Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

zer bürgerlichen Linken hinein doch große Bedenken, daß ein 
Wesetzentwurf von solchen weittragenden praktischen Folgen 
um eines Paragraphen willen fallen gelassen werde, nachdem 
soviel monatelange Arbeit von allen Varteien hineingesteckt 
worden ist. 
In der Budgetkommiffion des Reichstages wurde die Be— 
sprechung des Zulagewesens in der Marine fortgesetzt. 
Von fortschrittlicher Seite wurde ausgeführt, daß die dem 
Etat beigegebene Denkschrift über die Zulagen durchaus 
unvollständig sei, aber trotzdem erkennen lasse, daß trotz 
der vorjährigen Reichstagsbeschlüsse die Zulagen an ge— 
wissen Stellen noch immer viel zu hoch seien. Dies 
aelte besonders von den Tafelgeldern der höheren Offiziere 
in auswärtigen Gewässern. Dort betrügen die Zuschläge für 
Offiziere bis zu 200 Prozent, während die Mannschaften 
nur eine Zulage von 21 Prozent erhielten. Weiter be— 
mängelt der Redner die der Marine-Rundschau gewährte 
Subvention von 20000 M, da der Verleger sicher ein 
glänzendes Geschäft mache. Zum Schlußh beantragte der 
Redner zur genauen Prüfung des Zulagewesens die Ein⸗ 
setzung einer Subkommission. Staatssekretär v. Tirpitz 
nahm in seiner Entgegnung darauf Bezug, daß die bis—⸗ 
herigen Zulagen vom Reichstag genehmigt und nach den 
Gesichtspunkten, die der Reichstag selbst beschlossen habe, 
zur Ausführung gebracht seien. Die Auslandstafelgelder seien 
lkeineswegs zu hoch, denn die Schiffe hätten im Auslande 
repräsentative Verpflichtungen. Den Seizern ihre Zulage 
zu nehmen, sei ihm sehr schwer geworden, sie erhielten 
aber eine Extraverpflegung. Das Marineamt wurde sehr 
damit einverstanden sein, wenn die Kommission die fruheres 
Vorlage wieder herstellen wolle; der Abstrich belaufe sich 
auf eine halbe Million M. Der Sprecher des Zentrums 
lehnt die Beteiligung an einer Subkommission ab. Im 
großen und ganzen verdiene es Anerkennung, dah der 
Staatssekretär so erhebliche Abstriche erreicht habe. Von 
sozialdemokratifscher Seite wird erklärt: Wolle das 
Reichsschazamt die halbe Million für die Heizer nicht be— 
willigen, so habe die Kommission die Pflicht und Schuldig⸗ 
teit, durch andere Abstriche den Heizern zu ihrem Recht 
zu verhelfen. Der Staatssekretär erklärt, daß -Fblinde 
Tafelgeldet in Zukunft nicht mehr gezahlt würden, wenn 
ein Offizier länger als einen Tag von Bord bleibt, fällt 
das Tafelgeld fort. Ein Nationalliberaler bedauert 
die Reorganisation auf Kosten der Seizer, deren Ein— 
kommen von 16 auf 10 Mumonatlich reduziert wird. 
Von fortschrittlicher Seite wird an das Reichsschatzamt 
die Anfrage gerichtet, ob die Streichung der Zulage für 
die Heizer von ihm ausgegangen sei. Wer dieße Streichung 
veranlaßt habe, kenne den schweren Dienst der Heizer über⸗ 
haupt nicht. Im weiteren Verlaufe der Aussprache wird 
vom Marineamt bestätigt, daß die Offiziere der Re— 
serveschiffe Tafelgelder erhalten, ohne daß sie die Fahrten 
mitmachen. Der Antrag auf Einsetzung einer Subkommission 
wird mit Ruückicht auf den starken Wöderspruch zurücd— 
gezogen. In der nächsten Sitzung am Mittwoch soll zunächst 
der Etat des Reichsamts des Innern verhandelt werden. 
Die Gewerbeordumgskommifsion des Neichstages nahm 
gellern einen Antrag an, der verbietet, Merkmale in die 
neueingeführten Lohnbücher aufzunehmen, die bestimmt sind, 
die Arbeiter zu kennzeichnen. 
Der Irrlehre verdäüchtig. Die Kölnische Zeitung meldet: 
Gegen den Pastor Jatho vom Oberlirchenrat ist ein Era 
mittelungsverfabren wegen Irrlehre eingeleitet 
wor den. 
Deste rreiche Ungarn. 
Der Kaiser richtete an den Statthalter in 
Böhmen Grafen Coudenhove ein Sandschrei⸗— 
ben, in dem er der Bitte des Grafen um Enthebung 
aus dem Amte entspricht und seiner Verdienste während 
der 15jährigen Amtsführung gedenkt. Ferner richtete der 
Kaiser ein Handschreiben an den Grafen Franz 
Thun, durch das dieser zum Statthalter im Königreid 
Böhmen ernannt wird. 
Das Abgeordnetenhaus trat nach den FVerien 
zum ersten Male zusammen, um die Vorstellung der 
neuen Regiorung entgegen zu nehmen. Das BSaus 
und die Galerien waren gut besucht. In seiner Pro⸗ 
prammrede, die zunächst durch lärmende Zurufe der 
Ischechisch⸗Radikalen gestört wurde, erbat der Minister⸗ 
vräfident die Unterstützung des Hauses Die neue Ne— 
zu sprechen? Da ich morgen früh abreise, durfte es wohl 
jo am besten sein.“ 
„Nein, bitte, nicht. Ich selbst werde meiner Großmutter 
morgen früh, bevor Sie reisen, das Nötige mitteilen, der 
heutige Tag soll noch mein sein.“ 
„Wie Sie wünschen, Gräfin,“ gab er kuhl zurück und dachte: 
„Sie nimmt deine Geduld recht in Anspruch, diese Undine. 
Es ilt ja eigentlich unglaublich, daß sie zoͤgert, wo ich ihr 
und den Ihrigen das schon verlorene Leben gewissermaben 
wiederschenke. Hoffentlich ist sie nicht sentimental. Ich denlke 
mir eine Frau gräßlich, die immer alles tragisch nimmt, selbst 
die einfachsten Dinge von der Welt, wie unser Abkommen, 
das doch ihr nur Vorteile bringt.“ 
Undine ging langsam, feierlich auf den Schreibtisch zu. 
Mit beiden Händen umschlohj sie das kleine Bild des toten 
Bruders. 
„Für dich, Lutz!“ drängte es sich auf ihre Lippen. „Für 
ruch alle,“ aber sie sprach die Worte nicht aus. 
Still stellte sie das Bild auf seinen Platz zurüch, aber 
bder grohze, braune Mann dort stand plötzlich an ihrer Seite. 
kr hatte sie verstanden, und falt bewegt faßte er ihre schlaff 
herabhängende Hand. 
„Um diesen da, Undine,“ sagte er ernst, auf das Bild 
deutend, „den auch ich lieb gehabt, wollen wir versuchen, 
gute Weggesellen zu werden. Das ilt oft mehr wert, als all 
das tändelnde Glück der Liebe, das nur zu bald elend in 
Scherben bricht. Ich brauche Sie und Sie brauchen mich. 
Das gibt einen guten Klang.“ 
Der süße Veilchenduft, der von dem Bilde aufstieg, ver⸗ 
wehte im Gemach. Undine aber hob die Augen groß, klar und 
rrei zu Reimar auf und sprach, ihn fest ansehend: 
„Ich will!“ 
Da führte er ihre schlanke Hand an seine Lippen, aber 
ie erschauerte vor diesen Lippen, sie waren eiskalt, und 
zie Augen glühten so seltsam heiß, fast triumphierend auf. 
„Wo bleibt ihr denn so lange?“ rief eine schmollende, 
süpe Stimme von der Tur her. „Großmutter ist schon zur 
Ruhe gegangen, und der Tee wartet. Wollt ihr denn nicht 
zero bea kommen, Undine ꝰ 
Fortfegtnug soius 
ierung werde eine den Interessen der Bevölkerung in 
eder Hinsicht entfprechende Politik der gewissenhaftesten 
Wbiektivität führen, welche niemand abstoße und insbesondere 
interlasse, einseitig in dia Gestaltung der nationalen Ver— 
hältnisse einzugreftffen. Sie werde vielmehr die vorhandenen 
Kräfte möglichst für die gemeinsamen Ziele zu sammeln 
uchen. Die wichtigste Vorausfetzung hierfür sei die Milde— 
rzung der bestehenden politischen Gegensätze in den ge—⸗ 
nischtsprachigen Provinzen. Insbesondere halte die Regierung 
unerschütterlih an dem Ausgleichsgedanken in 
Böhmen fest. Die Verständigungsversuche sollen nach An⸗ 
icht der Regierung baldigst erneuert werden. Der Minister⸗ 
dräsident betont, eine sachlich geführte und allen anderen 
krwägungen und Einflüssen entrückte Verwaltung sei die erste 
Bedingung für eine gesunde Entwickelung auf allen Gebieten 
»on Kultur und Volkswirtschaft. Die Regierung werde allen 
Erwerbszweigen, der Industrie und Landwirtschaft, auch den 
Konsumenten eine weitestgehende Förderung angedeihen lassen, 
das System der Bandelsverträge auszugestalten suchen, auf 
die finanzielle Leistung der Bevolkerung Bedacht nehmen, 
isbesondere wenn im Interesse der Erhaltung der Groß— 
machtstellung und der Wehrfähigkeit der Monarchie an 
den patriotischen Sinn und die Opferwilligkeit der Volks— 
vertretung appelliert werden müßte. Der Ministerpräsident 
stizzierte die wochtigsten Aufgaben des Parlaments und 
hob die Notwendigkeit der Erledigung der italienischen Fa— 
kultätsfrago hervor, welche nicht nur als Gebot der Billig— 
leit, sondern auch als eine der Voraussetzungen für die 
Klärung der parlamentarischen Verhältnisse betrachtet werden 
nüsse. Er verwies auf die Notwendigkeit einer Reform 
»es Staatseisenbahnbetriebs und einer zeitgemähen Revision 
»es Wasserstraßengesetzes 1901, insoweit dasselbe sich aus 
inanziellen oder technischen Grunden als undurchführbar 
erwiesen habe, sowie auf die Aufstellung. eines einheitlichen 
Brogramms für die Sicherstellung einer rationellen Wasser— 
wirtschaft in allen Ländern. Das Haus begann die erste 
Lesung des Budgets. Abg. Wolf (deutscherad.) erklärte, 
eine Partet erblicke im Kabinett Bienerth niemals eine 
Stütze. Durch die Rekonstruktion des Kabinetts aber, durch 
vis den Slaven dafür, daß sie den Ausgleich. zum Scheitern 
brachten, zwei der wichtigsten Ressorts eingeräumt wurde, 
sowie durch die Ernennung des Grafen Thun zum Statt— 
halter in Böhmen sei eine Verschiebung der Kräfte zuun— 
zunsten der Deutschen eingetreten, welche seine Partei zwinge 
iich vollständig freie Hand gegenüber der neuen Regierung 
vorzubehalten. Sie werde bei ihrem Verhalten gegenüber 
der Regierung der durch den Ministerpräsidenten selbst her⸗ 
heigeführten Entfremdung gebührend Rechnung tragen. Geif. 
b. d. DeutschRadikalen). Bielehlawek erklärte, die Christlich 
Zozialen seien keine Regierungspartei, sondern eine Arbeits- 
»artei, und beständen unbedingt darauf, daß endlich das 
Volkshaus den Bedürfnissen der Bevölkerung durch positive 
rbeit Rechnung trage. Redner begründet das Projekt 
der angeblichen Veränderung der Krankenanstalten, und er—⸗ 
klärte, es handle sich absolut nicht um einen Efngriff 
m die Wiffenschaft oder eine Beschränkung der Professoren 
oder der Kliniken, sondern lediglich um eine administrativé 
— zur endlichen Sanierung des Krankenanstalts⸗ 
onds. 
Der ungarische Justizminister unterbreitete dem ungari⸗ 
schen Wgeordnetenhause eine auf Grund der Pariser in⸗ 
ternationalen Konvention entworfene Gesetzesvorlage über 
die Unterdrückung des Mädchenhandels und die 
Unterdrückung des Handels mit unsittlichen 
Publikationen. 
ESchweden. 
Der Reichstag wurde vom König mit einer Thron— 
rede eröffnet, in der zunächst auf die schwebenden Handels⸗ 
vertragasverhandlungen mit Deutschland hinge— 
wiesen wird. Die Thronrede betont, dahß die Beziehungen 
Schwedens zu allen Mächten gute seien, und hebt den wirt⸗ 
schaftlichen Aufschwung des Landes hervor. Der Gesetzentwurs 
betr. das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitern, der 
vom letzten Reichssstag abgelehnt sei, werde dem Reichstag in 
der bevorstehenden Session in abgeänderter Form zugehen. 
Die Rede kündigte Gesetzentwürfe über bedeutende bffent— 
liche Arbeiten an. Der Budgetvoranschlag für 1912 schließt 
in Einnahmen und Ausgaben mit 257 Mill. Kr. ab. Eine 
Anleihe von 44 Mill. Kr. ist vorgesehen. Dank der zu⸗ 
nehmenden Besserung hes Mirtschaftslebens seien neue Steuern 
Kunst und Wissenschaft. 
SNeue Erfolge Signorina Prevosti's. Es wird unsere 
Leser interessieren, zu hören, daß Signorina Prevosti auch 
in diesem Winter schon wieder auf eine Reihe von Triumphen 
urückblicken kann. Im Dezember 1910 sang sie am neuen, 
000 Personen fassenden Theater in Bochum zweimal vor 
usverkauftem Hause mit solchem Erfolge die Traviata und 
Farmen, daß der Direktor sofort noch ein zweimaliges Gast⸗ 
piel für März mit der Künstlerin abschloß, die dann auch 
Is Mimi in Bohdme“ von Puccini auftreten wird. Gleich 
rfolgreich war soeben das Gastspiel in Danzig, denn auch 
dorthin muß Franceschina Prevosti schon im Februar für 
wei Abende (Traviata und Rosine) zurückkehren. Sie wird 
zann sechsmal in einem Jahre die Danziger mit ihrer Kunst 
rfreut haben, da sie auch im April 1910 in Danzig gastierte. 
Tuherdem findet im Februar auch ein Konzert in Danzis 
inter der Mitwirkung der Sängerin statt. Jetzt geht es 
vieder an das Theater in Ronigsberg, wo die Künstlerin 
alle zwei Jahre auf 14 Tage als Gast einkehrt, jubelnd 
zegrüßt von den Konigsbergern, deren erklärter Liebling sie 
st, und die sie mit südlicher Begeisterung feiern, mag sie 
uun als Traviata, Rosine, Carmen, Lucia, Leonore oder 
Santuzza kommen. Leider mussen wir in Lubeck wieder 
nuf den Genuß verzichten, den ein Prevosti⸗Gastspiel immer 
ietet, da die schon angebahnten Unterhandlungen wegen der 
Zonorarbedingungen zu keinem Resultat geführt haben 
W. Die internationale Angsstellung der schönen Künste 
in Santiago de Chile wurde Montag im Anwesenheit des Prä⸗ 
sidenten der Republik, der Minister, Diplomaten, 
hieler Sen atoren und Deputierten geschlossen. Die 
Regierung erwarb eine Anzahl für das Nationalmuseum be— 
timmter Werke im Werte von 400 000 Irs. Der Ankauf von 
Werken durch Privatleute übersteigt 300 000 rs. 
Frau Curies Akadentiekandidatur. Frau Curie wurde, wie 
nan aus Paris meldet, von der Kommission der Akademie 
der Wissenschaften definitiv an erster Stelle als verdienstvollste 
Kandidatin für die bevorstehende Wahl im Plenum vor—⸗ 
jeschlagen. Der Physiker Branliy blieb in der Minorität. 
»der eine Erhöhung der alten unnötig. Die Ausgaben fu 
»as Heer (57 Mill.) übersteigen die voriährigen um 23 Mill. 
die Ausgaben für die Marine (27 Mill.) übersteigen die vor 
sährigen um 33 Mill. Kr. Für den Bau eines Panzer— 
scchiffes vom F-Typ ist ein Gesamtbetrag von 12 Mill. vor 
gesehen, wovon 4 Mill. für 1912 gefordert werden. 
Holland. 
Der Minister des Aeußzern wies bereits Montag 
bend den Pariser Gesandten an, ihm den genauen Worf. 
aut der Stelle der Pichonrede, die sich auf Holland« 
Züstenverteidigung bezieht, zu übermitteln. Die Re— 
sierung vertritt die Ansicht, daß leinerlei Zusammenhang zwi 
chen diesem Verteidigungsplan und der international ge 
regeltten Stellung Belgiens besteht, und daß der Plan nicht der 
offiziellen Billigung irgendeiner Macht bedarf. 
In einer Unterredung erklärte der Minister dee 
Aeußern einem Amsterdamer Journalisten, daß die Ant. 
vort Venezuelas auf das Protokoll, welches als Grund— 
age der Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen 
zwischen Holland und Venezuela aufgesetzt wurde, sehr 
ungünstig laute. Daraufhin erbat der Abgesandte Vene 
zuelas, Grisanti, da seine Bemühungen nicht den ge— 
wünschten Erfolg hatten, seine Entlassung und reiste ab 
Frankreich. 
Angesichts der Absicht der belgischen Regierung, den 
Zzollkampf gegen Frankreich wieder aufzunehmen, läßt 
die französische Regierung ankündigen, sie werde das Gesetz über 
Re Kopfsteuer auf fremde Arbeiter wieder einbringen. Durch 
dieses Gesetz werden, wie bekannt, besonders die belgischen 
Arbeiter getroffen. 
Portugal. 
Die Abordnung der Lissaboner Streikenden 
hatte Montag eine lange Unterredung mit dem Ar— 
beitsminister. — Wie die Verwaltung bekannt gibt, ver— 
drößerte sich die Gasreserve infolge der Ausbesserung von 
beschädigten Gaserzeugungsöfen und infolge der Anwerbung 
don Gasarbeitern aus der Provinz. Der Bom Succelsso— 
Fasometer im Vorort Belem und der Boavista⸗-Gasometer in 
der Stadt arbeiten wieder normal. Amtlichen und pri— 
vaten Nachrichten zufolge herrscht in der Provinz völige 
Ruhe. Der Ministerrat beginnt heute mit der Be— 
atung des Wahlgesetzentwurfes, der amtlich ver⸗ 
zf⸗ntlicht werden wird. 
— —2227 — — 
vor 40 Jahren. 
In den Lübeckischen Anzeigen vom Mittwoch, 
dem 18. Januar 1871 finden sich fsolgende offizielle 
Kriegsnachrichten: 
Verfsailles, 16. Jan. Vor Varis trat der Feind 
auf der Südfront mit neien Batterien auf, deren Feuer 
jedoch erfolgreich bekämpft wurde. Diesseitiger Verlust 
2 Oifiziere. 7 Ulanen. v. Podbielski. 
„Versailles, 16. Jan. Am 15. Januar hatte 
Major v. Köppoen vom 77. Regiment bei Maras, nord⸗ 
westlich von Langres, ein 1stündiges Gefecht gegen etwa 
1000 Mobilgarden, welche unter Verlust von 1 Fahne in 
wider Flucht auf Sangres geworsen wurden. Die bis 
heute vorliegenden Berichte der 2. Armee beziffern unseren 
Gesamlperlist an Toten und Berwundeten in den lieg 
reichen Kämpfen vom 6, bis 12. ds. auf 177 Offiziere und 
3203 Mann, Dem Feinde wurden bis ietzt über 22 000 
unverwundeie Gefangene, 2 Fahnen. 19 Geschütze, über 
000 beladene Fahrzeuge, und außerdem eine Menge von 
Waffen. Munition und Armee-Malerial abgenommen. Vor 
Baris dauert das Feuer unserer Batterien in wirtsamer 
Weise und mit geringem Verluste fort. v. Podbielski. 
Versailles, 17. Jan. General Werder behauptete 
sich auch am 186. in seiner Stellung südlich Belfort gegen 
erneuerte Angriffe des Feindes. General Schmidt drang 
n der Verfolgung, des Feindes, welcher auf Laval zurüc⸗ 
bis über Vabges vor und machte wieder 2000 Ge—⸗ 
e Alencon wurde in der Nacht vom 16 um 17. 
nach leichtem Gesechte besetzt. n Podhielski. 
Tagesbericht. 
Lauabock, 18. Jan. 
Ostseehandel und Landwirtschaft im 16. und 
VN. Jahrhundert. 
Dieses Thema behandelte Herr Direltor Dr. Reuten 
im letzten Vortragsabend der Gesellschaft zur Beförderung 
zemeinnütziger Tätigkeit. Der Redner, der vor einer zahl⸗ 
eichen Zuhsrerschaft sprechen konnte, wies eingangs seines 
Portrages darauf hin, daß die geschichtliche Bedeutung des 
zeehandels allezeit eng mit der Geschichte Lübeds verbunden 
sewesen sei. Allerdings sei der Ostseehandel bereits vor dem 
zestehen Lübecks nachweisbar. Schon die Romer hätten mit 
en Ostseeländern im Geschäftsverkehr gestanden; Funde zahl⸗ 
eicher römischer Münzen in den Grenzstaaten der Ostsee 
önnten dies mit beweisen. Im 15. Jahrhundert sei der 
)stseeverkehr dur höchsten Blüte gelangt. Den Hauptanteil 
sieran habe die alte Hanse gehabt, die damals, dank ihret 
aächtigen Stellung, einen großen Einfluß auf den gesamten 
ßerkehr ausübte. In dieser Zeit der höchsten Blüte und dea 
eichsten Wohlstandes habe sich aber bereits der Untergang 
orbereitet. Dies habe hauptsächlich an der Andersgestaltung 
d»es Verkehrsweges und an dem Eindringen der Ausländer 
n den deutschen Seehandel und damit auch in den Ostsee⸗ 
andel gelegen. Bereits im 16. Jahrhundert seien die Schott⸗ 
änder erschienen, die der alten Hanse viel zu schaffen mach« 
en. Gefährlicher noch sei der Wettbewerb der Niederländer 
jewesen. Das Bestreben der Hansestädte sei immer darauf 
hinausgegangen, die Bewohner der fremden Seestaaten nicht 
in die Ostsee zu lassen. Dies habe auch zu erbitterten 
Zämpfen geführt. Mit der Vorherrschaft der Ostseestädte, die 
iber zwei Jahrhunderte regierten, sei es nun bald zu Ende 
gegangen. Es trat eine vollständige Aenderung der politi— 
scchen und wirtschaftlichen Verhältnisse ein. Die bisherigeé 
tädtische Handelspolitik verwandelte sich in eine territoriale. 
Dio fremden Eindringlinge in den deutschen Seehandel, 
hauptsächlich dio Dänen, mißachteten die Privilegien der 
Hansestädte. Als die Seestädte aber auch noch unter den 
»eränderten Verhältnissen an ihren Traditionen festhielten, 
ührte dies zu ihrem weiteren Niedergang. Ein unglüd⸗ 
iches Zusammentreffen mit allen diesen Umständen könnte 
nan es auch nennen, als um diese Zeit auch die Sprotten— 
chwärme aus der Ostsee in die Nordsee zogen und sich 
ies die fremden Seevöller gleich zunutzos machten. Die 
siederländer seien bald wieder in das Ojstseegebi⸗et einge 
rungen, aus dem sie durch die Monopolwirtschaft der 
Zeestädte über zwei Jahrhunderte verdrängt gewesen waren
	        
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