im Kreis— 
nuseum. Aus dem Besitz A. Gentzels ist nämlich die umfang— 
eiche Sammlung von Modellen und Gerätschaften der Kunst- 
— f—oro or arhen wordon 
Reumünster, 12. Juii. Abschaffung der Polizeb 
hunden Es verlautet, aus den Kreisen der Stadtverord⸗ 
jeten wird der Antrag auf Abschaffung der Polizeihunde 
zestellt. Sie kosten der Stadt, da ihre Zahl 185 beträgt, 
recht viel, während die Leistungen im Polizeidienst recht ge— 
ting sind — Niedergebrannt. Der neuerbaute, mit 
Beginn dieses Monats bezogene Besitz von Claus Hauschildt 
in Groß⸗-Kummersfeld wurde abermals durch Feuer zerstört, 
das der dreijährige Sohn des Belitzers verursacht hat, der 
m Viehstall mit Streichhölzern spielte. Dga das Vieh zur Weide 
gebracht war, blieb es Hauschildt erhalten. 
Wandsbek, 12. Juli. Vermißt wird seit Freitag 
letzter Woche der Trompeter⸗Unteroffizier Bethke vom hie— 
sigen Husaren-Regiment. B. hat sich an diesem Tage aus 
der Kaserne entfernt und ist nicht wieder zurüdgekehrt. Mit—⸗ 
eilungen über den Aufenthalt des Vermißten oder sonstige 
denntnis über dessen Fortgang wolle man an das Wacht⸗ 
ommando weitergeben. — Einen Selbstmordversuch 
zat in vorletzter Nacht der Lagermeister B. aus Hamburg 
n 3. Gehölz unternommen. Gegen 314 Uhr wurde ein Nacht⸗ 
hutzmann durch das Wimmern des auf einer Bank liegenden 
ebensmüden auf diesen aufmerksam und schaffte ihn mit 
zilfe eines anderen Beamten in das Krankenhaus. B. hatte 
sich mit einem Taschenmesser die Pulsader der linken Hand 
durchschnitten. 
Flensburg, 12. Juli. Der Kaiser bestätigte den bis— 
herigen Zweiten Bürgermeister Carl Poppe in Stolp als besol⸗ 
deten Beigeordneten (Zweiten Bürgermeister) der Stadt Flens⸗ 
bhurg für die gesetzliche Amtsdauer von 12 Jahren. 
Tönning, 12. Juli. Seehund gefangen. Sonn— 
tag gelang es schon wieder, in der Eidermündung einen auf 
iner Seetonne sißenden jungen Seehund lebendig einzu— 
fangen. Fischer H. Peters kaufte das Tier für 3 Mund 
will verluchen, es mit der Flasche aufzuziehen. 
Lauenburg. 
2Mölln, 12. Juli. Freiwillig in den Tod ge— 
angen ist vorgestern Arbeiler H. Spdciergänger sahen, 
vie er in den Schmalsee sprang. Von der Waldhalle aus 
eilte man mit einem Boot an die Unglücksstelle, konnte 
aber den Bedauernswerten nuc ails Leiche aus dem Wasser 
ziehen. Infolge eines Schlaganfalls litt der Ertrunkene zeit— 
weise an Geistesgestörtheit. Man nimmt an, daß er in diesem 
Zustande den Tod gesucht hat. 
Großzherzogtlrmer Medlenbura. 
Güstrow, 12. Juli. Schwurgericht. (7. Tag.) 
Wegen Brandstiftung hatte sich der Gelegenheitsarbeiter 
August Thiede aus Setzin bei Hagenow, der wegen Dieb—⸗ 
tahls und eines Sittlichkeitsverbrechens (echs Jahre Zucht- 
haus) vorbestraft ist, zu verantworten. Derse'be hat beim 
Frbrächter Düßler in Notelsdorf bei Gadebusch als Knecht 
Anfang dieses Jahres in Dienst gestanden und am 13. Febr. 
— 
rur diese, das Wohnhaus und das Wagenschauer. auf der 
Ddüßlerschen Hufe, sondern auch das Viehhaus auf der be— 
nachbarten Hufe des Schulzen Kruse in kurzer Zeit. Es ver—⸗ 
brannte ein großer Teil des lebenden und toten Inventars, 
aamentlich zwei Füllen, zwei Pferde, elf Kühe, drei Starken, 
ein Bulle und vier Kälber des Düßler, dessen Schade sich, 
weil er nur niedrig versichert war, auf etwa 20 000 M 
beläuft. Auch Kruse hatte zu niedrig versichert. Düßlers 
Wohnhaus und Scheune waren zu 13700 M, Kruses Vieh— 
haus zu 3500 Muübei der Domanialbrandkasse versichert. 
Wegen dieser Brandstiftung wird Thiede zu 6 Jabren 
Zuchthaus verurteilt. 
88 Grevesmählen, 12. Juli. Der Zwölfer- 
Gesangverein machte gestern einen Ausflug mit der Bahn 
nach Lübeck, wo im Kulmbacher Bierhaus ein gemeinsames 
Essen eingenommen wurde. Nachmittags fand eine Dampfer—⸗ 
tahrt nach Schwartau statt. Die Rücdfahrt wurde mit dem. 
etzten Abendzuge gemacht. — Der Roggenstorfer Ge— 
sangverein „Frohsinn“ unternahm einen Ausflug auf 14 
Wagen nach Boltenhagen und machte von da eine Dampfer— 
fahrt in See. — Die Heu-— Und Kleeernte ist bis auf die 
einschnittigen Wiesen nahezu beendigt. Die Wiesen haben durch 
weg mittlere Erträge geliefert, der Klee aber hat namentlich 
auf Sandboden nur eine mäßige Ernte ergeben. 
„hitzewellen“. 
Im Anschluß an die vitze-Nachrichten aus Amerika hört 
und liest man wieder, wie gewöhnlich. Befürchtungen aus— 
sprechen, daß auch wir von der Eeschichte etwas abbekommen 
könnten. Da nun gar aus London siarke Hitze gemeldet wird, 
so muß die schreckliche „Welle“ natürlich bereits „an die 
Grenzen Europas vorgedrungen“ sein. 
Die so sprechen und schreiben, scheinen sich die Hitze als 
eine körperliche Masse vorzustellen, die selbstverständlich in 
aller Kaffeebasen Wunderland Amerika auf nicht mehr ganz 
natürliche Weise entstanden nun jtreischwebend durch die Luft 
vom Winde spazieren geführt und asso gelegentlich auch nach 
Europa getragen werden kTann. Vielleicht sind auch die üb— 
lichen verworrenen Anschauungen vom Golfstrom mitschuldig 
an dem Aberglauben, der durch die einfache Beobachtung 
von der ziemlich regelmähigen Klima-Umkehr zwischen den beiden 
Erdteilen unzähligemale widerlegt ist: wird starke Winterkälte 
aus Newyork gemeldet, so herrscht in West-Furopa warmes 
Wetter, während dortiger Sommerhitze in telegraphenwürdiger 
Höhe diesseits verhältnismäßige Kühle entspricht. 
Wie diese Erscheinung zu crklären sei, steht auf einem 
anderen Blatt; daß die „Hitzeweilen“ des nordamerikanischen 
Ostens Europas Westküste einfach nicht erreichen können, 
muß dem gewöhnlichsten Nachdenken klar sein. Gesetzt, es 
gäbe wirklich einmal eine völlig gleichmäßige horizontale Ab- 
folge der atmosphärischen Schichten, leine barometrischen Höchst- 
oder Tiefststände unterbrächen den vom amerilanischen Maxi— 
mum herflutenden Weststrom. so läme eben wegen der an— 
nähernd totalen Windstille kaum noch ein Molekülchen amerika- 
iischer Luft zu uns herüber. Und wäre selbst diese Wind- 
jtille unter solchen Luftdrucksverhältnissen nicht unverbrüch⸗ 
liche Folge der Naturgesetze, so müßte doch die famose „Hitze— 
welle“ bei ihrer weiten Reise über den kühlen Ozean sich längst 
alles und jedes Wärmeüberschusses entledigt haben. 
Der Begriff der „Hitzewellen“ spielt bei uns überhaupt 
eine weit geringere Rolle als in Ost-Amerika, besonders um 
diese Jahreszeit. Wir befinden uns bekanntlich mitten im 
Hochsommer, erfreuen uns seit einigen Tagen eines über Deutsch⸗ 
and und Frankreich ausgebreiteten zentralen Hochs, dem wir 
bei Tages⸗Sonnenschein und leichten Morgen- und Abendnebeln 
den ziemlich mähigen Temperatur-Anstieg — völlig made in 
zermany! — verdanken. Unsere deutschen „Hitzewellen“ kom—⸗ 
nen aus Afrika und aus — Rußland! Letztere sind freilich 
wuf der Sonmerhöhe in ihrer unmittelbaren Wirkung auf 
das Thermometer kaum noch merkbar, mittelbar vielleicht 
durch Verstärkung der Trodenheit. Besonders um die Wende 
»om April zum Mai kann der ralsch erhitzende Einfluß aus 
Ost bis Südost wehender Winde nanchmak sehr gut beobachiet 
verden, auch in diesem, wie im Vorjahre war es der Fall. 
Luftzufuhr aus Afrika aber, also sänger stehender Sudwind, 
zehört im Sommer für Mitteleuropa zu den größten Selten- 
jeiten. Am häufigsten tritt sie in den Monaten Oktober bis 
Dezember ein und bringt dann jene überraschend hohen Wärme⸗ 
zrade, die man im Publikum als „unnatürlich“ zu verschreien 
flegt. Das letzte Beispiel hatten wit am 28. und 30. März 
dieses Jahres, die bereits eine Mittagswärme von fast 23 Grad 
Celsius brachten, während abends um 9 Uhr das Thermometen 
och 18 Grad wies. Vor einem Dutzend Jahren etwa wurden 
inmal aus Aachen im ersten Februar-Dritler aber 20 Grad 
jemeldet! 1000 hatten die Dage um Weihnachten abniqh 
johe Temperaturen . Inde de 
Wenn einmal mitten im Sommer sich eine lolche Wetter⸗ 
lase. alle ein kraͤftiges Maximum im dstlichen Mitteinece 
— 
herausbildet, dann klettern allerdings auch unsere Wärme— 
messer in die Nähe jener schwindelnden Grade, die jetzt aus 
Amerika gemeldet werden Den Rekord des letzten Menschen⸗ 
alters haben wir im August 1802 erreicht, um die Zeit des 
Choleraausbruchs in Hamburg. Damals ergaben die amtlichen 
Messungen in Schlesien fast. 40 Grad Celsius! Aber es wurde 
zarkein so großes Geschrei davon gemacht, wie jetzt in Amerika! 
Uebrigens wird auch immer wieder vergessen, daß New⸗ 
WurV 
»on. London oder gar von Hamburg liegt. Die ziemlich 
egelmähigen Perioden starker Hitze in Ost-Amerika ertlären 
ich sehr einfach durch die von dem Felsengebirge sich nieder— 
enkenden schweren Luftschichten, welche, zunächst kalt von der 
höhe herabkommend, über den Prärien des Ostfußes under 
ntensiver Sonnenstrahlung in dürrer Luft ein zentrales Ge— 
ziet hohen Luftdruckes und zugleich starker Erhitzung schaffen, 
rus dem die Winde gegen die Küste des Atlantic im westlichen 
Zuge fließen ⸗Genau dieselbe Ursache bringt, mit ziemlich 
jleicher Regelmäßigkeit, den Oststaaten bis Florida herunter 
ind selbst nach dem Nordgestade des Mexikogolfes in den 
Wintermonaten Kältegrade, die unter den gleichen Breiten 
Westeuropas und Nordafrikas unerhört sind, aber in fast allen 
rsiatischen Ländern bis zum Himalayalamme ihr Widerspiel 
iinden Unser Klima ist dem westamerikanischen ver— 
zleichbar, wo gleichfalls die — auf der ganzen Erde infolge 
3— Miorehune vorherrschende — Westluft dem ODzeane ent⸗ 
tammt, 
Vor der amerikanischen Hitzewelle braucht sich hierzulande 
tiemand zu ängstigen! * d.
	        
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